Lukas erzählt als einziger die Geburt Jesu. Mit dem Auftritt der Engel auf den Feldern von Bethlehem ist seine Geschichte eher eine Legende als ein Bericht. Man wusste, er lebte in Nazareth als Handwerker, bis er öffentlich auftrat. Erst danach entstand die Geburtsgeschichte: aus der Erinnerung an die gewalttätige Weltherrschaft des Kaisers Augustus und an die damalige Steuererfassung in der Provinz Syrien mit Judäa (nicht im ganzen Reich), die das Volk am Wohnort erfasste (nicht am Herkunftsort)1; aus der prophetischen Überlieferung, der Messias werde aus Bethlehem kommen, dem Geburtsort Davids2; aus der Erfahrung des ärmlichen Alltagslebens und der Hirtenwelt, in der auch schon David zu Hause war3; aus den Engelsbotschaften an Auserwählte von Hagar bis Elia; aus den Berichten vom Leben Jesu mit Armen und Kranken, denen er Befreiung gebracht hat; und aus der Überzeugung, dass er als geheimer Messias gewirkt hat und nach seiner Hinrichtung auferweckt und bei Gott aufgehoben ist als Herr der Welt. Dazu entstanden mit der Zeit weitere Erzählelemente: die Herbergssuche, die Abweisung, der Stall, Ochs und Esel.

 

Die Unterkunft

Lukas erzählt: Während Maria und Josef in Bethlehem sind, kommt die Zeit der Geburt. Das Paar ist untergekommen in einem einfachen Haus, wo Menschen und Tiere gemeinsam in einem Raum leben, wie bei den kleinen Leuten üblich4. Dort findet die Geburt statt. Weil es eng ist im Haus und ein passender Platz für das Kind fehlt, nimmt Maria eine Futterkrippe als Kinderbett. Keine Herbergssuche, keine Abweisung, kein separater Stall, sondern das Kind ist aufgenommen in die Solidarität der einfachen Leute. Für diese Textdeutung spricht:

¬ Wenn bei der Ankunft in Bethlehem eine Abweisung erzählt würde, müsste sie am Anfang von V. 6 stehen (vor „während sie dort waren“). Die Formulierung vermittelt aber eine ruhige Anwesenheit.

¬ Die gängigen Übersetzungen reden von einer Herberge, wo das Paar nicht ankommt; der Text redet dagegen von einem privaten Haus, wo das Paar als Gast unterkommt5 wie im Orient üblich (Lk. 4,38-42; 9,4.12.52; 10,7; 19,7; 22,11).

„Sie hatten keinen Platz in der Unterkunft“, bedeutet das: Kein Platz für die Eltern? Oder für das Kind? Also eine Krippe draußen? Oder drinnen? Der Satz erklärt die Unterbringung des Kindes. Aber schon früh wurde der Text unterschiedlich verstanden.

Die christliche Auslegungs- und Bildtradition hat sich fast ganz für die erste Deutung entschieden: kein Platz für die Eltern, Krippe draußen. Allerdings wird dadurch der Text kurios: Er erwähnt die Unterkunft, sagt aber nur, wo das Paar nicht unterkommt, und nicht, wo es unterkommt. Obwohl dort Maria und Josef, das Kind, die Hirten mit der Engelsbotschaft und alle Zuhörenden beisammen sind.

Conrad von Soest hat die Kuriosität des Unterkommens in der Nicht-Unterkunft auf frappierende Weise ins Bild gesetzt: Der Stützbalken des Überdachs, unter dem die Familie scheinbar lebt, trägt ein Dach, das sie nicht überdeckt. Es hängt hinter dem Stall hinter Maria. Das ist technisch unmöglich. Es macht aber sichtbar, wie unmöglich der Aufenthalt in der Nicht-Unterkunft ist.

Bisher gehören die Abweisung des Paares und der separate Stall zur Weihnachtsgeschichte. So erscheint sie in Texten, Liedern, Bildern, Ansprachen und Krippenspielen. Eine Erzählung für Kinder: „Der Weg war sehr beschwerlich, da Maria hochschwanger war. Sie mussten irgendwo übernachten – aber egal, wo sie anklopften: niemand hatte ein Bett für sie frei. Schließlich fanden sie einen verlassenen Stall, in dem sie bleiben konnten. In dieser Nacht bekam Maria ihren Sohn.“7

Warum wird der Text seit Jahrhunderten hartnäckig gegen den Wortlaut gelesen? Ich vermute, hier wurde Joh. 1,11 als maßgeblich genommen: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Das las man als Aussage zur Geburt Jesu und sah sie bestätigt in Lk. 2, indem man die Abweisung Jesu und seiner Eltern in den Text hineinlas. So entstand ein einheitliches Bild. Und das passte gut zur Vorstellung der jungen heidenchristlichen Kirche, das Judentum habe Jesus abgelehnt und die Kirche den Platz als Gottesvolk übernommen (so schon im Barnabasbrief um 100).

Die andere Deutung des Textes findet sich in einer Weihnachtspredigt von Augustinus (um 400): „Eng war seine Herberge, in Windeln gehüllt wurde er in eine Krippe gelegt“8. In einer Zeit mit vielen Flüchtlingen, die in Europa Unterkunft suchen, zeigt die Weihnachtsgeschichte des Lukas, dass die Obdachlosen ins Haus geführt werden (Jes. 58,7), auch wenn es eng ist.

 

Die Krippe

Als Notbett ist die Krippe ein zentrales Motiv. Sie wird dreimal erwähnt, verbindet so die drei Teile des Textes und ist das Kennzeichen des Neugeborenen. Sie deutet vielleicht auf den erwachsenen Jesus, der als Wanderprediger „nicht hat, wohin er sein Haupt legt“ (Lk. 9,58). Als Ausdruck von Armut und Niedrigkeit weist sie wie die Unterkunft voraus auf sein Leben mit dem einfachen Volk, vielleicht auch indirekt auf Gott, der die Niedrigen erhebt (Lk. 1,52).

Die älteste derzeit bekannte Darstellung von Jesus in der Krippe ist ein Sarkophag-Relief: links der Krippe Ochs und Esel, dahinter die Hirten, die gerade das Kind finden, rechts unter dem Stern Maria auf der Erde, hinter ihr Josef auf einem Stuhl. Die Szene findet im Freien statt. Das Überdach im Hintergrund deutet die Unterkunft an. Erstaunlich: Beide Bildmotive haben sich über 1000 Jahre bis zu Conrad von Soest erhalten.

Krippe und Tiere nehmen beherrschend die Mitte des Bildes ein. Die Tiere kommen aus Jes. 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ Ochs und Esel stehen also für die Heidenchristen, die sich zu ihrem Herrn halten, anders als das Judentum. Sie sind Jesu direktes Gegenüber, dem er sich zuwendet Die Eltern ruhen auf der Gegenseite hinter Jesus, ihm zugewandt, aber zurückgenommen. Stellen sie das unverständige Gottesvolk dar? Hier vertritt die Kirche, gestützt auf Jesaja, die antijüdische Substitutionstheologie (die Kirche ersetzt Israel als Gottesvolk) und verbreitet ihre These an zentraler Stelle, später eine Quelle unermesslicher Gewalttaten. Manche frühen Darstellungen zeigen entsprechend nur Ochs und Esel an der Krippe.

So wurden die Tiere zu einem zentralen Bestandteil der Weihnachtsszene. Luther: „dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Ochs und Esel aß“ (EG 24,9). Dem Trienter Konzil (1545-1563) „gelang es später nicht, sie um der ‚Wahrheit‘ der Bibel willen von der Krippe zu verbannen“10. Heute wirken Ochs und Esel an der Krippe wie treuherzige Beigaben. Es sollte aber nicht vergessen sein, dass die Kirche sie mit einer antijüdischen Botschaft dorthin gestellt hat. Darum gehören sie nicht mehr an die Krippe.

Inzwischen heißt auch das Figurenensemble zur Darstellung der Weihnachtsgeschichte „Krippe“, zuerst aufgebaut von Franziskus an Weihnachten 1223: eine Krippe mit Heu und die lebenden Tiere Ochs und Esel in einer Felsgrotte als Stall11. Ort des Ensembles ist auch heute in der Regel ein Stall. Er stützt die gewohnte Deutung des Lukas-Textes, genauso wie die Weihnachtsbilder und einige Lieder („zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall“, EG 43,1). Wer zu Weihnachten diese volkstümliche Version des Textes ersetzt durch die biblische von Lukas, wird sicher Widerspruch ernten. Da wir vor allem optisch lernen, wären textgemäße Krippenensembles (und entsprechende Erzählungen) sinnvoll.

 

Die Hirten

Lukas beschreibt die Geburt Jesu in zwei Versen, die Geschichte der Hirten in dreizehn. Zentrum ist die Botschaft der Engel an die Hirten, ein Evangelium: große Freude, „euch ist heute ein Retter und Weltherrscher geboren“, Titel, die bisher der römische Kaiser führt12. Das arme Kind wird also zum weltweiten machtvollen Heilsbringer werden.

Darum verkündet ein großes himmlisches Heer im Sprechchor Frieden auf der Erde bei „Menschen seines Wohlgefallens“. Wer ist damit gemeint? Eine Himmelsstimme sagt das von Jesus bei seiner Taufe (Lk. 3,22). Jesus selbst meint damit die einfachen Leute, die sich an der Heilung der Welt beteiligen und dabei bewegende Erfahrungen machen wie die Jünger (Lk. 10,20-21). Und er rechnet dazu Arme, die im Vertrauen auf Gott von der Hand in den Mund leben, sowie Reiche, die ihren Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben (Lk. 12,29-33). Sie alle leben für eine andere Weltordnung: für das Gottesreich, eine Gemeinschaft, die vom Teilen lebt – nicht wie das Kaiserreich von Gewalt und Ausbeutung – und die für Frieden und Gerechtigkeit steht: eine Kostprobe von der großen Verbundenheit.

Die Hirten sind die ersten Evangelisten: Als sie das Kind finden, sagen sie die Engelsbotschaft weiter. Denn das Haus ist voller Menschen. Aber alle Zuhörenden (außer Maria) wundern sich über den Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Ankündigung. Die Krippe passt ja nicht zu den hohen Titeln. Die treten erst später in Kraft, wie Lukas in seinem „zweiten Bericht“ andeutet (Apg. 1,9-11). Vielleicht benutzt er dabei ein gängiges Stilmittel: kleiner Anfang – großes Ende. Ähnlich beginnt Moses Weg als Befreier des Volkes in einem Schilfkasten auf dem Nil.

Beim üblichen Verständnis der Geburt im Stall haben die Hirten keine zuhörende Gruppe. Die müssen sie erst draußen finden. Darum ergänzt die Neue Genfer Übersetzung den Text: „Nachdem sie es gesehen hatten, erzählten sie ‚überall‘ …“. Luther übersetzt ähnlich: „Sie breiteten das Wort aus“.

Die Hirten, die das Kind finden, werden oft dargestellt. Sie sind berührt, beten es an oder bringen etwas mit. Aber nirgends verkündigen sie wie in der biblischen Erzählung die himmlische Botschaft: das Evangelium von der Rettung der Welt. Lukas gibt den Leuten vom Feld diese große Aufgabe, die Maler aber nicht. Denn die Kirche betraut damit nur Gelehrte und Geweihte.

 

Nachtrag

Später bringen Jesus und seine Boten den angesagten Frieden verkündigend und heilend unter das Volk (Lk. 4,18; 10,5.9). Und Lukas setzt den Sprechchor der Engel fort im Sprechchor der Festpilger, die Jesus beim Einzug in Jerusalem begleiten (19,38). Sie erwarten aber den großen Frieden nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel (Lukas schreibt ja nach der Zerstörung Jerusalems), und sie rufen Jesus als König aus, was ihm den Tod bringt (23,2-3.38). Erst der nachösterliche Jesus spricht den Jüngern Frieden zu (24,36). Doch die Botschaft kommt nicht bei ihnen an. Sie sind ängstlich und verwirrt, weil sie die Art seiner neuen Lebendigkeit nicht begreifen. Um für die weltweite Heilung des Lebens aktiv zu werden, brauchen sie erst von ihm „Kraft aus der Höhe“ (24,47-49) – wie die Kirchen bis heute.

Ich bin erschrocken, wie stark die vertraute Weihnachtsgeschichte seit der frühen Kirche antijüdisch geprägt ist14. Die bildliche Darstellung hat sich bisher kaum verändert, wenn sie auch nicht mehr antijüdisch verstanden wird. Aber in welcher Tiefe unseres kollektiven Gedächtnisses ruhen diese alten beschädigenden Überzeugungen, von der Kirche über viele Jahrhunderte verbreitet, wenn sie heutzutage vielfältig wieder auferstehen?

Zum Schluss: Trauen wir uns, als Lehrende in Kirche und Schule bei dieser bekannten Geschichte öffentlich zu sagen: Luther, alle Welt und auch ich haben bisher die Geschichte anders verstanden, als sie in der Bibel steht? Oder lassen wir lieber alles beim Alten?

 

Leo Petersmann

 

Anmerkungen

1 Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, hrsg. von F. Crüsemann u.a., Gütersloh 2009, 563.

2 Im Johannesevangelium ist Jesus nicht in Bethlehem geboren, er kommt aus Nazareth. Manche Menschen sprachen ihm darum den Messiastitel ab (Joh. 7,41f). Das war sicher ein Grund, die Geburt in Bethlehem zu entwickeln. – Auf ähnliche Gegner zielt wohl Mk. 12,35-37: Sie sagen, der Messias muss Davids Sohn sein (was für Jesus nicht zutrifft). Die Jesus-Bewegung widerspricht (mit Ps. 110,1): David selbst nennt den Messias seinen Herrn, also muss er nicht Davids Sohn sein.

3 Sozialgeschichtliches Wörterbuch, 266.

4 https://www.schuldekan-schorndorf.de/index.php?id=799 >Wohnen zur Zeit Jesu >Informationstext Wohnen.doc (14.5.21).

5 Das Wort katalyma bezeichnet das Unterkommen als Gast. katalyein bedeutet „ausspannen“: das Gespann und sich selbst. Die Belegstellen zeigen, Reisende wurden in Privathäusern als Gäste aufgenommen, z.T. mit dem Wort katalyein/katalyma, z.T. mit anderen Formulierungen. – Im Dankpsalm für die Rettung Israels aus Ägypten wird der Tempelberg als künftige Wohnung Gottes katalyma genannt (2. Mos. 15,13 LXX).

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsgeschichte#/media/Datei:Soest-Geburt-Christi.jpg (2.8.20).

7 https://www.katholisch.de/artikel/15872-die-weihnachtsgeschichte-fuer-kinder-erzaehlt (2.8.20).

8 https://www.augustinus.de/einfuehrung/texte-von-augustinus-mit-online-uebers/weihnachten/239-der-sermo-189 (15.8.20).

9 https://katholisches.info/2012/12/26/wie-ochs-und-esel-in-die-krippe-kamen-uber-die-erkenntnis-des-herrn/ (15.8.20).

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtskrippe (2.8.20).

11 https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Kloster_Greccio.htm (8.3.20).

12 Sozialgeschichtliches Wörterbuch, 208. – Mindestens die Kaiser Augustus und Claudius galten als Retter der Welt (laut Dichtung bzw. Inschrift). Jesus wird von Samaritanern als Retter der Welt erkannt (Joh. 4,42). – Heute ist die Formel beschwert von den gewalttätigen Schatten des europäischen Kolonialismus und Imperialismus.

13 https://de.wikipedia.org/wiki/Anbetung_der_Hirten (14.5.21).

14 Über Antijudaismus als Geburtsfehler des Christentums: K. Wengst, Wie das Christentum entstand, Gütersloh 2021.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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