Im Herbst 2014 beschloss die Landessynode der Evang. Kirche in Mitteldeutschland (EKM), ein Förderprogramm für die Entwicklung von gemeindlichen Erprobungsräumen in der mitteldeutschen Kirche auf den Weg zu bringen. Matthias Rein bündelt die Erfahrungen, die damit im Kirchenkreis Erfurt gesammelt wurden.

 

Thomas Schlegel, einer der Vordenker und Begleiter des Prozesses zur Entwicklung von Erprobungsräumen in der EKM, hat diesen Ansatz seinerzeit im „Deutschen Pfarrerblatt“ vorgestellt.1 Er spricht gar von einem „Umbau der EKM“. Im Jahr 2015 wurden Grundsätze und Förderrichtlinien des EKM-Förderprogramms erarbeitet und in der Landeskirche beworben. An drei grundlegende Stellen sollten sich die zu fördernden alternativen Gemeindeformen von der „normalen“ Praxis der Volkskirche unterscheiden: im Blick auf die bewusste Unterstützung von ehrenamtlich Engagierten, in der Überwindung der Fixierung auf Gebäude und in der Orientierung an sozialen Räumen für Gemeindegründungen anstatt des Wohnortprinzips ­(Parochie).

In der Region Erfurt spielen parochieübergreifende und zielgruppenorientierte kirchliche Strukturen seit langem eine wichtige Rolle. Das gilt u.a. in den Bereichen Diakonie, Musik, Kinder-, Jugend- und Bildungsarbeit. Es gibt ein großes Netzwerk von Vereinen, Initiativen, Projekten und Arbeitsgruppen über die Parochien hinaus und mit unterschiedlicher Frömmigkeitsprägung. Dies ist Kennzeichnen einer volkskirchlichen Situation. Die Gegenüberstellung des Förderprogramms von ­„Parochie/Volkskirche/wenig innovativ“ einerseits und „nichtparochial/alternative Form von Kirche/innovativ“ anderseits lässt sich für Erfurt nicht abbilden. Die Erfurter Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen machten sich ab 2015 auf den Weg, Projekte, an denen sie arbeiteten, mit dem Förderprogramm zu verbinden bzw. neue Projekte zu entwickeln. Insgesamt befanden sich bis zum Jahr 2021 7,5 Mio. € im Fördertopf. Wie sehen die Erfahrungen in der Erfurter Region nach fünf Jahren aus?

 

Beantragte Förderungen – ein Überblick

Für folgende Projekte wurden in der Region Anträge gestellt, zu denen der Kirchenkreis votiert hat:

Runde 2016

1. Checkpoint Jesus e.V. (CVJM Erfurt): Checkpoint Jesus 2.0 – Gemeinde mit jungen Menschen neu denken und leben – teilweise gefördert/Großer Erprobungsraum

2. KG Prediger (Erfurt): „Gemeinde strahlt aus – stärker geistlich leiten“ – Finanzierung einer Kirchmeister-Stelle – abgelehnt

3. Ev. Jugend in den KK Erfurt, Weimar, Jena: Kirchenkreisübergreifende Jugendarbeit in Projektgemeinden – abgelehnt mit Hinweis auf Überarbeitung und neue Beantragung

4. Jesus-Projekt Erfurt e.V.: Der gute Hirte in der Platte – teilweise gefördert/Großer Erprobungsraum

5. KK Erfurt: Wir sind Kirche im Erfurter Norden – abgelehnt

6. KK Erfurt: Netzwerk-Gemeinde Diakonie Erfurt – abgelehnt

 

Runde 2017

1. Jumpers – Jugend mit Perspektive e.V. (Kaufungen): Jumpers – Kinder- und Familienzentrum Erfurt Südost – teilweise gefördert/Großer Erprobungsraum

2. Engel am Zug – Aufbau einer Ökumenischen Bahnhofsmission in Erfurt – teilweise gefördert/Großer Erprobungsraum

3. KG Prediger (Erfurt) in Kooperation mit Kloster Volkenroda: Begegnungs-Café Paul Herrlich – Projekt kam nicht zustande wegen Personalwechsel

 

Runde 2018

1. Collegiatsgemeinschaft VCC – ad fontes: Regelmäßiges Gebet in Dorfgemeinde in drei Kirchenkreisen – vom Kirchenkreis nicht unterstützt/wird in den Kirchenkreisen Arnstadt-Ilmenaus und Rudolstadt-Saalfeld umgesetzt

2. KG Regler (Erfurt): „ER-lebt“. Gottesdienst in anderer Form“ – gefördert/Großer Erprobungsraum

3. Sempers – Senioren mit Perspektive e.V. (Kaufungen): SEMPERsEngel in Erfurt – teilweise gefördert/
Großer Erprobungsraum

4. Pixel Sozialwerk (Erfurt): Spielplatzfeste/Kinder- und Familienzentrum im Rieth und Berliner Platz in Erfurt – teilweise gefördert/Großer Erprobungsraum

5. Ev. Jugend in den KK Erfurt, Weimar, Jena, Apolda: Kirchenkreisübergreifendes Netzwerk interessenbezogener Jugendgemeinden, überarbeiteter Antrag – abgelehnt

 

Unscharfe Kriterien und intransparente Entscheidungen

Die Gremien des Kirchenkreises votierten in einem Fall negativ, sonst aber wurden die Anträge (teilweise mit Einschränkungen) unterstützt. Folgendes Bild ergibt sich aus Sicht des Kirchenkreises:

Den Antragstellern fiel es nicht schwer, in ihren Anträgen auszuführen, dass ihr jeweiliges Projekt den sieben Kriterien des Förderprogramms entspricht. Da stellt sich die Frage: Sind die Kriterien klar genug und auch abgrenzend genug gefasst? Am Ende wird nicht transparent, warum der eine Antrag bewilligt und der andere abgelehnt wurde.

Das Antragsprozedere entspricht den üblichen Gepflogenheiten (Beschlüsse der Entscheidungsgremien, Voten von Involvierten, Antragsfristen). Die Anträge wurden deutlich erkennbar von hauptamtlich Professionellen erarbeitet. Aufwändig gestaltete sich das Verfahren im Fall des Antrags der evang. Jugend aus drei bis vier Kirchenkreisen. Hier mussten sich viele Mitwirkende abstimmen sowie die Gremien flankierende Gelder bewilligen und zustimmen.

Bei allen Anträgen spielt die Finanzierung von Personalkosten für Haupt- und Ehrenamtliche eine zentrale Rolle. Dies deckt sich mit den Erfurter Erfahrungen bei der Verwendung der Strukturfondsmittel im Kirchenkreis. 80% der eigentlich für Projekte vorgesehenen Mittel werden für die Finanzierung von hauptamtlichem Personal (Kirchenmusik, Büro, Hausmeister) in der laufenden Gemeindearbeit eingesetzt.

Für die Anträge aus Erfurt fällt auf, dass vier sozial-missionarische Initiativen durch das Programm gefördert werden (Jesus-Projekt, Jumpers, Pixel, Sempers), die sich bewusst nicht als Teil der evang. Kirche verstehen (so eine Antragstellerin auf Nachfrage). Zu fragen ist, inwieweit hier ekklesiologisch innovative Formen vorliegen. Es geht um ein klassisches Modell missionarisch ausgerichteter Sozialarbeit, die von Haupt- und Ehrenamtlichen geleistet wird. Letztlich wird ein/e Sozia­lpädagoge/in finanziert, der/die im Quartier als auf­suchende/r Sozialarbeiter/in präsent ist.

Die Projekte „Checkpoint Jesus“ und Bahnhofsmission stellen keine strukturell neuen Gemeinde- und Arbeitsformen dar. Hier wird Bestehendes fortgesetzt bzw. der Mangel eines fehlenden diakonischen Trägers ausgeglichen. Hauptamtliche kirchliche Akteure spielen sowohl bei Checkpoint als auch bei „Engel am Zug“ im Hintergrund eine maßgebliche Rolle.

Drei Anträge aus Erfurt zur professionellen Begleitung gemeindeübergreifender Netzwerkinitiativen zeigen einen Bedarf an (Plattenbaugebiet Erfurter Norden, Diakonie, Jugend). Das Förderprogramm hat dieses Thema nicht aufgriffen. Der Netzwerkgedanke steht derzeit im Zentrum ekklesiologischer Debatten im Sinne von Verknüpfung und Intensivierung von schon Bestehendem.

Die Frage der Räumlichkeiten und der lokalen Verortung erweist sich bei allen Projekten als wichtig. Das Jesus-Projekt im Erfurter Norden baut ein Stadtteilzentrum für seine Arbeit, bei Jumpers und beim Pixel-Sozialwerk geht es um Räume für die Arbeit mit Kindern. Andere Initiativen greifen auf bestehende Räume zurück (Sempers, Netzwerk-Initiativen). Selbst die Bahnhofsmission-Initiative baut mit Hilfe der Bahn einen ­Pavillon für ihre Arbeit.

Für die erfolgreiche Absolvierung des Antragsprozesses braucht es Energie und Kompetenz. So fließt Fördergeld dorthin, wo viel Initiative ist. Allein in Erfurt gibt es im Jahr 2020 acht geförderte Projekte. Die Initiativen, die nicht erfolgreich waren, haben in der Regel keine neuen Versuche gestartet.

 

Implizites Gemeindebild?

Das Förderprogramm will die Erprobung „anderer Sozialformen“ von Kirche und „ergänzende Gemeindeformen“ an besonderen Orten, Räumen und mit „besonderen“ Personen fördern. In Erfurt wurden keine Projekte ins Leben gerufen, die allein auf die Initiative des Förderprogramms zurückgehen. Kirchliche Akteure entwickeln Projektideen, in dem sie Bedarfe, Chancen und Begabungen sehen und passende Formate entwickeln. Dazu suchen sie konzeptionelle, personelle und finanzielle Unterstützung, u.a. auch bei dem Erprobungsraumprogramm.

Das Programm hat in Erfurt Akzente bei den freikirchlich orientierten sozial-missionarischen Initiativen gesetzt. Die meisten „anderen“ Personen werden in Erfurt täglich durch 20 Kindertagesstätten in evangelischer Trägerschaft (ca. 4500 direkte bzw. indirekte Kontakte) und durch niederschwellige diakonische Arbeit erreicht. Hier ist nach einem impliziten Gemeindebild des Förderprogramms zu fragen. Wünschenswert wären eine größere Weite im Blick auf die geförderten anderen Sozialformen (Netzwerkarbeit, diakonische Initiativen, Fördervereine) und die gezielte Förderung des geistlichen Profils dieser Arbeit.

Während der Laufzeit des Förderprogramms hat sich die anfänglich strikte Abgrenzung gegenüber der Parochie relativiert. Parochien können innovativ sein, neue Formen des Miteinanders leben, zielgruppenorientiert und parochiale Grenzen überwindend arbeiten. Fraglich ist die Gegenüberstellung von Volkskirche hier und alternativen Formen von Kirche da. „Andere“ Sozialformen von Kirche hat es in der Kirche immer gegeben und gibt es heute (Beispiele in Erfurt: Evang. Stadtmission, Arbeitsbereich „Offene Arbeit“, Evangelische Schulen).

 

Wie geht es weiter?

Zunächst bleibt abzuwarten, wie die geförderten Projekte nach Auslaufen der Förderung weitermachen. Das Programm hat sich nur als Mitfinanzier von Projekte verstanden. Für die Erfurter Projekte erwarten wir, dass sie größtenteils weiterlaufen. Andere Landeskirchen wie z.B. die Evang. Kirche im Rheinland2 zeigten sich überaus interessiert an diesem Förderprogramm und haben ähnliche Programme aufgelegt.

Als fragwürdig erleben wir in Erfurt eine deutliche Affinität des Programms zu evangelikalen Strömungen. Hier scheint eine Präferenz zu bestimmter Frömmigkeit und bestimmter Gemeindeform zu Grunde zu liegen. Das Programm erhebt den Anspruch, die Zukunft von evangelischer Kirche zu gestalten und eine Landeskirche umzubauen. Dieser Anspruch ist zu hoch gegriffen und wird der gegenwärtigen und zukünftigen Vielfalt unserer Kirche nicht gerecht.3

Das Programm hat gezeigt, dass parochiale Strukturen lebendig, zielgruppenorientiert und innovativ sein können – ein spannender Effekt. Und es wurde auch deutlich, wie breit unsere Kirche strukturell und spirituell aufgestellt ist und wirkt. Diese Breite gilt es wahrzunehmen, zu fördern und sinnvoll zu entwickeln.

 

Anmerkungen

1 Ders.: „Erprobungsräume“. Der Umbau der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, DPfBl 2/2018, 74-77. Vgl. dazu aktuelle Informationen unter https://www.ekmd.de/kirche/themenfelder/erprobungsraeume.html.

2 https://erprobungsraeume.de/. Vgl. auch die entsprechende Homepage der Lippischen Landeskirche https://www.erprobungsraeume-lippe.de/.

3 Zum Thema Zukunft der Kirche siehe den Vortrag von Senior Matthias Rein vom 19.9.2020 unter: https://www.kirchenkreis-erfurt.de/asset/IC_ehjUiSGa0AJssyVC37g/vortrag-regler-20-september.pdf?ts=1600503014623.

 

Matthias Rein


 

Über die Autorin / den Autor:

Senior (Superintendent) Dr. Matthias Rein, Jahrgang 1964, 1985-1990 Studium der Evang. Theologie an der Universität Halle, 1990 Promotion und Vikariat, anschließend Gemeindepastor in Mecklenburg, danach Studienleiter und Rektor am Theol. Studienseminar der VELKD in Pullach, seit 2012 Senior (Superintendent) des Evang. Kirchen­kreises Erfurt.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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