Die biblischen Psalmen sind ein Stück Weltliteratur; sie sind eine Quelle des jüdischen Glaubens und zugleich das Gebetbuch Jesu und der ersten Christen. Heute haben sie zwar ihren angestammten Platz in den Liturgien der Kirchen, doch wirklich verinnerlicht werden sie nicht. Thomas Damm hat dem Geist der Psalmen nachgespürt, sie nachgedichtet und stellt das Resultat seiner Arbeit hier vor.

 

Verse, die um die Erde gehen.
Bilder, die Welten öffnen.
Worte, mit denen es sich leben lässt.
Spuren Gottes, denen Menschen nachgehen.
Menschliche Wege, die Gott mitgeht.
Impulse für die eigene Glaubens- und Gefühlswelt.
Jubel, der alles Verhaltene durchbricht.

Das alles und noch so viel mehr sind die Psalmen, die in der Hebräischen Bibel, dem Ersten Testament, gesammelt sind; 150 Psalmen in einem Lieder- und Gebetbuch. Sie finden einen deutlich hörbaren Nachhall im NT, denn sie sind das Gebetbuch Jesu. Und wir finden dort viele weitere Lieder und Verse, also neue Psalmen. Das Erste und das Neue Testament sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte,1 hörten damals alle Christusgläubigen unweigerlich diese Verse aus der Hebräischen Bibel mit:

Gott ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

Wenn ich in einem Gottesdienst diese Worte mit der feiernden Gemeinde spreche, gibt es im Raum eine große Verbundenheit. Sie sind Teil des christlichen Genpools wie das Vater Unser. Es sind die Verse der Mütter und Väter im Glauben, vielleicht sogar der eigenen Mütter und Väter. Sie stellen eine Verbindung her und schaffen damit eine Gemeinschaft. Wir spüren die gemeinsame Verbundenheit als Glaubende. Wir spüren einen Link zu Gott, der bei uns ist als das Licht in unserer Mitte. Wo vielleicht unsere eigenen Worte versagen, können eingeübte Verse noch Trost vermitteln; selbst solche, die nach langer Zeit erstmals wieder gestammelt werden.

 

Literarisches Weltkulturerbe

Für mich hat eine große Entdeckungsreise begonnen, als ich mich in meinen eigenen dichterischen Versuchen, die Welt und mich selber besser zu verstehen, den Psalmen genähert und geöffnet habe. Zunächst habe ich viele Jahre für mich selbst gedichtet. Meine Tagebücher enthalten eigentlich nur Verse. Dann habe ich die letzten acht Jahre lang wöchentlich ein Gedicht an Freundinnen und Freunde sowie interessierte Menschen gesandt. Und wir haben diese Gedanken geteilt, denn immer wieder bekam ich Antworten von meinen Leserinnen und Lesern.2 Schließlich habe ich für mich den Reichtum der Psalmen neu entdeckt.

Als Theologe nähere ich mich den Psalmen auch noch auf eine andere Weise. Denn sie sind ein literarisches Weltkulturerbe. Die Psalmen können in ihrer Bedeutung für die Welt seit 3000 Jahren nicht überschätzt werden. Als man 1947 in Qumran am Toten Meer den größten biblischen Schriftenfund überhaupt machte, ein großes Wunder und ein Geschenk für die Fachwelt, fanden sich in der Menge der Schriftrollen allein 31 Psalmensammlungen. Kein anderes biblisches oder religiöses Buch war annähernd so häufig in dem entdeckten Fundus vertreten.3

Die Psalmenforschung steht vor vielen Rätseln. So konnte beispielsweise bis heute nicht entschlüsselt werden, was das kleine Wort sela4 bedeutet, das sich in vielen Psalmen findet. Es mag die Aufforderung zu einem musikalischen Zwischenspiel gewesen sein oder auch nicht. Zudem liegt vieles im Dunkeln, was mit der Entstehung der Psalmen zu tun hat. Manches kann man allerdings festhalten. König David, der um 1000 v. Chr. gelebt hat, wird als Dichter und Komponist von 73 Psalmen genannt. Da man früher ein anderes Verständnis von Autorenschaft hatte, darf das nicht unbedingt wörtlich genommen werden. In jedem Fall bleibt der Dichterkönig David mit der Welt der Psalmen verbunden. Er hatte noch vor der Jahrtausendwende die alte Jebusiterstadt Jerusalem erobert und zu seinem Eigentum gemacht.5 Sein Sohn Salomo hat dann kurz nach Davids Tod den ersten israelitischen Tempel in Jerusalem gebaut. Die Psalmen hatten schon damals als Lieder im Tempelgottesdienst ihren festen Ort; vielleicht nicht nur als Lieder. Denn manche Psalmen sind Gebete, andere Gedichte. Aus dieser frühen Zeit mag sich noch manches finden, was in späteren Psalmen wieder aufgenommen und weiterverarbeitet wurde. Aber vollständige Psalmen? Die Psalmenforschung ist sehr vorsichtig mit Festlegungen, was diese frühe Zeit betrifft. Aber Gedanken, Formulierungen, einzelne Verse mögen gut und gern 3000 Jahre alt sein.

 

Wie Ringe an einem Baum

Deutlich mehr findet sich aus der Zeit des Zweiten Tempels im Psalter, manches auch aus der vorausgehenden Zeit des Babylonischen Exils, nach dessen Beendigung durch das Kyrosedikt6 nicht nur die zerstörte Stadt Jerusalem wiederaufgebaut wurde, sondern auch der Tempel. Wir sprechen hier vom 6. Jh. vor unserer Zeitrechnung. Die Zeit des Zweiten Tempels reichte von seiner Einweihung 515 v. Chr. bis zu seiner Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr.

In dieser Zeit sind verschiedene Lieder-, Gebets- und Gedichtsammlungen zusammengewachsen wie Ringe an einem Baum. Seit etwa 100 v. Chr. spricht man vom Buch der Psalmen als Teil der heiligen Schriften des Judentums.7 In früher christlicher Zeit sind die Psalmen eins zu eins als heilige Schriften übernommen worden. Die ersten Christinnen und Christen waren bekanntlich Juden. Wir haben es hier also mit einer organischen Entwicklung zu tun. Von Jesus wissen wir, dass er stets Psalmen auf den Lippen hatte, mit ihnen gelebt hat und mit ihnen gestorben ist. Seine Sterbeworte entstammen dem Ps. 22. Mit seinen Jüngerinnen und Jüngern hatte er noch kurz vor seiner Verhaftung und nach dem letzten gemeinsamen Mahl das Große Hallel gesungen, das sind Ps. 114 bis 118.8 So überliefern es die Evangelisten Markus und Matthäus.9

Woher stammen die Begriffe Psalm und Psalter? Das griechische psalmos nimmt das Verb psalmein auf, und das heißt: Saiten zupfen, spielen. Warum ein griechisches Wort für eine hebräische Textsammlung? In der damaligen Welt, auch im vorderen Orient, war die Hochkultur griechisch-hellenistisch geprägt. Alexander der Große im vierten vorchristlichen Jahrhundert und seine Nachfolger hatten dafür gesorgt. Und schon seit dem 2. oder 3. Jh. v. Chr. lag eine griechische Übersetzung vom (weitgehend abgeschlossenen) Psalter vor.

Der griechische Psalmenbegriff hat eine hebräische Entsprechung, mizmor, und meint das vom Saitenspiel begleitete Lied. Parallel dazu bezeichnet der Begriff Psalterion ein Saiteninstrument. Die hebräische Entsprechung des Psalterions sind die Leier und die Harfe.10 Wir dürfen also eine starke musikalische Komponente annehmen in der Verwendung der Psalmen im jüdischen Gottesdienst. Wir kennen heute ja mehr die liturgische Verwendung der Psalmen als Wechselsprechtexte im Gottesdienst. In manchen Kirchen werden sie zu mittelalterlichen Melodien gesungen. Doch sind auch unsere kirchlichen Gesangbücher voller Lieder, die auf Psalmverse zurückgehen, sei es Martin Luthers Aus tiefer Not schrei ich zu dir, eine Nachdichtung von Ps. 130, oder Wohl denen, die da wandeln, Cornelius Beckers Nachdichtung des Ps. 119.

 

Durch das Brennglas der frohen Botschaft betrachtet

Ich lese die Psalmen der Hebräischen Bibel mit einer schöpfungstheologischen Brille. Das entspricht m.E. diesen Dichtungen, da ihre Bildersprache immer wieder auf Himmel und Erde als Gottes Wohn- und Wirkraum anspielt. Ganz selbstverständlich gehen viele Psalmen auf Gott als den Schöpfer der Welt ein, implizit und explizit.

Zugleich lese ich die Psalmen mit einer christologischen Brille. Das entspricht den jüdischen Texten nicht auf den ersten Blick. Die Texte der Hebräischen Bibel sind israelitischer, also jüdischer Herkunft. Vor dem Judentum als Mutterreligion des Christentums habe ich höchsten Respekt. Nicht von ungefähr mache ich mit meiner Band „Naschuwa“ seit über 30 Jahren jüdische Musik und fühle mich durch die Schätze jüdischer Kultur und Tradition immer wieder bereichert und geadelt. Ich selbst aber bin kein Jude. Ich nähere mich diesen ­jüdischen Schätzen von meiner Herkunft her als Christ. Ich gebe mein Christsein nicht an der Garderobe ab, wenn ich diese Schatzkammer betrete. Mein Glaube an Jesus Christus reicht bis in die Tiefe meiner Seele und bestimmt natürlich auch meinen Blick auf das Leben und die Welt.

Mit einer langen Tradition christlicher Auslegungsgeschichte halte ich daher auch für mich fest: Ich nähere mich den Texten der Hebräischen Bibel als Christ. Sie enthalten die heiligen Schriften Jesu. Das gilt im besonderen Maße für die Psalmen. Sie können als das Gebetsbuch Jesu angesehen werden. Wie die ntl. Autoren blicke ich quasi durch das Brennglas der frohen Botschaft Jesu Christi auf die Bibel und die Welt; auch auf die Psalmen. Durch meinen Glauben an Jesus Christus erschließt sich mir die Welt um mich herum. Durch meinen Glauben an Jesus Christus erschließen sich mir die Texte des Ersten und des Neuen Testaments. Dietrich Bonhoeffer führt das christusbezogene Lesen der Psalmen am Beispiel von Ps. 23 aus: Wer aber weiß, dass Gott in Jesus Christus selbst in unser Leiden eingegangen ist, der darf mit großem Vertrauen sagen: „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“11

Die Psalmen sind für Juden und für Christen Glaubensquellen, auch wenn ihr Zugang unterschiedlich ist. Das eine hebt das andere nicht auf. Die eine Hermeneutik schmälert die andere nicht. Vielmehr ist es bereichernd, unterschiedliche Erkenntniswege kennenzulernen und zuzulassen. Wichtig aber ist es, sich der eigenen Zugänge zu den alten Texten zu vergewissern und sich somit der eigenen Hermeneutik bewusst zu werden.

Für meine eigenen Gedichte bedeutete das: Ich habe sie als Christ verfasst. Christus leuchtet für mich in den Psalmen ab und zu hell auf, auch wenn er in meinen Nachdichtungen nur selten beim Namen genannt wird. Denn eine heilige Scheu versagt mir, an dieser Stelle vollmundig zu werden. Es ist wohl der Respekt vor diesen alten – und von ihrer Entstehung her gesehen – jüdischen Textschöpfungen. Und manches überlasse ich gern meinen Leserinnen und Lesern und stelle es ihren eigenen Deutungen anheim.

 

Kein bunter Blumenstrauß der Inspiration mehr?

Die biblischen Psalmen haben zurzeit kaum Konjunktur. In Gottesdiensten werden sie gesprochen. Das hat Tradition. Ansonsten macht sich der Eindruck breit, dass sie nicht mehr als bunter Blumenstrauß der Inspiration wahrgenommen werden, sondern verwelken und zwischen alten Buchdeckeln langsam in Vergessenheit geraten. Das wird auch daran liegen, dass die Psalmen nicht immer leicht verdaulich sind. Manche von ihnen sind wenig eingängig, ja geradezu unzugänglich. Einige entziehen sich dem Verstehen und der Zustimmung heutiger Menschen. Es gibt hier Texte voller archaischer Rache- und Blutgelüste. Sie schrecken mehr ab, als dass sie locken. Enthalten deswegen die evangelischen Kirchengesangbücher zumeist nur eine kleine Auswahl der 150 Psalmen?

Mein Anliegen: Ich möchte genauer hinsehen. Die Welt der Psalmen birgt so viel Wertvolles und Schönes, tiefe Schätze des Glaubens und Fühlens: Gespräche mit Gott, die unsere Gebete adeln und reich machen können; auch Demut und Ehrfurcht und zugleich eine Zärtlichkeit und Liebe, die unsere dürren Ausdrucksmöglichkeiten sprengen und uns zu neuer Sprache verhelfen können. Gerade in der natürlichen und naturverbundenen Sprache der Psalmen, besonders der Schöpfungspsalmen, sehe ich ein großes Potential für Veränderung und Erneuerung. Denn wir Heutigen können und müssen für die Zukunft des Planeten ein neues Denken und eine neue Sprache lernen, um die Schöpfung für unsere Kinder zu bewahren und sie nicht zu einer giftigen Hölle zu machen. Ja, auch dazu können uns Psalmen anleiten. Im Raum von Theologie und Kirchen brauchen wir, wie es Andreas Krone ausdrückt, eine grüne Theologie.12 Schon der erste Psalm findet dafür Bilder, denen ich in meiner Nachdichtung Raum geben will:

Mit Gottes Augen angelacht
und seinen Ohren angenehm
sind Menschen, die kaum aufgewacht,
mit einem Bibelwort umgehn;

und wenn das Tagewerk vollbracht,
sich nicht nur müde niederlegen,
sondern mit Psalmgebet zur Nacht
sich gern in Gottes Schutz begeben.

Denn wie ein grüner Baum am Bach
in festem Wurzelwerk sich gründet
und Früchte trägt im Blätterdach,
ist der, der sich mit Gott verbündet.

Für die betende Gemeinde vermitteln ein klarer Rhythmus und ein sich wiederholender Reim Harmonie und Klarheit. So wird das gemeinsame Beten zu einem gemeinschaftlichen und wohltuenden Klang. Die Gottesdienstgemeinde in meiner Schwerter Stadtkirchenarbeit an der gotischen Marktkirche St. Viktor macht diese Erfahrungen seit vielen Monaten. Als zweites Beispiel dafür sei hier meine Nachdichtung des bekannten Weisheitspsalms, des 90., zitiert:

Bevor wir Menschen in die Schöpfung traten,
von deinem Wort gerufen in die Welt,
da warst du schon das große Himmelszelt,
und allem gabst du deinen Lebensatem.

Wir Menschen sind ein Teil im Kreis des Lebens.
Am Ende nimmt die Erde uns zurück.
Das Leben ist ein kurzer Augenblick.
Und manchem scheint das Lebenswerk vergebens.

Zu Staub wird unsre körperliche Hülle.
Doch unsre Seelen sind vom Staub der Sterne.
Der uns das Leben schenkte, nimmt es gerne,
verwandelt es zu einem Sein in Fülle.

Wir wissen es, begrenzt sind unsre Tage,
begrenzt die Zeit auf diesem blauen Stern.
Aus deiner Hand, da nehmen wir ihn gern,
den Augenblick des Lebens, keine Frage,
und geben ihn dir wieder ohne Klage.

Meinen Nachdichtungen liegen nicht die hebräischen Originaltexte zugrunde. Ich habe mich an deutschen Übersetzungen orientiert und unterschiedliche davon verwendet. Oft liegen mir die Formulierungen der Lutherübersetzung auf der Zunge und im Ohr. Sie sind mir vertraut. Zusätzlich habe ich Martin Bubers Buch der Preisungen zu Rate gezogen. Seine kraftvollen Sprachbilder sind vom hebräischen Denken geprägt. Am intensivsten hat mich die Psalmenausgabe der Basisbibel ­begleitet, die meiner eigenen Sprache am nächsten kommt.

 

Mit den Psalmen umdenken lernen

Ein Wort zur geschlechtergerechten Sprache. Weil Gott im Deutschen ein maskulines Wort ist, verwenden wir vielfach die Pronomen er und sein. Problematisch daran ist, dass wir eine männliche Gottesvorstellung schon aus unserer Tradition mitbringen. Jesus hat oft von Gott als seinem Vater gesprochen. Wir aber leben heute nicht mehr in einer vom Patriarchat bestimmten Zeit oder sollten es zumindest nicht mehr. Gefordert ist von uns, auch im Raum der Kirche eine geschlechtergerechte Sprache zu finden, um dann auch geschlechtergerecht denken zu können und umgekehrt. Sprache und Denken beeinflussen sich bekanntlich ungemein.

Mit den Psalmen können wir umdenken lernen. Sie legen Gott nicht durchgängig auf die männliche Rolle, auf maskuline Attribute fest. Sie kennen Gottes fürsorgliche Ader, sein mütterliches Handeln. In Ps. 22 tritt Gott als Hebamme auf.13 Gott als Hausfrau und Chefin der Hauswirtschaft finden wir in Ps. 123,14 als Mutter, die ihre Kinder stillt, in Ps. 131:15

Wie ein gestilltes Kind im Arm der Mutter,
so ruht mein Herz in deiner Nähe aus.
Gelassenheit kehrt ein ins Seelenhaus.
Und alles Dunkle weht zum Fenster raus.

Dein Wort ist meine Nahrung, ist mein Futter,
es baut mich auf; macht mich zu deinem Kind.
Es stärkt mich, dass ich dir vertraue blind.
Es lehrt mich, dass wir alle Pilger sind.

Gott ist weder männlich noch weiblich. Gott ist „trans-gender“ im wörtlichen Sinn: Gott ist jenseits von geschlechtlichen Zuschreibungen. Wenn wir allerdings von Gott menschlich reden wollen, dann schreiben wir ihm Weibliches und Männliches zu. Das tun die ­Psalmen auch. Es ist gut, Gott in unsere Erfahrungswelten hineinzuholen, wie wir es in den Psalmen erleben. Als geschlechtliche Wesen, die ihre Erfahrungen nicht nur, aber auch geschlechtlich einordnen, können wir nicht anders, als von Gott hier und da männlich oder weiblich zu reden. In aller Offenheit dafür, dass Gott trans-gender ist, ist das notwendig und gut. Wichtig dabei bleibt, nicht einseitig zu werden, sondern gerade aus der Einseitigkeit auszusteigen.

 

Ein Echo der Politik ihrer Zeit

Die biblischen Psalmen geben schließlich auch ein Echo von der Politik ihrer Zeit. Sie reflektieren das Handeln der Herrscher oder die Existenz im Exil. Sie inspirieren nicht selten zur Reflexion über Gesellschaft und Politik heute. Manch einer, manch einem mag es zu gewagt vorkommen, hier zu aktualisieren. Aber es kann neue Kraft in alte Gedanken bringen und zu neuen inspirieren. Abschließend meine Nachdichtung des Ps. 58, die unlängst in einen politischen Anti-Rassismus-Gottesdienst mit Amnesty International gefunden hat:

Eine Spur von Gewalt zieht sich durch unser Land,
führt Menschen in Angst und in Schrecken.
Entpuppt sich als Krieg gegen jene am Rand,
die sich unterscheiden, als „anders“ erkannt,
geflohen, geoutet, verarmt und verbannt,
und jene, die helfend anecken.

Die Hetzer, sie hassen das Wort „tolerant“,
sie müssen sich nicht mehr verstecken.
Sie haben schon so viel an Erde verbrannt,
die Demokratie aus dem Denken verbannt,
sie knüpfen am nationalistischen Band,
und wollen ihr Urteil vollstrecken.

Hältst du noch die Menschen, die Welt in der Hand,
du Gott als den wir dich vorzeiten gekannt?!
Kannst Du dir Propheten erwecken?!
Und mutige Helden und Recken,
die kämpfen, sich einsetzen für unser Land,
die kommen mit Einsicht, mit Sinn und Verstand,
die Frieden und Fairness bezwecken,
den Geist der Gerechtigkeit wecken,
in diesem noch unserem Land?!

Erschienen ist die Sammlung der Nachdichtungen nach einem Jahr stetiger Arbeit an den Texten im Dezember 2020 unter dem o.g. Titel „Mit Gottes Augen angelacht. 150 Poetische Gebete aus der Welt der Psalmen für den persönlichen und liturgischen Gebrauch“.

 

Anmerkungen

1 Joh. 10,11.

2 2018 ist aus dieser Tätigkeit heraus die Publikation „Bleiben, um sich zu verändern. Photo-Gedichte zur Wochenwende“ erschienen.

3 Vgl. Seybold, 15f.

4 Vgl. Bonhoeffer, 113.

5 Vgl. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Bd. 1, 196f.

6 Das Kyrosedikt fällt in das Jahr 538 v.Chr. Vgl. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Bd. 2, 406f.

7 Vgl. Seybold, 32.

8 Vgl. Seybold, 17.

9 Mk. 14,26; Mt. 26,30.

10 Vgl. Seybold, 11.

11 Bonhoeffer, 125.

12 Krone, Holz und Baum, DPfBl 3/2020, 162ff, 165.

13 Ps. 22,10f.

14 Ps. 123,2.

15 Ps. 131,2.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Thomas Damm, Jahrgang 1965, Studium der Evang. Theologie in Münster, Wuppertal, Edinburgh und Tübingen, 2009-2016 Leitung der Evang. Akademie Recklinghausen, seit 2016 Stadtkirchenpfarrer in Schwerte; Publikationen über Palästinensische Theologie, Filmpädagogik und -liturgik sowie in den Bereichen Psalmen, Poesie und Musik.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

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