Aus der Zeit, in der ich im Rundfunkpfarramt in Stuttgart tätig war, erinnere ich noch die besondere Musikfarbenlehre, die damals aufkam. Meine Aufgabe war es u.a., Autorinnen und Autoren für kirchliche Verkündigungsformate im Radioprogramm zu finden und zu begleiten sowie eigene Verkündigungsbeiträge zu schreiben und im Studio zu aufzusprechen.

Der damals noch existierende Süddeutsche Rundfunk (SDR) – inzwischen gemeinsam mit dem ehemaligen Südwestfunk (SWF) im fusionierten Sender Südwestrundfunk (SWR) aufgegangen –, war das konkrete Arbeitsfeld unseres Büros. Er betrieb vier ­Programme: das informationshaltige und unterhaltsame erste Programm, das früher mehr Schlager, inzwischen Mainstream-Pop aus den 1970er und 1980er Jahren brachte; das zweite Programm, ein klassisches Kulturradio mit hohem Wortanteil; das dritte Programm als aktueller Popsender, der die Hits der Charts rauf- und runterspielte; das vierte Programm, aufgeteilt wiederum in Regionalprogramme mit heimatnahem Ortsbezug und deutschsprachigem Musikangebot aus dem Schlager- und Volksliedmilieu.

Radio funktioniert vor allem über die Musik, die gespielt wird. Auf diese Weise wurden Zielgruppen ausgemacht und bedient. Und so unterschieden sich die Programme in ihren „Musikfarben“. Später – vor dem Hintergrund der erlebnis- und milieusoziologischen Studien Gerhard Schulzes und anderer – differenzierte sich die Landschaft nach sog. Lifestyle-Typen deutlich aus: es gab bildungsbürgerliche, progressive und traditionelle Milieus, es gab die Nostalgisch-Bürgerlichen, die Konsum-Hedonisten, die Selbstperformer, die alternativen Öko-Aussteiger, die Experimentierfreudigen, das prekäre Milieu und manche mehr. Die sog. Sinus-Studien bildeten die gesellschaftliche Realität in ihren Blasen- und Kartoffeldiagrammen ab und wurden für viele Bereiche des zielgruppenorientierten Marketings, auch die Radiolandschaft, zu einer entscheidenden Orientierungsgröße.

Lebensstile schlagen sich in vielerlei nieder: in der Wohnzimmereinrichtung, in der Beziehungsgestaltung, im Kleiderstil, in der Berufswahl – und eben auch in der Musik, die konsumiert wird. Für die kirchliche Verkündigung, nicht nur im Rundfunk, sondern ganz allgemein, wurde rasch deutlich, dass wir es in der Regel mit einer Art „Kulturtransfer“ zu tun haben, weil diejenigen, die die Verkündigungsarbeit leisten, also Pfarrerinnen und Pfarrer, von ihrer Sozialisation, ihrem akademischen Werdegang, ihren Vorlieben her oftmals nicht denjenigen Milieus angehören, auf die sie in ihrer Arbeit treffen. Das muss kein Problem sein, zumindest keines, das man nicht professionell lösen könnte. Schon bald aber schlugen die kultur- und milieusoziologischen Expertisen auf den Gottesdienst und seine „Musikfarbe“ durch: In der Regel bedienen wir hier mit Orgel, klassischer Musik und Chorälen allenfalls ein bildungsbürgerliches Milieu adäquat, das allerdings mitunter aus anderen, nämlich intellektuellen Gründen dem Gottesdienst fernbleibt.

Welche Musik gehört in unseren Gottesdiensten gehört und gesungen? Kann es in Zukunft überhaupt noch ein kirchliches Gesangbuch geben, das milieuübergreifend ansprechend ist und genutzt wird? Wieviel Musikfarbenlehre brauchen wir in der Kirche? Die aktuelle Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts beleuchtet diese Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln – gerade auch für eine Zeit, in der coronabedingt das gemeinsame Singen im Gottesdienst erst wieder mühsam angeeignet werden muss.

Viele Anregungen beim Lesen wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

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