Populistische und nationalistische Töne waren lange gesellschaftlich tabu. Seit einiger Zeit jedoch werden sie wieder lauter. Vertreter der Kirchen protestieren gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Doch was ist mit den, auch biblisch verwendeten, Begriffen „Volk“, „Völker“ gemeint? Was meint das Pauluswort: „hier ist nicht Jude noch Grieche“? Ulrich Heckel gibt eine Orientierung und bezieht theologisch Stellung.*

 

Unter dem Titel „Kirche – Volk – Staat – Nation. Ein Beitrag zu einem schwierigen Verhältnis“ hat die GEKE 2002 eine erste Orientierung zum Thema geboten.1 Doch in der Exegese wurde die Thematik bisher kaum behandelt. Dies ist verwunderlich, zeigt die paulinische Theologie doch eindrucksvoll, wie die herkömmliche Heidenpolemik überwunden werden kann. Aus dem exegetischen Befund ergeben sich Perspektiven für die heutige kirchliche Arbeit.

 

1. Das Volk und die Völker in der biblischen Tradition

In der Hebräischen Bibel werden dafür vor allem zwei Worte verwendet:2 gojim für die Völker, Stämme, Nationen und am für das Volk, die Sippe, Verwandtschaft.3 Dabei wird am als Verwandtschaftsbezeichnung meist singularisch gebraucht (88%) für das Volk als Gemeinschaft von Menschen, die durch Herkunft, Sprache, Kultur und Geschichte verbunden sind. Umgekehrt begegnet gojim überwiegend im Plural (78%) für die Völker, wobei eher politische oder territoriale Aspekte anklingen. Grob gesagt wird am für Israel als JHWHs auserwähltes Volk gebraucht, sein Volk, sein Eigentum (Ex. 19,5f; Dtn. 7,6-8), gojim für die nicht-israelitischen Völker. Ebenso verwendet die Septuaginta laós und éthnÄ“.

Zunächst waren mit gojim / éthnÄ“ die Völker in einem ethnischen, neutralen Sinn gemeint. So erhält Abraham die Verheißung universal für alle Völker (Gen. 12,3 u.ö.), die Gott erschaffen hat (Gen. 1f).

Nach dem Exil werden die anderen Völker jedoch religiös als Ungläubige betrachtet, die JHWH nicht kennen und ohne die Tora ein lasterhaftes Leben führen. Nun bezeichnet das Wort die nichtjüdischen Völker abwertend als Heiden. Diese religiöse Sicht führte neben Beschneidungs-, Sabbat- und Reinheitsvorschriften auch zu einem Mischehenverbot mit heidnischen Frauen. Doch gab es auch eine Offenheit für andere Völker (Ruth, Jona), die Völkerwallfahrt zum Zion (Jes. 2,2-4) und den Gottesknecht als Licht der Heiden (Jes. 42,6; 49,6).

 

2. Die „Heiden“ bei Paulus

„Heiden“ ist bei Paulus der Gegenbegriff zu den Juden (Röm. 3,29 u.ö.), zu Israel (9,30f; 11,25) oder den Beschnittenen (15,8f).4 Da Heiden den Gott Israels nicht kennen,5 werden sie zu stummen Götzen hingezogen (1. Kor. 12,2), als Götzendiener (1. Kor. 5,10; 6,9; Eph. 5,5) und gottlos (Eph. 2,12) bezeichnet. Da sie die Tora nicht haben (Röm. 2,14), leben sie ohne Gottes Gesetz, d.h. gesetzlos (2,12), in gieriger Lust und schändlicher Leidenschaft (1,24.26; 1. Thess. 4,5). Letztlich reduziert sich der Gegensatz auf die Alternative zwischen denen, die „von Geburt Juden“ sind und den „Sündern aus den Heiden“, d.h. zwischen gebürtigen Juden und heidnischen Sündern (Gal. 2,15).

Deshalb soll zunächst gefragt werden, wie Paulus gegen heidnische Laster polemisieren kann, wenn er doch Heiden für das Evangelium gewinnen möchte. Dabei wird gerne auf die Überwindung des herkömmlichen Gegensatzes zwischen Juden und Griechen in Christus hingewiesen (Gal. 3,28; 1. Kor. 12,13; Kol. 3,11), aber viel zu wenig beachtet, welche unterschiedlichen Perspektiven sich jeweils ergeben, und zwar sowohl innerkirchlich als auch für die Völker der Welt.

2.1 „Heidnische“ Laster

Die Heidenpolemik arbeitet mit einer krassen Schwarzweißmalerei. Was in Lasterkatalogen aufgeführt wird (Röm. 1,29-31 u.ö.), ist jedoch keine phänomenologische Wahrnehmung anderer Völker, sondern eine Auflistung von Klischees. Es handelt sich um Topoi, d.h. eingeschliffene Gemeinplätze, stereotype Redewendungen, die sich in der Wirkungsgeschichte leicht verselbständigen und dann auch ohne konkrete Anhaltspunkte polemisch gegen beliebig austauschbare Personengruppen einsetzen lassen.

Die Heidenpolemik beschreibt nicht das Verhalten anderer Völker, sondern hat eine paränetische Funktion. Sie ist nach innen gerichtet, nicht nach außen. Als Negativfolie wird sie mit dem Einst-Jetzt-Schema der Bekehrung verknüpft,6 vor dem Hintergrund der jüdisch-apokalyptischen Äonenwende (Röm. 12,2; Gal. 1,4) eingeordnet und mit dem Herrschaftswechsel in der Taufe verbunden, der zu einem Leben als neue Kreatur in Christus führt.7 Sie warnt vor dem Rückfall in ein vorchristliches Verhalten, ist kein Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit, sondern ein Stilmittel der Frevlerkritik. Die Heiden werden als negative Kontrastfolie konstruiert, um an die eigene religiöse und ethische Überlegenheit zu appellieren (Röm. 12,2; 13,11-13; 1. Kor. 5,1-11; 6,1-11). Damit hat die Heidenpolemik eine ähnliche Funktion wie in der Bergpredigt der Appell an die Gerechtigkeit, die besser sein soll als die der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt. 5,20).

Die Problematik einer solchen Argumentation besteht darin, dass sie die eigene Identität über die Abwertung anderer definiert. Sie missbraucht diese als Feindbild, was dem Gebot der Feindesliebe widerspricht (Mt. 5,43-48).8 Die Gefahr potenziert sich, wenn die Topoi der Heidenpolemik aus ihrem ursprünglich paränetischen Kontext gelöst und auf andere Personengruppen projiziert werden. Doch erscheinen die Heiden bei Paulus nicht nur pejorativ als Zielscheibe der Polemik, sondern vor allem positiv als Adressaten des Evangeliums.

2.2 Die „Heiden“ als Zielgruppe der Mission

In der Mission verliert der Begriff der Heiden diese negativen Anklänge. Nach den Gebietsabsprachen beim Apostelkonzil ist Paulus das Evangelium für die Heiden, Petrus für die Juden anvertraut (Gal. 2,7-9). Der Begriff der Heiden wird hier zwar als Synonym für die Unbeschnittenen verwendet, aber als Zielgruppe der Mission hat er keine pejorative Bedeutung mehr. Schon Abraham wurde „zum Vater vieler Völker“ bestimmt (Röm. 4,17 Zitat Gen. 17,5 LXX) und auch der Segen wurde ihm nicht unter Ausschluss Israels verheißen, sondern für „alle Völker“ (Gal. 3,8). Darum bleibt Paulus nach der Aufteilung der Missionsgebiete als Apostel zwar im Unterschied zu Petrus zu den „Heiden“ gesandt (Röm. 1,5; Gal. 1,16), doch aufs Ganze gesehen ist er der Apostel der „Völker“, zu denen er den Bogen schlägt von Jerusalem bis nach Spanien (Röm. 15,19-26) und zu denen selbst in Rom nicht nur Heiden-, sondern auch Judenchristen gehörten.

Zudem waren viele sog. Heiden nach der Apg. nicht ungläubig, sondern Gottesfürchtige (sebómenoi, phoboúmenoi), d.h. Sympathisanten, die von der jüdischen Religion fasziniert waren, aber vor der Beschneidung zurückschreckten. Mit dem Glauben an den einen Gott und einer Kultur der Nächstenliebe konnte Paulus ihnen im Evangelium bieten (Gal. 2,16), was sie suchten, ohne die Beschneidung zu verlangen. Daher waren Gottesfürchtige bevorzugte Adressaten der Heidenmission, die sich gerne taufen ließen.9

Für Heiden verwendet Paulus mit „HéllÄ“n“ auch die gängige Selbstbezeichnung „Griechen“ (Röm. 1,14.16; 1. Kor. 1,22.24 u.ö.). In diesem Begriff klingt nicht nur die griechische Sprache als Ausdruck ihrer Bildung, Kultur und Zivilisation, Philosophie und Politik an. Er schließt ein kulturelles Überlegenheitsbewusstsein ein, mit dem Griechen auf „Barbaren“ (Röm. 1,14) wegen ihrer fremden, unverständlichen Sprache (1. Kor. 14,11) als ungebildete, unkultivierte, unzivilisierte Völker herabblicken. Doch auch wenn Paulus von Griechen spricht, bleibt seine Sicht durch den Gegensatz zu den Juden vor allem religiös bestimmt.

Juden gehören vom griechischen Standpunkt aus zwar zu den Barbaren. Doch Paulus nennt immer „die Juden zuerst“ und fügt dann erst „ebenso die Griechen“ hinzu (Röm. 1,16; 2,9f u.ö.). Damit bekräftigt er seiner jüdischen Herkunft entsprechend die heilsgeschichtliche Vorrangstellung der Juden (Röm. 3,1; 4,1; 9,3f).10

Als Zwischenresümee können wir festhalten, dass Paulus die jüdische Sicht der Heiden übernimmt, aber für die Heidenmission den abwertenden Unterton ablegt und mit der Selbstbezeichnung „Griechen“ einen positiven Zugang sucht. In seiner Sicht der Völker ist die religiöse Perspektive vorherrschend gegenüber sprachlich-kulturellen und ethnisch-nationalen Aspekten. Umso spannender wird es, wenn Paulus das Aufeinanderprallen von jüdischem Erwählungsbewusstsein und griechischem Überlegenheitsgefühl bearbeitet.

2.3 „Hier ist nicht Jude noch Grieche“ – gleichberechtigt in Christus (Gal. 3,28)

Der alte Gegensatz zwischen Israel und den Heiden ist durch Christus überwunden, wie Paulus im Gal. grundlegend darstellt. Die Gemeinden bestehen aus Heidenchristen, die unbeschnitten sind, von denen Judenchristen aber die Beschneidung fordern. Deshalb will Paulus zeigen, dass jetzt allein die Christuszugehörigkeit aufgrund der Taufe zählt und die bisherigen Gegensätze ihre trennende Wirkung verloren haben (Gal. 3,26-28).11

Durch und in Christus ist eine völlig neue Einheit entstanden, die alle bisherigen Unterschiede relativiert. Das Begriffspaar Jude und Grieche (3,28) ist – ebenso wie Beschneidung und Unbeschnittenheit (5,6; 6,15) – eine Totalitätsformel, die aus jüdischer Sicht die ganze Menschheit umfasst. Beide sind artikellos und im kollektiven Singular als Typus gekennzeichnet. Die Reihung wird durch Verneinungen negativ formuliert, weil die herkömmlichen Unterschiede keine Rolle mehr spielen.

Die alten Gegensätze sind „in Christus Jesus“ überholt. Denn durch den stellvertretenden Tod Jesu sind nicht nur die Juden vom Fluch des Gesetzes losgekauft, sondern ist auch der Segen, der Abraham für alle Völker verheißen war, zu den Heiden gekommen (3,8.13f; 4,5). Deshalb sind Juden und Griechen durch Christus, den einen verheißenen Nachkommen Abrahams (3,16), allesamt einer in Christus Jesus (3,28). Damit ist in Christus eine neue, übergeordnete Einheit entstanden, in der alle bisherigen Gegensätze unwichtig werden. Es geht nicht um die Einheit der Gemeinde als Ganzes, sondern um einen neuen Status, das gemeinsame Sein, die wahre Identität in Christus. Daraus folgt die Gleichheit der Personen, die in Christus „alle“ gleich sind (1,2; 3,26-28), alle gleich berufen (5,13), alle gleich gerechtfertigt (2,16f; 3,8), alle gleicher Würde und Ehre.

Durch die Taufe auf Christus, den Sohn Gottes, haben sie alle die Kindschaft empfangen, d.h. die Annahme an Kindes statt, die Adoption (3,26f; 4,4-7). Nun gilt „weder Beschneidung noch Unbeschnittensein, sondern die neue Schöpfung“ (6,15). Damit sind alle bisherigen Statusdifferenzen Teil des gegenwärtigen, bösen Äons geworden (Gal. 1,4; Röm. 12,2), d.h. dieser Welt, die vergeht.12 Durch die Neuschöpfung in der Taufe ist hier nicht mehr Jude noch Grieche, sondern haben alle Galater, Judenchristen wie Heidenchristen, ohne Unterschied eine neue Identität in Christus (vgl. Röm. 10,12). „Ort dieser Konkretion ist … die Versammlung der Getauften in der Gemeinde.“13

Hier sollen sie ihr Miteinander über alle religiös, ethnisch-national, kulturell, sozial und geschlechtlich geprägten Unterschiede hinweg im Geist der Nächstenliebe gestalten (Gal. 5,13-25): „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“ (5,6). Judenchristen und Heidenchristen können Mahlgemeinschaft haben (2,12f), weil Christus sich für sie hingegeben hat (1,4; 2,20; 3,13). Der Starke soll den Schwachen wie einen Bruder annehmen, „für den Christus gestorben ist“ (Röm. 14,15; 1. Kor. 8,11). Darum fordert Paulus auf, „Gutes (zu tun) an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal. 6,10). Doch bleibt die Geschwisterliebe nicht auf das Binnenverhältnis beschränkt. Sie schließt auch ein, Verfolger zu segnen, Böses nicht zu vergelten und soweit möglich mit allen Menschen Frieden zu halten (Röm. 12,9-21).

2.4 „Wir seien Juden oder Griechen“ – Einheit in Vielfalt (1. Kor. 12,13)

Etwas anders liegt die Stoßrichtung beim Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern in 1. Kor. 12,13. Anders als in Gal. 3,28 werden Juden und Griechen, Sklaven und Freie im Plural aufgeführt, um die Pluralität, die Vielzahl und Vielfalt der Gemeindeglieder hervorzuheben. Und die Aufzählung ist positiv formuliert, weil die Gemeindeglieder diese Vielfalt der Charismen ebenso bejahen sollen wie die Unterschiedlichkeit ihrer religiösen, kulturellen oder sozialen Herkunft. Denn durch die Taufe sind sie „alle“ Glieder am Leib Christi geworden, „in einen Leib“ aufgenommen und „mit einem Geist getränkt“ (1. Kor. 12,13.27).

Mit den Griechen sind Nicht-Juden gemeint (s.o.), aber die heidnischen Griechen werden nicht zu christlichen Griechen, sondern zu Gliedern am Leib Christi (1. Kor. 12,26f). Sie definieren sich nicht mehr durch ihre ethnische Herkunft und kulturelle Überlegenheit als Griechen, sondern religiös durch die Zugehörigkeit zu Christus.

2.5 Der neue Mensch – nicht mehr Grieche oder Jude (Kol. 3,10f)

Mit ähnlichen Worten heißt es in Kol. 3,11: „Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.“ Doch fallen einige bemerkenswerte Veränderungen auf:

Die Volksnamen sind – wie schon in Gal. 3,28 – durch den kollektiven Singular als Typus gekennzeichnet und durch die Negation als Unterscheidungsmerkmal überholt. Diese generalisierende Tendenz ist in Kol. 3,9-11 vorbereitet durch die Aufforderung, den alten Menschen auszuziehen und den neuen Menschen anzuziehen.14 Das Ablegen des alten Menschen bedeutet zum einen den Appell, die Laster der heidnischen Vergangenheit (3,7: „einst“) abzutöten (3,5-9), zum anderen die Einsicht, dass die Gegensätze zwischen den genannten Völkern dem alten Äon angehören. Den neuen Menschen angezogen zu haben, heißt, durch die Taufe mit Christus auferweckt (2,12f), d.h. nach dessen Ebenbild als neue Kreatur in Christus neu geschaffen zu sein (3,9f).

Diese Neuschöpfung hat nicht nur individualethische Konsequenzen im Anziehen speziell solcher Tugenden, die dem Bild Christi entsprechen wie herzliches Erbarmen, Demut, Sanftmut und Liebe (3,10-14). Sie hat auch eine ekklesiologische Bedeutung, die in Anlehnung an Gal. 3,28 formuliert wird. Denn „wo“ (griech. hópou) ein Mensch durch die Taufe nach dem Ebenbild Christi neu geschaffen ist, „(da) ist nicht mehr Grieche oder Jude…“ Damit wird der neue Mensch (3,10) zusammen mit den Totalitätsformeln (3,11) zugleich als Typus der neuen Schöpfung angesprochen, als Repräsentant einer erneuerten Menschheit, in der alle als Ebenbild Christi (3,10) gleicher Würde und Ehre sind, weil die unterschiedliche ethnische, kulturelle, religiöse oder soziale Herkunft irrelevant geworden ist.

Waren die Gegensatzpaare mit einer Negation versehen, so nennt die Antithese positiv, was jetzt gilt: „sondern alles und in allen Christus“ (Kol. 3,11; vgl. 1. Kor. 15,28). Diese All-Formulierungen erinnern an die All-Aussagen, die Christus im Kolosserhymnus als Schöpfungsmittler und Versöhner des Alls preisen (1,16-20). „Die universale Perspektive, die mit dem Christushymnus im Kolosserbrief eingeführt ist, wird hier ausdrücklich auf die gesamte Menschheit bezogen. Selbst für die entlegensten Volksstämme gilt das Evangelium! Auch sie sind zur Christusebenbildlichkeit berufen … Die wahre christliche Gemeinschaft kennt kein Gegeneinander und keine Gegensätze von Herkunft und Stand mehr. Damit werden die Unterschiede nicht eingeebnet. Sie bleiben zwar, aber sie spielen keine Rolle mehr. Für den neuen Menschen sind sie bedeutungslos. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu Christus, die Widerspiegelung seines Bildes.“15

Diese Aussagen gehen in ihrer universalen Perspektive weit über Gal. 3,28 und 1. Kor. 12,13 hinaus, weshalb immer noch umstritten ist, ob der Kol. von Paulus stammt oder einem Vertrauten wie Timotheus (1,1) zugeschrieben werden soll. Wie in Gal. 3,28 geht es um die Gleichberechtigung aller Getauften durch Christus (nicht um Einheit in Vielfalt wie 1. Kor. 12). Doch sind nun nicht mehr alle einer „in Christus“ (Gal. 3,28), sondern „Christus“ ist „alles und in allem“ (Kol. 3,11). Er ist das Haupt, das der Kol. – über 1. Kor. 12; Röm. 12,4f hinausgehend – in das Bild vom Leib Christi neu hinzufügt (Kol. 1,18; 2,10.19). So herrscht Christus bereits jetzt als Haupt über alle Mächte der ganzen Schöpfung,16 aber nur die weltweite Kirche ist sein Leib.17 Mit der Verkündigung dieser Botschaft bei allen Geschöpfen wendet sich der Kol. an die gesamte Menschheit (1,23.28). Aber nur im Leib Christi (2,17.19) ist durch die Neuschöpfung der Taufe (2,12f; 3,10) diese neue Wirklichkeit schon eingetreten: „Da ist nicht mehr Grieche oder Jude …“ (3,11).

Diese universale Tendenz relativiert alle ethnischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede, widerspricht also einem nationalistischen Denken. Aber sämtliche positiven Aussagen sind von Christus abhängig. Dieser herrscht als Haupt zur Rechten Gottes schon über alle Mächte der Welt. Doch nur in seinem Leib, der weltweiten Kirche, ist die Überwindung dieser Gegensätze durch die Neuschöpfung des Menschen in der Taufe bereits realisiert. So haben die positiven Aussagen die gesamte Schöpfung im Blick, aber sie gelten noch nicht für alle Völker, sondern sind christologisch begründet, ekklesiologisch verortet und eschatologisch ausgerichtet auf die Vollendung in Herrlichkeit (1,5.27; 3,4). Sie zielen nicht auf die Vereinten Nationen, sondern auf den Leib Christi, nämlich die weltweite Kirche, deren Haupt Christus ist. Was hier angelegt ist, wird der Eph. gut zwei Jahrzehnte später weiter entfalten. Doch anders als im Gal. und Kol. geht es dort nicht um Gleichberechtigung, sondern um die Einheit der Kirche.

2.6 Die eine neue Menschheit aus Juden und Heiden (Eph. 2,11-18)

Der Eph. wird heute meist einem Paulusschüler zugeschrieben, der diesen Brief als Rundschreiben an alle Heiligen und Gläubigen (1,1.15 u.ö.) um 90 n. Chr. abgefasst und dabei den Kol. als schriftliche Vorlage benutzt hat.

Zentrales Thema ist die Einheit der Kirche (2,14-18; 4,1-6.13).18 Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Paulus ist es die geradezu ökumenische Frage, was alle Gläubigen in den von ihm gegründeten Gemeinden rings ums Mittelmeer verbindet. Deshalb greift dieser Paulusschüler aus Gal. 3,28 nur den Begriff des Einer-Seins in Christus wieder auf, der „aus beiden eins gemacht hat“ (Eph. 2,14). Und aus 1. Kor. 12,13 übernimmt er nur die Rede vom „einen Leib“ und dem „einen Geist“ (Eph. 2,16.18; 4,4). Mit dem „einen Leib“ sind hier jedoch anders als bei Paulus nicht mehr einzelne Gemeinden gemeint, sondern – wie schon im Kol. – die weltweite Kirche.19

Dieses universale Verständnis des Leibes hat der Verfasser des Eph. vorbereitet durch die Rede von dem „einen neuen Menschen“ (Eph. 2,15), in der die Einheitsformel aus Gal. 3,28 mit der Rede vom „neuen Menschen“ aus Kol. 3,10f kombiniert wird, so dass hier „nicht mehr Grieche oder Jude“ ist. Diese Totalitätsformel wird in Eph. 2 zwar nicht wörtlich zitiert, aber der Sache nach auf den einstigen Gegensatz zu den Heiden zugespitzt, die vom Bürgerrecht Israels ausgeschlossen waren (2,11f). „Jetzt aber“ (2,13) hat Christus „aus den zweien einen neuen Menschen geschaffen“ (2,15). Damit bekommt dieser ursprünglich anthropologische Ausdruck eine neue ekklesiologische Bedeutung, die durch Kol. 3,10f angelegt war, aber erst in Eph. 2,15 auf den Begriff gebracht wird. Gemeint ist der neue Mensch nicht als Individuum (Kol. 3,10; Eph. 4,24), sondern in einem kollektiven Sinn als Typus der einen neuen Menschheit, in der „nicht mehr Grieche oder Jude“ ist (Kol. 3,10f), weil Christus sie „in einem Leib“, d.h. der Kirche, neu geschaffen hat (Eph. 2,10.15f).

Denn Christus – „unser Friede“ – hat „Frieden gemacht“ und „die beiden in einem Leib versöhnt mit Gott durch das Kreuz“ (Eph. 2,14-16). Durch seinen Kreuzestod hat er nicht nur vertikal die Versöhnung mit Gott gebracht,20 sondern auch horizontal „den Zaun [der Tora] abgebrochen,“ der Juden und Heiden trennte, die „Trennwand“ der Beschneidungs-, Reinheits- und Feiertagsvorschriften sowie des Mischehenverbots „eingerissen“, die „Feindschaft“ zwischen beiden beendet und sie „in einem Leib“ versöhnt (2,13-16). Dass jetzt beide „in einem Geist“ „Zugang“ zum Vater haben (2,18; 3,12; Röm. 5,1f), ist ein kultischer Ausdruck für das Hinzutreten des Kultpersonals zum Heiligtum, das Treten vor Gott. Nun gehören auch die Heiden als Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen zur eschatologischen Heilsgemeinde (2,19-22), in der sie den Zugang zur himmlischen Liturgie erfahren im Gottesdienst mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern (5,19).

Dies hat Auswirkungen auf die Welt: „Die Kirche als Leib Christi ist im Wachsen begriffen und nimmt darum immer mehr Raum ein in der Welt. In diesem Leib ist Christus als Haupt in seiner ganzen Fülle gegenwärtig, während er im Kosmos herrschend wirkt: … (1,22.23). … Die Kirche hat eine wichtige Funktion auf dem Weg der Christuserfüllung der Welt. In ihr hebt die Neuschöpfung an (vgl. der eine neue Mensch, 2,15), auf die die alte Schöpfung hin angelegt ist.“21

Diese Aussagen widersprechen nationalistischem Denken, sind aber kein Plädoyer für einen Internationalismus, sondern für die Ökumene. Sie zielen auf den einen Leib Christi, d.h. die Kirche als weltweite Gemeinschaft aller Gläubigen, nicht auf die Vereinten Nationen. Diese neue Einheit der ganzen Menschheit „in einem Leib“ und „in einem Geist“ (2,16.18; 4,4) beruht auf der Zugehörigkeit zu Christus durch die „eine Taufe“ (4,5) in dem „einen Glauben“ (4,5) an den „einen Herrn“ (4,5), den „einen Gott und Vater aller“ (4,6). Diese universale, christologisch begründete und eschatologisch ausgerichtete Vorreiterrolle sollte die weltweite Ökumene ebenso weiterverfolgen wie die internationale Zusammenarbeit unterschiedlicher Konfessionen am selben Ort. Hier gilt weder Nationalismus noch Internationalismus etwas, sondern die globale und lokale Ökumene als „Einheit in versöhnter Verschiedenheit.“22

 

Anmerkungen

* Vortrag auf dem Pfarrkonvent „Neuer Nationalismus und christlicher Glaube“ des Kirchenbezirks Schorndorf am 5.6.2019; vgl. ausführlicher U. Heckel, Heiden, Völker und Nationen. Paulinische Einsichten und heutige Perspektiven, ThBeitr 51, 2020, 407-423.

1 Hrsg. v. M. Fischer/M. Friedrich (LT 7), Leipzig 2002, 22019.

2 Vgl. insgesamt M. Honecker, Art. Volk, TRE 35, 2003, 191-209, hier 191 und 197.

3 Vgl. z.B. A.R. Hulst, Art. Ì”am/gōj Volk, THAT II, München u.a. 21979, 290-325.

4 Vgl. U. Heckel, Das Bild der Heiden und die Identität der Christen bei Paulus, in: R. Feldmeier/U. Heckel (Hg.): Die Heiden. Juden, Christen und das Problem des Fremden (WUNT 70), Tübingen 1994, 269-296; H. Löhr, Separation – Integration – Universalität, in: K. Erlemann u.a. (Hg.), Neues Testament und Antike Kultur 3, Neukirchen-Vluyn 2005, 155-161.

5 1. Thess. 4,5; Gal. 4,8; vgl. Jer. 10,25; Ps. 79,6.

6 1. Kor. 12,2; 1. Thess. 1,9; Gal. 4,8f; Röm. 13,11 u.ö.

7 Röm. 6,3f; 7,6; 12,2; 2. Kor. 5,17; Gal. 6,15; vgl. U. Heckel, Die Taufe im Neuen Testament, in: ders., Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017, 67-109, hier 83-91.

8 Vgl. R. Feldmeier, Salz der Erde. Zugänge zur Bergpredigt, Göttingen 1998, 101.

9 Apg. 10,2.22; 13,16.43; 16,14; 18,7.

10 Vgl. U. Heckel, Der Dual von altem und neuem Bund in der biblischen Überlieferung (Referat für den Theologischen Ausschuss der VELKD, das in einem Sammelband veröffentlicht wird: Die lutherischen Duale).

11 Vgl. U. Heckel, Der Segen im Neuen Testament. Begriff, Formeln, Gesten. Mit einem praktisch-theologischen Ausblick (WUNT 150), Tübingen 2002, 112-159.

12 Gal. 6,14; vgl. 1. Kor. 3,19; 5,10a; 7,31b.

13 J. Roloff, Die Kirche im Neuen Testament (NTD Erg.10), Göttingen 1993, 93-96, hier 94.

14 Vgl. U. Heckel, Der alte und der neue Mensch bei Paulus, im Kolosser- und Epheserbrief. Grundzüge paulinischer Anthropologie, in: ders., Kirche (s. Anm. 7), 41-66.

15 M. Gese, Der Kolosserbrief (BNT), Göttingen 2020, 133.

16 Kol. 2,10; vgl. 1,13.16; 2,15; 3,1.

17 Kol. 1,18; 2,17.19; vgl. 1,24; 3,15; vgl. E. Schweizer, Art. sṓma, ThWNT VII, 1964, 1074; J. Roloff, Kirche (s. Anm. 13), 227; M. Gese, Kol (s. Anm. 15), 49f.111f.142.

18 Vgl. M. Gese, Der Epheserbrief (BNT), Neukirchen- Vluyn 22020, 109-113.188-191.

19 Eph. 1,23; 2,16; 4,12.16; 5,23.30.

20 Eph. 2,16; vgl. Röm. 5,1-11; 2. Kor. 5,18-21; Kol. 1,20-22.

21 M. Gese, Eph (s. Anm. 18), 190f; vgl. 41f.

22 Vgl. U. Heckel, Die sieben Kennzeichen für die Einheit der Kirche. Exegetische Impulse zu einer ökumenischen Theologie der Einheit nach Eph 4,1-6, MdKI 71, 2020, 62-70.

 

Über die Autorin / den Autor:

OKR Prof. Dr. Ulrich Heckel, Oberkirchenrat für "Theologie und weltweite Kirche" in der Evang. Landeskirche in Württemberg sowie apl. Professor für Neues Testament an der Evang.-theol. Fakultät in Tübingen; Autor zahlreicher wissenschaftlicher und allgemeinverständlicher Publikationen, z.B.: Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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