In den zurückliegenden 100 Jahren hat die evangelische Kirche drei entscheidende Strukturveränderungen erlebt. Die dritte, ausgelöst durch den Megatrend Digitalisierung, dauert noch an. In der Reflexion auf die notwendigen Veränderungen der Kirche im Zuge dieses Wandels darf die Kirchengemeinde vor Ort nicht übersehen werden. Friedhelm Meier und Sandra Fernau stellen eine Studie aus der Pfalz hierzu vor.

 

Megatrend Digitalisierung oder: Die dritte Strukturveränderung

Das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments

„Ecclesiam habemus! Wir haben eine Kirche!“1 formuliert Otto Dibelius euphorisch im Rückblick auf das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments 1918. War bis dahin der herrschende Fürst zugleich der summus episcopos der territorialen Staatskirche, so verpflichtete die Weimarer Reichsverfassung die Kirchen dazu, sich als Körperschaften des öffentlichen Rechtes selbst eine Verfassung zu geben und die kirchenleitenden Organe neu zu formieren. Die Kirchen standen plötzlich auf eigenen Beinen und pflegen mit Unterbrechung seitdem in der „hinkenden Trennung“ eine durchaus fruchtbare Beziehung mit dem Staat.2 Aus heutiger Perspektive markiert das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments u.E. die erste von drei wesentlichen Strukturveränderungen der evangelischen Kirchen in Deutschland, welche die Kirchen in den letzten 100 Jahren erlebt ­haben.3

Kirchenaustrittsbewegung

Von dieser pointierten Strukturveränderung, die in einem einzigen politischen Ereignis gründet, unterscheidet sich u.E. eine zweite eher prozesshafte Strukturveränderung, die in der Kirchenaustrittsbewegung in den Jahren 1968 bis 1975 einen ersten Höhepunkt annahm. In diesen Jahren traten bis zu 200.000 Mitglieder aus den evangelischen Kirchen aus.4 Diese Austrittswelle unterscheidet sich von früheren Wellen wie etwa der von der politischen Linken motivierten Welle um 1918 oder der durch die repressive nationalsozialistische Kirchenpolitik der späten 1930er Jahre darin, dass die Motiv­lage nicht primär als politisch einzuordnen ist, sondern diverse Gründe hierfür vorlagen.5

Damit führt diese Austrittsbewegung den Kirchen vor Augen, dass sie aufgrund von Pluralismus und Individualisierung für größere Teile der Bevölkerung ihre „Bindekraft“ und dadurch wohl auch ihren politischen sowie gesellschaftlichen Einfluss verlieren.6 Dieser Prozess des Schwindens der Bindekraft des Christentums, im Sinne einer stetig nachlassenden Kirchenverbundenheit, hält seit den 1970er Jahren in teils stärker, teils schwächer ausgeprägter Form an. Die Studienprognose von Kirche im Umbruch, einer Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung der Universität Freiburg in Verbindung mit der EKD für das Jahr 2060 unter Einbezug aller Landeskirchen zeigt, dass dieser Trend in relativ naher Zukunft gravierende Folgen für die Kirche in der Halbierung ihrer Mitgliederzahlen anzunehmen scheint.7 Diese Entwicklung wird sowohl vor der Makrostruktur der Kirche als auch vor den Kirchengemeinden kaum halt machen, weshalb hier die Rede von einer Strukturveränderung durchaus berechtigt ist.

Megatrend Digitalisierung

Die dritte Strukturveränderung, der sich der vorliegende Artikel widmet, erleben die Kirchen gegenwärtig in der Digitalisierung. Digitalisierung gehört unbestritten zu den sog. Megatrends. Megatrends beschreiben Entwicklungen, die heute (teilweise) sichtbar sind, letztlich aber die gesamte Gesellschaft in Zukunft so verändern werden, dass durchaus von einer Dimensionierung gesprochen werden kann. Wie ist diese Dimensionierung im Fall von Digitalisierung gemeint? Die japanische Regierung hat mit ihrer Zukunftsversion „Society 5.0“ diese Dimensionierung zu beschreiben versucht. Demnach sind zukünftig analoge und digitale Welt so miteinander verschmolzen, dass die analoge Welt umfassend in einer virtuellen Welt simuliert wird. Mithilfe von Algorithmen lassen sich unüberblickbare Datenmengen analysieren (Big Data), sodass die digitale Welt Lösungsmöglichkeiten für die analoge Welt berechnet.

Nach dem Zeitalter des Jagens und Sammelns, dem Agrarzeitalter, dem Industriezeitalter und dem Informationszeitalter nähern wir uns nun dem fünften Zeitalter: dem Zeitalter der (vollständigen) Verschmelzung von analogem und digitalem Raum.8 Ziel dieser Verschmelzung ist die Steigerung von Lebensqualität anhand des Leitkriteriums der Humanität.9 Entscheidend ist in unserem Zusammenhang, dass Digitalisierung unter den Megatrends nochmals hervorsticht, denn Digitalisierung dimensioniert nicht einfach die Gesellschaft, sondern Kommunikation überhaupt. So werden andere Megatrends, von Globalisierung über Urbanisierung hin zu Mobilität, ihrerseits durch Digitalisierungsprozesse dimensioniert. Da aber Digitalisierung letztlich die Kommunikation selbst dimensioniert, kann Digitalisierung wohl mit Fug und Recht als dritte der großen Strukturveränderung der Kirchen angesehen werden, welche die Kirche in den letzten 100 Jahren durchlebt hat bzw. durchlebt.

 

Kirche und Digitalisierung

Nun widmen sich Kirchen und die theologische Wissenschaft der Digitalisierung nicht erst seit dem weltweiten Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020.10 Es sind zahlreiche Stellungnahmen von Kirchenleitungen sowie unterschiedliche wissenschaftliche Studien zu Digitalisierung und Kirche im weiten Sinn entstanden. Bemerkenswert ist aber, dass Kirchen im Sinne der Makrostruktur sowie die theologische Wissenschaft eher von der Perspektive der Kirchengemeinde vor Ort abstrahieren. Folgende Schlaglichter bezeugen dies:

Abkehr vom Parochialprinzip

Wie zuletzt am Zukunftspapier des Zukunftsteams der EKD deutlich wurde, werden kirchliche Strukturen von und auf einer Makroebene so gedacht, dass für die Parochie höchstens ein Abgesang übrigbleibt. Inwiefern eine Abkehr vom Parochialprinzip möglich oder gar sinnig ist, diskutierte das Papier nicht eigens; die Debatte danach umso stärker.

Was für die Pfarrerinnen11 vor Ort daran sicher schmerzlich ist, scheint zu sein, dass die Makrostruktur „Kirche“ sich anheischig macht, die Zukunft der Kirche zu planen, ohne die Perspektive der Kirchengemeinde vor Ort konkret in den Blick zu nehmen.12 Dient eine solche Perspektivierung nicht v.a. der Makrostruktur der Kirche, ihrem politischen und gesellschaftlichen Einfluss und vielleicht auch ihres Selbsterhaltungstriebes? Die Stärke einer solchen Perspektive liegt vielleicht in der experimentellen Lust, eben digitale und analoge Vergemeinschaftungsformen nebeneinanderzustellen, ohne dabei eine Wertung zugunsten des einen oder anderen vorzunehmen. Eine solche Perspektive öffnet sicher den Raum für digitale Projekte von Vergemeinschaftungsformen; der Mangel der Kirchengemeindeperspektive ist aber problematisch.13

Abstraktion von der Kirchengemeinde vor Ort

Komplementär dazu stehen die wissenschaftlichen Reflexionen zu Digitalisierung. In der Regel abstrahieren Untersuchungen von der Kirchengemeinde und orientieren sich an der Digitalisierung als medialem Phänomen für die Kirche in einem allgemeinen Sinn; oder man fokussiert bestimmte Bereiche wie bspw. Seelsorge, Frömmigkeits- oder Verkündigungspraktiken in der digitalen Welt.14

Selbstredend können Erkenntnisse in diesen Bereichen bspw. auch für die pfarrdienstlichen Tätigkeiten vor Ort gewonnen werden. Zudem kann eine solche Fokussierung durchaus auch sachgerecht begründet werden. Eine Fokussierung auf die Ortskirchengemeinde bzw. Regionalkirche kann nämlich als problematisch zurückgewiesen werden, da Digitalisierung und Globalisierung per se eine weltweite Dimension implizieren.15

Dem ist sicher zuzustimmen. Doch auch wenn Digitalisierung global wirkt, stellt sich die Frage, inwiefern sich Digitalisierungsprozesse konkret auf die Kirchengemeinde vor Ort und den pfarrdienstlichen Alltag auswirken. Diese Frage scheint umso drängender, da gerade die Frage nach der Entwicklung der Kirche, aber auch der Fakultäten sowie des Pfarrberufsbildes durchaus auf der Tagesordnung stehen.16 Es stellt sich dem Beobachter allerdings die Frage, inwiefern Theologie als Professionswissenschaft über Studienordnungen, Pfarrberufsbild sowie Fakultätsstrukturen sinnig diskutieren kann, wenn die Auswirkungen der Digitalisierung auf die pfarrdienstlichen Tätigkeiten vor Ort und die Kirchengemeinden nicht eigens reflektiert werden.

Schließlich ist es doch so, dass digitale Datenverarbeitung bereits seit Jahrzehnten in den Pfarrhäusern genutzt wird, angefangen beim e-Mailverkehr über Office-Anwendungen bis hin zu Smart Apps für Läutewerk oder für die Sprinkleranlage des Kirchengeländes. Die vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten digitaler Tools ermöglichen darum auch den Einsatz in allen kirchlichen Handlungsfeldern; von der Verwaltung über die Verkündigung bis zur Seelsorge kann digital agiert werden. Pfarrdienst ohne digitale Medien ist heute und erst recht inmitten einer Pandemie schwerlich vorstellbar. Darüber hinaus werden digitale Tools den Pfarrdienst in Zukunft zunehmend prägen, was wohl unweigerlich mit einer Umstrukturierung der Kirche vor Ort verbunden sein wird. Es stellen sich Fragen bzgl. neuer Vergemeinschaftungsformen, der Rolle von smarten Assistenten im „Betrieb Kirchengemeinde“ sowie dem Einfluss von KI auf die inhaltliche Arbeit von Pfarrpersonen.

All dies zeugt davon, dass die Perspektive der Kirchengemeinden vor Ort und somit die Perspektive von Pfarrpersonen und Ehrenamtlichen ein Desiderat wissenschaftlicher Reflexionen darstellt.17 Fragen zur Entwicklung der Kirche, des Pfarrberufsbildes und der Fakultätsstrukturen können angesichts von Mitgliederschwund inmitten der Verschmelzung der Welten u.E. aber nur dann adäquat perspektiviert sein, wenn sie die basale Gemeindestruktur nicht übersehen, sondern integrieren.

 

Sozialwissenschaftlicher Zugriff

Damit nun aber nicht von einer konkreten Ortssituation unmittelbar auf allgemeine Strukturen geschlossen wird, ist die Perspektive von Kirchengemeinden unter Rückgriff auf sozialwissenschaftliche Methoden zu erheben und zu analysieren. Aus diesem Grund hat die Gemeindeberatung der Evang. Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) eine Interviewstudie durchgeführt.18 Hier ist zu betonen, dass die Studie einerseits Fragen verhandelt, die sich unabhängig vom pfälzischen Kontext auch in den übrigen Landeskirchen stellen, und andererseits mit dem Gedankenexperiment einer Kirche inmitten der Verschmelzung der Welten vom pfälzischen Kontext abstrahiert, sodass die Ergebnisse der Studie auch für andere landeskirchliche Kontexte bedenkenswert sind.

Eine Interviewstudie aus der Pfalz

Methodisch orientiert sich die Studie bei der Datener­hebung am qualitativen, leitfadengestützten Experteninterview,19 bei der Datenauswertung am Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse.20 Insgesamt wurden 19 Pfarrerinnen und Pfarrer interviewt. Diese Berufsgruppe wurde deshalb gewählt, da Pfarrerinnen innerhalb der Gemeinde eine „Türsteherfunktion“ innehaben. So eröffnen Pfarrerinnen den Zugang zu bestimmten Gemeindediensten oder auch zu Räumen innerhalb der Gemeinde. Sie erfüllen diese Türsteherfunktion mithilfe eines Spezialwissens, das theologische, organisatorische oder auch betriebswirtschaftliche Kompetenzen umfasst.

Selbstredend ist die Perspektive der Pfarrpersonen nicht mit der Perspektive der Kirchengemeinden engzuführen. Es wäre darum wünschenswert, wenn die Studie „Smart Church mit analogen Ankern?“ Ergänzung in weiteren Studien findet, welche etwa die Perspektive der Ehrenamtlichen genauer untersuchen.

Ziel dieser Interviewstudie war es, über eine lose Zusammenstellung von Informationen hinauszugehen und das spezifische Rollen- und Erfahrungswissen der Expertinnen mit Blick auf die Forschungsfrage nach „Kirchen­(gemeinde) und Digitalisierung“ zu erheben. Primär ging es darum zu eruieren, welche digitalen Tools Pfarrerinnen anwenden und welche Chancen und Grenzen sie in der Digitalisierung für Kirchengemeinden ­sowie für die Landeskirche erkennen. Dabei wurden ­folgende Handlungsfelder pfarrdienstlicher Arbeit fokussiert: 1. Öffentlichkeitsarbeit, 2. Verkündigung, 3. Gemeindeaufbau, 4. Gemeindeleitung, 5. Kon­fir­man­den­arbeit sowie 6. Verwaltung. Im Interview wurden dabei je die Ebenen von Gemeinde und Landeskirche adressiert.

 

Veranschaulichung: Digitaler Gemeindeaufbau

Zur Veranschaulichung wollen wir im Folgenden die Frage nach dem digitalen Gemeindeaufbau aus der Studie herausgreifen, da an diesem Handlungsfeld Chancen und Grenzen digitaler Arbeit exemplarisch deutlich werden. Dabei ist zunächst zu konstatieren, dass das Thema Gemeindeaufbau auch unabhängig von der Digitalisierung kontrovers verhandelt wird. Schon die Begriffswahl zur Beschreibung des Handlungsfeldes kommt einem status confessionis gleich, denn Oikodomik, Gemeindeaufbau, Kybernetik oder Kirchentheorie implizieren einen spezifischen Zugang zu dieser Fragestellung. Im Folgenden halten wir an dem Begriff Gemeinde­auf­bau fest, wie ihn Ralph Kunz beschreibt: „Gemeindeaufbau beschäftigt sich einerseits mit dem Prozess und andererseits mit dem theologischen Prinzip und geistlichen Profil der Gemeinschaftsbildung“21. Der Gemeindeaufbau reflektiert also über kirchliche Gemeinschaftsbildung im Allgemeinen und betrachtet vor diesem Hintergrund die konkrete Gemeindesituation sowie die praktischen Möglichkeiten vor Ort im Besonderen. Indem der Gemeindeaufbau beide Ebenen miteinander ins Gespräch bringt, soll das Entwicklungspotential der Gemeinschaftsbildung durch dauerhafte Strukturen oder zeitlich begrenzte Projekte gesichtet werden.22

Digitale Medien als Chance für Gemeindeaufbau?

In der Studie stellte sich die Frage, inwiefern digitale Medien spezifisches Potential für den Gemeindeaufbau eröffnen. Viele der Interviewpartnerinnen begreifen digitale Medien als Chance für den Gemeindeaufbau, wie beispielhaft das nachstehende Zitat veranschaulicht: „Wir erreichen über digitale Medien […] tatsächlich nochmal Menschen, die sich von Kirche eigentlich schon sehr weit abgewandt haben, weil wir sie nämlich in ihren Kommunikationsräumen aufsuchen.“ ­(DigiKa9d)

Bemerkenswert an dieser Aussage ist, dass zumindest bestimmte digitale Medien von DigiKa9d der Geh-Struktur pastoraldienstlicher Tätigkeiten zugeordnet werden. Die Formulierung „in ihren Kommunikationsräumen“ zeigt, dass DigiKa9d davon ausgeht, digitale Kommunikationsräume von Kirchendistanzierten seien der Kirche äußerliche Räume, die Pfarrerinnen „aufsuchen“ können. Auf diese Weise kann es gelingen, von der Kirche abgewandte Personen (wieder) anzusprechen und sie ggf. für die Kirchengemeindearbeit zu motivieren.

Dass die Kommunikation mit Kirchendistanzierten nicht immer adäquat erscheint, moniert dieser Interviewte: „Uns fehlt der Mut, den Bildzeitungsleser irgendwie an Land zu kriegen. […] Jedes Angebot, das wir machen […] hat immer so ein bisschen den … Staub von ‚Das ist schon Kirche‘ und man merkt es schon. Also da riecht auch ein digitales Angebot nach Gemeindehaus.“ ­(DigiKa2z)

Die mangelnde Adressatenorientierung führt DigiKa2z im weiteren Gespräch insbesondere auf das Alter der Akteure zurück. Die Studie zeigt jedoch, dass nicht das Alter, sondern die (mediale) Kompetenz entscheidend zur Gestaltung digitaler Angebote ist.

Rückbindung der digitalen Arbeit an die Gemeindestruktur

Doch was ist der Maßstab, dass ein digitales Angebot als „gelungen“ bezeichnet werden kann? Für viele Interviewpartner bleibt die analoge Begegnung tatsächlich das entscheidende Kriterium. Es ist darum kaum verwunderlich, dass die durchaus visionäre Perspektive, durch digitale Medien Kirchendistanzierte zu erreichen, mit dem Konzept des missionarischen Gemeindeaufbaus verbunden wird:23 „Ja, ich glaube, dass das eine Form ist für missionarischen Gemeindeaufbau, dass man auch andere Zielgruppen kriegt wie die Kerngemeinde. […] Ich erlebe das jetzt bei mir. Über die Jahre habe ich einen relativ großen Freundeskreis bei Facebook […] und da sind auch aus anderen Bezügen meines Alltags Leute dabei, sei es zum Beispiel beim Fußballverein […; Vf.], da habe ich Leute, die bei mir bei Facebook sind und die dann zum Beispiel auf ein Gebet reagieren. Ja, die ich nicht über die Kirche kenne. Und das freut mich dann, wenn ich da merk, da kommt was bei denen auch religiös zum Schwingen.“ (DigiKa16e)

Aus dem Interview ist leider nicht zu schließen, inwiefern der Kontakt zu Kirchendistanzierten sporadisch ist, ob der Kontakt dazu führt, dass Kirchendistanzierte an Gemeindeveranstaltungen teilnehmen, oder ob sich durch den Kontakt ein Zugehörigkeitsgefühl zur Kirchengemeinde bei den Kirchendistanzierten einstellt. Diese Fragen wären insofern nicht unerheblich, da mit dem Konzept des missionarischen Gemeindeaufbaus wohl eine Rückbindung an die analoge Gemeinde verbunden sein müsste. Bedenkenswert ist dabei die Beobachtung, dass viele Interviewpartner*innen, die im digitalen Gemeindeaufbau eine Chance sehen, Kirchendistanzierte für die analoge Gemeindearbeit vor Ort zu gewinnen, keine Strategie und kaum konkrete Beispiele von Projekten oder Gruppen benennen, die dieses Ziel zu realisieren suchen. Nun könnte man einerseits meinen, die Interviewten sehen zwar theoretisch ein Potenzial im digitalen Gemeindeaufbau, um Kirchendistanzierte anzusprechen, nutzen, aus welchen Gründen aber auch immer, dieses Potenzial praktisch (noch) nicht. Andererseits könnte man aber auch fragen, inwiefern digitale Kontaktmöglichkeiten überhaupt dazu taugen, Menschen für die Gemeindearbeit vor Ort zu gewinnen.

Mit Blick auf die derzeitige Situation zeigt die Studie, dass digitaler Gemeindeaufbau weder eine Konzeption impliziert noch bestimmte reflektierte Strategien umfasst, sondern allenfalls vorhandene Gemeindeaufbaukonzepte wie etwa den missionarischen Gemeindeaufbau dimensioniert. Die Rückbindung der digitalen Arbeit an die Gemeindestruktur ist dabei insofern handlungsleitend für die Interviewpartnerinnen, weil „analoge Anker“ – wie ein Interviewpartner betonte – letztlich die Orientierung für die digitalen Tätigkeiten in der Gemeindearbeit leisten. D.h. digitale Arbeit von Gemeindepfarrern ist weitgehend an die analoge Arbeit gekoppelt.

An dieser Stelle brechen wir den Rekurs auf ein Handlungsfeld, das die Studie reflektiert, ab. Vor dem Hintergrund der Analyse der Handlungsfelder entwickelt die Studie das Zukunftsszenario „Smart Church mit analogen Ankern?“, das die Kirchengemeinde inmitten der Verschmelzung der Welten (Society 5.0) zu denken sucht, um die Frage aufzuwerfen, wie Kirche und Kirchengemeinden einerseits die Chancen der Digitalisierung nutzen und andererseits ihrem Wesen und Inhalt gerecht werden kann.

 

Fazit: Welche Kirche wollen wir?

„Wir haben eine Kirche“, rief Dibelius. Heute stellen sich nicht im Rückblick auf das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments, sondern in der Vorausschau auf Digitalisierung und Mitgliederschwund die Fragen: Welche Kirche entwickelt sich? Welche Kirche wollen wir? Diese Fragen, die in den Diskursen derzeit zu heuristischen Leitfragen avancieren, sind nicht monoperspektivisch zu klären. Zur Beantwortung dieser Fragen ist eine starke Perspektivierung der Kirchengemeindekultur sowie ihrer Entwicklungsmöglichkeiten inmitten der Digitalisierung dringend notwendig. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen können Brücken zwischen den oft aufklaffenden Fronten von theologischem und organisationstheoretisch-ökonomischem Denken sowie zwischen zentralen Kirchenleitungsstrukturen und dezentralen Kirchengemeindestrukturen schlagen. Die Studie „Smart Church mit analogen Ankern?“, welche die Perspektiven von Pfarrerinnen einzuholen sucht, versteht sich in dieser Debatte als ergänzungsbedürftige Perspektivierung.

 

Anmerkungen

1 Otto Dibelius, Das Jahrhundert der Kirche, Berlin 1927, hier 77.

2 Diese Aussage gilt selbstredend nur unter Absehung von dem Versuch der Bildung einer Reichskirche durch die Nationalsozialisten. Da die Reichskirche nach 1945 aufgelöst wurde, fällt sie auch nicht unter die bleibende Strukturveränderung, wie wir sie hier verstehen.

3 Das Zusammenwachsen der evangelischen Kirchen in Deutschland durch die Wiedervereinigung stellt selbstredend einen enormen Einschnitt dar. Allerdings wollen wir es hier nicht im engeren Sinn als nachhaltige Strukturveränderung deuten, da es sich um eine Ausweitung einer gegebenen Struktur handelt. Wollte man nämlich solche Strukturveränderungen hinzunehmen, so müsste man auch die Gebietsabtretungen nach den Weltkriegen als solche eigens anführen.

4 Joachim Eicken/Ansgar Schmitz-Veltin: Die Entwicklung der Kirchenmitglieder in Deutschland. Statistische Anmerkungen zu Umfang und Ursachen des Mitgliederrückgangs in den beiden christlichen Volkskirchen, in: Wirtschaft und Statistik 6/2010, 580, https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2010/06/entwicklung-kirchenmitglieder-062010.pdf?__blob=publicationFile; zuletzt aufgerufen am 30.01.2021.

5 Vgl. Detlef Pollack, Art. „Kirchenaustritt I. Historisch und soziologisch“, in: RGG4, Sp. 1053-56.

6 Vgl. Kirchen in der säkularisierten Welt (IV), in: Materialdienst. Längsschnitt durch die geistigen Strömungen und Fragen der Gegenwart 34/19 (1971), 221f.

7 Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Kirche im Umbruch. Zwischen demografischem Wandel und nachlassender Kirchenverbundenheit Eine langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens der Universität Freiburg in Verbindung mit der EKD, auf: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Kirche-im-Umbruch-2019.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.01.2021.

8 Siehe dazu Government of Japan (Cabinet Office), Society 5.0, https://www8.cao.go.jp/cstp/english/society5_0/index.html, zuletzt aufgerufen am 30.01.2021.

9 Vgl. Atsushi Deguchi/Chiaki Hirai/Hideyuki Matsuoka et al, What Is Society 5.0? in: Hitachi-UTokyo Laboratory (Hg.), Society 5.0. A People-centric Super-smart Society, Singapur 2020, 1-23, hier 2, https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-981-15-2989-4, zuletzt aufgerufen am 30.01.2021.

10 Theologische Wissenschaft wird hier im Sinne Schleiermachers als positive Wissenschaft verstanden, welche kirchenleitendes Handeln im umfassenden Sinn reflektiert und ermöglicht. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen (1830). Zweite umgearbeitete Ausgabe, in: KGA I.6, hg. D. Schmid, Berlin/New York 1998, 317-446, § 1f.

11 Auf eine geschlechterspezifische Differenzierung wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für alle Geschlechter.

12 Vgl. bspw. Reiner Anselm, Die elf Leitsätze „Kirche auf gutem Grund“ negieren die evangelische Mentalität (Sonntagsblatt 360° evangelisch, https://www.sonntagsblatt.de/artikel/reiner-anselm-leits%C3%A4tze-kritik-kirche-auf-gutem-grund-ekd-theologie, zuletzt aufgerufen am 30.01.2021)

13 Dem stimmen auch diejenigen zu, die dem visionären Charakter des Papiers viel Positives abgewinnen können: Arnulf von Scheliha, Endlich die Wagenburg öffnen. Ein theologischer Kommentar zu „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ (https://zeitzeichen.net/node/8529, zuletzt aufgerufen am 30.01.2021).

14 Vgl. bspw. Ramona Vauseweh, Onlineseelsorge: Zur Präsentation von Seelsorge- und Beratungsangeboten im World Wide Web, Erlangen 2007; Anna-Katharina Lienau, Gebete im Internet: Eine praktisch-theologische Untersuchung, Erlangen 2009; Anna-Katharina Lienau, Kommunikation des Evangeliums in social media, ZThK 117 (2020), 489-522; Kirstin Merle, Religion in der Öffentlichkeit. Digitalisierung als Herausforderung für kirchliche Kommunikationsstrukturen (Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs 22), Berlin 2019.

15 Vgl. Christian Grethlein, Kommunikation des Evangeliums in der digitalisierten Gesellschaft. Kirchentheoretische Überlegungen, in: ThlZ 06/2015, hier: https://www-thlz-com.ubproxy.ub.uni-heidelberg.de/artikel/18015/?recherche=%26o%3Da%26titel%3DKommunikation%2Bdes%2BEvangeliums%2Bin%2Bder%2Bdigitalisierten%2BGesellschaft%26s%3D1%23r1; zuletzt aufgerufen am 30.01.2021.

16 Man denke an den Streit um die Berliner „Fakultät der Theologie“. Vgl. bspw. Ingolf U. Dalferth, Auf dem Weg zur Abschaffung, in: FAZ 103 vom 4. Mai 2017.

17 Die Momentaufnahme von Gerald Kretzschmar (Digitale Kirche. Momentaufnahmen und Impulse, Leipzig 2019) bildet eine Ausnahme. Allerdings schmälert das sehr kleine Sample, das lediglich aus drei Interviews mit Pfarrern besteht, die Aussagekraft der Studie.

18 Vgl. Friedhelm Meier/Sandra Fernau, Smart Church mit analogen Ankern? Eine Studie zur Digitalisierung in Kirche und Kirchengemeinden aus der Perspektive evangelischer Pfarrpersonen, Speyer 2020.

19 Vgl. Michael Meuser/Ulrike Nagel, ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion, in: Alexander Bogner/Beate Littig/Wolfgang Menz (Hg.), Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung. Wiesbaden 2005, 71-94.

20 Vgl. Phillipp Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse, Weinheim 22015.

21 Ralph Kunz, Gemeindeaufbau, in: Ders./Thomas Schlag (Hg.): Handbuch für Kirche und Gemeindeentwicklung, Neukirchen-Vluyn 2014, 269-277, hier 269.

22 Die ortsspezifischen Gegebenheiten verweisen selbstredend die wissenschaftliche Reflexion über Gemeindeaufbau auf eine heuristische Metaebene.

23 Vgl. Michael Herbst, Missionarischer Gemeindeaufbau in der Volkskirche (Beiträge zur Evangelisation und Gemeindeentwicklung 8), Neukirchen-Vluyn 42010.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Friedhelm Meier, Pfarrer der pfälzischen Landeskirche, derzeit als Postdoktorand am Lehrstuhl für Syst. Theologie II (Ethik) der ­Universität Tübingen.

 

Dr. Sandra Fernau, Soziologin, derzeit am ­Dezernat für Forschung an der Universität Heidelberg in der Beratung und Projektadministration; zahlreiche Beiträge im Bereich der Religions­soziologie, der Science and Technology Studies sowie der qualitativen Sozialforschung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

3 Kommentare zu diesem Artikel
17.05.2021 Ein Kommentar von Dang Mir fällt auf, dass im 2. Abschnitt die Situation der Kirche in der DDR nicht erwähnt wird, als hätten diese 40 Jahre atheistischer Propaganda nicht existiert. Nach der Wende haben mindestens 2 Millionen ehemalige DDR-Bürger in den alten Bundesländern Arbeit gefunden. Das hat sich mit Sicherheit auch auf die Statistik der Kirchenmitgliedschaft ausgewirkt, wie umgekehrt manche Kirchengemeinde in den NBL vom Zuzug derer aus den ABL profitiert hat.
18.05.2021 Ein Kommentar von Friedhelm Meier Reaktion auf Dang: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dass die DDR nicht eigens erwähnt wird, stimmt so halb, denn in Fußnote 3 haben wir ausdrücklich auf diesen Umstand verwiesen. Zugebenermaßen müsste man, wenn man die Strukturveränderungen systematisch darstellen würde, sowohl die Perspektive aus der die Strukturveränderung vorgenommen wurde, kritisch betrachten (West-Perspektive) als auch die Gewichtung der Veränderungen. In diesem Artikel konnte dies aufgrund des Fokus sowie des Rahmens allerdings nicht geleistet werden.
20.05.2021 Ein Kommentar von Wolfgang K. Leuschner Für mich überraschend: den Megatrend Digitalisierung als dritte Strukturveränderung der Kirche zu verstehen und sie in den Zusammenhang mit der Bildung von verfassten Landeskirchen 1918 und mit der Austrittswelle seit den Siebzigerjahren zu stellen. Das hat was. „Welche Kirche wollen wir?“ Ich frage weiter: Was sollen die Fundamente dieser entwickelten Kirche sein? Nicht die theologischen, sondern die strukturellen. Angesichts der hin- und herwogenden Diskussion zwischen Makroebene und Parochialprinzip, wobei die „Kirche vor Ort“ unwichtig wird, sage ich: Einer der Pfeiler der Kirche muss die analoge und überschaubare Struktur der örtlichen Kirchengemeinde sein und bleiben. Sie ist gesellschaftlich dem Kiez vergleichbar, das Wohnquartier in den Megastädten, das nachbarschaftliche Beziehungen und Lebenskultur durch eine lokale Infrastruktur ermöglicht. Örtliche Kirchengemeinde bietet die lokale Infrastruktur für seelische und geistliche Lebensqualität und Lebensbewältigung. Kommunikation ist der zweite Pfeiler. Schon zu Zeiten des Paulus und nicht erst im Lockdown der Corona-Pandemie war das Problem der „nicht-präsentischen Kommunikation“ vorhanden. Paulus löste das Verlangen seiner Präsenz von den Gemeinden durch das Medium „Brief“, noch handgeschrieben und durch Boten überbracht. Die Reformation konnte sich schon des Mediums „Druck“ bedienen, was nicht unerheblich zur Verbreitung der reformatorischen Bewegung beitrug. Die Digitalisierung der Kommunikation ist eine große Chance. Während meiner Beauftragung als Interimspfarrer in der Auslandsgemeinde Nordindien 2020/21 wurde ich damit konfrontiert, keine Präsenzgottesdienste mehr feiern zu können. Daher hatte ich mich als Siebzigjähriger zum YouTuber entwickelt, um dennoch Andachten als Video meiner weit verzweigten Gemeinde anzubieten. Ich sehe die Pandemie trotz aller Ängste und Bedrohungen auch als Kairos, nun mit Macht, Fehlern und mit viel Kreativität auszuprobieren, was der Megatrend Digitalisierung für die Entwicklung von Gemeinschaft und Gemeinden hergibt. Auch meine Erfahrung ist: Menschen außerhalb unseres kirchlichen Innenraums werden erreicht. Auch ohne „präsentische“ Kollekten werden nicht wenig Spenden überwiesen. Man muss darum bitten. Weitere wissenschaftliche Begleitung täte gut. Wolfgang K. Leuschner
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