Ein Gottesdienst im Ulmer Münster. Der Anlass ist der Tag der württembergischen Pfarrerinnen und Pfarrer, veranstaltet vom Evangelischen Pfarrverein in Württemberg. Selbst eine gut besuchte Veranstaltung eines mitgliederstarken Vereins füllt das riesige Kirchenschiff nicht. Beeindruckend dennoch der gewaltige Chor der Stimmen, beeindruckend auch diese Möglichkeit miteinander Gottesdienst und Eucharistie zu feiern – in geschwisterlicher Verbundenheit. Am Abend werden dann noch die Dienstjubilare geehrt.

Es tut gut zu erfahren und zu wissen: Du bist mit deinem Dienst nicht alleine. Immer wieder empfand ich das Einzelkämpfertum im Pfarrberuf, abgemildert freilich durch eine gelegentliche oder auch regelrecht installierte Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, was gut getan hat. Kirchlich-theologische Arbeitsgemeinschaften, Fortbildungen, kollegiale Beratungspraxis und Pfarrkonvente bzw. Pastoralkollegien haben diesen Eindruck ebenfalls gedämpft, ebenso ein „Theolog*­innen-Stammtisch“, den es am Ort meiner langjährigen Gemeindediensttätigkeit gegeben hat.

Doch nun dieser Gottesdienst: Wie jedes Jahr ist ein wichtiges Element darin das Totengedenken, in diesem Fall das Andenken an all jene Kolleginnen und Kollegen (oder auch deren Partner*innen), die im Lauf der vergangenen Jahresfrist verstorben sind. Am Eingang des Kirchenraums liegt eine Liste aus. In Württemberg füllt sie oftmals drei DIN A5-Seiten. Im Gottesdienst werden die Namen verlesen. Das berührt mich: Diese Namen erfüllen für den Moment von wenigen Sekunden das Kirchenschiff. Jeder Name steht für eine Person, eine einzigartige Person, mit ihrer Geschichte, mit Familie und Freunden verbunden; eine Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen, mit Erfolgen und Erfahrungen des Scheiterns, mit Liebe, Ärger und Enttäuschung … In einem kurzen Namen schwingt dies alles mit und wird gehört, von der versammelten Gemeinde der Geschwister, von Gott.

Vielleicht berührt es mich auch deshalb mehr und mehr, weil ich unter den Namen Bekannte wiederfinde: Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Studientagen und Ausbildungszeiten, längst vergessen geglaubte Kollegen, ehemalige Dienstvorgesetzte. Bisweilen weiß ich schon um den Todesfall und erwarte den Namen, bisweilen überrascht mich die Nennung und ruft eine mehr oder weniger ferne Erinnerung wach.

Mit den Namen verbinde ich eine Begegnung, Fragmente einer gemeinsamen Geschichte, manchmal auch nur ein Hören-Sagen – oder auch gar nichts. Doch in der Summe derer, die in diesem Gottesdienst anwesend sind, ergibt sich mehr. Würde man Befragungen anstellen, käme wohl für jede und jeden ein ganzer Lebensbilderbogen zum Vorschein. Wie viel mehr mag da anklingen in den Ohren Gottes?

Es ist gut, dass es Orte und Augenblicke gibt, die gegen das Vergessen gerichtet sind. Nicht dass Gott sie nötig hätte. Ihm vertrauen wir lediglich an, was unseren Händen und unseren Beziehungsnetzen entgleitet. Aber für uns sind sie wichtig, diese Momente des Gedenkens.

Ja, ich weiß: Es gibt sie natürlich auch andernorts, diese Zusammenkünfte – solche Gottesdienste, solche Ordinationsjubiläen, solches Totengedenken. Ich schildere hier nur meine persönliche (württembergisch gefärbte) Perspektive. Aber entscheidend ist, dass es sie gibt.

Seien Sie herzlich gegrüßt

 

Ihr Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2022

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