Der Name des Thomas von Kempen hat einen Klang inne, der mit einer tiefen, innerlichen Spiritualität verbunden ist. Er hat sowohl in der röm.-kath. Kirche wie auch im Protestantismus eine breite Rezeption gefunden. Ob das berühmte Buch der Imitatio Christi wirklich auf ihn als Autor zurückgeht, bleibt in der wissenschaftlichen Diskussion offen. Gesichert ist, dass er als Kompilator und Abschreiber zu dessen endgültiger Form und damit seiner Verbreitung erheblich beigetragen hat. Joachim Schnürle würdigt den Mystiker und geistlichen Lehrer zu dessen 550. Todestag.

 

Von Thomas von Kempen stammen verschiedene Schriften, die in seinen Opera omnia, als Ratgeber und Unterrichtsmaterial für seine Aufgabe in der Novizenausbildung überliefert sind. Die Imitatio Christi (Nachfolge Christi) gilt dabei nach der Bibel als das weitverbreitetste religiöse Buch der Christenheit, auch wenn es diesen Ruhm zuweilen mit der Pilgerreise von John Bunyan teilen muss. Zu Beginn des 20. Jh. wurden weit über 2000 Ausgaben gezählt, was in der Zeit der weltweiten Dokumentation von Schriftausgaben, die über das Internet eingesehen werden können, nur als ein Bruchteil der in realiter erschienen Ausgaben darstellt. Gleichermaßen geschätzt wird dieses Buch als Erbauungslektüre von Christen der röm.-kath. Kirche, den protestantischen Kirchen und kleineren Gruppierungen. 

 

Das Leben des Thomas von Kempen

Thomas wurde gegen Ende des Jahres 1379 (oder Anfang 1380) in Kempen nahe der heutigen Propsteikirche St. Mariae Geburt als der zweite Sohn von Johann Hemerken und dessen Frau Gertrud geboren. Der Familienname „Hämmerchen“ gibt einen Hinweis auf den Beruf des Vaters: Schmied, ja vielleicht Silber- oder Goldschmied. Der Erstgeborene, genannt nach dem Vater Johannes, war 15 Jahre älter als Thomas und war diesem in seinen weiteren Lebensstationen Vorbild und Wegbereiter. Nach Absolvieren der Lateinschule in seiner Vaterstadt suchte er seinen Bruder im Alter von 13 oder 14 Jahren in Deventer in den Niederlanden auf. Dort führte er seine Bildung weiter unter dem Einfluss der Devotio moderna, die Geert Groote (†1384) begründet hatte und die von Florens Radewijns (†1400) weiter verbreitet wurde. In Florens’ Haus der Brüder des gemeinsamen Lebens fand Thomas Aufnahme.

1399 folgte Thomas seinem Bruder nach Zwolle in das Regulierte Augustinerchorherrenstift St. Agnetenberg. Johannes war seit 1398 Prior der Neugründung. An der Zwoller Stadtschule konnte Thomas seine Bildung komplettieren unter der Leitung von Johannes Cele. 1406 wurde er für den Orden eingekleidet und legte im Folgejahr die Profess ab. Zum Priester wurde er sieben Jahre später geweiht. In den Jahren 1425 bis 1430 und ab 1448 war er Subprior des Klosters und dabei für die Ausbildung der Novizen zuständig.

Fast 70 Jahre lebte Thomas im Kloster St. Agnetenberg. Unterbrochen lediglich durch die Jahre 1429 bis 1432, als das gesamte Kloster im Rahmen des „Utrechter Schismas“ ins Exil nach Ludingakerk (Friesland) verlegt wurde. In Arnheim pflegte er seinen Bruder bis zu dessen Tod.

Thomas hat verschiedene Handschriften angefertigt – eine kostbare Bibelabschrift, die heute in der Universitäts- und Landesbibliothek in Darmstadt verwahrt wird1 in fünf Bänden, wurde von ihm kunstvoll abgeschrieben und von den Meistern des Otto von Moerdrecht kostbar ausgemalt. Um 1420 begann Thomas eigene Schriften zu verfassen. Neben den Schriften zur Novizenausbildung auch geistliche Traktate, Predigten, Gebete und historische Werke über die Gründergeneration der Devotio moderna. Von einigen sind eigenhändige Abschriften des Thomas erhalten (Brüssel, Königliche Bibliothek, Ms. 5855-61, beendet 1441, sowie in Löwen, Universitätsbibliothek, o.Sign., beendet 1450 [verbrannt], und Brüssel, Königliche Bibliothek, Ms. 4585-87, beendet 1456). 91jährig starb er am 25. oder 26. Juli 1471. Vom Kloster St. Agnetenberg ist seit den Zerstörungen durch die Konfessionskriege des 16. Jh. nichts mehr erhalten.

 

Das Buch der Nachfolge Christi

In der Nachfolge Christi wird als Grundtenor die Größe und die Gnade Gottes immer wieder betont, dies zeigt sich für den aufmerksamen Christen in der Wahrnehmung der eigenen Gebrechen und dem Verhaftetsein in Schuld und Sünde. So hat Thomas die beiden Pole, die auch die lutherische Rechtfertigung umrahmen, vor Augen. Die menschliche Verdorbenheit im Gegensatz zur göttlichen Heiligkeit. Er kennt Christus als den Mittler und den Einen, auf den sich die Liebe des Glaubenden in Dankbarkeit bezieht.

Auch wenn die Gnadenlehre nicht in reformatorischer Hochschätzung betont und dargelegt wird, ist sich Thomas der Verdienstes Christi bewusst. Das hat den Weg des Buches durch die Geschichte der reformatorischen Kirchen gebahnt. Protestantische Ausgaben oder dem Protestantimus nahestehende Ausgaben sind schon im 16. Jh. gedruckt worden, so die Ausgabe von Caspar Schwenckfeld (1490-1561) in Augsburg und von Sebastian Castellio (1515-1563) in Basel. Die erfolgreichste Übersetzung des deutschen Protestantismus stammt von Johann Arndt (1555-1621), die ab 1605 in verschiedenen Ausgaben vorlag. Nicht selten auch als Sammelausgabe als Zwey alte und edle Büchlein, Das Erste. die Deutsche Theologia […] Das Ander, Die Nachfolung Christi, Magdeburg 1605. Diese zwei Bücher wurden auch zusammen herausgegeben mit Traktaten von Luthers Lehrer Johannes Staupitz (1460-1524), die dann als Vier […] Büchlein mehrmals veröffentlicht wurden.2 Die Arndtsche Ausgabe wurde bis ins 20. Jh. immer wieder nachgedruckt.

 

Spiritualität mit dem Ziel der tätigen Nächstenliebe

Unzweifelhaft hat sich das Leben von Thomas fast ausschließlich hinter Klostermauern abgespielt. Seine Aufgabe in der Novizenausbildung wie auch seine schriftstellerische Tätigkeit hat ihren Schwerpunkt in den klassischen monastischen Tugenden von Oratio und Labor. Die innerliche Gottesbegegnung wird immer wieder zum Thema seiner Schriften, nicht nur der Nachfolge Christi sondern auch seiner Psalmenbetrachtungen und der praktischen Ratgeberwerke. Und doch bleibt Thomas nicht in einer mystischen Versenkung als Ziel des Lebens und aller Andacht stehen. Er, der Praktiker in der Ausbildung und im Klosterleben sieht den Nächsten, den Mitmenschen in seiner Bedürftigkeit. Aus der eigenen Bedürftigkeit des sündigen Menschen schließt er auf die Bedürftigkeit des Nächsten, die im Blick bleiben soll.

Gerhard Uhlhorn (1826-1901) als Historiker der christlichen Liebestätigkeit würdigt Thomas in einem ausführlichen Vortrag als „praktischen Mystiker“. In einer Zeit in der die protestantische Theologie gewichtige Bedenken gegen eine christliche Mystik vortrug, konnte Uhlhorn diesen Zug in der Spiritualität von Thomas würdigen als eine genuine Kraft, die der christlichen Diakonie gut eignet: „Die Mystik hat, das ist jetzt wohl von selbst klar, zunächst einen Zug zur Einsamkeit, vom Wissen und vom Handeln weg. Gott lässt sich nur in der Stille schauen, wenn das Gemüth von allem andern abgezogen ist. Allein wo nun Gott wirklich erfahren wird, da treibt diese Liebeserfahrung wieder hinaus aus der Stille, sie treibt zur Nächstenliebe, sich des Nächsten anzunehmen, ihm zu dienen und zu helfen, damit er auch zur Erfahrung Gottes und zum innern Frieden komme.“3

Uhlhorn sieht keinen Wiederspruch in dem Anliegen, Gottes Nähe zu suchen und zugleich immer wieder in der praktischen Arbeit, dem Nächsten zu dienen. So ist Thomas von Kempen für Uhlhorn das Beispiel, wie Spiritualität und praktisches Christentum zusammenwirken. Von ihm stammt in diesem Zusammenhang ein Satz, der von verschiedenen Theologen und Theologinnen des 21. Jh. wieder aufgenommen wurde: „Die Mystik ist die innerliche Lebendigkeit der Religion, und jeder religiöse Mensch, jeder Christ muß auch Mystiker sein; er muß Gott erfahren, sonst kann er ihn auch nicht lieben und verehren.“4 Ein Postulat, das auch ins 21. Jh. weist, dass jeder Christ auch Mystiker sein wird oder gar „muss“.

 

In der Schule Christi

Thomas hat in manchen seiner Schriften die Stilform des Dialogs benutzt, bei dem eine Unterhaltung zwischen Christus und einem Schüler von Jesus gehört wird. Thomas, der ja in der Schulung der Novizen eingesetzt war, hat so die Rolle des Schülers selbst eingenommen und aus dieser Sicht seine Gedanken verdeutlicht. So ist von ihm ein ABC in der Schule Christi überliefert, auch wird im 4. Buch der Nachfolge diese Dialogform zu Grunde gelegt.

Er benutzt die Stimme des Schülers, um die eigene Not in Worte, ja Gebete zu fassen und um Gnade zu erbitten, so im 16. Kapitel des 4. Buches:

O du süßester und geliebtester Herr, den ich nun andächtig zu empfahen begehre, du kennst meine Schwachheit und die Not, die ich leide, in wie großen Übeln und Sünden ich liege, wie ich oft beschwert, versucht, betrübt, verunreinigt werde. Um Heilung wende ich mich zu dir, um Trost und Erleichterung bitte ich dich. Zu dem Allwissenden rede ich, dem all mein Inneres offenbar ist, und der du allein mich vollkommen trösten und unterstützen kannst. Du weißt es, welcher Güter ich vor allem bedarf, und wie arm ich an Tugenden bin.“5

Thomas ist sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst. In einer Zeit, in der viele Bereiche des kirchlichen Lebens in einem desolaten Zustand wahrgenommen wurden, in der die Bewegung der Devotio moderna eine neue Hinkehr zu einem persönlichen Glauben forderte, ist Thomas die eigene Schuld vor Augen. Die später von Luther so schmerzlich wahrgenommene Sündhaftigkeit, ist auch den Vertretern dieser vorreformatorischen Erneuerungsbewegung wohl bewusst.

Der Novizenmeister des Agnetenklosters weiß nur einen Rat und einen Weg für den bußfertigen Schüler, den er auch in diesem Dialog niederlegt: „Siehe, ich stehe vor dir arm und bloß, Gnade begehrend und Barmherzigkeit erflehend. Erquicke deinen hungernden Bettler, entzünde meine Kälte durch das Feuer deiner Liebe, erleuchte meine Blindheit durch die Klarheit deiner Gegenwart. Wandle mir alles Irdische in Bitterkeit, alles Schwere und Widerwärtige in Geduld, alles Niedere und Geschaffene in Geringachtung und Vergessenheit. Richte auf mein Herz zu dir gen Himmel und lass mich nicht auf der Erde schweifen; du sollt mir allein mein Vergnügen sein von jetzt an bis in Ewigkeit, weil du allein meine Speise und mein Trank, meine Liebe und meine Freude, meine Süßigkeit und all mein Gut bist.“6

Der Schüler ist sich seiner Begrenzung bewusst und Thomas macht es so seinen Schülern deutlich, dass alles Streben nach Wissen und Können nur in den irdischen Bezügen Wert hat. In der Beziehung zu Gott, zu Christus dem Lehrmeister, bleibt alles Wissen und aller Verdienst „arm und bloß“. Es gibt nur eine Lösung, eine Hilfe – nämlich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die Thomas in Jesus erkennt. Im Kapitel zuvor spricht die „Stimme Jesu, des Geliebten“: „Du musst beharrlich nach der Gnade der Andacht streben, mit Sehnsucht darum bitten, mit Geduld und Vertrauen sie erwarten, sie dankbar annehmen, mit Demut bewahren …“7 Christus ist das Gegenüber, mit dem der Schüler spricht und von dem er Antwort und Hilfe erwartet.

Der Schüler Christi erwartet immer wieder neue Hilfe und Entzündung seiner Liebe und seines Begehrens gegenüber Gott: „O, dass du mich ganz entzündetest mit deiner Gegenwart, mich verbrenntest und in dich umwandeltest; dass ich mit dir ein Geist würde durch die Gnade der inneren Vereinigung und durch die Verschmelzung brennender Liebe! Lass mich nicht nüchtern und trocken von dir gehen, sondern handle mit mir barmherzig, wie du so oft mit deinen Heiligen wunderbar umgegangen bist. Was Wunder, wenn ich ganz und gar von dir entzündet mich selbst verzehrte, da du ein Feuer bist, das immer brennt und nie abnimmt, eine Liebe, die die Herzen reinigt und den Verstand erleuchtet.“8

Im Gebet wird ihm die Begegnung, das Treten in die Gegenwart Christi bewusst, die neues Leben und neue Liebe in ihm erzeugt. So wird der klösterliche Lehrmeister nicht müde, in Wendungen, die aus den Psalmen entlehnt sind, auf den Geliebten hinzuweisen.

Diese in der persönlichen Hinkehr zu Christus dem Auferstandenen errungenen Einsichten möchte Thomas, der sich selbst immer wieder in die Schule Christi begibt, auch in seinen Schriften weitergeben. Die Früchte seiner Andacht sollen ihm selbst wieder dienen wie auch seinen Mitbrüdern in der klösterlichen Gemeinschaft. Aus dieser Veränderung in der persönlichen Begegnung mit Christus fließt dann das Werk am Mitmenschen. Diese Frucht aus der Stille kann nicht allein genossen werden. Sie drängt zu Mitteilung in Wort, Schrift und in der diakonischen Hilfe, wie dies Uhlhorn verdeutlichte. „Praktische Mystik“ in diesem Sinne ist nicht nur persönlicher Gewinn sondern eine Gabe an die Mitmenschen.

In diesem Sinne wird die Relektüre der Imitatio Christi auch im 550. Todesjahr des Thomas von Kempen ein instruktives und inspirierendes Unterfangen darstellen.

 

Anmerkungen

1 http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Hs-324-I/0003/image.

2 Georg Baring, Bibliographie der Ausgaben der „Theologia deutsch“ (1516-1961). Ein Beitrag zur Lutherbibliographie. Baden-Baden 1963, Nr. 47 auf S. 74 und die Folgeauflagen.

3 Gerhard Uhlhorn, Thomas a Kempis und das Buch der Nachfolge Christi, in: Ders., Vermischte Vorträge über kirchliches Leben der Vergangenheit und der Gegenwart, Stuttgart 1875, 3-36, das Zitat, 13.

4 Ebd., 12f.

5 Thomas von Kempen, Nachfolge Christi, Kassel o.J. [ca. 1900], 343.

6 Ebd. 343f.

7 Ebd. 340.

8 Ebd. 344.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Joachim Schnürle, Jahrgang 1970, Mediziner, tätig in der Altmühlseeklinik Hensoltshöhe in der Rehabilitation von onkologischen und psychosomatischen Patienten; Interessenschwerpunkt: Psychotherapie und Seelsorge unter Rückgriff auf das Glaubensgut in Kirchenliedern und Erbauungsliteratur; Veröffentlichung zum seelsorgerlichen Gebrauch von Schriften Gerhard Tersteegens, Philipp Friedrich Hillers und Thomas von Kempens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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