Während des ersten Lockdown im Frühjahr 2020 wurde rasch klar, dass Kirche und Gesellschaft in einen geradezu historischen Ausnahmezustand geraten waren. Eineinhalb Jahre später herrscht im Grunde noch immer eine Situation vor, in der eine Reihe von ausgelösten Krisenphänomenen längst nicht überwunden ist. Welche Folgerungen zieht das pastorale Personal aus den Erfahrungen dieser Zeit – auch im Blick auf das eigene professionelle Rollen- und Selbstverständnis? Diese und andere Leitfragen wollen Ilona Nord und Thomas Schlag anhand zentraler Ergebnisse der CONTOC-Studie („Churches Online in Times of Corona“) diskutieren.

 

Der Lockdown als Anlass, die Digitalisierungsfrage zum Thema einer ersten breiten Erhebung zu machen

Die Auswirkungen der Pandemie betreffen viele Bereiche der Gesellschaft1 – und dies teilweise massiv stärker als es für die Kirchen der Fall zu sein scheint. Nichtsdestotrotz hat insbesondere das im März 2020 erfolgte Gottesdienstverbot die Gesamtkonstellation kirchlicher Praxis in einer Weise herausgefordert und in Hinsicht auf deren digitale Angebotsformate wohl auch langfristig verändert, wie dies bis dato schlechterdings nicht vorstellbar war. Insofern legte es sich nahe, diesen Veränderungen und Herausforderungen genauer nachzugehen.

Die Leitfragen einer ersten breiten empirischen Erhebung lauteten: Ist während der ersten Corona-Pandemie durch die erstmals in größerem Stil digital erprobten Formate aus Sicht von Pfarrerinnen und Pfarrern ein Wandel in der Bedeutung gottesdienstlichen und verkündigenden Handelns eingetreten ist. Welche Folgerungen zieht das pastorale Personal aus den Erfahrungen dieser Zeit –auch im Blick auf das eigene professionelle Rollen- und Selbstverständnis? Ist damit zu rechnen, dass diese Erfahrungen und Einschätzungen die pastorale Praxis nachhaltig beeinflussen und digitale Formate zum „new normal“ werden? Und was gilt es dann für einen solchen Transformationsprozess aus praktisch-theologischer Perspektive zu bedenken?

Diese Leitfragen sollen im Folgenden anhand zentraler Ergebnisse der CONTOC-Studie („Churches Online in Times of Corona“), insbesondere der deutschen und schweizerischen Ergebnisse, beleuchtet und ekklesiologisch bedacht werden.

Churches Online in Times of Corona“

Bei der CONTOC-Studie handelt es sich um eine internationale und ökumenische Erhebung insbesondere digitaler kirchlicher Angebote unter den Bedingungen der pandemiebedingten Kontakt- und Versammlungsbeschränkungen, bezogen auf die erste Welle im Frühjahr und Frühsommer 2020. Die CONTOC-Studie wurde von den Lehrstühlen für Praktische Theologie und Religionspädagogik an den Universitäten Zürich, Würzburg und St. Georgen, vom Schweizerischen Pastoraltheologischen Institut St. Gallen (SPI) sowie dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD (SI) initiiert und gemeinsam mit akademischen und kirchlichen Kolleg*innen aus insgesamt 17 Ländern durchgeführt.

Im Rückblick auf die Zeit von Ostern bis Pfingsten 2020 gaben die Teilnehmenden Auskunft über ihre Erfahrungen und Einsichten im Blick auf die Handlungsfelder Gottesdienst, Seelsorge, Bildung, Diakonie und kirchliche Kommunikation. Zudem konnten sie Einschätzungen in Hinsicht auf die eigene pastorale Rolle sowie die möglichen längerfristigen Folgewirkungen digitaler kirchlicher Praxis vornehmen. Damit verbindet sich die weitergehende Frage, welche möglichen Auswirkungen sich daraus für die kirchlichen Angebotsstrukturen sowohl im Bereich gemeindlicher Arbeit wie auch im Bereich kirchlicher Aus- und Weiterbildung ergeben.

An der überwiegend quantitativ ausgerichteten Online-Umfrage (mit rund 50 quantitativen und weiteren fünf offenen Fragen) nahmen im Befragungszeitraum von Ende Mai bis Mitte Juli 2020 insgesamt knapp 6500 Pfarrerinnen und Pfarrer teil, davon rund 5000 aus dem Bereich der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Schon bei der Konzeption der Studie war uns als Verantwortlichen bewusst, dass die Schwerpunktsetzung und Konzentration der Befragung auf Pfarrpersonen der Darstellung der Gemeindearbeit, die de facto multiprofessionell verantwortet wird, kaum gerecht wird. Insbesondere Kirchenmusiker*innen und Gemeindepädagog*innen, die aus unterschiedlichen Gründen bereits vor dem Lockdown intensive Erfahrungen mit digitalen Kommunikationsformaten innerhalb der Gemeindearbeit gemacht haben, wurden so nicht aus erster Hand befragt. Gleichwohl liefern die – im Folgenden auf den Bereich der evangelischen Pfarrpersonen in Deutschland und der Schweiz fokussierten – Ergebnisse wichtige Einblicke in die Gemeindepraxis.

Ausführliche Ergebnisse und Interpretationen der CONTOC-Studie zu der Befragung in den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Ergebnisse zu den weiteren international beteiligten Ländern werden im Frühjahr 2022 publiziert.2

 

Erfahrungen

Deutlich wird in den Antworten der beteiligten Pfarrpersonen, dass vor dem Versammlungsverbot fast 95% der an der Studie Teilnehmenden keine eigenen digitalen Gottesdienstformate angeboten hatten. M.a.W. haben sich viele Pfarrpersonen in Deutschland und der Schweiz für ihr gottesdienstliches Handeln erstmals auf diese technische Option eingelassen: Rund 50% derer, die digitale Gottesdienstformate angeboten haben, führten dies einmal pro Woche durch. Unter den verschiedenen Formen wurden „Wortgottesdienst/Wort-Gottes-Feier/Predigtgottesdienst“ von 59% der schweizerischen und 47% der deutschen Pfarrpersonen, und „Andacht/geistlicher Impuls/alternative Form“ von 59% der schweizerischen und 65% der deutschen Pfarrpersonen durchgeführt. Dies weist darauf hin, dass für viele der Anbietenden jedenfalls die „klassische Form“ des Sonntagsgottesdienstes nicht die einzige, ja wohl nicht einmal die prioritäre Form war. Hierfür stehen Argumentationsmuster wie: „Ich hoffe, dass das traditionelle Bild von ‚Kirche‘ sowohl institutionell als auch gemeindlich überdacht und an die digitalen und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst wird. Dazu gehört auch das Überdenken des klassischen Angebots (Gottesdienste etc.). Die digitalen Formen haben gezeigt, welches Potential in der Verkündigung liegt, wenn entsprechende Angebote und Kanäle gewählt werden.“ [AUS7 EKD-2: Zeile 478 bis 483]3

Digitale Abendmahlsfeiern?

Zu umstrittenen und dabei theologisch und kirchlich heftig diskutierten Fällen digitaler Gottesdienstformen wurden digitale Abendmahlsfeiern. Es ist dabei im Ländervergleich festzustellen, dass unter den Evangelischen der Befragten 14% der schweizerischen, hingegen nur 5% der deutschen Pfarrpersonen mit diesen experimentiert bzw. Erfahrungen gesammelt haben. Hier legen sich innerkonfessionelle Folgefragen nahe. Die Diskussion um das sog. digitale Abendmahl ist inzwischen weitergegangen.4 Dies zeigt, dass das Abendmahl, auch wenn es an vielen Orten im evangelischen Bereich nicht (mehr) selbstverständlich regelmäßig gefeiert wird, dennoch eine wichtige Bedeutung für das Pfarrpersonal hat. Es brechen offensichtlich tiefgreifende theologische Fragen bezüglich der Digitalisierung und ihrem Verhältnis zur christlichen Religionspraxis anhand dieses Sakraments auf.

Interessant ist das Ergebnis, dass bei rund 60% der Befragten „die digitalen Angebote mit einem Team gemeinsam entwickelt“ wurden. Diese Teams gehörten allerdings den jeweiligen Kirchengemeinden an. Denn übergemeindliche oder überkonfessionelle bzw. religionsplurale Kooperationsformen wurden während der ersten Monate der Pandemiezeit kaum praktiziert. Nur rund ein Drittel der Pfarrpersonen im Bereich der EKD und nur rund 20% in der evangelischen Schweiz gibt an, dass sie intensiv bzw. sehr intensiv gemeindeübergreifend kooperiert haben. Noch geringer fallen ökumenische oder interreligiöse Kooperationen aus.

Neue Chancen?

Im Blick auf die konkreten Erfahrungen mit digitaler gottesdienstlicher Praxis zeigt sich zum einen eine positive Wahrnehmung, zum anderen wird manchem Aspekt aber auch mit Zurückhaltung und Skepsis begegnet: So sind rund 70% der Pfarrpersonen in beiden Ländern „mit meinen Online-Gottesdienstformen und ihrer Wirkung“ zufrieden bzw. sehr zufrieden. Jeweils rund zwei Drittel der Befragten in beiden Ländern bejaht die Einschätzung, dass Online-Gottesdienstformen Menschen erreichen, zu denen „wir sonst keinen Kontakt hätten“ und über die Hälfte stimmt der Aussage zu, dass „Online-Gottesdienste mehr Menschen erreichen als lokale Gottesdienste“: „Digitale Wege bieten die Chance einen Teil der Gemeindeglieder/Menschen im Einzugsbereich mit Inhalten zu erreichen, die im bisherigen analogen Gemeindeleben kaum präsent sind.“ [AUS7 EKD-2: Zeile 410 bis 412]

Auch für das Thema „Inklusive Kirche“ ist es nicht unerheblich zur Kenntnis zu nehmen, dass 67% der reformierten schweizerischen und 58% der deutschen Pfarrpersonen notiert, dass durch diese Angebote „mobil beeinträchtige Personen besser erreicht“ werden. Erstaunlich erscheint hingegen, dass nur jeweils rund ein starkes Drittel der Aussage zustimmt, „aufgrund von Rückmeldungen meine Online-Gottesdienstformen angepasst“ zu haben. In der Schweiz bejahen 35% und in Deutschland 45%, dass sie „zukünftig mehr alternative Gottesdienstformen des gemeinschaftlichen Feierns und Betens anbieten“ wollen.

Eine gewisse skeptische Haltung gegenüber den digitalen Gottesdienstangeboten zeigt sich insofern als eine Zweidrittelmehrheit bejaht, dass Online-Gottesdienstformen Menschen ausschließen, „denen die digitalen Medien fremd sind“. Über 80% stimmen der Aussage zu, dass sie im Blick auf den Gottesdienst „die Resonanz mit der Gemeinde (z.B. beim Singen) vermisst“ haben. Online-Gottesdienstformen können gemeinschaftliches Feiern nicht ersetzen, so wird in beiden Ländern von rund 90% votiert: „Meine Lehre aus kirchlichen Erfahrungen in Corona-Zeiten ist, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir meinen, durch digitale Angebote körperliche Präsenz ersetzen zu können. Die Kirche kann durch digitale Angebote nur sehr ‚oberflächlich‘ bei den Menschen sein. Es braucht einen neuen Elan beim ‚Hingehen‘ zu den Menschen – sobald das wieder möglich und erlaubt ist!“ [AUS9 EKD-2: Zeile 1153 bis 1157]

Online-Formate als ergänzendes Angebot

Zugleich verstehen jeweils über 80% aller befragten Pfarrpersonen Online-Gottesdienstformen nur als ein ergänzendes Angebot. Im Blick auf die Frage „Wie sich das Verständnis gottesdienstlichen Handelns in Zeiten von Corona verändert hat“ (und dabei wurde bewusst nach der ganzen Vielfalt von Liturgie- und Gottesdienstformen, Andachten und Impulsen gefragt), sagen fast 50% in beiden Ländern, dass der traditionelle Gottesdienst „für mich an Bedeutung gewonnen hat“, zugleich aber auch jeweils 60% „Ich habe neue Formen von digitaler Präsenz für das gottesdienstliche Handeln entdeckt“: „Was ‚Nähe‘ heißen kann, wurde neu erlebt – nicht zwingen zum Zusammensein in einem Raum mit körperlicher Anwesenheit. Auch über ZOOM gibt es erfahrbare Nähe.“ [AUS7 EKD-2: Zeile 693 bis 695]

Für eine Förderung „von digitalen kirchlichen Gemeinschaftsformen“ sprechen sich hingegen in der Schweiz 42%, in Deutschland knapp 52% aus. Es deutet vieles darauf hin, dass kaum gänzlich neue Gemeinschaftsformen erprobt wurden, sondern vielmehr digitale Anschlusskommunikationen an analoge „face2face“-Veranstaltungen aus der schon vertrauten Gemeindekultur vor Ort gesucht wurden. Digitale Formate scheinen dort besonders gut „funktioniert“ zu haben, wo die „usability“ für die Beteiligten hoch war: Und dies ist in Anschluss an traditionell erprobte Handlungsmuster (etwa Gottesdienststreaming in Analogie zu Rundfunkgottesdiensten) stärker zu erwarten als dort, wo die Handlungsmuster nicht genügend eingeübt sind. Dies erklärt möglicherweise auch die Tatsache, dass die evangelischen Befragten nur in sehr geringer Zahl digital gefeierte Abendmahlsfeiern angeboten haben. Die Sichtbarkeit von digitalen gemeindlichen Veranstaltungen und ihre Zugänglichkeit wurde jedenfalls durch digitale Formate für jene Personen erleichtert, die mit online-Kommunikation eher schon vertraut waren und bereits zuvor schon Kontakt zur Kirchengemeinde vor Ort hatten und so diese neue Gelegenheit nutzten.

Die Rolle der „Online-Liturgen“

Ob man durch digitale gottesdienstliche Präsenz die eigene Rolle authentisch ausdrücken konnte, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Zwar stimmen 75% der Pfarrpersonen in der Schweiz und 70% in Deutschland der Aussage zu: „Meine Rolle hat sich nicht verändert, nur die Form der Präsenz.“ Aber interessant ist, dass in der Schweiz 57% und in Deutschland 50% die Auskunft geben, dass es ihnen gelungen sei, „meine Rolle im digitalen gottesdienstlichen Handeln authentisch auszudrücken.“ Ob und inwiefern man „als Person sehr stark im Mittelpunkt des Online-Gottesdienstes“ steht und damit „die Rolle an Bedeutung gewinnt“, wird noch weniger eindeutig beantwortet: für einen solchen Bedeutungsgewinn der Rolle sprechen sich nur jeweils rund ein Fünftel der Befragten aus. Auffallend ist jedenfalls, dass rund 75% der Befragten damit keine Änderung ihrer Rolle als Liturg oder Liturgin verbinden, sondern dies lediglich als veränderte Form bisheriger Präsenz ansehen.

Die verschiedentlich geäußerte Vermutung, wonach in der Krise die bisherige Amtsausübung grundsätzlich in Frage gestellt wurde, wird demzufolge von den Ergebnissen unserer Studie nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil hat die Krise zumindest für große Teile der Befragten der Evangelischen eher zur Stabilisierung – oder gar Konservierung? – des amtsbezogenen Verantwortlichkeitsmodus beigetragen. Für die katholischen Befragten ist hier ein anderes Bild zu zeichnen. Jedenfalls hat es den Anschein, als ob die digital induzierten Präsenzmöglichkeiten die „bewährten“ pfarramtlichen Zuständigkeiten eher bestärkt als in Frage gestellt haben.

Nun stellt sich allerdings die Frage, wie sich vor dem Hintergrund dieser stabilen Amtspräsenz die Wahrnehmung digitaler Formen gemeinschaftsbezogener Identitätsbildungs- und Vergewisserungspraxis darstellt. Hier kommen durch die Fragen und Einsichten der CONTOC-Studie unterschiedliche Aspekte von Gemeinschaft – mit je unterschiedlicher Reichweite – in den Blick, die im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden sollen.

Zum einen ist auffallend, dass Gottesdienste häufig in Teams vorbereitet und durchgeführt wurden und überhaupt die Partizipation im Bereich gottesdienstlichen Handelns erhöht wurde – jedenfalls dort, wo wir durch nähere empirische Sondierung eine höhere Aktivität bzw. eine größere „digitale Affinität“ von Pfarrpersonen feststellen konnten. Ob und inwiefern sich aber gerade in der Krise die bisherige Verantwortlichkeitskonstellation zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen verändert hat, bleibt aus Sicht vieler Pfarrpersonen eher unklar. Die Kooperation mit Ehrenamtlichen bzw. Freiwilligen in dieser Zeit bejaht nur jeder Fünfte der Befragten. Aufschlussreich ist zudem, dass die Anstellung von weiteren professionellen Mitarbeiter*innen insbesondere für den Bereich der Online-Angebote insgesamt als eher nicht sehr wichtiger Handlungsbedarf eingeschätzt wird. Vielmehr ist es den evangelischen Pfarrpersonen wichtig, dass sie selbst fortgebildet werden.

In einem weiteren Sinn haben wir auch danach gefragt, ob Pfarrpersonen sich zukünftig eine Förderung von digitalen kirchlichen Gemeinschaftsformen wünschen, ob sie überhaupt solche Formen kennen und ob sie sich von „digitalen christlichen Gemeinschaftsformen ganz neue Erfahrungen gelebter Gemeinschaft“ erwarten. Hier zeigt sich, dass nur rund die Hälfte der Befragten überhaupt solche Formen kennt, und dementsprechend ist man auch hinsichtlich der möglichen Förderung und Erwartung an solche Formen im wahrsten Sinn des Wortes geteilter Meinung. Immerhin markiert ein Großteil der Befragten einen hohen Bedarf an theologischer Reflexion und Kriterienbildung sowie – wie gesagt – an eigener Weiterbildung in Sachen digitaler Kompetenz.

 

Einsichten

Zweifelsfrei sind diese Ergebnisse höchst anregend, um sich das breit erfahrene Innovationspotenzial digitaler Kommunikationen im Blick auf den Gottesdienst vor Augen zu führen. Unter den befragten Personen zeigt sich eine überwiegend positive Haltung zu den in Corona-Zeiten erprobten Online-Kommunikationsformen und damit ein hohes kreatives und innovatives Potenzial, was eine gute Voraussetzung für weitere Digitalisierungsprozesse kirchlicher Praxis darstellt: „Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich jetzt in (der) ‚Corona-Zeit‘ mache. Vor allem für die beglückenden zoom-Gottesdienste. Einander an- und zuzuschauen beim Singen, Beten, Glauben ist ein unglaubliches Geschenk und schafft nochmal eine Verbindung der besonderen Art.“ [AUS9 EKD-2: Zeile 87 bis 90]

Ob es allerdings im Blick auf den Gottesdienst und seine pastoralen Akteure zu einem immer wieder behaupteten umfassenden „Digitalisierungsschub“ verkündigenden und liturgischen Handelns und gar zu einer Art pastoraler „digital literacy“ gekommen ist oder zukünftig kommen wird, muss auf der Basis der bisherigen Ergebnisse unserer CONTOC-Studie einstweilen offenbleiben. Denn letztlich stellen sich bei allen digitalen Angebotsformaten entscheidende ekklesiologische Fragen nach dem inhaltlichen Sinn verkündigender und feiernder Gottesdienstpraxis, die selbst bei einem professionellen Einsatz technischer Möglichkeiten eben keineswegs erledigt sind. Durch digitale Kommunikationsformen lediglich die Reichweite gottesdienstlicher Aktivitäten erhöhen zu wollen, kann ekklesiologisch gesehen jedenfalls nicht das prioritäre Ziel sein.

Kriterien theologischer Angemessenheit

Für den Ausbau der technischen Möglichkeiten im Bereich kirchlicher Kommunikation sollte deshalb gelten, weiter über die wesentlichen Kriterien der theologischen Angemessenheit digitaler Gottesdienstpraxis nachzudenken – und dies keineswegs nur im Blick auf die gegenwärtig intensiv debattierte digitale Abendmahlspraxis.

Ob der Ereignischarakter der Kommunikation des Evangeliums durch digitale Formen und Formate so gefördert werden kann, dass leibkörperliche Resonanzräume eröffnet werden, in denen Menschen einander anerkennend begegnen können, muss eine selbstkritische Frage theologisch-professioneller Reflexion bleiben. Erst unter dieser Voraussetzung erfahren die zukünftigen Gestaltungen digitaler Praxis und die damit möglich werdenden Transformationsprozesse ekklesiologischen Tiefensinn.

Dafür müssen dann aber auch die Gründe jener Befragten, die sich eher distanziert zu digitalen Gottesdienstformaten geäußert haben, intensiv gehört werden: Spielt die Frage nach Digitalkompetenz im Pfarrberuf und in der Kirchengemeinde die theologische gegen die technische Kompetenz aus? Es ist ein spannender Forschungsaspekt zu erkunden, wie nicht allein Pfarrpersonen, sondern auch Kirchenmusiker*innen und Gemeindepädagog*innen beide zueinander ins Verhältnis bringen.

Im Blick auf das pastorale Rollenverständnis spiegelt sich in der ersten Welle der Pandemie eine Art Fokussierung auf den Bereich der personalen Amts- und lokalen Kerngemeindeautorität wider, der starke Identitätsbildungs- und Vergewisserungspraktiken im unmittelbaren Nahraum anzeigt, aber zugleich von recht geringer Reichweite darüber hinaus ist. Die bisherigen Ergebnisse der CONTOC-Studie weisen darauf hin, dass pastorale Akteure in der pandemischen Krise die Vergewisserung ihrer eigenen pastoralen Identität wie auch die ihrer Gemeinde von der Stabilisierung bestehender Rollenverantwortlichkeiten und Angebotsformate abhängig machen: „Ich habe eine angenehme Entschleunigung erlebt, weil so viele Termine weggefallen sind (auch Sitzungen), die es mir ermöglicht haben, mehr zu lesen und theologisch zu reflektieren, was ich predige und schreibe. Meiner theologischen Existenz hat das ausgesprochen gutgetan.“ [AUS9 EKD-2: Zeile 978 bis 981]

Neue Kompetenzen in Amt und Gemeinde

Zugleich zeigt sich – schon vor der Krise, aber nun verstärkt – dass längst in und durch digitale Kommunikationsformen neue Kompetenzen sowie kontextspezifische und selbstbewusste Orientierungs- und Vergewisserungspraktiken auf Seiten „nichtprofessioneller“ Akteure entstanden sind, die zu ganz eigenen Gemeinschaftsmanifestationen führen. In den krisenhaft-digitalen Zeiten deutet sich also zumindest eine erhebliche Spannung zwischen einem amtsbezogenen Stabilisierungsmodus einerseits und gemeinschaftsbezogenen digitalen Vergewisserungspraktiken andererseits an. Vor diesem Hintergrund kann zumindest vermutet werden, dass manche kirchlichen Digitalisierungsstrategiedebatten mindestens unterschwellig den Phantomschmerz des Verlusts personaler, parochialer und amtskirchlicher Steuerungspräsenz mit sich führen. Die medial in dieser Zeit immer wieder anhand der dokumentierten „Klickzahlen“ betonte größere Reichweite der Gottesdienstformate scheint hier beinahe eine Art Kompensationsfunktion angesichts der faktischen Angebotsverengung zu haben.

Auch aus anderen Perspektiven heraus, aber nun eben auch im Kontext der pandemischen Digitalisierungsprozesse stellt sich mittel- und langfristig die grundlegende Frage, ob nicht im Blick auf Amt und Gemeinde Akzeptanzverluste hinsichtlich pastoraler Autorität und Deutungsmacht zu befürchten bzw. in positivem Sinn zu erhoffen sind. Dies wirft dann aber nicht weniger als die entscheidende Frage nach dem Verständnis von zukünftiger Gemeindeidentitätsbildung überhaupt auf. Natürlich sind Zuspitzungen, die Christinnen und Christen als eine homogen agierende Gruppe sehen, unterkomplex. Dennoch zeigt sich, dass neuere grassroot-artige digitale Gemeinschaftsformen wichtiger und damit auch offensichtlich für viele Menschen nötiger werden als traditionelle Gemeindeformen. Wird sich die pastorale Autorität sozusagen selbst über den Kernbereich hinaus in eine kaum noch überschaubare, und schon gar nicht kontrollierbare Vielfalt unterschiedlichster Deutungsautoritäten hinein verflüssigen und damit nur noch wenig erkennbar sein, womöglich verflüchtigen?

 

Folgerungen

Die Erfahrungen der ersten Pandemie-Zeit deuten darauf hin, dass sowohl auf Seiten der professionellen wie der nichtprofessionellen Akteure höchst deutungskompetente Kommunikationsformen mit dem Ziel von Orientierung, Identitätsbildung und Vergewisserung erprobt wurden – ein Rückzug aus der kirchlichen, medialen und sozialraumbezogenen Öffentlichkeit kann für den Großteil der evangelischen Befragten keinesfalls konstatiert werden, ganz im Gegenteil. Neue digitale theologische Resonanz- und Kommunikationsräume sind dabei weit über den Bereich der pastoralen Expert*innen hinaus immer wieder neu und an „anderen Orten“ entstanden, was erhebliches Potenzial für weitere theologische Reflexionsarbeit5 sowie kirchenentwicklungsbezogene Strategien eröffnet: „Durch digitale Angebote ist auch die Wahrnehmung untereinander gewachsen. Ich kann nun erleben, wie in anderen Gemeinden Gottesdienste gefeiert werden, ich kann meinen Kolleg*innen zuhören und zusehen. Das ist so sonst nicht möglich. Darin stecken Chancen, voneinander zu lernen.“ [AUS9 EKD-2: Zeile 587 bis 590]

Insofern werden manche Einschätzungen kirchlich-digitaler Praxis und die dabei auftauchenden schroffen Polarisierungen etwa von Amtsautorität vs. Netzwerkautorität, körperliche vs. virtuelle Realität, stabil vs. fluide, inherited vs. fresh, analog vs. digital oder parochial vs. translokal der dynamischen Pluralität dieser neu erprobten Identitäts- und Gemeinschaftsbildungen nicht gerecht.

Tradition und Experiment

Es ist vielmehr zu fragen, wie sich das „traditionell Bewährte“ mit dem „experimentellen Neuen“ sinnvoll und sachgemäß verbinden lässt. Die durch die Herausforderungen der Pandemie weiter gewachsene Pluralität von Deutungs- und Bindungsformaten hat folglich mindestens zwei Kennzeichen, die genau in der je individuellen Vergewisserungspraxis einerseits und der je spezifischen, kontextuell geprägte Formatierung von Identitäts- und Gemeinschaftsstiftung liegen.

Es gibt demnach nicht die exklusive „Gemeinde-Gemeinschaft“ – weder in der Krise noch darüber hinaus und es wird sie auch zukünftig sinnvollerweise je länger desto weniger geben. Gefragt ist vielmehr eine kirchliche Ermöglichungskultur, die die Hybridität unterschiedlicher Kommunikationsformen, Deutungspraktiken sowie Leib- und Sinneserfahrungen ermöglicht und fördert. Und dies sollte vor dem alle verbindenden Horizont der ihrerseits hybriden Vergewisserungsfigur der sichtbaren und verborgenen Kirche geschehen. Es erscheint uns für die zukünftigen kirchlichen Debatten notwendig, die mancherorts vorherrschende Depression, die mit einem allzu schnellen Einstimmen in die altvertrauten Säkularisierungsannahmen verbunden ist, hinter sich zu lassen: Was „Digital Religion“6 genannt wird, das ist anders ausgedrückt ein enorm vielfältiger Pool an digitalen Religionspraxen, die sich als nicht nur individuelle, sondern auch soziale und kooperative Suchbewegungen für ein religiöses Leben interpretieren lassen.

Der Medienwandel als Glaubens- und Gemeindewandel

Nun wird allerdings in postdigitalen Zeiten – und CONTOC zeigt hier nur die Anfänge einer solchen transformativen Dynamik – die Frage von Autorität und Deutungsmacht nochmals viel stärker auf das Tableau kommen. Deshalb ist daran zu erinnern, dass sich schon die Reformation nicht einfach nur die neuen technischen Möglichkeiten zunutze gemacht hat, sondern den Medienwandel als Glaubens- und Gemeindewandel selbst entscheidend vorangetrieben hat. Eine solche digitale Reformation im Sinne der vertieften theologischen Medienreflexion steht noch aus. Die Perspektive einer „digitalen Kirche“ – als normativ-kritischer Idee gegenüber der aktuellen Institution und ihrer Herrschaftslogik – bringt deshalb eine Reihe von neuen Gestaltungsnotwendigkeiten mit sich, was abschließend thesenhaft wie folgt gefasst werden soll:

1. Der Wandel hin zu einer digitalen Reformation besteht nicht primär in einem technischen Wandel. Denn ein rein technisch orientierter Fortschrittsgedanke oder die Förderung digitaler Praxis mit Hilfe einer Markt- und Distributionslogik untergräbt den theologischen Anspruch auf eine lebensdienliche Gestaltung kirchlicher Kommunikations- und Handlungspraxis.

2. Die Krise zeigt die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die von der Krise profitieren, und denen, die entweder ihren Arbeitsplatz verloren haben oder ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten. Vor der Frage der technischen Weiterentwicklung müssen deshalb die Ziele der Kirchen geklärt werden: Die Zeit ist reif für einen gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit.

3. Das Verhältnis von „Institution“ – „Organisation“ – „Bewegung“ – „Netzwerk“ muss vor dem Hintergrund einer sich pluralisierenden digitalen Kommunikationspraxis neu definiert werden: Es gilt, durch einen Hybrid aus analogen und digitalen Partizipationsformen positive Erfahrungen neuer Formen von Gemeinschaft im Sinn einer je kontextuell angemessenen „mixed economy“ zu ermöglichen und so für unterschiedlichste Identitätsbildungs- und Vergewisserungsprozesse den notwendigen Resonanz- und Ermöglichungsraum zu öffnen. Dabei muss die digitale Affinität und – wenn man so sagen will – „digital literacy“ aller mitverantwortlichen kirchlichen Akteure strategisch gestärkt und nachhaltig gepflegt werden.

4. Im Blick auf das Amtsverständnis sind die klassischen ekklesiologischen Leitbilder in der Perspektive einer prozessorientierten und partizipationsoffenen „agile, shared leadership“ weiterzudenken. Die kreative theologische Reflexion und pastorale „digital literacy“ sind im Blick auf das gottesdienstliche und – im weiteren diakonischen, seelsorgerlichen und bildungsbezogenen Sinn – verkündigende Handeln zukünftig deutlich stärker zu fördern. Erst dadurch wird es gelingen, das pastorale Amt – inmitten der Pluralität dynamischer Gemeinschaftsbildungen – sowohl in auftragsbezogener wie in personaler Hinsicht als kontextsensible und eminent theologische Profession auszuweisen.

Inwiefern jedenfalls die Erfahrungen und Einsichten der ersten Pandemie auch zu nachhaltig wirksamen Transformationsprozessen und neuen Manifestationen hybrider Praxis führen werden, wird weiter zu prüfen sein. Deshalb verspricht eine geplante nächste Studie CONTOC2, deren Durchführung für den Frühsommer 2022 geplant ist, höchst interessante Vergleichsperspektiven.

 

Anmerkungen

1 Vgl. z.B. zur Lage von Jugendlichen während der Pandemie https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2021/maerz/jugendliche-fuehlen-sich-durch-corona-stark-belastet-und-zu-wenig-gehoert (zuletzt aufgerufen am 30.08.2021); zwei weitere wichtige Studien, die beide Gottesdienstformate untersuchen und kirchlichen Kontexten stammen: die MIDI-Studie zu Verkündigungsformaten während der Corona-Pandemie unter: https://www.mi-di.de/materialien/digitale-verkuendigungsformate-waehrend-der-corona-krise (zuletzt aufgerufen am 30.08.21) und die Umfrage zu Gottesdiensten aus der Evang. Kirche im Rheinland unter: https://news.ekir.de/meldungen/2021/05/neuauflage-umfrage-zu-online-gottesdiensten/ (zuletzt aufgerufen am 30.08.21).

2 Vgl. für vorab publizierte Ergebnisse die Website des Projekts www.contoc.org (zuletzt aufgerufen am 25.8.21).

3 Aus dem Datensatz der CONTOC-Studie.

4 Vgl. für die Kontroverse die kurze pointierte Gegenüberstellung in: https://zeitzeichen.net/node/8326 (zuletzt eingesehen am 30.8.21).

5 Vgl. dazu jetzt Wolfgang Beck/Ilona Nord/Joachim Valentin (Hg.), Theologie und Digitalität. Ein Kompendium, Freiburg i.Br. 2021.

6 Vgl. Ilona Nord/Thomas Schlag, Religion, digitale, in: Wirelex, https://doi.org/10.23768/wirelex.Religion_digitale.200879 (zuletzt aufgerufen am 30.8.21).

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Thomas Schlag, Professor für Prakt. Theologie mit den Schwerpunkten Religionspädagogik, Kirchentheorie und Pastoraltheologie an der Theol. Fakultät der Universität Zürich, dort auch Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung (ZKE) und ­Direktor der Universitären Forschungsschwerpunktes "Digital Religion(s)".

 

Prof. Dr. Ilona Nord, Professorin für Evang. Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts am Institut für Evang. Theologie und Religionspädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.