Postmoderne mag ein Reizwort sein. Es verbindet sich mit Beliebigkeit und Relativismus. Dabei ist es eine emanzipatorische Leistung der postmodernen Denker*innen, dass sie die Machtfrage aus dem, so möchte ich es mal zugespitzt nennen, Würgegriff eines partikularen Zugriffs befreit haben (das Bild vom „alten, weißen Mann“). Auch wenn diese Entwicklung neue Ambivalenzen1 hervorgebracht hat, kommen wir m.E. nicht mehr hinter sie zurück. Postmoderne mag in diesem Sinne ein Reizwort sein und bleiben. Doch es beschreibt Entwicklungen, mit denen Kirche und Gesellschaft werden zurechtkommen müssen.

 

Ein neues Freiheitsverständnis

Insbesondere trägt, so meine ich, die Postmoderne ein neues Freiheitsversprechen in sich, das sich vielleicht auf den griffigen Slogan anything goes kaprizieren ließe. Gerade an dieser Stelle setzt (nicht nur) theologische Kritik ein. Vermeintlich scheint sich hier ein Freiheitsverständnis zu artikulieren, das defizitär ist und unserem christlichen Freiheitsverständnis fundamental widerspricht. So möchten wir doch unsere christliche Freiheit vielmehr von der freien Bindung her verstehen. Das Freiheitsversprechen der Postmoderne geht nach meinem Dafürhalten darüber hinaus, indem es Lebensmöglichkeiten von den Bindungen an Traditionen, Herkunft etc. entkoppelt. Freiheit wird in der Postmoderne vielmehr darin erfahren, dass Menschen sich immer wieder neu erfinden können, also dass gewissermaßen ihre Identität zum Avatar und das Leben zum Spiel wird. Sie verheißt Leichtigkeit und Spaß.

Bei allen damit einhergehenden Ambivalenzen, dies ausschließlich zu kritisieren wäre, so meine ich, wohlfeil. Denn solche Freiheit bedeutet ja durchaus nicht, dass sie sich nicht zugleich mit ethischen Prinzipien verbinden ließe. Die Postmoderne hat – wir erleben das – auch ein neues Bemühen um ein moralisch durchgestyltes Leben hervorgebracht, hat das Fragen nach einem ökologisch- und, wenn man so will, politisch-korrekten Bewusstsein neu geschärft. Es wäre daher m.E. zu kurz gesprungen, ihr ein vermeintlich unzulängliches Freiheitsverständnis zum Vorwurf zu machen. Es würde vor allem auch Chancen und Verheißungen ausblenden2.

 

Versatzstücke der Vergangenheit

Der postmoderne Widerspruch gegen den Konnex von Freiheit und Bindung3 rückkoppelt auf die Wahrnehmung unserer christlichen Traditionen. Denn dies unterminiert in der Konsequenz ihre dogmatische Ernsthaftigkeit. Die Postmoderne reduziert selbst unsere zentralen Glaubenssätze darauf, lediglich Theologumena zu sein, die nach Belieben ignoriert oder rekombiniert werden können4. Gerade an diesem Punkt tun wir als Theolog*innen uns nach meinem Dafürhalten ausgesprochen schwer damit, dies fröhlich und entspannt hinzunehmen. Wir sind geneigt, unsere alten Glaubenswahrheiten immer wieder neu zu interpretieren, um so ihre vermeintlich alte Wahrheit durch die Zeit hindurch zu retten und zu bewahren.

Die Alternative, sie als Versatzstücke einer Vergangenheit zu akzeptieren, die letztlich „nur noch“ als mögliche Spielzeuge postmoderner Rekombinatorik herhalten können, scheint möglicherweise abschreckend. Allerdings müssten wir als Kirche nach meiner Überzeugung zugleich nüchtern anerkennen, dass unsere, so erlebe ich es zumindest immer wieder, fortwährenden Versuche, alte und längst überkommene Wahrheiten zu reformulieren, heute immer weniger Menschen interessieren. Sie sind aus der Zeit gefallen. Wenngleich durch das paulinische Gebot der Rücksichtnahme auf die Schwachen5 sicherlich Grenzen gesetzt würden – vielleicht wäre es verheißungsvoller, wenn wir mit unseren Traditionen einstimmen könnten in das Lied der postmodernen Leichtigkeit6?

 

Prekäre Wahrheitsfrage

Sicherlich stellt sich vor solchem Relativismus die Wahrheitsfrage neu7. Wir behaupten sie, so meine ich, im postmodernen Gewand heute in durchaus jesuanischer Weise, wenn wir sagen: „Ich bin die Wahrheit“8. Zugleich prägen unsere Wirklichkeit damit kontroverse, ja disparate Wahrheitsansprüche, die nebeneinander stehen. Die Behauptung „ich bin die Wahrheit“ – auch im Sinne eines gruppen- bzw. partikularinteressenbezogenen „wir sind die Wahrheit“ (als BIPOC, LBGTQ etc.) – macht die Wahrheit fragwürdig, umkämpft und letztlich prekär. Es bleibt die persönliche Entschlossenheit als letztgültige Begründung für ethische Orientierungen.

So wie ich es lese, wird dieses Dilemma in den Passionsgeschichten der ntl. Evangelien aufgegriffen. „Was ist Wahrheit?“, fragt Pontius Pilatus9. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, bringt Jesus in einer paradoxen Formulierung die Krise der Wahrheit angesichts der Wirklichkeit des Kreuzes zum Ausdruck10. Wahrheit mag beliebig sein, aber sie wird fragwürdig da, wo das Kreuz der Hilferufe, Schmerzensschreie und erschreckenden, furchtbaren Erfahrungen in unsere Wirklichkeit einbricht. Wahrheit mag beliebig sein, aber sie gerät im Lichte dessen, was im Kreuz Jesu zum sprechenden Bild geworden ist, in die Krise. Sie kann sich hier als falsche Wahrheit entpuppen, wenn sie nicht hilft, nicht lindert, nichts an den Zuständen verbessert, nicht tröstet usw.

Unser christlicher Glaube würde uns deshalb zwar im Lichte der postmodernen Erkenntnisse nicht mehr berechtigen zu behaupten, dass wir als Christen oder als Kirche im Besitz der Wahrheit sind. Aber wir würden in der Nachfolge Jesu weiterhin beharrlich Zeugnis dafür ablegen können und sollen, dass sie sich immer wird durch das Kreuz hindurch zu bewähren hat. Nicht der Tod des Sünders, sondern die Auferstehung des Gerechten bliebe der Maßstab, an dem sich unser christliches Fragen und Suchen nach Wahrheit und Gerechtigkeit auch in einer von der Postmoderne geprägten Weltwirklichkeit orientieren könnte.

Holger Erdwiens

 

Anmerkungen

1 Emanzipatorischen Bewegungen wie Me Too oder Black Lives Matter stehen der restaurative Präsidentschaft eines Donald Trump oder dem Aufkommen und Erstarken der AfD gegenüber.

2 Zumal der theologische Widerspruch m.E. konstruiert ist, vgl. etwa Mt. 17,20.

3 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Dekonstruktion.

4 Beispiele finden sich in der Popkultur en masse, man denke nur an Madonnas Musikvideo zu ihrem Song „Like a Prayer“.

5 Röm. 14,1-15,7.

6 Hier würde mir auch das Bild der spielerischen Weisheit aus Spr. 8 einfallen.

7 Vgl. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/philosophie-wahrheit-statt-geschichten.

8 Joh. 14,6.

9 Joh. 18,38.

10 Mk. 15,34 par.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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