Frank Zelinsky setzt bei seinen Überlegungen zur gleichzeitigen Jubiläums- und Umbruchssituation des ältesten Pastoralkollegs in Deutschland bei der Ursprungsinspiration an, die zur Gründung des ersten Pastoralkollegs führte. Diese ist gekennzeichnet durch die Stichworte Bibelarbeit, geistliche Lebenshaltung, Gemeinschaft der Schwestern und Brüder. Der nichtakademische Charakter der in diesem Geiste entstehenden, mehrtägigen Zusammenkünfte bedeutet auch, dass in ihnen nicht Themen, Fähigkeiten oder Fertigkeiten im Vordergrund stehen, die behandelt bzw. geschult werden sollen. Vielmehr geht es um Selbstreflexion, Standortbestimmung, Glaubensvergewisserung und Stärkung des geschwisterlichen Zusammenhalts.

Überblickt man die Profile der Pastoralkollegs im Raum der EKD, so ist das Pastoralkolleg der Evang. Landeskirche in Württemberg mit Sitz in Bad Urach dasjenige, das das Ursprungsprofil am „reinsten“ bewahrt hat. Pfarrerinnen und Pfarrer werden in regelmäßigem Turnus von sieben Jahren persönlich zu 13-tägigen Kursen eingeladen, die der eigenen Standortbestimmung, Vergewisserung ihrer Arbeit und geistlichen Stärkung dienen. Die übrigen Pastoralkollegs in Deutschland haben ihren Schwerpunkt zumeist in thematischen Kursen. Hier werden neuere Entwicklungen innerhalb der klassischen theologischen Disziplinen vermittelt, z.B. in den beliebten sog. „Update-Formaten“, in denen Pfarrerinnen und Pfarrer auf den neuesten Stand theologischer Forschung des jeweiligen Faches gebracht werden. Es werden aktuelle gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen thematisiert und diskutiert. Es wird kollegiale Beratung und Rückmeldung geübt, Predigtwerkstätten werden durchgeführt, theologische Auseinandersetzung hat ihren Platz, gelegentlich geht man pilgern oder auf Studienreise. Neben Einzelpersonen, die sich zu Fortbildungen im Pastoralkolleg anmelden, sind auch ganze Kirchenkreise Zielgruppe des themenorientierten Fortbildungsprofils zahlreicher Pastoralkollegs.

 

Verschiebung der Profile

In den letzten Jahren ist nun eine leichte Verschiebung innerhalb dieser unterschiedlichen Profile zu beobachten. Zunächst ist schon vor einigen Jahren das Pastoralkolleg der Evang. Kirche in Mitteldeutschland im Kloster Drübeck dazu übergegangen, verstärkt berufsbiographische Kurse anzubieten. „Bilanz- und Orientierungstage“ werden diese Kollegs genannt, die für einen Zeitraum von 10 Tagen konzipiert sind. Heute gibt es sie für die mittleren und letzten Amtsjahre, eigene Kurse auch für Superintendent*innen und im Herbst 2021 erstmals auch als gemeinsames Kolleg für alle Berufsgruppen im hauptamtlichen Verkündigungsdienst, neben den Pfarrpersonen auch für Kirchenmusikerinnen und Gemeindepädagogen.

Berufsbiographische Kurse gab es in fast allen deutschen Pastoralkollegs immer schon, allerdings nicht in der Konzentration und Programmatik, mit der sie seit zwei bis drei Jahren von mehreren Instituten wieder verstärkt ins Programm aufgenommen werden. Um die angemessenen Namen dieser Kurse wird noch gerungen. Trotz des betriebswirtschaftlichen Beigeschmacks hat sich der Begriff der Bilanz häufig durchgesetzt. So spricht das Gemeinsame Pastoralkolleg in Villigst von „Bilanzkollegs“, Meißen hat sich mit dem Titel „Bilanz- und Orientierungstage“ der Drübecker Terminologie angeschlossen und das Theol. Studienseminar in Pullach kennt „Bilanzierungskurse“. Mit den Begriffen „Inseltage“ bzw. „Atem holen“ und „Umschauen – Weite entdecken“ versuchen die Pastoralkollegs Niedersachsen (Loccum) bzw. Neuendettelsau stärker die Aspekte des Innehaltens, der Rekreation und der Perspektiventwicklung herauszustellen.

 

Ein Programm idealer Pfarrerfortbildung

Diese Entwicklung zunehmender berufsbiographischer Arbeit der Pastoralkollegs kann durchaus so gedeutet werden, dass die Ursprungsinspiration der Selbstvergewisserung, die vor 75 Jahren zur Gründung des ersten Pastoralkollegs in Neuendettelsau führte, wieder neue Kraft entfaltet.

Um im Bild des von Merz skizzierten Zeitrasters zu bleiben, sollte das Programm der idealen Pfarrerfortbildung aus sechs Stunden bzw. drei Doppelstunden bestehen, die mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten gefüllt sind: Spiritualität und Theologie, Selbstreflexion und Kollegialität, Kommunikation und Weltkenntnis.

 

1. Doppelstunde: Spiritualität und Theologie. Die Heilige Schrift ist und bleibt die Basis für den Auftrag, das Evangelium weiterzusagen, der in allen Arbeitsfeldern der pastoralen Praxis verwirklicht werden möchte. Es ist zu beobachten, dass Bibelarbeiten längst nicht mehr selbstverständlich zur Agenda etwa von Pfarrkonventen gehören. Insofern ist es gut, dass die Auseinandersetzung mit der Schrift, die methodisch vielfältig sein kann, in Pastoralkollegs wachgehalten wird. Es geht hier aber nicht um erbauliche oder existentielle Lektüre allein, sondern ebenso um theologische Auseinandersetzung mit den biblischen Texten, historisch, systematisch und kritisch. Der akademisch-wissenschaftliche Zugang gehört dazu.

Spiritualität in Form von Gebetszeiten, Andachten und Gottesdiensten wird als Teil des Dienstalltags professionell und meistens im Fokus der Öffentlichkeit durchgeführt. Das führt unweigerlich zu einer distanzierten Haltung im Modus der Selbstbeobachtung, die derart verinnerlicht werden kann, dass private Formen der Spiritualität verkümmern. Insofern ist es gut, dass auf Pastoralkollegs nicht die Teilnehmenden für Andachten und Gebete verantwortlich sind und dass auch ganze Kollegs dem Thema und der Praxis von Frömmigkeit und Meditation gewidmet sind.

 

2. Doppelstunde: Selbstreflexion und Kollegialität. Ein zentrales Element jeder Fortbildung ist die Bereitschaft, das eigene Tun und Auftreten, die eigene Haltung und Wirkung kritisch zu hinterfragen und, wenn nötig, zu korrigieren. Solche Selbstreflexion ereignet sich in der Auseinandersetzung mit der Praxis Anderer und in der Begegnung mit neuen Stoffen und Perspektiven, vor allem aber in expliziten Settings kollegialer Beratungs- und Feedbackrunden. Insofern ist es gut, wenn in Pastoralkollegs zu jedem nur denkbaren Thema solche Settings eingerichtet werden.

Gerade weil die kollegiale Beratung der Königsweg beruflicher Fortbildung ist, ist die derzeitige Betonung der Bedeutung multiprofessioneller Zusammenarbeit und gemeinsamer Fortbildungsveranstaltungen auch zu relativieren. So sinnvoll und notwendig Multiprofessionalität und die Begegnung von Berufsgruppen in vielen Arbeitsfeldern und manchen Fortbildungen sein mag, braucht es auch die Kollegialität im geschützten Raum der eigenen Berufsgruppe. Die im berufsspezifischen Austausch stattfindende Stärkung der eigenen Kompetenzen erscheint geradezu als Voraussetzung für eine gelingende Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams.

 

3. Doppelstunde: Kommunikation und Weltkenntnis. Seit Ernst Lange ist die Formel von der „Kommunikation des Evangeliums“ zum Inbegriff des kirchlichen Auftrags geworden. Darum ist die Kommunikationskompetenz eine der wichtigsten Fähigkeiten, die eine Pfarrperson beherrschen und immer wieder schulen muss.

Zur wirklichen Welt gelangt man im Pastoralkolleg aber nur, wenn das Fach „Weltkenntnis“ hinzukommt. Dieses Fach gibt es in dieser Form natürlich nicht, aber das damit Gemeinte realisiert sich in zahlreichen Kollegs, in denen Pfarrerinnen und Pfarrer mit allerlei kulturellen Phänomenen in Kontakt treten, Sozialräume erkunden, neugierig in ihnen fremde Medien hineinschnuppern, Bücher, Filme, Zeitungen, Musik, Podcasts und Serien zur Kenntnis nehmen, die eigentlich gar nicht ihrer kulturellen Prägung und ihrem Milieu entsprechen.

 

Schrift – Person – Welt

Das in diesem Dreischritt der Doppelstunden aufscheinende pastoralkollegiale Dreieck weist starke Parallelen zum homiletischen Dreieck auf: Es geht um die Schrift, die Person und die Welt – Pfeiler der Fortbildung, die jeweils einzeln zu betrachten, aber auch in Beziehung zu setzen sind. Mit dieser durch Georg Merz inspirierten und frei weitergesponnenen Setzung mag diskutiert werden, ob es noch mehr Pfeiler braucht, inwiefern alle Pfeiler sowieso nicht klar voneinander getrennt werden können und ob einzelne Doppelstunden im Merzschen Sinne als Vorbereitung, Nachbereitung oder „eigentliche“ Stunden zu werten sind. Es muss sicher nicht in jeder Fortbildung alles vorkommen, aber Fortbildungsbiographien, die nur auf einem dieser Pfeiler beruhen, kann nur Einseitigkeit bescheinigt werden, der Wesentliches fehlt.

Diese Thesen bedeuten nicht, dass Pastoralkollegs als Institutionen alle drei „Doppelstunden“ immer in ausgewogener Gewichtung vorhalten müssen. Sie können sich durchaus auf einzelne Bereiche spezialisieren. Es muss nur gewährleistet sein, dass Pfarrerfortbildung in ihren Einzugsbereichen in der Breite durchgeführt werden kann. Es ist freilich eine kaum zu überschätzende Chance, die genannten „Doppelstunden“ in einem Haus anbieten zu können, gehen ihre Inhalte doch stark ineinander über und bedingen sich gegenseitig.

 

Anmerkungen

1 Unter diesem Titel ist anlässlich des Jubiläums bei der Evang. Verlagsanstalt ein „Lesebuch“ mit Beiträgen aus fast allen deutschsprachigen Pastoralkollegs erschienen.

2 Lesebuch 1977, kopiertes Exemplar zur Geschichte des Pastoralkollegs Neuendettelsau, Handarchiv des Pastoralkollegs, dort S. 6.

3 Ebd.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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