Die beiden Artikel von Prof. Gerald Kretzschmar und Jakob Guhl waren Teil einer Online-Tagung der „Fuldaer Runde“ des Verbands evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer zum Thema „Kirche und Digitalisierung“ am 15. und 16. Januar 2021. Noch ein weiterer Vortrag wurde dort präsentiert und diskutiert. Thomas Jakubowski hat die Diskussionsbeiträge zusammengefasst.

 

In einem dritten Vortrag (neben den hier publizierten von Prof. Gerald Kretzschmar und Jakob Guhl) referierte Felix Kirschbacher, Studienleiter der Evang. Akademie Landau und seit 2021 Pressesprecher der Evang. Kirche der Pfalz, zum Thema „Digitale Kirche konkret: Umsetzungen, Probleme, Chancen“. Dabei hat er vor allem konkrete Beispiele analysiert: gestreamte Gottesdienste, Facebook-Andachten oder Predigt-Podcasts. Die „digitale Kirche“ scheint plötzlich greifbar und etabliert zu sein. Auswertungen von Nutzungsdaten führen zu euphorischen Reaktionen bei Digitalverfechter*innen.

In den Nachgesprächen zu den Vorträgen und in der Abschlussdiskussion wurden von den Mitgliedern der „Fuldaer Runde“ die nachfolgenden Themen angesprochen. (Die „Fuldaer Runde“ setzt sich zusammen aus den Vorsitzenden der Pfarrvertretungen, aus den Vorsitzenden der Pfarrvereine und dem Vorstand des Verbandes der evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland)

 

Digitale Gottesdienste und Online-Seelsorge

Im Bereich Gottesdienst zeigen sich die Probleme und Schwierigkeiten des digitalen Wandels. Grundsätzlich wurde festgehalten, dass alle Menschen, die Gottesdienste gut finden, auch offen sind für unterschiedliche Formate. Die Akzeptanz von digitaler Verkündigung ist keine Frage von Jung und Alt. Trotzdem wird beklagt, dass es keine „wahre Andacht“ im digitalen Bereich gäbe. Die Durchführung von digitalen Angeboten erfolgt mit einem sehr hohen Aufwand. Festgehalten wird, dass Gottesdienste auch im Wechsel digital und analog stattfinden können und dass es eine hohe Akzeptanz und weite Erreichbarkeit durch digitale und hybride Formen gibt. Digitale Gottesdienste werden als eine neue Aufgabenstellung und als zusätzliche Belastung des Pfarrdienstes angesehen.

Die Seelsorge im Unterschied zur Verkündigung braucht den direkten Kontakt zu Menschen. Die biblische Botschaft besteht auch darin, dass Menschen begleitet werden. Kirche ist für die Menschen da, und der Mensch ist nicht nur ein Missions­objekt. Dies muss auch bei digitalen Formaten ­bedacht sein.

 

Pfarrdienst und Dienstrecht

Im Pfarrdienst werden die Vorteile von digitalen Formen (effektiver, günstiger, zeitsparender, konzentrierter) mit der Gefahr von Einsparungen gesehen. Die digitale Kompetenz ist kein privates Hobby, sondern ein Hinweis auf den Wandel im Pfarrberuf: Digitale Kompetenz gehört als Teilaspekt neu dazu, aber klar ist, dass nicht alle alles machen müssen bzw. machen können.

Dienstrechtliche und datenschutzrechtliche Themen müssen geklärt werden. Der Qualitätsstandard, die Aus- und Weiterbildung und vor allem der Auftrag zur weiterreichenden digitalen Verkündigung brauchen eine kirchengesetzliche Grundlage. In einer digitalen Kirche kann ortsübergreifend gearbeitet werden. Dies verändert das Amt und fördert die Konkurrenz im Pfarrdienst.

 

Digitale Kirche

Kirche ereignet sich im digitalen Raum, nicht nur durch Videos von Gottesdiensten. Öffentlichkeitsarbeit und Verkündigung wird pluraler aufgrund der Vielzahl der Akteure! Eine digitale Aktion ist autonom und wird oft auch auf Dauer gespeichert. Daher wird Struktur und Kontrolle durch die Kirchenleitung nötig sein. Digital bedeutet Dialog im Gegensatz zu Printmedien mit einer gedruckten Deutungshoheit, insbesondere bei kirchlichen Verlautbarungen.

Digitale Treffen sind natürlich besser als gar kein Kontakt: Aber die Stärken der Kirche liegt im Analogen und im Sinnlichen (sehen, riechen, hören fühlen). Es wird nötig sein, am Kirchenbild zu ­arbeiten. Die Gefahr der digitalen Kirche besteht dabei darin, dass die Angebote der Kirche im Netz als „happy goes lucky“ verkauft und propagiert werden. Leid, Schuld und Erlösung werden negiert.

Weitere Sorgen im Umgang mit den digitalen Medien in der Kirche: Beschäftigt sich die Kirche nur mit sich selbst? Ist Kirche noch für andere da?

 

Umgang mit Pluralität

Eine große Gefahr ist der Umgang mit Pluralität im digitalen Raum, insbesondere in den Sozialen Medien. Es werden Gruppen gebildet, die sich über Meinungen und Positionen finden und dadurch exklusiv werden. Eine wachsende Bedeutung von Sozialen Medien für die Meinungsbildung zeichnet sich ab. Es ist nun leichter, „hatespeech“ zu veröffentlichen. Allerdings wurde darauf hingewiesen, dass es Diffamierung in Leserbriefen und anonyme Schreiben schon immer gab. So wurden folgende Fragen gestellt: Muss man sich auf Plattformen bewegen, wo man beleidigt werden kann? Braucht es Facebook? Unterstützt die mögliche Anonymität im digitalen Raum aggressive und polemische Formen der Auseinandersetzungen?

Es wurde darauf hingewiesen, dass es eine Übersättigung durch digitale Angebote gibt und die Informationsflut viele Menschen überfordert. Dies führt zu dem Gefühl abgehängt zu sein. Digitale Kompetenzen und Möglichkeiten sind wichtig, aber auch kostspielig (Endgeräte/Verbindungen). Auch Menschen ohne digitalen Zugang sollten durch kirchliche Mitarbeitende begleitet, unterstützt und betreut werden. Es gibt auch Menschen in der Kirche und Gesellschaft, die sich jeglichen technischen Möglichkeiten der Kommunikation verweigern.

In der Diskussion wurde sehr häufig auf die sog. „Netikette“ (Etikette im Internet) hingewiesen, also die Umgangsform in sozialen und digitalen Medien. Zwei Gefahren werden identifiziert: Aktivitäten und Klickzahlen werden wichtiger als Mehrheiten oder wissenschaftliche Standpunkte und theologische Überzeugungen. Diskurse werden unwichtiger gegenüber einzelnen Influencern.

 

Arbeitsschutz

Unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsschutzes wurden die Chancen und die Risiken angesprochen und folgende Fragen gestellt: Wie sieht es aus mit dem Datenschutz und der Vertraulichkeit bei Videokonferenzen? Kann es einen Zwang zur Teilnahme an Videokonferenzen geben? Wird der Arbeitsschutz bei Telearbeitsplätzen und bei dem sog. Homeoffice beachtet? Gibt es eine Gefährdungsbeurteilung aufgrund der neuen Arbeitssituation?

Insbesondere der Hinweis auf Überlastung des Pfarrdienstes durch Mehrarbeit im digitalen Bereich zu Lasten von Gottesdiensten in kleinen Orten wurde mehrfach erwähnt. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer plädieren für einen Schutz vor Selbstausbeutung.

Auch im Pfarrdienst wurde eine Verrohung der Umgangsformen untereinander festgestellt, die mit Überforderung aufgrund des digitalen Wandels begründet wurde. Die psychische Belastung durch ständige digitale Erreichbarkeit ist ein neues Thema des Arbeitsschutzes und bedarf einer Regelung. Es wird auch auf Angebote der Stabsstelle Digitalität der EKD hingewiesen. Diese Stelle bietet unter anderem Sprechstunden an.

 

Fazit

Als Fazit wird festgehalten, dass im digitalen Bereich an guten Beispielen gelernt werden kann. Es entstehen neue Kommunikationswege ohne Moderation. Und es wird Mut gemacht, etwas Neues auszuprobieren.

 

Empfohlene Literatur

Ilona Nord: Realitäten des Glaubens. Zur virtuellen Dimension christlicher Religiosität, Berlin 2008

Gerald Kretzschmar: Digitale Kirche, Leipzig 2019

Friedhelm Meier/Sandra Fernau: Smart Church mit analogen Ankern?, Speyer 2020

Wolfgang Beck/Ilona Nord/Joachim Valentin (Hrsg.): Theologie und Digitalität. Ein Kompendium; Leipzig 2021

 

Thomas Jakubowski


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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