Da steht ein Kasten von geschätzt drei auf drei auf fünf Metern. Er enthält, wie in einer überdimensionierten Hängeregistratur, schwere Bleiplatten, die wie vergessene Akten anmuten. Dazwischen Glasröhrchen mit Erbsenkugeln und über alledem eine stilisierte Schlange aus Blei – eine Skulptur, die der Künstler Anselm Kiefer anlässlich der bundesdeutschen Volkszählung 1987-89 geschaffen hat. In Zeiten der Digitalisierung wirkt das schon antiquiert und hat doch angesichts einer ins Unermessliche gesteigerten Datensammelwut seine Aktualität nicht verloren. Die Erbsenzähler sind immer noch am Werk, und die Daten von Millionen von Bürgern verschwinden undurchschaubar in den unsichtbaren Verliesen und Bleikammern der Großrechner, umschlungen von einer Schlange namens „Leviathan“ (wie bei Thomas Hobbes), nur eben dass sie algorithmische Qualitäten hat.

Anselm Kiefer, Jahrgang 1945, gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Sein Werk umfasst die Auseinandersetzung mit dem faschistischen Erbe Deutschlands, mit dem Holocaust oder den Verheerungen eines der aggressivsten und mörderischsten Kriege ebenso wie mit den archaischen und mythologischen Traditionen des antiken Zweistromlandes, des Judentums und der Kabbalistik. Die Arbeiten des Bilder- und Skulpturenbauers Kiefer sind aufgeladen mit symbolischen Anspielungen auf Kosmologie und Alchimie, auf antike Mythen, Mystik und biblische Überlieferungen. Und genau das macht ihn für Theologinnen und Theologen zu einem interessanten Gesprächspartner, macht ihn heute zugleich wieder aktuell.

Kiefers Werk überwältigt den Betrachter schon allein durch seine Größe. Im Überformat seiner ­Arbeiten reagiert er einerseits auf eine übermenschliche Architektur und Ästhetik, wie sie beispielsweise dem Faschismus eigen ist, indem Kiefer andere Inhalte und Botschaften im wahrsten Sinne des Wortes „groß“ macht. Andererseits bedient sich Kiefer der ästhetischen Kategorie des Erhabenen, um den modernen Menschen mit seinem Rationalisierungswahn in die Schranken zu verweisen: Es gibt in Natur und Zivilisationsgeschichte Dinge, angesichts derer der Mensch sein Selbst­verhältnis zu Welt und Kosmos neu justieren muss.

Die Kunsthalle Mannheim zeigt nun (verlängert bis zum 22. August) ausgewählte Werke Kiefers aus der Sammlung von Hans Grothe. Wer sich auf die Ausstellung einlässt, wird spannenden und kritischen Kommentaren zum technologischen und polit-ökonomischen Machbarkeitswahn unserer Tage begegnen; er wird an die Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz herangeführt und mit Antworten konfrontiert, die sich aus den Uraltbeständen der abendländischen Religionsgeschichte, insbesondere des Judentums und des Christentums, speisen, und er wird in einen Dialog mit eben diesen Überlieferungen verwickelt – für Theologinnen und Theologen fast schon eine Art Pflichtprogramm, aber eines, das auch Spaß macht.

Mit der Ausstellung Anselm Kiefers in Mannheim lässt sich mühelos der Bogen zu Themen dieser Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts spannen: Die Beiträge der hier versammelten Autoren setzen sich mit der Frage auseinander, was das Erbe der Religion einer säkularen Kultur und Denkweise zu geben vermag. Sie analysieren die Verflochtenheit von Religion und Fundamentalismus, beleuchten kritisch wie konstruktiv die kolonialen Strukturen christlicher Missionsarbeit und zerstören den Versuch, mit dem Christentum nationale Denkweisen zu sanktionieren.

Dabei wünsche ich Ihnen angeregte Lektüre – und wenn Sie Zeit haben und gerade in der Nähe sind, schauen Sie doch auf einen Sprung in der Mannheimer Kunsthalle vorbei. Es ist ja schon allein ein Genuss, dass das jetzt wieder möglich ist!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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