Religion wird oft mit einem bestimmten Verständnis von Wahrheit, nämlich objektiver Wahrheit in Verbindung gebracht. Das ist nicht nur problematisch, weil es den Wahrheitsbegriff engführt bzw. in einer einzigen von vielen Facetten überspannt, sondern auch unbiblisch und der christlichen Frömmigkeitstradition fremd. Helge Martens plädiert deshalb für einen eher schonenden Umgang mit dem Wahrheitsbegriff im Kontext religiöser Überzeugungen und für eine religiöse Beliebigkeit, die jedoch alles andere ist als ein unterschiedsloses „Anything goes“.

 

I. Das Problem mit der Wahrheit

„Es gibt die Wirklichkeit, ihr Knaben, und an der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber, nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede ist ebenso richtig, wie sie falsch ist“, lässt Hermann Hesse Meng Hsiä (Materialien zum Glasperlenspiel) seine Schüler belehren. Wie wahr!, könnte man mit leichter Ironie konstatieren.

Alle mühen sich – in den letzten Jahren wieder verstärkt1 – um die „Wahrheit“ – in Zeiten von „Fake-News“ erst recht (wobei der Unfug an dieser Stelle ist, dass derzeit der Eindruck vermittelt wird, dies sei eine neues Phänomen). Und in der Theologie schon immer: Allein mit den Literaturhinweisen im Anschluss an den Artikel „Wahrheit/Wahrhaftigkeit“, TRE 35, ließen sich ganze Bibliotheken füllen. Und jeder neue Versuch, die Wahrheit des Christentums begrifflich zu fassen und zu begründen, wird von dem nächstfolgenden Entwurf sogleich als unzulänglich verworfen. Es kann gar nicht anders sein, denn der Wahrheitsbegriff ist vertrackt. Es gibt – unter anderen – das klassisch-griechische Verständnis von „Wahrheit“ und, andererseits, das biblische. Das erstere tendiert zum Verständnis von „Wahrheit“ als „objektiver“ Beschreibung von Wirklichkeit, das letztere ist mehr existentiell gefasst im Sinne von vertrauenswürdig und damit höchst subjektiv, bestenfalls intersubjektiv brauchbar.

Die theologischen Ansätze, die ich zur Kenntnis nahm, versuchen – mehr oder minder – beide Sichtweisen irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Das hängt zusammen mit dem Anspruch der Religion (nebenbei: nicht nur der christlichen): Ist Religion göttliche Offenbarung, kann sie nur Offenbarung des Vollkommenen, also der Wahrheit sein – mit Selbstbewusstsein vorgetragen: „Die Theologie selbst ist stets, was alle Philosophie zu sein beabsichtigt: Wissenschaft (Theorie) von der Wahrheit und zwar die wahre.“2 Christliches Wahrheitsbewusstsein gründet in der „Wahrhaftigkeit des Schöpfers“ und lässt sich deshalb auch „nicht begründen, sondern nur explizieren.“3

Der Irrtum scheint mir dabei aber zu sein, dass Religion eben nicht göttliche Offenbarung ist, sondern die menschliche Antwort auf die Begegnung mit dem als göttlich, also als sinnstiftend Erlebten. Sie handelt von der Ergriffenheit jener, die etwas als für sich bedeutsam erlebt haben. Der Anspruch der Religion ist gleichwohl, „die Wahrheit“ zu repräsentieren, so z.B. das im Johannesevangelium Jesus in den Mund gelegte Wort (Joh. 18,37): „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Interessant ist bereits hier, dass „Wahrheit“ gar nicht mit universellem, sondern nur mit – im Blick auf den Adressatenkreis – begrenztem Anspruch aufscheint: Wenn die Wahrheit, die Jesus zu bezeugen gekommen ist, nur von denen gehört oder verstanden wird, die schon aus der Wahrheit sind, dann ist es eine – zumindest für viele – unverständliche Wahrheit. Eine Wahrheit aber, die nicht allgemein verstanden wird, ist keine universelle Wahrheit, sondern die Überzeugung einer Gruppe Dazugehöriger. Man könnte auch sagen: Für die, denen der Glaube an Jesus Christus die Wahrheit ist, ist der Glaube an Jesus Christus die Wahrheit. Diese wird mit universellem Anspruch vertreten. Und sogleich hinterfragt: „Was ist Wahrheit?“, so Pilatus (Joh. 18,38), eine kluge Frage. Ich greife sie auf und werde dann meinen Vorschlag begründen, auf den Begriff besser zu verzichten.

 

II. Was ist „Wahrheit“?

Unsere alltägliche Verwendung des Begriffs Wahrheit orientiert sich am griechischen Denken. Zum einen verstehen wir „wahr“ im Sinne von „richtig“ (Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland), oder im Sinne logischer Richtigkeit. Zum anderen stammt unser Wahrheitsverständnis aus der platonischen Ideenlehre: Ein „wahrer“ Freund ist jener, der der „Idee“ „Freund“ am nächsten kommt.

Definitionen von bzw. Theorien der Wahrheit gibt es derart viele, dass man mit dem Beter des 139. Psalms seufzen möchte: „Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand“ (V. 17b.18a). Ich versuche dennoch einen vorsichtigen Überblick über einige Ansätze.

Wahrheit als Kongruenz

Klassisch sind die Kongruenz- oder Adäquationstheorien: Im griechischen Denken ist Wahrheit zunächst negativ definiert: a-letheia ist das Wort, das wir mit Wahrheit übersetzen. lanthano bedeutet verbergen; a-letheia also ist das Nicht-Verborgene, das, was „wirklich“ ist; alethes kann geradezu zum Synonym für orthos (richtig) werden. Eine wahre Aussage ist dann eine solche, die eine Korrespondenz bzw. Kongruenz zwischen Aussage und Wirklichkeit herstellt: „ta onta legein hoos estin“4 (bei Augstein hieß das als Leitwort für den „SPIEGEL“: „Sagen, was ist“; es reicht die Lektüre einer Ausgabe dieses Magazins, um die Problematik dieses „Wahrheitsverständnisses“ zu erkennen). In klassisch gewordener Formel ausgedrückt im Mittelalter ist Wahrheit dann bei Thomas von Aquin: „veritas est adaequatio intellectus et rei“: Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sache5. Und letztlich hat „alle Wahrheit ihre Quelle im intellectus divinus.“6

Zweifel

Wie das Wahrheitsverständnis in der Antike auf den Einwand des Skeptizismus traf, so beginnt mit der Neuzeit wieder der Zweifel – und zwar mit Descartes7. Er zieht radikal alle Erkenntnis in Zweifel, weil alles der Täuschung unterliegen kann. Das einzig Gewisse ist der Zweifel, und wer zweifelt, denkt, und das Denken braucht ein Subjekt, also: Ego cogito, ergo sum. Er unterscheidet zwei Substanzen: das Denken (res cogitans) und die Materie (res extensa). Um beide zusammenzubekommen geht er von der Idee „Gott“ aus: Wenn ich unvollkommenes, irrtumsanfälliges Wesen Vollkommenheit denken kann, muss es als Ursache die Vollkommenheit geben – eben Gott; und wenn Gott Vollkommenheit ist, dann muss er auch existieren, sonst wäre er nicht vollkommen – hier schließt sich Descartes dem ontologischen Gottesbeweis Anselms von Canterbury an.

Wahrheit und Konstruktion

Kant brachte Descartes‘ Ansatz insofern zu Fall, als er alle Gottesbeweise destruierte. Für Kant beginnt alle Erkenntnis mit Erfahrung.8 Angesichts der Fehleranfälligkeit der sinnlichen Erfahrung versucht er nun seinerseits zu gesicherten Aussagen zu kommen, indem er Erfahrung und Verstand in Urteilen zusammenbringt. Die Mathematik zeige, dass es a priori logische Wahrheiten gebe; es gelte, sie mit den Erfahrungen zusammenzubringen, um zu sicheren Erkenntnissen zu gelangen.9 Alle Erkenntnis ist aber abhängig von einem apriorischen Erkenntnisvermögen – und ist nicht aposteriorisch aus der „Wirklichkeit“ abgeleitet. Über „die Dinge an sich“ kann der Mensch gar keine Aussagen machen und über die Welt der Erscheinungen nur durch die Formen, die der menschliche Geist in sie hineinträgt – z.B. durch die Begriffe, die Anschauungsformen Raum und Zeit etc. Weil also unsere Erkenntnis geprägt ist durch a-priore Konstruktion, ist das, was wir für Wirklichkeit halten, immer schon unsere Konstruktion. Um der Sittlichkeit des Willens aber postuliert Kant als notwendige Voraussetzung das nicht Erkennbare: Freiheit, Unsterblichkeit der Seele und Gott.10

Wahrheit und Illusion

Nietzsche hat dann aller Metaphysik eine Absage erteilt: „Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die … verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind..“11

Dennoch bleibt ein gewisses Interesse daran, dass „Wahrheit“ zugänglich wäre als „objektiv“: „Wir nennen eine Aussage ‚wahr‘, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt oder den Tatsachen entspricht oder wenn die Dinge so sind, wie die Aussage sie darstellt.“12 Popper hält – eingeschränkt – an der Möglichkeit einer objektiven Wahrheit fest, da Erkenntnisse intersubjektiv überprüfbar seien. Er sieht sich dabei allerdings genötigt, das menschliche Erkenntnissubjekt gleichsam aus dem Erkenntnisvorgang zu eliminieren: „Erkenntnis in objektivem Sinne ist Erkenntnis ohne einen Er­kennen­den“13.

Wahrheit als Konsens

Einen anderen Weg beschreiten die Konsenstheorien. Alle Erkenntnis ist an die Subjektivität des Erkennenden gebunden. Und: Erkenntnis ist – so z.B. Habermas – immer interessengeleitet. Habermas entwirft eine Konsenstheorie der Wahrheit14 im Kontext konkreter gesellschaftlicher Praxis: Eine Aussage ist zunächst ein Sprechakt, der mit einem Geltungsanspruch auftritt. Die Aussage könne dann das Prädikat „Wahrheit“ erhalten, wenn in einem theoretischen Diskurs, der bestimmten Kriterien (etwa Chancengleichheit der an dem Diskurs Beteiligten) folgt, ein begründeter, vernünftiger Konsens erreicht wird.

Der radikale Konstruktivismus bestreitet, dass es möglich sei, Aussagen einer objektiven Wahrheit zu machen. Das hat zum einen ethische Gründe: H. v. Förster etwa hält die „Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, (für) etwas Gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt.“15 Zum anderen gründet diese Sicht in den Erkenntnissen der Hirnforschung. Unser Gehirn bildet nicht die Wirklichkeit ab, vielmehr konstruiert es sie: „Alles, was wir überhaupt bewußt wahrnehmen können, ist ein Konstrukt unseres Gehirns und keine unmittelbare Widerspiegelung der Realität“16. Und wenn Menschen „Dinge“ in gleicher Weise sehen, ist das nicht Hinweis auf objektiv Gegebenes, sondern darauf, dass unsere kognitiven Systeme in gleicher Weise funktionieren.17

 

III. Der biblische Befund

Altes Testament18

Die Bibel ist an erkenntnistheoretischen Fragen nicht interessiert. Einen Begriff wie „Wahrheit“ gibt es im Grunde genommen nicht. Das atl. Wort, das die Septuaginta (gelegentlich) mit aletheia wiedergibt, ist ämät, von amin: fest, tragfähig, gültig, verbindlich. ämät ließe sich am besten wiedergeben mit „Treue“. Das Wort kann Name, also Kennzeichen Gottes sein: El ämät (Ps. 31,6). Das macht sich besonders am Exodusgeschehen fest, an der Befreiung aus Ägypten. Gott hält sich an seinen Bund mit Israel (Dtn. 7,6-9), ja, er ist treu, auch wenn das Volk Schuld auf sich lädt – wie mit der Anbetung des „Goldenen Kalbs“ (Ex. 34,6.7).

Andererseits ist Gottes Treue aber auch daran gebunden, dass der Mensch sich bundestreu verhält, d.h. sich an Gottes Gebote hält (Ps. 25,10). Diese Treue hat sich im Alltag zu erweisen: Wer sich an Gottes Gebote hält, dem wird Gott die Treue halten, und der wird Gott und den Menschen gefallen (Spr. 3,1-4).

Der Grundzug des Wortes ist also wesentlich nicht an Wahrheit als „objektiver“ interessiert, sondern vielmehr an Beziehung, der Treuebeziehung zwischen Gott und Mensch. Die ist gebunden an Gegenseitigkeit: JHWHs Treue gilt beständig und ewig, allerdings nur für Israel als seinem erwählten Volk (Dtn. 7,7f) – und nur, wenn und weil es sich an seine Gebote hält (Dtn. 7,9f). So wird durch die Relation die „Wahrheit“ relativ.

Neues Testament

Das Wort aletheia kommt im NT vor allem im Johannesevangelium und in den paulinischen Briefen vor.

Johannesevangelium

Essentiell ist der Wahrheitsbegriff bei Joh. Gleich im Prolog (1,14.17) wird die soteriologische Dimension deutlich: Mit Christus als dem Fleisch gewordenen Logos kamen „Gnade und Wahrheit“ in die Welt, die aber nicht von allen erkannt und angenommen wurden (1,10f). Nur wer in Jesu Worten bleibt, ist in der Wahrheit, die anderen, die sich der Kindschaft Abrahams rühmen, werden als Kinder der Lüge apostrophiert.

Die Wahrheit kann im Joh. geradezu mit Jesus identifiziert werden: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ (Joh. 14,6) Er ist das wahre Licht (1,9), das wahre Brot (6,32-35), sein Fleisch wahre Speise, sein Blut wahrer Trank zum ewigen Leben (6,51ff), er ist der wahre Weinstock (15,1). Kurz, Christus ist – weil in der Einheit mit Gott, dem Vater – die Wahrheit, der Lehrer der Wahrheit, die zum (ewigen) Leben führt, also das ganze Heil bringt. Offensichtlich ist dabei, dass a-letheia, das Nicht-Verborgene nur den Glaubenden nicht verborgen ist, allen anderen aber ja.

Die Wahrheit, die für die Glaubenden wahr ist, ist nach Jesu „Verherrlichung“ an den Parakleten gebunden, den „Geist der Wahrheit“ (Joh. 14,17 u.ö.), den aber die „Welt“ nicht erkennen kann. Das „Offenbare“ also ist nur denen offenbar, die sich existentiell im Glauben darauf einlassen (können). „Wahrheit“ ist somit die subjektive bzw. intersubjektive Glaubensüberzeugung der Christen.

Paulinisches Schrifttum

Die paulinischen Schriften sind Briefe, keine dogmatischen Abhandlungen. Die Verwendung von aletheia und ihrer Derivate in den Korintherbriefen und dem Galaterbrief ist apologetisch. Die Ausführungen im Römerbrief sind zwar keiner Frontstellung geschuldet, sind aber Nachklang der Frontstellungen gegenüber den Korinthern und Galatern.

Im Röm. (1,18.25) ist Wahrheit Erkenntnis Gottes; die Gegenbegriffe sind Lüge und Ungerechtigkeit, die sich vornehmlich äußern in Götzendienst (1,21f) und Unkeuschheit (1,26f), also: Unwahrheit ist Anbetung der „falschen“ Götter und moralische Verwerflichkeit. Und gemäß der paulinischen Grundüberzeugung, keiner sei gerecht (3,9ff), sind auch die, die über andere richten, dem Gottesgericht der „Wahrheit“ gemäß ausgeliefert (2,1f), so wie die anderen „Ungerechten“, die der „Wahrheit“ ungehorsam sind (2,8).

In den beiden Korintherbriefen benutzt Paulus den Begriff Wahrheit zur Charakterisierung seines Verständnisses des Evangeliums – gegen das libertinäre Verständnis zumindest einer Fraktion in der korinthischen Gemeinde, es geht dabei wieder vornehmlich um Unzucht (1. Kor. 5). Im „Hohelied der Liebe“, ist die Wahrheit gegen die Ungerechtigkeit abgesetzt (1. Kor. 13,6) – wie im Röm.

Die Selbstverteidigung bestimmt die Benutzung des Begriffs Wahrheit auch im 2. Kor.: Paulus wandelt nicht in „Arglist“, sondern seine Selbstempfehlung ist Entsagung, damit die Korinther der durch ihn offenbarten „Wahrheit“ glauben (4,2); das Reden der „Wahrheit“ gehört zu seiner Untadeligkeit in allen Dingen (6,1-10). Er hätte allen Grund sich zu loben, da er niemandem zur Last falle, denn die „Wahrheit Christi“ sei in ihm (11,10). Er fordert die Korinther auf, ihren Glauben zu überprüfen statt des seinen, denn er könne nichts gegen die Wahrheit unternehmen, nur für sie (13, 5-8).

Im Gal. stehen ebenfalls alle Aussagen im Kontext des Begriffes Wahrheit in einer Frontstellung, hier gegen neue Gesetzlichkeit. In Kap. 2 geht es um die Bedeutung der Heilsvoraussetzung „Beschneidung“. Der Forderung nach Beschneidung setzt Paulus die „Wahrheit des Evangeliums“ (2,5) entgegen und tadelt Petrus, der sie verriete, wenn er die Mahlgemeinschaft mit Heidenchristen aufgäbe (2,11-14). Zugleich warnt er die Galater vor der Gesetzlichkeit und ermahnt sie, an der „Wahrheit“ (5,7) der Freiheit in Christus (5,1) festzuhalten.

Wahrheit ist also für Paulus seine Sicht auf die Offenbarung Gottes in Christus. Die unterschiedlichen Konflikte mit den Korinthern und den Galatern zeigen, dass es in den Gemeinden ganz unterschiedliche – und konträre – Strömungen gab, diese Gottesoffenbarung zu verstehen, und die diesen dann jeweils „Wahrheit“ war. „Wahrheit“ also ist subjektive Überzeugung Pauli – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

 

IV. Plädoyer für eine Theologie religiöser Beliebigkeit

Anstatt von Beliebigkeit ließe sich auch von Willkür und Gleichgültigkeit sprechen. Diese Charakterisierungen passten aber eher auf theologische Entwürfe, während sich die Beliebigkeit auf das Essentiellere, die praxis pietatis, beziehen soll.

Willkür und Gleichgültigkeit in der theologischen Theoriebildung

Theologische Entwürfe sind insofern willkürlich, als der Wille des jeweiligen Theologen seinen je eigenen Entwurf aus der theoretisch nahezu unendlichen Fülle möglicher Entwürfe als den (für ihn) richtigen Entwurf gestaltet. Wäre dies nicht Willkür, dann wäre der Entwurf unwillkürlich, d.h., nicht reflektiert. Das sollten wir als Möglichkeit ausschließen, wenngleich auch dies nie ganz auszuschließen ist.

Theologische Entwürfe sind insofern gleichgültig als unterschiedliche Entwürfe gleich gültig sein können. Da Theologie immer in Zeitgenossenschaft geschieht, evozieren unterschiedliche Kontexte unterschiedliche Entwürfe. Dieses bedeutet aber nicht, dass Theolog*innen nicht ihre Entwurfe für richtig halten, propagieren und argumentativ verteidigen sollen. Es kann sogar ein Gebot der Stunde sein, die eigene Position kämpferisch zu vertreten – etwa wenn wir an die Auseinandersetzungen der „Bekennenden Kirche“ und der „Deutschen Christen“ denken. Aber auch hier ginge es darum, die Verantwortung für die eigene Sicht zu übernehmen und nicht auf eine – angeblich – „objektive“ Wahrheit zurückzugreifen bzw. sich hinter ihr zu verstecken.

In unserem heutigen „Normalfall“ eines theologischen Diskurses sollte dieser in Anerkennung dessen geschehen, dass auch andere Entwürfe ihr Recht haben bzw. haben können. Das könnte den Respekt in theologischen Debatten erhöhen, auch wenn das in praxi mehr oder weniger gut gelingen dürfte. Vor allem könnte es Diskurse von Rechthaberei befreien; alle Suche nach der „Wahrheit“ führt gemeinhin in die Rechthaberei. Theologische Entwürfe können auch dann überzeugen, wenn sie auf einen „objektiven“ bzw. „universellen“ Wahrheitsanspruch verzichten und sich stattdessen als ein Verständigungsbeitrag begreifen.

Die Beliebigkeit christlicher Frömmigkeit

Die Beliebigkeit christlicher Frömmigkeit, für die ich hier plädieren möchte, soll sich auf den gelebten Glauben beziehen. Existentiell entscheidend ist der Glaube, Theologie ist die – nachgeordnete – Reflexion des Glaubens.

Beliebigkeit habe ich als Begriff gewählt, da in ihm das Wort „Liebe“ geborgen ist. Und weil Gott die Liebe „ist“ (1. Joh. 4,16) und der Glaube sich auf eben Gott, also die Liebe, bezieht, scheint mir dieser Begriff angemessen zu sein.

Wenn ich mich auf christliche Frömmigkeit beziehe, ist das bereits eine persönliche Vorentscheidung, die durchaus eher zufällig als gewählt ist. Denn mein Referenzsystem ist überwiegend Folge meiner zufälligen Herkunft, nur ein Teil ist bewusste Entscheidung.

Also christliche Frömmigkeit und die Liebe: Ich schließe an Martin Luther im Großen Katechismus an. Dort heißt es zum 1. Gebot: „Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben … Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“19

Natürlich ist für Luther der sich vor allem in Jesus Christus Offenbarende der allein „wahre“ Gott, alles andere sind Abgötter. Aber auch Abgötter „sind“ Götter, wenn meine Herzanhangung (das, was mir be-liebt) sie zu solchen erwählt. Dass Luther den Vater Jesu Christi zum allein „wahren“ Gott erklärt, liegt daran, dass er in dieser Tradition groß wurde, an ihn sein Herz hängte, und daran, dass er, aufgrund seiner Biografie und seiner psychischen Disposition, des Gottes, den sein Verständnis der paulinischen Literatur ihm offenbarte und der zu seinem Maßstab wurde, des den Sünder allein aus Gnade rechtfertigenden Gottes bedurfte. Das ist aber – schon biblisch – nicht die einzige Möglichkeit Gott zu sehen. Andere Menschen, in anderen Kontexten, beziehen sich auf andere Aspekte des Gottesbildes. Und alle haben grundsätzlich in gleicher Weise recht oder eben auch nicht.

Dieses subjektive, bestenfalls intersubjektive Verständnis von „Wahrheit“ findet sich kluger Weise im Credo. Es beginnt nicht mit einer nicht-verborgenen, offenbaren „Wahrheit“, sondern mit einer subjektiven Vertrauensaussage: Ich glaube an Gott …

Es geht wesentlich um eine Vertrauensbeziehung, wenn in den biblischen Zeugnissen von ämät bzw. aletheia die Rede ist. Es geht um subjektive bzw. intersubjektive Heilshoffnung, die sich an der von Israel erlebten und von daher auch für die Zukunft erhofften Treue JHWHs festmacht. Und für die christlichen Gemeinden ist „Wahrheit“ die erfahrene Gnade und Barmherzigkeit in der geglaubten Selbstoffenbarung Gottes in Jesus als dem Christus. Geht es um Vertrauen, so legt sich die Frage nahe: Worauf vertraust du? Was glaubst du? Woran hängt dein Herz? Was be-liebt dir? – nicht aber der Streit, welches die „Wahrheit“ sei. Es sei denn, man verstünde eben unter „Wahrheit“ subjektives bzw. intersubjektives Vertrauen. Das wäre durchaus auch in der deutschen Sprache möglich. Es gibt ja im Deutschen Worte mit der Wurzel „wahr“, die Treue/Vertrauen bzw. Geborgenheit bedeuten bzw. deren Fehlen ansprechen. Das mittel- und althochdeutsche Wort „war“ bedeutet „vertrauenswert“. Hierhin gehört auch „jemandem Gunst, Freundlichkeit erweisen“, also ge-währ-en. Ähnlich die Wurzel „wahren“ zu althochdeutsch „wara“: Aufmerksamkeit, Acht, Hut, Aufsicht. Dazu gehört „be-wahr-en“ und sein Kompositum „aufbe-wahr-en“: in Ob-Hut nehmen. Das Gegenteil wäre „ver-wahr-lost“, ohne Aufsicht, ohne Obhut. Auch das Verb „warnen“ gehört in diese Gruppe.20

Kommunikative Brauchbarkeit

Nun ließe sich gegen die bisherigen Ausführungen einwenden, es gäbe also ein biblisches, sich auch im deutschen Sprachgebrauch wiederfindendes Verständnis von „Wahrheit“, das den Gebrauch dieses Wortes und seiner Derivate mit Fug und Recht weiterhin ermöglichte. Das ist richtig, nur meine ich, dass in dem landläufigen Verständnis von „Wahrheit“ immer der Klang von „Objektivität“ mitschwingt. Insofern gehört „Wahrheit“ zu den „belegten“ Worten, gegen die anderes Verständnis in die Debatte zu bringen schwer ist. Vielleicht ist ja auch beabsichtigt, dieses quasi-aquinische Verständnis immer mitschwingen zu lassen, weil man hofft, dass das, was einem selber bedeutsam ist, auch wirklich und wahrhaftig bedeutsam ist, oder weil man die eigene Auffassung mit einem „Machtanspruch“ versehen möchte. Oder weil man gerne Recht haben möchte. Das wäre verständlich, aber wenig zielführend.

Mir scheint in diesem Zusammenhang noch ein weiterer Aspekt wichtig zu sein, den ich wenigstens skizzieren möchte. Wenn „Wahrheit“ bestenfalls das ist, was dadurch „wahr“ ist, dass einige oder gar viele es für „wahr“ halten, es also um geteilte Überzeugungen geht, dann geht es – allzumal in der Religion – um „kommunikative Brauchbarkeit“: Ist die Sprache, sind die Bilder, Narrative, Symbole etc. unserer Religion (noch) brauchbar in unserer Welt? Das Problem entsteht schon dadurch, dass das „Material“ der jüdisch-christlichen Religion(en) 2.000 Jahre und älter ist; Lessings „garstiger Graben“ wird immer breiter. Was unsere Kirchen nicht hinreichend oder zumindest nicht sehr erfolgreich vermittelten, ist, dass religiöse Sprache eine Sprache sui generis ist. Sie ist wesentlich Bilder- und Symbolsprache zur Lebensgestaltung und -bewältigung. Sie will nicht Sachverhalte erklären. Aber es werden – auch kirchlicherseits – immer noch religiöse Fragen diskursiv erörtert und Aussagen deskriptiv formuliert, bei denen es sich sinnvollerweise um Bekenntnisse und Ausdruck von Hoffnung, Sorge usw. handelt, aber nicht um rationale Argumentationen. Etwa die leidige Theodizeefrage: „Wie kann Gott das zulassen?“ Als Notschrei einer gequälten Seele ist das ein (zunächst) hilfreicher Satz, als Ausgangspunkt eines rationalen Diskurses aber nicht. Oder: „Gott ist allmächtig“ ist als Vertrauensaussage ein starkes Bekenntnis, das Menschen zu stabilisieren vermag, als Deskription zieht sie notwendig die Theodizeefrage nach sich und führt in unauflösbare Dilemmata. Oder: „Himmel und Hölle“. Als Bilder, um Sozialverhalten einzuschärfen, sind sie ein adäquates sozialreligiöses Instrument (sehr schön zu sehen im Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus, Lk. 16,19ff), als Mutmaßungen über „reale“ physische Orte (nach dem Tode) sind sie Unfug.

Religiöse Rede wird oft als Deskription verstanden, und wir müssen uns die Frage gefallen lassen, ob wir genug dagegen tun, oder, schlimmer noch, gar dieses (Miss-)Verständnis fördern. Es ist etwa durchaus angemessen, im Blick auf „Gott“ personale Kategorien anzuwenden, weil nichts uns mehr angeht als Personen. Aber wenn daraus das Verständnis wird: „Gott“ ist eine Person, dann stürzt das den „aufgeklärten“ Menschen in die Aporie, das nicht zu glauben, aber sich manchmal gleichzeitig danach noch zu sehnen. Dann wird die Frage nach „Gott“ in der Beantwortung zu einer „Möglichkeit“ („es kann sein, dass es Gott gibt“), die aber ist existentiell bedeutungslos, und man kann sie getrost mit Brechts Herrn Keuner fallen lassen. Entsprechendes gilt für die Frage nach dem „Leben nach dem Tode“.

Insofern scheint mir unsere vordringliche Aufgabe zu sein, den oben aufgezeigten Missverständnissen zu wehren, also alles dafür zu tun, die „kommunikative Brauchbarkeit“ unserer Religion zu erhöhen. Sonst wird sie eines Tages ganz „unbrauchbar“ und verschwinden – wie so viele Religionen vor ihr.

 

Anmerkungen

1 In kleiner Auswahl: P. Boghossian, Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus, Berlin 2013; Chr. Schröder, Was ist Wahrheit?, DPfBl 7/2016; C. Landmesser, Wahrheit als Grundbegriff neutestamentlicher Wissenschaft (WUNT 113), Tübingen 1999; I.U. Dalferth und Ph. Stoellger, Wahrheit, Glaube und Theologie, ThR 66, 2001, 36ff; Eilert Herms hat in seiner „Systematischen Theologie“ (Tübingen 2017) der „Wahrheit“ schon einen Platz im Untertitel angewiesen: „Das Wesen des Christentums: In Wahrheit und aus Gnade leben“, und das Sachregister füllt 1½ Spalten mit diesem Begriff.

2 Herms, Art. Wahrheit, TRE 35, Berlin/New York 2003, 364.

3 Ebd., 374 bzw. 375.

4 Platon, Kratylos, in: ders. Werke in 8 Bänden, Bd. II, Darmstadt 1974, 401.

5 Z.B. Thomas, Summa contra gentiles I, Caput 59, nach: www.corpusthomisticum.org/scg1044.html (abgerufen am 1.5.2020).

6 I. Schüssler, Art. „Wahrheit“, TRE 35, 354.

7 R. Descartes, Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie, https://www.projekt-gutenberg.org/descarte/grunphil/grunphil.html (abgerufen am 1.5. 2020).

8 I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, 027 https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/Kant/aa03/ (abgerufen am 1.5.2020).

9 Ebd., 029.

10 Ebd., 518.

11 F. Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1, in: Gutenbergprojekt: https://www.projekt-gutenberg.org/nietzsch/essays/wahrheit.html (abgerufen am 1.5.2020).

12 K. Popper, Die Logik der Sozialwissenschaften, 20. These, https://www.vordenker.de/ggphilosophy/popper_logik-sozialwiss.pdf (abgerufen am 1.5.2020).

13 Ders., Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt, in: Ders., Objektive Erkenntnis, Hamburg 1974, 126.

14 Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt/M. 1977, 4. Aufl.; ders., Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/M. 1982, 2. Aufl. u.ö.

15 H. v. Förster, in: H. v. Förster/B. Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Heidelberg 2004, 34.

16 Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt/M. 1997, 342.

17 Ebd., 343f.

18 Dazu: ThWNT, Bd. 1, Stuttgart 1933, 233ff; W. Urbanz, Art. Treue (AT) https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/36166/ (abgerufen am 1.5.2020).

19 M. Luther, Großer Katechismus nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580), www.ekd.de/Grosser-Katechismus-13200.htm (abgerufen am 1.5.2020).

20 Vgl. Stichworte „wahr“ und „wahren“ in: Das Herkunftswörterbuch, Duden 7, Mannheim 1963. Ähnlich im Englischen: „truth“ („Wahrheit“) geht zurück auf die Wurzel „trust“ („vertrauen“).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Helge Martens, Jahrgang 1957, Studium in Hamburg und Tübingen, Vikariat in Bogota/Kolumbien, wiss. Mitarbeiter am ntl. Seminar der Universität Hamburg, seit 1987 Gemeindepastor in Hamburg, Systemischer Therapeut (SG).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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