Am Samstag, den 2. Oktober 2021, wurden die Herren, die vor dem Tabakladen in der Landshuter Neustadt saßen und ihren morgendlichen Espresso genossen, von ungewohnten Klängen überrascht. „Großer Gott, wir loben dich“ spielte ein Bläserensemble des Dekanatsposaunenchors zur Eröffnung der ersten Pop up Kirche Bayerns. Und da pandemiebedingt zur Vermeidung größerer Menschenaufläufe die Pop up Kirche nicht nur einmal, sondern gleich fünfmal eröffnet wurde, waren die Gebete und Lieder an diesem Tag von 10 Uhr bis 17 Uhr in der Einkaufsmeile zu hören. Was aber war das für ein Laden, der da in der Neustadt 428 eröffnet wurde?

Der Dekanatsbezirk Landshut liegt im katholisch geprägten Niederbayern. Rund 26.500 Christinnen und Christen leben in den elf Kirchengemeinden des Dekanatsbezirks. Sie stellen in der Stadt Landshut ca. 13%, in den ländlichen Gebieten etwa 5% der Bevölkerung. Die älteste aktive evangelische Kirche im Dekanat ist die 1897 eingeweihte Landshuter Christuskirche, alle anderen Kirchgebäude entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Dementsprechend liegt keine der Kirchen im Zentrum der Städte und Dörfer. Die Landshuter Christuskirche könnte zwar als zentral bezeichnet werden, aber auch sie ist nicht im Altstadtkern Landshuts gelegen, sondern jenseits der Isar. Die anderen Kirchen stehen in Wohngebieten, hinter dem Sportplatz oder am Ortsrand. Der Wunsch, als evangelische Kirche einmal im Zentrum zu sein, besteht seit langem, hatte sich bisher allerdings noch nicht erfüllt.

 

Neue Gottesdienstorte gesucht

Während der Corona-Pandemie mussten viele Gemeinden im Dekanatsbezirk Landshut neue Gottesdienstorte finden. Nicht alle Kirchen waren groß genug, um mit den gebotenen Abstandsregeln genügen Platz für alle am Gottesdienst Teilnehmenden zu haben. In der Advents- und Weihnachtszeit 2020 feierten die Gemeinden Gottesdienste in öffentlichen Parkanlagen, in der Fußgängerzone, im Kirchhof oder im Pfarrgarten. Diese Gottesdienste bewirkten, dass mit dem Ortswechsel auch Menschen zum Gottesdienst kamen, die nicht zur Kerngemeinde gehörten.

Die Corona-Pandemie zeigt auch in den Gemeinden des Dekanatsbezirks Landshut gravierende Wirkungen. Das gemeindliche Leben kam in vielen Gemeinden fast zum Erliegen, auch weil Niederbayern von Beginn der Pandemie an mit hohen Inzidenzen zu kämpfen hatte. Die Chöre, Seniorennachmittage, Kindergruppen und Bibelkreise mussten über lange Zeit pausieren oder konnten sich nur in den Sommermonaten kurzzeitig treffen. Auch deshalb entstand in den Gemeinden der Wunsch, mit einer besonderen Aktion oder einem Projekt einen Impuls in die Gemeinden zu schicken, der ermutigend auf Ehren- und Hauptamtlichen wirken sollte.

Im Bereich Seelsorge ist das Dekanat Landshut vergleichsweise gut aufgestellt. Zwei Krankenhausseelsorger und je eine Seelsorgerin für die Altenheime; die Justizvollzugsanstalt und die Landshuter Hochschule leisteten ihren Dienst gerade auch während der Pandemie mit unermüdlichem Einsatz. Die Pfarrpersonen in der spezialisierten Seelsorge, aber auch die Hauptamtlichen zeigten viel Kreativität und Einsatz, um den Kontakt zu den Gemeindegliedern und zu allen, die Unterstützung oder Ansprache brauchten, nicht abreißen zu lassen. Deshalb war auch der in der Presse häufig geäußerte Vorwurf, die Kirche sei in der Pandemie nicht präsent gewesen, für die Haupt- und Ehrenamtlichen sicher nicht nur im Dekanatsbezirk Landshut schwer zu ertragen. Der Ruf nach einem starken öffentlichen Signal wurde laut, das zeigten sollte, die evangelische Kirche ist auch in der Pandemie für die Menschen da.

 

Projekt Pop up Kirche

Diese Erfahrungen mündeten in die Idee, für einen Monat im Zentrum Landshut einen Laden zu eröffnen, der ein Zeichen setzen sollte, dass die evangelische Kirche für alle Menschen – auch in der Pandemie – präsent ist. Da der Laden nur für kurze Zeit angemietet werden sollte, drängte sich der englische Begriff des Pop up Store auf. Pop up Stores sind Läden, die in leerstehenden Geschäften, Lagerhallen oder anderen Räumen für kurze Zeit „auftauchen“ und dann wieder verschwinden. Da es sich aber nicht um einen normalen Pop up Laden handeln würde, nannten die Akteure das Projekt Pop up Kirche.

Ein Projekt dieser Größe, so war schnell deutlich, kann nicht eine Institution allein stemmen, vor allem, da die Vorbereitungszeit kurz war und die pandemische Situation Flexibilität erforderte. Außerdem war ein Ziel, die Vielfalt der evangelischen Einrichtungen in Landshut und Umgebung aufzuzeigen. Träger und Trägerinnen der Pop up Kirche waren: die vier Kirchengemeinden der Gesamtkirchengemeinde Landshut, das Evang. Bildungswerk Landshut, das Diakonische Werk Landshut, das Ostbayerische Kulturforum, die Altenheimseelsorge, die Kirchenmusik und das Jugendwerk, unterstützt von Haupt- und Ehrenamtlichen aus dem gesamten Dekanatsbezirk Landshut.

Ziel der Pop up Kirche war es, als evangelische Kirche mit einem innovativen Projekt im Zentrum Landshut sichtbar zu werden, die Vernetzung zwischen alle evangelischen Akteuren im Dekanatsbezirk Landshut zu stärken und die frohe Botschaft von Jesus Christus niedrigschwellig zu kommunizieren. In der Pop up Kirche gab es daher voneinander abgegrenzte Räume für:

¬ eine Verkaufsfläche für Vintage(Second-Hand)-Mode, die das Gebrauchtwarenhaus „Hab und Gut“ des diakonischen Werks Landshut verantwortete. Dies war angelegt als ein niedrigschwelliges Angebot gerade auch für jüngere Menschen, die als Friday-For-Future-Generation besonders Wert auf Nachhaltigkeit – und auf kleine Preise – legen. Auch der Name „Vintage“, der v.a. Jugendlichen bekannt ist, sollte diese Zielgruppe ansprechen. Ferner sollte deutlich werden, dass Diakonie und Kirche in Landshut eng verbunden sind und durch den Erlös diakonisches Arbeiten vor Ort unterstützt wird;

¬ eine „AnsprechBar“, in der von Montag bis Samstag zwischen 12 und 14 Uhr eine Pfarrperson oder Diakonin für (seelsorgliche) Gespräche ansprechbar war. Dank einer kleinen Küche gab es auch heiße Getränke, Kekse und Brezeln etc. auf Spendenbasis;

¬ eine Lese-Insel in Verantwortung des Ostbayerischen Kulturforums. Das Kulturforum hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch verschiedene Projekte, und insbesondere durch Leseförderungsprojekte, Bildung zu ermöglichen. Mit Regalen voller Bücher und gemütlichen Sitzgelegenheiten entstand ein einladender Raum, in dem Gäste Ruhe zum Lesen und Verweilen fanden;

¬ unterschiedliche Veranstaltungsformen und -formate. Mit entsprechender Bestuhlung etc. fanden hier kulturelle, musikalische, gottesdienstliche und Informations-Veranstaltungen statt.

 

Das Programmangebot

Bei der Erstellung des Programms für die Pop up Kirche musste berücksichtigt werden, dass die Hauptamtlichen im Dekanat Landshut im Sommer 2021 durch Vakanzen und krankheitsbedingte Ausfälle einer sehr hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt waren. Ferner fielen durch die Pandemie viele Ehrenamtliche aus oder hielten sich mit ihrem Engagement aus Furcht vor Ansteckung zurück. Deshalb war der Gedanke leitend, für die Pop up Kirche keine zusätzlichen Veranstaltungen zu planen, sondern die Angebote aus den Gemeinden, Einrichtungen und Diensten, die sowieso stattfinden würden, in die Pop up Kirche zu verlegen. So sollten Ressourcen gebündelt werden und keine außerordentliche Arbeitsbelastung entstehen. Dieses Konzept konnte überwiegend durchgehalten werden.

Die vier Kirchengemeinden verlegten ihre öffentlichen Kirchenvorstandssitzungen, einen Seniorennachmittag und teilweise ihren Konfirmandenunterricht in die Pop up Kirche. Das Jugendwerk veranstaltete Globalisierungsspaziergänge, eine Aktion „Glück gehabt“, einen Workshop „Cafe Neustart“ sowie Abendveranstaltungen zu den Themen Film, Schokolade, Brettspiele und Pen and Paper. Das Evang. Bildungswerk verantwortete Reisevorträge, das Computerzentrum und eine kreative Schreibwerkstatt. Vom Diakonischen Werk stellten sich neun verschiedene Beratungsstellen, Altenheime und Ambulante Dienste vor. Die Kinder- und Jugendchöre einer Kirchengemeinde verlegten ihre Proben in die Pop up Kirche. Am Samstag fand die sog. Popkornkirche statt, eine Kinderbetreuungsmöglichkeit, die von Ehrenamtlichen und KiTas in Trägerschaft des Diakonischen Werkes durchgeführt wurde.

Das Angebot der Kinderbetreuung war ein extra für die Pop up Kirche geschaffener Programmpunkt ebenso wie die Mittagsandacht, die freitags um 12 Uhr gefeiert wurde. Die Pop up Kirche hatte, den Öffnungszeiten eines Ladens entsprechend, von Montag bis Samstag von 11 bis 18 Uhr bzw. am Samstag bis 16 Uhr geöffnet.

 

Finanzpartner

Ein Projekt dieser Größe braucht finanzkräftige Partner. Die Pop up Kirche wurde vom Gewinnsparverein der Sparda-Bank Ostbayern e.V mit einer großzügigen Spende unterstützt. Außerdem war sie das erste Projekt, das als MUT-Initiative der ELKB gefördert wurde. Die ELKB unterstützt mit diesen Fördermitteln missionale und unkonventionelle Projekte, die mit unterschiedlichen Tandempartner realisiert werden. Zudem konnten kleinere Spenden generiert werden. Am Ende war das Projekt erfreulicherweise günstiger als geplant.

Die Pop up Kirche sollte zunächst von Mitte Juni bis Mitte Juli 2021 stattfinden. Pandemiebedingt musste die Eröffnung auf den 2. Oktober 2021 verschoben werden. Im Anschluss fand für vier Wochen, vom 2.-30.10.2021, die Pop up Kirche in der Neustadt 428 statt. Trotz erheblicher Leerstände im Zentrum Landshuts war es eine besondere Herausforderung, einen Vermieter zu finden, der bereit war, seinen Laden für nur drei Monate zu vermieten. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Landshut und dem Evang. Bildungswerk konnte Anfang August der Mietvertrag für einen ehemaligen Copy-Shop in der Neustadt unterschrieben werden. Somit blieben den Beteiligten nicht einmal zwei Monate, um den Laden für die Pop up Kirche herzurichten, was ein äußerst ambitionierter Zeitplan war.

Durch eine Pressemitteilung wurden Anfang September 2021 regionale und evangelische Medien über das Projekt informiert. Zeitgleich erhielt die Pop up Kirche eigene Instagram- und Facebook-Auftritte. Das Medienecho war überraschend groß. Lokalzeitungen und -fernsehen, Evang. Pressedienst, der Bayerische Rundfunk, der Bayernteil der Süddeutschen Zeitung und das Domradio Köln berichteten über die Pop up Kirche. Diese Resonanz war so gewaltig, dass die Veranstalter teilweise fast überfordert waren.

 

Vorbild: Berliner Ladenkirche

Die Idee, Kirche in einen Laden zu verlegen, ist nicht neu. 1960 eröffnete der Berliner Pfarrer Ernst Lange in einer ehemaligen Bäckerei am Brunsbütteler Damm in Berlin-Spandau die sog. Ladenkirche. Was waren Gemeinsamkeiten, was Unterschiede zwischen der Berliner Ladenkirche und der Landshuter Pop up Kirche?

Ernst Lange betonte stets den experimentellen Charakter seines Projekts, er bezeichnete es als Versuch und schloss damit nicht aus, dass auch „Fehler“ gemacht würden.1 Ähnlich war auch die Pop up Kirche von Anfang an ein prozesshaftes Geschehen, dass sich eher an der Logik des „einfach mal Machen“ orientierte, anstatt zu warten, bis alles 100% durchdacht war. Die pandemische Situation, die ein ständiges Umorganisieren und Anpassen an die gerade geltenden Regeln erforderte, verstärkte den Charakter des Ausprobierens.

Ein Ziel der Ladenkirche Langes war es, der Verkündigung eine größere Reichweite zu verschaffen. Deshalb nahm ein „diakonisch-sozialpädagogisches Bildungsangebot in der Ladenkirche einen beträchtlichen Raum ein“2. Damit sollte die Gesamtgemeinde in den Blick kommen und nicht nur die Kerngemeinde. Auch die Pop up Kirche hatte keine spezielle Zielgruppe, sondern stand mit ihrer Vielzahl von Angeboten allen offen. Es sollte – wie in jeder Kirchengemeinde auch – für alle Altersklassen etwas dabei sein. Der Vintageladen sowie die Beratungs- und Informationsangebote des Diakonischen Werkes richteten sich ebenfalls an ganz verschiedene Adressaten. Zudem zeigte der überwältigende Erfolg der Andachten am Freitagmittag, dass hier Gläubige erreicht wurden, die sonst seltener den Weg in den Sonntagsgottesdienst finden.

Im Unterschied zu Ernst Langes Ladenkirche in Berlin war die Pop up Kirche nicht auf Dauer angelegt. Auch unternahm sie nicht den Versuch, mit einem innovativen sonntäglichen Gottesdienstmodell homiletische Impulse zu setzen, wie Lange es mit den „Gesprächsgottesdiensten am runden Tisch“3 unternahm. Die Andachten am Freitag in der Pop up Kirche bewegten sich im traditionelle Rahmen, und am Sonntag fanden dort bewusst keine Gottesdienste statt. Allerdings können die Andachten als Versuch der Umsetzung von Langes Begriff „Gottesdienst im Alltag“ gesehen werden. Durch Glockengeläut aus einem portablen Lautsprecher wurden die Menschen vom Wochenmarkt, der am Freitag in der Landshuter Neustadt stattfindet und sich großer Beliebtheit erfreut, zur Andacht in die Pop up Kirche gelockt. Nach der Andacht standen viele der Teilnehmenden noch bei einem Becher Kaffee zusammen.

 

Bedürfnis nach Spiritualität im Alltag

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Projekt Pop up Kirche insgesamt ein großer Erfolg war. Das Ziel, als evangelische Kirche ein deutliches Zeichen im Zentrum Niederbayerns zu setzen, wurde erreicht. Dazu trug auch die umfangreiche Berichterstattung bei. Intern bewirkte das Projekt eine breite Vernetzung. Dienste und Werke, die sich vorher kaum kannten, sowie Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Kirchengemeinden trafen in der Pop up Kirche aufeinander und entwickelten ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Überrascht wurden die Akteure im Vorfeld von dem großen Widerstand, den die Anglizismen „Pop up“ und „Vintage“ auslösten. Durch die Verwendung englischer Worte fühlten sich ältere Gemeindeglieder aus dem Projekt ausgegrenzt. Im Verlauf zeigte sich allerdings, dass die Pop up Kirche zu einer Anlaufstelle gerade auch für Seniorinnen und Senioren wurde.

Deutlich wurde auch, dass die zusätzlich zum normalen Programm in den Kirchengemeinden und im Bildungswerk aufgelegten Angebote eher mäßig besucht wurden. Die Popcornkirche mit der Möglichkeit für Kinderbetreuung am Samstag wurde kaum genutzt und auch die vielfältigen Angebote des Jugendwerkes waren unterdurchschnittlich besucht. Eine Ausnahme bildete hier die Mittagsandacht am Freitag. Sie erfreute sich großer Beliebtheit und lockte viele Menschen in die Pop up Kirche. Dieser Befund lässt sich so deuten, dass es ein großes Bedürfnis gibt, Spiritualität im Alltag zu leben. Hier könnte ein Ansatzpunkt für weitere Projekte liegen.

 

Literatur

Gerhard Altenburg, Kirche – Institution im Übergang. Eine Spurensuche nach dem Kirchenverständnis Ernst Langes: Kirche in der Stadt 21, Berlin 2013

 

Anmerkungen

1 Altenburg, Kirche, 329.

2 Altenburg, Kirche, 349.

3 Altenburg, Kirche, 351.

 

Nina Lubomierski

 

Über die Autorin / den Autor:

Dekanin Dr. Nina Lubomierski, Dekanin im ­Kirchenbezirk Landshut.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.