Mit der reformatorischen Fassung des Evangeliums Jesu hat die Kirche eigentlich eine gute Botschaft im Gepäck. Erstaunlicherweise scheint das die Menschen in der Breite wenig zu interessieren. Daher steckt die Kirche als Volkskirche in einem verhängnisvollen Dilemma. Albrecht Benz zieht nach 41 Jahren im Dienst als evangelischer Pastor einer Landeskirche ein nüchternes Fazit.

 

Am 1. Januar 2021 bin ich altersgemäß in den Ruhe­stand versetzt worden. Zum Abschied aus dem aktiven Dienst habe ich diesen kleinen Aufsatz geschrieben. Es ist der Versuch, mein Fazit am Ende eines langen und sehr vielseitigen beruflichen ­Weges in Worte zu fassen.

 

Unterschiedlichste Gemeindesituationen

Ich habe als Pastor an überdurchschnittlich vielen Einsatzorten in der weiten Welt und in der Hannoverschen Landeskirche gearbeitet und dabei Erfahrungen gesammelt. Hier möchte ich nur einige wenige Höhepunkte nennen, weil sie für das Thema relevant sind:

In den ersten Amtsjahren waren wir sechs Jahre lang mit der Familie in Brasilien, entsandt über das Kirchliche Außenamt der EKD. Ich war dort Gemeindepastor bei deutschstämmigen Kleinbauern, die in sehr einfachen Verhältnissen leben, so etwa wie bei uns vor 100 Jahren. Man kann wohl auch sagen, dass wir zu Gast waren bei den aktivsten Lutheranern der Welt. Wir haben dort im klassischen Sinne eine lebendige Volkskirche erlebt. Für diese Leute hat ihre Kirche noch einen sehr hohen Stellenwert. Wenn ich an einem durchschnittlichen Wochenende an drei verschiedenen Orten Gottesdienste gehalten hatte, konnte ich mich am Sonntagabend zurücklehnen und sagen: „Ich habe in diesen zwei Tagen insgesamt vor etwa 600 Menschen gepredigt.“

Dann, wieder in Deutschland, waren wir zehn Jahre lang in einer kleinen Gemeinde. Wir waren damals nur 1300 Gemeindeglieder bei einer ganzen Pfarrstelle. Und es gab einen aktiven Kreis von jungen Leuten und Familien, die ihren christlichen Glauben gemeinsam intensiv leben wollten. So eine spezielle Situation hatte ich bewusst gesucht. Hier hatten wir die Gelegenheit, auf vielseitige Weise kreativ zu sein und neue Wege des Gemeindelebens auszuprobieren.

Aber wurde nach zehn Jahren die Pfarrstelle gekürzt von einer ganzen auf eine halbe Stelle. Wir mussten wechseln und bekamen nach langer Suche eine Gemeinde angeboten, die mehr als doppelt so groß war. Zur volkskirchlichen Betreuung der 2800 Gemeindeglieder kamen die organisatorische und inhaltliche Verantwortung für einen Kindergarten mit sechs Gruppen hinzu, die Trägerschaft für den Friedhof des Dorfes und die Restaurierung der wertvollen, historischen Kirche. Dabei waren in der Gemeinde und im Kirchenvorstand Christen aus fünf verschiedenen, miteinander konkurrierenden, theologisch unterschiedlich geprägten Gruppen vertreten. Das war ein Anspruch, dem ich nicht gerecht werden konnte. Wir gerieten laufend mitten hinein in die Schwierigkeiten, die die Leute untereinander hatten. Meine Bemühungen, Ausgleich zu schaffen, gingen ins Leere. Deshalb haben wir nach sechs Jahren noch einmal eine neue Stelle gesucht.

Soweit nur einige ausgewählte autobiografische Details. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich sehr gerne Pastor und Gemeindepfarrer gewesen bin. Unter dem Strich überwiegt die Dankbarkeit darüber, dass wir diesen Dienst tun durften.

 

Enttäuschung und Sorge über eine alt gewordene Kirche

Es mischt sich in die Dankbarkeit aber auch Enttäuschung und große Sorge um unsere alt gewordene ­Kirche. Als junge Leute sind wir angetreten, in die Welt hinauszugehen und irgendwo christliche Gemeinde aufzubauen. 1991 sind wir mit der Familie aus Brasilien wieder zurück nach Deutschland gekommen. Ich muss leider sagen: Wir haben bei unserer Rückkehr feststellen müssen, dass die Kirche in Deutschland inzwischen schwächer geworden war. Und wir beobachten seitdem eine Entwicklung, die mit der Zeit immer schneller geworden ist: Die Volkskirche im Lande ist seit vielen ­Jahren rückläufig.

Etwa im Jahr 1996 war ich mit den Kollegen des Kirchenkreises für vier Tage zusammen in Klausur, um über die Zukunft der Kirche nachzudenken. Zum Auftakt sollte jeder von uns dazu ein Statement abgeben. Damals habe ich gesagt: „Es ist zu beobachten, dass die Volkskirche uns wegschmilzt wie ein Vanilleeis in der Sonne. Gleichzeitig sind aber auch neue Aufbrüche möglich, wenn engagierte Theologen mit einigen interessierten Leuten zusammen eine gute Arbeit leisten.“

Im Jahre 2008, als wir im Kirchenkreistag schon wieder in eine neue Sparrunde gedrängt worden waren und einen neuen Stellenrahmenplan mit weiteren Kürzungen beschließen sollten, habe ich im Plenum gesagt: „Wir sind jetzt am Ende der Fahnenstange. Wenn wir so weiter kürzen, dann kommen wir an einen Punkt, an dem die Leute den Eindruck bekommen, dass die Kirche den Vertrag nicht mehr erfüllt, den sie mit dem Kirchensteuerzahler geschlossen hat. Dies ist für unsere Kirche eine Frage der Glaubwürdigkeit und des Überlebens.“

Ich ziehe den Schluss, dass Kirche es unter den gegebenen Rahmenbedingungen in Zukunft nicht mehr schaffen kann, glaubwürdig Volkskirche, also „eine Kirche für alle“ zu sein, mit allen notwendigen und vielen weiteren wünschenswerten Angeboten. Diese Entwicklung ist in den großen Städten schon so weit fortgeschritten, dass viele Menschen von Kirche kaum noch etwas erwarten. Deswegen sehen sie es auch nicht mehr ein, warum sie noch kostenpflichtig Mitglied bleiben sollten. Der Kirchenaustritt ist die logische und erwartbare Konsequenz. Auf dem Lande ist diese Entwicklung aber auch schon im Gange und vermutlich nicht mehr aufzuhalten.

 

Eine universale und unverzichtbare Botschaft

Wir haben es zu tun mit einem strukturellen und ebenso auch mit einem theologischen Problem – beides zugleich. Dabei ist im christlichen Glauben eine universale Botschaft enthalten, die für die ganze Welt unverzichtbar ist. Wo diese Botschaft fehlt, gerät die Welt aus den Fugen. Wo sie aber geglaubt und gelebt wird, da entsteht neues Leben in Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen.

Dies wird besonders deutlich in der Theologie der lutherischen Reformation. Im Jahre 2017 haben wir mit großem Aufwand das 500jährige Jubiläum der Reformation gefeiert. Ich schrieb in dieser Zeit einen kleinen Text für unsere Tageszeitung. Daraus hier einige Gedanken:

Martin Luther fand beim Studium der Bibel den Satz des Apostels Paulus aus dem Römerbrief, Kapitel 3, Vers 28. Er übersetzte ihn aus dem Griechischen ins Deutsche mit den schwer verständlichen Worten: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Diese altdeutsche Formulierung klingt heute für uns leider sehr fremd. Wir können den Satz von Paulus aus dem Römerbrief aber auch in unsere heutige Sprache übersetzen: „Wir halten unbeirrbar daran fest, dass Menschen bei Gott akzeptabel sind und von ihm angenommen werden, ohne dass sie als Bedingung dafür aus eigener Kraft eine Vorleistung erbringen müssten. Wir dürfen uns ihm deshalb getrost anvertrauen.“

Martin Luther hat damit für seine Zeit die wichtigste Aussage der Bibel wiederentdeckt. Ich möchte diesen Satz aus dem Römerbrief für unsere Zeit noch etwas freier übertragen: „Der Wert eines Menschen wird nicht bestimmt durch seine Leistung. Sondern wertvoll ist ein Mensch, weil Gott ihn liebt. Das darfst du ruhig glauben!“ Die einfache Botschaft lautet: „Du bist geliebt, weil Gott dich lieben will! Du darfst dich ihm gerne anvertrauen.“

Die Theologie spricht von „unverdienter Gnade“. Damit stellt der christliche Glaube nach lutherischer Lesart die Leistungsgesellschaft, in der wir heute gefangen sind, auf fundamentale Weise infrage: Wertvoll sind alle Menschen, unabhängig davon, ob sie große Leistungen vollbringen können oder nicht. Diese eindeutige Aussage ist heute leider nicht mehr selbstverständlich.

Wer dabei mit dem Gottesbezug unserer christlichen Aussage Schwierigkeiten hat, der kann dafür auch eine neutralere Formulierung einsetzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland) Jeder Mensch hat Würde! Sie kann und darf ihm nicht genommen werden. Ein Mensch verliert seine Würde auch dann nicht, wenn er nicht in der Lage sein sollte, eine Gegenleistung dafür zu erbringen.

Die Botschaft der lutherischen Reformation kann Menschen trösten, die traurig, einsam und entmutigt sind. Sie richtet Menschen wieder auf, die schuldlos zu Opfern geworden sind. Sie weist einen Ausweg auch für Menschen, die auf irgendeine Weise schuldig geworden sind und darunter leiden. Die reformatorische Botschaft öffnet uns aber auch den Blick dafür, dass wir die Freundlichkeit, die wir als Geschenk Gottes annehmen dürfen, auch an andere Menschen weitergeben. Sie ermutigt uns also dazu, die Schwachen zu schützen. Sie mahnt uns, Menschen zu pflegen, die auf Hilfe angewiesen sind. Sie befreit uns zu einer gemeinschaftlichen Anstrengung gegen Armut von Kindern, Alten und Langzeitarbeitslosen. Und sie kann Menschen dafür öffnen, sich für den Schutz von Kriegsopfern in aller Welt einzusetzen.

Wir sollten also den 31. Oktober als Kirche zusammen mit der Zivilgesellschaft als staatlichen Feiertag begehen wie einen „Tag der Menschenwürde“.

 

Was „Volkskirche sein“ für mich bedeutet

Auf dieser Grundlage habe ich mich immer wieder dazu motiviert, für die Menschen da zu sein und somit auch dem „System Volkskirche“ zu dienen. Volkskirche zu sein bedeutet, die Menschen zu begleiten in den wichtigsten Momenten ihres Lebens: Nach dem Beginn des Lebens feiern wir eine Taufe; in der Pubertät die Konfirmation; wenn sich ein Paar zusammen findet, bilden wir den Rahmen mit einer kirchlichen Trauung; im hohen Alter begleiten wir Menschen, die Trost brauchen; und am Ende des Lebens sind wir gefragt, wenn eine Beerdigung notwendig wird.

Ich habe den Dienst an den Amtshandlungen unserer Volkskirche immer mit Herzblut sehr gerne getan, weil ich dabei den Menschen nahe sein konnte. Wir müssen dankbar dafür sein, dass Menschen uns Kirchenleuten immer noch die feierliche, inhaltliche Ausgestaltung ihrer großen Familienereignisse anvertrauen. Das ist ein hohes Gut!

Im Studium sagte ein theologischer Lehrer uns Studenten einmal: „Jede Amtshandlung ist eine missionarische Gelegenheit.“ Das haben wir damals hingenommen. Trotzdem war ich skeptisch. Es gibt offensichtlich Grenzen: Die Menschen wollen den Dienst der Kirche für ihre Amtshandlung, in ihrer speziellen Situation und nach ihren speziellen Wünschen. Aber mehr wollen sie dann von uns auch nicht. Ich erzähle dazu zwei kleine Anekdoten:

Ich hatte einmal eine Taufe gehalten im Rahmen eines Gemeindegottesdienstes. Am Ausgang an der Tür sagten mir die Leute beim Abschied: „Das haben sie schön gemacht!“ Ich habe geantwortet: „Wenn es ihnen gefallen hat, dann kommen Sie doch mal wieder.“ Die Leute gingen weiter. Dann drehte sich die Patentante nach einigen Schritten noch einmal um, ging auf mich zu und sagte: „Ja, ein Kind wollen die ja noch.“

Unvergesslich bleibt mir eine Beerdigung in einer Stadtgemeinde, um die ich als Vertreter gebeten worden war. Ein Mann im mittleren Alter war viel zu früh an einer Krankheit gestorben. Beim Trauergespräch baten mich die Angehörigen darum, dass statt der alten, klassischen Kirchenlieder einige neuere Lieder von einer CD eingespielt werden sollten, die der Verstorbene gerne gehört hatte. Ich gab dem Wunsch natürlich nach. Dann hörten wir in der Trauerfeier vor der Predigt von den „Höhnern“ den Karnevalsschlager aus Köln: „Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott und haben immer Durst.“ Und als der Sarg hinausgetragen wurde, erklang die Melodie: „Ab in den Süden …“. Da beschlich mich doch das Gefühl, dass ich mit meiner christlichen Botschaft nicht so ganz dazwischen gepasst hatte.

 

Diakonie an der Seele“

Ich fasse zusammen: In eine volkskirchliche Amtshandlung passt nur so viel christlicher Inhalt hinein, wie die Leute es selbst erwarten. Zu versuchen, in der Amtshandlung mehr Inhalt unterzubringen, kann die Menschen in der gegebenen Situation überfordern, vielleicht sogar verletzen. Man könnte auch sagen: Eine kirchliche Amtshandlung ist „Diakonie an der Seele“ – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Am deutlichsten wird das bei den Beerdigungen. Ältere Leute in unseren Dörfern gehen 3-4 Mal im Jahr zu einer Beerdigung. Es kommen immer 100 oder 150 Personen dabei zusammen. Menschen aus allen Gruppen der Bevölkerung nehmen daran teil. Aber der Kreis der Menschen, die am Sonntag regelmäßig zu einem regulären Gemeindegottesdienst in die Kirche kommen, ist nur noch klein. Pro Gottesdienst waren es dort, wo ich in den letzten Jahren gepredigt habe, durchschnittlich etwa 20 bis 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und das sind im Wesentlichen immer die gleichen Leute. Also leben nur noch etwa 2-3 Prozent der Gemeindeglieder in der Gewohnheit, regelmäßig an „Gemeindegottesdiensten“ teilzunehmen.

Ich berichte von einem Gespräch mit einem jungen Mädchen, das ich selber einige Jahre vorher konfirmiert hatte. Wir kannten uns gut. Als ältere Jugendliche ging sie zu einem Schüleraustausch nach Amerika und hat dort eine amerikanische, christliche Frömmigkeit kennengelernt. Als sie zurück war, besuchte sie uns in unserer Kirche. Sie sagte mir: „Ihr Pastoren in Deutschland predigt immer so, als sei es ganz klar, dass alle Menschen in den Himmel kommen. In den Himmel kommen aber nur Leute, die an Jesus glauben.“ Ich habe ihr damals geantwortet: „Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu entscheiden, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Das liegt allein in der Hand Gottes! Ich habe aber den Auftrag, die Leute dazu einzuladen, sich Gott anzuvertrauen.“ Das würde ich der jungen Frau auch heute wieder genauso sagen.

Und doch, in einem gewissen Sinne hat die junge Frau recht mit ihrer Anfrage: Es besteht die Gefahr, dass wir das Evangelium bei der Beerdigung verkürzen und bei den anderen Amtshandlungen auch. Es entsteht leicht der Eindruck, als seien Frieden mit Gott und der Zugang zum Himmel eine Selbstverständlichkeit. Menschen leben so, als hätten sie einen Rechtsanspruch darauf. Und das Heil, das Gott uns in seiner Liebe schenken möchte, erscheint gleichzeitig so, als sei es nichts Besonderes und damit auch nicht besonders wertvoll.

Und wenn Menschen immer nur bei Beerdigungen und zu anderen Amtshandlungen in die Kirche kommen, aber nur sehr selten in einen Gemeindegottesdienst, dann erleben sie immer nur dieses verkürzte Evangelium. Die volle inhaltliche Aussage der Bibel über den christlichen Glauben kann man nur wahrnehmen, wenn man sich in einem geeigneten Rahmen dafür genügend Zeit nimmt. Dafür sind sorgfältig vorbereitete Gottesdienste wichtig und eben auch möglichst viele Menschen, die daran teilnehmen, ebenso Gesprächskreise und viele, viele Einzelgespräche.

 

Die Würde des Menschen und die Gnade Gottes

Es bleibt also die Frage, wie die Motivation zu einem intensiv gelebten, christlichen Glauben entstehen kann. Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen der „Würde des Menschen, die das Grundgesetz garantiert,“ und der „Gnade, die Gott uns schenken will“. Die „Würde“ ist für den Staatsbürger tatsächlich ein Rechtsanspruch. Die „Gnade“ ist aber kein Gut, auf das wir einen Anspruch hätten. Sie ist ein Geschenk, das Gott uns geben möchte, weil er uns liebt in seiner unermesslichen und doch sehr persönlichen Zuwendung zu uns. Hier besteht ein feiner Unterschied.

Paulus hat seiner Gemeinde in Korinth gesagt: „Ihr seid teuer erkauft“ (1. Kor. 6,20) Er sagt dies mit Blick auf das Kreuz Christi, den Mittelpunkt und Schlüssel für alle christliche und lutherische Theologie. In 1. Kor. 1,18 schreibt Paulus: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.“ Im Hintergrund steht der Tempelgottesdienst des AT, bei dem die Menschen Opfer darbrachten, um sich mit Gott zu versöhnen. Dieser kultische Brauch hat die Menschen leider nicht wirklich verändert. Deshalb tritt Jesus auf, der Sohn Gottes, Gott als Mensch bei uns Menschen, einer von uns und doch ohne Sünde. Er sagt: „Ich bin das endgültige Opfer, damit ihr frei seid“. Er stirbt am Kreuz als das „Lamm Gottes“, weil er uns liebt und weil er sich wünscht, dass wir frei werden für ein erneuertes Leben. Wenn wir ihn am Kreuz sehen, dann können wir erkennen, wie sehr er uns liebt: Er ist sogar bereit, für uns zu leiden. – Er leidet also auch für mich! So wichtig bin ich für ihn!

So entsteht eine große Betroffenheit darüber, dass dieses Leiden Gottes offensichtlich notwendig ist, weil wir Menschen mit all unserer Sünde und mit all unseren Fehlern den Anlass dazu bieten. Daraus ergibt sich der Wunsch: „Wenn Jesus für uns Menschen so sehr leidet, dann möchte ich möglichst wenig schuld daran sein! Und seine Schmerzen sollen nicht umsonst sein. Wenn er mich so sehr liebt, dann will ich ihn ebenso lieben. Und dann will ich mein Leben in seinen Dienst stellen und die Menschen lieben, wie er sie liebt.“

So tiefsinnig und anspruchsvoll ist der christliche Glaube. Wenn wir versuchen, ihn leichter und angenehmer zu machen, dann verliert er damit die volle, heilende Kraft, die in ihm enthalten ist.

 

Eine Krise der Glaubwürdigkeit

Ich habe in diesem kleinen Aufsatz voller Sorge sehr nachdenkliche und kritische Worte über die Zukunft der Kirche geschrieben: Wir stehen als Kirche in einer Krise der Glaubwürdigkeit. Das ist ein Dilemma, für das es nach meinem Verständnis keine Auflösung gibt.

Wenn eine Pastorin oder ein Pastor als einzige hauptamtliche Person im bezahlten Verkündigungsdienst im Wesentlichen alleine einer Gemeinde von 3000 Menschen gegenübersteht, wie ich es erlebt habe, dann kann sie den christlichen Glauben nicht so intensiv mit den Leuten leben und ihn so gut vorbereitet verkündigen, wie es nötig wäre. Zeit und Kraft reichen nicht aus, um die verlorene Glaubwürdigkeit der Kirche wieder zurückzugewinnen und auch für die nachfolgende Generation auf Dauer zu festigen. Das bedeutet, dass Menschen immer wieder enttäuscht werden von dem, was Kirche ihnen noch zu bieten hat. Sie erleben dabei gleichzeitig ein Zuwenig an menschlicher Zuwendung und ein Zuwenig an inhaltlichem Tiefgang.

Und die Menschen, die sich für die Kirche verantwortlich fühlen, spüren diese ausweglose Situation. Das kann dazu führen, dass einzelne Amtsträger sich so sehr ins Zeug legen, dass sie sich dabei chronisch überfordern und darüber krank werden. Andere ziehen daraus die Konsequenzen und beginnen sorgfältig darauf zu achten, dass sie nur noch das tun, was dienstlich unbedingt notwendig ist. Beides kann nicht gut sein für die Kirche.

Da verschiedene Verantwortliche in der Kirche hier unterschiedlicher Auffassung sind, ist damit eine Sollbruchstelle gegeben für manche Unzufriedenheit unter Mitarbeitenden und Gemeindegliedern. Daraus entstehen Konflikte, wie ich sie in den langen Jahren meines Dienstes immer wieder schmerzlich erlebt habe.

Ich bin deshalb davon überzeugt, dass die Zukunft des Christentums im Lande vor allem in kleinen, lebendigen und intensiven Gemeinschaften liegt: Kleine Gemeinschaften, die sich ohne Kirchensteuer selbst tragen, vor allem durch viel ehrenamtliche Mitarbeit. Sie müssten dazu aber den Anspruch aufgeben, Volkskirche sein zu wollen.

Wir befinden uns also in einer Phase des Übergangs: Es ist natürlich weiterhin angezeigt, dass Kirche versucht, die spirituellen Grundbedürfnisse der Gemeindeglieder zu erfüllen, solange wir darum gebeten werden und die Kirche dafür die Kraft hat. Die sorgsame Pflege der kirchlichen Amtshandlungen bleibt also weiterhin wichtig. Daneben ist es aber genauso wichtig, alle verfügbare Zeit und Kraft aufzuwenden, um kontinuierlich einen – vielleicht auch nur kleinen – Kreis von Menschen für ein intensiver gelebtes christliches Leben und dann auch für ehrenamtliche Dienste im Reich Gottes zu motivieren und sie dafür inhaltlich, theologisch und methodisch vorzubereiten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor i.R. Albrecht Benz, Jahrgang 1955, Theologiestudium am ehemaligen Hermannsburger Missionsseminar des Evang.-luth. Missionswerkes in Niedersachen, 1979 Erstes theol. Examen, danach Gemeindepastor, immer im Einzelpfarramt, in Brasilien und an verschiedenen Orten in Niedersachsen, zuletzt bis Ende 2020 als "Springer" und Altenheimseelsorger im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck, Mitglied im Vorstand des Vereins "D.A.V.I.D. gegen Mobbing"; Veröffentlichung: "Erlebnisgottesdienste mit Senioren", Vandenhoeck & Ruprecht (2019).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

1 Kommentar zu diesem Artikel
22.07.2022 Ein Kommentar von Gerhard Beck Jetzt würde mich interessieren,wie sich Pastor Brenz die kleinen Gemeinschaften genau vorstellt. Das wird in zwei Absätzen schnell gesagt, da fehlt mir der Nachfolgeartikel der mehr als nur ein Absatz ist.
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