In der April-Ausgabe des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatts veröffentlichte Markus Beile einen kleinen „Theologischen Zwischenruf“. Darin kritisierte er ein ungebrochen theistisches Gottesverständnis und sprach von der Notwendigkeit, im Glauben „erwachsen“ zu werden. Viele Rückmeldungen seitens der Leserschaft, sowohl zustimmend wie kritisch, veranlassten Markus Beile dazu darzustellen, wie eine Glaubensüberzeugung aussehen könnte, die über einen ungebrochenen Theismus hinauskommt.

 

I. Alltagserfahrungen

Im Alltag machen Menschen vielfältige Erfahrungen mit der endlichen Welt. Sie lernen, sich in ihr zurechtzufinden, indem sie Urteile und Bewertungen prüfen. Sie eignen sich naturwissenschaftliche Kenntnisse über die Welt an und lernen, ihre Gesetzmäßigkeiten und kausalen Verbindungen immer besser einzuschätzen. Das ist gut so und hilft, sich in der Welt immer besser einzurichten.

 

II. Religiöse Erfahrungen

Die Bibel erzählt von Erfahrungen, die über die alltäglichen Erfahrungen und die wissenschaftliche Umgangsweise mit unserer endlichen Welt hinausgehen. Überwältigende, erschütternde Erfahrungen sind es, in denen die Alltagswahrnehmung für einen Moment aufreißt und das Gefühl eines größeren Horizontes sich einstellt. „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in“, heißt es passend hierzu bei dem kanadischen Sänger Leonhard Cohen.

Dabei muss man sich bewusst machen, dass diesen Erfahrungen keine äußerliche Veränderung der Alltagswirklichkeit vorausgeht. Der Riss, von dem Cohen spricht, ist nicht sichtbar. Die außerordentliche, religiöse Erfahrung des größeren Horizontes ist eine Deutung, eine Interpretation der alltäglichen Wirklichkeit. Gottesvorstellungen sind Symbolisierungen solcher außerordentlichen Erfahrungen.

Dass es zu solch außerordentlichen Erfahrungen kommt, wird auch dadurch ausgelöst, dass eine religiöse Interpretation der Wirklichkeit bereits existiert. Sie wird aufgegriffen und verlebendigt. Im Falle der Bibel liegen den Verfassern Gottesvorstellungen als Deutungsmuster für solch außerordentliche Erfahrungen vor. Es gibt, was Gottesvorstellungen anbelangt, keine biblische „creatio ex nihilo“. Die biblischen Gottesvorstellungen bauen auf schon existierenden Gottesvorstellungen auf, aber indem die Verfasser der Bibel diese aufgreifen (allein das Wort „El“ im Namen „Israel“ verweist darauf), formen sie sie auch um und korrigieren sie.

Hubertus Halbfas bestimmt das Wegmotiv als prägend für die Entwicklung und Entfaltung biblischer Gottesvorstellungen: „Die Ur-Situation, in der zu biblischen Zeiten den Menschen ihr Gott aufschien, war der Weg. Der Weg aus früher Geborgenheit in hauslose Fremde, aus problematischer Sicherheit in existenzbedrohende Wüsten, aus anerkannter Position in verlachte oder verfolgte Existenz. Auf diesen Wegen lastete Nacht und Gefahr; der Wanderer war sich oft weder des Weges noch des Zieles sicher, er lernte das Wort ‚Gott‘ mit Dunkel, Zweifel und Kampf ebenso zu verbinden wie mit Gemeinsamkeit, Treue und Trost.“ So stellt sich die Geschichte Israels und – daran anknüpfend – die Geschichte des Christentums immer auch als eine windungsreiche Deutungsgeschichte seines Gottesglaubens dar.

 

III. Die Eigenart und Vielfalt biblischer Gottesbilder

Gottesvorstellungen und -bilder wollen einen größeren Horizont hinter dem Alltaghorizont aufscheinen lassen. Um dies sprachlich zu ermöglichen, finden besondere Mittel Anwendung, die die Sprache bereitstellt: die Metapher und das Symbol. Eine Metapher nimmt ein Wort aus einem vertrauten Zusammenhang und setzt es in einen neuen Zusammenhang. Ein Symbol ist doppelsinnig. Es hat eine vordergründige Bedeutung – und eine übertragene, um die es eigentlich geht. Mit diesen Mitteln kann Sprache über ihren Alltagsgebrauch hinausweisen.

Die Gefahr eines wörtlichen Missverständnisses von Gottesbildern ist jedoch immer gegeben. Die Verfasser der Bibel wenden zwei Strategien an, um diese Gefahr abzuwehren:

a) Sie lassen eine große Vielzahl unterschiedlichster Gottesbilder zu. Diese korrigieren und relativieren sich gegenseitig. Neben theistisch-personalen Gottesbildern finden sich in der Bibel nichtpersonale Gottesbilder (Gott als Licht, als Fels, als Burg, als Feuer …). Und in der Apg. sagt Paulus in der Areopagrede: „Und es ist wahr, er ist nicht fern einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Apg. 17). Hier wird die theistische Gottesvorstellung deutlich erkennbar transzendiert.

b) Über allen Gottesvorstellungen steht das biblische Bilderverbot. Dieses bezog sich damals auf das Verfertigen von Kultbildern. Aber wir können es darüber hinausgehend als allgemeine Warnung, sprachliche und bildliche Gottesvorstellungen auszubilden, verstehen. Denn Gottesbilder sind nicht die Sache selbst. Sie sind menschliche Deutungsleistungen. Als solche weisen sie nicht nur über den Alltagshorizont hinaus, sondern verraten immer auch zugleich viel über uns Menschen: Über unsere Sehnsüchte, unsere Gefühle, unsere Sichtweisen und unser Selbstverständnis als personale Wesen.

Weil Gottesbilder nicht die Sache selbst sind, sollten wir sie als Transparente verstehen, die etwas durchscheinen lassen wollen von etwas ungleich Größerem, das alle sprachliche Bemächtigung seiner übersteigt. „Gott als Geheimnis der Welt“ hat Eberhard Jüngel einen seiner Buchtitel genannt.

 

IV. Die Eindimensionalität des heutigen Gottesbildes

Etwas durchscheinen lassen von etwas ungleich Größerem: Das leistet unser Gottesbild im postmodernen Christentum kaum mehr. Wir haben die Vielfalt biblischer Gottesbilder reduziert auf personale Bilder und betonen innerhalb dieser das Bild des liebenden Vaters. Im Zuge dieser anthropomorphen Verengung hat das Gottesbild seinen Bildcharakter verloren und wird in heutiger Zeit immer mehr als die Sache selbst angesehen, zumal in Kirchen und auf Bildern ganz ungeniert Gott als Vater dargestellt wird. Im kulturellen Gedächtnis hat die Vorstellung Gottes als altem Mann auf einer Wolke einen festen Platz errungen (eine große Wirkungsgeschichte hat dabei Michelangelos entsprechende Darstellung entfaltet), was sich in heutigen Gottesbildern von Kindern sichtbar dokumentiert.

Dieses Gottesbild zerbricht jedoch, wenn die Kinder älter werden. Eine Wolke, lernen sie in der Schule, besteht aus Wasserpartikeln. Sie eignet sich nicht mehr als Wohnstätte Gottes. Gott wird ortlos. Mit dem Zerbrechen der kindlich-eindimensionalen Gottesvorstellung hat sich das Thema „Gott“ für die allermeisten erledigt. Eine Gottesvorstellung jenseits dieses kindlich-eindimensionalen Verständnisses kommt für sie nicht infrage, weil der größere Horizont in dieser Vorstellung nicht angelegt war. Man verabschiedet sich von Gott, wie man sich ein paar Jahre vorher vom Osterhasen und vom Weihnachtsmann verabschiedet hat.

An dieser Entwicklung sind wir als Kirche selbst schuld: Wir betonen in der gemeindlichen Praxis das anthropomorphe Gottesbild immer mehr. So tragen wir zur Trivialisierung der Gottesvorstellung bei. Je wortreicher wir uns über die Gedanken, Wünsche und Absichten Gottes auslassen, desto mehr verliert dieses Gottesbild seine metaphorisch-symbolische Qualität. An diesem Punkt setzt die in meinem Artikel geäußerte Kritik an der Kollegin an, die von der eindimensionalen Vorstellung Gottes als einem personalen Wesen ausgeht, das jederzeit in die Welt eingreift und es in der Pandemie nicht tut. Ausgelöst wurde ihre Aussage durch die Frage des Journalisten „Warum lässt Gott die Pandemie zu?“, die von vorneherein auf ein falsches Gleis setzt. Ich bin sicher: Wenn wir so mit dem Thema „Gott“ umgehen, haben wir als Kirche keine Zukunft.

 

V. Vorschläge für die kirchliche Praxis

Was ist zu tun? Ich will einige Vorschläge machen, wie in der kirchlichen Praxis mit dem Thema „Gott“ in sinnvoller Weise umgegangen werden könnte:

1. Ich glaube, dass wir insgesamt viel mehr erfahrungsorientiert ansetzen müssen als bisher. Das gilt für die kirchliche Arbeit insgesamt, aber eben auch – und besonders – für die Gottesfrage. Was heißt das ganz praktisch?

Auszugehen ist von den existentiellen Fragen und Erfahrungen heutiger Menschen. Diese gilt es, mithilfe ganzheitlicher Methoden in Beziehung zu setzen zu den Erfahrungen und Symbolisierungen der Menschen in biblischer Zeit.

Israel hat seine Gotteserfahrungen vor allem in der Einsamkeit der Wüste gemacht. Elia, Jakob, Mose: Sie alle sind in der Wüste fündig geworden, einem Ort, an dem sie nichts ablenkt. Einem lebensfeindlichen Ort, der doch auch Leben zulässt. Der einen an seine Grenzen und zugleich in die Weite führt. Wo man ins Nachdenken und Staunen gerät, eine tiefe Sehnsucht in sich spüren lernt und die Geheimnisdimension des Lebens nahe rückt. Wir haben Konfirmanden das Erlebnis eines „Wüstentags“ in der Stille der Natur machen lassen: Sie haben dort Ruhe getankt und sich, jeder für sich, mit Fragen auseinandergesetzt, die wir ihnen mitgegeben haben. Im Rückblick war das für sie eine sehr wertvolle Zeit, in der sich ihnen der Sinn biblischer Gottesrede in besonderer Weise aufgeschlossen hat. So haben sie es immer wieder erzählt. Im Religionsunterricht habe ich gute Erfahrungen gemacht mit Fantasiereisen und Meditation als methodischen Alternativen, in die Weite zu gehen und existentielle Grenzerfahrungen anzusprechen.

2. Biblische Erzählungen, in denen es um Gott geht, leite ich immer ein mit „In Israel erzählte man sich“ bzw. „Jesus erzählte folgende Geschichte“: Dieser Einleitungssatz macht deutlich, dass es sich bei einer biblischen Erzählung immer um eine religiöse Interpretation der Wirklichkeit handelt, die auf einer anderen Ebene spielt als wissenschaftliche Welterkundung.

3. Schon mit kleinen Kindern übe ich im Religionsunterricht symbolisch-metaphorisches Denken ein. Dabei arbeite ich mit Methoden der Gestaltung, die den Symbolsinn wecken und es ermöglichen, dass die Gottesbilder mit den Kindern mitwachsen können. Hilfreich empfinde ich in diesem Zusammenhang die Kett-Pädagogik, die allein schon aufgrund des symbolischen Materials, mit dem sie arbeitet, Mehrdimensionalität erzeugt. Hingegen zementiert m.E. die Methode „Godly play“, eine einlinig-theistische Sichtweise, die es Kindern später schwer macht, eine Erweiterung des Gottesbildes vorzunehmen.

4. Insgesamt gilt es, den Reichtum biblischer Gottesbilder wieder zum Leben zu erwecken. Gerade in unserer Zeit, in der die theistische Sichtweise dominant geworden ist, hilft es, nicht-personale und transtheistische Gottesbilder, die in der Bibel reichlich vorhanden sind, als Korrektiv einzuführen. Und zugleich gilt es – gut biblisch –, das Bilderverbot ins Spiel zu bringen, weil wir Menschen immer in der Gefahr stehen, unsere selbstgeschaffenen Bilder anzubeten wie damals am Sinai die Menschen ihr goldenes Kalb.

5. In diesem Zusammenhang geht es mir in meiner Unterrichtspraxis immer auch darum, die Schülerinnen und Schüler zu einem kritischen Umgang mit Gottesbildern anzuhalten. In der Bibel finden sich – wir Theologinnen und Theologen wissen es – Gottesbilder, die durchaus problematisch sind. Wenn Gottesbilder menschliche Deutungsleistungen darstellen, dann ist ein kritischer Umgang mit ihnen nicht nur möglich, sondern auch geboten!

6. Und schließlich rege ich Kinder und Jugendliche auch an, in der Beschäftigung mit geprägten Gottesbildern eigene Gottesbilder zu kreieren.

7. In der Oberstufe und der Erwachsenenarbeit versuche ich, einen Zugang zu Gottesbildern auf der reflexiven Ebene zu ermöglichen, indem ich den Zusammenhang von religiösen Erfahrungen und Ausdrucksformen dieser Erfahrung als menschlicher Deutungsleistung explizit thematisiere. Ich lasse Gottesbilder dabei immer auch daraufhin betrachten, welche menschlichen Sehnsüchte, Gefühle und menschlichen Selbstbilder in ihnen zum Ausdruck kommen.

 

VI. Ausblick

Es ist dringend notwendig, ein metaphorisch-symbolisches Verständnis von Gott anzubahnen. Diese theologische Aufgabe bezieht sich nicht nur auf den pädagogisch-didaktischen Bereich, sondern auch auf die Gottesdienstgestaltung. Wer mehr erfahren will, welche Ideen ich dazu habe, den verweise ich auf mein neues Buch „Erneuern oder untergehen. Evangelische Kirchen vor der Entscheidung“ (Gütersloher Verlagshaus 2021).

Die theologische Aufgabe der Rückgewinnung eines metaphorisch-symbolischen Gottesverständnisses sehe ich als eine der Hauptaufgaben einer zukunftsfähigen Kirche an.

 

Markus Beile


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

3 Kommentare zu diesem Artikel
22.06.2021 Ein Kommentar von Jaap van Wageningen Markus Beile gibt (immer noch) keine befriedigende Antwort auf die Journalistenfrage: "warum lässt Gott eine Pandemie zu?" oder vielleicht besser gefragt: "was hat Gott mit der Pandemie zu tun?" (Siehe auch seinen theologischen Zwischenruf "Gott und das Coronavirus" in der Aprilausgabe Nr.4) jvanwageningen@kabelmail.de
23.06.2021 Ein Kommentar von Thomas Scheiner Um es kurz zu machen: "ein metaphorisch-symbolisches Verständnis von Gott" ist mir zu wenig. Gott ist ein Gegenüber, jemand, mit dem ich ringe wie Hiob, der mich ermutigt. Der mir vertraut ist und den ich trotzdem nie ganz fassen werde. Hesus hat Gott "Papa" genannt und so mit ihm gelebt und gesprochen. Daran halte ich mich. Ich kann damit leben, dass andere (auch Kollege Beile) ihren Glauben anders leben und verstehen. Seine Absicht, Menschen damit abzuholen, die nach Zurücklassung ihres Kinderglaubens mit Christsein nichts mehr anfangen können, ehrt ihn. Ob das so gelingt bleibt freilich zu fragen. Bedenklich wird das Ganze, wenn eine theologische Sichtweise mit einem geradezu (und zwar im schlechten Sinne) missionarischen Eifer Andersdenkenden übergestülpt wird. Das sehe ich nicht nur bei Kollege Beile. Da scheint mir die Schriftleitung des PfarrerInnenblattes insgesamt sich als Speerspitze einer "Aufklärung 2.0" (oder so) zu verstehen. Man schaue sich die Artikel der letzten Zeit an: Zweimal Beile, Peter Haigis »Am dritten Tage auferstanden von den Toten« und Ernst Vielhaber "Die babylonische Gefangenschaft der heutigen Kirche" PfBl 3-21; 2021; "Gelebte und behauptete Wahrheit " u.a. in dieser Ausgabe um nur einige Beispiele zu nennen. Auch die Leserbriefauswahl scheint in diese Richtung zu weisen. Ich habe das "Idea-Spektrum"-Abo unserer Gemeinde wegen seiner Einseititgkeit vor 13 Jahren beendet. Es täte mir leid, wenn das PfarrerInnenblatt aus genau diesem Grund von nun an gleich im Altpapier landen würde. Aber Indoktrination ist einfach nicht mein Ding.
09.07.2021 Ein Kommentar von Peter Winiger Ich bedanke mich für den Artikel. Ich staune über die Diagnose, heute sei in der Kirche «die theistische Sichtweise dominant geworden» und es sei «dringend notwendig, ein metaphorisch-symbolisches Verständnis von Gott anzubahnen». Liegt es am Land oder an der unterschiedlichen theologischen Tradition? Bei uns in der reformierten Zürcher Kirche ist nach meiner Wahrnehmung die «theistische Sichtweise» verloren gegangen und es dominiert «ein metaphorisch-symbolisches Verständnis von Gott». Als wir uns unter Pfarrkollegen einmal offen aussprachen, sagten meine Kollegen, sie hätten kein persönliches Gottesbild. Als ich fragte, wie sie dann beten könnten, meinten sie, dass sie meditierten und «in die Stille» gingen. So erstaunte es mich nicht, dass die Karwochen- und Advents-Andachten in meiner Gemeinde nach meiner Pensionierung gestrichen und durch das Angebot von Zen-Meditationen ersetzt wurden. (Mit der Auflösung eines persönlichen Gottesbildes hat auch die Christologie ihr Gesicht, ihr «Du», ihren Anrede-Charakter verloren.) Nach meinem Verständnis hat mit der Allegorisierung aller theologischen Gehalte eine Beliebigkeit Einzug gehalten. Die christliche Tradition «metaphorisch-symbolisch» auslegen kann die Kultur auch ohne Kirche. Was ich bei uns aber immer weniger finde, ist eine Instanz, die noch an Gott festhält, an einem Gott, zu dem man beten kann.
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