Beinahe hätte sie ihn gefeiert, die EKD: Martin Luther vor dem Reichstag in Worms, der „Ich“ sagt gegen Mehrheit und Macht, sich auf sein Gewissen beruft und nur von der Schrift sich widerlegen lassen will. Beinahe – hätte nicht der Bundespräsident ausgerechnet fast zeitgleich der Corona-Toten gedenken wollen.

Dieses Luthergedenken wäre aktuell gewesen. Gegen Querdenker, die ihre Meinung herausschreien und sich von nichts und niemandem korrigieren lassen – Luther nimmt die Schrift als Grenze der eigenen Meinung. Aber auch evangelische Kirche wäre angesprochen gewesen, die offenbar immer noch nicht wirklich weiß, wie sie mit der Vielfalt der Meinungen umgehen soll. Die es schwer erträgt, evangelische Menschen selbst denken und eigene Wege gehen zu lassen – auch gegen kirchliche Empfehlungen.

Ja, evangelische Kirche als vielstimmiger Pausenhof macht keinen guten Eindruck. Wenn Kirche ihrer selbst nicht mehr sicher ist, möchte sie einstimmig wirken. Luther sagt „Ich“ – gegen Menschen und Macht. So modern. So störend. Offenbar auch heute.

Zu hart geurteilt? In der Frage der Sterbehilfe in kirchlichen Heimen habe ich den Eindruck, dass die große Zahl Andersdenkender die EKD heftig irritiert. Man tut sich mit den römischen Brüdern zusammen, wehrt Gegenmeinungen aus den eigenen Reihen ab. Eine von der EKD mit finanzierte Zeitschrift mag einen Artikel mit Anfragen an die EKD-Position nicht drucken. Man möchte „niemanden beschädigen“ – ich lese die „Herder Korrespondenz“: kritisch und auch darin kirchenfreundlich – das geht. Vielleicht hat man in einem System mit personifizierter Wahrheitsinstanz Übung im Umgang mit der einen Wahrheit?

Mehr noch: Gerade die kritische Sympathie hält manche bei der Römischen Kirche. Sie spüren, dass es auch andere Meinungen gibt und Raum, sie zu äußern. Aber wir? Als hätte Kirche immer noch nicht den Unterschied zwischen Presse und Öffentlichkeitsarbeit begriffen …

 

Mündige Christenmenschen ernst nehmen

Was mich am meisten ärgert: Diese Art ethischer Positionierung nimmt mündige Christenmenschen nicht ernst. Kirche meint „Wir wissen und sagen, was richtig ist!“ und erwartet Gefolgschaft. Nur: Davon waren Luthers Gegner in Worms auch überzeugt. Dass sie es gut meinen und richtig sagen.

Vielleicht sollte man wieder Bonhoeffers Entwürfe zur „Ethik“ lesen? Ethische Meinungen, nicht begründet aus dem eigenen Gut-Meinen, sondern in Auseinandersetzung mit anderen Positionen. Indem er andere Meinungen ernst nimmt, begreift er die Grenzen seines eigenen Gut-Meinens. Versteht, dass es kaum jemals ein „Richtig“ im Gegensatz zu einem „Falsch“ gibt, man vielmehr oft für das Mehr-Richtige ein wenig Falsches in Kauf nehmen muss. Also nicht Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, sondern richtig um einen Preis, den man zahlen muss. Man bietet Angriffsfläche für andere, die die Kehrseiten meines Richtigen herauskehren und ihre Meinung dagegenstellen. Und manchmal kennen sie nur ihr Richtiges und nichts anderes. Das ärgert.

Aber würde es die EKD und ihre Repräsentanten beschädigen, wenn sie ihre Auslegung der Bibel mit Argumenten verträten und den Menschen zutrauten, selbst zu entscheiden? Warum muss es ein „so und nicht anders“ sein, könnte man mit der Denkfigur des Dilemmas nicht andere Meinungen ernst nehmen? Das Dilemma erklären, Menschen eine Entscheidung zutrauen, ihnen helfen, mit ihrer Entscheidung zu leben und ertragen, dass andere anderer Meinung sind, vielleicht auch mit Austritt drohen, fromm-einfache Kommentare schreiben – wäre das nicht ein Weg, Kirche zur ernst genommenen Gesprächspartnerin zu machen? Aber man hat Angst, EKD-Prognosen reden nur vom (Ver-)Schwinden von Kirche.

Vielleicht war es besser, Luther nicht zu feiern. Ehrlicher. Schade ist es um notwendige Fragen, die da gestellt worden wären. Vielleicht nur von den Zuhörenden. Und die Redenden hätten es mit dem Mut Luthers gut sein lassen …

Martin Ost

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.