I. Gottes Gabe und deutscher Teufel

In einer Predigt sagt Luther 1522: „Ich bin dem Ablass und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das (nämlich Gottes Wort) hat wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippo und Amsdorff getrunken habe, also viel getan, dass das Papsttum also schwach geworden ist…“ (WA 1O, 18f).

Dies sind schöne und typische Luthersätze. Gott handelt in der Geschichte. Sein Wille geschieht, während wir schlafen oder eben Bier trinken. Das Biertrinken ist hier also ein Ausdruck des Gottvertrauens. Ich brauche nicht immer alle Kräfte unentwegt anzuspannen, ich kann mich einmal bei einem Bier entspannen.

Aber die Blaukreuzer dürfen aufatmen. Luther kennt nicht nur die gemütlichen Seiten des Biertrinkens, sondern auch seine Gefahren: „Unser deutscher Teufel … muss Sauff heißen, der so durstig … ist, dass er mit noch so großem Saufen Weins und Biers nicht kann gekühlet werden. Es wird solch ewiger Durst Deutschlands Plage bleiben. Ich fürchte, bis an den Jüngsten Tag.“ (WA 51, 257)

Und auch folgender Gedanke ist in diesem Zusammenhang interessant: „Bei uns ist es nicht so wie bei den Türken. Gott verbietet es nicht, Wein oder Bier zu trinken. Er macht kein Gesetz daraus. Aber sieh dich vor. Werd keine Sau, bleib ein Mensch. Wenn du ein Mann bist, halt dich in männliche Zucht.“ (WA 47, 767)

Es ist reizvoll, Luthers Biografie unter dem Stichwort Bier zu begleiten. Man kann mit diesem Stichwort fast das ganze Leben Luthers nacherzählen, sozusagen eine Biografie als Bierografie.

 

II. Luthers Bierografie

Erfurt

Seit Mai 1501 studiert Luther in Erfurt, und zwar zunächst einmal auf ein juristisches Examen hin. Im Rückblick auf die Erfurter Zeit sagt Luther über die Zustände dort: „Erfurt ist nichts Besseres gewesen als ein Huren- und Bierhaus. Diese beiden Vorlesungen haben die Studenten dort am fleißigsten gehört.“ (TR, 2. Bd., 614).

Im Juli 1505 ist Luther in das Augustinerkloster in Erfurt eingetreten. Weit über das Mittelalter hinaus war sauberes und ungefährliches Wasser ein seltenes Gut. Noch im 19. Jh. kam die Cholera aus den Brunnen. Alkoholische Getränke waren deshalb auch aus hygienischen Gründen zu empfehlen. Bier und Wein waren im Kloster eine Selbstverständlichkeit. Sie waren bei den Erfurter Augustinern auch in der Fastenzeit in den üblichen Maßen wie sonst erlaubt. Also sieben Wochen „mit“.

Worms

Der Reichstag in Worms jährt sich dieses Jahr zum 500. Mal. Unmittelbar nach seinem Auftritt vor dem Reichstag am 18.4. („hier stehe ich“), im Hofe des Bischofspalastes, tritt Herzog Erich von Braunschweig an Luther heran und reicht Luther einen großen Humpen Einbecker Bier. Luther ergreift dankend den Humpen und führt ihn sogleich, nach Mönchsart, mit beiden Händen zum Munde. Dann eilt er aus dem Palast und ruft in die Menge: „Ich bin hindurch.“ (Meisner, 85) Die Einbecker Brauerei ist die einzige Brauerei aus Luthers Zeiten, die es auch heute noch gibt. Zum Gedenken daran wird dort heutigentags ein „Luther-Bier“ gebraut.

Wartburg

Ein paar Tage später trifft Luther auf der Wartburg ein. Zur Begrüßung beim Abendessen trinken der Burghauptmann von Berlepsch und Luther Wein. Aber, ob Wein oder Bier – das, was Berlepsch zu Luther sagt, das gilt für beides: Luther möge möglichst den Krug Wein oder Bier nicht mit beiden Händen ergreifen. Das ist nämlich die Gewohnheit der Mönche, den Krug mit beiden Händen zu fassen. Auf der Wartburg aber ist Luther ja ein Ritter, „Junker Jörg“. Da wäre es sehr verdächtig, wenn er Mönchsmanieren an sich hätte. Also möge er doch bitte den Krug nur mit einer Hand fassen. (Meisner, 90)

Anfang Dezember 1521 bricht Luther mit Wissen Berlepschs von der Wartburg auf, um inkognito zu sehen, wie es in Wittenberg geht. Am 3. Dezember kommt er in Leipzig an und speist bei dem Schankwirt Hans Wagner (natürlich anonym) auf der Brühl zu Mittag. Dies kommt gerüchteweise später den fürstlichen Behörden zu Ohren und der Schankwirt Hans Wagner wird verhört. Das Verhör geht so:

„Wusstest du, dass Martin Luther bei dir zu Gast gewesen ist?“

„Wohl war am selbigen Tag ein Freiweib (eine Prostituierte) bei mir zum Bier. Die sagt, selbiger sei gewiss Dr. Martinus gewest, sie kenne ihn wohl.“

„Dann habt ihr’s also gewusst?“

„Gebt ich auf so leichtfertiger Person Rede Achtung? Ich tat’s nicht und müsst ich’s allweil tun, hätt‘ ich viel anzustellen.“

Nur wenig später spielt folgende Begebenheit im Gasthaus „Zum Schwarzen Bären“ in Jena. Luther hat die Wartburg endgültig verlassen, um gegen das Schwärmertum in Wittenberg einzugreifen. Auf dem Weg von der Wartburg nach Wittenberg trifft er inkognito in Jena im „Schwarzen Bären“ ein. Dort sitzt er am Tisch mit zwei Schweizer Studenten, die in Wittenberg studieren wollen. Dabei kommt man natürlich alsbald auf Martin Luther zu sprechen. Die beiden Schweizer ahnen nicht, dass Luther ihnen gegenüber sitzt. Eine lustige Situation. Und nun zum Bier: Luther spendiert den beiden Studenten einen Wein und tut das mit den einfühlsamen Worten: „Das Bier ist euch fremd und ungewohnt. Trinket den Wein.“ (Meisner, 126)

Die Hochzeit

Luther hat das Bier und den Wein geliebt. Das alltägliche und übliche Getränk war in seiner Umwelt das Bier. Wittenberg hatte 2000 Einwohner. In der Stadt gab es 172 brauberechtigte Bürger. Zur Hochzeit bekam Luther vom Wittenberger Rat aber Bier geschenkt, das nicht aus Wittenberg kam: ein Fass Einbecker Bier. Solche Biergeschenke waren wohl nicht unüblich. 1526 hat Luther der Stadt Zerbst einen Pfarrer vermittelt – und bekam zum Dank ein Fass Zerbster Bier. (Briefe, Bd. 4) Da wusste man noch, was man schenken kann: ein Fass Bier!

Übrigens waren in Luthers Haushalt in Wittenberg immer sehr, sehr viele Gäste: Besucher, Studenten, Bedürftige. Die Geschenke kamen allen zugute, und Luther war wegen seiner Großzügigkeit bekannt.

Ehefrau Katharina war selbstverständlich auch eine gute Bierbrauerin. Was die Anreden an seine Frau betrifft, war Luther in seinen Briefen sehr erfinderisch: „Meiner herzlieben Hausfrau, Doktorin und was sie sonst noch alles kann.“ Einmal redet er sie auch mit „meine liebe Brauerin“ an.

Zapfenstreich

Am 23. Januar 1546 nimmt Luther Abschied von seiner Familie, um sich auf eine Vermittlungsreise zu begeben. Er will einen Streit zwischen den Mansfelder Grafen schlichten. Das Ziel ist Eisleben. Er nimmt seine drei Söhne und einen Helfer mit. Die Reise wird beschwerlich, denn sie müssen über die Saale, und die führt riesige Eisschollen. Sie können nicht hinüber. Aber Luther ist fasziniert von dem Schauspiel. Er schreibt einen seiner wundervollen Briefe an Käthe: „Wir sind heute um acht aus Halle gefahren, aber sind nicht gen Eisleben gekommen, sondern um neun wider gen Halle eingezogen. Denn es begegnet uns eine Wiedertäuferin mit Wasserwogen und großen Eisschollen und drohte uns mit der Wiedertaufe und hat das Land bedeckt.“ (Man beachte diese geistreiche Ironie, mit der hier die Flut der Saale mit dem Bild der ketzerischen Wiedertäufer verbunden wird.) Und dann fährt Luther fort, dass ihn das viele Wasser nicht dazu verführe, es zu trinken. Nein, nein dafür haben sie etwas Besseres. Sie trinken nicht das Wasser des Wiedertäufers, sondern „wir nehmen dazu gut Torgauer Bier und guten rheinischen Wein. Damit laben und trösten wir uns …“. (Briefe, 11. Bd., 269)

Luther war offenbar nicht nur mutig, sondern manchmal auch übermütig: Das Bier ist immer noch besser als das Wasser der Wiedertäufer. Auf diesen Vergleich konnte außer Luther wohl niemand kommen.

Und auch im letzten Brief an seine Frau wird noch einmal das Bier gelobt, diesmal nicht das Torgauische oder Wittenberger, das Einbecker oder das Zerbster, sondern das Naumburgische. (Briefe, 11. Bd., 287)

 

III. Das Bier in Luthers Sprache

Der Teufel hat Durst

Luther war nicht nur mutig, sondern manches Mal auch übermütig. Er war zum Beispiel in der eigenen Haushaltsführung Gästen und Bittstellern gegenüber so übermütig, dass es im Hause Luther bisweilen knapp bei Kasse zuging. Im Jahre 1540 konnte der Haushalt nur so über Wasser gehalten werden, dass Katharina ihr kostbar gebrautes Bier fast völlig nach auswärts verkaufte.

Luthers Übermut wird immer und immer wieder an seiner überschwänglichen Sprache deutlich. Auch das folgende Sprachbild ist wieder eines von der Sorte „Darauf kann doch nur Luther kommen“. Um sich in dieses Bild hineinzudenken, muss man sich zunächst einmal einen heißen Sommertag vorstellen und dann einen durstigen Mann, der vor einem Glas sitzt. Und nun vergleicht Luther diesen durstigen Mann mit dem Teufel und das Glas Bier mit dem Menschen. Und der Teufel hat einen großen Durst und ihm ist dieses Glas Bier von Gott vor die Nase gesetzt worden. Und der Teufel möchte natürlich nach diesem Glas Bier, nach dem Menschen, greifen, um seinen gierigen Durst zu stillen. Aber er kann es nicht anrühren. Warum nicht? Weil Gott seine Gnade hineingegossen hat! (Vorlesung zum ersten Johannesbrief, Nachschrift Georg Rörer) Ich sag es noch einmal: Darauf kann auch nur Luther kommen: Der Teufel greift nach mir wie ein Durstiger nach einem Glas Bier. Aber er kann mir nichts anhaben, weil Gott seine Gnade hineingegossen hat.

Der Schaum auf dem Bier

Was ist der „Glaube“ eigentlich. Eine Meinung über Gott und die Welt? Eine Theorie, über die man streiten kann, wie über die Evolutionstheorie? Luther hat immer wieder betont: Der Glaube ist eine mir von Gott selbst geschenkte Überzeugung und Kraft. Der Glaube ist eine lebendige Gewissheit, von der mein ganzes Leben und Sterben getragen wird.

Und was hat das mit dem Bier zu tun? Wieder treffen wir hier auf ein Sprachbild, von dem ich sagen würde: „Darauf kann nur Luther kommen.“ Luther drückt das nämlich so aus: der Glaube schwebt nicht über dem Leben wie der Schaum auf dem Bier. (WA 10 und WA 36, 422). Der Glaube ist eine beglückende Kraft. Dazu wörtlich Luther (Evangelienauslegung, 3, 311): „Darum sprechen St. Peter und St. Lukas so viel von Werken, damit man nicht hingehe und denke ‚ja, ich will nu glauben‘ und macht sich einen erdichteten Glauben. Denn der Glauben, der allein über dem Herzen schwebt, wie der Schaum auf dem Bier, ist ein erdichteter Glaube. Nein, nein, der Glaube ist ein lebendig wesentlich Ding, macht den Menschen ganz neu, wandelt ihm den Mut und kehrt ihn ganz um.“

Das ist schön gesagt und letzten Endes wohl auch richtig. Aber von meiner eigenen Erfahrung her würde ich Martin Luther im Himmel gerne fragen: Hat der Glaube immer diese überwältigende Wirkung? Wird Gott nicht auch dann freundlich auf mich blicken, wenn der Glaube für mich ein letzter Strohhalm in der großen Angst ist? Manches Lutherwort hört sich so an, als könne man mit den Glauben Berge versetzen. Aber ich glaube doch – und kann oft nicht einmal den Kieselsteinen meiner Angst einen Fußtritt geben. Aber das bleibt wahr: „Der Glaube ist nicht wie der Schaum auf dem Bier.“ Sondern er ist der Anker in meiner Lebensangst. Und als Prediger kann man da nur sich erbitten, dass man in diesem Sinne kein Schaumschläger ist.

 

IV. Ein kleiner Umtrunk zum Schluss

Übers Bier wäre noch viel zusagen, über Luther erst recht. Was über „Luther und das Bier“ noch dazu interessant wäre, soll hier als bunter Strauß hintendran gehängt werden. Also sozusagen eine Zugabe:

– „Die Gerste muss viel leiden von Leuten. Denn erstlich wirds in die Erde geworfen, dass sie verweset. Wenn sie nu gewachsen und reif geworden ist, schneidt oder häuet man sie ab. Darnach drischt und quellt man sie ein, dörret und kocht Bier oder Kofent draus, das wird von Bauern gesoffen und wiedergegeben unten und oben und an die Zäune gepinkelt.“ (Tischreden 1)

– Luther über die Zustände in der Kirche zu seiner Zeit in „Wider die himmlischen Propheten…“ (1525): „Die Pfaffen stinken schon früh nach Wein und Bier, wie ein Essigkrug nach Wein und Bier und sind morgens noch so voll, dass sie weder ihre Köpfe tragen noch ihre Zunge geschickt regen können. Sie lallen, wenn sie lesen.“ (WA 18, 206)

– In der Auslegung des Propheten Habakuk (WA 19, 397) gibt es eine Stelle, die für die „Geschichte der menschlichen Psyche“ nicht uninteressant ist. Daraus geht nämlich hervor, dass man auch zu Luthers Zeiten schon „stolz“ darauf, wenn man tüchtig Alkohol vertragen konnte. Da „wollte man als ein bierhelt oder weinritter gerühmet sein“.

– Aber kommen wir wieder einmal zu positiven Seiten des Biergenusses. In einem Brief an seine Frau (ca. 1534) von Torgau aus schreibt Luther zwar auch von der „Schuld des Bieres“. Aber woran ist das Bier hier Schuld? An seinem guten und ausgiebigen Schlaf: „Ich schlafe überaus wohl, etwa 6 oder 7 Stunden aneinander, und danach 2 oder 3 Stunden hinnach. Es ist des Bieres Schuld wie ich achte. Aber nüchtern bin ich, gleich wie zu Wittenberg.“ (Briefe, 6. Bd., 270) Und wenig später schreibt Luther von Dessau aus an seine Frau (1534): „Wie gut Wein und Bier hab ich daheime, dazu eine schöne Frau. Du solltest mir einen Keller voll Wein schicken und dazu einen pfloschen (?) deines Biers.“ (Briefe, 6. Bd.)

– Ein Hinweis auf WA 36, 381 ist nebenbei ganz interessant. Da findet sich die Wendung, die auch heute noch viel gebraucht wird: „Ich will mein Bierchen trinken.“ (Der Zusammenhang ist der: Christus warnt die Menschen, das Gericht Gottes ernst zu nehmen. Die wollen das nicht hören und sagen: „Ich will mein Bierchen trinken.“)

– Brot und Bier passen sprachlich gut zusammen. Sie sind beide Gaben Gottes. „Es ist unseres Gottes Brot und unseres Gottes Bier.“ (TR 5, 626) Zwar ist das Bier nicht so lebensnotwendig wie das Brot. Aber Luther kann doch sagen: Wo nicht Torgauisch Bier ist, da ist meines Lebens nicht.“ (TR 2, 619).

Eine kleine Nachbemerkung

Das Thema eignet sich hervorragend dazu, einen Gemeindeabend bei einem Glas Bier zu veranstalten. Ich habe das im Lutherjahr 2017 in mehreren Gemeinden so erlebt. Örtliche oder benachbarte Brauereien oder Gaststätten haben immer gerne ein paar Kisten spendiert.

Besondere Kompetenz zum Thema „Luther und das Bier“ hat die Einbecker Brauerei. Da sollte man sich an Herrn Ulrich Meiser wenden (e-Mail: ulrich.meiser@einbecker.de).

In der WA kommt das deutsche Wort „Bier“ etwa 250mal vor. Aus den Lutherbiografien möchte ich das Buch von Michael Meisner erwähnen: Martin Luther, Heiliger oder Rebell, München/Zürich, 1981.

Thomas Schleiff

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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