Als ein Mann erfuhr, sein Haus sei von der Flut weggerissen worden, lachte er und sagte:
Unmöglich! Ich habe den Hausschlüssel hier in meiner Tasche.“1

 

Grundstrukturen menschlichen Daseins

Eine Grundstruktur unseres menschlichen Daseins ist die Sprache, das Miteinander-Sprechen, die Kommunikation. Wir wissen, Kommunikation gelingt, wenn die „Chemie“ stimmt. Der Soziologe Hartmut Rosa gebraucht dafür den Begriff „Resonanz“. „Nicht das Verfügen über Dinge, sondern das in Resonanz-Treten mit ihnen, sie durch eigenes Vermögen – Selbstwirksamkeit – zu einer Antwort zu bringen und auf diese Antwort wiederum einzugehen, ist der Grundmodus lebendigen menschlichen Daseins“.2

Eine weitere Struktur ist kennzeichnend: Seit Urzeiten haben wir den Hang, uns all dessen zu bemächtigen, was uns vor Augen kommt. Es muss gewusst, erobert und nutzbar gemacht werden. Und diese Entwicklung setzt sich bis heute fort als Steigerung nach immer mehr, größer und weiter. Geburt und Tod sind ebenfalls Grundstrukturen. Wie verfügbar sind sie?

Aktuell erleben wir die verschiedensten Arten von Nicht-Verfügen-Können. Denken wir an Corona. Wir sind dem Virus ausgeliefert. Man sieht ihn nicht. Hört ihn nicht. Riecht ihn nicht. Ausgerüstet mit einer Maske, kann man gerade noch jemand in die Augen blicken und seinen Blick als Erwiderung wahrnehmen. Bei dem Krieg in der Ukraine ist selbst das nicht möglich. Es bleibt nur die schiere Ohnmacht. Auch unser Streben nach immer mehr, schneller, höher dürfte an ein Ende gekommen sein. Bisher nicht gekannte Einschränkungen kommen auf uns zu. Der Klimawandel gibt davon beredt Zeugnis.

Nun gibt uns die Digitalisierung die Möglichkeit, mit einem einzigen Knopfdruck am Handy das ganze Weltwissen zur Verfügung zu haben. Ob ich damit allerdings „resonanzfähig“ werde, ist fraglich. Der andere, das Gegenüber kommt ja nicht mehr in den Blick. Ähnliches mag für Pflegeroboter in Kliniken gelten. Sie mögen hilfreich sein für technisch-medizinische Dienstleistungen. Doch zu einer Begegnung zwischen Pflegenden und Gepflegten wird es kaum kommen. Ein Miteinander in Resonanz geschieht nicht. Der entscheidende Antrieb, gesund zu werden, bleibt außen vor. Auch wenn wir versuchen mit einer Patientenverfügung wenigstens auf unser Sterben Einfluss zu nehmen. Der Tod stellt letztlich alles grundsätzlich in Frage.

 

Digitalisierung und Religion

Unser menschliches Verlangen, das Haben-Wollen hat jegliche Digitalisierung in Dienst genommen. Wir wollen etwas erreichen, über das wir nicht verfügen. Es mag sich auf Sachen beziehen oder auf Menschen. Und immer wieder geschieht dasselbe: Haben wir uns etwas verfügbar gemacht, geht der Anreiz samt Ergebnis verloren. Der erhoffte Austausch untereinander, die Resonanz bleibt aus. Ein Haben ohne Sein.

Ähnliches mag sich im Bereich des Religiösen abspielen. Die hohen Austrittszahlen bei den Kirchen lassen es vermuten. Und doch war alles ganz anders gedacht und angelegt: Der Mensch erfährt Gottes Anrede in Worten, in der Meditation, in der Musik, im Betrachten der Natur. Und Gott lässt sich erreichen. Es begegnen sich Anfrage und Antwort. Ein entgegenkommendes Antworten ist wahrzunehmen. Dabei sind beide Seiten in ihrem Aufeinanderbezogensein frei. Es geschieht Resonanz. Ein Widerfahrnis. Ein Geschenk.

Unser Sprechen und das Angesprochenwerden ist durch den Tod unterbrochen. Doch die Quelle der Resonanz, unser „Ansprechpartner“ – Gott, bleibt gegenwärtig. Das will uns die Vorstellung, das Bild von der Auferstehung nahebringen. Sie ist erfahrbar durch Resonanz, dem Mitschwingen mit der Geisteskraft des auferstandenen Christus. Mit dem Bild „Auferstehung“ wird darüber aufgeklärt, dass Gott als Schöpfer sein Ziel nicht aus den Augen verloren hat: sein Friedensreich zu bauen, sich den Menschen liebevoll zuzuwenden. Gott hat viel „investiert“. Mit Jesus. Mit Menschen vor und nach ihm. Und wir, die „Ebenbilder“ Gottes, was investieren wir?

 

Glaube und Gericht

Wir sollten es wissen: was wir der Erde, dem Leben und anderen Menschen schulden und schuldig bleiben. Ein schlechtes Gewissen? Da mögen Bilder vom Zorn Gottes, von Rache, Hölle und jüngstem Gericht auftauchen. Ich erinnere mich an orthodoxe Kirchen. Da wird der auferstandene, erhöhte Christus in der Kuppel als Richter vorgestellt. Mit seinen großen Augen blickt er herab auf die versammelte Gemeinde. Von vielen als Drohgebärde verstanden. Doch der Blick des Christus „aus der Höhe“ ist ein Licht verheißendes Ereignis. Es bringt an den Tag, was im Leben eines jeden geschehen ist. Aber eben nicht in dem überkommenen Sinn als Verdammung und Hinrichtung. Das sind Bilder zeitgeschichtlicher Erfahrungen. Es geht um Ausrichtung auf den hin, der Friede in Person ist, Jesus. Er richtet Gottes Friedensordnung auf, sein Reich. Dafür hat er sein Leben eingesetzt und hingegeben.

Das Richten Gottes tut uns Menschen gut. Es befreit uns. Wir müssen nun nicht mehr selber richten. Weder uns noch andere. Offenbar, erfahrbar wird im Richten Gottes, was wir getan haben. Was wir hätten tun sollen. Das ganze Leben wird überblickt und beurteilt. Gott entgrenzt unser Leben. Er verbindet alles mit allem. Sogar den Tod mit dem Leben. Etwas von der entgrenzenden Liebe Gottes erleben wir in manchen Augenblicken. Wir erfahren sie als Resonanz inmitten unseres zerrissenen und unübersichtlichen Lebens. In dieser Weise ist das kommende Reich Gottes, von dem Jesus spricht, schon jetzt gegenwärtig unter uns als ein uns verwandelndes Denken und Handeln.3 „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie ins Weite: Herr erbarme dich“ – so die Bitte eines Pfarrers.4

Wenn wir vom Glauben reden, ist das immer ein Ausbalancieren zwischen Möglichkeit und Realem, zwischen Vorwegnahme und Entgrenzung. Diese Art des Glaubens offenbart uns die Botschaft Jesu. Sie zeigt die Struktur von Gottes-Resonanz auf. Es ist die Liebe. Nicht verfügbar. Jedoch erreichbar im Bejahen des Urteils über uns: Wir sind wahrgenommen. Wertvoll. Gott nicht gleichgültig. Aus unserer Sache ist Gottes Sache geworden. Unser Wohlergehen hängt nicht mehr an unseren „guten Werken“. Wir sind hineingenommen in die Friedensordnung Gottes. Dantes Inferno ist Geschichte. Durch diesen Richter sind wir frei. Erlöst. Nunmehr heißt Christsein: Dem Urteilsspruch Gottes Glauben schenken. Den Freispruch annehmen. Die Rechtfertigung bejahen. Dahin unterwegs zu sein, könnte sich auszahlen.

 

Die Kirchen und ihre Räume

Die Botschaft vom Friedensreich Gottes glaubhaft weiterzugeben, ist den christlichen Kirchen anvertraut. Eröffnet ihre Botschaft doch einen Freiraum. Hier werden Leben, Tod und Beurteilung des Menschen von der Liebe her bestimmt. Das schenkt eine tragfähige Lebensgrundlage und den nötigen Perspektivwechsel. Wir sehen es bereits: In den Städten entwickeln sich mehr und mehr autofreie Strukturen. Man geht wieder zu Fuß. Was man beim Vorbeifahren nicht wahrgenommen hat, kommt neu in den Blick. Gerade die Kirchen. Alt oder neu. Gebäude von beachtlicher Größe. Eine Vielzahl von Räumen. Ruhig und weit. Vielgestaltig. Lebendig in Gemeindehäusern und Kindergärten. Nachhaltige Natur auf Friedhöfen und Plätzen. Keine andere Institution verfügt über diese guten Möglichkeiten.

Die Benutzung dieser Räume ist in der Regel frei. Sie sind auch nicht „reserviert“ für bestimmte Menschengruppen. Die Privatisierung ist aufgehoben. Einladung an alle. Es geht um das Miteinander aller Altersgruppen. Was dort geschieht, ist nicht von vornherein festgelegt. Das Emotionale hat wieder Platz. Alle Sinne sollen zum Zuge kommen. Der offene, gegenseitige Austausch ist erwünscht. Dazu Kreativität und Förderung alles Spielerischen. Die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen im Stadtviertel wird gesucht. Keine Abschottung nach außen. Dieses Lebensmodell wird sich herumsprechen. Es wird die demokratischen Strukturen in Staat und Gesellschaft weiter stärken.

 

Die Rolle der Pfarrer/Priester

Diese Räume zu benutzen, macht Arbeit und kostet Geld. Für die Arbeit sind bisher die Pfarrer/Priester5 zuständig. Sie sind in der Regel gut ausgebildete Fachleute für die Resonanzpolitik Gottes. Sie bauen weiter an seinem Friedensreich. Von der Ausbildung her kann von ihnen diese schwierige Aufgabe erwartet werden: die Übersetzung der Botschaft Gottes ins Heute. Ihr Wissen weiterzugeben an andere, das ist ihre Kernaufgabe. Bürokratie und Verwaltungssachen mögen dabei unvermeidlich sein. Auch hier wird man sich die Arbeit mit anderen teilen, entsprechend der vorhandenen Begabungen. Zudem gibt es „Begeisterte“. Menschen, die sich von der Liebe und dem Geist der Freiheit Jesu haben anstecken lassen. Das Feld der Ehrenamtlichen ist groß. Wie es das Engagement für Kriegs- und andere Flüchtlinge zeigt.

Pfarrer/Priester sind bezahlt. Noch ehe sie eine Hand rühren. Ihre Arbeitszeit ist frei verfügbar. Sie sind nicht eingezwängt in ein Leistungskorsett mit Erfolgskontrollen. Sie müssen nicht wie Politiker um jedes Mitglied kämpfen. Sie müssen sich nicht verbiegen. Ihr Gegenüber ist Gott, der in Jesu Auferstehung die Resonanzquelle offenhält. Sie sind freie Menschen. Im Blick auf die schon länger schwierige Lage der Kirchen fällt ihnen eine wichtige Aufgabe zu: sich mit den überkommenen Machtstrukturen zu befassen. Zu gewährleisten, dass Menschen mit diesen meist aus der Vergangenheit stammenden „Fakes“ nicht weiter beherrscht werden.

Viele Pfarrer/Priester i.R. könnten sie unterstützen. Wir „Rentner-Pfarrer/Priester“ besitzen eine Fülle an Erfahrung. Vor allem von dem, was uns während unseres Dienstes nicht gelungen ist. Auch die Kirchenleitungen hätten wieder sinnvolle Arbeit. Etwa künftige Seminare anzubieten: „Aus Fehlern lernen. Neues entwickeln. Altes alt sein lassen“. Wenn das „Bodenpersonal Gottes“ gemeinsam aufräumt, wird es lebendig zugehen. Spannend, erleichternd, verjüngend, bunt.

Jürgen Koch

 

Anmerkungen

1 Anthony de Mello, Gib deiner Seele Zeit (2007), 65.

2 Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit (2022), 38.

3 Lk. 17,20f.

4 Eugen Eckert (1981).

5 Pfarrer/Priester – ganz allgemein, ohne Spezifizierung.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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