Segnen ist eine besondere Aufgabe pastoralen Handelns. Der Segen steht am Ende eines jeden Gottesdienstes, hat aber auch in vielen christlichen Ritualen zu Lebensübergängen seinen festen Platz. Harald Schieber blickt zurück auf Momente des Segnens und des Gesegnet-Werdens, in der eigenen religiösen Biografie und in verschiedenen Facetten seiner pfarrdienstlichen Tätigkeit.

 

Immer mal wieder fällt mir auf, wenn ich den aaronitischen Segen am Ende eines Gottesdienstes spreche, wie viel ganz besondere Freude mir gerade dieser Schlussteil des Gottesdienstes macht. Ich habe es immer als ein besonderes Privileg verstanden und die Besonderheit dieses Privilegs früher öfter, in den letzten Jahren im Pfarramt, nicht mehr ganz so intensiv, aber dennoch sehr bewusst als Aufgabe empfunden. Der Gemeinde – und dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um eine Handvoll Kinder im Kindergottesdienst oder eine noch kleinere Schar von einigen alten Menschen bei einer der deprimierenden Beerdigungen, bei denen sich keiner für den Verstorbenen interessiert, oder um Heiligabend-Vespern handelte, wo die Kirche aus allen Nähten platzte – den Segen des allmächtigen und barmherzigen Gottes einer Gruppe seiner Geschöpfe zusprechen zu dürfen, war vom ersten Mal an und ist bis heute für mich eine der vornehmsten Aufgaben dessen, der den Gottesdienst leitet. Dabei habe ich schon als sehr junger Mensch, freilich noch nicht theologisch reflektiert, erfahren dürfen, was in der evangelischen Kirche das allgemeine Priestertum aller Glaubenden bedeutet.

 

Meine peinliche Mutter

Wie für jeden Heranwachsenden gibt es immer mal wieder Zeiten, wo die eigene Mutter einfach nur peinlich ist, und man sich ihrer schämt. Bei mir war das nicht anders. Ein Punkt, der mir über lange Zeit peinlich war, war der Moment, wenn sie mich verabschiedete. Ob zur Schule oder in die Freizeit oder zu Wochenenden mit den Pfadfindern, sehr häufig hat sie mich und meinen Bruder (meine kleine Schwester vermutlich auch, aber das ist mir entgangen) mit den Worten „Gott behüte Dich“ oder „Gott segne Dich“ auf den Weg entlassen. Ich fand das lange Zeit oberpeinlich und erst als ich schon fast erwachsen war, habe ich begonnen, diesen Satz als genau das zu verstehen, als was er gemeint war, als Segenswunsch auf den Weg, den ich zu gehen beabsichtigte. Umso mehr habe ich es dann wertgeschätzt und fand meine eigene Entrüstung darüber peinlicher als alles andere.

 

 

Frühe Erfahrungen mit dem Segen

Mindestens seit meiner Konfirmation war mir bewusst, dass der Segen, der mir dort zugesprochen bzw. der am Ende des Gottesdienstes gesprochen wurde, etwas Besonderes ist. Es fühlte sich wirklich gut an, als mir Pastor Hörster am Sonntag Jubilate 1975 die Hand auflegte, meinen Konfirmationsspruch sagte und uns dann den Segen zusprach. Auch die Geste der erhobenen Hände, die mich immer an eine Jesusdarstellung aus meiner Kinderbibel erinnerte, gab mir eine Ahnung von etwas Großartigem. Sicher war es in dieser Zeit meiner Jugend eher ein unbestimmtes Gefühl, aber es bedeutete mir etwas. So habe ich nie verstanden, dass es in den wenigen katholischen Gottesdiensten, die ich als Jugendlicher besucht habe, Menschen gab, die direkt nach der Eucharistiefeier gingen, ohne das Ende und den Segen abzuwarten. So waren für mich der Eingangsgruß: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“, die Lossprechung nach dem Sündenbekenntnis in den Abendmahlsgottesdiensten, das Vaterunser und der Segen die wichtigsten Elemente des Gottesdienstes. Auch wenn ich mir in späteren Jahren als Prediger immer gewünscht habe, dass alle konzentriert zuhören, gebe ich zu, dass mir in der Jugend die Predigt nicht so viel bedeutete wie später.

 

Meine eigene Konfirmation und mein peinlicher Vater

Ein äußerst schwieriger Moment in diesem Zusammenhang war meine eigene Konfirmation. Ich war mir ziemlich bewusst, was wir da taten, und der Tag und mein Konfirmationsspruch 1. Kor 1,18 bedeuten mir heute noch sehr viel. Ich habe bewusst mein eigenes Ja zur Taufe gesagt und viele Jahre später gemerkt, dass dieser Tag, wenn es für mich so etwas wie ein „Bekehrungserlebnis“ gab, genau dieses gewesen sein muss, wenn es sich auch nicht so anfühlte. Aber es fühlte sich gut an. Schlimm daran war nur die sich an die Einsegnung anschließende Gratulation durch die beiden diensthabenden Mitglieder des Presbyteriums. Einer davon war mein Vater. Und bewegt wie er war, was ich ihm nicht übelnehme, küsste er mich vor versammelter Mannschaft, wir waren 45 Konfirmandinnen und Konfirmanden und demzufolge etliche hundert Menschen in der Kirche, auf die Stirn und wünscht mir Gottes Segen. Ich kann es verstehen, aber damals war es superpeinlich.

 

Segnen im Kindergottesdienst

Nicht in meiner Heimatgemeinde, aber kurz nach Beginn des Studiums an der KiHo in Wuppertal durfte ich erste Erfahrungen mit dem eigenen Segnen machen. Ich hatte fast zeitgleich mit der Aufnahme des Studiums meine jetzige Frau kennengelernt. In ihrer Heimatgemeinde, in der sie in einem gemeindlichen Jugendzentrum hauptamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitete, ergab es sich, dass ich an der Konzeption und Verwirklichung einer Gottesdienstform für junge Familien mitarbeiten dufte. Wir haben seinerzeit mit Pastor Groll die „Kinder- und Familienkirche“ entwickelt. Dies ist – bis heute – ein Gottesdienst für junge Familien. Wir haben dort die Katechese in Altersgruppen aufgeteilt, so dass wir Kindergartenkindern, Schulkindern, Konfirmandinnen und Konfirmanden und auch Eltern gleichermaßen gerecht werden konnten. Diese Gottesdienstform, zeitlich nach dem Predigtgottesdienst plaziert, stellte sich als ausgesprochen erfolgreich heraus und schnell hatten wir bis zu 60 Personen jeden Sonntag. Als liturgischer Leiter, als der ich ab und an eingeteilt war, durfte ich natürlich auch den Schlusssegen sprechen. Das war mir immer eine besondere Freude. Den Kindern und ihren Eltern zusprechen zu dürfen, dass Gott sie begleitet auf ihrem Weg durch die Woche, dass sie behütet und in seiner Hand geborgen sind, war mir eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe. Dass ich das durfte, ohne ordiniert zu sein, erklärte mir mein Pastor damals, ist in unserer evangelischen Kirche sehr wohl erlaubt, da wir das allgemeine Priestertum aller Glaubenden praktizieren. Dass das Ganze nicht willkürlich geschehen darf, lernte ich damals auch, was für mich den Reiz und die Herausforderung, mich dem auch „würdig“ zu erweisen, nur erhöhte. Immer habe ich die Worte mit Nachdruck und bedacht gesprochen, wohl wissend, dass es sich nicht um das Aufsagen eines Gedichtes, sondern um eine im Auftrag Gottes, vollmächtige Handlung ging.

 

 

Der Segen als Lern-Gegenstand im Predigerseminar

Eine erste Krise, oder so etwas ähnliches, erlebte ich im Predigerseminar. Wir haben dort „liturgische Präsenz“ geübt und sehr viel gelernt. Sich im Talar so zu bewegen, dass man sich wohlfühlt, ohne dabei peinlich zu wirken etwa und noch viele andere Dinge mehr. Bei dem mehr gottesdienstbezogenen Üben, kamen wir auch zu den liturgischen Stücken wie Eingang, Lossprechung und Segen. Dabei haben wir uns gegenseitig Rückmeldung gegeben, wie wir den/die jeweils andere/n gehört haben. Als ich mit dem Segen dran war, bekam ich die Rückmeldung, es höre sich ein wenig runtergeleiert, wie auswendig aufgesagt an. Das hat mich tief getroffen, war doch speziell der Segen so wichtig für mich. Ich habe das dann zum Anlass genommen, speziell diesen Teil des Gottesdienstes noch bewusster, noch klarer mit der Bedeutung zu füllen, die ihm zustand. Dass ich mich dadurch verbessert habe, wurde in einer der nächsten Übungseinheiten und in der Vikariatsgemeinde dann deutlich, als ich immer mal wieder die Rückmeldung bekam: „Bei Ihnen hört man, dass sie das, was Sie da sagen, auch wirklich so meinen.“ Das hat mir natürlich sehr gut getan und so hat zumindest diese Einheit im Predigerseminar einen positiven Lerneffekt gehabt.

 

Aber am Schluss, da kommt doch der Segen“

Ich weiß beim besten Willen nicht mehr genau, wann und unter welchen Umständen ich an die folgende Geschichte gekommen bin. Es war spätestens im Vikariat in Hattingen Welper, kann aber auch deutlich eher gewesen sein. Ich habe sie nicht selber erlebt, sondern jemand hat sie mir erzählt, wobei das ja auch keine große Rolle spielt.

Da war diese alte Dame, die regelmäßig sonntags in den Gottesdienst ging. Sie war fast taub und hat nicht viel mitbekommen können, zumal sie immer recht weit hinten in der Kirche saß. Eines Tages fragte sie einer der Presbyter, warum sie denn so treu käme. Sie würde doch kaum etwas vom Gottesdienst mitbekommen? Darauf antwortete sie dann mit leuchtenden Augen: „Aber am Schluss, da kommt doch der Segen.“

Mich hat diese Geschichte zutiefst beeindruckt. Dass jemand, der vermutlich immer schon recht regelmäßig im Gottesdienst war, auch dann noch treu kommt, wann sie kaum noch etwas hört, nur weil sie weiß, das am Ende der Segen zugesprochen wird, und ihr das reichte, fand ich ausgesprochen bewegend und hat mich in meiner eigenen Überzeugung von der besonderen Bedeutung und Kraft des Segens nur noch mehr bestärkt.

 

Der Segen geht auch durch Gips, keine Sorge“

Eine Geschichte, die eher in die Kategorie Anekdoten gehört, die mir aber dennoch sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, hat weniger mit dem Segen an sich zu tun gehabt, sondern mehr mit mir. Noch während der Vikariatszeit wurde ich von Freunden aus dem Wassersportverein, dem ich zu der Zeit angehörte, gefragt, ob ich sie trauen und ihre Tochter im gleichen Gottesdienst taufen würde. Dem stimmte ich gerne zu, und da sie beide engagierte Christen waren, war die Vorbereitung angenehm intensiv und konstruktiv. Zu der Zeit habe ich auch noch ein bisschen American Football bei den Bochum Miners gespielt. Ca. 3 Wochen vor dem anberaumten Termin passierte mir ein kleines Missgeschick. Ein hart geworfener Ball, den ich zu fangen versuchte, streifte an meinem linken Mittelfinger entlang und der brach dabei. Also lief ich anschließend mit einer schönen dicken Gipsschiene herum. Arbeiten am Computer war möglich, wenn auch schwierig. Ich war allerdings verunsichert, inwieweit ich mit diesem Gips eine Amtshandlung wie Trauung oder Taufe machen könnte oder dürfte, speziell die Segenshandlung. Mein Mentor hatte so was auch noch nicht erlebt und teilte meine Unsicherheit. Also habe ich den Superintendenten gefragt. Und die einzige Antwort, die mir Walter Voswinkel in seiner unnachahmlichen Art auf meine Frage, ob das denn möglich sei, gab, war die Folgende: „Der Segen geht auch durch Gips, da mach Dir mal keine Sorgen“. Es war alles ein bisschen umständlicher mit meiner Behinderung, aber es war ein toller fröhlicher Gottesdienst.

 

Rite de Passage und Segen (Taufe, Schulgottesdienste, Konfirmation, Traung, Beerdigung)

Als Pastor in Hagen Emst, der ich für acht Jahre war, habe ich natürlich häufig den Segen gesprochen. Nicht nur sonntags im Gottesdienst, sondern auch bei zahlreichen anderen Gelegenheiten, wie Schul- oder Kindergartengottesdiensten, bei Krankenhausbesuchen, Hausabendmahlsfeiern und natürlich bei Beerdigungen und Trauungen und Taufen oder auch Wiederaufnahmen, die wir auch immer mal wieder vollziehen durften. Anders als Rudolf Bohren habe ich die Kasualien immer auch als eine Gelegenheit gesehen und erlebt, Menschen, die teilweise sehr distanziert waren, ein positives Erlebnis von Kirche zu ermöglichen. Manches mal ist es auch als Folge einer gelungenen Amtshandlung zu Wiederaufnahmen gekommen.

 

Magisches Missverständnis

Immer mal wieder, wenn auch nicht allzu oft wurde ich in Vorbereitungsgesprächen für Amtshandlungen nach der Bedeutung des Segens gefragt. Auf meine Rückfrage, was sie denn glaubten, was er bedeutet, bekam ich manchmal zu hören, dass uns der Segen beschützen soll, dass uns nichts passiert. Nachdem ich das ein paar mal gehört habe, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig darüber zu sprechen, dass der Segen keine magische Schutzfunktion hat, dass er nicht davor bewahrt, dass Unglücke oder Leid im Leben geschehen können, sondern dass er „nur“, das aber immerhin, die Bedeutung hat, uns zu vergewissern, dass wir, was auch immer passiert, in Gottes Hand geborgen sind.

Im Konfirmandenunterricht habe ich häufig und gerne ein Element genutzt, wo ich die Konfirmandinnen und Konfirmanden bat, ihre Vorstellung von Gott einmal zu zeichnen oder zu malen, ob gegenständlich oder symbolisch oder anders, spielte dabei keine Rolle. In der Regel bekam ich von einem oder einer als erstes zu hören, dass dürfe man doch nicht, wegen des Gebots, das das Bilder-Machen von Gott verbietet. Nachdem ich erklärt hatte, dass erstens in der Bibel, vor allem in den Psalmen, zahlreiche, sehr unterschiedliche Bilder von Gott beschrieben sind (Fels, Schirm, Hirte usw.), und sich das Bilderverbot auf Bildnisse Gottes, die dann auch angebetet wurden, wie zum Beispiel das goldene Kalb oder irgendwelche Statuen bezog, ließen sich die meisten drauf ein. Ich selber habe bei dieser Gelegenheit immer eine geöffnete Hand gemalt. Gott ist für mich wie eine geöffnete Hand, in die ich, wenn ich falle, fallen werde, aber niemals tiefer. Das war für mich auch der bildliche Hintergrund, wenn ich den Segen sprach. Gott ist immer da, seine geöffnete Hand ist immer da, um uns aufzufangen, wenn wir fallen. Der Segen Gottes verhindert kein Leid oder keine Unfälle, aber er vergewissert uns der Gegenwart Gottes und seiner Bewahrung.

 

Der Abschiedssegen

Als wir, meine Frau und ich, uns im Frühling 2004 entschieden hatten, aus verschiedenen persönlichen Gründen, für eine Weile ins Ausland, nach Irland, zu gehen, musste natürlich eine Abschiedsfeier her. Natürlich und glücklicherweise war ein großer Teil der Gemeinde traurig und enttäuscht, einige werden sicher auch erleichtert gewesen sein, aber die Stimmung am Tage des Abschieds war nicht deprimiert. Ich durfte viel Wohlwollen und Dankbarkeit hören. Der ganz klare Höhepunkt war der von unserem Gospelchor „Kreuz und Quer“ gesungene Irische Reisesegen.

 

Nicht mehr regelmäßig segnen? – Wer segnet da eigentlich?

Mir war dies nie eine Frage, weil mir klar war, dass ich zwar den Segen spreche, aber stellvertretend, und dass der himmlische Vater der Segnende ist. Aber das scheint nicht allen klar zu sein. Markant aufgefallen ist mir dies, als ich 2006 oder 2007 im Radio hörte, das es da einen Pastor in Deutschland gibt, der im Sommer speziell auf dem Flughafen angestellt ist, um Reisende seelsorglich zu betreuen und um ihnen „seinen Segen mit auf den Weg zu geben“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir noch einmal klar, dass dieses Missverständnis um jeden Preis zu vermeiden sei.

Eine der skurrilsten und zugleich bewegendsten Erfahrungen mit dem Segnen überhaupt wurde mir im Frühjahr 2005 vom Manager unseres neuen Lebensmittelsupermarktes ermöglicht. Auf der Suche nach Arbeit hatte ich mich bei Tesco beworben und wurde auch angenommen und war nun Teil der Mannschaft, die einen neuen Laden einrichten und später dann am Laufen halten sollte. Ich gehörte in die Kühlwarenabteilung. In den Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen habe ich nie mit der Tatsache hinter dem Berg gehalten, dass ich evangelischer Pfarrer bin (hier sagt man übrigens „lutherisch“ weil „evangelisch“ in Irland „protestant“ heißt und mit „anglikanisch“, also britisch gleichgesetzt wird). Irgendwie muss sich das rumgesprochen haben, jedenfalls kam eines Tages der Manager des Ladens, unser aller Chef, ein ausgesprochen netter und umgänglicher Mensch, mit Namen John (in Irland redet man sich generell nur mit dem Vornamen an), auf mich zu und sprach mich bei der Arbeit an und sagte: „Du bist doch Priester, würdest du mir deinen Segen geben?“ Man erwischt mich selten sprachlos, aber das war so ein Moment. Ich war super nervös und aufgeregt. Ich habe dann nach einigem Überlegen zunächst einmal erklärt, dass ich kein Priester bin und auch nicht ich segne, sondern wenn, dann Gott segnet. Das hat er scheinbar gut verstanden. Dann habe ich mir, so gut das in den wenigen Sekunden, die dafür zur Verfügung standen, ging, eine Übersetzung des trinitarischen Segens zurechtgelegt und ihm die Hand aufgelegt und in etwa die folgenden Worte gesprochen. „The Lord, Father, Son and Holy Spirit bless you and your team for the task at hand. Amen.“ Sehr wohl gefühlt habe ich mich in diesem Moment nicht, weil mir meine eigene Unzulänglichkeit sehr bewusst war. Anschließend brauchte ich eine Weile, um mich wieder zu beruhigen, aber es fühlte sich schon irgendwie besonders an.

 

Doch wieder regelmäßig segnen (wenn auch nicht so oft)

2008 war ein wichtiges Jahr für mich, insofern, als ich nach vorheriger Absprache und gründlicher Überlegung vom Kirchengemeinderat der Lutherischen Kirche in Irland beantragt, von der EKD offiziell beauftragt wurde, in eben dieser irischen Kirche als ehrenamtlicher Pastor zu arbeiten. Im Advent wurde ich dann auch formal im Gottesdienst in Dublin eingeführt. Ich wurde beauftragt, im Raum Cork regelmäßig deutsche Gottesdienste anzubieten und evtl. Amtshandlungen zu übernehmen. Seither finden in Midleton in der anglikanischen Kirche, die wir dankbarerweise gegen eine kleine Gebühr dafür nutzen dürfen, alle zwei Monate deutschsprachige Gottesdienste statt. Glücklicherweise fanden wir eine Organistin, die bereit ist, ohne Bezahlung für uns die Orgel zu spielen. Nachdem wir am Anfang alle Lieder jeweils kopiert hatten, haben wir 2009 und 2010 neben der Kollekte auch noch für Gesangbücher gesammelt und konnten uns dann 20 Exemplare leisten. Wir haben zwar nur einmal alle gebraucht, wir waren halt ein kleiner Kreis, aber wir waren doch eine recht stabile Grundgruppe, so dass ich mich immer wieder sehr darauf gefreut habe. Manchmal führten Corinna Diestelkamp (die eine Hälfte des Pfarrerehepares aus Dublin) und ich den Gottesdienst gemeinsam durch, manchmal arbeitsteilig, manchmal als echte Teamarbeit mit dialogischer Predigt. Das ist eine besondere Bereicherung und Freude.

Ein besonderes Extra waren Amtshandlungen, vor allem Beerdigungen und Trauungen. Beides kam in dieser Diasporasituation nur vereinzelt vor. Deutsche oder auch amerikanische lutherische Christen fragen gelegentlich an, ob wir den Traugottesdienst für sie halten würden. Häufig sind es eingewanderte Deutsche, die einen irischen Partner heiraten, die dann doch gerne die vertrauten Worte und Abläufe hören bzw. erleben möchten. Die, die danach fragen, wissen in der Regel schon, warum sie das tun, und wollen es auch wirklich. Anders als in Deutschland, wo doch etliche Paare mehr der feierlichen Stimmung wegen auch noch in die Kirche kommen, geht es hier häufiger auch um Inhalte, was die Traugespräche und die Vorbereitung recht intensiv werden lässt. Das Fest dann allerdings auch. Und dann einem Paar den Segen Gottes mit auf den nun gemeinsamen Lebensweg geben zu dürfen, wird manchmal sogar wichtiger als das Ja zueinander zu sagen, zumal das in der Regel ja schon eine Weile vorher auf dem Standesamt amtlich vollzogen wurde und im Gottesdienst „nur“ noch einmal wiederholt wird.

Beerdigungen sind sehr selten, da die meisten im Laufe ihres Lebens auch Anschluss an eine anglikanische Gemeinde vor Ort gefunden haben. Aber manchmal kommt es doch vor, dass eine Familie gerade nach der deutschsprachigen Beteiligung fragt. Eine Beerdigung wurde so eine intensive Gottesdienstvorbereitung mit der anglikanischen Kollegin, wobei im Ergebnis ein schöner Gottesdienst mit parallel zweisprachig gesprochenem Ps. 23 und Vaterunser und einem zweimal hintereinander auf Deutsch und Englisch gesprochenen Segen herauskam, wobei die letzten Worte am Grab der deutsch gesprochene Aaronitische Segen war. Das hat sowohl der Familie als auch mir sehr viel bedeutet.

Ich gestehe gerne, dass dieses ehrenamtliche Pfarrersein ein ausgesprochen befriedigendes „Hobby“ war. Ich konnte das tun, was ich immer sehr gerne getan habe, aber freiwillig. Das ist noch mal etwas anderes als die Zeit, in der ich hauptamtlich Pfarrer war, wobei ich dort gerade die Regelmäßigkeit und Intensität, besonders an den hohen Feiertagen, geschätzt habe. Allerdings konnte ich meinen Beruf nicht mehr befriedigend ausüben, da ich mittlerweile (2006) an Multipler Sklerose erkrankt bin und von daher nicht mehr in der Weise leistungsfähig bin, wie es das Pfarramt erfordern würde.

2015 war ein sehr schwieriges Jahr, das mit einer mehr oder weniger erzwungenen Rückkehr nach Deutschland endete. Nach anderthalb Jahren wurde ich wieder eingeschränkt arbeitsfähig geschrieben und bin seit Mai 2017 wieder als Pfarrer tätig. In den 1½ Jahren in Iserlohn habe ich dort eine Praxis kennengelernt, die mir immer noch sehr viel bedeutet. Es war in Iserlohn, üblich in manchen Gottesdiensten aber auch außerhalb, eine persönliche Fürbitte und Segnung anzubieten. Am Anfang habe ich das gelegentlich in Anspruch genommen und sehr genossen, später habe ich dann auch mitgewirkt und es ebenfalls als sehr befriedigend erlebt. So kam meine Chefin im „Lichtblick“, wo ich ehrenamtlich geholfen habe, eines Vormittags zu mir und bat mich, sie für einen sehr komplizierten Besuch, den sie vor sich hatte, zu segnen. So habe ich auch in Iserlohn, obwohl nicht beruflich tätig, immer wieder Gelegenheit gehabt, Menschen den Segen Gottes zuzusprechen bzw. ihn individuell zu empfangen.

 

Ausblick

Heute kann ich sagen, dass mir das Segnen, ob im „normalen“ Gottedienst oder anlässlich von Amtshandlungen immer noch eine der vornehmsten und erhebendsten Aufgaben ist, die mich jedesmal wieder meiner eigenen Winzigkeit einerseits und großen Bedeutung andererseits bewusst werden lassen. Kürzlich war das bei den Konfirmationen der Fall. Im Auftrag des Schöpfers und Erhalters der Welt einigen seiner Geschöpfe seinen Segen zusprechen und mit auf den Weg geben zu dürfen, ist und bleibt eine großartige, beglückende „Spaß“ im Sinne von tiefer Freude machende Aufgabe.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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