Ein Info-Stand des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland auf dem letztjährigen Kirchentag in Dortmund hat es wieder einmal gezeigt: Auf die Frage, was eigentlich eine Pfarrerin/ein Pfarrer sei, kann man sehr unterschiedliche Antworten bekommen – und zwar nicht nur in Abhängigkeit davon, welche gesellschaftliche „Zielgruppe“ man hierzu befragt: Kinder, Jugendliche oder Senioren, Kirchentreue, Distanzierte oder Atheisten, Therapeuten, Lehrer oder Ingenieure …

Die Antworten werden auch nur geringfügig differieren, wenn man die Berufsgruppe der Pfarrerinnen und Pfarrer selbst befragt. Leitbilder sind in Mode gekommen, auch hier! Und die Vielfalt der „Bilder“ blüht – von der Liturgin und Predigerin über den missionarischen Verkündiger bis zum Seelsorger oder der Lebensberaterin in Sachen Glauben, vom „Hirten“ über den „professionellen Nachbarn“ bis zum freischaffenden Künstler, vom traditionellen Priesteramt über den religiösen Lehrer im klassischen theologischen Sinn und die diakonische Dienstleisterin bis zur Ehrenamtstrainerin und dem Gemeindemanager.

Die Vielfalt liegt im Reichtum dessen, was in der Geschichte des Pfarrberufs an Schwerpunktbildungen sich herausgebildet hat bzw. in konkreten Kontexten kirchlicher Arbeit nachgefragt ist. Das Leitbild schlechthin wird und kann es also gar nicht geben. Freilich, Beliebigkeit ist auch keine Lösung! Deshalb lässt sich in der Reflexion auf Funktion, Zweck, Sinn, Gehalt, Wesen oder Ausprägungsgestalt des Pfarrberufs auch ein permanentes Ringen beobachten. Es findet statt in Theologischen Ausbildungsstätten und an den Fakultäten, in kirchlichen Personaldezernaten und Pastoralkollegien, in Gemeindekirchenräten und in der heimischen Studierstube. Und natürlich bildet sich dieser Prozess auch ab in den Diskussionen innerhalb der verschiedenen Gremien des Verbands sowie in den Debatten im Deutschen Pfarrerblatt. Es ist also kein Zeichen einer sich erschöpfenden Themenlage noch narzisstische Nabelschau, auch kein Symptom einer professionstypischen Verunsicherung und schon gar kein neurotischer Wiederholungszwang, wenn die Thematik des beruflichen Selbstverständnisses immer wieder neu aufbricht und verhandelt wird.

Die aktuelle Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts versammelt dazu einige Beiträge höchst unterschiedlicher Provenienz, z.B. den Beitrag des Berliner Philosophen Volker Gerhardt über die Rolle „geistlicher Berufe“ im Kontext einer auf den Begriff des Geistes aufgebauten Kultur- und Religionstheorie (als externe Perspektive). Oder die Ergebnisse eines Pfarrbildprozesses innerhalb der Badischen Landeskirche (aus kirchenleitender Perspektive). Oder die pastoralpsychologische Reflexion auf zwei typische Alltagsbeispiele pfarrberuflicher Praxis bzw. die Neubetrachtung und -bewertung traditioneller Leitbilder im Kontext ntl. Charismenkataloge (beides aus kollegialer Perspektive). Oder die „alte“ Frage des Zusammenhangs parochialer bzw. funktionaler Dienste und Dienstanteile (hier zur Diskussion gestellt durch ein Autor*innenkollektiv der Evang. Akademie Loccum).

Und weil es nicht darum geht, das Ei des Kolumbus zu finden, werden hier auch nicht Ideallösungen formuliert, sondern Diskussionsangebote vorgetragen – für eine hoffentlich anregende und zukunftsweisende Fortsetzung einer Debatte, die kontinuierlich geführt werden muss und die permanenter Impulse bedarf.

 

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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