Ungeheuer ist viel. Doch nichts
Ungeheurer, als der Mensch.
Denn der, über die Nacht
Des Meeres, wenn gegen den Winter wehet
Der Südwind, fähret er aus
In geflügelten sausenden Häußern.
Und der Himmlischen erhabene Erde
Die unverderbliche, unermüdete
Reibet er auf; mit dem strebenden Pfluge,
Von Jahr zu Jahr,
Treibt sein Verkehr er, mit dem Rossegeschlecht‘,
Und leicht träumender Vögel Welt
Bestrikt er, und jagt sie;
Und wilder Thiere Zug,
und des Pontos salzbelebte Natur
Mit gesponnenen Nezen,
Der kundige Mann.

Zu Beginn des zweiten Akts seiner „Antigonae“ lässt Friedrich Hölderlin den „Chor der Thebanischen Alten“ auftreten und mit diesen Worten eine Charakterisierung dessen eröffnen, was der Mensch und sein Wesen inmitten der Natur bedeuten. Tiefsinnig sind Hölderlins Gedanken nicht nur hier, sprachlich geheimnisvoll ausgreifend in eine Welt, die zugleich fern entrückt wie geheimnisvoll lockend erscheint. Spannend und erkenntnisreich ist zudem eine Auseinandersetzung dieses Chorgesangs mit biblischen Psalmen, die um das Wesen des Menschen kreisen, insbesondere Ps. 8.

 

Hölderlins Sprache passt so wenig in unsere Zeit wie sie in die seine passte – und genau das macht ihre Anziehungskraft aus. Sie ist so widerständig, dass sie sich im Lesen oder Hören nicht verbraucht. Sie ist nicht konsumierbar. Wer Hölderlin lesen und verstehen will, wird das kaum im Abstand, mit dem Buch in der Hand tun können. Hölderlins Texte wollen verinnerlicht und memoriert, ja meditiert werden. Sie lesen sich am besten „von innen“, das heißt: man lässt sich darauf ein, „steigt“ in sie ein und wandert in ihnen umher wie in einer unbekannten Landschaft. Dann geben sie Entdeckungen frei. Das jedenfalls ist meine Leseerfahrung mit Hölderlin.

Anlässlich der 250. Wiederkehr des Geburtstags von Friedrich Hölderlin hat Reiner Strunk in dieser Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts dem schwäbisch-griechischen Dichter einen Aufsatz gewidmet.

Andere Texte dieses Heftes kreisen um Aspekte des christlich-jüdischen Dialogs, insbesondere um die Frage, welche Rolle hierbei die Christologie und das jesuanische Erbe spielen, aber auch was die Freundschaft mit dem Judentum und mit Israel im Blick auf die politische Kritik an der Staatsführung Israels verträgt bzw. nicht verträgt. Hierzu nimmt der Kirchenhistoriker Johannes Wallmann in einem kritischen Resümee der Debatte um die Äußerungen des ehemaligen Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit im vergangenen Herbst differenziert Stellung. Schon vor Jahren war auch das Deutsche Pfarrerblatt ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil man einem dort veröffentlichten Beitrag des inzwischen verstorbenen Pfarrerkollegen Jochen Vollmer Antisemitismus unterstellte. Nichts davon entsprach der Wahrheit, wie jedermann feststellen konnte, der bereit war zu lesen, was geschrieben stand. Aber Debatten werden heute gerne auf Reizwörter hin geführt statt an Argumenten orientiert; man äußert lieber und schneller, was man schon immer zu wissen glaubte, anstatt wahrzunehmen, worauf man sich bezieht. Das dürfte in unserer an ständiger Oberflächenvergrößerung leidenden Medienlandschaft kaum besser geworden sein. Gerade in dürftiger Zeit bedarf es darum der Denker und Dichter – oder mit Hölderlins Worten über das Menschengeschlecht:

Von Weisem etwas, und das Geschikte der Kunst
Mehr, als er hoffen kann, besizend,
Kommt einmal er auf Schlimmes, das andere zu Gutem.

Herzlich grüßt Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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