Die hohe Anzahl der Menschen, die jährlich durch Suizid sterben, zeigt die Dringlichkeit, sich diesem Thema auf verschiedenen Ebenen zu stellen. Besonders für Seelsorgerinnen und Seelsorger, gerade auch im Pfarramt, gehört es zur Realität, im Laufe der Zeit immer wieder mit Menschen in Berührung zu kommen, die an Selbsttötung denken, sie bereits versucht oder vollendet haben. In ihrem Beitrag möchte Babette Heidel grundlegende Aspekte des Suizids beleuchten, um davon ausgehend Impulse für die Seelsorge zu formulieren.

 

Bereits mit dem Eintritt ins Leben, mit dem ersten Geburtsschrei, wird der Mensch darauf festgelegt, einmal zu sterben. Ganz an den Rand der Gesellschaft gedrängt ist der Suizid als Spezialfall des Todes. Suizid gilt nach wie vor als ein Tabuthema unserer heutigen Gesellschaft, obwohl es eine der weitest verbreiteten Todesursachen Mitteleuropas ist, vor allem in der Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen.1 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht jährlich von über 800.000 Suizidanten weltweit aus, was bedeutet, dass alle 40 Sekunden ein Mensch durch diese Ursache stirbt.2

Die hohe Anzahl der Menschen, die durch Suizid sterben, spricht für sich und zeigt die Dringlichkeit, sich dem Thema auf verschiedenen Ebenen zu stellen. Die Gesellschaft, die Kirche, faktisch jede einzelne Person steht unweigerlich vor der Herausforderung, mit Suizid umgehen zu müssen. Ob die Corona-Pandemie und ihre psychischen und gesellschaftlichen Folgen sogar zu einem Anstieg der Suizide führen, bleibt zum jetzigen Standpunkt noch offen.

Besonders für Seelsorgerinnen und Seelsorger, gerade auch im Pfarramt, gehört es zur Realität, im Laufe der Zeit immer wieder mit Menschen in Berührung zu kommen, die an Selbsttötung denken, sie bereits versucht oder vollendet haben, sodass sich Angehörige nun eine (kirchliche) Bestattung wünschen. In diesem Beitrag möchte ich daher zunächst kurz grundlegende Aspekte des Suizids beleuchten, um davon ausgehend Impulse für die Seelsorge zu formulieren.3

 

1. Das Phänomen Suizid

Der Begriff „Suizid“ oder synonym „Selbsttötung“ bezeichnet die Tat, sich selbst das Leben zu nehmen.4 Es ist eine Handlung, die tödlich endet. Doch nicht immer ist der Tod dabei auch das eigentlich intendierte Ziel eines Suizidanten. Prägnant formulieren dies Artur Reiner und Christoph Kulessa: „[D]aß der Tod das einzige Ziel einer Suizidhandlung ist, [ist] eine These, die sich nicht halten läßt. Denn viele Suizidhandlungen haben Appellcharakter, etwa in Gestalt eines Hilfeschreis, einer Erpressung oder Bestrafung, oder sie sind Ausdruck des Wunsches nach vorübergehender Unterbrechung des Lebensweges, der durch eine momentane Krisen­situation schwierig geworden ist.“5

Suizid ist daher immer ein paradoxes Phänomen, da der Suizidant zugleich leben und sterben will. Manche Suizidanten legen es gerade darauf an, noch in letzter Minute durch eine Bezugsperson gerettet zu werden und so dem Tod zu entrinnen (so vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Fall).6

Suizid gab und gibt es in allen menschlichen Kulturkreisen und Gesellschaften.7 Empirisch betrachtet, nehmen sich Männer und Frauen fast jeden Alters (ausgenommen 0 bis ca. 12 Jahre) und jeder sozialen Herkunft das Leben. Zieht man empirische Erkenntnisse zurate, so nehmen sich sowohl Frauen als auch Männer jeden Alters (ausgenommen 0 bis ca. 12 Jahre) und jeder sozialen Herkunft das Leben.8 Daher ist ein objektives Schema nicht anwendbar, wonach Alter, Geschlecht, Herkunft, Beruf oder Entwicklungen und letztendlich die Durchsetzung des Suizids festgehalten werden könnten.9 Vielmehr besteht die Gemeinsamkeit von Suizidanten einzig darin, dass sie im Moment der suizidalen Handlung den Tod dem Leben vorziehen.

Einen aktuellen Einblick in die Häufigkeit des Suizids vermitteln die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. So starben allein im Jahr 2019 über 9000 Menschen in Deutschland durch die Todesursache Suizid.10 Frauen begehen mehr Suizidversuche, die vollendeten suizidalen Handlungen sind aber mehrheitlich durch Männer dokumentiert.11 Es werden verstärkt Suizidversuche in der Stadt durchgeführt, die tödlich endenden sind jedoch häufiger im ländlichen Bereich belegt.12 Suizid stellt neben Suchtkrankheiten und Jugendkriminalität in Mitteleuropa einige der schwerwiegendsten Probleme der jungen und mittleren Altersgruppe (ca. 15-40-jährig) dar, die häufig auch durch Tabuisierung und Stigmatisierung verschwiegen werden.13 Doch auch ältere Menschen können mit dem Gedanken spielen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Gerade über 75-jährige Männer haben ein erhöhtes Suizidrisiko, daher spricht man in solchen Fällen auch von Alterssuizid.14

Trotz seiner hohen Verbreitung ist Suizid jedoch nach wie vor ein von Tabuisierung und Unbeholfenheit ­besetztes Thema. Dies hat weit zurückreichende geschichtliche Wurzeln, besonders prägend war Augustins negatives Urteil über den Suizid (vgl. Augustin, De civitate dei, 1,22), das sich mitunter bis heute hält.15 Ein weiterer möglicher Grund liegt sicherlich auch in der großen Anzahl der Nachahmungen, die sich immer wieder beobachten lassen. Man spricht dabei vom sog. Werther-Effekt.16

Doch die statistische Signifikanz sowie die hohe traumatische Belastung, der trauernde Hinterbliebene eines Suizidanten ausgesetzt sind, machen es unumgänglich, sich gerade auch in der Seelsorge diesem Spezialfall zu widmen.

 

2. Seelsorge im Spezialfall Suizid

Ein vollendeter Suizid betrifft meistens zwei bis fünf Angehörige direkt. Sie bedürfen einer intensiven seelsorgerlichen Begleitung. Diese ist besonders für hinterbliebene Kinder, Witwen und Witwer und verwaiste Eltern nötig und wertvoll.17 Die Seelsorge im Trauerfall ist ein Handlungsgebiet der Seelsorge, das durch seinen Bezugspunkt zum Evangelium entscheidende Impulse für die Trauernden für einen Richtungswechsel weg vom Tod hin zum Leben bieten kann. Seelsorge stellt daher Gott als den eigentlichen Tröster in der Verlusterfahrung in den Mittelpunkt. Gerade in der intensiven Situation der Trauer, in der Menschen teilweise an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten, ist es für sie dabei sinnvoll und notwendig, einen Menschen an der Seite zu haben, der zuhört, aber auch nach Möglichkeit hilft und sich ganzheitlich um sie und um ihre Seele sorgt.

2.1 Die Gefühle der Angehörigen nach einem Suizid

Nicht selten kommt es zu einem Trauma der Angehörigen von Suizidanten, bedingt durch die Unmittelbarkeit des Geschehens, vor allem aber aufgrund des nicht Abschiednehmen-Könnens.18 Nach einem Suizid sind die Hinterbliebenen teilweise sprachlos, tagelang im Schockzustand und unfähig, allein mit der veränderten Lebenssituation umzugehen.19 Hinterbliebene führen häufig ein Schattendasein. Gerade weil das Thema unangenehm ist und tabuisiert wird, gibt es nur wenige, die sich trauen, mit den Angehörigen einen Weg des Trauerns zu gehen. Suizid kann nach wie vor ein Thema sein, das Betroffene in das Abseits einer städtischen oder ländlichen Gemeinschaft katapultiert.

Trauer hat zudem keinen festgelegten Endpunkt, ja vielmehr dauert die Verarbeitung wahrscheinlich bis zum eigenen Tod an. Es erfordert daher Zeit bei den Angehörigen, um die erlebte Lebenskrise zu verarbeiten. Seelsorger müssen offen für einen Prozess des Lernens und Wachsens an der Situation sein. Sie sind nicht nur Gebende, sondern immer auch Empfangende. Gerade nach einem Suizid ist die Systemstabilisierung durch die Seelsorge ein zentrales Anliegen.

Seelsorger begleiten die Menschen an den Grenzen des Lebens. Doch besonders in dem Spezialfall eines Suizids werde die Trauerarbeit durch verschiedene Faktoren erschwert, so durch das unerwartete Einbrechen des Todes, die vielleicht durch Schuldgefühle belastete Beziehung zu dem Toten und dem Ersetzen des Platzes des Verstorbenen in der Familienkonstellation. Gerade durch den Verlust eines Menschen durch Suizid kommt es nicht selten zu dem Wunsch der Angehörigen, selbst sterben zu wollen, um in den Tod mit dem oder der Geliebten zu gehen.20 Seelsorger sind, gerade wenn solche Gefühle aufkommen, gefordert, für die Trauernden da zu sein und ihnen ein Gefühl der Unterstützung zu geben. Dabei können Seelsorger helfen, vermeintliche Gefühle, die man als Schwäche ansieht, zuzulassen. Wenn Gefühle der Wut aus dem Trauernden herausbrechen, ist es wichtig, dies erst einmal nicht zu unterdrücken, sondern auszuhalten.

2.2 Mitgehen und Zuhören

In dieser fassungslosen, hilflosen Krisensituation nach einem Suizid können der Bezug zu einem Seelsorger und die sich daraus ergebende Seelsorge sehr wichtig sein für ein Weiterleben nach dem Verlust.21 So ist es die erste Aufgabe der Trauerbegleitung, Hilfestellungen bei der Bewältigung des Verlustes zu äußern, anzubieten und die Trauernden auf dem Weg in den veränderten Alltag zu begleiten, samt der Motivation, die Realität des Todes nicht auszusparen. Denn besonders quälend ist für die Angehörigen die Frage, warum der Verstorbene gerade diesen Weg gewählt hat. „[E]ine seelsorgerliche Begleitung [kann] entlasten, klärend wirken, manchmal auch vor schnellen Schlüssen warnen und für die Komplexität einer Situation sensibilisieren.“ 22

Dieses Mitgehen ist einer der zentralsten Aspekte der Seelsorge allgemein, welcher seine Wurzeln bereits im biblischen Zeugnis hat.23 Besonders durch Narration, in denen der Trauernde seine Erinnerungen, aber auch seine Ängste und Verzweiflung artikulieren kann, kann die Trauer verarbeitet werden. Durch das Erzählen vergegenwärtigt sich der Trauernde des erlebten Verlustes, verortet diesen in seinem eigenen Leben, macht ihn damit zum Teil seiner eigenen Geschichte und schafft gleichzeitig eine Distanz zu dem Erzählten, was bereits ein erster Schritt der Verlustbewältigung sein kann.24

Oft spüre man Angehörigen auch eine Art Hilflosigkeit in ihrer Situation ab, besonders kurz nach dem Todesfall. Seelsorger können eine große Stütze sein und ganz praktische Hilfe leisten und wenn sie dazu nicht selber imstande sind, können sie ihnen Anlaufpunkte aufzeigen und sie ermutigen, dort Hilfe zu suchen.25 Anlaufstellen können die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) und der Agus e.V. (www.agus-selbsthilfe.de) sein. Letzterer hat sich speziell auf Angehörige nach einem Suizid spezialisiert und bietet in vielen größeren Städten Deutschlands z.B. Gruppentreffen zum Verarbeiten des Suizids an.

Neben das Mitgehen und das Ermöglichen des Erzählens tritt aber vor allem das Zuhören, welches leider allzu oft in den Hintergrund gedrängt wird. Zu einem Gespräch in der Seelsorge gehört auch das Schweigen. Es signalisiert dem Hilfesuchenden, dass er sich öffnen kann und darf. Durch das Zuhören erfährt sich der Trauernde in seiner Situation angenommen und verstanden, er kann auf Unterstützung hoffen. Dabei ist das Schweigen von Seelsorgern keinesfalls als Ratlosigkeit zu verstehen, sondern vielmehr als ein Ermöglichungsraum: Es wird Raum geschaffen, um Gespräch zu ermöglichen und zu eröffnen. Im Schweigen des Seelsorgers kann sich der Trauernde selbst auf die Suche nach Verstehenszusammenhängen machen. Ohne Schritte der Trauerarbeit findet der Trauernde nicht wieder zurück in das Leben der Lebenden.

2.3 Rituelle Trauerformen wie Klage und Weinen fördern

Besonders wichtig ist es, die Klage bei den Hinterbliebenen zu fördern. Klage kann eine Sprache sein, um Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und befreiend wirken. Die Klage kann ein wichtiger Schritt sein, um sich wieder positiv an den durch Suizid Verstorbenen erinnern zu können. Damit dies zustande komme, müssen Seelsorger in allererster Linie dem Klagenden zuhören. Nicht nur dem biblischen Hiob half die Klage, die insbesondere bei Gott und an Gott gerichtet ihren Platz findet, sondern gerade Trauernden nach einem Suizid, die sich mit der Unmittelbarkeit des Geschehens überfordert fühlen, kann die Klage wieder einen Weg ins Leben schenken.26 Treffend beschreibt Michael Schibilsky, wie er Klage versteht: „Sie [d.h. die Klage; Anm. d. Verf.] ist ein Ritual, das selber auch Wege zur Überwindung des Leidens weist. Zugleich werden damit Gegenkräfte zur Sprache gebracht: Vertrauen darauf, daß Leid gewendet werden kann.“27

Wertvoll können in diesem Zusammenhang Klageverse der Bibel sein. Oft berichten Angehörige, dass sie zeitlebens wenig oder keinen Zugang zu den Klagepassagen hatten, nun aber gerade durch sie Trost, Zuspruch und Hilfe fanden. Eine weitere rituelle Ausdrucksform der Trauer neben der Klage ist das Weinen. Es kommt jedoch vor, dass aufgrund des Schockzustands eine Zeit vergeht, bis die Hinterbliebenen wirklich um den Toten weinen können.

2.4 Der Umgang mit der Frage der Schuld bei den Angehörigen

Im Falle eines unerwarteten Todes durch Suizid stellt sich auch immer die Frage der Angehörigen nach ihrer eigenen Schuld an der Tat. Dies kann mitunter so weit gehen, dass selbst der Entschluss gefasst wird, (auch) eigengewählt zu sterben. Um diese Tat zu verhindern, ist es notwendig, dass Seelsorger Hilfe anbieten, indem sie den Zuspruch der Vergebung, der durch den Verstorbenen nicht mehr gegeben werden kann, anbieten. Hier kann die persönliche Beichte dem Angehörigen Luft verschaffen. Der Trauernde erhält so die Möglichkeit, Heilung und Heil vermittelt zu bekommen sowie Annahme und Befreiung zu erfahren, um wieder Schritte nach vorne gehen zu können. Dies ist insbesondere der Fall, wenn man sich vor der vollendeten suizidalen Handlung gestritten hatte. Auffällig ist, dass nach einem Suizid generell die Frage bei den Hinterbliebenen in den Vordergrund tritt, ob sie etwas übersehen oder Hilfe unterlassen haben, was natürlich Schuldgefühle nährt.28

Auch für den möglichen Wunsch der Hinterbliebenen, selber zu sterben, kann der biblische Hiob als Identifikationsfigur herangezogen werden. In Hi. 6,9 wird berichtet, dass Hiob sich wünscht, dass Gott seinem Leben ebenfalls ein Ende setzt. Dazu kommt es jedoch nicht und schlussendlich bekennt Hiob: „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.“ (Hi. 42,2) Hiob fand sein Leben wieder, weil er seine Klage an Gott, den alleinigen Tröster richtete, und einen Freund, nämlich Elihu, an seiner Seite hatte, der ihn begleitete und ihm half, sein Leid durchzustehen. Treffend formuliert Hans Küng: „Im vertrauenden Glauben läßt sich das nicht ‚erklären‘, wohl aber – und darauf kommt es an – bestehen!29

2.5 Der Zeitraum der Trauerbegleitung

Die Trauerbegleitung sollte so früh wie möglich beginnen, optimal ist es, bei Erstkontakt mit den Angehörigen von Suizidanten Hilfe anzubieten.30 Nachdrücklich empfehlenswert ist die tägliche Vollzeitbegleitung der Angehörigen durch ein oder zwei Bezugspersonen mindestens bis zur Bestattung. Dabei ist zu beachten, dass der erste Schritt von der begleitenden Person ausgehen sollte und ggf. sogar muss, denn der Trauernde ist in der Regel kaum in der Lage, ein offeriertes Angebot von sich aus in Anspruch zu nehmen, da er niemandem zur Last fallen möchte. Wenn man bedenkt, wie lange der Trauerverarbeitungsprozess braucht, ist es einsichtig, dass auch die Hilfe und Begleitung nicht mit der Bestattung abbrechen sollte. Eigentlich fängt die Realisierung des Verlusts ja erst ab der Bestattung an, durch die Konfrontation mit der Endgültigkeit und der Verabschiedung. Trauer braucht Zeit und diese Zeit müssen sich sowohl Angehörige als auch Seelsorger nehmen. Es erscheint deshalb wichtig und geboten, Trauernde nach einem Suizid mindestens ein Jahr lang in regelmäßigen Abständen zu besuchen und zu begleiten. Eine postventive Begleitung kann dabei helfen, der Trauer Ausdruck zu verleihen, und zu dem Ziel führen, den Verlust zu verarbeiten. Postventive Maßnahmen der seelsorglichen Begleitung wirken sich für Angehörige im besten Fall präventiv aus. Für einen Besuch und konkrete Hilfsangebote können Anlässe wie Feste oder der Geburts- oder Todestag des Verstorbenen geeignet sein.

2.6 Das Ziel der Trauerbegleitung

Ziel der seelsorglichen Begleitung von Hinterbliebenen ist die neue Verortung des Verstorbenen im Leben der Trauernden. Der Verstorbene nimmt einen anderen Platz ein als zuvor und muss nun im Alltag der Trauernden so integriert werden, dass für die Trauernden ein normales Leben ohne physische und psychische Einschränkungen möglich ist. In diesem Kontext ist die seelsorgliche Begleitung als Unterstützung auf diesem Lernweg von großer Bedeutung. Ziel dieses Prozesses ist die Loslösung von dem Verstorbenen als einer real und leiblich existierenden Person hin zu einer erinnernden Verortung des Verstorbenen im Lebenskontext der Trauernden.

 

3. Schlussbemerkungen

Ein Patentrezept für den einen „richtigen“ seelsorglichen Umgang mit Angehörigen von Suizidanten kann es leider nicht geben. Jeder Mensch trauert anders und verarbeitet so individuell den Verlust eines geliebten Menschen. Gemein ist allein der im Falle eines Suizids besonders radikale Verlust und zugleich das (unbewusste oder bewusste) Ziel, sich mit der veränderten Situation zu arrangieren und damit wieder leben zu lernen. Das Erreichen des Ziels ist aber ein Prozess, der ebenso wie die Trauer sehr individuell abläuft. Dies muss immer im Bewusstsein geschehen, dass der Verlust der geliebten Person bis zu dem eigenen Tod präsent sein wird. Es ist wie eine Narbe, die man mit sich trägt. Zwar ist die Wunde mit der Zeit verheilt, aber sie ist und bleibt ein Teil des Menschen.

Viele der hier angeregten Impulse gelten freilich für die Seelsorge bzw. Trauerbegleitung generell. Zugleich haben wir es bei einem Suizid mit einer Radikalität von Verlust und Trauer zu tun, die die Betroffenen auf extreme Weise herausfordern und nachhaltig belasten. Deshalb bedarf es – nicht zuletzt angesichts der hohen Zahlen von versuchten sowie vollendeten Suiziden – hier besonderer Aufmerksamkeit, Sensibilität und auch Aufklärung für Betroffene, Seelsorger sowie in der generellen gesellschaftlichen Wahrnehmung.

 

Anmerkungen

1 D. Fenner: Suizid – Krankheitssymptom oder Signatur der Freiheit? Eine medizin-ethische Untersuchung, Angewandte Ethik 8, Freiburg/München 2008, 7-19.

2 Vgl. https://www.who.int/news/item/09-09-2019-suicide-one-person-dies-every-40-seconds; zuletzt eingesehen am 24.02.2021.

3 Es werden hier keine lebensethischen Fragen (gerade angesichts der aktuellen Debatte um assistierten Suizid) behandelt. Mein Fokus liegt auf dem seelsorglichen Umgang mit den Angehörigen.

4 Dementsprechend sollten die Ausdrücke „Selbstmord“ und „Freitod“ vermieden werden. Selbstmord ist heutzutage ein negativ konnotierter, moralisch-abwertender Begriff. Noch dazu wird die juristische Definition von Mord laut StGB §211 (2), nach der ein Mörder „aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet“, nicht auf Suizidanten angewandt. Somit sind Suizidanten, die einen Suizidversuch überleben, auch nicht strafbar, anders als bei Mord, der nach StGB §211 (1) „mit lebenslanger Freiheitsstrafe“ geahndet werden kann. Für weitere juristische Informationen zu Suizid vgl. U. Kindhäuser: Strafgesetzbuch. Lehr- und Praxiskommentar, Baden-Baden 62015, 776-803.1292-1295.
Der Ausdruck Freitod impliziert wiederum eine gewisse Glorifizierung und Heroisierung der Handlung. Wer bewusst von einem Freitod spricht, geht zumindest davon aus, dass ein Mensch sich nach reiflicher Überlegung dazu entschieden hat, seinem Leben ein Ende zu setzen.

5 A. Reiner/C. Kulessa: Ich sehe keinen Ausweg mehr. Suizid und Suizidverhütung – Konsequenzen für die Seelsorge, GT.P 17. München/Mainz 31981, 17.

6 Vgl. dazu die Erkenntnisse von A. Schulze: Selbstmord und Selbstmordversuche in Leipzig. Zur Erklärung suizidaler Handlung in der DDR, Beiträge zur Erforschung selbstdestruktiven Verhaltens 5, Regensburg 1986, 72 sowie E. Stengel: Selbstmord und Selbstmordversuch, Stuttgart 1968.

7 Vgl. K. Hoheisel: Art. Suizid I. Religionsgeschichtlich, in: TRE 32 (2001), 1849f. Bewusst ist hier nur von „menschlichen Kulturkreisen“ die Rede. Im Tierreich ist das Phänomen des Suizids so nicht vorhanden (vgl. E.J. Bauer/R. Fartacek/A. Nindl: Wenn das Leben unerträglich wird. Suizid als philosophische und pastorale Herausforderung, Forum Systematik 40, Stuttgart 2011, 72f).

8 Vgl. Hoheisel: Suizid, 1849f (s. Anm. 7).

9 Eine Aufstellung empirisch übereinstimmender Beobachtungen zu Suizidanten findet sich bei C. Lindner-Braun: Soziologie des Selbstmords, Opladen 1990, 375-388.

10 Vgl. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html; zuletzt eingesehen am 24.02.2021.

11 Vgl. C. Morgenthaler: Seelsorge, Lehrbuch Praktische Theologie 3, Gütersloh 2009, 190.

12 Der Journalist Manfred Otzelberger bringt diesen alarmierenden Befund treffend zum Ausdruck: „Jedes Jahr bringen sich in Deutschland mehr Menschen um, als zusammengerechnet im Straßenverkehr und an Aids sterben. Das ist so, wie wenn Jahr für Jahr eine Kleinstadt durch Suizid sterben würde.“ (M. Otzelberger: Suizid. Das Trauma der Hinterbliebenen. Erfahrungen und Auswege, München 20137, 14f). Zum leichten statistischen Übergewicht vollendeter Suizide in ländlichen Gebieten vgl. G. Sonneck: Krisenintervention und Suizidverhütung, UTB 2123, Wien 2000, 240.

13 Vgl. Fenner: Suizid, 7-19 (s. Anm. 1).

14 Erhellend ist die Auflistung möglicher Risikofaktoren, die zu einem Suizid führen können bei S. Chehil/S. Kutcher: Das Suizidrisiko. Abschätzung der Suizidgefahr und Umgang mit Suizidalität, Bern 2013, 62-65, sowie bei U. Wunderlich: Risikofaktoren für Suizidalität in der Adoleszenz, Tübingen 2013, 46-77.

15 Weiterhin ist die Auslegung von Thomas von Aquin bekannt, der Suizid dreifach begründend ablehnt, da der Suizid 1) eine Auflehnung gegen sich selbst, 2) gegen die Gemeinschaft und 3) gegen das von Gott gegebene Geschenk des Lebens sei. Angesichts seines von Gott durchdrungenen Menschenbilds plädierte Thomas geradezu für eine Pflicht zu leben (vgl. Thomas von Aquin: Summe der Theologie 3: Der Mensch und das Heil, hg. v. Bernhart, Joseph, KTA 109, Stuttgart 31985, 304-308).

16 Mit Werther, der Hauptperson in Goethes gleichnamigem Werk „Die Leiden des jungen Werther“ können sich viele Menschen identifizieren. Der eigentliche Sinn des fiktiven Briefromans war es, Trost zu spenden, wie es als Leseanweisung am Anfang heißt: „Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.“ (J.W. Goethe: Die Leiden des jungen Werther, Reclams Universal-Bibliothek 67, Stuttgart 2001, 3). Viele Leser verspürten jedoch, da selbst unglücklich und frustriert, einen großen inneren Drang, so mit dem Werther des Werkes eins zu werden, dass sie sich ebenfalls selbst töteten. Diese Nachahmung der suizidalen Handlung wird als „Werther-Effekt“ bezeichnet und ist ein Phänomen, das bis in die heutige Zeit hinein zu beobachten ist (vgl. M. Andree: Wenn Texte töten. Über Werther, Medienwirkung und Mediengewalt, München 2006, 172-197, und D.P. Phillips: The Influence of Suggestion on Suicide. Substantive and theoretical Implications of the Werther-Effect, in: Americian ­Social Review 39/3 (1974), 340-354).

17 Kinder trauern anders. Wenn man dies bedenkt, ist es jedoch wichtig, dass man sie in ihrer Trauer nicht allein lässt. Sie bedürfen gerade einer besonderen Fürsorge. Nur wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden, können sie ihn als zum Dasein zugehörig begreifen und so an ihm und durch ihn einen adäquaten Umgang damit lernen (vgl. E. Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden, Stuttgart 141982, 13f). Auf Dauer kann der Tod eines nahen Verwandten sowieso nicht verschwiegen werden. Noch dazu sind Kinder sehr sensibel und merken, wenn die Eltern plötzlich traurig sind und stellen – sofern sie dies bereits können – Fragen (vgl. H. Iskenius-Emmler: Psychologische Aspekte von Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen, EHS, Reihe 6: Psychologie 263, Frankfurt M./Berlin/Brüssel u.a. 1988, 153).

18 Eine Untersuchung, die einen speziellen Fokus auf die hinterbliebenen Witwen und Witwer und ihren Umgang mit dem Suizid ihres Ehepartners legt, findet sich z.B. bei P.R. Silverman: Intervention with the Widow of a Suicide, in: A.C. Cain (Hg.), Survivors of Suicide, Springfield (IL) 1972, 186-214.

19 Vgl. Y. Spiegel: Der Prozeß des Trauerns. Analyse und Beratung, GT.P 14, München 51983, 59-63 und V. Kast: Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Zürich/Stuttgart, 2008, 61f.

20 Durch den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen können sich Hinterbliebene die Theodizeefrage stellen. Das kann unter Umständen auch den Glauben ins Wanken bringen. Dorothee Sölle beschrieb dies wie folgt: „Das Leiden kann uns dazu bringen, daß wir wünschen, daß die Welt nicht sei, daß Nichtsein besser ist als Sein, es kann uns verzweifeln machen und unsere Fähigkeit zur Affirmation zugrunde richten. Wir hören dann auf, Gott zu lieben.“ (D. Sölle: Leiden, ThTh, Ergänzungsband, Stuttgart/Berlin 1973, 135).

21 Seelsorge kann daher eine wichtige Brückenfunktion hinein in die säkularisierte Welt darstellen, gerade und besonders auch für Menschen, die sonst wenig mit Glauben und Kirche zu tun haben (vgl. Reiner/Kulessa: Suizid, 240-247 (s. Anm. 5)).

22 C. Morgenthaler: Seelsorge, 190f (s. Anm. 11).

23 Vgl. Lk. 24,13-15. In Lk. 24,15b heißt es: „Und es geschah, während sie sich unterhielten und miteinander überlegten, daß Jesus selbst nahte und mit ihnen ging [ἐγγá½·σας συνεπορεá½»ετο].“ (Hervorhebung d. Verf.).

24 „Hinterbliebene haben oft das starke Bedürfnis, die Lebensgeschichte und den Tod der verstorbenen Person wieder und wieder zu erzählen. Mit jedem Mal wird der Verlust ein Stück realer und weniger bestreitbar. So rückt der Todesfall im Lauf der Zeit von der Gegenwart in die Vergangenheit. Das hilft den Hinterbliebenen, ihn zu akzeptieren und ihr Leben wieder aufzunehmen.“ (S. Chehil/S. Kutcher: Suizidrisiko, 141f (s. Anm. 14)). Natürlich ist die Gesprächsführung nach einem Tod generell ein seelsorglicher Schlüssel, um einen Trauerprozess nach einem Tod in Gang zu bringen (vgl. U. Heilborn-Maurer/G. Maurer: Nach einem Suizid. Gespräche mit Zurückbleibenden, Fischer Taschenbuch Verlag 3250, Frankfurt M. 1988, 196-200 und J. Ziemer: Seelsorgelehre. Eine Einführung für Studium und Praxis, UTB 2147, Göttingen 32008, 151-176).

25 Praktische Hilfe leisten können nahestehende Menschen, indem sie besonders am Anfang bei Behördengängen helfen, die Bestattung mitorganisieren und vor allem zuhören und für die Angehörigen da sind.

26 Hiob klagt Gott an (vgl. z.B. Hi. 3; 6,4; 13,23f; 19,6-21; 30,20-23). Dennoch kann er bekennen: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.“ (Hi. 19,25). Wie diese Sinneswandlung? Sie kommt nicht zuletzt, weil Hiob klagen, ja sogar Gott anklagen durfte. Sein Hilferuf wurde von Gott, dem allmächtigen und gnädigen Schöpfer, erhört (vgl. Hi. 38-42).

27 Michael Schibilsky: Art. Trauer VI. Praktisch-theologisch, in: TRE 34 (2002), 26.

28 Oftmals werden Schuldzuweisungen auch von Dritten an die Angehörigen herangetragen, was ebenso verletzend sein kann.

29 H. Küng: Gott und das Leid, Theologische Meditationen 18, Einsiedeln 51974, 42.

30 K. Lammer verweist zu Recht darauf, dass die Trauerbegleitung in der Praxis nach wie vor zu spät beginnt, meistens erst dann, wenn die Trauernden bereits neben der seelsorgerlichen Begleitung zusätzlich psychologische Hilfsangebote benötigten (vgl. K. Lammer: Trauer verstehen. Formen, Erklärungen, Hilfen, Berlin/Heidelberg 42014, 14f).

 

Über die Autorin / den Autor:

Dipl.-Theol. Babette Heidel, Jahrgang 1990, Diplom­theologin und Mutter von drei Kindern, Studium der evang. Theologie in Leipzig und ­Tübingen, derzeit in Elternzeit.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

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