Es hat schon fast etwas Unwirkliches: In den Straßencafés sind wieder Tische und Stühle aufgebaut, und es sitzen Gäste draußen und genießen Begegnungen und Gespräche. Die Biergärten sind geöffnet. In den Fußgängerzonen pulsiert das Leben. Auf den Wiesen in den Stadtparks treffen sich junge Leute zum Picknick oder zum Frisbee-Spielen. Theater und Konzertsäle empfangen Besucher. Im Kirchgarten werden Gottesdienste gefeiert … und im Einkehrhaus Kloster Wülfinghausen bei Hannover, wo ich meinen Dienst tue, finden nach über einem halben Jahr wieder Kurse in Präsenz statt.

Das allgemeine Aufatmen ist hörbar. Corona-Pause – wir haben sie nötig! Lang und schwer waren die Wochen und Monate mit all ihren Einschränkungen. Nervenzehrend. Schwer zu ertragen auch die Zeiten der Trennung von Angehörigen, das Bangen um die eigene Gesundheit oder diejenige lieber Mitmenschen. Noch schwerer endgültige Abschiede …

In diesen Tagen höre und singe ich den Choral „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ von Paul Gerhardt mit ganz anderen Empfindungen. Gewiss, die poetisch-pralle Naturbeschreibung seines Barockgedichts hat auch in Corona-Zeiten nichts einzubüßen gehabt. Die Natur blüht und grünt, die Blüten verströmen ihren Duft und leuchten in ihrer Farbenpracht, der „Weizen wächset mit Gewalt“, die Vögel singen und die Bienen summen. Leben liegt in der Luft – das war auch im vergangenen Jahr so. Doch in diesem Sommer erlebe ich etwas von der Unbeschwertheit und Dankbarkeit, die Paul Gerhardts Zeilen durchziehen (immerhin fünf Jahre nach einer noch weitaus größeren und verheerenderen Katastrophe geschrieben!), in viel intensiverem Maß. Vielleicht ist es genau das, was den Geist dieses Liedes ausmacht: nach aller Schwere und Belastung, nach Zeiten lähmender und lebenzerstörender Erfahrungen den „Sommer deiner Gnad“ neu zu spüren.

Gerne gehe ich in diesen Tagen spazieren, summe oder singe Paul Gerhardts Lied vor mich hin und genieße einfach die Schöpfung Gottes in allen ihren Facetten. Ja, ich weiß um die Ambivalenz. Ich weiß, dass auch Viren ein Teil der Schöpfung Gottes sind, weiß um den Klimawandel, der uns droht – aber das ist jetzt nicht mein Thema. Ich spüre das Bedürfnis nach einer Atempause in mir, vernehme das Aufatmen um mich herum und gönne mir (und anderen) diese Pause – möge es im Blick auf die Corona-Pandemie wahrlich mehr als nur eine „Pause“ sein.

Und dann gibt es – mit Paul Gerhardts Choral auf den Lippen und im Herzen – noch etwas Zweites: Nach dem Schöpfungsspaziergang lenkt der Dichter seinen Blick nach „oben“ und nach innen. Er weiß, dass die Farben der Schöpfung Gottes Abglanz jenes Lichtes sind, das Gott selbst ist, dass sie nur den „Vorhof des Paradieses“ ausleuchten. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …“ sagt ein anderer Dichter. Den Blick nicht am Irdischen, an der Oberflächenschönheit der Natur enden zu lassen – das ist das eine, wozu Paul Gerhardt motiviert. Den Horizont weiten. Und das andere: Die Blüte und Fruchtbarkeit der ihn umgebenden Natur wird ihm, dem lyrischen Ich, zum Sinnbild seiner Seele. Auch sie ist ja eine Schöpfung Gottes – und sie kann wachsen, strahlen, duften, Früchte tragen … und jubeln.

Einen erholsamen Sommer wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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