Die Erinnerung gehört zu den Strukturen des jüdischen wie des christlichen Glaubens. Insbesondere die Kirche aber tut sich schwer mit der Erinnerung: sowohl mit der Erinnerung an ihre eigenen Ursprünge als auch mit der Erinnerung (und Aufarbeitung) unrühmlicher Epochen ihrer Geschichte. Das lässt sie für Holger Banse wenig glaubwürdig erscheinen.*

 

1. Der Jude Jesus und die Christologie in den altkirchlichen Dogmen

Das Christentum ist wie Judentum und Islam nicht nur eine „Buchreligion“, sondern auch eine Offenbarungsreligion. Ort der Offenbarung ist die Geschichte. In ihr teilt Gott sich einzelnen Menschen (Gen. 12) in verschiedenen Ereignissen (Ex. 20) und auf verschiedene Art und Weise mit. Darüber hinaus spricht das Christentum nun aber von einer Offenbarung, die weit über das bisherige Verstehen von Gottes Offenbarung an Menschen hinausgeht. Eine Textstelle finden wir hierzu im Prolog des Johannesevangeliums (Joh. 1,1ff). Hier schreibt der Evangelist, dass in Jesus Gottes Wort Fleisch wurde.

Es ist nicht davon auszugehen, dass Johannes der Begründer einer Christologie sein wollte, die 451 im Konzil von Chalcedon zum christologischen Dogma führte. In der theologischen Wissenschaft gilt als gesichert, dass Johannes in seinem Prolog möglicherweise Motive aus der Logos-Philosophie des hellenistischen Judentums und der Stoa übernahm. So ist es sicherlich nicht falsch zu behaupten, dass zu Beginn des Weges vom Johannesprolog bis zur Festschreibung des christologischen und trinitarischen Dogmas, heidnische Vorstellungen aus hellenistischer und römischer Götterwelt und Philosophie Pate gestanden haben, Vorstellungen jedenfalls, die keinerlei Bezugspunkte zu jüdischer Glaubenstradition und somit auch nicht zum Leben Jesu, seinem Glauben und seiner Verkündigung haben. Das Jude-Sein Jesu zu betonen war jedoch für die Erzählungen vor allem der synoptischen Evangelien von großer Bedeutung. Denn schließlich waren sie selbst Juden und ihre Evangelien Quellen jüdischen Glaubens. Ähnliches mag für Johannes gelten. Er schreibt jedoch aus einem anderen und für einen anderen kulturellen Hintergrund. Für den Juden Paulus spielte die Herkunft, das Leben, das Wirken und die Verkündigung Jesu keine Rolle. Des Paulus Verkündigung beschränkte sich auf das für ihn maßgebliche Kerygma des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu. So reflektiert Paulus an keiner Stelle über das Jude-Sein Jesu.

Vielleicht betonten die synoptischen Evangelien, die ja doch einige Jahrzehnte nach den Briefen des Paulus verfasst wurden, das Jude-Sein Jesu gerade deshalb, weil sie meinten, in der Theologie des Paulus fehlt der entscheidende Hinweis auf die Glaubenstradition Jesu, weil nur so der ganze heilsgeschichtliche Zusammenhang Sinn machen würde und zu verstehen sei.

Kirchliche Dogmatik und Volksfrömmigkeit

Die Lehren der altkirchlichen Dogmen entwickeln sich in den ersten christlichen Jahrhunderten. Alle ignorieren das Jude-Sein Jesu. Ihre Inhalte finden sich bis heute in der Liturgie, in den Glaubensbekenntnissen, in einer großen Anzahl kirchlicher Gesänge und Choräle der großen Kirchen und haben eine unhinterfragbare Gültigkeit.

In der Volksfrömmigkeit, die je länger je weniger amtskirchlich eingebunden war und ist, haben jedoch die christlichen Feste (Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten), die ihr Narrativ in den Erzählungen der Evangelien finden, eine größere Bedeutung als dogmengestützte theologische Aussagen der Kirche oder der Feste selbst.

Vor allem das Weihnachts- und dann auch das Osterfest haben jedoch die Jahrhunderte nicht unverändert überstanden. Aber es waren nicht theologische Erkenntnisse, die irgendwelche Veränderungen im Begehen der Feste mit sich gebracht hätten. Es waren kommerzielle Faktoren, die vor allem dafür sorgten, dass das Weihnachtsfest nicht in Vergessenheit gerät und sich immer noch großer Beliebtheit erfreut. So überdecken Weihnachtsmann und Osterhase die Geschehen der biblischen Erzählungen.

Und damit haben die Kirchen in den letzten Jahrzehnten große Mühe, vielleicht schon vergebliche, die Deutungshoheit über die kirchlichen Feste und Feiern nicht zu verlieren. Und da käme keiner aus theologisch-wissenschaftlicher Erkenntnis heraus auf die Idee, die romantische Gefühlswelt um den „Knaben mit dem lockigen Haar“ zu zerstören. Ist es doch genau diese, die nach wie vor die Menschen am Heiligen Abend in die Kirchen strömen lässt. Und wenn es doch den Versuch gab, der exegetischen Erkenntnis Rechnung zu tragen und etwas zu verändern, dann hatte das nicht lange Bestand, weil die Traditionalisten, die Volksseele und die Volksfrömmigkeit stärker sind als die Wahrheit, die ihre Erkenntnis aus der theologischen Arbeit bezieht.

Dazu ein Beispiel: an einem im liturgischen Jahr nicht unbedeutenden Punkt, nämlich in der Karfreitagsliturgie, versuchte die römisch-katholische Kirche vorsichtig, die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs einzubringen. Seit den 1960er Jahren reifte dort die Erkenntnis und fand dann auch in der Veränderung der Karfreitagsbitte insofern Eingang, dass Gottes Treue zu den Juden ungebrochen wäre. Aber vor allem den konservativen Kreisen in seiner Kirche gehorchend, revidierte Papst Benedikt XVI. diese Version und ließ seit 2008 wieder für die Bekehrung der Juden beten.

Ein anderes Beispiel dafür, wie kirchliche (hier: röm.-kath.) Lehre oder Volksfrömmigkeit nur noch sehr wenig mit der biblischen Botschaft zu tun haben, ist der Weg, auf den Maria, die Mutter Jesu, bis hin zu den vier Mariendogmen gestellt wurde. Aus Platzgründen kann an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Aber auch hier hat die Kirche die unverbrüchliche Linie Jesu zu Maria und derer beider Glaubenstradition durchtrennt.

 

2. Erinnerung als Vergegenwärtigung

Von dem jüdischen Gelehrten Ba’al Schem Tov (ca. 1700-1760) stammt der Satz: „Das Exil wird länger und länger des Vergessens wegen, aber vom Erinnern kommt die Erlösung.“1 Ohne Zweifel ging es Ba’al Schem Tov um die Erlösung des jüdischen Volkes aus Verfolgung und Exil. Der Satz des Ba’al Schem Tov wurde in den Jahrzehnten nach ihm zu einem geflügelten Wort, das man der jüdischen Tradition zuordnete und dessen Wortlaut leicht abgewandelt wurde. So finden wir ihn heute an vielen Stellen, die sich mit der „Vergangenheitsbewältigung“ beschäftigen, folgendermaßen: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Und oftmals ist es der Erinnerung an das, was das jüdische Volk erlitten und erduldet hat, entkleidet, aus seinem sog. „Sitz im Leben“ entnommen und zu einem inflationären Wort für jegliches Erinnern geworden.

Erinnern ist und war für die jüdische Tradition etwas Grundlegendes. Wenn das AT von Erinnern spricht, dann meint dieses Erinnern sowohl ein Erinnern Gottes als auch ein Erinnern des Volkes. Im Erinnern erfährt das jüdische Volk das heilvolle Handeln Gottes. Erinnerung wird somit zur Quelle jüdischen Glaubens.

Erinnern geschieht in jüdischer Tradition weniger in einem intellektuellen Akt, als vor allem im rituellen Handeln. Das beste Beispiel ist dafür die Feier des Pessach-Festes. Jeder der am Sedermahl teilnimmt, das zu Beginn des Pessach-Festes gefeiert wird, solle so tun, als ob er selbst aus Ägypten herausgeführt und befreit wurde.

So wird das Fest zu einem Fest der Befreiung, der Erlösung, der Freude und des Lobes Gottes. In dieser erinnernden Vergegenwärtigung spielt der Prophet Elia (1. Kön. 17 bis 2. Kön. 2) eine nicht unwichtige Rolle. Denn seit seiner Entrückung in den Himmel (2. Kön. 2,11ff) wird seine Wiederkunft erwartet. Hier beim Sedermahl in besonderer Weise: die Tür zum Festsaal wird offen gelassen, damit der Prophet ungehindert eintreten kann, ein Stuhl wird für ihn freigehalten und der Becher des Elia – es ist der siebte, der im Verlauf des Mahles die Runde macht – steht bereit und wird geleert. Nicht von ungefähr wird Jesus hin und wieder mit der Frage konfrontiert, ob er der wiedergekommene Elia sei, denn Elia ist über die Jahrhunderte hinweg und insbesondere zur Zeit Jesu sehr präsent und seine Wiederkunft wird zu jeder Zeit erwartet.

Die jüdische Glaubenstradition hat jedoch Elia als den belassen, der er war: der Prophet, der Wundertäter, der als erster, wie kein anderer vor ihm, den Glauben an den einen einzigen Gott vertrat und für diesen stritt. Und als solcher wurde er verehrt, als solcher wurde seine Wiederkunft erwartet. Das Bekenntnis zu dem einen einzigen Gott, der Monotheismus, ist unauflösbar mit Elia verbunden.

 

3. Das Dilemma der selektiven Erinnerung der Kirche

Wie kann es anders sein, dass auch das Christentum als Offenbarungsreligion und damit die Kirche ihre Identität im vergegenwärtigenden Erinnern von Ereignissen aus der Geschichte findet. Und da das Christentum, wie erwähnt, sehr eng mit dem Judentum verbunden ist, haben christliche Feste eine deutliche, vor allem zeitlich-terminliche Parallele zu jüdischen. Selbst bei privat-familiären Feiern mit religiösem Hintergrund (Beschneidung – Taufe; Bar/Bath Mizwa – Konfirmation/Firmung) sind die Ähnlichkeiten auffällig.

Und trotz dieser „familiären“ Nähe gingen beide Glaubensweisen getrennte Wege. Das hatte anfangs vor allem soziologische Gründe, also vor allem die der Abgrenzung. Bald jedoch ignorierte die Kirche die Existenz der nach wie vor existierenden jüdischen Gemeinden und bezeichnete sich selbst als das von Gott auserwählte Volk. Die sich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung in der Kirche entwickelnde sog. „Substitutionstheologie“ mit ihren Folgen sei hierfür als Beispiel genannt. Auch wenn mit der Aufarbeitung der Shoah zumindest bei einigen Theologen und Kirchen ein Umdenken im Blick auf die Substitutionstheologie begann2, hat das bisher wenig Einfluss genommen auf liturgische Vorlagen (siehe z.B. oben die Karfreitagsliturgie in der röm.-kath. Kirche), auf Lieder3 und Choräle, die in den Gottesdiensten gesungen werden, ja selbst auf die Theologie der Theologen.

Man könnte den Kirchen ein löchriges Gedächtnis, eine defizitäre Erinnerung, eine partielle Amnesie, oder gar eine Verdrängung des zu Erinnernden vorwerfen. Aber das wäre zu einfach gedacht. Sie wollten einfach nicht konsequent Folgen aus den Ergebnissen ihrer Studien ziehen. Das hätte die Unfehlbarkeit4 doch arg in Zweifel gezogen. Und darum war ihr Erinnern immer ein selektives: was nicht sein darf, das kann nicht sein.

So wäre die Erinnerung an das, was wirklich war oder geschah, unangenehm, wenn man sich eingestehen müsste, dass die ein oder andere frühere Erkenntnis und Entscheidung schlichtweg nicht mehr den Ergebnissen der Forschung entspricht und so manches, was sich über die Jahrhunderte hinweg in der Dogmen- und Theologiegeschichte entwickelte, über den Haufen werfen würde. Dann lieber alles so belassen, wie es ist, und sich in der Theologie zwar einen wissenschaftlichen bzw. akademischen Anstrich geben, um in der Öffentlichkeit und an den Universitäten präsent zu sein, aber aus den Ergebnissen der Forschung keine Rückschlüsse ziehen.

Das Vergessen der eigenen Ursprünge

Zwar geht es in der theologischen Wissenschaft, wie in allen anderen Wissenschaften auch, um die Wahrheit. Aber in der Wahrheit geht es wohlweißlich nicht um ein objektives Faktum. Ja, man kann sich über die Frage: Was ist Wahrheit? gebührlich streiten. Und in dieser Frage hat die Kirche, haben die Theologen oft keinen Spaß verstanden. Denn hätte die Kirche, das Zehn-Wort vom Sinai, die Worte Jesu, selbst die Gedanken des Paulus ernst genommen, dann hätte von ihr kein Krieg, kein Töten, kein Morden ausgehen dürfen. Aber sie hat die Friedensbotschaft Jesu über weite Strecken ihrer Geschichte vergessen.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt kritisierte die Friedensbewegung in der Diskussion um den Doppelbeschluss der Nato vom 12. Dezember 1979, indem er sagte, man könne mit der Bergpredigt keine Politik machen. Auf Kirchentagen verfocht er vehement die von Max Weber propagierte Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Aber wem antwortet eine Verantwortungsethik, wenn nicht den Mächtigen und ihrer Machteroberung oder ihrem Machterhalt. Aber es ist nicht die Philosophie Machiavellis, die den Christen ins Stammbuch geschrieben wurde, sondern die Bergpredigt Jesu. Und da muss ich mich als Christ entscheiden, welchem Herrn ich diene. Nein, da gibt es nichts zu entscheiden. Als Christ ist mir die Entscheidung abgenommen. Und da bleibt die Frage, ob der Beruf des Politikers für einen Christen, wenn man mit der Bergpredigt keine Politik machen kann, der richtige Beruf ist. Ähnliches gilt für den Beruf des Soldaten.

Und so bleibt eins der großen Dilemmata der Kirche der Unterschied zwischen dem, was Jesus sagte und wollte und dem, was die Kirche zum Teil aus den Worten Jesu gemacht hat. Das Aufzeigen der Blutspur durch die Jahrhunderte, wo Kirche zum Krieg, zum Töten aufgefordert (die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Religionskriege seien hier nur als Beispiele genannt) oder sie geduldet, abgesegnet, religiös und seelsorgerlich begleitet und flankiert hat (siehe hier die Eroberungskriege, die im letzten Jahrhundert von Deutschland ausgingen), würde ganze Bücherregale füllen.

Denn um Macht und Machterhalt ging und geht es der Kirche, seit sie sich mit den Mächtigen einließ und sich in ihrem Lichte sonnen konnte. Staatstreue und Gehorsam, oft vorauseilender Gehorsam der weltlichen Macht gegenüber waren und sind ihr immer wichtig gewesen. Sie begründete dies mit den paulinischen Gedanken aus Röm. 13. Aber wenn wir uns unzählige Beispiele für Mord und Töten aus der Papst- und Kirchengeschichte anschauen, dann lässt sich das auch beim besten Willen nicht mit Röm. 13 erklären, denn hier gingen Mord und Vernichtung von der Kirche selbst aus. Und das Wort Jesu vom Herrschen und Dienen (Mt. 20,20ff; 23,11f) passte bald und schon gar nicht mehr in das Gefüge der Verführung von Macht und politischem Anspruch, dem die Kirche erlag.

Und so steckt die Erinnerungskultur der Kirche in einem großen Dilemma: da gibt es nicht nur das in den vorhergehenden Kapiteln aufgeführte Unvermögen einer kritischen Reflektion und Analyse ihrer Bekenntnisse im Blick auf die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese, dem Jude-Sein Jesu und dem christlichen-jüdischen Gespräch, sondern auch grundlegend den Gehorsam bzw. den Ungehorsam dem Worte Gottes und der Verkündigung Jesu gegenüber.

 

4. Die Schuld der Kirche und ihre Schulbekenntnisse

Die bisher formulierten und bekannten Schuldbekenntnisse der Kirche welcher Couleur auch immer konnten nicht einmal in Ansätzen diese Dilemmata auflösen, was ja vielleicht der Sinn derselben gewesen wäre.

Als Beispiel sei hier das Stuttgarter Schulbekenntnis vom Oktober 1945 genannt, das in einer Sitzung den Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen vorgelegt wurde. Abgesehen davon, dass mit keinem Wort die versuchte Vernichtung des europäischen Judentums erwähnt wurde, an der die Kirche ja mit ihrer Theologie und Verkündigung wesentlich beteiligt war, sind die im Schuldbekenntnis notierten Worte von Leid und Schuld nichts als leere Hülsen, weil sie inhaltslos aneinander gereiht werden. Denn was waren Grund und Ursache, dass dieses entsetzliche Leid von der Kirche ausgehen konnte und über Völker und Länder gebracht wurde. Darüber schweigt das Bekenntnis. Da hätte die Kirche sich an ihre oft blutige Geschichte von Macht und Machtgelüsten erinnern müssen, die zurückreichen bis in die ersten christlichen Jahrhunderte. Aber was hülfe die Erinnerung, wenn zwar Irrtümer erkannt würden, aber aus dieser Erkenntnis keine positive Veränderung folgte.

Buße der Kirche?

In der römisch-katholischen Kirche gibt es das Sakrament der Beichte. Der Katholische Erwachsenenkatechismus nennt fünf Voraussetzungen für eine gültige Beichte und das dürfte im Grunde auch entsprechend für Sündenbekenntnis und Vergebung in evangelischem Raum gelten: Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis und Wiedergutmachung.

Das Bußsakrament bewirkt die Wiederherstellung der Taufgnade, die für das ewige Leben bei Gott notwendig ist. Wer keine Reue zeigt, wer die nächste Sünde oder die Gelegenheit dazu nicht meiden will oder seinen Feinden nicht verzeihen, fremde Ehre nicht wieder herstellen will, erhält keine Vergebung der Sünden. Wie steht es in diesem Sinn mit der Schuld und der Buße der Kirche?

Das, was Kirche von ihren Mitgliedern fordert, vermag sie selbst nicht einzulösen. Da ist sie in selbst gelegten Fesseln gefangen. Wie kann sie erlösen, wenn sie selbst gefangen ist? Oder um mit Worten Jesu zu sprechen: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden nicht alle beide in die Grube fallen? (Lk. 6,39)

Wenn wir von Schuldbekenntnissen sprechen, möchte ich an das Schuldbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer erinnern, das er lange vor seiner Verhaftung 1943 formulierte, und das posthum von seinem Schüler und Freund Eberhard Bethge im Rahmen der „Ethik“ Bonhoeffers 1949 herausgegeben wurde. Dieses Schuldbekenntnis wurde nie und von keinem gesprochen. Die Schuldbekenntnisse der Kirche, die später folgten, erfüllten bei weitem nicht das, was Bonhoeffer hier in seiner Ethik vorgedacht und gefordert hat. Die Kirche ist auf einem Viertel des Weges stehen geblieben. Und so konnte sie das Exil nicht verlassen, in das sie sich selbst hineinmanövriert hatte.

So könnte man sagen, dass die Kirche in ihrem Vergessen dessen, was war und was sie eigentlich hätte tun müssen, seit langem im Exil lebt, gefangen, befangen und darum in vielem, was sie tut und predigt, wenig glaubwürdig ist. Und je länger und je mehr Menschen sich von ihrer Vormundschaft lösen, nicht mehr den Ritualen folgen, ihre Autorität als einzig Sinn stiftende Institution in Frage stellen und selbst nachdenken, so wie es in der Reformation einmal begonnen hatte – aber dann auch hier schnell, vielleicht aus Bequemlichkeit versandete –, umso weniger wird man ihr blindes Vertrauen und Gehorsam entgegen bringen. Denn es bleibt die Frage: Wie kann die Kirche als eine, die sich selbst wenig an die von ihr selbst aufgestellten Regeln hält, die erlösende Botschaft von der freimachenden Gnade des einen und einzigen Gottes verkünden?

Aber wer stellt diese Frage? Und wenn sie einer stellen würde, würde sie bei den Angesprochenen auf Kopfschütteln und gänzliches Unverständnis treffen. Denn an Selbstsicherheit und Selbstgewissheit hat es der Kirche noch nie gemangelt. Und immer wieder hat sie betont: extra ecclesiam nulla salus est. Und Glaube ist das, was die Kirche glaubt. So ist die Kirche, so wie sie sich bis heute darstellt, in einem Legislative, Judikative und Exekutive, in einem geschlossenen Kreislauf … – und darum in einer demokratischen Gesellschaft, in der ja auch und immer schon gewisse Grundregeln gelten, wenig oder vielleicht gar nicht mehr zeitgemäß.

 

Anmerkungen

* Dieser Aufsatz ist eine Zusammenfassung des Kapitels „Die Kirche und die Erinnerung“ in: Holger Banse, Das Geheimnis der Erlösung… Die Kirche im Dilemma zwischen biblischer Botschaft, Bekenntnistreue und Gehorsam dem Staat gegenüber, Fromm Verlag, 2021.

1 Vgl. Sefer Ba‘al Schem Tov, II, 190 §8.

2 Siehe den Rheinischen Synodalbeschluss von 1980 zur „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“.

3 Ein neueres Beispiel hierfür ist das seit einigen Jahrzehnten gern gesungene „Halleluja“ aus Taizé mit der Strophe: „Ihr seid das Volk, das der Herr sich ausersehn…“.

4 In der katholischen Kirche ist die Unfehlbarkeit des Papstes eine Eigenschaft, die – nach der Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) unter Papst Pius IX. – dem römischen Bischof (Papst) zukommt, wenn er in seinem Amt als „Lehrer aller Christen“ (ex cathedra) eine Glaubens- oder Sittenfrage als endgültig entschieden verkündet. Das Zweite Vatikanische Konzil sprach 1964 der Gesamtheit der Gläubigen ebenfalls Unfehlbarkeit zu: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben, kann im Glauben nicht irren.“

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Holger Banse, zuletzt bis Ende April 2019 Pfarrer der Evang. Kirche im Rheinland in Adenau, seit Mai 2019 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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