Der Tod bedeutet gar nichts, ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.“ Die einleitenden Worte eines bekannten Trauergedichts werden in absehbarer Zukunft gesellschaftlich neue Bedeutung erlangen. Sie verdanken sich der Trauerpredigt anlässlich des Todes von König Edward VII., die Henry Scott Holland als Canon am 15. Mai 1910 unter dem Titel „The King of Terrors“ in der Saint Paul’s Cathedral in London gehalten hatte: „Ich bin ich und du bist du. Was immer wir füreinander waren, das sind wir noch. Nenne mich bei dem alten vertrauten Namen. Sprich von mir, wie du es immer getan hast. Ändere nicht deinen Tonfall.“ Eindringlich beschwört der spätere Oxfordprofessor Holland die erinnerte Gegenwart eines geliebten Verstorbenen, um den Tod als „König der Schrecken“ zu entmachten.

„In unserem Herzen lebst du für immer weiter“, heißt es auf Traueranzeigen und Sterbebildchen. So nimmt der Vater immer noch täglich auf dem Klappstuhl vor dem Grab seines Sohnes Platz, geht die Mutter in das verwaiste Kinderzimmer, um den jüngst verstorbenen Sohn in dessen Bettdecke zu riechen, bespricht die alte Frau abends im Bett noch einmal den Tag mit ihrem längst verstorbenen Mann.

 

Virtuelles Weiterleben durch eine Smartphone-App

Was als Totengedächtnis auf Vergangenes zurückblickt oder in der realen Welt Einwegkommunikation bleibt, ist in einer virtuellen Welt als interaktive Verstorbenenbegegnung machbar. Im Unterschied zum biotechnologischen Wiederbelebungsprojekt, das für einen Verstorbenen bislang als „Kryokonservierung“ bei minus 196°C in flüssigem Stickstoff endet, kann für Angehörige eines Verstorbenen dessen virtuelles Weiterleben durch eine Smartphone-App möglich werden.

Es ist eine Frage der Zeit, bis kommerzielle Anbieter von Verstorbenenkommunikation mit einem Chatbot auf den Markt treten: Gegen eine Gebühr registriert man sich online, hinterlegt ein paar Grunddaten zu sich und zum Verstorbenen, lädt einen Videoclip mit der Stimme des Verstorbenen auf und kann dann das Gespräch mit ihm via einem computergestützten Sprachdialogsystem beginnen. Ein Sprachsynthesizer lässt die Stimme des Verstorbenen täuschend echt wie bei einem Telefonat zur Sprache kommen.

Die Algorithmen einer künstlichen Intelligenz greifen auf die selbst gelieferten Grunddaten sowie auf das Datenbankwissen aus „Verstorbenengesprächen“ anderer Klienten zurück. Mittels emphatischer Frage- bzw. Spiegelungstechnik – wie in der klientenzentrierten Psychotherapie – fühlt man sich verstanden und beginnt virtuell dem Verstorbenen gegenüber zu erzählen. Diese Informationen und Stimmungen werden wiederum kommunikativ rückgekoppelt, so dass die Verstorbenenbegegnung dank des selbstlernenden Chatbots im weiteren Verlauf an Intensität und Authentizität gewinnt.

Was audiovisuell und haptisch bei Videospielen in einer virtuellen Realität möglich ist, wird auch bei Verstorbenenbegegnungen zum Einsatz kommen. Da findet man sich gemeinsam mit dem Verstorbenen im virtuellen „Zimmer nebenan“ ein oder geht mit ihm neu auf Reisen, beispielsweise noch einmal zum Ort der gemeinsamen Hochzeitsreise. Hollands Totenspruch „Was immer wir füreinander waren, das sind wir noch“ scheint sich in einer virtuellen Welt zu bewahrheiten.

 

Problematische narzisstische Grundstruktur

Abstrus mag das Projekt virtueller Verstorbenenbegegnung manchem erscheinen. Wer den Trauerschmerz in der eigenen Seele oder bei einem nahestehenden Menschen nicht selbst erfahren hat, kann kaum nachvollziehen, welche emotionale Herausforderung der Tod sein kann. Mit der überkommenen Memorialkultur der Trauerfeier, des Grabes und des Fotoal­bums lässt sich das Vermissen nicht schmerzfrei kompensieren. Noch einmal (und immer wieder neu) virtuell mit dem geliebten Menschen in Kontakt zu treten scheint sich als Mittel der Trauerbewältigung anzubieten – ein Analgetikum wider den eigenen Seelenschmerz, nicht nur im Todes-, sondern auch im Trennungsfall bei Lebenspartnern. Was den Emmausjüngern in der Begegnung mit dem auferstanden Jesus gewährt wurde, sollte man dies nicht auch heute den Angehörigen eines Verstorbenen ermöglichen, die über den Verlust einfach nicht hinwegkommen können oder wollen?

Man wird einwenden, dass solche virtuellen Begegnungen den Lösungsprozess der Trauer unterbinden und Menschen damit nicht für Neubegegnungen offen werden. Aber wenn die – nicht nur altersbedingte – Vereinzelung in der Gesellschaft zunimmt, sind beständig bleibende positive Emotionen bezüglich eines anderen Menschen nicht ohne weiteres neu zu erlangen. Da scheint es naheliegend zu sein, vorhandene Gefühle in einer virtuellen Wiederbegegnung des Verstorbenen sich selbst bewahren zu wollen. Dank einer künstlichen Intelligenz, die auf das eigene Wohlbefinden hin optimiert, wäre zudem die Kommunikation mit dem Verstorbenen weitgehend konfliktfrei gehalten. Ja, man könnte sogar lange zurückliegende Konflikte virtuell aufarbeiten und sich gegenseitig Vergebung zusprechen.

Was das Projekt virtueller Verstorbenenbegegnung zumindest für Christen hochproblematisch macht, ist dessen narzisstische Grundstruktur. Der Verstorbene wird verklärtermaßen in das eigene Selbstbildnis hineingenommen. So bleibt man im wirklichen Verlust des anderen auf sich selbst fixiert, bis dass der eigene Tod schlussendlich doch scheidet.

Zum menschlichen Leben gehören Verlust, Schmerz, Trauer, Widerfahrnis und Endlichkeit, die sich der eigenen Lebensbestimmung und den eigenen Wahlmöglichkeiten immer wieder neu entziehen. Das christliche Widerwort gegen eine selbstzentrierte, virtuelle Verstorbenenbegegnung findet sich beim Apostel Paulus: „Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.“ (Röm. 14,7-9)

 

Jochen Teuffel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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