Nun stehen wir also mitten in einem neuerlichen „Lockdown“. Manche lehnten diesen Begriff ja schon für die Corona-Schutz-Maßnahmen im Frühjahr ab, weil es eine wirkliche Ausgangssperre in Deutschland nie gegeben hat. Andere sprechen im Blick auf die jetzigen Novembermaßnahmen von einem „Lockdown light“. Lassen wir den Streit um Worte. Einschränkungen werden uns allen derzeit zugemutet und empfindlich sind sie obendrein, denn das oberste Ziel heißt: Reduktion der Infektionszahlen durch Reduktion der Kontakte – und das ist einschneidend.

Betroffen sind nun vor allem die Bereiche, die man als „light“ oder „soft“ ansehen kann in unserer Gesellschaft und in unserem Lebenswandel: Freizeitgestaltung, Vergnügen und Unterhaltung, Gastronomie und Tourismus, aber eben auch Kulturveranstaltungen aller Art. Dass der Wirtschaftsbetrieb aufrechterhalten wird und die Schulen und Kitas geöffnet bleiben, ist wichtig – keine Frage! Aber auch die Regeneration gehört zu einem ausgeglichenen Leben, das mehr als Arbeit ist – ganz abgesehen davon, dass die betroffenen Branchen natürlich auch zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beitragen.

Wenn es um Regeneration geht, dann ist materieller Konsum sicherlich nicht das erste Mittel der Wahl, aber sportlicher Ausgleich, soziale Begegnungen und Austausch in geselliger Runde, unterhaltsame Entspannung und Kulturgenuss gehören gewiss dazu. Vieles davon ist jetzt nur noch „light“ möglich. Freilich, spazieren kann man auch alleine oder zu zweit. Und soziale Begegnungen sind mittels moderner Technologien auch medial möglich; doch jemanden auf digitale Weise am Bildschirm zu kontaktieren, ist eben etwas anderes als leibliche Begegnungen. Und ja, auf den Glühwein auf Weihnachtsmärkten kann man verzichten, aber ein Gang über den Weihnachtsmarkt mit Kindern oder Enkeln hat eben auch noch eine andere Erlebnisdimension. Vielleicht muss man sogar zugestehen: Auf Weihnachtsmärkte kann man mal verzichten, dieses Jahr, wenn es sein muss, ja – aber auf Advent und Weihnachten eben nicht… Was wird aus den Adventsfeiern in Seniorenheimen dieses Jahr, aus den festlichen Weihnachtskonzerten und den Gottesdiensten mit Krippenspielen? Was aus der Aktion der Dreikönigssänger nächstes Jahr an Epiphanias?

Immerhin: Die Kirchen bleiben offen, zunächst jedenfalls, und Gottesdienste sind nach wie vor möglich. Und das ist elementar wichtig. Denn sichtlich macht sich in der Bevölkerung eine zunehmende Unzufriedenheit breit. Die innere Spannkraft und Ausdauer lassen nach, Aggressionen nehmen zu und entladen sich in häuslicher Gewalt oder öffentlicher Randale. Auch die Seele benötigt eben einen „Infektionsschutz“. Wo aber ist der zu finden?

Ich persönlich halte Gottesdienste und geistliche Erfahrungen immer noch für das beste Mittel. Doch der weit verbreitete spirituelle Analphabetismus in unserer Gesellschaft erweist sich hier als Problem. Infektionsschutz für die Seele – das erlangt man auch durch persönliche Kreativität (beim Musizieren, dem handwerklich-künstlerischen Gestalten, dem Lesen guter Literatur…) und mittels Anregungen und Auseinandersetzungen, die den Geist fordern. Kultur ist hierfür ein wichtiges Element. Sie dient der Unterhaltung, aber eben auch der Reflexion über gesellschaftliche Verhältnisse – gerade in unsicheren Zeiten.

Kirche kann hier ein wichtiger Kulturträger sein. Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen hat sich jüngst dafür ausgesprochen, Kirchenräume sollten – solange sie noch das Privileg öffentlicher Versammlungsorte genießen – auch Beherbergungsräume für die Kultur sein und Kunstschaffenden in diesen schwierigen Zeiten eine Bühne bieten – im Gottesdienst. Da geht noch was!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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