Wir brauchen eine Pause. Gegen das Post-­Corona-Belastungssyndrom. Für Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeitende, Ehren- und ­Nebenamtliche.

In der EKBO gab es um Weihnachten 2020 herum ein anrührendes Schreiben des Bischofs an alle Mitarbeitenden mit Anerkennung und Dank. Ich spürte: Da weiß einer, wie es denen in den Gemeinden geht. Das tat gut. Aber es verhallt wie das Klatschen für die Pflegekräfte.

Alle in Auszeit schicken geht nicht, auch, weil viele es aus privaten Gründen nicht können. Ich denke, es wären Supervisionsgruppen nötig, in denen man Erfahrungen aufarbeiten und bewältigen kann. In denen man zu neuen Kräften und Zielen finden, in denen man loslassen kann. In manchen Landeskirchen werden solche Gruppen nicht mehr finanziert. Es sollte, es muss Kirchenleitungen ein Anliegen sein; Pfarrervereine und der Pfarrverband müssen Druck ausüben. Sonst haben wir irgendwann traumatisierte Pfarrerinnen und ­Pfarrer, mit denen die Zukunft nicht zu gewinnen ist.

 

I  Wozu denn das? Die haben doch nichts gemacht!

Dass Pfarrer nur sonntags arbeiten, ist allgemein bekannt: Am Sonntag Lehrer sein, unter der Woche Pfarrer. Leider hat die Art mancher Gemeinde, ausfallende Präsenzgottesdienste anzukündigen, manchmal diesen Eindruck bestätigt. Manchmal kam das Echo aus der engsten Gemeinde: Was tut der/die jetzt eigentlich den ganzen Tag?! Manchmal blieb die Anerkennung der Vorgesetzten aus, auch die Verteidigung gegen solche ­Reden. Corona hat Wunden geschlagen.

Verschwörungstheorien wurden serviert, Anklagen formuliert, was „Kirche“ mitmacht und was sie versäumt, wie veraltet sie ist, Neuem nachläuft, wie wenig sie ihr Erbe achtet. Es waren unsere Gemeindemitglieder. Manche Querdenker, die ich im Fernsehen sah, wären als ­typische Besucher*innen auf einem Kirchentag durchgegangen. Sie sind mitten unter uns.

Im Kindergarten war ein Hygienekonzept zu erarbeiten, Kinder als Notbetreuungsfälle auszuwählen, Ängste der Mitarbeitenden zu beachten, Anrufe verärgerter Eltern abzufangen, die einen für und die anderen gegen … Beerdigungen im engsten Kreis schließen Menschen aus – der Pfarrer ist schuld. Wie jetzt, danach, Gespräche ­beginnen, neu, anders? Vergeben, was war und neu anfangen?

Todesfälle in Altenheimen der Gemeinde: ganze Häuser verunsichert, das Personal am Rand, die Prospekte zum Haus nur noch Papier. Und in der Zeitung steht: Sie hatten keinen Beistand im Sterben. In den größten Buchstaben dort, wo man sonst Kirche für überholt erklärte.

Wunden müssen heilen. Worte vergeben werden. Manches Gespräch braucht noch Gelegenheit.

 

II  Am Ende

„Zoom“-Konferenz reihte sich an „Teams“-Veranstaltung. Du musst nicht einmal aus dem Haus, sagen manche – und man ist am Ende nach zwei, drei Stunden. Und manchmal führten ersparte Fahrtkosten zu mehr Konferenzen. Man kennt die Bücherwand der Kollegin und die Kaffeetasse des Nachbarn – sonst blieben Erkenntnisse aus.

Auch Pfarrerinnen und Pfarrer sind Eltern, müssen mit Home-Schooling klarkommen, Arbeit und Privatleben voneinander unterscheiden und miteinander verein­baren. Vielleicht haben wir mehr Übung damit, weil es eine alltägliche Aufgabe war – anstrengend ist es dennoch.

 

III  Die Müdigkeit achten

Tut langsam. Damit, dass alles wird wie früher. Und damit, dass es anders wird als früher. Nicht alles wieder anlaufen lassen, nicht alles aus der Zwischenzeit weiterführen, nicht sofort Neues beginnen. Erst einmal: ­erholen, sich umsehen, bedenken.

A.C. und n.C. – eine neue Zeitrechnung? Manche hoffen es. Kirche soll anders, neu werden. „Lehre aus Corona“, sagen sie – manchmal aber ist, was sie sagen, das: „Was ich immer schon sagen wollte und gesagt habe.“ Ich fürchte die Last neuer Prozesse, Leitbilder, Modelle. Neue Last für Ehrenamtliche, Mitarbeitende und Pfarrer*innen. Hinschauen, korrigieren, neu justieren – ja. Die Kirche wird auch n.C. nicht alle gewinnen und nur Begeisterung auslösen, die Mühen der Ebene bleiben.

 

IV  Sparsam sein mit neuen Ideen

Gemeinden wie Kolleg*innen haben Möglichkeiten ­erlebt und genutzt, Reichweite erfahren wie nie zuvor. Zugleich ist Sehnsucht nach „analoger“ Präsenz ­gewachsen.

Lasst uns die Extreme meiden! Die Chancen des Digitalen sehen, das Lob des Analogen nicht als Mief der Kerngemeinde madig machen. Fragen, wer die digitalen Möglichkeiten nutzen kann und was stattdessen liegen bleibt. Und den Charme analoger Nähe entwickeln und sie schützen vor dem Mief ungelüfteter Kirchenräume. Möglichkeiten im Neuen, Wert aber auch im Bisherigen. Weder gegeneinander ausspielen noch addieren. Eines schickt sich nicht für alle.

 

V  Langsam leben lernen

Manches darf sterben – niemand vermisst es. Da waren aber auch andere Menschen. Andere Formen der Verkündigung. Andere Vorstellungen von Präsenz. Lernen müssen wir, individuelle Lebensgestaltung zu respektieren und einen neuen Sinn für Rück-Sicht und Um-Sicht auf andere Bedürfnisse zu wecken. Von Gott reden für Menschen, die man weder sieht noch kennt. Mit ihrer Kritik leben, aber sie auch erwidern lernen. Einen Standort haben ohne starr zu sein.

Ansätze sind das. Kein Programm. Lasst uns jetzt nicht streiten, wer Recht hatte. Sondern, wie wir miteinander mit neuen Kräften weitermachen. Lasst uns einander trösten: Die neue Zeit bricht auch jetzt nicht an. Weil wir Menschen nicht anders werden. Erinnert werden und uns erinnern müssen. Nicht hören wollen. Uns in den früheren Zustand zurückwünschen.

 

VI  Es rede, wer es besser weiß

Ja, ich weiß, dass die Ruheständler immer „so Ideen“ haben und den Mund nicht halten können. Aber vielleicht kann ich ohne eigene Interessen im Spiel glaubhafter reden. Wenn nicht, entschuldigen Sie bitte. Dann reden Sie an meiner Stelle.

 

Martin Ost

 

Über die Autorin / den Autor:

Dekan i.R. Martin Ost, Pfarrer der Evang.-luth. Kirche in Bayern, zuletzt Dekan in Markt Einersheim (Franken), seit 2015 im Ruhestand, früher Schriftleiter des Bayr. Korrespondenzblattes, ­Mitglied im Redaktionsbeirat des DPfBl.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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