Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“ – Aber es ist Krieg, und Soldaten werden hingeschickt. Wie passt das zum Programm aus den 1970ern: Frieden mittels pazifistischer Methoden? Bei kirchlichen Meinungsträgern bemerkt Volker Schoßwald gegenwärtig eine „schwarze Metanoia“: Ohne akute Gefahr konnten sie bequem waffenfreie Szenarien propagieren, doch jetzt höre man verstärkt, manchmal müsse man eben militärische Mittel ergreifen. Realistisch gesehen lösten Kriege praktisch nie Probleme. Aber Pazifismus? Skizzen zu Bonhoeffer, Gandhi und Martin Luther King könnten die Diskussion beleben.

 

Wo sind die Speichen?

Wenn ein Wagen auf Menschen zurast und sie zu überfahren drohe, müsse die Kirche „nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen“1, propagierte Dietrich Bonhoeffer angesichts des Wütens der Nationalsozialisten. Doch man muss handeln, wenn das Ergebnis, welches das Handeln rechtfertigen soll, noch nicht eingetreten ist, weil gerade dieses Ergebnis verhindert werden muss. Im Erfolgsfall sind die verhinderten Folgen nicht mehr beweisbar. Was ein Tyrannenmord verhindert hat, bleibt Spekulation.

Aufgrund des nationalsozialistischen Machtmissbrauchs schrieb das GG das Recht auf „Kriegsdienstverweigerung“ fest. Dabei musste ich 1973 begründen, weshalb ich es nicht verantworten könne zu töten. Nicht-Töten musst du rechtfertigen, Töten nicht … Wie absurd! Dabei war das Töten um einer „gerechten“ Sache willen stets begleitet von Kriegsverbrechen. Der „gerechte Krieg“ ist eine Lüge.

Mein Gewissensprüfer schilderte mir, dass ich mit meiner Freundin durch den Wald gehe, überfallen würde und sie nur retten könne, wenn ich den Angreifer erschieße. Er bezweifelte nicht, dass ich den Angreifer erschießen würde, um meine Freundin zu retten2. Hätte ich den Angreifer in Nothilfe erschossen, müsste mir vor Gericht jeder Jurist sagen, vielleicht hätte der Angreifer zwar gedroht, aber letztlich doch nicht geschossen. Dann hätte ich ihn zu Unrecht getötet.

Ein klassisches Dilemma: Niemand weiß vorher, ob ein Angreifer seine üblen Absichten verwirklicht. Wie soll man heute Putin „in die Speichen fallen“? Tyrannenmord? Hitlers Geschichte kennen wir. Ein erfolgreiches Attentat im August 1938 hätte viel verändert. Die reale Geschichte nötigt, den Tyrannenmord in Betracht zu ziehen. Wie stellt es sich bei Putin 2022 dar? Mit dem Massaker von Butscha schrieb er sich ins Buch des Genozids ein.

Die 1930er Jahre warnen: Achtet auf das menschliche Wesen. Die AfD punktet in Regionen, in denen kaum Flüchtlinge untergebracht waren. Die plakative Fremdenfeindlichkeit kann nicht durch Flüchtlinge motiviert sein. Manche genießen es, endlich böse sein zu dürfen.3 Das Böse steckt in den Menschen, es will auch heraus. Das ist eine anthropologische Konstante. Putin ist nicht abgehängt und doch böse.

Bonhoeffer unterschätzte lange das Ausmaß der Bosheit in der NSDAP. Er traute seinen braunen Mitmenschen nicht jene gnadenlose Menschenfeindlichkeit zu, die zur Staatsideologie wurde. Als er begann, dem Rad in die Speichen fallen, hatte der Wagen schon Millionen überfahren. Manche realisierten das Böse früh durch ihr Erschrecken über einzelne Ereignisse. Der bayerische Pfarrer Karl Steinbauer, zunächst Nationalsozialist der sozialen Themen wegen, las in der Zeitung, wie Nazis in Ostpreußen einen Kommunisten in dessen Bett totgetrampelt hatten.4 „Das geht zu weit“? Nein! „Das ist gegen Gottes Gebot! Das ist das Werk des Teufels! Und die Täter sind des Teufels!“ Bausteine für einen antifaschistischen Schutzwall gegen die Herrschaft des Bösen über die Seelen bieten Jesu Seligpreisungen.

Bonhoeffers Schwager etikettierten die Nazis als „Juden“5. Er wurde vernichtungswürdig. Bonhoeffer reagierte schon 1933 mit einem Vortrag im nationalen Rundfunk, in dem er das Führerprinzip christlich relativierte.6 Die Live-Übertragung wurde während der Ausstrahlung abgebrochen. Wie heute in China, Russland und der Türkei?7

Als am 6.9.1933 die evangelische Kirche den Arierparagraphen einführte, forderte Bonhoeffer von den „bekennenden“ Pfarrern, aus der DEK auszutreten. Aber selbst Barth sah noch Chancen im innerkirchlichen Gespräch. Wer auf den Weg des Friedens und der Versöhnung setzt, darf nicht zu früh aufgeben. Enttäuscht gründete Bonhoeffer mit Martin Niemöller den Pfarrernotbund, um bedrohte Amtsbrüder jüdischer Herkunft zu schützen. Wie konnte auch nur ein einziger kirchlich Verantwortlicher, der sich zum Juden Jesus von Nazareth als dem Heiland bekannte, Gegner oder Kritiker dieses Notbundes sein?!

 

Gewaltfrei!

Als Student in Tübingen diskutierte Bonhoeffer 1924 lebhaft über den 55jährigen Pazifisten Gandhi und plante, in Indien von ihm Wegweisendes zum Pazifismus zu lernen. Zu der Reise kam es nicht, doch er traf auf Friedenkonferenzen Gandhis Mitarbeiter C.F. Andrews.

Gandhis Aufrufe zum zivilen Ungehorsam führten dazu, dass britische Soldaten bei Amritsar am 13.4.1919 Hunderte von waffenlos demonstrierenden Indern niedermetzelten. Ihre braven „christlichen“ Familien in England schämten sich. Der soziale Druck in England, nicht in Indien sorgte im Laufe von zwei Jahrzehnten für ein Umlenken der britischen Regierung. Doch diese Methode kann nicht in jedem Befreiungskampf erfolgreich sein. Friedensforscher Matthias Eberling: „Eine totalitäre Diktatur hätte eine zarte Figur im Lendenschurz wie ihn einfach zerbrochen und ausgelöscht. Aber in einer Demokratie mit einer kritischen Presse – und wenn sie auch eine rassistische, imperialistische Klassengesellschaft wie das Britische Empire war – konnte dieser stete Tropfen des gewaltfreien Widerstands … das Joch der englischen Kolonialherrschaft brüchig werden ­lassen.“8

Leider zeugen Gandhis Äußerungen zum Widerstand gegen den Holocaust von einer erschreckenden Unkenntnis, etwa über den gescheiterten gewaltfreien Widerstand in Warschau. Er meinte: „Was wird Herr Hitler mit seinem Sieg anfangen können? Kann er eine solche Machtfülle überhaupt verdauen? Ganz persönlich wird er die Welt mit so leeren Händen verlassen wie sein gar nicht allzu ferner Vorfahr Alexander der Große. Er wird den Deutschen nicht das Vergnügen an einem mächtigen Weltreich hinterlassen, sondern die Last, dieses Weltreich, das unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen droht, aufrechtzuerhalten. Sie werden nicht in der Lage sein, all die eroberten Nationen in einem Zustand ständiger Unterwürfigkeit zu halten.“9 Auf eine solche Situation setzen manche heute hinsichtlich der Ukraine: Die Russen können die Eroberung nicht durchhalten. Aber stimmt das? Die stalinistische UdSSR behielt ihre Stabilität immerhin bis 1990.

 

Erfolge?

Friedensforscher Theodor Ebert fragt: „Wie stehen wir zu der prophetischen Frage Bonhoeffers in Fanö 1934: ‚Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfänge?‘ 1981 standen betende polnische Arbeiter auf der Lenin-Werft in Danzig.“10 Eberts Hinweis auf den polnischen Widerstand gegen den UdSSR-geschützten polnischen Kommunismus hat Gewicht. Aber wie steht das russische Volk heute zu seinem Präsidenten? Die Leser werden klüger sein als der Autor beim Schreiben. Doch die „Russen“, gerade die jungen, denen ich in Nürnberg begegne, unterstützen verstörend vehement Putin mit seinem Krieg und halten Stalin für einen großen Russen.

Ebert bedauert, dass Bonhoeffer in der konkreten Situation zum bewaffneten Widerstand überging: „damit hörte er auf, auf diesem Felde kreativ zu sein. Die mentale Blockade ging meines Erachtens sogar soweit, dass er gar nicht mehr wahrnahm, was in seiner unmittelbaren Umgebung sich auf dem Felde der gewaltlosen Aktion ereignete.“11 Dazu verwies Ebert auf den sog. „Rosenstraße-Protest“ 1943 (!). In der brutalsten Phase des Krieges und des Völkermords wurden „Juden“, die in der Rüstungsindustrie noch „arbeiteten“, verhaftet und nach Auschwitz verschleppt. Tausende von „deutschen“ Frauen demonstrierten in der Berliner Rosenstraße gegen die Deportation ihrer Männer. Nach einer Woche ließen die Nazis die Verhafteten frei und brachten einige sogar aus Auschwitz zurück.

Doch Ebert übergeht die gescheiterten Versuche. Und Bonhoeffer dachte durchaus kreativ über gewaltfreien Widerstand nach. Ein von ihm angeregter „Beerdigungsstreik“ scheiterte nicht an den Nazis, sondern an den kirchenleitenden Personen, welche die Erfolgsaussichten bezweifelten. 1941 erwies sich diese Maßnahme in Norwegen als erfolgreich. Träfen wir heute in der Kirchenleitung auf andere Charaktere?

 

Martin Luther Kings Instrumentarium der Gewaltlosigkeit

Eine Generation später: Michael King sen. hielt sich zur Zeit von Bonhoeffer in Berlin auf und änderte aus Bewunderung des Deutschen Martin Luther seinen und seines Sohnes Namen. Doch sein konsequent jesuanischer Glaube brachte ihn mit seinem Sohn auf einen neuen Weg. Martin Luther King jr’s Non-Violence-Instrumentarium bestand vor allem aus Demonstrationen, Streiks, ökonomischem Druck, Sit-ins und Kneel-ins.

Der Initial-Streik war der Montgomery Bus Boykott, bei dem Schwarze ein Jahr lang die Busse (Rassentrennung) boykottierten, die Busgesellschaften wirtschaftlich unter Druck setzten und integrierte Busse erkämpften. Beim Kneel-in zogen Demonstranten nach einem Auftaktgottesdienst durch die Straßen. Zwischendurch knieten sie zum Gebet. Ließen sie sich dabei auslachen? Oder beeindruckten sie Gegner, denen christlicher Glaube wichtig war. Deutschland erlebte seinen Kniefall 1970 durch Willy Brandt in Warschau. Der sollte den „Krieg in den Köpfen“ beenden.

Die Freedom Rider fuhren 1961 gemischtfarbig in Überlandbussen durch Virginia, North Carolina und Georgia, um die Umsetzung der bundesstaatlichen Gesetze auszutesten. Rassisten griffen Busse bei Anniston, Alabama, an, setzten einen Bus in Brand, und weiße Superchristen unter der geistigen Führung des Teufels blockierten die Türen, damit die Insassen verbrannten. Dank einer Explosion entkamen die Rider aus dem Bus. Die Rassisten griffen sie an, um sie zu lynchen, bis ein Autobahnpolizist sie mit einem Warnschuss stoppte. Ein Geistlicher besorgte Fahrzeuge, die die Bedrohten in Sicher­heit brachten. Gewaltfreiheit am Ende?

In Birmingham leitete der korrupte Polizeikommissar Bull Connors blutige Angriffe auf die Freedom Rider an. Ku-Klux-Klan-Anhänger schlugen besonders weiße Aktivisten brutal zusammen. John F. Kennedy kommentierte: „The civil rights movement should thank God for Bull Connor. He’s helped it as much as Abraham Lincoln.“ Eine schlechte Presse stößt den Bürgern auf. Wer will zu einer Stadt gehören, bei der es heißt: „hirnlose Brutalos“. Wer gibt gerne zu, aus Hoyerswerda zu stammen? Wer outet sich heute gerne als Russe? Was bewirkte diese soziale Kontrolle international bei Russland? Verhärtung oder Umdenken?

 

Sprache der Symbolik und Strategie der Eskalation

In Indien besuchte King den Ort, wo Gandhi 1930 seinen Salzmarsch mit acht Leuten startete, die Meile für Meile zu einer Masse wuchsen. Gandhi beherrschte die Sprache der Symbolik: Nach 388 Kilometern nahm er etwas Salz in seine Hände und brach zeichenhaft das Gesetz, dass die Inder in der Salzindustrie arbeiten, aber das Produkt nicht besitzen durften.12 50.000 Inder wurden in der Folge verhaftet.

Gandhis gewaltlose Aktionen bewegten moralisch die „Heimatfront“ der Kolonialisten. Kings Aktionen zogen weiße Mitbürger an, die unter 250.000 Menschen am 28. August 1963 nach Washington für „Arbeit und Freiheit“ marschierten. Dort visionierte King: „I have a dream …“ Seine Sicht schien unrealistisch wie auch realisierbar. Würden seine Kinder wirklich mit Kindern von Eltern anderer Hautfarbe spielen? 2008 wählten die USA einen farbigen US-Präsidenten.

Zu Kings Strategien gehörte, Forderungen konkret zu formulieren, um die Erfüllung als direkten Erfolg zu verbuchen. Dabei entwickelte er eine Methoden- und Ereignisfolge: Challenge, Conflict, Crisis, Confrontation, Communication, Compromise, Change.13 Entscheidend ist die Eskalation, bei der vorformulierte Ziele zur Konfliktlösung angeboten werden.

Kings und Gandhis Non-Violence war erfolgreich, weil ihnen die Massen folgten, doch ohne Charismatiker gelingen solche Aktionen nicht. Einige Methoden sind alt, wie Massendemonstrationen im Altertum oder Wirtschaftsblockaden. Wirtschaftssanktionen gelten als politisches Instrument. Kings theoretische Schriften boten auch Politikern, die sich nicht als Pazifisten verstanden, guten Stoff, weil er klug Mechanismen analysierte und mögliche Szenarien durchspielte.

Im April 2022 konnte ich den ehemaligen deutschen Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, zum Thema „Pazifismus und Ukrainekrieg“ befragen: „Was ergibt sich aus der jahrzehntelangen Arbeit der Friedensforschung, die mit Namen wie Carl-Friedrich von Weizsäcker verbunden ist?“ Der versierte Historiker, der immerhin Vier-Augen-Gespräche mit Putin führte, verwies auf die Wirtschaftssanktionen. Stimmt! Aber braucht man zu solchen Erkenntnissen Forschungsinstitute? Das wandte man schon in den Napoleonischen Kriegen an. Mehr Ergebnisse kannte der sehr kompetente Mann vom internationalen Parkett nicht. Hier müsste die Politik nachbessern. Auch Militärs operieren mit einem breiten Arsenal. Die Nebenwirkungen von Wirtschaftssanktionen sind zudem nicht zu vernachlässigen. Unter den brutalen Folgen von Wirtschaftssanktionen hat vor allem die Bevölkerung zu leiden. Im Ukrainekrieg wird das wieder plastisch.

 

Mediale Kämpfe

King instrumentalisierte die Medien. 1962 wurden Ralph und er in Albany ins Gefängnis geworfen, in eine verdreckte Einzelzelle. Als der Chef ihre Prominenz erkannte, ließ er die Zelle auf Hochglanz polieren. Bald brachte man etwa 50 Anführer einer Demonstration, die „Freedom-Songs“ sangen, ins Gefängnis und steckte Ralph und Martin in die Bull-Pen: dunkel, schmutzig. Und die USA halten sich für zivilisiert!14 Nach drei Tagen verkündete der Chef ihnen ihre Entlassung. King wollte bleiben, da er mit den 700 Gefangenen solidarisch sei. „God knows, Reverend, I don’t want you in my jail.“ Sie wurden „zwangs“entlassen und King bedauerte die Entlassung.15 Aber die Geschichte der Erniedrigung schlachteten die Medien aus.

Es kam auch zu Sit-Ins16. In Lokalen setzten sich Schwarze und Weiße gemeinsam an einen Tisch, was nicht erlaubt war. In Albany setzte King auf das Jail-In und erklärte, die Schwarzen, die ins Gefängnis gingen, hätten ihren Rücken gerade gehalten: „Niemand kann auf dem Rücken eines Menschen reiten, außer er ist gebeugt!“ (Gandhi)17

Kings größter schwarzer Kontrahent war „Malcolm X“. Die brutalen Erfahrungen seiner Kindheit, wie die Ermordung seines Vaters durch Weiße, ließen sich nicht übertünchen. Die Wut der Unterprivilegierten fand sich in der „sanften“ Revolution Kings nicht wieder. Das „Kneel-In“, das Gott galt, wurde als Knien vor den Mächtigen interpretiert; besser wählte man die klassische Sprache der Weißen: Gewalt. Malcolm X traf den Nerv vieler, denen die Fortschritte durch Non-Violence marginal erschienen. Die Lebensgeschichte von Malcolm X zeigt uns, wo der Gegner steht: Er steckt in dem Übel, das Menschen sich gegenseitig zufügen. Über schwarze Gewalt darf sich niemand empören, der sich nicht vorher über weiße Gewalt empört hat.

 

Wie bewegt man einen Diktator?

Wenn Putin das Wort „Krieg“ zum Unwort erklärt, fühlt er sich durch Worte bedroht. Lässt er sich im Umkehrschluss durch Worte bekämpfen? Etwa, wenn eine seiner Töchter, die in Dresden zur Schule gingen, zu ihm sagte: „Du bist wie Hitlers Bruder! So einen wollen wir nicht in der Familie!“ Träfe es ihn, weil es aus seinem familiären Vertrauenskreis käme?

Rüdiger von Fritsch meinte, am treffendsten hätte sich Putin mit „einmal KGB, immer KGB“ beschrieben. Verfügt er de facto (neurophysiologisch) über kein Gewissen? Was hieße das strategisch? Eine konfrontative militärische Reaktion wäre kontraproduktiv, ein Appell an sein Gewissen18 sinnlos. Zöge selbst King einen Tyrannenmord in Betracht? Man redet darüber. Jahrelang operierten tschetschenische Extremisten gegen Putin. Ist nun deren Sternstunde? Aber sie erscheinen nicht. Waren sie nur Putins Inszenierung für innenpolitischen Zusammenhalt?

Pazifistische Strategien setzen auf Deeskalation durch Gespräche, die bei einem blutrünstigen Aggressor schwer durchzuhalten sind. Tatsächlich kann Nachgeben sinnvoll sein, obwohl es dem Aggressor Gewinne verschafft. Dieser Weg scheint Noam Chomsky die am wenigsten schlechte Option nach der Invasion: „Eine neutrale Ukraine nach österreichischem Vorbild. Sehr weit entfernt von Gerechtigkeit. Aber wann hat die Gerechtigkeit in internationalen Angelegenheiten schon einmal gesiegt? … Ob es uns gefällt oder nicht, die Möglichkeiten beschränken sich jetzt auf ein hässliches Ergebnis, das Putin für den Akt der Aggression eher belohnt als bestraft – oder auf die hohe Wahrscheinlichkeit eines Krieges im Endstadium.“19

Als internationaler Mediator könnte die UNO fungieren, aber dieser fehlt die Einigkeit. Auch der internationale Gerichtshof in Den Haag ist im Blick. Konfliktbegrenzend könnten UN-Truppen als Ordnungsmächte agieren. Frieden stiften ließe sich durch vertrauensbildende Maßnahmen.20 Wie im Krimi: Geiselnehmer und Kommissar stehen sich gegenüber, der Kommissar entwaffnet sich, um die Bedrohungsspirale zu durchbrechen … Dem entspricht eine präventive Selbst-Entwaffnung während eines Friedensprozesses.

Verflechtungen können ebenfalls präventiv wirken. Schon König Salomo hatte einen großen Harem, nicht als Macho, sondern um Verbindungen zu kleinen und großen Potentaten zu halten. Heute sind es eher die wirtschaftlichen Verflechtungen, international operierende Konzerne.

Wirkungsvoll war 1968 die soziale Verteidigung in der CSSR, wo Verwaltungsstrukturen lahmgelegt wurden und nicht das Territorium, sondern die Zivilgesellschaft verteidigt wurde. Oder die „Schwarzen Mütter“ von israelitischen und palästinensischen Kriegsopfern in Jerusalem, die sich schwarz gekleidet freitags an belebten Kreuzungen positionierten, als Appell an die militanten Männer.21

Wir dürfen uns dem Tunnelblick der Militärs nicht ergeben, sondern brauchen an der Realität geschulten Friedenswillen! Natürlich habe ich kein magisches Lösungsangebot, aber das Wissen, dass es Jesus um die Liebe Gottes zum Leben in uns geht und Lösungswege ohne Liebe unrealistisch bleiben.

 

Anmerkungen

1 „Die Kirche vor der Judenfrage“ (1933) (Werke Bd. 12, 353).

2 Pazifisten tragen grundsätzlich eine Waffe.

3 Beatrix von Storch, Galionsfigur der AfD ist Enkelin von J.L. Graf Schwerin von Krosigk, Finanzminister im „Dritten Reich“. Doch nicht an den Ahnen, sondern an den Früchten sollt ihr sie erkennen.

4 Die Mörder von Potempa (10.8.1932) pries Hitler als Patrioten.

5 Ich setze Worte wie „Jude“, „Deutsche“, „Russe“ in Anführungszeichen, weil es irreführende Etiketten sind.

6 E. Bethge, Bonhoeffer, 57.

7 Das machte der BR noch in der Strauß-Ära bei Dieter Hildebrandt! Cave canem!

8 M. Eberling, Mahatma Gandhi – Leben, Werk und Wirkung, 7.

9 Gandhis „How to combat Hitlerism“ („Harijan“, 6.4.1940) in Th. Eberts Übersetzung.

10 Th. Ebert, Bonhoeffer und Gandhi – Oder: Hätte sich der Hitlerismus gewaltfrei überwinden lassen?

11 Ebd.

12 Martin Luther King, Autobiography, 128.

13 Zusammengefasst von T. Dietrich, Martin Luther King, 50.

14 Ceterum censeo: Das rechtsfreie Gefangenen­lager Guantanamo auf Kuba müssten die USA auf­lösen.

15 King, 159.

16 John Lennon: Bed-In.

17 King, 168.

18 Albert Schweitzer, Ehrfurcht vor dem Leben!

19 N. Chomskys Blick auf die Ukraine, 18.3.2022 – Pressenza IPA.

20 J. Moltmann propagiert in „Der gekreuzigte Gott“ das Durchbrechen der Teufelskreise.

21 Ukrainische Mütter agierten jetzt schon so.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Volker Schoßwald, Jahrgang 1955, Theologiestudium in Erlangen und Tübingen, ­Promotion in Prakt. Theologie in Neuendettelsau, Pfarrer in Würzburg, Nürnberg und Schwabach, derzeit Pfarrer in Nürnberg-Gostenhof; Veröffentlichungen: Monografien zu Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

1 Kommentar zu diesem Artikel
18.05.2022 Ein Kommentar von Gereon Vogel-Sedlmayr „Zarte Figur im Lendenschurz“? Angesichts eines Krieges ist es wichtig, sich an die erfolgreiche Friedensarbeit in der Vergangenheit zu erinnern – gerade an die religiöse Beteiligung daran. Die Arbeiten des Politikwissenschaftlers und Friedensforschers Markus A. Weingardt, tätig bei der Stiftung Weltethos, geben hierzu etwa gute Anregungen. Im Beitrag von Volker Schoßwald wird leider Mohandas K. Gandhi als „zarte Figur im Lendenschurz“ (Eberling) verzeichnet. Dieser Mann war nicht der absolute Pazifist, als der er oft dargestellt wird. Gandhi hielt viel vom militärischen Ethos, war im zweiten Burenkrieg in Südafrika mit einem indischen Sanitätsbataillon aktiv beteiligt und hatte auch gegen das Engagement indischer Soldaten auf Seiten des britischen Empire in den Weltkriegen nichts einzuwenden. Dass seine Form des gewaltfreien Widerstands gegenüber anderen Herrschern als den Briten undurchführbar gewesen wäre, war ihm sehr wohl klar. Gandhis Vision war es dabei nicht, als Einzelperson erfolgreich zu sein. Sein Ziel war, die ethische Elite der „Satyagrahis“ aufzubauen – was ihm in weiten Teilen auch gelang. Dabei war er schonungslos, riskierte mehrfach mit Hungerstreiks sein eigenes Leben und verlangte denen, die ihm nahe standen, ein selbstloses Engagement ab. Die Beziehung zu seinem ältesten Sohn zerbrach dadurch. Die ostentativ zur Schau gestellte Schutzlosigkeit machte ihn schließlich zum leichten Opfer für seinen Attentäter. Außerdem ist die Tatsache zu bedenken, dass er keinen entsprechenden Nachfolger hatte und dass die von ihm begründete Bewegung sich nach seinem Tod weitgehend aufgelöst hat. (Mehr über ihn in meinem Video https://www.youtube.com/watch?v=jBi-hmQj5SI ) Die Erinnerung an Mohandas Gandhi kann sicherlich die friedensethische Diskussion beleben. Allerdings im Sinne der Fragen in wie weit es heute ethische Eliten gibt und in wie weit sie durch unsere Kirchen unterstützt oder getragen werden können. Gereon Vogel-Sedlmayr
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