Am Donnerstag, den 25. Januar 2024, übergab der „Forschungsverbund ­ForuM“ Vertreter*innen der EKD und der evangelischen Landeskirchen im Rahmen einer Pressekonferenz in Hannover seine Studie zu sexuellem Missbrauch in der evangelischen Kirche. Wer an diesem Tag überrascht oder gar mit einem Aufschrei des Entsetzens die Veröffentlichung der Ergebnisse zur Kenntnis genommen hat, muss wohl in den Jahren zuvor mit verschlossenen Augen den Problemen sexueller Gewalt gegenübergestanden haben, wie ­Bischöfin Kirsten Fehrs, gegenwärtig kommissarische Ratsvorsitzende der EKD, in ihrer Stellungnahme bemerkte.

Beschämend sind die Ergebnisse allemal – und das nicht nur wegen der Zahlen. Denn auch ein geringeres Ausmaß hätte an dem zerstörten Vertrauen in die Institution Kirche wenig geändert. Die evangelische Kirche steht vor einem Scherbenhaufen. Die Vertreter*innen der Betroffenen konnten an diesem Tag insofern aufatmen, als ihren traumatischen Geschichten und ihrem Ruf nach Anerkennung endlich eine angemessene Öffentlichkeit zukam. Dennoch: für viele Betroffene kam dieser Tag zu spät.

Bereits 2010 waren die ersten Missbrauchsvorwürfe auch innerhalb der evangelischen Kirche und der Diakonie öffentlich geworden. Das Deutsche Pfarrerblatt (wie es damals noch hieß) veröffentlichte dazu den Bericht eines württ. Kollegen, Dierk Schäfer, der sich der Aufarbeitung der Misshandlungen gegenüber Heimkindern („Runder Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“) gewidmet hat (5/2010, 236ff). Seine Forderungen aus den Erfahrungen mit verschleppter Bearbeitung dort hatten das Ziel, Sensibilität für vergleichbare Probleme der Gegenwart zu wecken. Die (amtskirchliche, aber auch kollegiale) Resonanz auf seinen Weckruf bezeichnet Schäfer heute rückblickend als enttäuschend.

Viel zu lange bewegte man sich auf der Seite der evangelischen Kirche in Denkfiguren der „Externalisierung“, wie Prof. Martin Wazlawik, Koordinator des „Forschungsverbundes ForuM“, es bei seiner Präsentation in Hannover nannte: Man verlagerte das Phänomen sexueller Gewalt entweder auf die katholische Kirche mit ihren strukturellen Problemen wie Zölibat, „Männerkirche“, steile Hierarchien … oder man wähnte sich damit in einem gesamtgesellschaftlichen Umfeld, dessen Signatur exemplarisch eben auch innerhalb der evangelischen Kirche auftrete, oder aber man verbarg das Problem hinter den Barrieren historischer Abstände („das war eben damals in den 1950er und 60er Jahren so, ist aber heute ganz anders“). Darüber wurde das konkrete Hinschauen auf die Aufgaben und Herausforderungen der Gegenwart unmöglich gemacht.

Freilich, es ist auch nicht einfach nichts geschehen innerhalb der zurückliegenden Dekade, aber eben zu langsam. Landesbischof Dr. Christoph Meyns, Mitglied im 2018 gegründeten Beauftragtenrat der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, hat im Sommer 2022 im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt einen Überblick über die Geschichte zur Aufarbeitung und über die Maßnahmen zur Prävention von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche gegeben (6/2022, 337ff). Doch vieles erscheint – gerade von heute, Januar 2024, aus betrachtet – als „zu reaktiv“ statt „proaktiv“ zu handeln, so Wazlawik.

Die nun neu angestoßene Aufgabe kirchlichen Handelns nimmt diese Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts zum Anlass, zum einen der Stimme eines Betroffenen (und Kollegen) ­Gehör zu verschaffen (S. 95ff), zum anderen die theologische Selbstreflexion einzufordern (S. 104ff) – bei Kirchenleitungen, Amtsträgern, Kollegen (und man wird hier einmal ganz bewusst nicht ­gendern müssen!).

Ihr

Peter Haigis.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2024

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