Die Kompassnadel auf dem Gebiet des Religiösen zeigt seit längerem auf vermehrte »Spiritualität«. Dass dieser Begriff differenziert betrachtet werden muss, weil er als Programmbegriff sowohl für christliche Frömmigkeitspraxis als auch für nichtchristliche Formen monistischer Mystik steht, hat Werner Thiede bereits 1998 im Deutschen Pfarrerblatt dargelegt (»Spiritualität« – wes Geistes Kind? Aspekte eines inflationären Begriffs religiöser Gegenwartskultur, 338-340). Ein prominentes Beispiel für eine programmatische Vermischung der Spiritualitäten bietet der katholische Theologe Willigis Jäger OSB. Nachdem auf eine neue Veranstaltung mit ihm im Deutschen Pfarrerblatt 1/2007 ausführlich hingewiesen wurde, lohnt es sich, sein Denken hier einmal näher in den Blick zu nehmen. Warum dies aus der Perspektive christlicher Theologie ein kritischer Blick sein müsse, will Thiede in den folgenden Ausführungen begründen.


Jägers Büchlein »Aufbruch in ein neues Land« (2003) führt in sein Denken ein – und deutet schon im Titel an: Hier geht es um ein neues, anderes Paradigma, um ein anderes Gesamtverständnis von Wirklichkeit als das von abendländischer Spiritualität vorwiegend tradierte. Um was geht es? »Die Welle ist das Meer«, heißt ein anderes Taschenbuch von Willigis Jäger; es trägt den Untertitel: »Mystische Spiritualität« (2000). Die Welle ist freilich nicht das Meer, so wenig der Hügel das Gebirge ist, sondern ein winzig kleiner Bestandteil davon. Jäger meint seine Aussage bildhaft: Sie steht für sein weltanschauliches Programm eines spirituellen Monismus. Demgemäß behauptet er: »Das Ich der Welle verfließt, und an seiner statt erfährt das Meer sich als Welle. … Alles ist Welle und Ozean zugleich. Alles ist Ausdrucksform dieser einen Wirklichkeit.«
Solcher Monismus klingt eingängig und hat berühmte philosophische, theosophische und religiöse Väter und Mütter. Jäger beispielsweise kann ihn auch wie folgt formulieren: »Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt. Der Komponist steht nicht außerhalb und dirigiert. Er erklingt als diese Symphonie. Er ist ihre Musik, und alle Formen sind nur Noten. Was wir Gott nennen, erschafft sich Augenblick für Augenblick neu.«


Spiritueller Monismus vs. biblische Tradition und altkirchliche Theologie

Mit biblisch verantwortetem Denken ist solch spiritueller Monismus bei näherem Zusehen freilich nicht kompatibel – allenfalls um den Preis massiver Umdeutungen, die christlichen Glauben von seinen Grundlagen in der Heiligen Schrift und den altkirchlichen Bekenntnissen entfremden. Denn Monismus als Weltanschauung vermischt programmatisch, was christliche Tradition von jeher unterschieden hat und stringent unterscheiden muss, will sie ihre Kernaussagen und deren Grammatik nicht preisgeben: Schöpfer und Schöpfung, Gottesnatur und Menschennatur, Gottesgeist und Menschengeist, Erlöser und Erlöste.
Die biblischen Aussagen über Jesu Kommen als Christus, über seinen Kreuzestod, über seine Auferstehung als Anfang universaler Erlösung werden im Rahmen des monistischen Paradigmas ebenso sinnlos und daher uminterpretiert wie das mit ihnen zusammenhängende Menschen-, Welt- und Gottesbild insgesamt. Beispielsweise bezieht Jäger die berühmten Paradoxien des Chalcedonense monistisch auf den ganzen Kosmos – als sei dies eine theologisch legitime Variante christlichen Glaubens! In Wahrheit wird durch diese andere »Schaltung« das altkirchliche Dogma von Chalcedon gerade ausgehebelt, seines Sinnes beraubt.
Auch lässt sich im Horizont eines spirituellen Monismus zwar noch von »Trinität« reden, aber nur in symbolischen Umdeutungen, denen der biblisch fundierte Gehalt zum Opfer fällt. Die Geschichte der modernen Spiritualität ist voll von solchen monistischen Versuchen und Versuchungen angesichts der nichtmonistischen christlich-kirchlichen Tradition; Willigis Jäger ist nur ein Name unter vielen, die sich hier nennen lassen. Immerhin: Auch an diesem Exempel kann man lernen – vielleicht sogar besonders gut, weil Jäger kaum mehr Rücksicht nimmt auf die Konturen authentischer christlicher Spiritualität, so dass die Konsequenzen seines monistischen Ansatzes nur wenig bemäntelt werden.


Erfahrung contra Glaube

Der 1925 in Hösbach geborene Benediktiner-Pater, der ab 1981 für rund zwei Jahrzehnte die Leitung des Hauses »St. Benedikt – Zentrum für spirituelle Wege« in Würzburg innehatte und 2001 die »Würzburger Schule der Kontemplation« gründete, vertritt die These: »Mystik ist nicht eine Sache des Glaubens, sondern der Erfahrung.«
Als ob man das so trennen könnte! Und als ob Kontemplation der eigentliche Weg zu einem höheren spirituellen Bewusstsein  wäre! Dass sich dies mitnichten von selbst versteht, erhellt aus der Tatsache, dass das Neue Testament nirgends zu methodischer Kontemplation anhält. Typisch aber ist der kontemplative Zugang im Rahmen der monistischen Sorte von Mystik. Ihr beliebt es auch, Glaubensunterscheidungen zugunsten »der« Erfahrung kleinzureden. In diesem Sinn versteht Jäger die »mystische Dimension« in den Religionen als deren »esoterischen Kern« im Gegenüber zu ihren »exoterischen«, äußeren Hüllen in ihrer Verschiedenheit. Bezeichnend ist von daher der Satz des von langjähriger Praxis geprägten Zen-Meisters: »In den östlichen spirituellen Wegen fand ich die Tiefe einer Spiritualität, die der christlichen Mystik absolut ebenbürtig ist.« Die behauptete Ebenbürtigkeit legitimiert anscheinend entsprechende Vermischungen und Gleichsetzungen.
Für ein Verständnis Gottes, das von einer »mystischen« Einheitserfahrung geprägt ist, gilt eine »transkonfessionelle« Perspektive; es ist dann egal, ob Gott »nun Parusha, Brahma, Jahwe oder Allah heißt«. Die Folgerung Jägers lautet: »Alle Religionen sind Wege zur Erfahrung des Göttlichen, aber keine von ihnen kann behaupten, den einzigen Zugang zu ihm zu besitzen.«
Dabei geht es Jäger nicht einmal um eine absolute Gleichrangigkeit der Traditionen; vielmehr vereinnahmt er die christliche Mystik für seinen aus östlicher Spiritualität gespeisten Blickwinkel. Das zeigt sich etwa daran, dass er die neutestamentlich zentrale, vor allem vom Apostel Paulus eingebrachte Versöhnungs- und Erlösungstheologie als »gewaltige Hypothek« abkanzelt. Wer so mit dem »Wort vom Kreuz« umgeht, lebt offenkundig keine Religiosität, die von jener wahren Weisheit Gottes inspiriert ist, wie sie Paulus zu Beginn des 1. Korintherbriefs anderen Weisheiten entgegenhält. Für Jäger ist die Welt nichts anderes »als die Erscheinung des Göttlichen« selbst. Deshalb versteht er auch Erlösung nicht als Überbrückung der Kluft von Schöpfer und sündiger, vergänglicher Schöpfung, sondern – in gnostischer Tradition – als »Erwachen zum wahren Wesen«.
Das biblische Menschenbild wird entsprechend umgeformt. Das normale Ich des Menschen gehört laut Jäger nicht zu seinem substanziellen Wesen; es ist eigentlich eine Illusion und »lediglich ein Funktionszentrum«, das mit dem Tod untergeht: »Was bleibt, ist unsere wahre göttliche Identität.« Denn »wir sind eine Epiphanie Gottes.« Das ist freilich eine Aussage hinduistischer, nicht aber christlicher Spiritualität. Für Jägers monistische Theologie ist alle Polarität aufgehoben: In der Einheitserfahrung gibt es kein Ich und Du mehr.


Substanzmystik oder Liebesmystik

Indes – auch biblischem Denken und namentlich einem Martin Luther ist so etwas wie »Mystik« keineswegs fremd. Doch hier gilt es formal und inhaltlich strikt zu unterscheiden. Gewiss bezieht sich Mystik auf Innerlichkeit, aber das muss keineswegs notwendig die »außergewöhnlicher Bewusstseinzustände« sein. Gewiss geht es mystischer Religiosität um »Vereinigung« mit dem »Göttlichen«; doch diese unio muss mitnichten bedeuten, dass das Subjekt im Göttlichen aufgeht und mehr oder weniger verschwindet. Grundsätzlich lassen sich insofern zwei Grundarten von Mystik unterscheiden: Substanzmystik und Liebesmystik. Wo Substanzmystik vorliegt, wird von der einen Substanz des Geistes ausgegangen, die alle Wirklichkeit monistisch umfasst und alle Unterschiede am Ende aufhebt oder deutlich relativiert – zu Gunsten des »Absoluten«. Liebesmystik hingegen hält bei aller Betonung liebender Vereinigung die Unterschiede fest, ohne die es gar keine Vereinigung Liebender gäbe. Hier ist an keine Versenkung zu denken, die das personale Element kassieren würde.
Willigis Jäger ist als Monist dem Modell der Substanzmystik zuzuordnen. Zwar kann auch er mystisch von »Liebe« reden – aber nicht ohne gänzlich monistische Intention. So erklärt er: »Nicht auf die Zweiheit der Liebenden, nicht auf ihren Dialog kommt es an. Das Wesentliche ist der Liebesakt selbst.« Dem werden Vertreter echter christlicher Liebesmystik schwerlich beipflichten. Vielmehr erhebt z.B. der katholische Theologieprofessor Gotthard Fuchs vom biblischen Glauben her entschieden Einspruch gegen Jäger: »Sind Welt und Mensch nur eine Art Durchlauferhitzer für das allumfassende gottweltliche All-Eins, in dem alles aufgehoben und dann auch verschwunden ist wie der berühmte Tropfen im Ozean? … Die Entdeckung des Personalen im Menschlichen wie im Göttlichen aber ist nicht als Durchgangsstation zu verstehen. Die Bewusstwerdung des Menschen ist kein Sündenfall… Der Gott Israels, für uns Christen konkret in der Gestalt Jesu, hat ein Gesicht und eine Geschichte; uns bleibend gegenüber und nicht zu fassen, spricht er uns doch konkret an: von Angesicht zu Angesicht, in Anruf und Gegenrede.«
Jäger indessen lehnt solches Denken ab – und kritisiert von daher insbesondere am Protestantismus, dass dieser von der Vorstellung geleitet sei, das Ich müsse vor Gott gerechtfertigt sein: »Aber das muss es gar nicht.« Demgemäß braucht es dann auch keinen Erlöser, der als Gottes Sohn zwischen Gott und Mensch die Brücke schlägt; vielmehr deutet Jäger den Begriff des »Sohnes Gottes« als eine »Bezeichnung für alle Menschen und alle Wesen«. Bedenkt man angesichts solcher Aussagen, dass Luther Mystiker war und auch die altprotestantische Orthodoxie die mystische unio kannte, dann illustriert dieser Sachverhalt: Zwischen Mystik und Mystik können Welten liegen.


Ein künftiges »Jahrhundert der Mystik und Metaphysik«?

Insofern besagt es wenig, wenn Jäger prognostiziert, unser 21. Jahrhundert werde »ein Jahrhundert der Mystik und der Metaphysik werden.« Denn es kommt dabei in nicht geringem Maße darauf an, welcher Metaphysik und welcher Mystik die Zukunft gehören wird. Die Frage nach der Religiosität und auch der Ethik, die sich spirituell stärker durchsetzen wird, drängt sich auf. Wer hier geistige Unterschiede einzuebnen versucht, der weiß im Grunde sehr genau, dass es diese Unterschiede gibt und dass sie weltanschauliches Ringen bedeuten; solches Leugnen ist nichts anderes als Ausdruck entsprechenden Ringens.
Willigis Jäger lässt sich in diesem Sinne als Kämpfer für eine ganz bestimmte, eben die monistische Variante von Mystik verstehen, die dem Geist kirchlich tradierten Christentums wenig entspricht. Insofern ist es ein Stück weit verständlich, dass der Vatikan diesem Priester im Januar 2002 ein Schweigegebot auferlegt hat. Bereits nach wenigen Monaten hat sich Jäger nicht mehr daran gehalten, sondern erklärt, er gedenke weiterhin die Wege der »christlichen Mystik« zu lehren. Nun lässt sich zwar nicht generell die Christlichkeit seiner »Mystik« in Abrede stellen; wohl aber entspricht der Konzeptrahmen, mit dem er christliche Stoffe angeht und für den er sie zurechtbürstet, kaum dem Geist der Bibel, sondern tatsächlich weit eher dem östlicher, monistischer Religiosität. Dort hat er sein Standbein, während »christliche Mystik« bei näherer Betrachtung eher Gebiet seines Spielbeins ist. Kein Wunder, dass der seit 2003 von ihm spirituell geleitete »Benediktushof« in Holzkirchen mit seinem esoterisch anmutenden Flair nicht religiös-konfessionell gebunden ist: Dort soll weitergeführt werden, was im Würzburger Haus St. Benedikt sein Ende gefunden hat.
Dass konfessionell ernsthaft gebundene Christen mit Jägers Büchern und Vorträgen Probleme haben, beruht nicht etwa auf deren Mangel an spiritueller Erleuchtung, sondern auf dem beschriebenen tiefgreifenden Paradigmenkonflikt, der theologisch wahrgenommen und begriffen werden muss, wenn es um kirchlich verantwortete Stellungnahmen geht.
Jäger argumentiert für seine monistisch-mystische Weltanschauung insbesondere mit dem Hinweis auf das moderne naturwissenschaftliche Weltbild: Dieses widerspreche mit seiner Aufhebung des grundlegenden Unterschieds zwischen Materie und Bewusstsein dem »dualistischen Ansatz« westlicher Philosophie und Theologie, die in den Gegensätzen Gott – Mensch, Leib – Seele, Diesseits – Jenseits, Subjekt – Objekt verhaftet seien. Die moderne Physik sei zu einem Bereich ungeteilter Ganzheit vorgedrungen, der allen Dingen und Geschehnissen zugrunde liege. Jägers Unterstellung jedoch, heutige Dogmatik halte lehramtlich an überholten Weltbildern fest, ist eine polemische Behauptung, ein leider oft erfolgreiches Totschlagargument, das so manche Theologinnen und Theologen im beschämten Rückblick auf die unrühmliche Rolle des kirchlichen Lehramtes gegenüber der modernen Naturwissenschaft in früherer Zeit einknicken lässt. Verkannt wird dabei der eigentlich unübersehbare Trend, zwischen Naturwissenschaft und Theologie Vermittlungen zu erarbeiten; diesem verbreiteten Versuch ist sogar ein eigenes Jahrbuch (»Glaube und Denken«) gewidmet. Verkannt wird aber vor allem, dass der monistische Denkansatz einiger namhafter Naturwissenschaftler nicht einfach bruchlos zu einem religiös-weltanschaulichen Modell umfunktioniert werden darf. Wie sich Gottes Schöpfergeist zu den quantenmechanischen Gesetzen verhalten könnte, ist ein eigener, nicht einfach zu überspringender Diskussionspunkt (darauf geht mein neues Buch »Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee« ein). Jägers Berufung auf den spirituellen Monismus einiger namhafter Physiker und Psychologen stellt einen weltanschaulichen Kunstgriff, um nicht zu sagen: Kurzschluss dar, der sich theologisch mitnichten als zwingend erweist.  
Auch liegt die von monistischer Seite gern karikierend vorgebrachte Unterstellung eines »Dualismus« im theologisch-dogmatischen Denken insofern daneben, als christliche Dogmatik in der Regel weder dualistisch noch monistisch, sondern in Wahrheit trinitarisch orientiert ist – wodurch Dualismus und Monismus in ihren Teilwahrheiten »aufgehoben« werden. Werden diese Paradigmen-Strukturen nicht durchschaut bzw. verstanden, dann mag es nahe liegen, Leute wie Willigis Jäger mit ihrer monistischen Mystik als attraktiv zu empfinden. Wo aber die Geister unterschieden werden, also an den inhaltlichen Grundentscheidungen christlichen Glaubens festgehalten werden soll, dort muss klar sein, dass die Differenz von kirchlicher Lehre und Häresie gerade auch in unserer pluralistischen Gegenwartskultur keineswegs als obsolet anzusehen und dass sie etwa im Blick auf Willigis Jägers Programm erkennbar in Anschlag zu bringen ist.

Über die Autorin / den Autor:

PD Dr. theol. habil. Werner Thiede, Privatdozent für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Theologischer Referent beim Oberkirchenrat des Kirchenkreises Regensburg. 1991 wurde er Referent an der EZW in Stuttgart, 1996–98 war er wiss. Mitarbeiter am Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur (Universität Bayreuth). 2000 Habilitation mit einer Studie zum Begriff des »kosmischen Christus« (Göttingen 2001, vergriffen). 2004 Herausgeber eines Buches über Kants Religions­philosophie. Im Frühjahr 2007 erscheinen die Bücher »Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee« (Gütersloher Verlagshaus) und »Theologie und Esoterik. Eine gegenseitige Herausforderung« (ThLZ Forum Bd. 20).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2007

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.