1. »Damals war vieles neu« »Damals war vieles neu« lässt Günter Grass den strohhuttragenden Pennäler sagen, der in seinem Buch »Mein Jahrhundert« für das Jahr 1902 spricht.1 Im selben Jahr wurde in Köln-Mülheim als erstes Kind seiner Eltern der spätere reformierte Theologe und Kirchenpolitiker Otto Heinrich Weber geboren. Am 4. Juni dieses Jahres würde er 100 Jahre alt; doch ist er schon am 19. Oktober 1966 im Alter von 64 Jahren gestorben. Dass Otto Weber in Günter Grass’ literarischem Rückblick auf sein Jahrhundert nicht vorkommt, ist verständlich; weil er aber für die Kirchen- und Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts durchaus von Belang war, soll an ihn erinnert werden.2 Weber war besonders für die reformierten Kirchen und die reformierte Theologie als Kirchenpolitiker wie als theologischer Lehrer von Bedeutung. Nicht unumstritten war dabei, dass er während des »Dritten Reiches« kirchliche Leitungspositionen eingenommen hatte. Aber auch nach 1945 wurde seine Stimme in der Kirche gehört. Seine theologischen Schwerpunkte lagen im dogmatischen Bereich, hier ist er zu den wirkungsvollsten Vertretern reformierter Theologie im deutschsprachigen Raum zu zählen. Als deutsch-christlicher reformierter Geistlicher Minister 1933, als einflussreicher Exponent der Theologie Karl Barths im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre, als Rektor der Universitäten Göttingen und Bremen stand Weber oft in der ersten Reihe. Von seinem Göttinger Lehrstuhl für Reformierte Theologie (1934–1966) aus war er mehr als 30 Jahre in die theologische Diskussion involviert sowie als Lehrer geschätzt; von seinen Veröffentlichungen waren vor allem die zweibändigen »Grundlagen der Dogmatik«, aber auch seine Bibelkunde und der »einführende Bericht« in Karl Barths Kirchliche Dogmatik in großen Auflagen verbreitet und wurden viel gelesen.3 Sein Lebensbild nachzuzeichnen bedeutet gleichzeitig vom Besonderen auf das Allgemeine zu blicken. In manchem spiegelt Otto Webers Lebensweg die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts exemplarisch wieder. Einiges aus seiner Biografie ist dabei auch heute von Bedeutung, sowohl wie er lebte als auch was er lehrte. Bei anderem dagegen muss zwar anerkannt werden, dass »damals vieles neu« war, dieses damals Neue aber inzwischen alt und vergangen ist. 2. Otto Webers Lebenslauf im Überblick 1902–25: Webers Kindheit im rechtsrheinischen Köln-Mülheim wurde familiär bestimmt durch ein enges Zusammenleben, politisch durch einen kaisertreuen Konservatismus, religiös durch landeskirchliche Gemeinschaftskreise und die örtliche Freie evangelische Gemeinde. Er selbst bezeichnete das Gemeinschaftschristentum als »den Mutterboden meines religiösen Lebens und Denkens, wenn ich mich auch in gar mancher Hinsicht nicht zu den Gemeinschaftsleuten zählen kann.« Die Familie Weber verblieb in der Landeskirche, so dass hier die Wurzeln der reformierten Prägung Otto Webers liegen. Wichtig wurde auch die Mitgliedschaft und -arbeit im Schülerbibelkreis (SBK); dieser Teil evangelischer Jugendbewegung hat kirchliche Biografien zu dieser Zeit oft tiefgreifend geprägt. Das Studium der evangelischen Theologie begann Weber in Bonn, besonders bei den Professoren Wilhelm Goeters und Hans-Emil Weber. Beide gehörten dem »positiven« Flügel der Fakultät an, vertraten also stärker als ihre »liberalen« Kollegen die Bindung an Schrift und Bekenntnis. Vor allem Goeters als bewusst konfessioneller Reformierter hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den jungen Studenten. Noch einflussreicher allerdings war Adolf Schlatter, bei dem Weber im Sommersemester 1922 in Tübingen studierte, bevor er wieder nach Bonn zurückkehrte und von dort aus 1925 sein Erstes Theologisches Examen bei der Rheinischen Landeskirche ablegte. 1925–32: Nachdem er bereits während des Studiums an einer Realschule (dem »Pädagogium«) in Herchen an der Sieg als Lehrer gearbeitet hatte, war Weber in der dortigen Kirchengemeinde auch Vikar. Sein Mentor Pfarrer Dietrich Wilhelm Hartig hielt ihn für einen Menschen »von außerordentlicher Begabung« und sah eine Karriere im akademisch-schulischen Bereich voraus. Tatsächlich ging Weber nach bestandenem Zweiten Theologischen Examen nicht in das Gemeindepfarramt, sondern wartete, bis ihn die neueröffnete Theologische Schule Elberfeld4 im April 1928 als theologischen Dozenten berief. Diese vor allem vom Reformierten Bund getragene Theologische Schule hatte ein dreifaches Ziel: Zum ersten den Theologiestudenten das Erlernen der fehlenden alten Sprachen zu ermöglichen, zum zweiten die Defizite im Bereich der Bibelkunde auszugleichen, zum dritten – und wohl wichtigsten – ein reformiertes Gegengewicht zu den lutherisch bzw. uniert geprägten Universitäts-Fakultäten zu bilden. Webers didaktisches Geschick in Unterricht und Verwaltung sowie seine den Studenten zugewandte Art trugen zum Erfolg dieses Plans bei. Ab 1932 war Weber Direktor der Theologischen Schule. 1933–34: Weil deren ursprünglicher spiritus rector, der reformierte Elberfelder Gemeindepfarrer Hermann Albert Hesse im Sommer 1933 als Vertreter der deutschen Reformierten an den kirchenpolitischen Umwälzungen des Jahres beteiligt war, verlagerte sich auch Otto Webers Arbeitsschwerpunkt nach Berlin. Bereits im Vorjahr hatte er in einem Vortrag Affinitäten zum nationalsozialistischen Denken offenbart, im Mai 1933 trat er dann zunächst in die NSDAP und dann in die Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) ein; letzteres v.a. aus volksmissionarischen Gründen. Sein anfänglich gutes Verhältnis zum späteren DC-Reichsbischof Ludwig Müller war mitverantwortlich dafür, dass er im September des Jahres als reformierter Kirchenminister Mitglied im »Geistlichen Ministerium« wurde. Im Alter von 31 Jahren gehörte er somit zu den bekanntesten Männern der Deutschen Evangelischen Kirche. Aus den DC trat er bald nach deren Berliner »Sportpalastkundgebung« wieder aus. Nach kirchenpolitischen Zerwürfnissen zunächst mit seinen reformierten Brüdern aus »dem Wuppertal«, dann auch mit »Reibi« Müller, legte er schon zum Ende des Jahres sein Amt als Kirchenminister nieder. Der sich bildenden Bekennenden Kirche (BK) jedoch blieb er fern; im Verhältnis Webers zu deren theologischem Mentor Karl Barth offenbarte sich eine besonders deutliche Distanz. 1934–45: Dies änderte sich auch nicht, als Weber im Sommer 1934 zum Professor für Reformierte Theologie an die Göttinger theologische Fakultät berufen wurde. Bei dieser Berufung standen vor allem zwei Motive im Hintergrund: Zum einen hatte sich die Auricher Landeskirchenleitung der reformierten Kirche Hannover schon seit 1932 daran interessiert gezeigt, mit Weber einen konfessionellen Reformierten auf diesen Lehrstuhl zu bekommen. Zum anderen war Emanuel Hirsch als Dekan der Fakultät bestrebt, diese im nationalsozialistischen bzw. deutsch-christlichen Sinne zu prägen, wozu ihm Otto Weber geeignet erschien. Dieser legte nach einigen kleineren Veröffentlichungen nun mit der zweibändigen »Bibelkunde des Alten Testaments« seine erste größere Publikation vor, der in den nächsten Jahren eine dreibändige Übersetzung von Johannes Calvins »Institutio Christianae Religionis« folgte.5 Kirchenpolitisch stand Weber in diesen Jahren nicht in der ersten Reihe, hielt sich allerdings der reformierten Landeskirche Hannover als theologischer Berater zur Verfügung und unterstützte deren konfessionellen Kurs, der dem der »intakten« lutherischen Landeskirchen (lutherisch Hannover, Württemberg, Bayern) in vielem ähnlich war. Von den Deutschen Christen hatte er sich organisatorisch abgewandt und galt deshalb auch für bekenntniskirchliche Studenten als »hörbar«, also zumindest kirchenpolitisch neutral. Politisch blieb er bewusster Nationalsozialist. Persönlich sind diese Jahre vor allem dadurch gekennzeichnet, dass Otto Weber im August 1934 Anita Baumann heiratete, mit der er in der Folgezeit sechs Kinder hatte.6 Nachdem Weber 1934 (wie schon sein Vor-Vorgänger auf dem Lehrstuhl, Karl Barth) unpromoviert zum Theologieprofessor berufen worden war, führten vier Jahre später fakultäts-politische Gründe maßgeblich dazu, dass er nun seinen Doktortitel erhielt.7 Emanuel Hirsch, bei dem Weber sein bibelkundliches Lehrbuch als Dissertation einreichte, ernannte ihn bald darauf zu seinem Nachfolger als Dekan der theologischen Fakultät. Dieses Amt hatte Weber bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft inne. Während des Zweiten Weltkriegs war er als Vertreter der reformierten Landeskirchen assoziiertes Mitglied im »Geistlichen Vertrauensrat«, wo er den Kurs der Vermittlung zwischen BK und DC zu unterstützen versuchte. Bei der theologischen Begründung des Ausschlusses christlicher »Nichtarier« aus der Deutschen Evangelischen Kirche, die Weber Anfang 1942 zusammen mit Bischof August Marahrens und den anderen Mitgliedern des Vertrauensrates verfasste, sind bei ihm antisemitische Denkstrukturen festzustellen. Hier ging Weber über das hinaus, was vom christlichen Glauben her theologisch verantwortbar ist. Vereinzelte und zögerliche Proteste des Geistlichen Vertrauensrats gegen die zunehmend radikaleren antichristlichen und -kirchlichen Maßnahmen des Regimes verhallten ungehört. 1945–49: Dass Otto Weber trotz seiner NS-Vergangenheit die Nachkriegsjahre weitgehend unbeschadet überstand, ist mehreren Faktoren zuzuschreiben. Zum einen hatte er schon während der Kriegsjahre Kontakte zu reformierten Mitgliedern der Bekennenden Kirche (z.B. in Elberfeld) wieder aufgenommen und auch in Göttingen mit eher dem NS fernstehenden Personen Verbindung aufgenommen. Mitglieder dieser Kreise bescheinigten ihm im Entnazifizierungsverfahren, sich nicht aktiv nationalsozialistisch betätigt zu haben. Zum zweiten wurden im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland Webers organisatorische Fähigkeiten und verwaltungs-technische Kenntnisse wie auch seine theologische Erfahrung beim Wiederaufbau benötigt. Weber investierte viel Energie in Gremienarbeit wie beim Akademischen Wohlfahrtsamt, was entspre-chend honoriert wurde. Neben diesen möglicher- und teilweise eher taktischen Gründen steht aber auch eine Reue über begangene Irrwege, die viele von Webers Zeitgenossen in ihrer Aufrichtigkeit überzeugt hat. Schuldbekenntnisse gegenüber Karl Barth (bereits auf der ersten Kirchenversammlung von Treysa im August 1945), Martin Niemöller, Hans Joachim Iwand und anderen wurden von diesen angenommen; die hier erfahrene Vergebung ermöglichte Otto Weber auch innerlich, seinen Weg zwischen Kontinuität und Neubeginn in der Nachkriegszeit zu gehen. Barth gegenüber resümierte er einige Jahre später: »Ich wusste mich als einer, der nicht gehört und nicht gehorcht hatte, disqualifiziert, und ich hätte den Mut, mein hiesiges Amt weiterzuführen, nicht gefunden, wenn Du mir nicht in Treysa gesagt hättest, was Du mir sagtest.«8 Sein Entnazifizierungsverfahren endete 1949 mit der Einstufung in die Kategorie V (entlastet). 1949–66: Webers Wirken in den fünfziger und sechziger Jahren war vor allem das des theologischen Lehrers und Forschers, doch übernahm er auch kirchliche und gesellschaftliche Verantwortung. In den insgesamt 66 Semestern Lehre in Göttingen nahm Otto Weber nur zweimal ein Forschungsfreisemester: Nachdem er sich im Winter 1960/61 wegen des fehlenden Kontakts zu den Studenten und Studentinnen als »halbierter Professor« vorgekommen war, hielt er im Winter 1963/64 trotz der Befreiung von den Lehrverpflichtungen ein Kolleg ab, »weil ich ohne Studenten nicht sein kann.«9 Regelmäßig las er Dogmatik I–IV und hielt Reformierte Seminare, v.a. über Calvin. Doch über die Jahre bot Weber Veranstaltungen in allen theologischen Disziplinen an: Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie. Dabei zählten nicht nur Reformierte zu seinen Hörern, was Weber begrüßte, weil er seinen früheren reformierten Konfessionalismus nun abgelegt hatte.10 Studentinnen und Promovendinnen wurden von ihm gezielt gefördert; die erste weibliche Privatdozentin der Fakultät war Hannelore Jahr (Erhart), Webers langjährige Assistentin. Die Veröffentlichungen Webers zeigten eine vergleichbare Bandbreite auf: Dem als »Unterrichtswerk für die evangelische Unterweisung« konzipierten Buch »Die Botschaft der Bibel« folgten systematisch-theologische Publikationen wie »Die christliche Freiheit und der autonome Mensch« oder »Versammelte Gemeinde« (alle 1949), später v.a. praktisch-theologische, beispielsweise »Das lösende Wort. Erwägungen zum seelsorgerlichen Einzelgespräch« (1957) oder »Wort und Antwort. Predigten und Erwägungen zur Predigt« (1966). Als Hauptwerk haben die zweibändigen »Grundlagen der Dogmatik« (1955/1962) zu gelten, die bis 1987 insgesamt sieben Auflagen erlebten. Nicht abschließen konnte Weber die wissenschaftliche Ausgabe reformierter Bekenntnisschriften, an denen er seit 1937 – mit Unterbrechungen – gearbeitet hatte. Vielfach fungierte er als (Mit-)Herausgeber, so beim Evangelischen Kirchenlexikon (1956–61) oder bei der Reihe »Beiträge zur Geschichte und Lehre der Reformierten Kirche« (seit 1937). Seine eigenen geschichtlichen Beiträge widmete Weber vor allem Calvins Leben und Werk sowie dem Heidelberger Katechismus. Universitäre Ämter übernahm er erneut als Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät (1950/51 sowie 1957/58) und als Rektor der Göttinger Universität (1958/59) sowie darüber hinaus als erster Gründungsrektor der Universität Bremen (1964–66). Aber auch in kirchlichen Gremien war er aktiv (Presbyterium der reformierten Gemeinde Göttingen seit 1958, Landeskirchentag der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland 1963–65, Moderamen des Reformierten Bundes 1950–56). Im Kuratorium der Stiftung Volkswagenwerk amtierte er seit dessen Gründung 1961 als stellvertretender Vorsitzender. Politisch zeigte sich die Wende nach 1945 in der Übernahme eher linker Positionen, zum Beispiel der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie oder dem Widerstand gegen die Wieder- und die Atombewaffnung der Bundeswehr (Mitarbeit in der Kampagne »Kampf dem Atomtod!«). Obwohl er mit der SPD sympathisierte, konnte er sich nicht zu einem Parteibeitritt entschließen. Weber, der sein Leben lang gesundheitlich angeschlagen war, starb am 19. Oktober 1966 bei einer Calvin-Tagung in der Schweiz an Herzversagen. Die aufkommenden studentischen Unruhen und die gesellschaftliche Umstrukturierung, für die als Chiffre die Jahreszahl »1968« steht, haben ihn nicht mehr betroffen. Mit den Worten von Günter Grass: »Aber das ist schon eine andere Geschichte.«11 3. Theologische Impulse Otto Webers Die in der Nachkriegszeit erfolgte Annäherung12 Otto Webers an Karl Barth schlug sich auch in seiner Theologie nieder, die von Wilfried Härle und Eilert Herms nicht ohne Grund unter der Rubrik »Dogmatik im Gefolge Karl Barths«13 subsumiert wurde. Dennoch legte Weber Wert darauf, kein Barthianer zu sein und »nicht als solcher mißverstanden werden zu können.«14 Zu diesem Eindruck beigetragen haben mag sein »einführender Bericht« in Barths opus magnum, die »Kirchliche Dogmatik«, die Weber didaktisch geschickt zusammenfasste, um vor allem den Theologiestudenten und -studentinnen den Einstieg in Barths Gedankenwelt zu vermitteln.15 In den »Grundlagen der Dogmatik« verband Weber die Rezeption von Grundgedanken Barths mit eigener Zuspitzung durch personalistische Denkstrukturen; all dies stellte er in den Dienst des Lehrbuchs, so dass immer die Fülle des theologischen »Stoffes« in seiner dogmatischen wie dogmengeschichtlichen Perspektive im Blick blieb. Zu seinem 100. Geburtstag muss jedoch konstatiert werden, dass Otto Weber am Beginn des 21. Jahrhunderts keine eigentliche Rolle in der aktuellen systematisch-theologischen Diskussion mehr spielt. Zwar haben noch in den 1980er und 1990er Jahren Hans-Joachim Kraus und Jürgen Moltmann in ihren Werken Weber zitiert und rezipiert,16 aber sie stellen Ausnahmen dar, die doch nur die Regel bestätigen. Im reformierten Bereich (Evangelisch-reformierte Kirche, Lippische Landeskirche, Reformierter Bund u.a.) ist die Erinnerung an Weber noch vielfach lebendig. Allerdings sind die meisten Pfarrer und Pfarrerinnen, die noch bei Weber studiert haben, inzwischen nahe am oder im Ruhestand.17 Auf die Nachgeborenen hat er eher wenig Wirkung gehabt. In einem Jahrhundertrückblick mit dem Titel »Evangelische Theologie an der Jahrtausendschwelle«18 kommt Otto Weber nicht vor. »Damals war vieles neu« und von großer und weitreichender Wirkung; heute gilt es, das Alt(geworden)e neu zu lesen und weiter zu denken, um in einer veränderten Situation wirken zu können. Dass die Wort-Gottes-Theologie und damit nicht nur Karl Barth, sondern in seinem Gefolge auch Otto Weber derzeit im Kontext einer Renaissance liberaler Theologie nicht en vogue sind, sollte nicht davon abhalten, sich mit Weber zu beschäftigen, bei ihm nach Impulsen zu suchen und sie zu finden. Dabei hat Weber an einigen Punkten Barths theologische Vorgaben so modifiziert, dass zu Recht angefragt wurde, inwieweit dies nicht schon eine charakteristische Abweichung von Barth bedeute:19 Seine von Emil Brunner entlehnte These von »Wahrheit als Begegnung« führte beispielsweise dazu, dass Weber »Wahrheit als Geschichte, [und] Geschichte als Wahrheit« begreifen konnte: »Die Wahrheit ist – in Jesus Christus – selbst Geschichte, und deshalb ist umgekehrt er in seiner Geschichte wahr, die Wahrheit. Wenn es aber so steht, dann ist Wahrheit von uns nicht anders zu erkennen als in der Begegnung20 Von hier aus musste er Barth widersprechen, wenn dieser die Paradoxie als Denkform der Christologie ablehnte: »Von Gott aus ist das vere Deus vere homo kein Paradoxon, sondern linear aufzufassen. Indessen: wir denken nicht von Gott aus, sondern ›auf Erden‹ (Koh. 5,1). Wir denken nicht von uns aus – von uns aus ist Gottes Selbsterschließung überhaupt nicht auszusagen. Wir denken in der Begegnung, in der Betroffenheit.« Über die Modifizierung Barthscher Theologie hinaus gab Weber theologische Impulse beispielsweise mit seinem Beitrag zur Ekklesiologie, in dem er Kirche als »versammelte Gemeinde« verstand und daraus auch Konsequenzen im Hinblick auf die Krise der Volkskirche zog.21 Überhaupt war Webers wissenschaftliche Arbeit immer auf die Kirche bezogen, sei es als theologische oder als real vorfindliche Größe. Zu dem, was über seinen Tod hinaus wichtig ist, gehört sicherlich Webers Calvin-Rezeption, auch wenn sie m.E. zu Unrecht von der Calvin-Forschung wenig rezipiert wurde.22 In diesem Zusammenhang ist als Desiderat auch eine kritische Auseinandersetzung mit Webers Institutio-Übersetzung zu benennen. Trotz aller Schwierigkeiten und Fehler hat diese sich in ihrer Gesamtheit als so wirkungsmächtig erwiesen, dass sie heute im deutschen Sprachraum quasi konkurrenzlos dasteht. Inwieweit das Verständnis Calvins im deutschen Sprachraum von ihr beeinflusst wurde, wäre wohl über die Biografie Webers hinaus für das deutsche Reformiertentum interessant – und nicht nur für dieses. 4. »Ein gebeugtes Leben«? – Versuch einer Deutung Mein Versuch, das Leben Otto Webers als ein im dreifachen Sinne »gebeugtes Leben« zu verstehen,23 ist unterschiedlich aufgenommen worden. Es hat durchaus Zustimmung gegeben zu der These, Weber habe sich a) dem Worte Gottes und den reformierten Bekenntnissen, außerdem b) den politischen Gegebenheiten gebeugt und c) in seiner zweiten Lebenshälfte sich unter der Last der Vergangenheit »gebeugt« gefühlt. Damit sollte zunächst ausgedrückt werden, dass Weber sowohl bewusster Christ und reformierter Theologe war. Darüber hinaus war er politisch oft allzu unselbständig dem Zeitgeist gegenüber - gerade während der NS-Zeit zum Teil im Widerspruch gegen die Beugung unter das Wort Gottes. Letzteres war mit der Zäsur 1945 nicht einfach vorbei, sondern hat als Reue über eigene Schuld die zweite Lebenshälfte Webers geprägt. Besonders zum dritten Punkt hat sich nun Widerspruch erhoben: Speziell die fünfziger und sechziger Jahre seien bei Weber eben nicht primär rückwärts gewandt durch die (NS-) Vergangenheit bestimmt gewesen, überhaupt werde dadurch und durch den unguten Beiklang des Wortes »gebeugt« Webers Leben insgesamt mit einem Minusvorzeichen versehen. Tatsächlich ist wohl das Wort »gebeugt« mit einer solch negativen Konnotation besetzt, dass die These vom »gebeugten Leben« Otto Webers aufgrund ihrer Missverständlichkeit eine gewisse Problematik besitzt. Dennoch lässt sich nicht übersehen, dass Weber bis in seine letzten Lebensjahre hinein mit seinem Verhalten im »Dritten Reich« konfrontiert war bzw. wurde. Doch gerade von seiner Beugung unter das Wort Gottes her konnte er sich dieser Vergangenheit stellen. In einem seiner persönlichsten Aufsätze hat Otto Weber grundsätzlich festgehalten, weshalb er das konnte: »Weil Jesus Christus ›gestern und heute derselbe und in Ewigkeit‹ für uns ist, darum darf der im Glauben an ihn auf Gottes Treue antwortende Mensch sagen, daß er ›in ihm‹ ein Gestern, ein Heute, ein Morgen ›hat‹. Denn es darf auch gesagt werden: Jesus Christus für mein Gestern, für mein Heute, für mein Morgen. ›Für mein Gestern!‹ Wenn uns das Evangelium als Wort von der Versöhnung nicht gesagt wäre, dann wäre Reue in der Tat eine lebensschädliche Quälerei, dann wäre es das beste, wir würden alles daran setzen, unsere Vergangenheit zu vergessen oder zu verschweigen.«24 Webers Biografie als Teil der Vergangenheit, des »Damals«, sollte nicht vergessen oder verschwiegen werden. Sein 100. Geburtstag stellt einen angemessenen Anlass dar, mit ihm eines Theologen und Kirchenpolitikers zu gedenken, der erinnernswert bleibt – mit all seinen Selbstwidersprüchen und biografischen Brüchen, aber auch mit seinen Kontinuitäten und theologischen Anregungen. Ob und wie diese Erinnerung über den (Geburts-)Tag hinaus relevant sein kann, wird sich zeigen müssen. »Mal sehen, was kommt …«25 Anmerkungen: 1 G. Grass, Mein Jahrhundert, Göttingen 1999, S. 13. 2 Die folgenden Zitate und Hinweise finden sich ausführlich in: V. v. Bülow, Otto Weber (1902–1966). Reformierter Theologe und Kirchenpolitiker (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte B 34), Göttingen 1999. 3 Noch im letzten Jahr wurde im Neukirchener Verlag in der inzwischen zwölften Auflage neu aufgelegt: O. Weber, Karl Barths Kirchliche Dogmatik. Ein einführender Bericht. Mit einem Nachtrag von H.-J. Kraus zu Band IV, 4, Neukirchen-Vluyn 12/2001. 4 Diese Schule ging später als eine der Vorläuferinstitutionen in die Kirchliche Hochschule Wuppertal auf. 5 Die in den Jahren 1936–38 erschienenen drei Bände wurden 1955 vom Neukirchener Verlag in einem Band zusammengefasst, der zuletzt 1997 in der sechsten Auflage wieder verlegt wurde. 6 Frau Anita Weber sowie ihrer Tochter Hildegard, verheiratete Haarbeck, verdanke ich viel Unterstützung bei der Recherche zum Leben von Otto Weber. 7 Im selben Jahr (1938) bekam Weber außerdem den Ehrendoktor der Universität Debrecen, 1960 den der Universität Edinburgh verliehen. 8 O. Weber an K. Barth, 3. Mai 1950, Karl Barth-Archiv Basel. 9 Die beiden Zitate nach Briefen von O. Weber an E. Wolf, 30. Juli 1960 (Nachlass Ernst Wolf im Bundesarchiv Koblenz) bzw. an W. Herrenbrück, 20. September 1963 (Nachlass Walter Herrenbrück, Leer). 10 In diesen Zusammenhang gehört auch Webers Mitarbeit an den und Unterzeichnung der Arnoldshainer Abendmahlsthesen 1957. 11 G. Grass, a.a.O., S. 9 (zum Jahr 1900). 12 Genauer muss von einer Wieder-Annäherung gesprochen werden, da Weber schon Ende der zwanziger Jahre (bis etwa 1931/32) Barth zu seinen wichtigsten theologischen Lehrern gezählt hatte. 13 Vgl. W. Härle / E. Herms, Deutsche protestantische Dogmatik nach 1945. Teil 1, in: Verkündigung und Forschung 27 (1982), S. 27–40. 14 O. Weber, Grundlagen der Dogmatik. Band 1, Neukirchen-Vluyn 1955, S. 5. 15 Dass, wie gerade in studentischen Kreisen wohl nicht selten geschehen, die Lektüre von Webers Zusammenfassung die Beschäftigung mit Barth selbst ersetzte, lag explizit nicht in beider Absicht. 16 Vgl. aus J. Moltmanns »Systematischen Beiträgen zur Theologie« (5 Bände, 1980–95) exemplarisch den ersten Band: Trinität und Reich Gottes. Zur Gotteslehre, Gütersloh 31994, S. 79. 106. 120. 144. 157f. u.ö. Auch H.-J. Kraus bezog sich mehrfach auf Gedankengänge Otto Webers (vgl. seine Systematische Theologie im Kontext biblischer Geschichte und Eschatologie, Neukirchen-Vluyn 1983, S. 33. 38. 47. 54. 63. u.ö.). 17 In vielen Gesprächen wurde mir von diesen Pfarrerinnen und Pfarrern bestätigt, wie sehr das bei und von Otto Weber Gelernte sie lebenslang in ihrer theologischen Existenz und kirchlichen Praxis leitete und begleitete. Vgl. dazu den an dieser Stelle vor gut zwei Jahren abgedruckten Leserbrief von Wilhelm Alfred Christian Müller, der seine Argumentation auf eine schriftliche und eine mündliche Äußerung »meines Lehrers Otto Weber« stützt, vgl. Deutsches Pfarrerblatt 99 (1999), Heft 12. 18 G. Sauter, Evangelische Theologie an der Jahrtausendschwelle (Theologische Literaturzeitung. Forum 4), Leipzig 2002. Gerhard Sauter hatte, von Weber gefördert, in Göttingen promoviert und sich habilitiert, ging danach aber eigene und andere Wege. 19 Vgl. W. Kreck, Rezension zu Webers Grundlagen der Dogmatik in: Monatsschrift für Pastoraltheologie 52 (1962), S. 228–233. 20 O. Weber, Grundlagen der Dogmatik. Band 2, Neukirchen-Vluyn 1962, S. 51f. Das folgende Zitat S. 182. 21 Jürgen Moltmann bemerkte zur Wiederveröffentlichung dieses Buches im Jahr 1975: »Es ist natürlich ein Wagnis, ein Buch, das 1949 erschienen ist, 1975 in einer zweiten Auflage noch einmal zu veröffentlichen. […] Otto Webers ›Versammelte Gemeinde‹ bringt eine in vielen Kreisen vergessene Erinnerung an die reformatorische Hoffnung auf Gemeinde wieder ins Bewußtsein. Die Zeit ist dafür reif« (J. Moltmann, Einführung, in: O. Weber, Versammelte Gemeinde. Beiträge zum Gespräch über Kirche und Gottesdienst, Neukirchen-Vluyn 2/1975, S. 7. 10). 22 Vgl. besonders die im zweiten Band seiner Gesammelten Aufsätze (Die Treue Gottes in der Geschichte der Kirche, Neukirchen-Vluyn 1968) zusammengestellten Untersuchungen zu Calvin. 23 Vgl. meine in Anm. 2 genannte Arbeit, S. 17f. 24 Die Treue Gottes und die Kontinuität der menschlichen Existenz (1952), im gleichnamigen Band 1 von Webers Gesammelten Aufsätzen, Neukirchen-Vluyn 1967, S. 107. 25 G. Grass, a.a.O., S. 379 (zum Jahr 1999).

Über die Autorin / den Autor:

V. v. B., geb. 1967, Pfarrer in der Ev. Kirche von Westfalen, im Entsendungsdienst als Wiss. Mitarbeiter für Kirchengeschichte an der Kirchl. Hochschule Bethel tätig; Promotion zum Dr. theol. an der Universität Bonn mit einer Biografie Otto Webers; Forschungsschwerpunkte: Kirchl. Zeitgeschichte, Geschichte der reformierten Theologie u. Kirchen, Kirchengeschichte Westfalens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2002

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