Die Rede von Krisen ist gegenwärtig in aller Munde. Fast scheint es mir so, als sei das Wort „Krise“ zu einer Art Modewort geworden – mit allem, was dazu gehört, denn Wörter, die inflationär gebraucht werden, verlieren an Bedeutung. Der Bedeutungsverlust bei der Mode-Vokabel „Krise“ liegt weniger im semantischen Bereich, denn von Beginn der Konjunktur dieses Begriffs an war wenig klar, was genau damit gemeint sein soll. Der Bedeutungsverlust liegt vor allem in der Funktion: Das Wort wird und wurde immer wieder exklamatorisch gebraucht, also als Ausruf – um auf eine Krise mit marktschreierischer Gebärde aufmerksam zu machen. Doch bei allzu häufiger Verwendung dieses Wecker-Gestus „Achtung, Krise!“ verbraucht sich der Alarmcharakter rasch. Wenn gegenwärtig von Krisen gesprochen wird, schaltet man – schon um sich schützen – auf Durchzug und sagt sich: „Ja, ja, schon begriffen, aber geht’s auch ne Nummer kleiner?“

Aber wie gesagt: auch abgesehen davon sagt die Krisenvokabel wenig aus. Was heißt denn „Krise“? Und ist das, was sehr gerne und sehr rasch in alarmistischer Haltung als „Krise“ bezeichnet, wirklich eine Krise, bzw. was ist es sonst und näher betrachtet? Die „Ukraine-Krise“ jedenfalls ist keine „Krise“, sondern ein Krieg, und zwar ein russischer Angriffskrieg auf einen kleinen Nachbar- und einstmaligen sozialistischen Bruderstaat. Die „Energie-Krise“ ist das Resultat einer falschen Energiepolitik und eines über Jahre hin falschen Verbraucherverhaltens mit einseitigen Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen, die so oder so endlich sind. Die Erfahrung von Knappheit in diesem Bereich ist zwar schmerzlich, aber hoffentlich auch heilsam. Die „Migrations­krise“ ist das Ergebnis verfehlter und ungerechter Verteilung von Lebensgütern auf diesem Planeten. Die „Klima-Krise“ ist eine seit Jahrhunderten unseren Lebensstil und -standard begleitende, mitlaufende Dynamik meteorologischer Verhältnisse, die auf das Umweltverhalten der Spezies Mensch reagieren. Die „Corona-Krise“ ist das Symptom eines ungesunden Mensch-Tier-Verhältnisses. – Bisweilen wäre es hilfreich, die Dinge beim Namen zu nennen, statt sie unter einem Etikett zu verbergen.

Und die „Krise der Kirche“? Sprechen wir von Traditionsabbruch, von steigenden Kirchenaustrittszahlen, von zurückgehenden kirchlichen Einnahmen, von demografischen und religionspolitischen Veränderungen, von der Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der christlichen Botschaft, vom erkennbaren Desinteresse am kirchlichen Kernangebot? Über all dies lässt sich sprechen und debattieren – freilich in dem Bewusstsein, dass mit der Lösung des einen Problems die Lösung des anderen nicht unbedingt einhergeht, denn vieles hängt zwar zusammen, aber nicht linear-kausal. Es ist schön, wenn es gelingt, Gottesdienste ansprechender zu gestalten und auf diese Weise den Kirchenbesuch anzuheben. Ob sich dadurch aber die Finanzlage der Kirchen verbessern lässt, es auch zu Masseneintritten kommt oder gar mehr Menschen mit der christlichen Botschaft mehr anzufangen wissen, ist damit keineswegs gesagt. Ganz abgesehen davon, dass es bei alledem immer noch eine theologische Dimension zu bedenken gilt, denn was wir Menschen tun, unternehmen, woran wir arbeiten und was wir für wichtig und unverzichtbar halten, ist das eine. Was Gott auf seine Weise mit uns Menschen anfängt (oder auch nicht), um sein Evangelium zum Ziel zu bringen, ist ­etwas ganz anderes. Und genau darüber lohnt es sich nachzudenken, zu streiten und dann auch aus Einsichten Taten werden zu lassen.

In diesem Sinne – eine anregende Lektüre dieser Ausgabe wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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