Martin Niemöller (1892-1984), einer der international bekanntesten deutschen evangelischen Kirchenvertreter und Theologen des 20. Jh., ist seit einigen Jahren durch die Biographien von Michael Heymel (2017), Matthew D. Hockenos (2018), Benjamin Ziemann (2019) und Frédéric Rognon (2020) wieder in der Diskussion. Unter ihnen vertritt der Historiker Ziemann eine besondere Position: Er betont Niemöllers zeitweilige Nähe zu deutsch-völkischen Bewegungen und problematisiert seine Haltung zum Judentum und zu jüdischen Menschen, die Zuordnung seiner Aktivitäten ab 1933 zum Widerstand gegen das NS-Regime, seine Kritik an den lutherischen Landeskirchen und seinen Beitrag zum kirchlichen Schulddiskurs bis 1948. Michael Heymel gibt einen Überblick über die Debatte.

 

Eine von Lukas Bormann, Professor für Neues Testament an der Philipps-Universität Marburg, und mir konzipierte und in Zusammenarbeit mit Studienleiter Eberhard Pausch durchgeführte wissenschaftliche Tagung griff die Themen der neuen Niemöller-Debatte auf.1 Sie fand COVID-19-bedingt am 27.-28. April 2021 in der Evang. Akademie Frankfurt als Videokonferenz statt und wurde durch die Fritz Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung und die EKHN-Stiftung unterstützt. 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten Beiträge zu Grundfragen der Niemöller-Forschung und zur Rezeption Martin Niemöllers in fünf europäischen Ländern und den USA vor, die in einem interdisziplinären und multinationalen Austausch diskutiert wurden. Dies geschah mit dem Ziel, in einer internationalen Perspektive zu einer historisch und theologisch reflektierten Neubewertung des Wirkens von ­Niemöller zu gelangen.

 

Niemöller und Antisemitismus und Widerstand

In Sektion I wurden die besonders kontrovers diskutierten Themen Antisemitismus und Widerstand be­han­delt.2 Benjamin Ziemann (Sheffield) zufolge gehörte Niemöller nach dem Ersten Weltkrieg dem deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbund und weiteren antisemitischen Vereinigungen an. Die manifest antisemitische Haltung Niemöllers ab 1918 deutete der Referent als Ausdruck der Selbstreflexion über Krisen der bürgerlichen Gesellschaft. Niemöller sei „ein Faschist der ersten Stunde“ gewesen, der aber seit 1923 in der Auseinandersetzung mit Theologen seine Haltung zum Judentum modifiziert habe. Ab 1931/32 sei er kein Rasseantisemit mehr gewesen. „Der Jude“ sei bei ihm nach 1945 eine Chimäre geblieben. Erst seit 1949 habe Niemöller Lernbereitschaft gezeigt und in den 1950er Jahren seine Position „grundsätzlich“ revidiert. Der Referent betonte „die Vetogewalt der Quellen“, wies aber Hinweise auf quellenmäßig belegte freundschaftliche Kontakte Niemöllers zu Juden zurück; diese besagten nichts über seine Einstellung.

Auf die Frage, ob Niemöller ein Mann des Widerstands gegen das NS-Regime gewesen sei, antwortete Victoria Barnett (Washington) mit einem „vorsichtigen Nein“. Sie gab zu bedenken, dass Widerstand eine komplizierte Sache sei. Dabei spielten die Persönlichkeit und eine gemeinsame Sprache eine wichtige Rolle. Als „guter Deutscher“ habe Niemöller sich ähnlich wie andere nationalistische Deutsche in Opposition gegen die „Deutschen Christen“ gesehen. Andere, insbesondere Frauen, seien in ihrer Opposition klarer gewesen. Die NS-Politik gegen die Kirche habe ihn als Pastor und in seiner Loyalität gegenüber dem Vaterland berührt und als den Kämpfer herausgefordert, der er von Natur gewesen sei. Man habe ihn als Nachfolger Luthers gesehen, der zum Prediger des Widerstands wurde. Mit Rücksicht auf Niemöllers Konflikt zwischen nationalistischer Loyalität und NS-Kirchenpolitik brachte die Referentin seine ­Haltung auf den Begriff des loyal resister.

Malte Dücker (Frankfurt) schlug vor, Niemöller aus kulturwissenschaftlicher Perspektive als eine Erinnerungsfigur zu betrachten. Er unterschied Phasen der Rezeption, die durch Weggefährten der Bekennenden Kirche, kirchengeschichtliche Heroisierung und die darauf reagierende Dekonstruktion von Niemöller-Legenden gekennzeichnet waren. Niemöller wurde als Christ dargestellt, der sich wie Luther in Worms den Herrschenden entgegenstellte, oder als gesellschaftspolitischer Protestant, der wie ein biblischer Prophet (z.B. Jeremia) auftrat. Er wurde als authentische Persönlichkeit wahrgenommen. Im Gegensatz dazu zeige ihn eine narrative Kontextualisierung der heutigen postheroischen Gesellschaft als ambivalenten Helden mit Brüchen und Widersprüchen. Eine künstlerische Darstellungsform könnte dafür geeignet sein.

 

Niemöllers Rezeption im europäischen Protestantismus

Die Vorträge in Sektion II widmeten sich der Niemöller-Rezeption im europäischen Protestantismus nach 1945. Frédéric Rognon (Straßburg), der 2020 die erste französische Biographie über Niemöller vorgelegt hat, machte deutlich, dass dessen Name in Frankreich heute allgemein unbekannt sei. Denn vor 2020 sei nur ein Buch über ihn und eines von ihm erschienen, 1938 eine anonyme, hagiographisch gefärbte Schrift über den Alltag des Dahlemer Pfarrers, 1946 eine Broschüre mit vier Texten über die deutsche Schuld, die es französischen Lesern kaum erlaubten, Niemöllers besondere Situation zu begreifen. Bis heute sei er in Frankreich nicht anerkannt, weil er Deutscher und Pfarrer war und besonders im laizistischen Frankreich gegen religiöse Menschen ein starkes Misstrauen bestehe. Überdies werde er für die protestantische Minderheit von Bonhoeffer überschattet. Doch gerade der paradoxe Charakter ­seines Lebens und Denkens rege dazu an, sich mit ­Niemöller zu identifizieren.

Stephen Plant (Cambridge) stellte dar, wie sich die Beziehung zwischen Niemöller und Karl Barth von zufälligen Alliierten zu respektvollen Freunden wandelte. Für beide hätten die lutherischen Kirchen eine gemeinsame Front geboten. Barth habe in Niemöller einen „zu guten Deutschen“ und „zu guten Lutheraner“ gesehen. Nach Kriegsende würdigte er ihn als Symbol des Widerstands und bekräftigte sein volles Vertrauen in Niemöller, als es um den künftigen Weg der Kirche in Deutschland und ein Bekenntnis der Schuld ging. Er bemerkte auch Niemöllers „blinden Fleck für Kirchendiplomatie“ und mahnte ihn 1951, seine Energien zu konzentrieren. Die Bekenntnissynode in Barmen (1934) habe Barth und Niemöller zu Kollegen gemacht, die Kirchenkonferenz in Treysa (1945) zu Freunden.

Wilken Veen (Amsterdam) referierte über die Rezeption von Niemöllers Auftritten und Reden in den Niederlanden. Dort gehöre er zu den zehn bekanntesten Deutschen. Niemöller sei nach 1945 als Widerständler sehr populär gewesen, man habe ihn mit der Bekennenden Kirche identifiziert und bei seinem ersten Besuch 1946 wie einen Filmstar bejubelt. Franz Hildebrandts anonyme Schrift von 1938 war sofort übersetzt worden. Obwohl Nationalist, habe Niemöller biblische Predigten gehalten. Seine Predigten in den Niederlanden seien evangelisierend-missionarisch gewesen, nur in seinen Reden habe er sich politisch geäußert.

Peter Morée (Prag) beleuchtete Niemöllers Beziehung zu Josef L. Hromádka vor dem Hintergrund der besonderen Lage der tschechischen evangelischen Kirche als Minderheitskirche in einem Ostblockstaat. Kirche und Staat waren hier nach 1945 ökumenisch isoliert. Hromádka hatte Kontakte zu Karl Barth und zur Bekennenden Kirche. Ohne ihn hätte es keine ökumenischen Beziehungen gegeben. Niemöller kam 1954 nach Prag, sein Besuch habe seit 1951 im Interesse des Politbüros der Kommunistischen Partei gelegen. Er und Hromádka hätten gewusst, dass ihre Freundschaft durch die politische Agenda bestimmt war. Die Christliche Friedenskonferenz (CFK) sei 1958 zusammen mit Vertretern der Bekennenden Kirche (darunter Iwand, Vogel und Gollwitzer) als Antwort auf die Ablehnung des ÖRK gegründet worden, mit dem seit 1950 bestehenden Weltfriedensrat (WFR) zusammenzuarbeiten.

 

Niemöller als Prediger und Theologe

In Sektion III wurde Niemöller als Prediger und Theologe in den Blick genommen. Alf Christophersen (Wuppertal) versuchte, Niemöllers Position zwischen Luthertum und Katholizismus zu bestimmen. In seinen Aufzeichnungen von 1939 habe es für Niemöller nur eine Kirche gegeben; sein Exklusivmodell ließ lediglich zu, katholisch oder protestantisch zu sein. Luthers Fehler sei gewesen, dass es keine lehramtliche Autorität mehr gab, die Bekenntnisschriften könne man nicht aktualisieren. Vom Katholizismus habe Niemöller sich ein ideales Bild gemacht. Einen pluralen Protestantismus habe er auch später nicht gesehen, sondern durch seine pathetische Verkündigung habe er polarisiert.

Michael Heymel (Limburg/Lahn) stellte Niemöller als Prediger, Theologen und Ökumeniker vor. Niemöllers Predigten 1945-1981 seien, anders als die der Dahlemer Zeit, noch nicht kritisch ediert, vergleichende Studien fehlten. Niemöller habe stets Jesus Christus als den alleinigen Herrn predigen und Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit erreichen wollen. Als bibelorientierter, durch Luther und den preußischen Pietismus geprägter Theologe, dem es um den Glauben und die Kirche als christokratische Bruderschaft gehe, übe er Kritik an einer akademischen Theologie ohne Gemeindebezug. Als Ökumeniker habe er für die Gemeinschaft mit Christus in allen Kirchen und die „Bruderschaft aller Menschen“ gearbeitet und sich an die Programmatik des ÖRK gehalten. Früher als andere trat er dafür ein, dass man sich auf eine nicht vom Westen dominierte Ökumene einstellen müsse.

Lukas Bormann (Marburg) widmete sich Niemöllers ­Zugang zur Bibel in den Dahlemer Predigten, indem er zunächst die Bedeutung der Schriftauslegung in der Predigt und des Gottesdienstes in kognitionswissenschaftlicher Perspektive als religiöses Ritual hervorhob. Niemöller als Prediger stehe 1933-1937 in einzigartiger Weise für das religiöse Proprium des Protestantismus. In seinen Predigten zum Volkstrauertag bzw. ab 1934 Heldengedenktag fänden sich keine Kriegsbegeisterung und kein Heldenpathos, vielmehr sei eine zunehmende Distanzierung von der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des „Heldengedenkens“ festzustellen. Der Prediger spreche ein „Wir“ jenseits des nationalsozialistischen Staates an, schaffe Solidarität unter denjenigen, die sich jenseits des Nationalsozialismus positionierten, und stärke das Individuum. Es fehle freilich eine ethische Ausrichtung im Sinne einer „Kirche für andere“.

Auf einen zukunftsweisenden theologischen Beitrag Niemöllers zur transnationalen Verantwortung der ­Kirchen wies Matthias Ehmann (Ewersbach) hin. Im Rahmen der Weltkonferenz des ÖRK über Migration im Juni 1961 habe Niemöller zu Beginn seiner Amtszeit als einer der Präsidenten des ÖRK die Kirchen zur Solidarität mit nichtchristlichen Migranten aufgerufen. Er habe sich auf das Bild des barmherzigen Samariters bezogen und betont, die Mission zu Menschen in Not habe Vorrang vor kirchlichen Strukturen. Es sei eine Zunahme von Kirchen zu erwarten, die von Migranten gegründet sind. Der Referent würdigte Niemöllers Rede als differenzierten Beitrag zum interreligiösen Dialog, der der wachsenden kirchlichen Diversität Rechnung trage.

 

Niemöller auf dem Weg zum Kirchenpräsidenten

Sektion IV wandte sich der führenden Persönlichkeit des Pfarrernotbundes und dem späteren Kirchenpräsidenten zu. Thomas Martin Schneider (Koblenz-Landau) charakterisierte die Barmer Theologische Erklärung als kirchenpolitisches und theologisches Konsenspapier und Bekenntnis zu reformatorischen Grundwahrheiten, das in den beiden Flügeln der Bekennenden Kirche unterschiedlich rezipiert wurde. Die Barmer Theologische Erklärung enthielt kein politisches Programm, wurde aber nach 1945 für unterschiedliche Ziele politisch beansprucht. Man habe sie als „Summe“ der Theologie Niemöllers bezeichnet, obwohl er sich noch 1934 auf theologische Lehrer wie Wehrung und Althaus berief, die in Spannung zur Barmer Theologischen Erklärung standen. Ihm sei es um das eine kirchliche Amt der Verkündigung gegangen, während die vierte These von gleichrangigen Diensten spreche. Für lutherische Anliegen habe Niemöller kein Verständnis gehabt, das Erlebnis Barmen sei ihm wichtiger als die Theologie der ­Barmer Erklärung. Insgesamt nehme er nur den Christozentrismus der ersten These auf, zeige aber an den übrigen Thesen kaum Interesse.

Gisa Bauer (Karlsruhe) betrachtete die Beziehung zwischen Niemöller und der Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) vom Ansatz der Wahrnehmungsgeschichte. In der offiziellen Selbstdarstellung der EKHN stehe Niemöller für eine politische Kirche. Der radikale Flügel der Bekennenden Kirche hatte für ihn als Kirchenpräsident votiert. Pfarrer dieser Richtung seien in Hessen stark aufgestellt gewesen, der Landesbruderrat hatte ihn 1946 zum Vorsitzenden gewählt. Niemöller gestaltete die ersten Schübe der Politisierung der EKHN mit, danach wurde er zu ihrem Symbol. Die Festschrift von 1982 und Trauer- und Gedenkreden von 1984 heben ihn ins Pantheon der politischen Kirche. Es sei schwierig, die symbolische und die historische Person voneinander zu trennen, gab die Referentin zu bedenken.

Jolanda Gräßel-Farnbauer (Marburg) zeigte, wie Niemöller sich im Prozess der Gleichstellung der Frau im kirchlichen Amt positionierte. Verhielt er sich in der Kirchensynode zunächst uneindeutig und argumentierte noch 1955 mit schöpfungsbedingten biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau, so brachte er 1958/59 Argumente für ein Pfarrerinnengesetz vor, das den Weg zur Gleichstellung ebnete. 1969 schlug er der Synode sogar die damals erst 37jährige Pfarrerin Marianne Queckbörner als Kirchenpräsidentin vor, doch gewählt wurde Helmut Hild. Die EKHN hat bis heute noch keine Frau als Kirchenpräsidentin an ihrer Spitze. Wie sie sich entwickelt hätte, wenn man Niemöllers Vorschlage gefolgt wäre, regt die historische Imagination erheblich an. Zu Vikarinnen im Kirchenkampf hatte Niemöller eine positive Haltung eingenommen. Den Antifeminismus einiger Vertreter der Bekennenden Kirche, die Frauen die Sakramentsverwaltung verwehrten, habe er nicht geteilt.

 

Niemöller und das Erbe der Bekennenden Kirche

In Sektion V wurden schließlich Barmen und das Erbe der Bekennenden Kirche thematisiert, indem zwei Vorträge Niemöller im Spiegel der Beziehung zu zwei Mitstreitern der Bekennenden Kirche in der Nachkriegszeit beleuchteten. Gerard C. den Hertog (Amsterdam) referierte über Niemöllers und Hans Joachim Iwands gemeinsamen Weg vom Nationalprotestantismus zur ökumenischen Friedensbewegung. Iwand kam aus dem Osten Deutschlands, war Soldat und engagierte sich 1921 in den Freikorps. Als Theologe präsentiere er einen polemischen Luther. Niemöller habe Iwand seit September 1934 gekannt und seine Lutherstudien, die für die Rechtfertigungslehre plädieren, im KZ erhalten. Als Dortmunder Pfarrer setzte Iwand sich für Juden ein; es gebe keinen Antisemitismus bei ihm. Niemöller sei mit ihm „engstens befreundet“ gewesen und habe ihm ­geschrieben: „Wir verstehen uns, bevor wir miteinander reden“.

Hannah M. Kreß (Münster) machte demgegenüber deutlich, wie sich zwischen 1945 und 1948 die Beziehung zwischen Niemöller und Hans Asmussen wandelte. Dieser hatte sich seit 1933 reichskirchlich engagiert, war in Berlin an der Kirchlichen Hochschule tätig und unterstützte Else Niemöller während der Haft ihres Mannes. Konflikte brachen nach Treysa auf, wo Asmussen zum Leiter der EKD-Kirchenkanzlei wurde. Es bereitete ihm Sorge, die Bruderräte könnten bei den Lutheranern zu viel Einfluss gewinnen. Niemöller habe 1946 in einem Brief an ihn mit der Gründung der EKD abgerechnet. Dieser fehle die Verbindung zu Barmen. Er fürchtete in der EKD ein Amtsverständnis, das er für katholisch hierarchisch hielt. Asmussen sei in Konflikt mit dem Rat der EKD geraten und 1948 aus dem Amt ausgeschieden. Im selben Jahr habe Niemöller ihm die Freundschaft aufgekündigt. Eine wichtige Rolle im Entfremdungsprozess habe der Dissens über die Beteiligung der Kirche an öffentlichen politischen Aktivitäten gespielt.

Arno Helwig (Berlin) berichtete über Erinnerungsarbeit am Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem, das im intellektuellen Umfeld von Gollwitzer und Marquardt von 1980 bis 2007 als Friedenszentrum gedient habe und als solches von Pfarrer Claus-Dieter Schulze geprägt worden sei. Ab 2007 war es Erinnerungs- und Lernraum. Die damalige Pfarrerin in Dahlem, Marion Gardei, ist heute Beauftragte für Erinnerungskultur in der EKBO. 2018/19 wurde das Haus neu mit einer Dauerausstellung eröffnet, die die Themen Juden, Menschenrechte, gesellschaftliche Verantwortung und Widerstand gegen die NS-Diktatur behandle.3 Niemöllers Wirken nach 1945 fehle allerdings fast völlig.

Was bleibt von der Bekennenden Kirche? Wer trägt die Erinnerung an sie weiter? Harry Oelke (München) nahm diese Fragen nach der Bedeutung des Erbes von Barmen für den heutigen Protestantismus auf und beschränkte sich dabei auf den landeskirchlichen deutschen Protestantismus. Vier Phasen der Erinnerungskultur zur Bekennenden Kirche seien zu unterscheiden: (1) eine zeitzeugengestützte kommunikative Gedächtnisformation (1945-1970), in der Kirchengeschichte von Akteuren und über sie geschrieben und, Niemöllers Ruf zur Buße ausgenommen, keine selbstkritische Erinnerung geübt wurde („Mythos Bekennende Kirche“); (2) eine Politisierung, Polarisierung und Pluralisierung christlicher Wertvorstellungen (1970-1989); (3) eine Kanonisierung (1990-2005), in der die Bekennende Kirche zu einem Teil protestantischer Identität geworden sei. (4) Die Gegenwartsperspektiven (2005ff) sah der Referent gekennzeichnet durch den Verlust von Zeitzeugen, das Ende der Erregungskultur, eine Versachlichung der historischen Wissenschaftskultur und, in gewisser Spannung dazu, eine Tendenz zur moralischen Bewertung.

 

Desiderata der weiteren Niemöllerforschung

Die Schlussdiskussion umkreiste offene Fragen und Aufgaben weiterer Forschung. 75 Jahre nach Kriegsende bestehe die Gefahr, dass die evangelische Kirche sich der Verantwortung für das Erbe der Bekennenden Kirche entziehe, zumal die EKD eine erhebliche Kürzung der Mittel für das Institut für Kirchliche Zeitgeschichte plane. Benjamin Ziemann stellte klar, dass er gegen Umbenennungen von Einrichtungen sei, die Niemöllers Namen tragen. Wie Niemöller in einer zeitgemäßen praktischen Erinnerungskultur präsent sein könnte, bleibt zu überlegen. Dahlem fördert mit seiner neuen Ausstellung die Erinnerung an Niemöller in ­einer postmigrantischen Gesellschaft.

In der Forschung wird es darum gehen, offene Fragen zu Niemöllers Predigtverständnis nach 1945, seinem ökumenischen Engagement gegen Kolonialismus und Rassismus sowie seiner Haltung zum Staat Israel zu klären. Dazu sind weitere Quellen für die Wissenschaft zu erschließen, wie etwa die unedierten Predigten ­Niemöllers nach 1945, die Quellen zu seiner Tätigkeit als Präsident des Weltkirchenrats oder auch als Leiter des Verwaltungsrats des Palästinavereins. Begriffe wie „Antisemitismus“ und „Widerstand“ sind in Bezug auf Niemöller weiter zu differenzieren und zu präzisieren. Wenn es um die Bekennende Kirche geht, sollte der Wider­stands­begriff jedenfalls nicht zu eng gefasst werden. Schließlich sind theologische und nichttheologische Perspektiven der Wahrnehmung des Lebens und Wirkens von Martin Niemöller zu verbinden.

Geplant ist ein Tagungsband in der Reihe „Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte“ (AKIZ.B) bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, der zwei weitere Beiträge von ­Matthew Hockenos (USA) und George Harinck (Niederlande) enthalten wird.

 

Anmerkungen

1 Vgl. Ulrich Oelschläger, Martin Niemöller und seine Vergangenheit, in: Ev. Sonntags-Zeitung vom 26.4.2020, 8; Benjamin Ziemann, Kein Kronzeuge. Gründe für die Revision eines verklärenden Bildes von Martin Niemöller, in: Zeitzeichen 5/2020, 48-50; Michael Heymel, Ein Zerrbild gezeichnet. Benjamin Ziemanns Niemöller-Biografie wird ihrem Gegenstand nicht gerecht, in: Zeitzeichen 6/2020, 15-17; Detlef Schneider, Wer war Martin Niemöller? – Biographie sorgt für Diskussionen, in: HessPfBl Nr. 4, August 2020, 162-164. Zusammenfassend Michael Heymel, Ein Blickwechsel ist nötig. Die neue Niemöller-Debatte, in: HessPfBl Nr. 3, Juni 2021, 101-106.

2 Vgl. die Tagungsberichte von Gerard C. den Hertog (ndl./dt.), Moritz Groos und Michael Heymel (engl.) in: https://marburgerforschungenzumnt.jimdofree.com/tagungen/ (26.7.2021).

3 Vgl. „… an dem Geschehen in der Welt mitverantwortlich“. Impulse für Vielfalt und Respekt im Geist der Dahlemer Bekenntnisgemeinde. Kommentierte Dokumentation im Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem, hrsg. von Arno Helwig, Berlin 2021.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. habil. Michael Heymel, Jahrgang 1953, 2008-2016 wiss.-theol. Mitarbeiter am Zentralarchiv der EKHN in Darmstadt und im Pfarrdienst in verschiedenen Gemeinden; Veröffentlichung zum Thema: "Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer" (Darmstadt 2017).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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