In ein gutes Einvernehmen mit sich selbst, den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung zu kommen, scheint nach allem, was wir von Weltanschauungen, Philosophien und Religionen kennen, seit Anbeginn das angelegte und angestrebte Ziel menschlichen Bemühens zu sein. Auf der Grundlage dieser Suchbewegung lässt sich für Karlheinz Bartel ein intensiver Dialog zwischen Christentum, westlicher Philosophie (in Gestalt Hegels) und Zen-Buddhismus aufnehmen.

 

Spät, nicht zu spät entdeckte ich, dass es im Zen, in der westlichen Philosophie und im Christentum als Erlösungsreligion letztlich um ein und dasselbe geht, darum nämlich, dass der Mensch sein In-der-Welt-Sein begreife. Das Begreifen seines In-der-Welt-Seins wiederum ist die Bedingung der Möglichkeit, dass der Mensch Herr werde über die Natur oder wie man neuerdings öfters sagen hört, dass der Mensch die notwendige Balance zwischen Ökonomie und Ökologie1 endlich herstelle. Die doppelte These vorangestellt, möchte ich versuchen, Licht vor allem in die erste Behauptung zu bringen.

Erstens: Im Zen geschieht das Begreifen des In-der-Welt-Seins durch „rechtes Denken“, vor allem aber durch das „Sitzen in der Stille“2.

Zweitens: Westliche Philosophie versucht seit den Vorsokratikern, namentlich seit Parmenides und Heraklit, selbstverständlich seit Platon und Aristoteles, bis zu Kant, dann aber vor allem durch Hegel und über den Deutschen Idealismus hinaus, unserem In-der-Welt-Sein (nach-)denkend auf die Spur zu kommen.

Drittens: Das Christentum glaubt offenbarungstheologisch die Erlösung durch Tod und Auferstehung Jesu Christi und versucht, diese ins Leben umzusetzen.

Im Resultat geht es auf allen drei Wegen darum, Herr zu werden, nicht allein über uns selbst, sondern auch über die Natur oder, wie Hegel treffend sagt, „uns Gottes als unseres wahren und wesentlichen Selbsts bewusst zu werden“3. Und unser Verhältnis zur Natur betreffend: „Der Mensch wird nicht Meister über die Natur, bis er es über sich selbst geworden ist“4.

In ein gutes Einvernehmen mit sich selbst, den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung zu kommen, etwas wie ein Weltethos (Küng, Dalai Lama) also, scheint nach allem, was wir von Weltanschauungen, Philosophien und Religionen kennen, seit Anbeginn in der Tat das angelegte und angestrebte Ziel menschlichen Bemühens zu sein.

 

1. Der orientalisch fernöstliche Weg

Da heute kein Zweifel mehr daran besteht, dass Zen eine wesentliche, vermutlich die essenzielle Form östlicher Realisierung des In-der-Welt-seins darstellt, wenden wir uns zuerst dieser Praxis zu. Sie ist in den Zen-Klöstern Japans bis heute erhalten. Man versucht, in dieser Praxis, durch Sitzen in der Stille (nichtgegenständliche Meditation), die dem Leben und der menschlichen Bestimmung gemäße Aufmerksamkeit herzustellen. Warum Sitzen in der Stille?

Antwort: Weil wir in der Stille, da also, wo uns wie bei einem Neugeborenen keine Vorstellungen, keine Bilder und keine Gedanken vom Sein trennen, am besten in die unmittelbare Einheit mit dem Sein gelangen. Diesen Zustand kann man erfahren, wenn man sich am sorgfältig eingerichteten Platz, ohne dass man gestört wird, eine Weile, wenigstens zehn Minuten, ganz einfach konzentriert hinsetzt.

Sitzen in der Stille

Zu praktizieren, was sich so leicht anhört, ist doch nicht ganz so leicht. Camus meinte zurecht, die „höchste aller Künste“ sei „die Kunst, nichts zu tun“5. Genaueres über die Kunst des Nicht-Tuns erfahren wir bei Dogen, dem Vater des Zen im 13. Jh. Sein grundlegendes Werk, das Shobogenzo, enthält „Allgemeine Richtlinien6 für das Sitzen in der Stille. Mich an diesen Richtlinien orientierend, aber auch aufgrund eigener Erfahrung mit dem Sitzen möchte ich diese grundlegende, nicht gegenständliche Art der Meditation in drei Schritten beschreiben:

1. Man setze sich auf ein Kissen oder eine zusammengefaltete Decke, auf ein Kniebänkchen oder auf den vorderen Teil der Sitzfläche eines Stuhls (möglichst ohne Armlehne).

2. Sind Gesäß und Beine fest (im Viertel-Lotussitz, im Fersensitz oder auf dem Stuhl/Beine rechtwinklig zum Boden), richtet sich der Oberkörper auf; ebenso der Kopf, indem man das Kinn zur Brust hin bewegt. Der Blick fällt auf den Boden, etwa 1,50 m vor die Sitzposition.

3. Aufrecht und ruhig dasitzend, ist die Aufmerksamkeit auf den Atem gerichtet. Man spürt, wie es in einem atmet. Genauer: Man spürt in der Hebe- und Senkbewegung, wie der ganze Körper atmet.

Dabei ist auf zwei Dinge zu achten: Einmal sind die Vorstellungen, Bilder und Gedanken, die ins Bewusstsein treten, wahrzunehmen, zum anderen ist es wichtig, sie anzunehmen. Beachten wir beides, verlieren sich Vorstellungen, Bilder, Gedanken mit der Zeit. Vorstellungs-, bilder- und gedankenfrei ist man ganz eins mit sich und der Welt. In diesem Zustand verharrt man für die Zeit, die man sich für die Meditationsübung vorgenommen hat. Es sollten wie gesagt wenigstens zehn Minuten sein. Danach verabschiedet man sich von der Übung mit aneinander gelegten Handflächen und einer leichten Verbeugung. Das ist alles.

Rechtes Denken

Wer ein Übriges tun möchte, der ergänze das Sitzen in der Stille durch rechtes Denken. Mit rechtem Denken ist nicht das Denken gemeint, wie wir es im Westen kennen, nämlich assoziierend oder zielgerichtet logisch zu denken, sondern ein Denken, wie es der historische Buddha tat. Dessen gedankliche Wahrnehmung des In-der-Welt-Seins ist nach der Legende in den Vier edlen Wahrheiten festgehalten:

1. Leben ist Leiden.

2. Das Leiden ist zu ergründen.

3. Die Ursachen des Leidens sind zu beseitigen.

4. Man soll im Zustand der Leidensfreiheit verharren.

Diese vier „edel“ genannten Wahrheiten sind darum zurecht edel genannt, weil sie eine Mischung bilden aus Wahrnehmung/Erfahrung einerseits und Denken/Nichtdenken andererseits und weil sie das Welterleben des Menschen auf einen Nenner bringen, der plausibel erscheint und den ich mit „zur Quelle zurückgehen“ oder „sein In-der-Welt-Sein begreifen“ beschreibe. Gautama, der indische Fürstensohn, nach seiner Erleuchtung der Buddha (=der Erleuchtete) genannt, formulierte diese oder ähnliche Sätze, nachdem er gemerkt hatte, dass die Erfahrungen von Geburt, Krankheit, Altern und Tod nicht durch Askese beseitigt werden konnten, sondern allein durch rechtes Bedenken des In-der-Welt-Seins und vor allem durch Meditation.

Gautama soll seine Erfahrung ausgerufen haben, nachdem er die heute mystisch zu nennende Erfahrung des Einsseins gemacht hatte. Er soll dies getan haben mit Worten, die das Herzsutra7, ein Grundtext des Zen-Buddhismus, folgendermaßen überliefert: „Gate gate, paragate, parasamgate, Bodhi svaha. Übergegangen, übergegangen, ganz übergegangen, mit allen Wesen übergegangen.“ Es geht darum, übergegangen zu sein und kontinuierlich überzugehen, um auf diesem Wege das In-der-Welt-Sein zu begreifen. Ein Tun, welches zugleich ein Nicht-Tun, ein Geschehen-Lassen ist. Ebenso ein Nicht-Tun, welches zugleich höchstes Tun ist. To be in the state of having gone, würde man im Englischen sagen. Das ist alles. Wir kennen diesen Zustand in unserer spirituellen Tradition als das benediktinische „ora et labora, bete und arbeite“. Wobei uns Zen darauf aufmerksam machen kann, dass es in beidem, im Beten wie im Arbeiten, im Grunde um das Eine geht, dass wir voll und ganz tun sollen, was wir tun, also wirklich die Arbeit des Gebets zu verrichten, wenn wir beten (Beten als Arbeit) und wirklich zu arbeiten (Arbeit als Gebet), wenn wir arbeiten.

 

2. Der Weg abendländischer Philosophie am Beispiel Hegels

Was das Herzsutra mit „übergegangen“ ausdrückt, sagt der Meister westlichen Denkens, G.W.F. Hegel, im Haupttext seiner Philosophie, der Wissenschaft der Logik, verblüffenderweise, ohne die Übersetzung des Herzsutras zu kennen, mit demselben Wort: „übergegangen“8. Hegel ruft mit übergegangen aber nicht wie Gautama die im Nichtdenken erfahrene Erleuchtung aus, sondern er beschreibt damit denkerisch präzise, wie sich das Sein in der ihm zugrunde liegenden Logik im Bewusstsein des Menschen selbst erhellt.

Hegel setzt an, indem er die Metaphysikkritik Kants, Jacobis, Fichtes, Schellings kritisiert. Hatte Kant durch seine Entdeckung der Autonomie des Verstandes die alte Metaphysik mit ihrer Aufspaltung in Subjekt und Objekt mit Stumpf und Stiel ausgerottet bzw. genauer: alles Bemühen um Metaphysik in den Bereich des Glaubens verschoben – Jacobi schämte sich der Vernunft, Fichte hatte noch versucht, das Objektive wieder in das Subjekt hereinzuholen und Schelling hatte versucht, dem Objekt über die Natur wieder Geltung zu verschaffen –, so empfand Hegel alle diese Versuche und besonders den Kants als nicht genügend. Hegels Bemühen gilt dem Versuch, die Subjekt-Objekt-Trennung vollständig zu überwinden. Und das auf denkerisch argumentierendem Wege. Und es wird ihm gelingen, auf diesem Wege eine Neue Metaphysik zu konstituieren, eine Metaphysik, die, wenn sie diese Bezeichnung überhaupt noch und wieder neu tragen soll, das In-der-Welt-Sein des Menschen zusammendenkt mit der Wirklichkeit als solcher und dem Erkennen derselben durch den Menschen. Man könnte daher auch so formulieren: Es gibt nach Hegel einzig ein Sein. Und dieses eine Sein spiegelt sich im Bewusstsein des Menschen. Aufgabe der Philosophie ist es nach Hegel, diese Spiegelung – in der Religion redet man von Offenbarung (die, so die Sicht Hegels, durch Theologie gedacht wird) – aufzudecken, d.h. dem Sein im Bewusstsein des Menschen (Subjekt) das Bewusstsein zu geben, welches dem Sein selbst (Subjekt-Objekt) objektiv inhärent ist.

Die Einheit von Sein und Nichts im Werden

Wie sieht nun nach Hegel die logische Struktur des Seins aus? Gleichbedeutend: Wie spiegelt sich die logische Struktur dessen, was ist, im Bewusstsein des Menschen?

Gehen wir mit Hegel aus vom Begriff des Seins. Sein ist alles, was ist. Was ist, ist nach Hegel in Anknüpfung an Platon und Aristoteles aber etwas, das nur aufgrund seines Gegenteils ist, was es ist. Das Gegenteil von Sein ist Nichts. Also gebe es kein Sein, wenn es kein Nichts gäbe. M.a.W.: Sein gibt es allein als Negation des Nichts. Genauso umgekehrt das Nichts. Dies gibt es nur aufgrund des Seins. Das Nichts ist die Negation des Seins. Gäbe es kein Sein, gebe es auch kein Nichts. Gäbe es kein Nichts, gäbe es auch kein Sein.

Hegel stellt weiter fest: Da nun beide, das Sein wie das Nichts, Abstrakta, reine Gedankendinge, seien, seien beide im Gegenüber zum konkreten Dasein eigentlich Nichts, ein einziges Nichts. Hegel argumentiert weiter: Alltäglich möchte man in Sein und Nichts aber nicht Nichts sehen, sondern man möchte auch gerne den Gegensatz sehen und stehen lassen. Man möchte in Sein und Nichts auch Unterschiedene sehen. Die Frage ist somit: Wie kriegt man das beides hin, in Sein und Nichts, ein einziges, abstraktes und konkretes Etwas-Nichts, und zugleich zwei sich unterscheidende Etwasse zu sehen?

Das geht nach Hegel nur so, dass Sein in Nichts und Nichts in Sein übergegangen sind und kontinuierlich übergehen. Das wiederum ist nur so zu denken, dass Sein und Nichts ein drittes ist, nämlich Werden. Hierzu Hegel in der Großen Logik: „Es ist die dialektisch immanente Natur des Seins und Nichts selbst, dass sie ihre Einheit, das Werden, als ihre Wahrheit zeigen.“9 Die (dialektische) Wahrheit von Sein und Nichts ist also ihr Werden.

Genauso verhält es sich nach Hegel mit allen konkret daseienden Dingen. Auch sie seien vorhanden im Gegensatz zu den nichtdaseienden Dingen. Das aber könnten sie nur sein als Gewordene und fortlaufend Werdende. Die Wahrheit der konkret daseienden Dinge ist nach Hegel ebenfalls Werden.

Anders als der Verstand, der in Sein und Nichts, in Daseiendem und Nichtdaseiendem Gegensätzliches sieht, zwei Etwasse, die nebeneinander stehen und sich ausschließen, sieht die Vernunft Sein wie Nichts und Daseiendes wie Nichtdaseiendes, auf den Begriff gebracht, einzig in der Bewegung des Werdens. Das Werden ist das, was Einheit und Vielheit zugleich beinhaltet. Beide, Einheit wie Vielheit, sind im Werden aufgehoben und heben sich in dieses hinein fortwährend auf. Das ist für Hegel die dialektische Grundstruktur allen Seins. Hegel drückte diese Grundwahrheit, den Begriff der Identität zu Hilfe nehmend und damit das Absolute beschreibend, in der sog. Differenzschrift auch so aus: „Das Absolute selbst aber ist darum die Identität der Identität und der Nichtidentität.“10 M.a.W.: Wo einfache Einheit, Identität (das „Paradies“ nach Hegels Narrativ vom Sündenfall11) und Nichtidentität (außerparadiesischer Zustand/Entzweiung/Getrenntheit) zusammengekommen sind und zusammenkommen, wo sie durch Überwindung der Einzelheit identisch geworden sind und werden, ist Gewordensein und Werden, ist absolute Identität.

Hegels „kleine Philosophie des Jetzt“

Hegel argumentiert die Bewegung des Werdensgeschehens allen Seins, wie skizziert. Das Sein, das im ersten Teil der späteren Wissenschaft der Logik, der sog. Seinslogik, (es folgen bei Hegel noch die sog. Wesenslogik und die Begriffslogik) so zu begreifen ist, ist schon in der zeitlich früher geschriebenen Phänomenologie formuliert. Dort in der kleinen Philosophie des Jetzt12, wie ich die Beschreibung nennen möchte. Weil dies der Kernpunkt seines Denkens (wie des Zen, wie nach Hegel aller Religion) ist, sei dieselbe Wahrheit hier noch in einer Paraphrase dieser Kleinen Philosophie des Jetzt dargestellt:

Wenn wir jetzt aussprechen, ist nach Hegel jetzt schon wieder vorbei. Wir kommen über den Weg des Aussprechens niemals ins Unmittelbare des Jetzt. Somit ist das Jetzt, welches es als das Jetzt in seiner Unmittelbarkeit tatsächlich gibt, immer gleichzeitig auch das Jetzt, welches immer auch schon wieder der Vergangenheit angehört. Und das immer neu. Es entstehen auf diese Weise sehr schnell viele Jetzt. Gleich verhält es sich mit der räumlichen Kategorie des Hier. Wenn wir hier sagen, sind wir aufgrund der Bewegtheit aller Dinge immer schon dort. Bei der Zeit ist es das eine Jetzt, welches in den weiteren Jetzt verschwindet, in sie übergeht, sich in sie hinein aufhebt. Beim Ort ist es das Hier, welches in die weitere Hier hinein, die Dort verschwindet, übergeht, sich in sie hinein aufhebt. So sind es, wie bei Sein und Nichts so auch die Jetzt und Hier, welche einerseits unmittelbar sind und andererseits gleichzeitig nicht (mehr) sind. Sie müssen also, eines wie das andere und zugleich jedes als die Negation des anderen, immer schon ineinander übergegangen sein und übergehen, sich ineinander aufgehoben haben und aufheben.

Hier also in der frühen Programmschrift Hegels, der Phänomenologie schon, wird m.E. deutlich, dass die dialektische Wahrheit von Zeit und Raum das Werden ist. Also gilt schon in der frühen Zeit Hegels (nicht erst in der Logik): Zeit und Raum sind Teil der absoluten Identität, für die ihrerseits gilt: Sie ist die Identität von Identität (unmittelbares Jetzt und Hier) und Nichtidentität (vergangenes Jetzt und Dort) und als solche pures Werden.

Das nun, was philosophisch absolute Identität, Werden ist, ist nach Hegel in der Religion Gott, ist psychologisch und im Zen das Wahre Selbst oder auch die Leere. Alle drei unterschiedlichen Ausdrücke bezeichnen und meinen ein und dasselbe, das pure Werden. Dieses Werden ist es, was als Grundstruktur allem Sein zugrunde liegt, worum sich alles dreht. Es ist das Eine, welches im Herzsutra ausgesprochen, bei Hegel gedacht und in der Religion geglaubt und gefeiert wird. Die Aufgabe des Menschen, der Bewusstsein hat, besteht damit darin, mit dem Werden eins zu werden. Dies geschieht spirituell durch Meditation, philosophisch durch Denken und religiös durch Glauben.

 

3. Der Weg der Erlösung im Christentum

Wie Zen und wie Hegel bemühen sich das Christentum und die christliche Theologie darum, unser In-der-Welt-Sein zu begreifen. Kein Geringerer als der denkmächtige Hegel, der einmal Stiftler war, in Tübingen Theologie studierte, ein Jesus-Buch schrieb und nach dem Wunsch der Mutter hätte Pfarrer werden sollen, stellt, wie wir gesehen haben, als Philosoph logisch dar, was der Text des Herzsutras als die Quintessenz des Zen ausspricht, dass das Sein, wie wir sahen, den Charakter des Werdens trägt und man mit diesem Werden denkerisch und praktisch ganz eins werden müsse, um zum Begreifen zu kommen. Und er sagt weiter, was nicht weniger überraschen mag, dass es im Christentum gleichermaßen um nichts anderes gehe, als sich nicht nur als Teil des Ganzen zu begreifen, sondern auch darum, mit dem Werden alles Lebendigen eins zu werden.

Dieses Einswerden werde im Christentum nur in anderer, eben in religiöser Sprache ausgedrückt, geglaubt und – wie in jeder Religion – im Ritual, im Kult gefeiert. Die eine Seite der Erlösung sei, dass die Erlösung, die durch Jesus Christus vollzogen wurde, geglaubt und gefeiert werde, die andere Seite sei, dass sich der Mensch das objektive Geschehen der Erlösung auch subjektiv aneignen müsse. Rilke sagt, dass er die Erlösung anzutreten habe, im Zen würde man sagen: realisieren müsse. Hegel führt aus: Gehe es im Christentum darum, „uns Gottes als unseres wahren und wesentlichen Selbsts bewusst“13 zu werden, drücke man dasselbe in philosophischem Sprachgebrauch so aus: Es gehe um die „Überwindung des Gegensatzes von Subjektivität und Objektivität14. Und diese geschieht, wie gesagt, im Zen durch Sitzen, in der Philosophie durch Denken, in der Religion im Kult. Als textliche Begründung führt Hegel an 1. Tim. 2,4: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Ergänzend wäre hinzuweisen auch auf einen Text wie 2. Kor. 5,20f: „Denn Gott versöhnte die Welt mit sich selber (nach Hegel: Objektivität), so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott (nach Hegel: Subjektivität).“

Wie, philosophisch gesprochen, Sein in Nichts und Nichts in Sein ineinander übergegangen sind und kontinuierlich ineinander übergehen und sich damit ins Werden hinein aufheben, so auch Erlösung (Objektivität) und sich der Erlösung teilhaftig zu machen (Subjektivität). Wie Zen den Gegensatz von Subjekt und Objekt durch Meditation, Philosophie den Gegensatz durch Denken überwindet, so das Christentum durch Glauben. Das Geschehen ist im Grunde das gleiche. Es geht um Erleuchtung, Werden, Erlösung.

So unterschiedlich die Begriffe sein mögen, auf den Begriff gebracht, geht es nach Hegel in den drei Bezeichnungen um dieselbe Sache, denselben Inhalt. Es geht um das, was das Leben des Menschen ausmacht: die Realisierung des In-der-Welt-Seins, ja die Realisierung des Lebens selbst. Ich füge nach unserer Exegese der „Kleinen Philosophie des Jetzt“ hinzu: in dem Raum und Zeit und Ewigkeit aufgehoben sind. Bei Hegel heißt aufgehoben aufgehoben in der dreifachen Bedeutung: beseitigt, hochgehoben und aufbewahrt. Beseitigt sind alle Gedanken, Vorstellungen, Bilder und damit alle Vorstellungen. – Vorstellungen sind für Hegel Verstellungen, die uns am Leben hindern. – Sie sind zweitens auf eine höhere Ebene gehoben, auf die Ebene nämlich des einen Lebens. Und sie sind aufbewahrt, d.h. gut platziert in dem einen, das wir Leben nennen. Alle Differenz ist aufgehoben, hineingehoben in die Unmittelbarkeit des sich im Menschen bewusst lebenden Lebens selbst als dem ewigen, puren Werden.

 

4. Angemessener Umgang mit der Natur

Weiß der Mensch noch nicht, wer er ist, ist es ihm noch nicht gelungen, sein In-der-Welt-Sein zu begreifen, ist er in der Kraft des Geistes noch nicht seiner selbst bewusst, damit Herr über sich selbst geworden, kann er nach Hegel auch nicht Herr über die Natur sein.15 Ein guter Herr im Umgang mit der Natur zu werden, nichts Vordringlicheres ist heute die menschliche Aufgabe. Nicht nur um unserer selbst willen, sondern wegen eines angemessenen Verhältnisses zur Natur als eigener Größe ist es also notwendig, unser In-der-Welt-Sein zu begreifen, Herr über uns selbst zu werden. Es ist heute keine Luxusaufgabe mehr, wie wir mehr und mehr merken, sondern die notwendige Lebens-, ja die Überlebensaufgabe.

Darum die Frage zum Schluss: Wie wird der Mensch Herr über sich selbst? Er wird es ganz sicher nicht auf dem Weg egoistischer Selbstoptimierung, auf dem Weg der Steigerung seines Geltungsbedürfnisses und seiner Profitgier. So zufriedenstellend ein gesundes Maß an Resonanz sein mag, für ebenso notwendig halte ich – in Corona-Zeiten zumal – freiwilliges Innehalten, Inversion, freiwillige Einkehr. Ich glaube, dass wir die überfällige Transformation nur schaffen, wenn wir innehalten, genauer hinschauen und erkennen, was nicht in Ordnung ist in der Welt, wie wir sie geschaffen haben, wenn wir also mehr nachdenken (Philosophie/Theologie) und mehr meditieren.

Wege einer notwendigen Veränderung

Philosophie/Theologie, Zen und Christentum bieten die aufgezeigten Wege an. Sie sind allesamt Wege, das kranke, ichsüchtige Ego zu überwinden. Das aber können uns weder ein Virologe, noch ein Impfschutz, nicht Politik und schon gar nicht ungezügelter, rein materieller Fortschritt im Sinne des „Weiter so“ abnehmen. Der Weg geht über „mehr, weniger, anders“.16 Mehr Einkehr, weniger Ego, ein anderer Umgang mit sich selbst. Letzteres hat den anderen Umgang mit der Welt, insbesondere der Natur, zur Folge. Da dies aber je nach Sinn und Geschmack, wie wir sahen: entweder Arbeit mit der Stille, Arbeit am Begriff oder Arbeit im Glauben ist, nehmen im selben Maße, in dem Abbau von Ego und Aufbau des Selbst geschehen, zu: Seelenfrieden, Menschlichkeit, damit aber sensiblerer, pfleglicher Umgang mit dem Ökosystem Natur. Die Profiteure der notwendigen Transformation werden neben uns sein: die Natur und eigentlich und letztlich das Leben selbst.

Ob wir „übergegangen“ ausrufen wie im Zen oder mit Hegel das Sein logisch-dialektisch zu Ende denken, oder die Erlösung antreten (Christentum), zählen tut letztlich die Realisierung des Lebens. Realisierung im doppelten Sinne des Wortes. Einmal: genau Wahrnehmen dessen, was ist, zum anderen: Verwirklichen dessen, was das Leben in der Kraft des Geistes aus sich selbst heraus schafft. Und das nicht nur individuell, sondern im Kollektiv, im intensiven Gespräch miteinander, welches es von Grund auf neu zu lernen gilt. Werden also nicht allein als Angelegenheit des Individuums, sondern als Sache des Kollektivs.

Hat Platon (428/427-348/347) das Sein nicht sehr früh als Werden erkannt, wenn er sagte: „Das Sein müssen wir vollständig verbannen … man darf weder den Ausdruck ‚etwas‘ noch ‚dies‘, noch ‚das da‘, noch ‚jenes‘, noch ein anderes Wort gebrauchen, was ein Ding als Feststehendes voraussetzt, sondern der Wirklichkeit gemäß darf man nur sprechen von ‚Werdendem‘ und ‚Gewirktem‘ und ‚Vergehendem‘ und ‚sich Änderndem‘.“ Andreas Gryphius (1616-1664) bringt mit seiner Hervorhebung des Augenblicks („Kleine Philosophie des Jetzt“) das eine Leben, über das hinaus es nichts Größeres gibt, poetisch so auf den Punkt: „Mein sind die Jahre nicht,/ die mir die Zeit genommen;/ mein sind die Jahre nicht,/ die etwa möchten kommen:/ der Augenblick ist mein,/ und nehm ich den in acht,/ so ist der mein,/ der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ Und Hölderlin dichtete: „Das ist der Himmel des Menschen: ‚Eins zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur‘, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden.“

 

Anmerkungen

1 So z.B. Frank Nopper, neuer Stuttgarter Oberbürgermeister, in seinem Anschreiben an die Stuttgarterinnen und Stuttgarter.

2 Achtfältiger Pfad: 1. „rechtes Denken“, 8. „rechtes Sichversenken“.

3 G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, suhrkamp Taschenbuch 8, 351.

4 G.W.F. Hegel, Jenaer Manuskripte, Am Rande, 215.

5 A. Camus in seinem Romanerstling „Der frühe Tod“.

6 Dogen, Anhang 2, Fukan zazengi, Allgemeine Richtlinien für Zazen, in: Shobogenzo, Bd. I, 311-313, Kristkeiz Verlag.

7 Das Herzsutra, wie die Vier edlen Wahrheiten und der Achtfältige Pfad, ein Grundtext des Buddhismus, leicht auffindbar. Der zitierte Satz ist der letzte Satz dieses Grundtextes.

8 G.W.F. Hegel, WdL 8 („Große Logik“), 83 und Enzyklopädie §84, S. 181, §161, S. 308, §240, S. 391.

9 G.W.F. Hegel, WdL, 111.

10 Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen Systems der Philosophie, in: G.W.F. Hegel, Jenaer Schriften, suhkamp TB 2, 96.

11 Enzyklopädie, 87-91.

12 G.W.F. Hegel, Phänomenologie 8, 88/89.

13 G.W.F. Hegel, Enzyklopädie §194, Das Objekt, 351.

14 Ebd.

15 G.W.F. Hegel, Jenaer Manuskripte, Am Rande, 215.

16 Leitbild der Katholischen Bildungswerke in Baden-Württemberg.

 

Über die Autorin / den Autor:

Studienleiter Pfarrer i.R. Dr. Karlheinz Bartel, Jahrgang 1951, Studium in Basel, Tübingen und Heidelberg, 1987 Promotion bei Jürgen Moltmann in Tübingen über Gustav Werners Denken und Wirken, 1984-2007 Pfarrer an der Stadtkirche in Stuttgart-Bad Cannstatt, 2007-2016 Leiter des "treffpunkt 50plus" in Stuttgart (Landeskirchliche Sonderpfarrstelle bei der Evang. Akademie Bad Boll).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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