Am 18. Februar 2021 landete die NASA erfolgreich ihre Raumsonde „Perseverance“ im Jezero-Krater auf der Marsoberfläche. Erste Aufnahmen sind im Internet zu bestaunen; auch ein kleiner akustischer Eindruck (Windböen) war zu vernehmen. Der Nachbarplanet der Erde ist seit Langem im Visier der Weltraumforschung. Mit der jetzigen Mission sollen detaillierte Kenntnisse über mögliches organisches Leben auf dem roten Planeten gefördert werden. Eine ihrer konkreten Aufgaben ist die Entnahme von Bodenproben und deren Untersuchung auf „Biosignaturen“ hin.

Ein spannendes Unternehmen! In ersten Kommentaren gaben sich Wissenschaftler zuversichtlich darin, auf diese Weise zugleich mehr über die prinzipiellen Lebensbedingungen im Universum erfahren zu können. Also vielleicht doch? Andere ­Formen von Leben, irgendwo weit draußen in den unendlichen Tiefen des Alls?

Schon diese Formulierung zeigt die herkömmliche Ichbezogenheit der anthropozentrischen Sichtweise an, denn was ist schon „weit draußen“? Was ist im Universum überhaupt „drinnen“ und „draußen“? Wo ist seine „Mitte“ und wo seine „Peripherie“? Was ­sollen die „Tiefen des Alls“ sein?

Bekanntlich hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud geschichtliche Wendepunkte wissenschaftlichen Fortschritts – wiederum psychoanalytisch – mit dem Motiv der „narzisstischen Kränkung“ interpretiert. In seinem 1917 erschienenen Aufsatz „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ versucht er, möglichen (und tatsächlichen) Widerständen der psychoanalytischen Methode gegenüber zu begegnen, indem er solche Widerstände mit Verletzungen („Kränkungen“ im menschlichen Selbstverständnis) begründet. Dabei stellt er die durch ihn selbst beanspruchte Neuerung mit zwei anderen wissenschaftlichen Entdeckungen zusammen, die in vergleichbarer Weise kränkend gewirkt hätten: die durch die kopernikanische Wende ausgelöste Irritation darüber, dass die Erde keineswegs Mittelpunkt des Weltalls sei und die aus Charles Darwins Beobachtungen zur Artenvielfalt entwickelte Vorstellung, der Mensch habe evolutionsbiologische Wurzeln im Tierreich. Freud selbst meinte, seine psychoanalytische Sichtweise erschüttere das Selbstbild einer autonom handelnden sittlichen Persönlichkeit (was in der Philosophie des 19. Jh. freilich Vorläufer hatte).

Natürlich wurde Freuds (Selbst-)Einschätzung heftig kritisiert. Umgekehrt hat sein Bild von der narzisstischen Kränkung der Menschheit zahlreiche Nachahmer gefunden. Offenbar besitzt es zumindest eine gewisse rhetorische Suggestionskraft. Verschiedene andere narzisstische Kränkungen wurden seither ins Feld geführt, ausgelöst durch ökologische Krisen, zunehmende Robotertechnologie oder durch die sog. digitale Revolution. Im vergangenen Jahr stieg auch das Coronavirus zu einem Kandidaten auf, der der Menschheit eine empfindliche narzisstische Kränkung zufügen könne.

Und nun stehen wir möglicherweise vor einer neuen Einsicht, die das traditionelle Mittelpunktdenken des Menschengeschlechts aushebelt: Wie würde die Menschheit wohl auf die Nachricht reagieren, dass Leben im Universum auch außerhalb des blauen Planeten nicht nur möglich oder wahrscheinlich, sondern ein Faktum ist? Zugegeben, da sprechen wir noch nicht von intelligentem Leben. Dennoch: Wie müssten diese Einsichten nicht nur naturwissenschaftlich-kosmologisch, sondern auch (schöpfungs)theologisch interpretiert werden? Und was folgt daraus für das Selbstverständnis des Menschen in seiner natürlichen „Um-welt“. Hier und heute sind das noch rhetorische Fragen, Spekulationen, aber doch auch bereits Gedankenanstöße. Warten wir’s ab!

Bis dahin grüßt Sie herzlich

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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