Nun plagt uns die Corona-Pandemie seit einem guten Jahr – mit wechselnden Schutz- und Hygienemaßnahmen. Als besonders ausdauernd hat sich dabei die Maskenpflicht erwiesen, und sie wird – rund zehn Monate nach ihrer bundesweiten Einführung – mit steigender Heftigkeit eingefordert: Genügten anfangs noch die selbst genähten Lätzchen, die allerlei Kreativität zutage förderten, sind inzwischen in öffentlichen Verkehrsmitteln und vielen Geschäften die medizinischen Masken vorgeschrieben, und die nochmals mehr Schutz bietenden FFP2-Masken werden sukzessive gegen Berechtigungsscheine von den Apotheken ausgegeben.

Nein, so hatten wir uns die Karnevalszeit 2021 nicht vorgestellt – nicht diese Art Maskerade! Um nicht missverstanden zu werden: Ich polemisiere hier keineswegs gegen ein Instrument, das für die Eindämmung der Pandemie von Medizinern und Politikern als zentral angesehen wird; aber dass die maskierten Kommunikationssituationen, die wir nun seit bald einem Jahr erleben (und ertragen), nicht zu den Szenarien gehören, in deren Rahmen wir uns zwischenmenschliche Begegnungen vorstellen, dass darf wohl gesagt werden. Ich vermisse jeden­falls den Blick von Angesicht zu Angesicht, vermisse die unverdeckten Gesichtszüge, das Mienen­spiel, das Emotionen verrät und ­Gespräche begleitet, die nonverbalen Botschaften unterhalb der Augenpartie.

Masken verbergen. Bisweilen hatte die Metapher der Maske in der Kommunikationspsychologie einen schlechten Stand, weil sie – anders als die soziale Rolle – mit dem Verdacht einer Verstellung der Persönlichkeit verbunden wurde: Wer Masken benutzt, statt Gesicht zu zeigen, ist unehrlich. Freilich, Maskerade ist auch ein vergnügliches Spiel und zu bestimmten Zeiten eine Art kulturelles Ereignis (man denke an den venezianischen Karneval). Der Reiz besteht dabei allerdings mehr in der Gestaltung der extravaganten Oberfläche als Zweck in sich und verlangt nach keinem Tiefensinn.

Anders war dies bei den Masken des antiken Theaters, die Charaktere verkörperten und den Schauspieler dahinter verbargen. Der Träger brachte etwas zur Darstellung, was ihm gewissermaßen auf den Leib geschrieben war. Er verlebendigte eine Rolle, die sich in der Maske kristallisierte, und lieh ihr seine Stimme, um gerade auf diese Weise dem Spiel einen Tiefensinn zu geben. Die Maske als durchtönender Apparat (per-sonare) gab der Kunstfigur ein Gesicht und wurde zugleich transparent für die lebendige Aktion des Rollendarstellers – unser Wort „Person“ stammt daher. Eine „Person“ – das ist kein mehr oder weniger individuelles, natürliches Rohmaterial, sondern eine konkrete Gestalt und Gestaltung, und zwar fernab aller Klischees und blasser Typik; im Grunde ein Geschehen, ein Ereignis auf der menschlichen Weltbühne, in der Szenerie des Lebens.

Dieses Schauspiels sind wir nun beraubt. Gewiss, die Anti-Corona-Schutzmasken sind mehr Filter als Masken, und darin haben sie ihren Wert. Doch sie wirken eben verdeckend, ja, Begegnungen mit offenem Visier geradezu verhindernd. Im Unterschied zu den Masken des antiken Theaters verbergen sie den unteren Bereich des Gesichtsfeldes. Da tönt dann wenig bis nichts mehr durch. Ja, auch Augen sprechen. Doch für ein gesellschaftliches Klima, das im Wesentlichen auf die Begegnung von Angesicht zu Angesicht, also vis-a-vis im Vollsinne, setzt, stellen die „klinischen Schnutenpullis“ doch eine herbe Reduktion dar.

Mit Reduktionen kann man leben (zumal in der Fastenzeit muss man sich das gelegentlich klar ­machen), doch irgendwann ist solcher Reduktionismus (hoffentlich) auch wieder vorbei – und es darf gefeiert werden … einen offenen Abend der Begegnung lang und mehr als das.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis.


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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