Das Deutsche Pfarrerblatt arbeitet als Monatszeitschrift in anderen Rhythmen als tagesaktuelle Medien. In Zeiten, wie wir sie gerade erleben, gilt ja schon der 24-Stunden-Takt der allabend­lichen „Tagesschau“ als vergleichsweise langwellig. Vieles von dem, was morgens noch „topaktuell“ war, ist abends schon wieder veraltet, und manche Entscheidungen hatten – zumindest zu Beginn der Corona-Pandemie – kaum die Halbwertszeit eines ­Tages. Da wirkt ein monatlicher Turnus geradezu schwerfällig.

Die Aprilausgabe des Deutschen Pfarrerblatts erschien, als die Corona-Schutzmaßnahmen auf ihrem Höhepunkt waren: zu ­Ostern. Der Vorlauf eines Heftes beträgt rund drei Wochen vom Redaktionsschluss über die Layoutphase mit allen Feinabstimmungen und Korrekturen bis hin zur Drucklegung und Auslieferung. Der Redaktionsschluss für April lag exakt nach dem Tag, an dem die Schulen in Baden-Württemberg schlossen. Da liegt es auf der Hand, dass vieles von dem, was die Menschen aktuell umtrieb, seinen Niederschlag nicht auf den Seiten jener Ausgabe ­finden konnte.

Inzwischen ist es anders: Die Corona-Realität ist nicht nur in Kirchen und Gemeinden angekommen, sondern es wurden reichlich Erfahrungen gesammelt im Umgang mit dieser neuartigen Herausforderung. Diese fließen jetzt in Debatten und Diskurse ein. Dabei geht es nicht darum nur nachzukauen, was längst keinen Biss mehr hat. Die Chance eines langwelligeren Mediums wie das Deutsche Pfarrerblatt liegt im Abstand zum Alltagsgeschehen, in eben der Distanz, die für kritische Reflexionsprozesse nötig ist. Denn nicht tagesaktuell sein zu können, heißt ja nicht zwangsläufig „old fashioned“ aussehen zu müssen. Im Gegenteil: Das, was wir heute aus einem gewissen Abstand heraus zu unseren Erfahrungsgrundlagen (die natürlich täglich weiter wachsen) kritisch diskutieren und debattieren, wird uns auch bei unseren morgigen Reflexionsprozessen hilfreich begleiten.

In diesem Sinne mögen die Beiträge dieser Ausgabe eine Auseinandersetzung darüber befördern, welche Rolle Kirche in einer Gesellschaft im Ausnahmezustand zu spielen hat: Wo und wie sie selbst betroffen ist. Aber auch wo und wie sie dem verbum externum verpflichtet bleibt – gerade in solchen Ausnahmesituationen, die nur noch von mehr oder weniger befangenen Innenperspektiven geleitet erscheinen. Es ist jetzt der Zeitpunkt, kritisch nach dem Selbstverständnis evangelischer Kirchen zu fragen (theologisch, staatskirchenrechtlich, politisch) und die Strategien zur Problembewältigung im eigenen Haus kritisch unter die Lupe zu nehmen. Es ist der Zeitpunkt, Chancen und Grenzen digitalisierter Online-Kommunikation für Evangelium und Kirche auszuleuchten. Und es ist an der Zeit, nach den Zusammenhängen mit anderen sog. „Krisen“ (ich halte das Wort für inflationär und gebrauche es nur ungern) zu fragen und unseren westlichen Lebensstil zu hinterfragen.

Eines ist jedenfalls klar: Die viel beschworene Rückkehr zur Normalität kann es nicht geben. Was soll das auch sein? War das gesellschaftliche Leben in Deutschland, in Europa vor dem Lockdown der Normalfall? Es war „das Übliche“, ja, aber „normal“? Man kann sich an verkehrsärmere Straßen durchaus gewöhnen – und daran, dass keine Kondensstreifen den Himmel durchkreuzen. Man kann sich auch an Ladenschließzeiten gewöhnen und an Phasen geschlossener Konsumtempel, an neue und andere Formen der Freizeitgestaltung in den Familien, an mehr Zeit füreinander in Beziehungen des nahen Sozialraums, an Verlangsamung und Entschleunigung … Nur an einem müssen wir unbedingt noch arbeiten: an unserem Verhältnis zum Online-Handel; das ist zweifellos noch nicht ok, ­geschweige denn klimaverträglich.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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