Der brutale Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hält – während ich diese Zeilen schreibe – mit unverminderter Härte an. Und – kein Zweifel – er wird auch über den 8. Mai hinaus toben, jenes Datum, das in Europa dem Gedenken des mit der Kapitulation Nazideutschlands eingeläuteten Endes des Zweiten Weltkriegs gilt. Putins Krieg ist zudem nicht nur brutal und aggressiv (wie alle Kriege), er ist auch schmutzig, weil Kriegsverbrechen an der Tagesordnung sind und die Kampfhandlungen immer wieder auf unschuldige Zivilisten zielen, die auf diese Weise terrorisiert werden. Gegen solche Abscheulichkeiten kann man nicht oft genug und nicht deutlich genug das Wort erheben.

Die Gefahr jedes Krieges freilich ist es, neue Feindbilder zu züchten. Derzeit spricht man von „Russophobie“ und hört von einem eskalierenden verbalen Schlagabtausch: es gibt dumpfe Russlandhetze im Netz und russlandfreundliche Autokorsos etc. Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: In diesem Krieg stehen sich Täter und Opfer gegenüber. Dass die Ukraine (das Land, seine Regierung und die Bevölkerung) Opfer russischer Aggression sind, steht außer Frage. Doch auf der gegenüberliegenden Seite sind nicht einfach „die Russen“ oder gar Russland als Täter auszumachen. Putins Krieg ist zunächst einmal ein Krieg seiner Machtmaschinerie und all derer, die er hierfür auf geschickte Weise instrumentalisiert und manipuliert hat. Und zweifellos gibt es zahlreiche Sympathisanten in der russischen Bevölkerung, die ihrem Präsidenten zujubeln und moralisch beistehen. Nicht zuletzt die russisch-orthodoxe Kirche macht dabei in der Person ihres amtierenden Patriarchen eine ­erbärmliche Figur.

Auf der anderen Seite hat Putin sein Land in eine verhängnisvolle Lage manövriert. Zahlreiche Künstler und Sportler aus Russland leiden unter den internationalen Sanktionen, und nicht wenige stehen den kriegerischen Aktivitäten des russischen Autokraten kritisch gegenüber, auch wenn sie es in der Öffentlichkeit nicht zu sagen wagen und deshalb schweigen. Die Mutigeren ergreifen das Wort, demonstrieren, protestieren, leisten Widerstand – und zahlen dafür einen hohen Preis. Weite Teile der Bevölkerung – die „Stillen im Lande“ – tragen die Konsequenzen von Krieg und Sanktionen spürbar in ihrem Alltag. Und dann gibt es noch die russischen Soldaten, die unmotiviert in einen Kampf ziehen, dessen Sinn sich ihnen nicht erschließt, und schließlich sinnlos im Schlachtgetriebe sterben. Es gibt russische Mütter und Väter und Frauen, die um ihre gefallenen Söhne oder Männer weinen und denen deren „verbrämter Heldentod“ keinen Pfifferling wert ist. In Kriegszeiten muss man differenzieren – umso mehr!

Russland ist eine großartige Kulturnation, die auf vielfache Weise mit der Kultur Europas verbunden ist – über Jahrhunderte hinweg. Ich persönliche liebe die Literatur Dostojewskis, Puschkins oder Turgenjews, die Musik eines Tschaikowski, Schostakowitsch oder Strawinsky, die Malerei von Kandinsky, das Petersburger Marinskij-Ballett u.v.m. Ich erinnere mich an die eine oder andere Reise mit herzlichen Begegnungen, auch an die Früchte von Städtepartnerschaften und Schüleraustauschprojekten. Es ist Irrsinn, überall nur noch putintreue Aggressoren oder Oligarchen mit ihren korrupten Netzwerken wittern zu wollen.

Wir dürfen das Gift des Putin-Krieges nicht in unsere Köpfe lassen! Dass dieser Krieg an unserer über Jahrzehnte aufgebauten Friedensordnung sägt und unsere christlich geprägte Friedensethik in Frage stellt, steht auf einem anderen Blatt. Mehr dazu in diesem Heft.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.