Was passiert eigentlich, wenn Gott nicht mehr da ist? Tief im Osten Deutschlands ist davon einiges zu erahnen. Susanne Seehaus nimmt die Leserinnen und Leser mit auf einen Stadtspaziergang der besonderen Art.

 

Ein Besuch in Eisenhüttenstadt 6. Oktober 2021: Die Stadt ist übersichtlich und in der Lindenallee prägen vor allem ältere Leute in grau und nicht ganz so alte mit Jogginghosen das Bild. Viele Ladenlokale sind leer und viele Schilder „Ausverkauf“ sind zu sehen. Ein Mann mit einem kleinen Handwagen fährt an mir vorbei: sechs Sixpacks Bier führt er mit sich. Vietnamesen verkaufen Klamotten und der Laden, der mich anzieht, ist Bäcker Dreißig. Der scheint hier in „Hütte“ so eine Art Monopol zu haben. Freundliches Personal, moderne Ausstattung und preiswert. Die Leute unterhalten sich angeregt, einige sitzen allein am Tisch.

 

Hier zu leben ist nicht gerade sexy

Die Stadt hat viele schöne Häuser und man sieht, dass viel restauriert und renoviert wurde. Der „Zuckerbäckerstil“ (nationale Bautradition) überwiegt und wirkt auf mich sehr harmonisch. Es gibt viele Balkone, Grünflächen im Innenhof und Platz für Autos. Wenn das alles in Berlin stünde, wäre es sicher heiß begehrt. Hier in Hütte wirkt es etwas „lost“. So wie die Menschen in den Straßen. Man spürt ihnen ab, dass Leben in „Hütte“ nicht gerade sexy ist. Die Jungen wollen sowieso alle weg, die Alten können nicht und versuchen das Beste daraus zu machen und irgendwie gibt es da auch so etwas wie den rauen Charme des Stahls, der über der Stadt liegt. An der Einfahrt der Werkstraße, die Stadt und Stahlwerk verbindet, steht ein Stück Stahl mit der Aufschrift: „Dieser Stahl ist hier gekocht. So wird es bleiben!“ Daneben gleich ist die Beton-Stele mit dem Logo von EKO-Stahl.

Viele Jahre gab es Montagsdemos, gerade auch in „Hütte“ in der Lindenallee. Da ballte sich die Wut über die Abwicklung der ostdeutschen Industrie in den 1990er und 2000er Jahren. Paul van Dyk aus Eisenhüttenstadt fasst das in Worte und Musik – „Wir sind wir“: „Auferstanden aus Ruinen dachten wir, wir hätten einen Traum vollbracht, 40 Jahre zogen wir an einem Strang aus Asche, ham wir Gold gemacht … jetzt ist mal wieder alles anders und was vorher war, ist heute nichts mehr wert, jetzt können wir haben, was wir wolln aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr? Und ich frag mich, wo wir stehn?“

 

Und ich frag mich, wo wir stehn?“

Diese Frage steht in Eisenhüttenstadt immer noch im Raum und die Stadt sucht Antworten. Im Rathaus z.B. beim Thema Stadtentwicklungskonzept: Rückbau an den Rändern, Eigenheimbebauung, Marketing mit bezahlbarem Wohnraum, Hoffnung auf Tesla-Effekte. Für Architekten ist Eisenhüttenstadt gerade vollkommen angesagt. Sie kommen nach „Hütte“ und bewundern das größte Flächendenkmal Deutschlands, mit dem Architekturführer von Martin Maleschka in der Hand oder von ihm selbst geführt und staunen über den Bestand. Vielleicht kann man das alles mit dem Weltkulturerbe-Label noch besser in Szene setzen? Das Landesdenkmalamt müht sich redlich genauso wie das Museum Utopie und Alltag. Vielleicht ist es der Blick von außen, der „Hütte“ von innen fehlt? Oder vielleicht braucht es beide Perspektiven? Wertschätzung für die Architektur und Verständnis für das Seelenleben der Stahlwerker?

Eigentlich kümmert sich um so etwas die Kirche. Doch die ist etwas an den Rand gedrängt. Als man die Stadt einst baute, sahen die 16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus alles Mögliche vor, aber keine Kirchen. Der Stadtarchitekt Leucht hatte in seinem städtebaulichen Entwurf zwar noch etwas vorgesehen, aber als Walter Ulbricht am 7.5.1953 seine „Turmrede“ in Stalinstadt hielt, war klar: es gibt keine Kirchtürme im Zentrum. Und so hat „Hütte“ auch heute ein Zentrum, das irgendwie eine Leestelle hat. Es fehlt etwas, mir jedenfalls. Der Raum für das Sakrale ist nicht mitgeplant und nicht mitgebaut worden in „Hütte“. Ein großer leerer Platz vor dem Rathaus zeugt davon, dass es nicht am Platzmangel lag. Erst 1981 durften die Christen dann mit Geld aus dem Westen ein Gemeindezentrum bauen aber ohne Turm und nicht im Zentrum. Man muss schon etwas suchen, wenn man es finden will: hinter dem Krankenhaus, die zweite links …

 

Ein Nebeneinander von Christen und Atheisten etabliert

Es scheint hier, wie so oft in den ehemaligen DDR-Städten, ein Nebeneinander von Christen und Atheisten etabliert zu sein. Man fühlt sich getrennt durch „Weltanschauung“, und die Repressalien gegen die Kirche in der DDR haben Spuren hinterlassen: Misstrauen und Entfremdung. Man kennt sich nicht mehr, hat wenig wirklich aufgearbeitet und sucht seine Existenz im wiedervereinigten Deutschland unabhängig von den alten Geschichten, die doch nachwirken.

Redewendungen wie: „Mit Kirche habe ich nichts am Hut! Religion ist nicht so meins. Gott brauche ich nicht … sind inzwischen der Normalfall. Die Wendung von Max Weber vom „Religiös Unmusikalischen“ scheint in „Hütte“ die Realität für die Mehrheit der Einwohner*innen.

Zurück zu alten Verhältnissen wie nach 1945, als noch 80% Christen waren, geht nicht. Mit Unter 10% gehören die Christen inzwischen zu einer Minderheit. Das Gemeindezentrum scheint die angemessene Form der Existenz von Christentum in „Hütte“ zu sein. Hier kann soziale Arbeit genauso passieren wie alles andere – nur strahlt das scheinbar wenig aus auf die Stadt. Außerdem: Kirche hat gerade mit sich zu tun. Strukturdebatten bestimmen das Tagesgeschäft und die Gemeinden zählen, ob sie noch 300 sind, weil ihnen sonst das Ende droht. Wo auch noch Kapazitäten hernehmen für das Wohl des Gemeinwesens?

Ich empfinde diese Leerstelle und die Nichtanwesenheit. Dietrich Bonhoeffer hat die Redewendung „etsi deus non daretur“ (als ob es Gott nicht geben würde) in die theologische Debatte in den 1930er Jahren eingebracht. Inzwischen haben sich die Verhältnisse genau dahin entwickelt: Für viele Menschen gibt es Gott nicht mehr. Und er fehlt ihnen auch nicht. Jegliche Mission, die daran anknüpfen will, dass jeder Mensch doch einen „Geschmack für das Unendliche“ (Schleiermacher) haben müsste, prallt in „Hütte“ auf Stahl.

 

Vertrauen auf „geschützte Räume der Seele“

Gerade das finde ich herausfordernd und spannend. Es könnte doch in dieser Melange aus Stahl, Identitätssuche, Architekturwert und Suche nach Zukunft etwas völlig Neues liegen. Denn da sehe ich durchaus einen Anknüpfungspunkt. Zukunft … Vision … Utopie.

„Hütte“ sucht und in der Suchbewegung liegt eine Kraft, die eigene Seele wieder zu finden. Die Stadt muss und will sich neu erfinden. Gerade die jungen Leute spüren das. Und die alten sind Eltern und Großeltern und wünschen sich für ihre Kinder Zukunft. Ein Narrativ ist wichtig aber auch eine Art Annahme und Artikulation der eigenen Gefühle, Werte und Befindlichkeiten. Das ist im säkularen Verständnis oft eine Bildungsaufgabe. Für mich ist es zudem eine geistliche Aufgabe, die nicht am Glauben der Menschen ansetzt und die Zahl der Kirchenmitglieder zum Ausgangspunkt nimmt. Vielmehr geht es um das Vertrauen auf so etwas wie „geschützte Räume der Seele“.

Eine Stadt findet materiell ihren Ausdruck in dem, was gebaut wird. Die Menschen dort leben in und mit Räumen. Gerade der Funktionalismus der Moderne hat das verschärft. Räume sind Abbild für Seele und Herz. Wenn kein Raum für alle da ist, findet die Seele schwer zu sich selbst. In „Hütte“ fehlt dieser Raum. Ein Theater kann ihn nicht ersetzen, genauso wenig wie das Rathaus oder ein Ladengeschäft. Ein sichtbares Statement für das, was in den alten Kulturen die Tempel waren, könnte die Stadt mit einem Focus versehen, den sie derzeit nicht hat. Offen nach oben, auf Zukunft hin und für alle, aber mit der alten Botschaft: Hier ist der Platz für das, was wir Menschen nicht sind, haben oder können.

Der Theologe Wolfgang Grünberg („Die Inszenierung städtischer Identität und die Aufgaben der Kirchen“) beschreibt, wie Stadt traditionell funktioniert. Das älteste Stadtsymbol ist das altägyptische Sonnenrad. Die Stadt ist nach diesem Verständnis die irdische Sonne, von der Orientierung ausgeht. Dabei kommt dem Stadtzentrum besondere Bedeutung zu. Grünberg spricht von der „Segensmacht der repräsentativen Stadtkirche“. Grünberg stellt weiter fest, dass Städte immer ein Bewusstsein ihrer eigenen Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit hatten sowie ihrer destruktiven Potenz. Deshalb lag es im Interesse der Stadt selbst, Segensspender in das Stadtgefüge zu integrieren. Das waren Tempel in Rom oder Kathedralen oder große Stadtkirchen. Dort konnten Dank, Bitte, Buße und Reue inszeniert werden.

Im Sozialismus gibt es hier in der Theorie der Stadt eine Leerstelle: es wurde bestritten, dass es im Zentrum eines solchen Segensspenders bedarf. Eisenhüttenstadt zeigt, dass diese Annahme an den Befindlichkeiten in der Stadt vorbeigeht und Identitätsfindung und Suche Artikulationsprobleme haben. Die Identität der Stadt kann sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht zweckfrei verorten und Segen empfangen.

 

Susanne Seehaus

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Susanne Seehaus, Pfarrerin in Rangsdorf und Vorsitzende des Pfarrvereins der EKBO.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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