Es sind große Themen, die die Diskussionen in Gesellschaft und Kirche seit einigen Jahren beschäftigen: Die Debatten um die Folgen aus den (längst!) beobachtbaren Veränderungen des globalen Klimas waren kaum in Gang gekommen, als die Corona-Pandemie in mehreren Wellen über uns hinwegschwappte und ungeklärte Diskurse in unserem Verständnis von Individualität, Gemeinsinn und demokratischer Kultur offenlegte. Dann brach der Überfall Putins auf die Ukraine mit allen Verabredungen einer nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelten Friedensordnung in Europa und brachte damit zugleich die bereits überholt geglaubten friedensethischen Themen der 1970er und 1980er Jahre erneut auf die Tagesordnung. Daneben oder darunter schwelt seit Jahren die Aufarbeitung sexueller Gewalt in Einrichtungen, Schulen und Vereinen, am Arbeitsplatz und im häuslichen Umfeld, von der die Kirchen, auch die evangelischen, nicht ausgenommen sind – ganz im Gegenteil. Von dem kircheninternen „Dauerbrenner“ einer angemessenen Reform kirchlicher Arbeit angesichts einer sich rasch verändernden religiösen Gemengelage und zurückgehenden Kandidatenzahlen für den Pfarrdienst ganz zu schweigen. Und auch damit noch nicht genug …

All dies sind Megathemen, die – bei aller Unterschiedlichkeit – eigentlich einer intensiven, gründlichen und keineswegs rasch zu leistenden Bearbeitung harren. Sie müssen uns längere Zeit beschäftigen, um daraus wirklich Grundlagen eines künftigen Zusammenlebens zwischen Generationen, Geschlechtern, Völkern und Nationen zu entwickeln.

Zu alledem hat das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt in den zurückliegenden Jahren mit Beiträgen Stellung genommen, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, diskursiv, widersprüchlich, streitbar – so wie es zu einer protestantische Diskussions- und Streitkultur gehört. Auch der diesjährige Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrertag im September in Leipzig nimmt diese unruhige Groß­wetterlage auf. Die großen Themen haben – zuletzt verstärkt – das inhaltliche Erscheinungsbild dieser Zeitschrift geprägt, ja maßgeblich bestimmt und manches andere an den Rand gedrängt. Freilich, erledigt ist dies alles noch nicht: weder abgearbeitet noch zu einem Zwischenziel gebracht.

Manch einer und eine fühlt sich von den sich jagenden Großthemen überfordert. Gut verständlich! Und doch lassen sie sich nicht aufschieben. Auch die aktuelle Ausgabe spiegelt dieses Spektrum an brisanten Themen wider: So geht es um die ethische Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen in Zeiten des Krieges, um die innerkirchliche Aufarbeitung sexueller Gewalt oder auch um die Schattenseiten einer globalen Migration im Blick auf das Ausbluten der Herkunftsländer der Migranten. Diese Hauptthemen im ersten Teil spiegeln sich auch in den Diskussionen der Leserschaft: Die von Sylvie Thonak im Märzheft aufgespießte (alte) Frage, wie die Kirche sich aktuell hinsichtlich ihrer Rolle in der Militärseelsorge aufstellen soll, fand unter Leserinnen und Lesern ein geteiltes Echo. Auch die Debatte um eine protestantische Friedensethik und das Bonhoeffersche Erbe darin wird fortgeführt und erfährt zudem durch einen ökumenischen Seitenblick einen neuen Impuls. Selbst in den Rezensionen finden sich die Spuren dieser großen Themen wieder: sei es die Theologie Dietrich Bonhoeffers im Blick auf die Friedensethik, seien es die Anfänge der evangelischen Militärseelsorge, sei es der Widerhall der Aggression Russlands gegenüber der Ukraine in einer, auch für Deutschland unrühmlichen, historischen Perspektive, sei es die Fehlstellung des menschlichen Selbstverständnisses in einer den Menschen umgebenden Mitwelt …

Ich hoffe, dass Ihnen die Beiträge dieser Ausgabe zur Anregung und zur persönlichen Weiterarbeit gereichen – und nicht zur Überforderung.

 

Ihr Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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