Das Phänomen eines „déjà vu“-Erlebnisses ist weit verbreitet. Doch was genau geschieht da? Der Philosoph Walter Benjamin hat sich intensiv mit eigenen Erlebnissen des „déjà vu“ auseinandergesetzt. Der Psychotherapeut Rüdiger Lorenz findet darin wiederum Übereinstimmungen zu Berichten seiner Patientinnen und Patienten und spürt dem Phänomen weiter nach, was nicht nur in seelsorgerlicher Perspektive spannend ist.*

 

Man hat das déjà vu oft beschrieben“. So leitet Walter Benjamin die Miniatur „Eine Todesnachricht“ in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ ein. In diesem Essay will ich herausarbeiten, welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede zwischen dem déjà vu, von dem Walter Benjamin redet, und dem, welches Menschen mit manchen Ausgestaltungen der Epilepsie oder Migräne Zuhörenden mitzuteilen versuchen, bestehen. Bald aber stellte sich heraus, dass Walter Benjamin eine Migräne aus eigenem Erleben kannte. So schreibt er am 31.5.1935 an Theodor Adorno: „Heftige Migräneanfälle halten mir oft genug meine prekäre Daseinsart gegenwärtig“. Dass er auch ein Migräne-déjà vu kannte, ist zweifelsfrei der Miniatur „Der Mond“ zu entnehmen: Unruhig schlafend steht der kleine Walter nachts auf, gießt Wasser aus einer Karaffe in ein Glas und erlebt ein „Echo … Das Glucksen des Wassers, das Geräusch, mit dem ich erst die Karaffe, dann das Wasser abstellte – alles schlug an mein Ohr als Wiederholung. Denn alle Stellen jener Nebenerde, auf welche ich entrückt war, schien das Einst bereits besetzt zu halten. … Trat ich dann ans Bett, so war es immer mit der Angst, mich selbst darin schon ausgestreckt zu finden“. Das Zeiterleben ist durcheinander: Die Gegenwart wird sowohl von der Vergangenheit als auch der Zukunft „besetzt gehalten“. Es ist also von nun an anzunehmen, dass beide, Walter Benjamin und meine Patient*innen, zumindest auch über das Gleiche reden.

 

Eine kindliche Ahnung

In „Eine Todesnachricht“ ist schon im Augenblick einer Erfahrung eine Ahnung vorhanden, dass diese einer Ergänzung bedürfe. Die Ergänzung dessen, was der Vater hier dem etwa fünfjährigen Walter bei der abendlichen Verabschiedung „halb gegen seinen Willen“ mitteilt, nämlich dass ein Vetter gestorben sei, ist, dass dieser an einer Syphilis starb. Es heißt: „Von der Erzählung nahm ich nicht viel auf. Wohl aber habe ich an diesem Abend mein Zimmer und mein Bett mir eingeprägt wie man sich einen Ort genauer merkt, von dem man ahnt, man werde eines Tages etwas Vergessenes von dort holen müssen“.

Warum ist das so wichtig? Jean-Michel Palmier sieht einen Zusammenhang mit der Faszination, die Prostituierte auf Walter Benjamin schon in der Kindheit ausüben. Davon ist in den Miniaturen „Erwachen des Sexus“ und „Tiergarten“ die Rede. Diese Sicht aber ist zu ergänzen: Es handelt sich um eine Todesnachricht. Benjamin sieht also Sexus und Tod nebeneinander. Es geht um ein Vergessen – dass der Vater etwas nicht sagt – und die Ahnung des Kindes, dass die Mitteilung unvollständig sei. Vergessen und Ahnung werden mit ihrem Ort verwoben.

Dieter Janz berichtet von dem Erleben einer Patientin im dreamy state (wir dürfen in unserem Zusammenhang hier und im Folgenden mit gutem Grund dreamy state und déjà vu gleich setzen): Sie sieht das Haus ihrer Tante vor sich, kann es aber nicht beschreiben. Wie die Exploration ergab, hatte sie das Haus nie gesehen, und es war die Tante schon vor der Geburt der Patientin gestorben. Während ihres Erlebens habe sie „eine anheimelnde Vorstellung wie aus guter alter Zeit“. Diese Empfindung habe sie schon einmal gehabt, als man ihr von ihrer Tante erzählt habe. Es sind hier ein Ort und eine Vorstellung verwoben.

 

Vergessen als „abgebrochener Willensakt“

In der Miniatur „vergaß“ der Vater etwas zu sagen. Walter Benjamin hat seinen Vorsatz, über das Vergessen zu schreiben, nicht verwirklicht. Über ein gemeinsames Nachdenken mit Benjamin über das Vergessen und dessen Bedeutung für das déjà vu aber schreibt Ernst Bloch in seinem Aufsatz „Bilder des déjà vu“. Ausgangsort des Nachdenkens ist das Märchen „Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck. Der Inhalt des Märchens soll hier lediglich auf den Fokus des Vergessens und des déjà vu beschränkt wiedergegeben werden. Da bricht eine Jugendliche „für immer aus einem Raum“ auf, sie verlässt heimlich ihre Pflegemutter, die Mütterliches und Hexenhaftes in sich vereint. Einen geliebten Hund nimmt sie nicht mit, obwohl der sie „mit bittenden Augen ansieht“, wohl aber in einem Käfig einen Vogel, dem sie jedoch auf ihrem weiteren Wege den Hals zudrückt, weil sie sein Lied von späterer Reue nicht aushält.

So muss der Aufbruch misslingen, denn es bleibt die Jugendliche mit dem Vergessenen am Ort des Aufbruchs zurück. Das Vergessen mag das „eines Gegenstandes in einem Raum, der für immer verlassen wird, ein Nicht-Besorgthaben, ein Unterlassen eines Tuns, ein abgebrochener Willensakt“ sein. Darin, dass die Jugendliche das Lied des Vogels nicht aushält, liegt insofern, als sie so einen wesentlichen Aspekt ihrer Handlung ausblendet, eine Unvollständigkeit ihres Tuns. Später, die Jugendliche ist nun verheiratete Frau, spricht sie oft – ein Wiederkehren – mit ihrem Mann von ihrer Kindheit. Bei all diesen Gelegenheiten und einmal, als sie ihrem Mann und dessen zu Besuch weilendem Freund ihre Geschichte und in ihr die erwähnte Episode offenlegen will, zeigt sich, dass sie den Namen des Hundes vergessen hat. Da aber spricht der Freund diesen Namen, den er eigentlich gar nicht wissen konnte, fast beiläufig aus. Im déjà vu, das er erlebt, erscheint die Jugendliche „an der alten Stelle, die sie gar nicht verlassen hat“. Und ihr Mann hört, so der Schlusssatz des Märchens, „den Hund bellen und den Vogel sein Lied wiederholen“. Dass es sich dabei um ein „déjà vu des anderen“ handelt, bleibe hier unberücksichtigt.

 

Vergessen und Erinnern – Verlieren und Wiederfinden

Ein weiterer Hinweis auf ein Vergessen im Sinne eines Zurücklassens findet sich in Walter Benjamins „Entwürfe und Aufzeichnungen zur Berliner Chronik“: „Meine Neigung, bei den Huren etwas liegen zu lassen“. Ich interpretiere das als Ausdruck einer Selbstvergessenheit in der Prostitution.

Die Bedeutung des Ortes/der Situation für das Erinnern einer Stimmung wird kurz und bündig auch in der „Versfassung zur Berliner Chronik“ formuliert: „Die vierte aber begegnete mir noch in der Gestalt des Zimmers, das sie hinterlassen hatte“. Und im Entwurf zur „Berliner Chronik“ ist von vergessenen Räumen – hier werden also Vergessen und Ort zusammengeführt – die Rede, von denen mangels Lichtes nicht ein Bild „auf der Platte des Erinnerns erscheint, bis dieses eines Tages aus fremder Quelle wie aus entzündetem Magnesiumpulver aufschießt und nun im Bild einer Momentaufnahme den Raum auf die Platte bannt. Im Mittelpunkte dieser kostbaren (dieses Wort aber streicht Walter Benjamin – R.L.) Bilder und somit des Raumes stehen wir selbst“ – als von uns Gesehene und als Sehende.

Das seien „Augenblicke des Außer-uns-Seins“. Ernst Bloch stellt dieses Erleben dem „gerade gelebten Augenblick“ gegenüber. Den „können wir nicht sehen, weder das Ich, das ihn lebt, noch den unmittelbaren Inhalt, der jeweils gelebt wird“. Auch für Walter Benjamin ist das Ich, das im déjà vu erscheint, nicht ,,wie unser waches, gewohntes taggerecht handelnd oder leidend ins Geschehen gemischt“.

 

Mit welchen Augen sehe ich mich selbst?

Hanna Gekle schreibt, es gebe schon im Kinde, das bei Erblicken seines Spiegelbildes juble, ein „dunkles Wissen um den Mangel“, der darin bestehe, dass „die Einheitlichkeit und Ganzheit eines Selbstbildes“ fehle. Dieser Aspekt findet sich auch im „Fragment 46“ Walter Benjamins: „Sehr bedeutsam ist es, dass uns der eigene Leib in so vieler Beziehung unzugänglich: wir können unser Gesicht, unsern Rücken nicht sehen, unsern ganzen Kopf nicht, also den vornehmsten Teil des Leibes … Daher die Notwendigkeit, dass im Augenblick der reinen Wahrnehmung unser Leib sich uns verwandle …“.

Zu sehen, auch sich selbst, und gesehen zu werden sind Motive des déjà vu. In der Miniatur „Das bucklicht Männlein“ geht es genau darum. Am Tage blickt das Kind durch Lichtschachte „ins Unterirdische“, in die Souterrains. Und dann: „Die nächste Nacht drehte den Spieß zuweilen um und im Traume zielten Blicke, die mich dingfest machten, aus solchen Kellerlöchern. Gnomen mit spitzen Mützen warfen sie“.

Eine jugendliche Patientin F., die eine Migräne hat, erzählte mir von ihren „Träumen wie ein Film“, in denen es fraglich sei, „aus welchen Augen“ sie sehe. So ist es möglich, dass sie sich selber sieht. Um sich verorten zu können, versuche sie eine Distanz zu sich herzustellen.

 

déjà vu“ – das Nebeneinander zweier Situationen

Walter Benjamin fragt in „Eine Todesnachricht“, ob die Bezeichnung déjà vu „glücklich“ sei und ob man nicht von „Begebenheiten, welche uns betreffen wie ein Echo, von dem der Hall, der es erweckte, irgendwann im Dunkel des verflossenen Lebens ergangen zu sein scheint“ reden solle. Dass auch er es hier schwer mit dem Verstehen hatte, lese ich aus der Unsicherheit, in der er das Wort „scheint“ streicht und durch das Wort „ist“ ersetzt. Ähnliches finden wir bei Dieter Janz, der von der „Unschlüssigkeit“ redet, ob es sich beim déjà vu „wirklich um ein Bild, eine Vorstellung, eine Erinnerung oder gar um einen Klang … oder um einen Gedanken“ handele. Ein jugendlicher Patient V. erlebte für einige Tage einen Begleiter, den er eher in einem „Fühlen-Sehen“ als in einem „richtigen Sehen“ wahrnahm.

In einer Niederschrift zu „Vom Glauben an die Dinge, die man uns weissagt“ ist zu lesen, das déjà vu „sei im Tiefsten etwas anderes … als die intellektuelle Erkenntnis, es sei die neue Situation die gleiche wie die alte. Näher würde schon kommen: im Grunde die alte. Aber auch das ist irrig. Denn die Situation … hat sich uns übergestülpt; wir haben uns in sie gehüllt“. Ich stolpere: Wer ist der Akteur – die Situation, die sich überstülpt, oder der, der sich einhüllt?

Vielleicht können wir das déjà vu als Zurücktreten einer gegenwärtigen Situation zugunsten des Hinzutretens einer vergangenen betrachten. Es bedeutete dann das Erleben des Nebeneinanders zweier Situationen. Die hinzugetretene brächte eine Stimmung mit sich, die sich auf beide Situationen legt.

Als ich Kind war – ich mag etwas älter als zehn Jahre gewesen sein – schenkten mir meine Eltern eine Ausgabe der Sagen der Gebrüder Grimm. Als das Buch einmal geöffnet auf meinem Tisch lag, hantierte ich dort mit UHU, dem Alleskleber. Ein Tropfen fiel auf das Buch. Zu schnell klappte ich es zu, und zwei Seiten klebten aneinander. Bei dem Versuch, sie mit einem Messer zu trennen, wurde ein Satz unlesbar. Ich wollte wissen, wie der Satz heiße, schrieb an den Verlag und erhielt die Antwort: „Die Goten erwägten, es sei barmherziger, ihre Kinder durch Verkauf zu erhalten als durch Behalten zu töten“. Dieser Satz prägte sich mir wörtlich über Jahrzehnte ein, dies, wie sich vor einigen Jahren herausstellte, sogar richtig. Und es prägte sich mir auch bildlich der Ort ein, ob mit mir in ihm, bleibt merkwürdigerweise in der Schwebe. Jahrzehnte später begab ich mich auf die Suche nach der unklaren Abkunft meiner Mutter. Ich erfuhr, dass ihre Mutter sie im Alter von einigen Monaten für immer in fremde Hände gegeben hatte, weil sie in einer Armut lebte, die das Überleben ihres Kindes gefährdet hätte.

 

Wenn sich die geschlossenen Läden des Vergangenen öffnen …

In beiden Erlebnissen, dem Walter Benjamins und dem eigenen, drängt gegen Widerstände eine Ahnung unterschiedlicher Bewusstheit ans Licht, die eine Klärung notwendig macht. Ahnung und Ort erscheinen in beiden Erlebnissen verwoben. In diesem Verständnis bedeuten beide ein déjà vu. Gegensätzliches tritt uns in Eros und Tod und Geheimnisvolles in einer rätselhaften Übereinstimmung entgegen: Warum wird gerade der Satz unlesbar, der mit dem Schicksal meiner Mutter in so verblüffender Weise verwoben ist?

Meine eigene Erfahrung macht auch deutlich, wovon Walter Benjamin in „Einbahnstaße – Madame Ariane zweiter Hof links“ redet: Es „zeigt Erinnerung im Buch des Lebens jedem eine Schrift, die unsichtbar, als Prophetie, den Text glossierte“.

Dort, wohin uns Walter Benjamin in „Berliner Kindheit“ mitnimmt, erschließt sich dem Kind eine Welt, die sich entpuppen und auf die später der Erwachsene zurückblicken wird. Dem angemessen ist das Motiv des Verschlossenen in den Miniaturen: so des Schrankes in „Knabenbücher“, so der „geschlossenen Laden des Elisabeth-Krankenhauses“ in „Unglücksfälle und Verbrechen“. Vergessenes ist auch Verschlossenes.

Um eine Entpuppung geht es auch in der Betrachtung, die sich in „Kleine Geschichte der Photographie“ findet: Der Beschauer des Fotos, das Karl Dauthendey mit seiner Braut Anna Olschwang zeigt, heißt es da, „fühlt den Zwang, im Sosein jener längstvergangenen Minute das Künftige zu suchen und rückblickend zu entdecken“. Anna wurde nach der Geburt ihres sechsten Kindes mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden. Es zeigt sich im Rückblick eine Vorausschau und es geht um das Gegensatzpaar Tod und Hochzeit.

 

Heimweh nach der Kindheit

Im Rückblick auf das Jahr 1932 schreibt Walter Benjamin 1938 im Vorwort der „Berliner Kindheit: „als ich im Ausland war rief ich die Bilder, die im Exil das Heimweh am stärksten zu wecken pflegen – die der Kindheit – mit Absicht in mir hervor“. Merkwürdigerweise erwähnt er in „Eine Todesnachricht“ in dieser Fassung des Pariser Typoskripts nicht mehr das déjà vu. Der Text verarmt und macht so auch die Verarmung seines Autors deutlich. Benjamin ist der „verarmte, verödete Mensch“ geworden, dem ein Umhülltsein abhandengekommen ist.

Um Bilder der Kindheit geht es auch bei der jungen Frau O., die mit großen Hoffnungen aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war. Diese aber hatten sich teilweise zerschlagen. Es seien Träume aufgetreten, da wisse sie nicht, ob sie wach sei oder schlafe: „Ich wollte wach werden und konnte es nicht … wahrscheinlich war ich auch wach“. In diesen Träumen sehe sie die Eltern jung. „Wir waren alle zusammen in der Küche … ich fühle mich seelisch ganz gut in den Anfällen … ich fühle mich richtig da“. Sie sehe die Türgriffe des Hauses in Kasachstan, die sie geliebt habe und die die Mutter weggenommen habe, ohne ihr einen aufzuheben. Von dem „Glücksgefühl“, das mit diesem Anblick verbunden ist, sagt sie: ,,Es ist immer Vergangenheit. Früher habe ich es extra machen können, nun kommt es ganz leicht von alleine“. Bereits in dem Glücksgefühl habe sie ein Wissen, es werde ihr gleich schlecht gehen. Einmal mündete das Gefühl in einen großen Krampfanfall. Bereits in den Zeiten, in denen es ihr scheint, sie könne das Glücksgefühl durch willentliche Vorstellung hervorrufen, ist da ein Nachgefühl – „ungefähr vom Magen zu den Augen aufsteigend und es wird mir übel“.

Die Türgriffe, die Küche sind mit Heimat und Glück verwoben. Ist das Verweben „extra gemacht“ oder ist das eine Illusion und es geschieht der Frau? Da ist wieder die Frage der Umhüllung: Stülpt die sich der Frau über oder hüllt die Frau sich in sie? Hier vermute ich ersteres. Auf jeden Fall zeigt sich, wie hilfreich die Begriffe des Verwebens, des Überstülpens, des Umhüllens, die wir Benjamin verdanken, im Kontext des déjà vu sind. Und: sind nicht die Türgriffe ein ähnlicher Ort wie Schränke oder Läden, indem sie mit Verschlossenem zu tun haben?

 

Das Bemühen um Enträtselung

Auch das Motiv des Bemühens um Enträtselung finden wir im epileptischen dreamy state, aber diese gelingt nicht, denn, so Dieter Janz, „gerade in dem Augenblick, in dem das Rätsel gelöst … werden soll, setzt der große Anfall ein und das Bewusstsein aus“. Dass es bei dieser Enträtselung zumindest gelegentlich um Vergessenes gehen mag, legt die folgende Geschichte nahe, die der Epileptologe John Hughlinks Jackson 1888 publizierte und die Janz zitiert: Es handelt sich um die Eigenbeobachtung eines Arztes Z. Dieser wurde von einer „sehr lebhaften und unerwarteten Erinnerung (recollection) befallen“. Nachts wachte er auf „mit dem Eindruck, dass es mir gelungen war, etwas zu erinnern, das ich zu erinnern wünschte; aber ich war zu schläfrig, um es mir zu merken und hatte am Morgen keine genaue Vorstellung davon“.

Mündlich berichtete Janz von einer Patientin X, deren dreamy state immer wieder durch dieselbe Kirmesmusik eingeleitet wurde. Sie war auf einer Kirmes vergewaltigt worden, während diese Musik gespielt wurde. Dieser scheinbar auf der Hand liegende Zusammenhang konnte ihr erst im Verlauf der Behandlung bewusst werden. Jacques Lacan folgend sehe ich folgende Erklärung: Auch wenn die Musik als Ort/Situation im oben beschriebenen Sinne betrachtet werden kann, steht der Affekt der Vergewaltigung als ein „von der Öffnung zum Sein verworfener … ausgestoßener“ einem Verweben nicht zur Verfügung. Für Lacan ist das déjà vu „imaginäres Echo“ im Grenzbereich der Verwerfung. In der Geschichte der Patientin ist der Grenzbereich die Kirmesmusik.

Ich vermute, dass das, was als déjà vu in den Geschichten der Patient*innen erscheint, insofern auf einem Kontinuum angesiedelt ist, als es manchmal offensichtlich und manchmal in schwer zu entschlüsselnder Weise mit deren Biographie verknüpft ist, manchmal mag es auch unabhängig von ihr sein. Zumindest in der Geschichte der Patientin O. ist die Verknüpfung offensichtlich. In der des Patienten V. ist eine seiner Geburt folgende Mehrlingsgeburt bemerkenswert. Die Patientin F. gibt auf die Frage, ob sie in ihrem Erleben eher ein Spiel von Neuronen oder Zusammenhänge mit ihrer Biographie sehe, die folgende Antwort: „Ich würde zu dem Spiel von Neuronen tendieren“. Gleich im nächsten Satz aber räumt sie ein: „dass man sich wohl nicht an alle Erfahrungen bewusst erinnert, sie aber unbewusst eine Rolle spielen“.

 

Schwer zu beschreibende Zustände zwischen Traum und Wachen

Walter Benjamin war, wie Gershom Scholem schreibt, vom „Spektrum der Zustände zwischen Traum und Wachen und der Welt des Traumes selber fasziniert und hatte einen Hang zur imaginativen Welt der Assoziationen“. Nicht immer mögen seine Träume angenehm gewesen sein, sagt er doch „fast flüsternd“ dem Freunde, er habe ähnliches dem, was er bei Alfred Kubin finde, im Traum erlebt. Das, was dort zu finden ist, sei hier durch das, was Ernst Bloch in seinem Aufsatz „Eine Zeichnung Kubins“ schreibt, charakterisiert: „Man sieht darin manches wieder, was das Kind geängstigt hat. Im dunklen oft darin ist einer, mehr ein Etwas und schlürft, haucht, knistert“. Menschen mit einer Migräne haben gelegentlich sehr spezielle „Traumgesichte“.

Dass sie nicht beschreiben könnten, was sie im déjà vu erleben, sagen fast alle Patient*innen. Häufig – und dies finden wir auch bei Benjamin – scheint es eher möglich zu sein zu sagen, wie dieses Erleben nicht ist. Die Unbeschreibbarkeit findet in einem Mäandern der Beschreibungsversuche der Patient*innen bis hin zu deren Abbruch ihren Ausdruck. So weisen, wie ich glaube, auch die vielen Umformulierungen und Streichungen Benjamins, wie sie in den textkritischen Ausgaben sichtbar werden – manche Umständlichkeit, manche Schwerverständlichkeit, manches, das ein Kippbild auslöst – auf eine Erfahrung des Unbeschreibbaren hin.

In „Über Haschisch“ findet sich der schöne Satz: „Ich möchte schreiben etwas, das so aus Sachen kommt wie Wein aus Trauben“. Die Einheit von Wort und Wesen ist für Benjamin verloren gegangen mit der Vertreibung aus dem Paradies. Vor dem Verlust des Paradieses bedeutete die Sprache (Singular), wie Gerhard von Rad schreibt, „Erkenntnis und Artikulation der Dinge“ und diente nicht wie nach ihm die Sprachen (Plural) ,,dem menschlichen Mitteilungsbedürfnis“.

Von Martin Buber angefragt, ob er an der Zeitschrift „Der Jude“ mitarbeiten wolle, antwortet Benjamin im Juli 1916 auf das „ehrende Anerbieten“ mit einem Hinweis auf die Schwierigkeit, dass die „sachliche Schreibart“ einer Zeitschrift mit einer „Elimination des Unsagbaren“ verbunden sei und dass ihr „die ganz andere Magie“ verschlossen bleibe. Er unterscheidet die Sprache dieser Schreibart von der der Dichter und Propheten.

Walter Benjamin denkt über die Grenzen der Sprache nach – und die Patientin F. studiert mittlerweile Linguistik. Die Teilnehmer der Haschisch-Experimente protokollierten ihre Sprachäußerungen: vielleicht könnte unter den Bedingungen des Rausches wenigstens etwas von der verlorenen Einheit von Wort und Wesen wieder hergestellt werden.

Ich empfinde etwas von dieser anderen Sprache in zwei Gedichten Friedrich Hölderlins, „Hälfte des Lebens“ und „Die Kürze“, und in dem Gedicht „Not“ von Annette von Droste-Hülshoff. Ein biblisches Beispiel ist mir der Anfang des 137. Psalms mit seinem Bild der Harfen, die im Exil in die Weiden gehängt sind. Es handelt sich um eine Sprache, die wirkmächtige Bilder vor Augen stellt oder eine zu Herzen gehende Melodie hat. Möglicherweise kommen Kinder dem näher zu artikulieren, was sie im dreamy state erleben. Ein Mädchen im Kindergartenalter fand dafür die Worte: „Die Kraft kommt“.

 

déjà vu“ – eine Art Offenbarwerden?

Was ergibt nun der Vergleich des déjà vu, über das Walter Benjamin schreibt, mit dem, das Patient*innen mitzuteilen versuchen? Das déjà vu, von dem wir in „Eine Todesnachricht“ lesen, scheint doch dem der Patient*innen recht fremd zu sein, wenn wir von der Gemeinsamkeit des Verwebens und der Schwierigkeit, die Modalität der Wahrnehmung zu benennen, absehen. Und: das déjà vu, von dem in dem Gespräch Walter Benjamins mit Ernst Bloch die Rede ist, zeichnet sich offensichtlich nicht durch jene Unbeschreibbarkeit aus, die bei dem déjà vu der Patient*innen so charakteristisch erscheint, dass sie als diagnostisch wichtiges Kriterium gewertet wird.

Die Inhalte seines déjà vu verbirgt Benjamin. Nur flüsternd macht er dem Freund Gershom Sholem eine Andeutung. Die Bilder, die im „Augenblick des Außer-uns-Seins“ auftauchen, sind „kostbar“ und bedeuten „reine Wahrnehmung“. Gehe ich zu weit, darin ein Offenbarwerden, gar eine Offenbarung zu finden? Dann aber ginge es auch hier um Verlorengegangenes und um noch nicht Bewusstes. Sind sich das déjà vu Walter Benjamins und das der Patient*innen vielleicht näher als es zunächst den Anschein hatte?

Es ist die gesamte „Berliner Kindheit“ von einem Offenbarwerden durchzogen, hat also etwas von einem so verstandenen déjà vu. Im Vorwort heißt es dort: „In diesen (Bildern – R.L.) wenigstens, hoffe ich, ist es wohl zu merken, wie sehr der, von dem hier die Rede ist, später der Geborgenheit entriet, die seiner Kindheit beschieden gewesen war“.

 

Zur Struktur des „déjà vu“

Wenn aber auch über die Inhalte dieses déjà vu nicht geredet werden kann, gibt uns Benjamin Auskunft über dessen Strukturen. Das wurde mir in einem Traum deutlich, in dem ich mich mit ihm im Gießener Theater befand. Die Bühnen waren nicht bespielt, nur auf einer probte eine Band eine etwas düstere Musik. Dafür aber lag der Einblick in die Mechanik einer der Bühnen offen. Im „Fragment 127“ stellt Walter Benjamin das Herrschen einer „Essenz“ einer Geltung von „Gerüst, Armatur und Aufbau“ in der Literatur gegenüber.

Vielleicht hilft das Kulturkonzept der Semiosphäre von Jurij Lotman dem déjà vu näher zu kommen. Lotman versteht unter Semiosphäre einen Raum gleicher Semiotik. In einem solchen gebe es nicht nur im Kernbereich „Mechanismen zur Beseitigung von Entropie“, sondern in der Peripherie auch „Zufallsprozesse und Unbestimmtheit“. Unbestimmtheit werde, so stellt Lotman mit Verweis auf Michail Bachtin fest, modelliert, wenn ein ,,kodierendes Gebilde Texte, die Antonyme als Synonyme betrachten“, konstituiere. Dem Kernbereich entsprächen in Benjaminscher Terminologie das „Erleben des hellen Tages“, der Peripherie die „Traumgesichte“. Der Grenzbereich zu einer anderen Semiosphäre habe neben der Funktion der Trennung die der „Filtration und Übersetzung“. Das déjà vu spielt sich im Grenzbereich von Traum und Wachsein ab. Es ist uns die Grenze auch in der Deutung der Geschichte der Patientin X begegnet.

Eine Urgroßtante der Patientin F. lebte in der alternativen Szene der 1920er Jahre in Berlin. Nachdem sie an der sprachlichen Darstellung ihrer „Traumgesichte“ gescheitert war, versuchte sie diese in Bildern darzustellen. In der Abbildung finden wir räumlich und dem Wesen nach diametral eine Hexe und ein ätherisches Wesen, vielleicht ein Hermaphrodit. Es erscheinen somit Synonym, Antonym und Unbestimmtheit. Auffällig sind die Augen der Eule und des Raubtieres. Sind das nicht die „Raubtieraugen, in die Leben gekommen ist“, von denen Walter Benjamin in seiner Baudelaire-Arbeit spricht? Gilt für sie nicht, was er an gleicher Stelle unter Hinweis auf Paul Valéry als im Traum gültig ansieht: „Die Dinge, die ich sehe, sehen mich ebensowohl wie ich sie sehe“?

So hat das déjà vu in der Migräne und Epilepsie etwas Starres und etwas Nichtstarres – es spielt sich in einem Grenzbereich höchst lebendig ab und es wiederholt sich in immer wiederkehrender Weise. Es kann erschrecken und es kann „amüsieren“, wie es eine Patientin bezeichnete.

 

Ein Päckchen aus der Vergangenheit öffnet sich wieder und wieder

In der „Berliner Kindheit“ blickt Walter Benjamin aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück, wie er auch in seinem „Engel der Geschichte“ melancholisch die Zukunft als eine vergangene erfährt und ihr gerade nicht zugewandt ist. Ein besonderes Erleben der Zeit bedeutet auch das déjà vu. Eine vergangene Situation „umhüllt“ in der Gegenwart, etwas Gegenwärtiges erscheint in „Der Mond“ als Wiederholung, was auch bedeutet, dass eine nahe Zukunft im Voraus erscheinen kann. Ernst Bloch bemerkt in jenem „überdehnten déjà vu“ feinsinnig ein „rezentes Damals“.

Bemerkenswert ist die Kindheitserinnerung, die Walter Benjamin in einem Brief an Theodor Adorno vom 7.5.1940 erwähnt, dass nämlich sein Bruder Georg, von Ausflügen mit den Eltern zurückgekehrt, zu sagen pflegte: ,,Da wären wir nun gewesen“. Darin mag ein Aspekt einer Abgeschlossenheit liegen so wie auch die in den Miniaturen auftauchenden Schränke und Läden abschließen. Dass Benjamin in dieser Kindheitserinnerung durchaus etwas Festschreibendes und damit etwas, das lebendiger Verwandlung entgegensteht, gesehen haben mag, erschließt sich aus dem Kontext. Übergangslos vor diesem Satz ist nämlich in ganz anderem Zusammenhang von einer „die Erfahrung zerstörenden Registrierung“ die Rede.

Wie, wenn wir solcherart Abgeschlossenes als Päckchen verstünden, das im déjà vu immer wieder geöffnet erscheint? Dann verstünden wir in ganz anderer Weise, warum das „Einprägen“ in „Eine Todesnachricht“ so wichtig erschien. Paradoxerweise erscheint im déjà vu etwas zwar aus der Zeit gefallen aber zugleich in höchster Gegenwärtigkeit – und damit auch „Kostbarkeit“. Ein „richtig da-Sein“ ist auch in der Geschichte meiner Patientin O. zu finden.

Die Beschäftigung mit Walter Benjamin hat mir gezeigt, dass es gute Gründe gibt, im déjà vu nach dem zu suchen, was in ihm offenbar werden könnte. Möge dieser Essay an Walter Benjamin erinnern, ihn würdigen und Leser*innen dazu anregen, selber in die „Berliner Kindheit“ einzutauchen.

 

Anmerkung

* Diese Fassung meines Essays ist gegenüber der ursprünglichen erheblich gekürzt. Wer an der ursprünglichen, die auch ein Literaturverzeichnis enthält, interessiert ist, kann diese gerne bei mir anfordern. Für geduldige Begleitung danke ich herzlich Julia Bernhard (Walter Benjamin Archiv, Berlin) und Werner Fuld und Gerhard Marcel Martin. Ganz besonders danke ich meinen Patient*innen, die mir auch noch in den Jahren meines Ruhestandes geholfen haben, wenigstens ansatzweise dem näher zu kommen, was sie erleben. – Meiner Frau Eva-Maria Lorenz widme ich diese Arbeit.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Rüdiger Lorenz, Jahrgang 1950, nach Medizinstudium in Gießen von 1979-1984 und Promotion dort Assistent an der Universitäts-Kinderklinik, anschließend bis 2013 als Arzt für Kinderheilkunde und Neuropädiater in eigener Praxis in Bad Wildungen tätig, nun wieder in Gießen lebend.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

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