Ein neues Jahr liegt vor uns – wie ein unbeschriebenes Blatt. Es hat krachend begonnen, wie so oft. Die vergangenen zwei Jahreswechsel zuvor gingen mit weniger Böllerschüssen über die Bühne. Da war das Feuerwerken, coronabedingt, schlicht untersagt. (Keine schlechte politische Entscheidung, auch ohne Corona!) Doch nun wird wieder gefeuert, was das Zeug hält. Als müsse man zwei verlorene Jahre nachholen. Gibt es eigentlich ein politisch-bürgerliches Recht auf Böllern und das Abfackeln von Feuerwerken? Wenn man die Dunkelzone der Silvesternächte etwas aufhellt, kann es einem grausen vor den Folgen eines taumelnd-tobenden Jahreswechsels. Die Vorfälle in Berlin haben gezeigt, wie sich im Schatten eines scheinbar „nur“ feucht-fröhlichen Silvestertreibens Aggressionen Bahn brechen, die in bürgerkriegsähnlichen Szenen enden.

Was also wird das neue Jahr bringen auf seinen unbeschriebenen Blättern? Die ersten Seiten wurden – wie gesagt – unschön bekritzelt und besudelt. Dabei muss es nicht bleiben. Manche heftigen Kratzer von den vergangenen, nun überblätterten Seiten drücken auch noch durch – um im Bild zu bleiben – und graben ihre Kerben ins unbeschriebene Papier. Doch auch dabei muss es nicht bleiben: Das Weiß der neuen Seiten lässt immer noch hoffen auf schönere und ansprechendere „Blattgestaltungen“. Ich möchte dem Jahr 2023 jedenfalls nicht vorschnell ein böses Omen aufprägen, sondern weiterhin an die Möglichkeit glauben, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine beendet wird und Wege einer diplomatisch ausgehandelten friedlichen Zukunft beider Staaten gefunden werden. Ich möchte auch daran glauben, dass eine Verhandlungslösung im Ukrainekrieg die Perspektiven anderer sich aufschaukelnder Konflikte, etwa im Verhältnis von China und Taiwan, verändert. Oder dass verbindliche Verabredungen getroffen (und eingehalten) werden, die die drohende Klimakatastrophe abzuwenden oder zumindest abzumildern helfen.

Freilich, all dies geschieht nur auf politische Initiative hin, und Politik wird von Menschen gemacht. Sie ist weder Schicksal noch Gottes Wille und Absicht. Diese billige Art des Abschiebens von menschlicher Verantwortung sollte passé sein. Es dürfte einmal mehr vom Bewusstsein der Menschen bzw. von der Wandlungsfähigkeit solchen Bewusstseins abhängen, womit die nächsten Seiten des noch unbeschriebenen Jahrbuchs 2023 gefüllt werden.

Und doch sind wir beim Beschreiben dieser Blätter nicht auf uns alleine gestellt. Die Jahreslosung für das Jahr 2023 stellt uns in den Horizont Gottes: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mose 16,13) Wir stehen in Gottes Ansehen – im doppelten Sinn: Gott sieht hin und er schaut an. Dabei ist mir die Grenze der Rede von Gottes Sehen wohl bewusst, denn Sehen hat immer auch mit Sehbegrenzungen, einem Gesichtsfeld (Horizont) und mit Unschärfen zu tun. Das mag man im Blick auf Gott getrost vernachlässigen. Die besondere Qualität des Bildes vom Sehen Gottes liegt an einer ­anderen Stelle, denn Gottes Sehen bewirkt Veränderung. In seinem Sehen liegt so etwas wie die ­Botschaft: „Steh auf, mache dich auf, geh deinen Weg – du kannst es. Ja, ich werde dich mit meinen Augen leiten und begleiten.“

Das neue Jahr 2023 – an seinen unbeschriebenen, noch weißen und leeren Blättern schreiben wir gemeinsam, mit Gottes Hilfe.

Ein gesegnetes Jahr 2023 wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2023

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