In Deutschland wird oft betont, dass man für den Arbeitsmarkt qualifizierte Zuwanderung braucht. Doch dies ist nur die eine, die glänzende Seite der Medaille. Es gibt auch Auswirkungen auf das Land, aus dem die Zugewanderten kommen – ein Aspekt, der Andreas Krone in der Debatte um Migration meist zu kurz kommt.

 

Braindrain“

Noch nie waren so viele Menschen unterwegs wie heutzutage. Nicht nur freiwillig als Urlauber, sondern auch aufgrund von Flucht und Vertreibung oder um die eigene wirtschaftliche Lage zu verbessern. Weiter zunehmende Globalisierung, fortschreitender Klimawandel sowie die heutigen Kommunikations- und Transportmöglichkeiten werden dies vermutlich weiter verstärken.

Es ist daher angemessen, über die Folgen einer solchen Entwicklung nachzudenken, nicht nur aus der Perspektive von Aufnahmeländern, sondern auch aus der Perspektive der Abwanderungsländer. Hier in Deutschland wird betont, dass man für den Arbeitsmarkt qualifizierte Zuwanderung braucht, Menschen die z.T. von weit her kommen, um dem Mangel an entsprechenden Arbeitskräften hier abzuhelfen. Zugleich freut man sich gerade in kirchlichen Kreisen, wenn Migranten bei uns Arbeitsplätze finden und so auf Dauer integriert werden können.

Die Freude, Menschen eine neue Lebensperspektive geben zu können, ist verständlich. Allerdings ist das nur die eine, die glänzende Seite der Medaille. Denn es gibt auch Auswirkungen auf das Land aus dem die Zugewanderten herkommen. Dieser Aspekt kommt m.E. meist zu kurz, ist oft gar nicht im Blick. Ich halte das aber für eine wichtige, um nicht zu sagen: die entscheidende Frage, wie wir auf eine zumindest halbwegs gerechte Welt zusteuern können. Auf diesen Aspekt soll in dem vorliegenden Aufsatz aufmerksam gemacht werden. Denn es kann ja nicht der endgültige Sinn und Zweck von Flüchtlingshilfe sein, dass Migranten dazu beitragen, dass wir hier in den wohlhabenden Ländern durch deren Arbeit bei uns noch besser und komfortabler leben – es aber in ihren Heimatländern zunehmend an Talenten fehlt, an befähigten und tatkräftigen Menschen. Im englischsprachigen Raum gibt es dafür den Begriff „braindrain“, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt – „Abfluss von Gehirn“ –, womit der Verlust an talentierten Leuten, an Humankapital bezeichnet wird. Ich möchte die damit verbundenen Probleme auf mehrfache Art verdeutlichen; zunächst durch biblische und dann durch persönliche Bezüge.

 

Biblische Bezüge

Bekanntlich wurde Jerusalem 586 v. Chr. zerstört. Die Oberschicht, alle Kriegsleute sowie Handwerker (alle Zimmerleute und Schmiede, also die damaligen Facharbeiter) wurden nach Babel weggeführt, man „ließ nichts übrig als geringes Volk des Landes.“1 Für die im Land verbliebenen Bewohner, Ackerleute und Weingärtner2, brachen schlechte Zeiten an. Anschaulich schildern uns die Klagelieder des Jeremia, wie groß die Not im Lande war: „Ich habe mir fast die Augen ausgeweint, mein Leib tut mir weh, mein Herz ist auf die Erde ausgeschüttet über dem Jammer der Tochter meines Volks, weil die Säuglinge und Unmündigen auf den Gassen in der Stadt verschmachten. Zu ihren Müttern sprechen sie: Wo ist Brot und Wein?, da sie auf den Gassen in der Stadt verschmachten wie die tödlich Verwundeten und in den Armen ihrer Mütter den Geist aufgeben.“3

Die Situation ändert sich, als auf Geheiß des Perserkönigs Kyros die Exilanten zurückkehren, ausgestattet mit erheblichen Finanzmitteln. Gunneweg weist in seiner „Geschichte Israels“ allerdings darauf hin, dass sich gegen die biblische Schilderung historische Bedenken erheben. Der tatsächliche Verlauf der Rückkehr wird vermutlich langsamer und schwieriger vonstatten gegangen sein.4 Was uns die Bibel idealtypisch berichtet, liest sich wie ein riesiges Wiederaufbauprogramm für die Wirtschaft, geradezu vergleichbar dem Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem Aufbau Ost nach der Wende. König Kyros, so heißt es zu Anfang des Buches Esra, ließ in seinem ganzen Reich mit Blick auf jeden Rückkehrer ausrufen: „dem sollen die Leute des Orts, an dem er als Fremdling gelebt hat, helfen mit Silber und Gold, Gut und Vieh neben der freiwilligen Gabe für das Haus Gottes in Jerusalem.“5 Und dann heißt es: „alle, die um sie her wohnten, stärkten ihre Hände mit silbernen Geräten und Gold, mit Gut und Vieh und Kleinoden“6. Dazu kamen noch tausende silberne und goldene Geräte, die damals aus dem Jerusalemer Tempel geraubt worden waren. Rückgabe von Raubgut nennt man das heute. Ein Nachfolger, König Darius, befahl hinsichtlich des Tempelbaus „dass man aus des Königs Einkünften … mit Sorgfalt den Leuten die Kosten bezahle“.7 Der spätere König Artaxerxes hat dies noch einmal verstärkt durch die Gabe von „Silber und Gold, das der König und seine Räte freiwillig gegeben haben“8, und dem Befehl an alle Schatzmeister jenseits des Euphrat: „Alles, was Esra … von euch fordert, das ist sorgfältig zu befolgen, bis zu hundert Zentner Silber“ und vielem mehr.9 Die Rückkehrer waren also gut ausgestattet und so konnten sie reichlich für den Wiederaufbau spenden: „61000 Gulden und 5000 Pfund Silber und 100 Priesterkleider.“10 All das zusammen waren gute Voraussetzungen, um nicht nur den Tempel, sondern das darniederliegende Land insgesamt aufzubauen.

Halten wir an dieser Stelle für drei Betrachtungen kurz inne:

1. Die biblische Schilderung, wie Israel unterstützt wird, um wieder auf die Beine zu kommen, stellt für uns heute eine Herausforderung dar angesichts des Umstands, dass es die reichen Länder derzeit nicht einmal schaffen, die Corona-Impfungen für die Bevölkerung in aller Welt zu finanzieren – obwohl das im eigenen Interesse wäre.

2. Man stelle sich vor, man würde bei uns heute die Bevölkerung aufrufen, zurückkehrende Migranten mit Geld und Sachwerten auszustatten. Wie wäre wohl die Reaktion?

3. Die prozentual wenigen Inder, die außerhalb von Indien leben, verfügen über mehr Vermögen als die ca. 1,3 Mrd. Inder zusammen, die im Land selber leben! Wenn von dem Auslandsvermögen ein erheblicher Teil in Indien investiert werden würde – was für einen kolossalen Aufschwung könnte das Land in kürzester Zeit nehmen…

Der Rückblick auf die Bibel zeigt uns, wie ein Land sich entwickeln und wieder auf die Beine kommen kann, wenn Talente (Oberschicht und Facharbeiter wie Zimmerleute und Schmiede) gepaart mit finanziellen Mitteln ins Land kommen. Auch Preußen hat im 17. Jh. durch den Zuzug der Hugenotten profitiert. Aber die Vorteile des einen Landes sind oft von Nachteil für das andere Land, so wie es das Sprichwort schon sagt: Des einen Freud ist des anderen Leid.

 

Familienbiografische Beispiele

Ich will versuchen diesen Aspekt zu verdeutlichen, indem ich am Beispiel meines Urgroßvaters und einigen seiner Nachfahren darauf hinweise, was in Deutschland nicht gewesen wäre, falls mein Urgroßvater nicht aus der Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Hans Karl Emil von Mangoldt lebte von 1824 bis 1868. Er studierte in Leipzig, engagierte sich als Burschenschaftler für die Demokratie, wurde deshalb von der Universität verwiesen. Selbst sein Vater konnte als königlicher sächsischer Appellationsgerichtspräsident dies nicht verhindern und daher ging der Urgroßvater nach Genf, um dort sein Studium fortzusetzen. Anders als mancher Student heute blieb er aber nicht im Gastland, sondern kehrte nach Deutschland zurück, arbeitete nach der Märzrevolution in Sachsen journalistisch, kündigte aber nach dem bald folgenden Staatsstreich. Er schlug eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn ein, führte die Mathematisierung der Volkswirtschaft ein und gilt als einer der wichtigen Nationalökonomen seines Jahrhunderts.11 Wäre er in der Schweiz geblieben, wäre es zum „braindrain“ gekommen.

Und das hätte sich fortgesetzt, mit Folgen, die wir bis heute zu spüren bekommen hätten. Eines seiner acht Kinder wurde Mathematikprofessor, gründete die Technische Hochschule in Danzig, war Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und schrieb ein Lehrbuch „Einführung in die höhere Mathematik“, über Jahrzehnte ein Standardwerk, das bis heute aufgelegt wird.12 Dessen Sohn Hermann wurde Professor für Öffentliches Recht und Direktor des Instituts für Internationales Recht an der Universität in Kiel, zeitweise dort Dekan und auch Hochschulrektor, Innenminister in Schleswig-Holstein und war an der Ausarbeitung des Grundgesetzes an entscheidender Stelle beteiligt.13 Als Vorsitzender des Grundsatzausschusses, dem unter anderem auch Theodor Heuss angehörte, setzte er durch, dass es im Grundgesetz heißt: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Das gelang ihm erst nach mehreren Anläufen, denn man wollte eigentlich die Formulierung aus der Weimarer Verfassung übernehmen: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich.“14

„Kein zweiter dürfte einen so großen Anteil an der Ausformulierung des weitgehend bis heute fortgeltenden Grundrechtskataloges gehabt haben, wie Hermann von Mangoldt; in der verfassungsrechtlichen Literatur ist er bisweilen als ‚der‘ Urheber des Grundrechtskataloges (V. Epping) bezeichnet worden; keiner der anderen Väter und Mütter des Grundgesetzes ist seitens des Bundesverfassungsgerichts und der Staatsrechtslehre annähernd so häufig im Rahmen der historisch-subjektiven Auslegungsmethode der Grundrechte herangezogen und zitiert worden.“15

Und es geht noch weiter: Der Sohn des genannten Hermann von Mangoldt ist wiederum Professor für Öffentliches Recht und Völkerrecht und hat in der Wendezeit die sächsische Verfassung mit ausgearbeitet.16 Die Rückkehr des 1844 ins Ausland gegangenen Studenten hat also Auswirkungen bis in die Gegenwart. Der Bruder von Hermann von Mangoldt war als Ingenieur im Vorstand von Siemens, trug wesentlich zur Lösung der Probleme der Großkraftwerkübertragung bei und war auch Vorsitzender des Verbandes Deutscher Elektrotechniker.

Der Urgroßvater hatte einen weiteren Sohn, meinen Großvater Karl, der sich dafür einsetzte, dass in Deutschland anderes gebaut wird, keine Mietskasernen mit mehreren Hinterhöfen, in denen bis zu 3000 (!) Menschen in einem Wohnblock untergebracht wurden, wie es um 1900 z.B. in Berlin der Fall war. Durch die von ihm betriebene Gründung des Deutschen Vereins für Wohnungsreform gelangen wesentliche Verbesserungen, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau umgesetzt werden konnten.17 Als Vorsitzender des Groß-Berliner Ansiedlungs-Vereins, einer Art Bürgerinitiative, die sich maßgeblich für den Erhalt des Waldbestandes in Berlin erfolgreich einsetzte, hat er erheblichen Anteil, dass Berlin bis heute eine der grünsten Städte Europas ist – mit Wäldern, Seen und Frischluftschneisen.18

Einer der Enkel des Urgroßvaters ist der Verleger Günther Ruprecht. Er war eine wichtige Kraft in der Jungreformatorischen Bewegung im Kirchenkampf. Im Dritten Reich druckte er die Schriften der Bekennenden Kirche. Wie das gelang, schildert er in einem interessanten Brief. Auch nach dem Krieg war er aktiv. „1946 druckte Ruprecht die Rede Martin Niemöllers über die Kriegsschuld der Deutschen. Als Vorsitzender der Vereinigung evangelischer Buchhändler leitete Ruprecht ab 1947 deren Wiederaufbau.“19

Das sind einige Beispiele aus der Vielzahl der Nachkommen, die als Wissenschaftler, Ärzte, Lehrer, Juristen, Unternehmer und Pfarrer über Generationen in Deutschland tätig waren. Vermutlich hätte ein Land wie Deutschland es verschmerzen können, wenn mein Urgroßvater und seine Nachkommen in der Schweiz geblieben wären. Aber wenn das hundert-, tausendfach und noch viel öfter passiert, dann hat das Einfluss auf das Land, auf die Entwicklung, die ein Land als Ganzes nimmt. Auch dazu ein paar Überlegungen und Beispiele.

 

Die Talentierten gehen, der Rest bleibt zurück

Schon zu DDR-Zeiten wanderten Menschen nach Westdeutschland ab, im Zuge der Wende viele junge aktive Leute. Als die Lehrer und Ärzte die DDR scharenweise verließen, war das Ende nahe. Die politisch schwierige Lage in Ostdeutschland rührt auch daher, dass solche Menschen dort heute fehlen.

In weit größerem Umfang ist das leider im Orient der Fall. Die meist gut ausgebildeten Christen wandern, wenn irgend möglich, aus. Zurück bleiben die Ungelernten und die Fanatiker. Die ausgleichenden und vermittelnden Elemente fehlen. Und das ist eine weltweit zu beobachtende Entwicklung. Die Talentierten gehen, der Rest bleibt zurück.

Neulich kam im Radio ein Bericht über eine trockene Region. Findige Ingenieure kamen auf die Idee, große Netze auszuspannen, um die im Nebel enthaltene Feuchtigkeit aufzufangen, um das darin enthaltene Wasser für die Menschen und Landwirtschaft zu nutzen. Wenn aber Menschen, die die Fähigkeit haben, solche Projekte umzusetzen, ihr Land verlassen und bei uns als Ingenieure arbeiten – was wird dann aus den Menschen dort?20

Dazu noch Beispiele aus dem Umfeld meiner Frau, die aus Indien stammt: Jenny, eine Nichte von ihr, hat nach ihrem Collegeabschluss eine Spezialausbildung für Behinderte in Madras gemacht. Diese Qualifikation ist auch in der englischsprachigen Welt sehr gefragt. Sie hätte z.B. nach Kanada auswandern können. Sie entschied sich aber dafür, in Indien zu bleiben, um Menschen dort zu helfen. Inzwischen hat sie ein Haus für 60 Behinderte aufgebaut und ca. 40 Arbeitsplätze für Mitarbeiter geschaffen. Für die Behinderten ist diese Tagespflege in einem Land, in dem es kaum derartige Betreuung gibt, der reinste Segen. Viele von ihnen wurden bis dahin von den Angehörigen morgens wie Tiere angebunden, konnten tagsüber keine Toilette aufsuchen, mussten warten, bis jemand abends von der Arbeit zurückkam. Wäre Jenny mit ihrer Familie ausgewandert, hätten Dutzende von Behinderten dort das Nachsehen! Keiner von diesen Menschen in einem armen Stadtteil von Bangalore hätte das Geld und die Möglichkeit, sich auf den Weg nach Europa zu machen.

Ein weiteres Beispiel zur Veranschaulichung: Anderen Nichten und Neffen meiner Frau haben wir in Indien die Ausbildung finanziert. Drei davon sind Lehrer geworden. Sie verdienen jeweils etwa 250 Euro im Monat und unterrichten ca. 30 Kinder. In ländlichen Gegenden sind es 40 bis 50 Kinder pro Klasse. Die Betreuung eines einzigen minderjährigen Flüchtlings in Deutschland kostet erstaunlicherweise bis zu 6000 Euro und mehr im Monat!21 Von dem Geld könnte man in anderen Teilen der Welt ca. 25 Lehrer bezahlen, und die könnten bei der dort oft üblichen Klassenstärke bis zu gut 1000 Kinder unterrichten. Man mache sich die Größenverhältnisse klar: Der Grundschulunterricht für eine gesamte Kleinstadt mit mehr als 10.000 Menschen, davon 1000 Kinder, könnte mit dem Betrag finanziert werden, der hier für einen einzigen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufgewendet wird. Auf solch einem Weg kommen wir nie zu der einen solidarischen Welt.

Auf noch einen weiteren Aspekt sei aufmerksam gemacht: Schon im Jahr 2019 hatten „26 Prozent der Gründer in Deutschland … einer Studie zufolge Migrationshintergrund. … Unternehmungsgründungen durch Migrantinnen und Migranten spielen einer Studie zufolge eine wichtige Rolle für die deutsche Wirtschaft. ‚Gründungen sind wichtig für die Erneuerungskraft und somit für die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft‘, sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW. ‚Deutschland profitiert deshalb seit vielen Jahren von der höheren Bereitschaft von Migrantinnen und Migranten, sich selbstständig zu machen.‘“22

Diese seit Jahren prozentual steigende Zahl ist erstaunlich hoch, da der entsprechende Bevölkerungsanteil geringer ist. Das deutet darauf hin, dass es sich bei Migranten vielfach um aktive, befähigte Menschen handelt, die etwas auf die Beine stellen wollen. Das aber weist leider noch einmal genau darauf, dass eben jene Menschen in ihren Heimatländern fehlen, mit allen Folgen, die damit verbunden sind. Die talentierten Jungen gehen, die Armen, Kranken und der große Rest bleibt. Globalisierung stelle ich mir anders vor.23

 

Auf dem Weg in eine solidarische Welt

Ich meine, es ist an der Zeit, Globalisierung als Ganzes zu denken und nicht nur daran, wie wir an benötigte Fachkräfte kommen oder Einzelschicksalen zu einer Existenz hier bei uns verhelfen. Das Bemühen darum darf nicht zu einem Ausbluten der Herkunftsländer der Migranten, zu einer Art Deportation light führen! Darüber ist verstärkt nachzudenken.24 Denn sonst werden weite Teile der Welt noch weiter verarmen: man plündert dort nicht nur die natürlichen Ressourcen, sondern entzieht auch noch das Humankapital. Damit verlieren die Länder Entwicklungsperspektiven auf Generationen hin. So aber droht die Welt noch mehr aus dem Gleichgewicht zu geraten!

Ein gelungenes Beispiel für Aufnahme und Ausbildung in Deutschland sowie die Anwendung der erlernten Fähigkeiten im Heimatland ist der lettische Präsident Egils Levits, der in Deutschland seinen Schulabschluss machte, hier studierte und arbeitete. „Nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Lettlands war er Berater des lettischen Parlaments für Fragen des internationalen Rechts, des Verfassungsrechts und der Gesetzgebungsreform.“ Nach verschiedenen beruflichen Stationen wurde er „am 29. Mai 2019 … zum Präsidenten der Republik Lettland gewählt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Egils_Levits) Gerade angesichts des Kriegs gegen die Ukraine muss man sagen: Es ist gut, dass es in den baltischen Staaten Menschen wie Egils Levits gibt, die sich im Ausland qualifizieren konnten und nun ihre Fähigkeiten in ihren Heimatländern zum Wohl des Landes einbringen und ihren Beitrag für ein funktionierendes Gemeinwesen leisten.

Insofern ist die dauerhafte Aufnahme von talentierten Flüchtlingen eine sehr westliche, individualistische Perspektive. Für die Betreffenden vielleicht wünschenswert, für deren Land und Bevölkerung aber problematisch. Denn was soll aus einem Land werden, wenn es keine Ärzte, Lehrer, Richter etc. gibt? Was für unterbrochene Lieferketten von Waren gilt, das gilt erst recht m.E. im Hinblick auf qualifiziertes Personal. Wenn es daran fehlt, dann betrifft das nicht nur den Einzelnen, sondern oft die Gesellschaft als Ganze. Statt auf Dauer ihrem Land den Rücken zu kehren und zu unserem Bruttosozialprodukt beizutragen, ist es auch in unserem Interesse, dass Menschen wie Egils Levits in ihren Heimatländern vor Ort leben und arbeiten, für Rechtstaatlichkeit und Demokratie eintreten und z.B. russischem Druck standhalten. Durch dauerhaften Verlust der talentierten Leute ganze Regionen der Welt zu „failed states“ werden zu lassen, kann doch nicht die Perspektive sein! Schon die Bibel spricht davon auf ihre Weise: „Wenn das Salz nicht mehr zu salzen vermag, womit soll man dann würzen?“25

 

Anmerkungen

1 2. Kön. 24,14, s. auch Jer. 24,1; 27,20; 29,1f, 40,7.

2 2. Kön. 25,12.

3 Kld. 2,11f.

4 A.H.J. Gunneweg, Geschichte Israels bis Bar Kochba, 2. Aufl. Stuttgart 1976, 127.

5 Esr. 1,4.

6 Esr. 1,6.

7 Esr. 6,8.

8 Esr. 7,15.

9 Esr. 7,21.

10 Esr. 2,69.

11 https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Mangoldt_%28Ökonom%29.

12 https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Mangoldt_%28Mathematiker%29.

13 https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_Mangoldt.

14 S. Angelo O. Rohlfs, Schriften zur Rechtsgeschichte Heft 71, Hermann von Mangoldt, Berlin 1997, 115-120.

15 Ulrich Vosgerau, https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=8db16edb-47cb-1830-66ab-8a05d5cf8e7d&groupId=252038.

16 https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Mangoldt_%28Jurist%29.

17 https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Mangoldt.

18 https://www.bund-berlin.de/fileadmin/berlin/publikationen/Naturschutz/biologische_vielfalt/dauerwald_chronologie_2015.pdf.

19 https://de.wikipedia.org/wiki/Guenther_Ruprecht.

20 S. z.B. https://www.wasserstiftung.de/cloudfisher-unterseite/ und https://4i-mag.com/drinking-water-scarcity-harvesting-fog-amidst-arid-conditions/ und https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/trockenheit-wasserknappheit-nebel-100.html.

21 https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/migration-unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge-kosten und https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/monatlich-8-469-euro-fuer-jeden-unbegleiteten-fluechtling-uma/.

22 https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-11/kfw-studie-unternehmensgruendungen-migranten-selbststaendigkeit-deutsche-wirtschaft.

23 Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt, auf den ich aufmerksam mache, den aber hier nicht weiter ausführen will: ob in einer anderen Kultur die eigenen Gaben und Talente auf Dauer so gut eingesetzt werden können wie in der eigenen Heimat. Ich für meinen Teil konnte das nicht, der ich mehrere Jahre in Asien gelebt habe. Angefügt sei noch die Beobachtung einer Lehrkraft in Frauenintegrationskursen. Migranten „fehlen in ihren Heimatländern als treibende Kräfte für Entwicklung und Fortschritt auf allen Ebenen. Das ‚Humankapital‘ wird nicht nur Orten entzogen, die es dringend brauchen, sondern es wird auch an den scheinbar sicheren und besseren Orten in Europa dauerhaft geschwächt. Die Menschen verlassen ihr angestammtes Leben auch, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Erst viel später wird deutlich, dass es die Brüche und kulturellen Verlust sind, die den Menschen das Leben schwer machen. Für die scheinbar gut integrierte zweite (oder dritte) Generation kommt dazu, dass sie in Europa eigentlich nicht willkommen ist. Die Menschen werden als Fremde unter Generalverdacht gestellt, abgelehnt und ausgegrenzt.“

24 S. dazu das aufschlussreiche Buch von Paul Collier, einem der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler der Gegenwart: „Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“.

25 Lk. 14,34. Luther übersetzte die Stelle mit den Worten „wenn aber das Salz dumm wird“.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Andreas Krone, Jahrgang 1951, ­Gemeindepfarrer in der EKHN, zahlreiche Aufenthalte in Afrika, Südamerika und Asien, davon mehr als vier Jahre in Indien, verheiratet mit einer gebürtigen Inderin (dadurch zehnmal so viel Verwandte dort als hier in Deutschland); verschiedene Veröffentlichungen, mit seiner Frau Lucy D?Souza-Krone, u.a. Mitarbeit an dem im Herbst 2022 erscheinenden Band "International Handbook on Creation Care and Eco-Diakonia" des ÖRK.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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