»Wirklichkeit« ist ein strapazierter Begriff. Zugleich ist er unverzichtbar. Das macht es ­notwendig sich Rechenschaft davon zu geben, was wir »Wirklichkeit« nennen, wie wir »Wirklichkeitserkenntnis« generieren und begründen und wie wir uns darüber verständigen. Ausgehend von einem konstruktivistischen Ansatz widmet sich Ernst Vielhaber dieser Rechenschaft, ohne die Wahrheitsfrage zu dispensieren.

Wirklichkeit – nur in Beziehung zu Menschen

Hat Jesus wirklich gelebt? Welche Auffassungen hat er selbst wirklich vertreten? Ist er wirklich auferstanden? Welche Wirkungen gingen von ihm aus (und wurden nicht nur irrtümlich auf ihn zurückgeführt)? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, um zu klären, »was der Fall ist«1, ist es nötig, den Begriff »Wirklichkeit« näher zu betrachten.2 Wörter wie Welt, Wirklichkeit, Realität, ­Tatsache oder Ereignis können nur sinnvoll verwendet werden, wenn man beachtet, in welcher Beziehung sie zu Menschen stehen.

Es sind – jeglicher Darstellung vorausgehend – Menschen, die die Welt und die in ihr wirkenden Kräfte und Normen wahrnehmen, sei es unmittelbar mit ihren fünf Sinnen, sei es vermittelt durch Beobachtungs- und Messgeräte, durch Dokumente, durch archäologische Funde usw. Und es sind menschliche Darstellungsweisen, allen voran die Sprache, mit denen das Wahrgenommene als »Wirklichkeit« verstanden, gedeutet und beschrieben wird. »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache«, formulierte 1960 Hans-Georg Gadamer.3 Zum Schlüsselwort für diese Einsicht wurde der Titel eines Sammelbandes, den Richard Rorty 1967 herausgab: »The Linguistic Turn«.4 Es gibt die »Sache«, die durch Zeichen oder Symbole »spricht«, nicht unabhängig von Menschen, die diese Sprache verwenden und verstehen. Darum sind nicht nur spezielle Symbole5, sondern alle Darstellungsweisen Teile der »Wirklichkeit«, auf die sie hinweisen.6


Der Mensch macht sich ein Bild

Der Mensch nimmt seine Umwelt wahr (dazu gehören auch Äußerungen anderer über ihre Wahrnehmungen), und er nimmt sich selbst und sein Inneres wahr (dazu gehören sein Bewusstsein, seine Gefühle, seine Offenbarungserlebnisse, Visionen oder Halluzinationen, Fantasien, Träume, Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen, Ideen und Pläne). Die Wahrnehmung ist kein passives Empfangen, als wäre unser Inneres ein Kübel, der ohne unser Zutun mit Eindrücken gefüllt wird. Karl Popper hat hervorgehoben, dass jeder Mensch seine Wahrnehmungen aktiv beeinflusst durch Interessen und Vermutungen, die er bereits mitbringt: »Alle Erkenntnis ist theoriegetränkt, auch unsere Beobachtungen.«7


Kein Zugang zu »objektiver« Wirklichkeit

Menschen haben keinen Zugang zu einer objektiven, d.h. vom Betrachter unabhängigen Wirklichkeit. Auf Grund dieser Einsicht entwickelte der »radikale Konstruktivismus« des 20. Jh. »eine Erkenntnistheorie …, in der die Erkenntnis nicht mehr eine objektive, ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens.«8 Was Menschen wahrnehmen, ist deshalb niemals »die Wirklichkeit selbst«. Es ist immer nur ihr Eindruck, die von ihnen selektiv in den Blick genommene, ausgelegte, gedeutete »Wirklichkeit«. Was sie gewinnen, ist das Bild, das im Akt der deutenden Wahrnehmung entsteht und das sie in der Erinnerung bewahren.9

Weil Menschen zur Wirklichkeit keinen Zugang haben, der unabhängig wäre von ihrem Erkennen, lässt sich auch die sog. Korrespondenztheorie der Wahrheit nicht aufrechterhalten, Wahrheit sei die Angleichung von Sache und Erkenntnis.10 Die Erkenntnis kann nicht an die Sache angeglichen werden, weil die »Sache« nie ohne Erkenntnis wahrgenommen werden kann, sondern von vornherein unlösbar mit dem Erkennen und Verstehen verschmolzen ist.


Dennoch ist die Wirklichkeit nicht »erfunden«

Dass wir keinen anderen Zugang zur Wirklichkeit haben als die deutende Wahrnehmung, heißt nicht, dass die Wirklichkeit bloß ein Konstrukt unseres Deutens sei. Vieles, was nicht von Menschen stammt, ist auch unabhängig von Menschen wirksam und existiert. Die Erde z.B. und erst recht das Universum haben längst existiert, ehe es Menschen gab, und ihr Fortbestand hängt auch künftig nicht davon ab, ob es Menschen gibt. Dass die Welt unabhängig von Menschen existiert, ändert aber nichts daran, dass unsere Wahrnehmung niemals die Wirklichkeit »an sich«, sondern immer nur Deutungen der Wirklichkeit erreicht, dass sie immer nur zu Konstruktionen oder Bildern führt, die wir von der Umgebung und von der eigenen Person gewinnen. Mit Recht fordert Wilfried Härle, »zusammenzudenken, daß Erkenntnis die Wirklichkeit auch ihres Erkenntnisgegenstandes verändert und von diesem dennoch als dem Erkenntnisakt vorgegebener Wirklichkeit bestimmt ist. Dies ist nur dadurch möglich, dass Erkenntnisakt und Erkenntnisgegenstand gedacht werden als untrennbare, aber unterscheidbare Elemente der einen Wirklichkeit, die unhintergehbar relational verfasst ist.«11


Das Bild entsteht in drei Phasen

Das Bild, das bei der Wahrnehmung entsteht, kommt in drei Phasen zustande:

In Phase 1 gewinnt jeder Einzelne sein eigenes intuitives Bild. Es entsteht nicht nur durch seine aktuelle Wahrnehmung, sondern in diesem Bild steckt auch ein unspezifisches »Glauben« (»Ich glaube, es verhält sich so und so«). Zu jedem Umgang mit der Wirklichkeit gehört nämlich ein diffuses Vertrauen: Zum einen vertraut jeder auf das eigene Erkenntnisvermögen und die Erinnerung daran, zum anderen auf den Teil des Wissensschatzes vorangegangener Generationen, der ihm aus Erziehung und Überlieferung präsent ist.12

Phase 2 ist die Vergewisserung: Um sicher zu werden, dass sein Vertrauen berechtigt ist und er sich nicht täuscht, wiederholt der Mensch die Wahrnehmung, soweit möglich, oder erhärtet sie auf anderen Wegen: Er sieht den Vogel, dessen Zwitschern er gehört hat, oder die Sonne, deren Wärme er gespürt hat; er prüft seine Erinnerung. Er stößt, so sagt es Umberto Eco13 im Anschluss an Martin Heidegger, auf »Resistenzen des Seins« oder »Resistenzlinien«, an denen »das Sein dem Reden … Grenzen setzt«. Der kritische Mensch unterscheidet zwischen äußerem Erleben und Vision oder Halluzination sowie zwischen eigener Wahrheit und eigenem Irrtum, zwischen Wahrnehmung und Täuschung, zwischen Sein und Schein.14

Auch jede erhärtete Wahrnehmung und darum auch jede Aussage vor Gericht, jeder Bericht, jede Geschichtsschreibung, jede ärztliche Diagnose bleiben abhängig von den Gefühlen und Erfahrungen, von den vorgefassten Theorien und Hypothesen, vom Blickwinkel und von der Voreingenommenheit der einzelnen Beteiligten.15 Besonders deutlich treten derartige Voreingenommenheiten regelmäßig in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen hervor: Regierungs- und Oppositionsvertreter bewerten die Ergebnisse unterschiedlich und legen gegensätzliche Berichte vor. Sogar in der vermeintlich »exakten« Naturwissenschaft beeinflusst die Versuchsanordnung, also der beobachtende und deutende Forscher, das Ergebnis. Wer wissenschaftlich vorgehen will, muss sich diese Einflüsse bewusst machen und sie darlegen.

Phase 3 ist der Austausch mit Anderen. Den Einflüssen, die auf ihn einwirken, ist der Mensch in aller Regel nicht wehrlos ausgeliefert. Es gibt ein Korrektiv, das die Einseitigkeiten und Irrtümer der individuellen Wahrnehmung überwindet. Das Korrektiv sind die Anderen. Das Korrektiv ist die Gemeinsamkeit aller, die mit demselben Phänomen beschäftigt sind oder waren. Dass man sich sein eigenes Bild macht und dieses überprüft, sind ja nur erste Phasen auf dem Weg zur Wirklichkeit. Würde jeder sich mit der eigenen Sicht begnügen, gäbe es so viele verschiedene Meinungen, wie es Menschen gibt.16 So beschränkt aber urteilt kein psychisch gesunder Mensch. Je selbstständiger und aufgeschlossener jemand ist, desto (selbst-)kritischer wird er seine Sicht zum überkommenen Wissensschatz in Beziehung setzen, und desto umfassender wird er sich mit Anderen austauschen. Er nimmt ihre Stimmungen, ihre Gedanken und Pläne, ihre Erfahrungen und Urteile wahr und teilt ihnen die eigenen mit. Er lernt von ihnen, er berät sich mit ihnen und vergewissert sich.17

In einigen Punkten bleibt sein Bild verschieden von dem der Anderen; insoweit behält jeder seine eigene Sicht. In weiteren Punkten aber präzisiert oder revidiert er seine Darstellung oder erreicht, dass Andere ihm beipflichten. Gemeinsam bezeichnen sie eine Offenbarung als überwältigend, eine Hoffnung oder Angst als berechtigt, eine Theorie als plausibel, eine Kraft als wirksam, eine Norm als gültig, eine Darstellung oder ein Urteil als zutreffend, einen Plan als durchführbar. Sie verharren nicht in persönlichem Nützlichkeitsstreben, sondern verständigen sich über die umfassende Lebensdienlichkeit18 der gemeinsamen Darstellung. Soweit die Mitteilungen, die sie einander geben, übereinstimmen, erreichen die Beteiligten gemeinsame Bilder des äußerlich ebenso wie des innerlich Wahrgenommenen.

Die dargestellten drei Phasen sind nicht Strecken einer Einbahnstraße, die man ein für alle Mal zurücklegt, sondern Teile einer spiralförmigen Bewegung, die die aktiv Beteiligten immer wieder, aber mit – meist nur unmerklich – sich weitendem und schärfendem Blick durchlaufen.


Kommunikation erfordert Darstellung

In der dritten Phase der Wirklichkeitserfassung kommt die Kommunikation ins Spiel. Kommunikation setzt voraus, dass Menschen ihren Eindruck von der Wirklichkeit äußern, sei es durch Mimik, Gesten oder durch Bilder (im Wortsinn), sei es durch Laute oder insbesondere durch die Sprache. Auch eine sich neu zeigende oder völlig neu entstehende Wirklichkeit19 kann von Menschen nur als solche erfasst werden, wenn sie durch Mittel der bestehenden Wirklichkeit dargestellt und ihnen nahegebracht wird.

Nur Äußerungen und Darstellungen20 können von Anderen wahrgenommen, können (z.B. auf Bild- und Tonträgern, schriftlich oder digital) gespeichert, vervielfältigt und über Generationen und Kontinente weitergegeben werden. Nur die geäußerte oder dargestellte Empfindung, Beobachtung, Hypothese, Theorie, Vermutung kann durch Andere nachgefühlt, verglichen, verstanden, überprüft, kritisch diskutiert und – ggf. gemeinsam mit dem Autor – bestätigt, weiterentwickelt oder durch eine weitgehend neue Darstellung ersetzt werden. Nichts anderes geschieht z.B. in der Wissenschaft oder in der Rechtsprechung.


Der Ort der Wahrheit

Hier erst stellt sich eigentlich die Wahrheitsfrage. Nur eine Darstellung kann wahr oder falsch sein. Das gilt für Bilder, die geschönt, gefälscht oder auch nur verwechselt werden können. Das gilt aber ganz besonders für sprachliche Darstellungen.21

Wahrheit entsteht nicht durch die Angleichung zwischen Sache und Erkenntnis, sondern durch die Angleichung zwischen Darstellungen von Erkenntnissen. Erst eine übereinstimmende, in der Regel sprachliche Darstellung durch viele, die sich am kritischen Diskurs22 beteiligen, kann mit gewissem Recht als wahres Bild der »Wirklichkeit« bezeichnet werden.


Entscheidend ist die Gemeinsamkeit

Auf die Übereinstimmung, auf die Gemeinsamkeit kommt es an, wenn Menschen ein wahres Bild der »Wirklichkeit« gewinnen wollen.23 Das gilt auch für alle Elemente, die mit zur »Wirklichkeit« gehören, z.B. für die Vielzahl der Möglichkeiten, aus denen die jeweils eine »Wirklichkeit« erwachsen ist, und der Möglichkeiten, die der jeweiligen Gegenwart offenstehen, ferner für alle Wirkkräfte, die die bislang wahrgenommene »Wirklichkeit« bewirkt haben, und die Kräfte, die sie künftig weiter verändern werden. Es sind zuerst Einzelne, die eine Möglichkeit erkennen und ergreifen, die Wirkkräfte (insbesondere die eigenen) nutzen. Welche Möglichkeiten aber jeweils »wirklich« bestanden haben und welche Kräfte »wirklich« eine Veränderung herbeiführ(t)en, das lässt sich nur durch eine gemeinsame Beurteilung klären.

Die Gemeinsamkeit entsteht durch einen dynamischen, nicht regulierbaren Lebensprozess. Im Alltag, wo es auf äußerste Genauigkeit und auf das völlige Verstehen niemals ankommt, entsteht und besteht die Gemeinsamkeit wie selbstverständlich durch Erziehung, Bildung und informelle Verständigung. In der Wissenschaft entsteht sie, wie Karl Popper herausgearbeitet hat, durch trial and error24 und durch die »kritische Diskussion«25, die überlieferte Theorien auf den Prüfstand stellt und entweder erhärtet und weiterentwickelt oder widerlegt und durch überzeugendere ersetzt.26 So haben z.B. im 20. Jh. Quantenphysiker die bis dahin geltende strikte Unterscheidung zwischen Welle und Korpuskel aufgegeben und betrachten bestimmte Veränderungen im subatomaren Bereich nicht mehr als determiniert, sondern nur noch als wahrscheinlich.27


Gefährdete Verständigung

Aber auch in der Wissenschaft gibt es kein Verfahren, durch das »die Wirklichkeit« oder »die Wahrheit« abschließend festgestellt werden könnte. Weil die Wirklichkeit ständig im Fluss ist, können bestenfalls »Momentaufnahmen« der aktuell gegenwärtigen Wirklichkeit, meist aber nur Bilder der vergangenen Wirklichkeit dargestellt werden, und verständigen können sich darüber immer nur Teilgemeinschaften, nie alle Menschen. Außerdem ist die Verständigung vielfach durch zu ungleiche Machtverhältnisse gefährdet.28

Nie kann die von Jürgen Habermas postulierte »ideale Sprechsituation« gewährleistet sein, in der alle Diskursteilnehmer die gleiche Chance haben, (1) ein Gespräch herbeizuführen, (2) Vormeinungen zu problematisieren, (3) Gefühle und Intentionen auszudrücken und in der sie (4) keinen einseitigen Zwängen unterworfen sind.29 Nie kann eine förmliche Abstimmung über Wahrheit oder Wirklichkeit entscheiden; denn die Zahl der Menschen, die an dem Verständigungsprozess mitwirken dürfen, ist – im Gegensatz zu demokratischen Entscheidungen in der Politik – nicht abgrenzbar30 und nie in Gänze erfassbar. Erfassbar sind bestenfalls Teilgruppen, etwa die Teilnehmer eines internationalen Fachkongresses.

Darum gibt es bei keiner ernst zu nehmenden Darstellung der Wirklichkeit die Art von Richtigkeit, die mathematischen Relationen eignet. Dass 2 kg doppelt so viel wiegen wie 1 kg, ist schlicht richtig; ob aber eine Menge Reis 1 kg wiegt, lässt sich immer nur ungenau ermitteln. Doch eine derartige Ungenauigkeit reicht für das praktische Leben völlig aus. Auch die präziseste Technik und die »exakte« Naturwissenschaft arbeiten immer mit einer Fehlertoleranz oder begnügen sich mit Wahrscheinlichkeiten.

Jede Präzisierung oder Korrektur der Wirklichkeitsdarstellung und damit auch jede neue Wahrheit entsteht in den dargestellten Phasen. Zunächst ist sie immer die Darstellung eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe; sie ist auch bei großer Gemeinsamkeit immer relativ und unvollständig, sie ist immer auf Akzeptanz durch die Übrigen angewiesen und immer nur vorläufig, nämlich bis zu einem überzeugenden Widerspruch gültig.


Jedes Bild bleibt vorläufig

Was möglichst viele Menschen übereinstimmend darstellen, ist zwar immer noch nicht »die Wirklichkeit selbst«, sondern es bleibt eine gedeutete »Wirklichkeit«. Andere Menschen können die Wirklichkeit anders deuten. Es bleibt eine Pluralität – nicht von Wirklichkeiten31, aber von Wirklichkeitsbildern, und zwar von stets zeitgebundenen, vorläufigen Bildern. »Aller Erkenntnisfortschritt besteht in der Verbesserung des vorhandenen Wissens in der Hoffnung, der Wahrheit näher zu kommen.«32 Es bleibt die »Endgültigkeit der Vorläufigkeit«.33 Eine andere Wirklichkeit, andere als immer nur annähernd wahre und richtige gemeinsame Bilder von der »Wirklichkeit« haben wir nicht und werden wir auch in fernster Zukunft nicht erlangen!

Die meisten Detaildarstellungen, z.B. in der Geschichtswissenschaft, können keine Endgültigkeit beanspruchen, sondern müssen eine lange Zeit, viele sogar dauerhaft in der Schwebe bleiben. Auch die beste empirische Wissenschaft erreicht immer nur »Vermutungswissen«34, bestenfalls eine »Annäherung an die Wahrheit«35, aber nie die Wahrheit selbst. Jedes Forschungsergebnis kann auf ungeklärten Hypothesen fußen oder neue Hypothesen auslösen, die ihrerseits überprüft werden müssen. Kein Sachverhalt in einem Vortrag, einem Lehrbuch, einer Fachveröffentlichung oder einem Presseartikel ist einfach »die Wahrheit«, sondern immer nur die Meinung des Autors; damit stets kritisch umzugehen und den dafür nötigen Streit zu ertragen, müssen Studierende und Leser mühsam lernen! Jeder Richterspruch kann im Berufungs- oder Wiederaufnahmeverfahren geändert werden, und auch ein höchstrichterliches Urteil kann sich später als irrig erweisen. Der Weg zum gemeinsamen Bild geht also, so lange es Menschen gibt, nie zu Ende. Wirklichkeit und Wahrheit bleiben Grenzbegriffe: nie endgültig erreichbar, dennoch immer anzustreben.

Diese Vorläufigkeit jeder Erkenntnis muss aber nicht immer hervorgehoben werden. Das praktische Leben erfordert eine einfache Sprache. Deshalb bleibt es im Alltag legitim, das gemeinsame Bild des Wahrgenommenen, über das sich vermutlich eine weltweite Mehrheit von Menschen einig ist, einfach als »die Wirklichkeit« zu bezeichnen.


Gemeinsamkeit auch beim Sprachgebrauch

Dass die Gemeinsamkeit entscheidend ist, gilt nicht nur für die Richtung der Wahrnehmung, also dafür, dass sich viele mit demselben Gegenstand beschäftigen. Es gilt genauso für die Mittel und Methoden der Wahrnehmung und der Darstellung des Wahrgenommenen. Darum gehört zu jeder wissenschaftlichen Arbeit die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse. Die Mittel und Verfahren, mit denen der äußere Gegenstand erfasst wird, müssen so offengelegt werden, dass Andere die Beobachtung wiederholen können. Und die Mittel und Methoden der Darstellung müssen für alle Interessierten verständlich sein. Die Beteiligten müssen sich also z.B. über die Sprache verständigen, die sie verwenden, und die Verständigung ist ihrerseits auf Sprache angewiesen – auf diese Dialektik hat Karl-Otto Apel aufmerksam gemacht36. Bringen sie ihre Sicht mit Wörtern der allgemeinen Sprache zum Ausdruck, so dürfen sie diesen Wörtern keine – etwa aus religiösen oder philosophischen Gründen – neu gesetzte Bedeutung geben (das wäre linguistischer Konstruktivismus). Gerade die Sprache steht und fällt damit, dass sie der Willkür Einzelner oder auch von Gruppen entzogen bleibt. Sie lebt von der Übereinkunft aller, die sie sprechen. Das gilt auch für Schlüsselbegriffe der Geschichtswissenschaft wie Ereignis, Geschehen, Tatsache, Wirklichkeit, Wahrheit usw.37

Natürlich muss auch die Verständigung darüber, ob der hier vertretene Wirklichkeitsbegriff tragfähig und gültig ist, weitergehen. Der Philosoph Kurt Hübner hat Recht darin, »dass alle Ontologien kontingent sind und keine eine notwendige Geltung hat«.38 Aber auch Ludwig Wittgenstein hat Recht: »Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – ›Wissen‹, ›Sein‹, ›Gegenstand‹, ›Ich‹, ›Satz‹, ›Name‹ – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht?«39 Und das gilt nicht nur für die Philosophie. Hübners Toleranzprinzip kann keiner Wissenschaft ersparen, Klarheit darüber zu suchen, welches Wirklichkeitsverständnis in der Gesellschaft, deren Sprache sie verwendet, als gültig angesehen wird.


Zwei Wirklichkeiten?

Es ist zwar unter Christen – ebenso wie in den anderen monotheistischen Religionen – bis heute herrschende Meinung, dass es über die Wirklichkeit hinaus, die Menschen wahrnehmen, einen für irdische Wesen unsichtbaren Bereich gebe, den Bereich Gottes. Diese Vorstellung ist fest mit dem antiken Weltbild verknüpft. Für Jesus und die Mehrheit seiner jüdischen Zeitgenossen war sie selbstverständlich. Aber nicht diese zeitgebundene Vorstellung stand im Zentrum seiner Lebensbotschaft, d.h. seines Verhaltens und seiner Verkündigung. Das Engagement und der missionarische Einsatz Jesu und seiner Anhänger galten der Botschaft, dass Gott nicht nur ein Freund der Frommen ist, sondern erst recht für die Schwachen und Bedrückten Partei ergreift.

Dennoch gilt in der theologischen Literatur auch im 20./21. Jh. weithin die Vorstellung einer ganz anderen Wirklichkeit, die neben der jetzt wahrnehmbaren bestehe oder einst von Gott geschaffen werde, als konstitutiv für den Christenglauben. Zu den Autoren, die grundsätzlich den doppelten Wirklichkeitsbegriff vertreten, zählen u.a. Stefan Alkier40, Wolfgang Beinert41, Ottmar Fuchs42, Wilfried Härle43, Wolfgang Huber44, Isolde Karle45, Hans Kessler46, Friedrich-Wilhelm Marquardt47, Wolfhart Pannenberg48, Udo Schnelle49, Hans Schwarz50 und Günter Thomas51.


Das Recht der Fantasie

Der Auffassung, es gebe zwei Wirklichkeiten, liegt eine unleugbare Wahrheit zu Grunde: Niemand kann beweisen, dass es nur die irdisch wahrnehmbare Wirklichkeit »gibt«. Mindestens in Gestalt von Halluzinationen, Visionen oder Offenbarungen, die dem Menschen widerfahren, oder in Gestalt von Gedanken, Träumen, Fantasien, die er selbst herbeiführen kann, gibt es Dinge, Kräfte, Vorgänge u.ä., die nicht nur vorläufig, sondern prinzipiell über die Wirklichkeit hinausgehen. In Bildern und Texten, in Trickfilmen und Computersimulationen lässt sich fast jede Fiktion, jede geträumte oder fantasierte Vorstellung darstellen. Doch »wirklich« sind daran zwar der kreative, fantasievolle Mensch und die Darstellung des Widerfahrenen oder Fantasierten (z.B. die Berichte über Zukunftsvisionen der Propheten oder des Sehers Johannes), wenigstens für ihn persönlich sind auch die Widerfahrnisse wirklich, die er wahrnimmt oder erinnert und die ihn vielleicht in Angst oder Euphorie versetzen, aber wirklich ist nicht das Geschaute oder Fantasierte selbst. Gedanken und Ideen, Geschautes, Fantasiertes und Fiktives sind Seiendes. Alle diese Phänomene haben teil am umfassenden »Sein«, mit dem sich die Ontologie beschäftigt. Aber eine nur innerlich geschaute, fiktive oder virtuelle Welt ist keine im Sinne der Alltagssprache wirkliche Welt.52

Die Fantasie muss frei bleiben. Niemand wird ihr das Recht absprechen, sich einen sinnlich nicht wahrnehmbaren Bereich vorzustellen, in dem Gott und Christus leben und in den die Gläubigen einst aufgenommen werden. Fragwürdig ist es aber, in der kirchlichen Verkündigung einen virtuellen, nur in der Fantasie vorgestellten Bereich als Wirklichkeit zu bezeichnen. Denn ein solcher Wortgebrauch ist Teil einer Binnensprache der Glaubensfesten, einer Sprache, die es erschwert, Außenstehende zu erreichen. Vor allem behindert dieser Wortgebrauch die Verständigung mit den zweifelnden und distanzierten Christen und mit den Nichtchristen in unserer heutigen Gesellschaft. Die haben nämlich einen anderen Wirklichkeitsbegriff. Sie verstehen unter Wirklichkeit das, was Menschen (direkt oder indirekt) wahrnehmen können. Kant formulierte 1781: »Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich.«53 Dass es beim Begriff »Wirklichkeit« entscheidend auf die menschliche Wahrnehmung ankommt, hebt auch das Grimmsche Wörterbuch hervor: »Wirklichkeit« werde im jüngeren Neuhochdeutschen hauptsächlich »von handlungen und dingen« ausgesagt, »die eine sinnlich wahrnehmbare realität besitzen«54. Der Duden von 2012 definiert Wirklichkeit als »Bereich dessen, was als Gegebenheit, Erscheinung wahrnehmbar, erfahrbar ist«55.


Wirklichkeit und Jenseits

Um die Verständigungsbrücke zu Außenstehenden und Schwachverbundenen aufrecht zu erhalten, muss man deren Wortverständnis respektieren. Spricht man ihnen gegenüber von einer unsichtbaren zweiten Wirklichkeit, so erweckt man den Eindruck, der Glaube sei ein Wahrnehmungsorgan höherer Art, das noch eine andere als die irdisch wahrnehmbare Wirklichkeit erschließe. Diesen Eindruck sollten Christen vermeiden und deshalb alles, was über die gemeinsam wahrnehmbare Wirklichkeit hinaus gemeint ist, nicht als wirklich, sondern als jenseitig bezeichnen. Der Begriff »Jenseits«56 hat den Vorzug, dass er, für sich genommen, keinerlei inhaltliche Festlegungen enthält, sondern nur klarstellt, dass etwas gemeint ist, das den Horizont menschlicher Wahrnehmung überschreitet. Deshalb sollte man auf Erörterungen über eine »Wirklichkeit« des Jenseits verzichten.

Auch Theologen sollten also nur das als wirklich oder tatsächlich bezeichnen, was übereinstimmender menschlicher Wahrnehmung zugänglich ist. Auch Vorgänge wie die Ostererscheinungen oder die Auferstehung Jesu, die nicht gleichartig mit sonst bekanntem Geschehen sind, können wir Heutigen nur dann sinnvoll als »tatsächlich« oder »wirklich« geschehen bezeichnen, wenn mehrere Menschen bezeugen, dass sie sie persönlich wahrgenommen haben.57 Eine andere Tatsächlichkeit oder Wirklichkeit haben wir nicht.

Wir sollten auch nicht mehr von der »Wirklichkeit«, dem »Sein« oder der »Existenz« Gottes sprechen. Auf diesen Sprachgebrauch zu verzichten, bedeutet ja nicht, jegliche Plausibilität der Rede von Gott preiszugeben. Es bedeutet nur, Gott nicht in ein ontologisches Denk- und Begriffssystem einzuordnen. Der Verzicht fordert stattdessen dazu heraus, die erschütternden Transzendenzerfahrungen, die Menschen zu allen Zeiten bezeugt haben und bezeugen, so zu durchdenken, dass die Jenseitigkeit Gottes respektiert bleibt.

Der christliche Glaube erschließt nicht eine zweite Wirklichkeit, sondern eine besondere Beziehung, in der die eine Wirklichkeit steht, nämlich die Beziehung zu dem, »was den Menschen letztlich angeht«58, zum Grund allen Seins. Ich halte es deshalb für unerlässlich, den Zugang zur Wirklichkeit auf dem oben beschriebenen prinzipiell unabgeschlossenen Weg zu suchen und nur das, was möglichst viele übereinstimmend als ihre Wahrnehmung zum Ausdruck bringen, als Wirklichkeit oder Realität zu bezeichnen.


Anmerkungen:

1 Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Satz 1, in: Ders., Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M. 1984, 11.

2 So schon 1956 Gerhard Ebeling, Theologie und Wirklichkeit, in: Ders., Wort und Glaube, Tübingen (1960) 31967, 192-202, hier: 201

3 Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 21965, 450. Gegen Gadamers Andeutung allerdings, es gebe eine »Sprache, die die Dinge führen« (a.a.O., 451), weist Matthias Jung mit Recht darauf hin, »dass nicht die Dinge eine Sprache führen, sondern Menschen« (M. Jung, Hermeneutik zur Einführung, Hamburg (2001) 42012, 135). Präziser auch Christof Landmesser (*1959): »Sprache, Wirklichkeit und Wahrheit bilden einen unhintergehbaren Zusammenhang.« (Wahrheit als Grundbegriff neutestamentlicher Wissenschaft, Tübingen 1999, 5; vgl. 100-107).

4 Richard M. Rorty, The Linguistic Turn. Recent Essays in Philosophical Method, Chicago 1967.

5 So Paul Tillich, Wesen und Wandel des Glaubens, in: Gesammelte Werke Bd. VIII, Stuttgart 1970, 111-196. 140; vgl. Ders., Systematische Theologie I, Stuttgart 1955, 282-297; zum Symbolbegriff auch Wilfried Härle, Warum Gott? Für Menschen, die mehr wissen wollen, Leipzig 2013, 40-43; Hubertus Halbfas, Religiöse Sprachlehre. Theorie und Praxis, Ostfildern 2012, 57-74.

6 Anders Dietz Lange, der zwischen »Sache« und »Symbol« zu stark trennt (Glaubenslehre, Tübingen 2001, Bd. I, 144).

7 Karl Popper, Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf (Objective Knowledge 1972), dt. Hamburg 1973, 85; vgl. 43, 77, 86, 121, 285ff. Popper setzt der »Kübeltheorie« seine »Scheinwerfertheorie« entgegen (a.a.O., 369ff).

8 Ernst von Glaserfeld, Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: Paul Watzlawick (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus, München/Zürich 1981, 16-38, hier: 23; vgl. 37. Vgl. dazu Birgitta Annette und Joachim Weinhardt (Hrsg.), Naturwissenschaften und Theologie II. Wirklichkeit: Phänomene, Konstruktionen, Transzendenzen, Stuttgart 2014, 13-107; Wilfried Härle, Die Wirklichkeit – Unser Konstrukt oder widerständige Realität?, in: Gesche Linde u.a. (Hrsg.), Theologie zwischen Pragmatismus und Existenzdenken. FS für Hermann Deuser, Marburg 2006, 163-173, hier: 164ff.

9 Folkart Wittekind z.B. versteht »unsere Welt« im Anschluss an Umberto Eco als »Wald der Fiktionen« (Zwischen Deutung und Wirklichkeit. Überlegungen zum Bildcharakter eschatologischer Aussagen, in: Ulrich H.J. Körtner, Die Gegenwart der Zukunft. Geschichte und Eschatologie, Neukirchen 2008, 29-54, hier: 50). Ähnlich stellt auch Wolfhart Pannenberg fest: »Der Unterschied von Faktum und Bedeutung gehört analog demjenigen von Glaubensgrund und Glaubensgedanken selber zum Instrumentarium der jeweiligen Auslegung.« (Systematische Theologie, Göttingen 1988-1993, Bd. IIII, 180) Seiner Behauptung, »die Bedeutung eignet der Tatsache selbst, wird nicht erst durch die Deutungen erzeugt« (ebd.), widerspreche ich aber: Nicht Tatsachen werden gedeutet, sondern Wahrnehmungen. »Tatsache« oder »Wirklichkeit« sind umgangssprachliche Ausdrücke für gemeinsam gedeutete Wahrnehmungen.

10 »adaequatio rei et intellectus« (Thomas von Aquin, Quaestiones disputatae de veritate q.1.a.1, zit. Wikipedia s.v. Wahrheit).

11 Wilfried Härle, Dogmatik, Berlin/New York 22000, 205f. Übrigens stellte schon Kant klar, dass »wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, sondern nur so fern es Object der sinnlichen Anschauung ist, d.i. als Erscheinung, Erkenntniß haben können«, fügte aber hinzu, »daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können.« (Immanuel Kant, Critik der reinen Vernunft, Riga 21787, Vorrede XXVI).

12 Sogar Karl Popper vermutet, »dass wissenschaftliche Forschung, psychologisch gesehen, ohne einen wissenschaftlich indiskutablen, also, wenn man will, ›metaphysischen‹ Glauben … wohl gar nicht möglich ist.« (Logik der Forschung (engl. 1935), dt. Tübingen 31969, 13).

13 Umberto Eco, Kant und das Schnabeltier, München 2000, 65.

14 Die Differenz zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Halluzinations- und ähnlichen Ausnahmeerlebnissen erörtert Steffen Kluck (Pathologien der Wirklichkeit. Ein phänomenologischer Beitrag zur Wahrnehmungstheorie und zur Ontologie der Lebenswelt, Freiburg/München 2014, 21ff, 100ff, 122ff, 206-266).

15 Peter Lampe, Die Wirklichkeit als Bild. Das Neue Testament als ein Grunddokument abendländischer Kultur im Lichte konstruktivistischer Epistemologie und Wissenssoziologie, Neukirchen 2006, 28.

16 Deshalb gibt die Erkenntnis aus erster Hand eben noch keine Gewissheit (gegen Härle, Dogmatik [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden] 198; vgl. 21f und 50f).

17 Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt/M (1969) 51977, 24; 157-174 legen die »wirklichkeitsstiftende Macht des Gesprächs« (164) ausführlich dar. Der Spätkonstruktivist Siegfried J. Schmidt (Geschichten & Diskurse. Abschied vom Konstruktivismus, Hamburg 2003) arbeitet heraus, dass Menschen durch die eigene Lebensgeschichte und durch fremde Lebensgeschichten mit Anderen zusammenwirken (48-52) und die Geschichten durch Diskurse deuten (52f). Deshalb sei Ausgangspunkt aller »Wirklichkeitsmodelle« (31, 34ff) nicht der traditionelle »Dualismus« (92ff), die »Separierung von Individuum und Gesellschaft« (57), sondern der Wirkungszusammenhang der »Geschichten & Diskurse« (48ff; vgl. 108-140), durch den »kollektives Wissen aufgebaut« werde (34f; vgl. 128ff).

18 1957 nannte Georg Picht als sein persönliches Ziel, »die Wirklichkeit von Wort und Gedanken Tag für Tag in der Gestaltung des Lebens einer Gemeinschaft zu bewähren« (G. Picht, Aus dem Tagebuch eines Schulleiters, in: Erich Boehringer (Hrsg.), Robert Boehringer. Eine Freundesgabe, Tübingen 1957, 511-524, hier: 513). Daran anknüpfend definierte 1994 Hans-Jürgen Fischbeck: »Wahr ist, was dem Leben dient« (H.-J. Fischbeck, Wissenschaft und Wahrheit, in: Dürr/Fischbeck (Hrsg.), Wirklichkeit, Wahrheit, Werte und die Wissenschaft, Berlin 2003, 35-48, hier: 46ff; vgl. Briefwechsel, a.a.O., 89ff). Zum Kriterium der Lebensdienlichkeit ferner: Lampe, Die Wirklichkeit als Bild [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 68 u. 174; Bruno Brülisauer, Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie, Stuttgart 2008, 240f.

19 Wolf Krötke sieht z.B. das geschichtliche Handeln Gottes in Jesus Christus »als ein Schaffen Gottes aus dem Nichts heraus« (Was ist »wirklich«? Der notwendige Beitrag der Theologie zum Wirklichkeitsverständnis unserer Zeit, Antrittsvorlesung 1. Februar 1995, Berlin 1996, 15); für ihn erschließt Offenbarung schlechthin Neues (12).

20 Berger/Luckmann [s.o. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden] sprechen in sehr ähnlichem Sinne von »Objektivationen« (22, 24, 36-41, 69-80, 112-114, 135-137 u.ö.).

21 Habermas definiert: »Wahrheit ist ein Geltungsanspruch, den wir mit Aussagen verbinden, indem wir sie behaupten.« (Jürgen Habermas, Wahrheitstheorien, in: Wirklichkeit und Reflexion. W. Schulz zum 60. Geburtstag, Pfullingen 1973, 211-265, hier: 212; vgl. Peter Janich, Was ist Wahrheit? Eine philosophische Einführung, München 1996, 35, 110-117).

22 »Diskurse sind keine (tatsächlichen) Diskussionen, sondern … idealisierte Argumentationsgänge zur Begründung oder Widerlegung von Behauptungen.« (Janich, Was ist Wahrheit?, 114).

23 »Wird ein Wahrheitsanspruch erhoben, dann soll die Zustimmung aller an einem Diskurs Beteiligten erreicht werden.« (Landmesser, Wahrheit [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 103). »Erst durch Gemeinschaft – nämlich die Gemeinschaft derer, die miteinander sprechen und sich auf Wirklichkeit verständigen –, haben Menschen den Zugang zu ›Wirklichkeit‹, der für das Mensch-Sein grundlegend ist.« (Andreas Feldtkeller, Warum denn Religion? Eine Begründung, Gütersloh 2006, 70; vgl. 156ff). Ähnlich Gianni Vattimo in einem Gespräch mit Richard Rorty und Santiago Zabala: »Wir sagen, dass wir das Wesen der Wirklichkeit gefunden haben, wenn wir übereinstimmen.« (Rorty/Vattimo, Die Zukunft der Religion, hrsg. von Santiago Zabala (Il futuro della religione, Milano 2004), dt. Frankfurt/M. 2006, 68). Auch Steffen Kluck (Pathologien der Wirklichkeit [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 101) betont »die große Sphäre der Gemeinsamkeit«: »Die Lebenswelt erweist sich als wesentlich gemeinsame, geteilte.« Härle dagegen sieht den Bezug zur Gemeinschaft nur als »eine brauchbare Brücke, um sich der Differenz zwischen Wesen und Erscheinung zu nähern« (Dogmatik [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 50; vgl. auch 198). Aber das »Wesen« der Dinge oder des christlichen Glaubens, das Härle (Dogmatik, 79, vgl. 74) klären will, ist nicht vorgegeben wie bei Plato die Idee, sondern es entsteht erst durch die Verständigung der Wahrnehmenden!

24 Popper, Logik der Forschung [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 15: »Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können.« Poppers Methode der Falsifikation hat als Ziel »nicht die Rettung unhaltbarer Systeme«, »sondern: in möglichst strengem Wettbewerb das relativ haltbarste auszuwählen.« (a.a.O., 16).

25 Popper, Objektive Erkenntnis [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 39, 42, 80, 84, 96f, 143f; Jörg Lauster erwähnt den Diskurs, der zum Konsens oder Dissens führen kann (Prinzip und Methode. Die Transformation des protestantischen Schriftprinzips durch die historische Kritik von Schleiermacher bis zur Gegenwart, Tübingen 2004, 460f, vgl. 466), und die intersubjektive Kommunikation (468).

26 Popper spricht von »Versuch und Irrtumsberichtigung« (Objektive Erkenntnis [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 28f, 33, 37, 39; vgl. 124, 138, 140, 143).

27 Hans-Peter Dürr, Die ontologische Revolution durch die Quantentheorie und die Erneuerung der Naturwissenschaft, in: Hans-Peter Dürr/Hans-Jürgen Fischbeck (Hrsg.), Wirklichkeit, Wahrheit, Werte und die Wissenschaft. Ein Beitrag zum Diskurs »Neue Aufklärung«, Berlin 2003, 23-34; hier: 27.

28 Michel Foucault, Dispositive der Macht, Berlin 1978, 51; Schmidt [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 150.

29 Habermas, Wahrheitstheorien [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 255f; dazu Lampe, Die Wirklichkeit als Bild [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 36-39.

30 Wer könnte entscheiden, welche Forscher die »wirklich kompetenten« sind? (Gg. Hans Moser, Verfügungswissen und Orientierungswissen, in: Dürr/Fischbeck [s.o. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 69-82; hier: 71).

31 Berger/Luckmann [s.o. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden] sprechen von »vielen Wirklichkeiten« (24).

32 Popper, Objektive Erkenntnis [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 86; vgl. 57, 60, 69f, 97. Popper spricht auch vom Streben nach mehr »Wahrheitsähnlichkeit« (a.a.O., 70; vgl. 62, 65-67, 71ff, 86).

33 Schmidt [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 151f.

34 Popper, Objektive Erkenntnis, 13, vgl. 21f, 25, 42, 53, 60, 71, 90, 94 u.ö.

35 Popper, Objektive Erkenntnis, 69ff.

36 Für Apel beruht die Wahrheitsgeltung jeder sprachlichen Äußerung auf der »intersubjektiven Konsensbildung aufgrund sprachlicher (argumentativer) Verständigung« (Karl-Otto Apel, Sprache als Thema und Medium der transzendentalen Reflexion (1968), in: Ders., Transformation der Philosophie, Bd. 2, Frankfurt/M. (1976) 51993, 311-329; hier: 312), und zwar in einer kritischen und sprachenübergreifend »unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft« (Transformation, 353; vgl. 222f, 225, 228, 230, 328f, 348, 354ff).

37 Hier findet m.E. auch die Auseinandersetzung zwischen der christlichen Theologie und der übrigen Wissenschaft über das Wirklichkeitsverständnis, die Härle fordert (Dogmatik [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 17; vgl. 81-86), ihre Grenze.

38 Kurt Hübner, Glaube und Denken. Dimensionen der Wirklichkeit, Tübingen 2001, 5.

39 Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §116, in: Ders., Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt/M. 1984, 300.

40 Stefan Alkier, Die Realität der Auferweckung in, nach und mit den Schriften des Neuen Testaments, Tübingen/Basel 2009, 3.

41 Wolfgang Beinert, »Unsterblichkeit der Seele« versus »Auferweckung der Toten«?, in: Hans Kessler (Hrsg.), Auferstehung der Toten. Ein Hoffnungsentwurf im Blick heutiger Wissenschaften, Darmstadt 2004, 94-112, hier: 95: »Transempirische Sphäre«; 87: »Wirklichkeit …, die den Tod voraussetzt«; 103: »gesamte Wirklichkeit«.

42 Ottmar Fuchs, Das Jüngste Gericht. Hoffnung auf Gerechtigkeit, Regensburg 2007, 28: »kommende Welt«, in der »es nicht mehr das Böse und auch nicht mehr das Leid gibt«; »neue Welt«: 30, 35f, 176; »neue Schöpfung«: 39, 177; »Wirklichkeit« des Auferstandenen: 169, 175; das »reale Jenseits«: 171.

43 Härle, Dogmatik [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], 221.

44 Wolfgang Huber, Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung, Gütersloh 2008, 179, sieht »die verfügbare Wirklichkeit … in eine umfassendere Wirklichkeit eingebettet«.

45 Isolde Karle, »Erzählen Sie mir was vom Jenseits.« Die Bedeutung des Himmels für die religiöse Kommunikation, in: Evangelische Theologie 65 (Jg. 2005), Heft 5, 334-349, hier: 337: »Auch der unsichtbare Himmel ist von Gott geschaffen und stellt eine eigene Wirklichkeit sui generis dar.«

46 Hans Kessler, Auferstehung der Toten. Ein Hoffnungsentwurf im Blick heutiger Wissenschaften, Darmstadt 2004, 7, 297, 302ff.

47 Friedrich-Wilhelm Marquardt, Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften? Eine Eschatologie, Bd. III, Gütersloh 1996, 58: »Ereignis von der Art des ›Schaffens‹ Gottes …: ein zweites Ostern«; 163: »unbegreiflichen Wirklichkeitscharakter der Erweckung von dem Tode«.

48 Panneberg unterscheidet »das nur an dieser vergehenden Welt orientierte Verständnis von Wirklichkeit« und »die in der Auferstehung Jesu angebrochene neue Wirklichkeit« (Syst. Theol. [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], Bd. II, 404; vgl. Ders., Das Wirklichkeitsverständnis der Bibel (1961), in: Ders., Glaube und Wirklichkeit. Kleine Beiträge zum christlichen Denken, München 1975, 18-30, hier: 28ff), ebenso das irdische Leben und »das neue, eschatologische Leben« (Syst. Theol. Bd. II, 390; vgl. 388, 392, Bd. III, 624). Dementsprechend unterscheidet er zwischen der Wirklichkeit der Welt und der Wirklichkeit Gottes, die zwar »zur Wirklichkeit der Welt und der Geschichte gehört« (Bd. I, 69; vgl. 59, 70ff, 426), aber in ihrer vollen Wahrheit »transzendent und unerreichbar bleibt« (Bd. II, 214) und deshalb innerhalb der Geschichte immer nur vorläufig erfahren werden kann (Bd. I, 65; vgl. 412f).

49 Durch die mythische Vergottung Jesu »wird die Geschichte … nicht aufgehoben, sondern in eine übergreifende Wirklichkeit integriert.« (Udo Schnelle, Theologie des Neuen Testaments, Göttingen 2007, 162; vgl. 204-218).

50 Hans Schwarz, Die christliche Hoffnung. Grundkurs Eschatologie, Göttingen 2002, 60; vgl. 184.

51 Günter Thomas, »Er ist nicht hier!« Die Rede vom leeren Grab als Zeichen der neuen Schöpfung, in: Hans-Joachim Eckstein/Michael Welker (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Auferstehung, (Vorträge zweier Kolloquien von Doktorand/innen und Postdocs), Neukirchen 2002, 187; 194-220; ähnlich Günter Thomas, Neue Schöpfung. Systematisch-theologische Untersuchungen zur Hoffnung auf das »Leben in der zukünftigen Welt«, Neukirchen 2009, 162, 166f mit Fußnote 85.

52 Anders Berger/Luckmann [s.o. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], die zwar beachten wollen, »was für den gesellschaftlichen Jedermann ›wirklich‹ ist« (16), aber auch geträumten Gestalten »Wirklichkeit« zuerkennen (24). Anders auch Helmut F. Zschörner, Was bedeutet Wirklichkeit wirklich? Hamburg 2000; Zschörner versteht unter Wirklichkeit alles Seiende, von dem nur ein »sehr kleiner Ausschnitt dann auch empirisch wahrnehmbar wird oder werden kann.« (59; vgl. 114).

53 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft A 218 / B 266 (Kap. 48).

54 J. u. W. Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 30, Leipzig 1960, Sp. 584; http://www.woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GW23549 - XGW23549 unter »Wirklichkeit« 3.

55 www.duden.de/.

56 Eine gute Definition bieten Stefan Schreiber und Stefan Siemons, Was ist »Jenseits«? in: Dies. (Hrsg.), Das Jenseits. Perspektiven christlicher Theologie, Darmstadt 2003, 9.

57 Eine dahin gehende Klärung der Begriffe »Tatsächlichkeit« oder »Wirklichkeit« vermisse ich bei Pannenberg, Syst. Theol. [vgl. Anm. Fehler: Referenz nicht gefunden], Bd. II, 403f.

58 Paul Tillich, Systematische Theologie Bd. I, Stuttgart 1955, 251.


 

Über die Autorin / den Autor:

Superintendent i.R. Dr. Ernst Vielhaber, Jahrgang1934, nach Studium und Promotion zum Dr. theol. von 1963 -1970 in der Militärseelsorge tätig, danach Pfarrer in einer Neubaugemeinde in Hannover, 1979-1998 Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld am Südrand von Hamburg, 15 Jahre lang Mitglied der Landessynode der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2016

1 Kommentar zu diesem Artikel
29.12.2016 Ein Kommentar von FG "Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit hat wirklich ein Facettenkleid!" André Heller
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