VIII. Wasser des Anfangs und Geist der Vollendung

 

Ich habe begonnen, euch mit Wasser zu taufen, er aber wird euch mit Heiligem Geist taufen. (Mk. 1,8)

 

Joachim Gnilka sieht in der Gegenüberstellung der beiden Taufen die Stärke des Stärkeren herausgestellt. Ich will versuchen, an meine an Ruth Cohn orientierte Auslegung von Mk. 1,7 anknüpfen und sie mit dem Wirken des Heiligen Geistes zu verbinden.

Als biblischer Hintergrund dienen mir dabei Worte des Propheten Sacharja. Der lebte im 6. Jh. vor Christus und sah in nächtlichen Visionen, wie durch Gottes Eingreifen der Tempel in Jerusalem wieder errichtet und die vormals zerstörte Stadt mit neuem Leben gefüllt wird: So spricht der Herr: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem eine Stadt der Treue heißen soll und der Berg des Herrn Zebaoth ein heiliger Berg. Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen. (Sach. 8,3-5)

Dieses Bild einer heilsamen Wende der Zeiten ist für die im babylonischen Exil lebenden Israeliten zu schön, um wahr zu sein. Schließlich kannten sie viele solcher Prophezeiungen, die sich allesamt bisweilen nicht erfüllt hatten. Deshalb nimmt bei Sacharja das göttliche Wort diesen Einwand gleich vorweg: Erscheint dies auch unmöglich in den Augen derer, die in dieser Zeit übrig geblieben sind von diesem Volk, sollte es darum auch unmöglich erscheinen in meinen Augen?, spricht der Herr Zebaoth. Siehe, ich will mein Volk erlösen aus dem Lande gegen Aufgang und aus dem Lande gegen Niedergang der Sonne und will sie heimbringen, dass sie in Jerusalem wohnen. Und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein in Treue und Gerechtigkeit. Stärkt eure Hände, die ihr diese Worte hört in dieser Zeit durch der Propheten Mund – an dem Tage, da der Grund gelegt wurde zum Hause des Herrn Zebaoth, auf dass der Tempel gebaut würde. (Sach. 8,6-9)

Auch wenn es noch nicht so weit ist, soll die Botschaft der Propheten etwas bewirken: Diejenigen, die sie hören, sollen ihre Hände stärken, damit sie bereit sind, an Gottes Werk mitzuarbeiten.

Hier sehe ich nun die Verbindung zu Johannes dem Täufer. Seine partielle Macht hatte ich darin gesehen, dass er Ernst macht mit der Umkehr, sich einlässt auf ein neues verändertes Leben, die müden Hände stärkt und nach seinen Möglichkeiten anfängt, etwas zu verändern. Die Umkehrtaufe mit Wasser habe ich als öffentliches Bekenntnis dieses Umkehrwillens verstanden, der mit der Zusage der Vergebung Gottes verbunden ist, die den Grund für eine umfassende Veränderung legt. Mit seiner Wassertaufe ist Johannes der Täufer damit nicht nur partiell mächtig, sondern hat auch Anteil am Wirken des Heiligen Geistes. Denn die Worte Gottes, die Menschen durch die Propheten erreichten, wurden nach biblischer Vorstellung durch den Heilige Geist vermittelt (vgl. Sach. 7,12). Dass Johannes der Täufer ein Kleid aus Kamelhaar hatte, das nach Sach. 13,4 die Propheten trugen, spricht ebenfalls dafür.

Allerdings war sowohl Sacharja als auch Johannes klar, dass mit der prophetischen Ankündigung allein noch nicht alles getan ist. Die heilsame Wende der Zeiten kann durch die partielle Macht der Menschen alleine nicht geschehen. Sie zu vollenden, ist das Werk des Heiligen Geistes: Es soll nicht durch Macht oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach. 4,6b) Für Mk. wird Jesus daher nicht wie Johannes der Täufer mit dem Wasser des Anfangs, sondern mit dem Geist der Vollendung taufen. Mit der Gegenüberstellung dieser beiden Taufen stellt Johannes in seiner Predigt also tatsächlich die Stärke des Stärkeren heraus, die darin besteht, die heilsame Wende der Zeiten endgültig zu vollziehen. Sie hat mit seinem Kommen in die Welt bereits begonnen. Deshalb hat Mk. mit diesem Vers einen guten Abschluss seines Anfangs des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes, gefunden.

 

Sascha Flüchter

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Sascha Flüchter (Evang. Kirche im Rheinland) hat den Anfang des ältesten Evangeliums einer differenzierten Betrachtung unterzogen und präsentiert seine Überlegungen zu den ersten acht Versen des Markusevangeliums in ­einer kleinen Serie von acht Essays.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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