Einen Kollektendank soll ein Pastor einmal mit den Worten begonnen haben: „Wir hatten letzten Sonntag eine gute Kollekte. Sie ist nur noch in ihrem Portemonnaie.“ Wenig Fantasie wird zurzeit – so jedenfalls das Gefühl an der Basis von Kirchengemeinden – zur künftigen Finanzierung der Landeskirchen entwickelt. Dabei ist – nicht erst seit Corona – offensichtlich, dass die Einnahmen der Kirche permanent zurückgehen. Es wäre auch zu schön um wahr zu sein, glaubte man, die Landeskirchen könnten, nach Ende der Staatskirche vor 100 Jahren, auf unabsehbare Zeit weiter von gleich bleibenden Steuereinnahmen zehren. Erstaunlich, wie lange es noch funktioniert hat!

 

Zauberwort „Regionalisierung“

Kirchliche Gremien beschäftigen sich in vielen Landeskirchen nur mit Einem: Wie kann man kirchliche Strukturen soweit abspecken, dass das System insgesamt erhalten bleibt? Wieder einmal müssen Pfarrstellen gestrichen, Gebäude abgestoßen, kleinere Einheiten zu größeren zusammengelegt werden. „Regionalisierung“ lautet das Zauberwort, hinter dem der biblische Begriff „Gemeinde“ zunehmend verblasst. Bleibt es bei der angestrebten Entwicklung, gehen wir einer Zeit zunehmender Anonymisierung und Bindungslosigkeit entgegen. Pastorinnen und Pastoren bilden Pfarramtsverbünde, werden zu Managern, die religiöse Bedürfnisse der verbleibenden Kirchenmitglieder bedienen und ihre Zeit in unvermeidbaren Dienstbesprechungen verbrauchen. Auf Seiten der Gemeindeglieder muss zudem bezweifelt werden, dass sie sich beliebig zu Anlaufstellen und Angeboten in zentrale Orte dirigieren lassen. Entweder tun sie es längst aus Interesse oder bleiben künftig völlig fern.

Keine Frage, es gibt gemeindliche Einheiten und Strukturen, die – schon soziologisch betrachtet – zu klein geworden sind und von Zusammenlegung mit Nachbargemeinden profitieren. Das hat es immer gegeben und wird es aufgrund regionaler gesellschaftlicher Entwicklungen immer geben müssen. Dass alles beim Alten bleibt, kann kein Leitmotiv sein. Auch gibt es noch ein großes Einsparpotential bei zwar wünschenswerten funktionalen Diensten, die jedoch, je mehr die Basis bröckelt, desto weniger in Anspruch genommen werden. Vitale gewachsene Gemeindestrukturen an der Basis leichtfertig zu opfern, wäre dagegen ein Frevel, der den Erosionsprozess der Landeskirchen noch beschleunigt.

 

Modifizierung des Finanzierungssystems

Warum werden keine Überlegungen zur Modifizierung des Finanzierungssystems der Landeskirche diskutiert? Das aktuelle System von Kirchensteuer und Pachteinnahmen scheint sakrosankt und ohne Alternative. Die Unausweichlichkeit, Kirche bei abnehmenden Steuereinnahmen abzubauen, scheint gottgegeben, ja gottgewollt, als stünde es buchstäblich in der Bibel.

Ohne Frage wird niemand ernsthaft die Abschaffung des Kirchensteuersystems wünschen. Auch sind gesicherte Einnahmen aus Landverpachtung beruhigend für einen Arbeitgeber, der so viel Personal zu versorgen hat wie die Kirchen. Leider besteht für Kirchengemeinden darüber hinaus keine Möglichkeit, sich am Erhalt des Stellenrahmenplans eigenverantwortlich finanziell zu beteiligen. Alles in den zurückliegenden Jahren gepriesene Fundraising zielt lediglich auf Beiträge zur Erhaltung von Gebäuden, Orgeln, Glocken und Kunstgegenständen, nicht aber auf die Absicherung von Personalstellen. Begründung: Die eingeworbenen Gelder sind keine verlässliche Einnahmequelle.

Wie kann es möglich sein, dass sich Kirche in einem so reichen Land unaufhaltsam demontiert? Dabei gibt es ungeheure Vermögen in Deutschland, auch unter Kirchenmitgliedern. Das Geld ist da, es befindet sich nur auf den Konten der Mitglieder.

Alles wird teurer: Beiträge, Gebühren, Mieten, bisweilen auch Steuern. Nur an der Höhe von Kirchensteuern wird nicht gerührt – seit Jahrzehnten. Warum wird den verbleibenden Mitgliedern keine Möglichkeit geben, durch moderate Erhöhung der Kirchensteuer vitale kirchliche Strukturen zu erhalten oder auszubauen? Gewiss könnte die Anhebung des Steuersatzes vorübergehend auch zu erhöhten Kirchenaustritten führen, gleichzeitig aber auch zu steigenden Einnahmen.

Denkbar wäre allerdings auch, Kirchensteuer demonstrativ abzusenken mit der Option, dass Kirchengemeinden sich dafür verbindlich an der Finanzierung ihres Personals aktiv beteiligen? Schon heute legen in vielen Gemeinden Gemeindeglieder freiwillige Kirchenbeiträge zusammen, die erklärtermaßen in der Regel jedoch nur Löcher in der Finanzierung von Ausstattung stopfen, nicht jedoch dem Erhalt von Personal dienen. Das könnte ausgebaut werden.

 

Mehr Eigenverantwortung der Kirchengemeinden

Ist jemals eine Kirchengemeinde ernsthaft vor die Alternative gestellt worden, Personal abzubauen oder mittels verbindlichen Eigenbeitrags zu erhalten? Wer würde nicht bedauern, dass sich– ähnlich Banken und Behörden – auch Kirche aus der Fläche zurückzieht? Könnten nicht Gemeinden daran erstarken, vor die Herausforderung gestellt, mit verlässlichem Eigenbeitrag dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Wäre nicht längst – schon vorsorglich – überfällig, die Finanzierung der Landeskirchen auf weitere Füße zu stellen, neben Kirchensteuer und Pachteinnahmen, auch durch verbindliche Kirchenbeiträge von Mitgliedern, die freiwillig dafür zu gewinnen sind?

Gerecht erscheint das bisherige Finanzierungsmodell, nach welchem landeskirchliche Mittel gemäß Verteilungsschlüssel für Gemeindegliederzahlen und Kubikmeter umbauten Raums gleichmäßig verteilt werden. In Wirklichkeit verhindert es, dass das, was sterben möchte, stirbt, und anderes, was wachsen möchte, wächst. Selbst wenn eine Kirchengemeinde noch so viele regelmäßige Spendengelder dafür aufbringen würde, sie kann nach derzeitigem Stand unmöglich Personalaufstockung zu ihren Gunsten bewirken.

Wie wäre es, wenn jede Kirchengemeinde – z.B. in einer Gemeindeversammlung – vor die Alternative gestellt wird, entweder ihren Personalstellenanteil gemäß Entwicklung der Mitgliederzahlen zu verringern oder künftig anteilig verlässlich selber dafür aufzukommen? Ein Kreis von Spenderinnen und Spendern müsste vor Ort gewonnen werden, der bis auf Widerruf verbindliche regelmäßige Beiträge in eigens festgelegter Höhe entrichtet. Hiermit würde der Kirchengemeinde größere Verantwortung am eigenen Erhalt zugebilligt bis hin zur Möglichkeit, zu wachsen und im Einzelfall Stellenanteile aufzustocken. Gleichzeitig würde die Landeskirche frühzeitig dem Szenario vorbauen, dass ihr möglicherweise – was nicht für alle Zeit auszuschließen ist –das bequeme Kirchensteuersystem staatlicherseits einst entzogen würde, wodurch für alle Mitglieder ein Pflichtkirchenbeitrag unvermeidbar werden würde.

Gerald Flade

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

2 Kommentare zu diesem Artikel
21.10.2021 Ein Kommentar von Ralf Krüger Ich stimme Gerald Flade zu, dass es jetzt an der Zeit wäre, über alternative Finanzierungsmöglichkeiten für Personalstellen, aber auch für Bau- und Sachausgaben in den Kirchengemeinden nachzudenken. Allerdings bezweifele ich die nicht allein von ihm getätigten Aussage, "dass die Einnahmen der Kirche permanent zurückgehen". Seit meiner Studienzeit in den 1980er Jahren wird erzählt und propagiert, dass die kirchlichen Einnahmen schrumpfen. Jede Sparrunde wird mit diesem "Argument" begründet. Ein Blick in öffentlich zugängliche Tabellen (beispielsweise Wikipedia zum Stichwort "Kirchensteuer") zeigt, dass es ein kontinuierliches Wachstum der Kirchensteuereinnahmen gegeben hat. Zugegeben, etwa in den Jahren zwischen 1995 und 2005 stagnierten die Einnahmen bzw. es war auch ein Rückgang des Kirchensteueraufkommens zu verzeichnen, aber danach stiegen die Einnahmen der evangelischen Kirchen von 4.200 Mill. € (2007) auf 5.950 Mill € (2019) um knapp 42% (Quelle: Statista GmbH - 20355 Hamburg). Coronabedingt sanken die Einnahmen 2020 um knapp 5,5%. Es wird aber vermutet, dass das Kirchensteueraufkommen sich bei einer Stabilisierung der Wirtschaft wieder auf dem Niveau der Zeit vor Corona bewegen wird. Neben der Kirchensteuer erwähnt Flade auch die Pachteinnahmen. Hier kann man auf der Internetseite des Landesamtes für Statistik Niedersachsen nachlesen, dass das durchschnittliche Pachtgeld von 2010 bis 2020 je Hektar Land um 67% von 307 € auf 514 € angehoben wurde. An dieser Entwicklung partizipieren selbstverständlich auch die Kirchen. Nun ist mir klar, dass den steigenden Einnahmen die Inflation und die Lohnentwicklung gegenüberstehen, und auch die Entwicklung am Finanzmarkt fordert ihren Tribut. Aber das Narrativ von den sinkenden Einnahmen darf in meinen Augen nicht ungeprüft fortgeschrieben werden, es bedarf dringend einer ehrlichen und transparenten Korrektur.
22.10.2021 Ein Kommentar von Gerald Flade Vielen Dank, Herr Krüger, für Ihren sachdienlichen Kommentar! Sollten die Zuständigen in den Landeskirchen von dieser Erkenntnis nicht wissen? Auch in der letzten großen Sparrunde hätte rückblickend m. E. weniger an Pfarrstellen eingespart werden müssen, als geschah, wie sich in den nachfolgenden "fetten Jahren" herausstellte. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es noch vor zwei Jahren zu einer überraschenden Sonderausschüttung von Geldern an alle Kirchenkreise der Landeskirche kam. Könnte es sein, dass es den entscheidenden landeskirchlichen Stellen an Glauben fehlt, dass Christus seine Gemeinde, so sie zu ihm steht, erhält und fördert – auch wenn dies sicherlich keine Absicherung für verantwortungslose Finanzentwicklung bedeutet? Wenn Ihre These - was auch ich persönlich glaube - stimmt, dass die Einnahmen der Landeskirche nicht zwangsläufig weiterhin rückläufig sein müssen, brauchten jetzt nicht wieder Kirchengemeinden Pastor/innen verlieren, die - wie "meine" Kirchengemeinde - ununterbrochen seit Jahrhunderten durch einen Ortspastoren (leider noch keine Ortspastorin) begleitet, betreut und geistlich ausgebaut wurde.
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