Religiöse Indifferenz und Religionsamnesie gehen offenkundig Hand in Hand. Das, was einen gleichgültig lässt, gerät schnell in Vergessenheit. Dazu kommt: Etwas, von dem man nichts weiß, wird häufig auch nicht wertgeschätzt. Wächst in Deutschland eine junge Generation heran, die mit Glauben und Kirche nichts mehr anfangen kann, fragt Elisabeth Hurth. Und weiter: Wie könnte man diesem Bildungsnotstand begegnen?

 

Heilige Scheiße, so betiteln Stefan Bonner und Anne Weiss ihr Aufregerbuch, in dem der frappierende religiöse Analphabetismus einer ganzen Generation enthüllt wird, die an Ostern „nur an ein Kaninchen [denkt], das bunte Eier legt“.1 Solche Aussetzer sind dieser Tage kaum noch jemandem unangenehm und fallen auch nicht unangenehm auf. Was an Ostern eigentlich gefeiert wird, interessiert die meisten gar nicht mehr, wohl aber die arbeitsfreie Zeit.

Religionsamnesie und religiöse Indifferenz gehen offenkundig Hand in Hand. Das, was einen gleichgültig lässt, gerät schnell in Vergessenheit. Dazu kommt: Etwas, von dem man nichts weiß, wird häufig auch nicht wertgeschätzt. „Viele wissen nicht mehr“, so konstatiert die Journalistin Julia Anderton, „wozu Kirchen existieren.“2 Wenn man aber Kirchen nicht als Glaubensorte wahrnimmt, ist nach Anderton „angemessenes Verhalten nicht selbstverständlich“.3 Kirchliche Mitarbeiter werden beschimpft, Kirchen beschädigt.

 

 

Dazu fügen sich die Beobachtungen von Bonner und Weiss zu sog. „Glaubensfesten“ wie Kirchentagen und Weltjugendtagen. Angesichts der zunehmenden Beziehungslosigkeit zur Kirche muss man hinnehmen, dass das Sakrament der Taufe für viele zu einer „Art Vorsorgeimpfung“ geworden ist.4 Was man aber kirchlicherseits nicht hinnehmen und vor allem auch nur ungern konfrontieren will, ist die religiöse Verwahrlosung, die besagte Glaubensfeste überschattet. Sie sind für nicht wenige Teilnehmer*innen in erster Linie Partys, auf denen man mit anderen abfeiern kann.5 Interesse an Glaubensbotschaften, kirchlicher Verkündigung oder gar Lehre? Fehlanzeige.

 

Bildungsnotstand

Aktuelle Zustandsbeschreibungen, die das religiöse Feld betreffen, weisen auf einen weiteren unangenehmen Sachverhalt hin: Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage haben „nur noch 33 Prozent der Menschen in Deutschland großes Vertrauen in die evangelische Kirche“.6 Wer kein Vertrauen in etwas hat, hat in der Regel auch kein Interesse daran und ist nicht bereit, sich damit zu beschäftigen. Mehr noch: Wer Misstrauen gegen etwas hegt – was mittlerweile wegen der entsetzlichen Missbrauchsfälle sowohl auf die evangelische als auch in einem noch viel höheren Maß auf die katholische Kirche zutrifft – will auch nichts mehr davon wissen.

Seit Jahren spricht man von einer Krise der Seelsorge und einer Krise der Strukturen. Dahinter verbirgt sich jedoch, so die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus, eine tiefe Gotteskrise in einer glaubensmüden Gesellschaft, in der Menschen „Gott vergessen [haben]“. Was dabei nach Kurschus noch schwerer wiegt, ist: Viele „haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben“.7 Diese stetig fortschreitende Form der Gottvergessenheit ist nach Kurschus eine „große Herausforderung für unser Reden von Gott“.8 Wer neu von Gott reden will, muss jedoch etwas ganz Entscheidendes mitberücksichtigen. Wenn man „nichts von Gott weiß“, kann man auch nicht von ihm reden (1. Kor. 15,34).

Dass es hierzulande immer mehr funktionale Analphabeten gibt, ist regelmäßig Anlass für Klagen über fehlende Bildungsgerechtigkeit und Integration sowie über ein veraltetes Schulsystem. Während diese Klagen öffentlichkeitswirksam verhandelt werden, kommt dem Bildungsnotstand in Sachen Glaube und Religion kein hoher (öffentlicher) Aufmerksamkeitswert zu, ist doch die Bedeutung des Glaubens und erst recht der Kirche im freien Fall.

Glaubenswissen ist nicht länger Teil der Alltagskultur. Zentrale christliche Begriffe wie Erlösung und Heil sind selbst in der älteren, noch kirchennahen Generation zu Fremdwörtern geworden. Was das Wissen über kirchliche Lehre an sich anbelangt, kann man mittlerweile so gut wie nichts mehr voraussetzen. Man mag sich an dieser Stelle wie Bonner und Weiss über Menschen lustig machen, die Golgatha für eine Zahncreme halten und Trinität für eine amerikanische Rockband.9 Aber Pfarrer*innen, die sich Jugendlichen gegenübersehen, die überzeugt sind, dass an Weihnachten der Nikolaus kommt, ist nicht zum Lachen zumute. Es überwiegen vielmehr Frust und Resignation, aber auch Ratlosigkeit darüber, was hier eigentlich schiefläuft und schiefgelaufen ist.

 

Menschenweisheit

Vielleicht ist es aufschlussreich und zugleich ein wenig tröstlich, wenn man bedenkt, dass bereits in den frühen christlichen Gemeinden von „Unwissenden“ die Rede ist, die mit wichtigen Glaubensinhalten nicht vertraut sind (2. Petr. 3,16). „Unser geliebter Bruder Paulus“, so heißt es im 2. Petrusbrief, hat „in allen Briefen einige Dinge“ geschrieben, die „schwer zu verstehen sind“, und die „die Unwissenden verdrehen“ (2. Petr. 3,15-16). Das Schwerverständliche der paulinischen Lehre ist vordergründig ein Problem der sprachlichen Vermittlung. Wer mit abgehobenen Worten lehrt, wird nur wenige Menschen zur Botschaft Jesu Christi hinführen können. Paulus verzichtet daher auf „hohe Worte“ (1. Kor. 2,1). Dieser Verzicht auf hochtrabende Worte ist mit ein Grund, warum Paulus, wenn er in der Synagoge von Korinth „lehrt, Juden und Griechen überzeugt“ (Apg. 18,4).

Was die Glaubensunterweisung der Unwissenden anbelangt, ist das Wie der Vermittlung dem Was untergeordnet, dem Wort vom Kreuz. Paulus deutet dieses Wort nicht durch elegante Rede, er beschönigt es nicht, um es für andere zugänglicher oder attraktiver zu machen. Paulus verwendet bewusst keine „überredende Worte“, damit der „Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft“ (1. Kor. 2,4-5).

Im Gegensatz zur menschlichen Klugheit und Überlegenheit, auf die die Korinther vertrauen, „hält Paulus es für richtig, … nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten“ (1. Kor. 2,2). Das Zeugesein für das Wort vom Kreuz geht allem Wissen voraus. So „bezeugt“ Paulus den Glauben, er „bezeugt den Juden, dass Jesus der Christus ist“ (Apg. 18,5). Hohe Worte dagegen können keinen Glauben wirken. Wenn man den Glauben „lehrt“, reichen Worte allein nicht aus (1. Tim. 4,6). Man muss in und mit seinem Leben von dem, was man andere lehrt, Zeugnis geben.

 

Schulisches Allerweltsprogramm

Unwissende im Glauben werden heute vor allem an einem institutionalisierten Lernort, der Schule, unterwiesen, an der das Zeugnis an sich keine Voraussetzung ist. An Schulen findet ein Religionsunterricht statt, in dem es, so Bonner und Weiss, nicht um Glaubensinhalte oder „strenge Glaubenslehre“ geht. Stattdessen werden sozialpolitische „Diskussionsstoffe“ von der Todesstrafe bis zur Sterbehilfe „auf die christliche Moral heruntergebrochen“.10

Ein Religionsunterricht, der – interdisziplinär angelegt – zu viele Lernfelder und aktuelle gesellschaftsrelevante Aspekte umfasst, mutiert zu einem Allerweltsprogramm. Wenn zudem der Kompetenzerwerb ganz in den Vordergrund rückt und man dabei die Wissensvermittlung vernachlässigt, wird der Unterricht so verwässert, dass am Ende eine große Unklarheit darüber herrscht, was Glaube letztlich ist. Es dominiert, folgt man Bonner und Weiss, eine „schulische Seichtheit“, die die Schüler*innen in Unwissenheit belässt.11

Wer über kein Glaubenswissen verfügt, ist auch nicht „bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von ihm Rechenschaft fordert, über die Hoffnung, die in ihm ist“ (1. Petr. 3,15). Aber alles Wissen über den Glauben ist unzureichend, wenn man nicht selbst von dieser Hoffnung überzeugt ist. Schüler*innen haben ein Gespür dafür, ob Lehrer*innen an das, was sie vom Glauben erzählen und aussagen, selbst glauben. Lehrer*innen, die nicht aus dem Glauben heraus lehren, dass Jesus Christus das Wort Gottes ist, mögen wortreich über den Glauben reden, aber was das Glaubenszeugnis anbelangt, wird ihr „Reden“ nicht verantwortlich und überzeugend sein (Sir. 5,13).

Schüler*innen haben auch ein Gespür dafür, ob ihre Lehrer*innen das, was sie im Unterricht über den Glauben sagen, in ihrem eigenen Alltag wirklich leben. Es ist für Paulus eine „Anmaßung“, wenn man als „Lehrer*in der Unmündigen“ auftritt und „nun andere lehrt“, dabei aber „nicht sich selber lehrt“ und von Geboten „predigt“, ohne sie selbst zu befolgen (Röm. 2,20-21).

Das gilt gleichermaßen auch für die Schüler*innen. Wenn sie im Unterricht das Wort des Glaubens „hören“, es jedoch „nicht tun“, ist alles nichtig und „töricht“ (Mt. 7,26). Es reicht einfach nicht, nur „Hörer*in des Worts“ zu sein, man muss auch „Täter*in des Worts“ sein (Jak. 1,22-23). Täter*in des Worts zu sein, bedeutet vor allem auch, dass man sich anderen „zum Vorbild gibt“, dass man ihnen vorlebt, was es heißt, Christus ähnlich zu werden (2. Thess. 3,9).

Lehrer*innen, die Glaubenswissen anschaulich und lebendig vermitteln und diese Vermittlung an ihrer eigenen Person festmachen, wirken vorbildlich und kommen sympathisch rüber. Die Gefahr dabei ist jedoch, dass die Person an sich wichtiger wird als die Inhalte, für die sie einsteht. Nach biblischem Zeugnis müssen Lehrer*innen auch „Diener*innen“ des Worts sein, die sich selbst als Person zurücknehmen, um Jesus Christus offenbar werden zu lassen (1. Kor. 3,5).

Religionslehrer*innen, die Schüler*innen von ihren eigenen Erfahrungen in Sachen Glaube und Kirche berichten, werden als authentisch wahrgenommen. Dort, wo sich diese Erfahrungen vom Wort Gottes verselbständigen, dienen Lehrer*innen nicht der Botschaft, sondern verbreiten ihre eigenen Ansichten. Lehrer*innen, die ihr Wort verkünden, nicht aber das Wort Gottes, „leben“ weder „vom“ noch für das Evangelium (1. Kor. 9,14). Paulus dagegen „predigt nicht sich selbst“ (2. Kor. 4,5). Die Juden und Griechen in der Provinz Asia hören entsprechend nicht das, was Paulus über sich zu sagen hat, sie „hören“ vielmehr „das Wort des Herrn“ (Apg. 19,10).

 

Charisma

Paulus setzt sich in der Gemeinde in Korinth mit Gläubigen auseinander, die sich auf Lehrer*innen berufen, „durch die sie gläubig geworden sind“ (1. Kor. 3,5). Paulus betont jedoch, dass der Dienst als Lehrer*in eine besondere Gabe Gottes ist. Lehrer*innen sind vom Heiligen Geist „berufen“ (Apg. 13,2). Es hängt somit nicht nur vom Vermögen und der Qualifikation der Lehrer*innen ab, ob sie den Glauben lehren können. Die „überschwängliche Kraft“, die Paulus befähigt, als Apostel und Lehrer zu wirken, kommt nicht von ihm selbst, sie ist „von Gott“ (2. Kor. 4,7). Gott „hat Lehrer*innen in der Gemeinde eingesetzt“ und „das Gedeihen gegeben“ (1. Kor. 12,28; 1. Kor. 3,6).

Wer „Reli“ als Laberfach ansieht, für den ist der Unterricht zumeist langweilig und in keiner Weise inspirierend. Lehrer*innen, die das Charisma zum Unterrichten besitzen, machen hier den Unterschied. Wenn Schüler*innen ihre Lehrer*innen als begnadet erfahren, werden sie vielleicht auch offener für das Lernen des Glaubens – ein Lernen, das anders ist als das Pauken von Englischvokabeln oder mathematischen Formeln. Wer das Vaterunser lernt, lernt auch etwas über die Gnade und den Beistand Gottes.

Der Dienst als Lehrer*in muss nach Paulus auch die Vermittlung von Glaubenswissen mit einschließen. Der Glaube, so Paulus, ist ein Geschenk, er hat nicht Wissen zum Inhalt, sondern Gott selbst. Vor Gott ist Wissen vergänglich und unvollkommen. Es ist nur „Stückwerk“ (1. Kor. 13,9). Damit werden das Wissen und die Wissensinstruktion an sich jedoch nicht bedeutungslos. Ohne praktiziertes religiöses Wissen bleiben die Unterwiesenen „unmündig“ und „lassen sich von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben“ (Eph. 4,14). Wenn man die eigene religiöse Heimat nicht kennt und kein ausreichendes Glaubenswissen hat, ist eine angemessene Auseinandersetzung mit anderen Lehren und Anschauungen nicht möglich.

Dieser Zusammenhang wird besonders im Umgang mit populären Verschwörungstheorien rund um den Glauben deutlich. Die Empörung, die von Seiten der Kirche oft hochkommt, wenn vermeintlich blasphemische Unterhaltungsprodukte die Gestalt und die Botschaft Jesu verunglimpfen, offenbart letztlich Defizite im Glaubenswissen. Ein Glaube, der einen auch erfolgreich verfilmten Bestseller wie Dan Browns Sakrileg „nicht aushält“, ist, so Peter Hahne, „schwach“. „Wie wenig“, fragt Hahne, „müssen die aufgeschreckten Pfarrer*innen ihren Gläubigen an Wissen vermittelt haben, dass sie … befürchten, Leser*innen und Seher*innen könnten vom Glauben abfallen?“12

 

Traditionsabbruch

Paulus baut selbst eine Schule auf und hält „zwei Jahre lang“ Lehrvorträge „in der Schule des Tyrannus“ (Apg. 19,9-10). Als Lehrer weiß Paulus um die banal wirkende Tatsache, dass man nur dann an Jesus Christus glauben kann, wenn man etwas von ihm „gehört hat“ (Röm. 10,14). „Glaube kommt aus der Predigt“ (Röm. 10,17). Wenn aber niemand bereit ist, von Jesus Christus zu künden, wird auch niemand von ihm hören und zum Glauben gelangen. Es ist das Problem des Traditionsabbruchs, das bereits im AT thematisiert wird. Dabei zeigt sich, dass es bei der Tradierung des Glaubens nicht nur um die Weitergabe von Kopfwissen geht. Es gilt, sich das, was der Herr „gebietet, zu Herzen zu nehmen“ und zugleich den „Kindern einzuschärfen“ sowie „davon zu reden“ an jedem Ort und zu jeder Zeit (5. Mos. 6,6-7). Die Kinder wiederum sollen das weitergeben, was ihnen die Väter „kundgetan“ haben über Gottes Handeln an seinem Volk (Jos. 4,22).

Auch die Lehrer*innen in den paulinischen Gemeinden fordern ihre Schüler*innen auf, „andere zu lehren“ und die Glaubensbotschaft weiterzutragen (2. Tim. 2,2). Dieser Aufforderung kommt heute in Zeiten eines fast vollständigen Traditionsabbruchs kaum noch jemand nach. Immer mehr Menschen haben so rein gar nichts vom Glauben gehört.

Doch selbst wenn man in Sachen Glaube von vielem hört, kann es geschehen, dass man es „nicht versteht“ (Jes. 6,9). Das liegt zum einen daran, dass Menschen „unverständig“ sind (Hebr. 5,11). Nicht ohne Vorwurf heißt es im Hebräerbrief: „Und ihr, die ihr längst Lehrer*innen sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre“ (Hebr. 5,12).

Die Tatsache, dass man Anfängerunterricht braucht, obwohl man eigentlich im Glauben unterrichtet worden ist, ist nicht nur ein Hinweis auf die Notwendigkeit lebenslangen Lernens im Glauben. Ausschlaggebend ist auch, wie im Fall von Philippus, der einem äthiopischen Kämmerer das Wort des Propheten Jesaja über den Gottesknecht auslegt, das Verwiesensein auf „Anleitung“ (Apg. 8,31).

Diese Anleitung bezieht sich nicht nur auf eine Deutung von herausfordernden, anspruchsvollen biblischen Texten. Sie beinhaltet vor allem auch ein Bekunden des „Evangeliums von Jesus“ (Apg. 8,35). Die biblische Erzählung von Philippus und dem äthiopischen Kämmerer zeigt so einmal mehr, dass das eigentliche Verständnisproblem kein sprachliches Vermittlungsproblem ist, sondern ein inhaltliches. Jesajas Botschaft von der „Ernied­rigung“ des Gottesknechts, von Hingabe und ­Gericht – all das sind gerade heute unbequeme und vor allem lebensfremd wirkende Glaubensaussagen (Apg. 8,33).

 

Religiöse Ahnungslosigkeit

Dazu fügt sich eine aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, die ergab, dass es immer weniger Deutsche mit einer christlichen Bindung gibt. Die Abkehr von „wesentlichen Inhalten des Christentums“, so das Ergebnis der Umfrage, ist der erste Schritt des Entfremdungsprozesses. Am Ende dieser Entwicklung steht die „Abwendung von der christlichen Kulturtradition“.13 Unberücksichtigt bleibt in der Umfrage jedoch, dass viele sich erst gar nicht mit Glaubensaussagen inhaltlich auseinandersetzen – nicht zuletzt deshalb, weil sie dazu kaum in der Lage sind. Die überwiegende Mehrheit hat schlichtweg keine Ahnung von zentralen Glaubensinhalten. Diese religiöse Ahnungslosigkeit ist mit ein entscheidender Grund für den Untergang christlicher Glaubensgehalte.

Die ernüchternde Tatsache, dass laut repräsentativen Umfragen nur noch „23 Prozent der evangelischen Befragten“ an die Auferstehung glauben, ist nicht nur dieser religiösen Ahnungslosigkeit geschuldet.14 Eine zentrale Rolle spielt hier auch der radikale Wandel religiöser Orientierungen. Für einen Glauben, den man als Gefühl erfährt, „behütet und getragen zu sein“, braucht man nicht notwendig den Bezug auf die biblisch bezeugte Wahrheit von Jesus Christus als dem Auferstandenen.15

Wenn das wichtigste Hoffnungsbild des Christentums weder geglaubt noch gewusst wird, mag man wie Paulus kritisieren, dass der Glaube leer und „vergeblich“ ist (1. Kor. 15,14). In einer entchristlichten Gesellschaft muss man es jedoch akzeptieren, dass Menschen ohne jegliche Vorgaben selbst festlegen wollen, an was und wie sie glauben.

 

Bibelferne

Die Bibel, so der Theologe Konrad Schmid, ist „das bekannteste und das mit Abstand am weitesten verbreitete Buch der Weltliteratur“.16 Diese superlativischen Aussagen lassen jedoch außer Acht, dass die Bereitschaft zur Bibellektüre rasant abnimmt. Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte im Jahr 2011, dass „fast neunzig Prozent der Deutschen … selten bis nie in der Bibel [lesen]“.17 Noch bedenklicher sind die Ergebnisse, die die Umfrage bei Kirchenmitgliedern zu Tage förderte: „Sechzig Prozent der Katholiken und Protestanten“ verfügen nur über „ausreichende bis gar keine Lektürekenntnisse“.18

Zehn Jahre nach diesen desillusionierenden Umfrage-Ergebnissen beschreiben die Pfarrer Klaus Douglass und Fabian Vogt die evangelische Kirche als Patienten und diagnostizieren eine folgenschwere Bibelferne. „Kaum jemand“, so die Autoren, „kennt mehr die Bibel oder lebt gar mit ihr – und zwar bis in unsere Kirchenvorstände hinein.“19 Angesichts dieses Befunds muss die Frage des Philippus an den ägyptischen Kämmerer, ob er den Jesaja-Text „verstehe“, noch einmal anders gestellt werden (Apg. 8,30). Sie lautet nunmehr: Wie liest du die Bibel?

Timotheus hat von Paulus das Evangelium „gelernt“, er „kennt von Kind auf die Heilige Schrift“ (2. Tim. 3,14-15). Er liest sie als Schrift, die „von Gott eingegeben“ ist (2. Tim. 3,16). Wenn man die Heilige Schrift wie einen historischen Bericht liest, kann dies informativ und zugleich unterhaltsam sein, aber es bleibt ohne Konsequenzen für die eigene Lebenswirklichkeit. Wenn man dagegen die Heilige Schrift geistlich liest, ist sie nicht nur ein Buch, das „nütze ist zur Lehre“ (2. Tim. 3,16). Sie ist vielmehr Quelle der Offenbarung Gottes, seines Heilshandelns am Menschen. Sie ist so maßgebend für unsere Beziehung zu Gott und von hier aus Richtschnur für unseren Glauben und für unser Leben.

In digital überformten Zeiten gilt das Netz als der Ort, an dem religiös Unwissende mit der Bibel in Kontakt kommen. Es steht außer Frage, dass die neuen, digital geprägten Ausdrucksformen und Erlebnismöglichkeiten des Glaubens zur Überwindung der religiösen Wissenskrise beitragen können. Gerade die Corona-Pandemie, in der Menschen mittlerweile täglich 10 Stunden (!) vor dem Bildschirm verbringen, hat jedoch vor allem für den schulischen Bereich gezeigt, dass Unterricht ein soziales Geschehen ist und Schüler*innen eine persönliche Unterstützung und Begleitung durch ein leibhaftiges Gegenüber brauchen.20

Wenn fast alles auf online umgestellt wird, wächst jenes digitale Unbehagen, in dem man gewahr wird, dass die „persönliche Begegnung mit anderen Menschen die einzige Verkündigung [bleibt], die letztlich wirklich zählt“.21 Durch sie ist es möglich, glaubensferne Menschen unmittelbar „im Wort zu unterrichten“ und sie zur Lebenserneuerung sowie zur Nachfolge anzustiften (Gal. 6,6).

 

Anmerkungen

1 Stefan Bonner/Anne Weiss, Heilige Scheiße. Wären wir ohne Religion wirklich besser dran? Köln 2011, 29.

2  Julia Anderton, Viele wissen nicht mehr, wozu Kirchen existieren, in: Wiesbadener Kurier 27.1.2020, 11.

3 Ebd.

4 Bonner/Weiss, Heilige Scheiße, 21.

5 Vgl. ebd., 9.

6 epd, Kirchen verlieren an Vertrauen, in: Evangelische Sonntags-Zeitung 30.1.2022, 7.

7 Annette Kurschus, Sehe keinen Grund, das Wort Gott zu gendern, in: FAS 21.11.2021, 6.

8 Ebd.

9 Vgl. Bonner/Weiss, Heilige Scheiße, 22.

10 Ebd., 50.

11  Ebd.

12 Peter Hahne, Worauf es ankommt. 4. Aufl. Berlin 2009, 95.

13 Thomas Petersen, Christliche Kultur ohne Christen, in: FAZ 22.12.2021, 8.

14 Susanne Haverkamp, Sicher, lieber Paulus?, in: Der Sonntag 13.2.2022, 7. Vgl. auch Petersen, Christliche Kultur ohne Christen, 8.

15 Arnd Henze, Gott interessiert sich für dich, in: PRO. Das christliche Medienmagazin 1 (2022), 34.

16 Konrad Schmid, Die Bibel. Entstehung, Geschichte, Auslegung. München 2021, 7.

17 Zit. nach: Bonner/Weiss, Heilige Scheiße, 88-89.

18 Ebd., 89.

19  Klaus Douglass/Fabian Vogt, Der evangelische Patient. Die Kirche: eine Heilungsgeschichte. Leipzig 2021, 21.

20  dpa, Mehr Zeit vor dem Bildschirm, in: FAZ 29.1.2022, C 1.

21 Nicola Vollkommer, Online um Gottes willen. Ein Bibelkurs. Altusried-Krugzell 2021, 128.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. phil. Elisabeth Hurth, Jahrgang 1961, Medienwissenschaftlerin, Publizistin und Dozentin in Wiesbaden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

1 Kommentar zu diesem Artikel
23.09.2022 Ein Kommentar von Reichelt Chapeau für diesen Beitrag! Ich selbst, christlich erzogen, kam in eine tiefe Krise, die eine schwere Depression zur Folge hatte. Aus dieser konnte ich mich durch Heiligung (und ohne ärztliche Hilfe oder Medikamente) allmählich herausarbeiten. Seitdem ist es nicht nur mein Anliegen, sondern auch Berufung, einem oberflächlichen Christentum und einer dem Glauben gleichgültig gegenüberstehenden Welt, die Tiefe und Weisheit des christlichen Glaubens zu vermitteln. Das geschieht vorwiegend auf meinem Blog https://manfredreichelt.wordpress.com/inhaltsverzeichnis/ aber auch - mehr wissenschaftlich - auf https://independent.academia.edu/ManfredReichelt
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