Seit etwa einem Jahr hält uns nun das Coronavirus in Atem. Erstmals aufgetreten in einer chinesischen Großstadt hat er sich inzwischen über die ganze Welt verbreitet und macht es uns Menschen schwer, ihn in den Griff zu bekommen. Gerade hat man Impfstoffe dagegen entwickelt, da mutiert es gleich mehrfach, und wir wissen nicht, ob die Impfstoffe auch gegen seine veränderte Gestalt wirksam sind. Hätte das Virus einen menschlichen Charakter, wir würden es als einen ausgesprochenen Fiesling beschreiben.

Alle waren von diesem Virus überrascht worden. Niemand hatte detaillierte Pläne, wie mit einer Pandemie umzugehen ist. Entsprechend wurden Fehler gemacht, nicht nur in der Politik, sondern auch in den Kirchen.

Im Folgenden möchte ich mich nicht zu dem Vorwurf äußern, ob sich die Kirchen weggeduckt und in bereitwilliger Staatsloyalität auf ihre religiösen Feiern verzichtet haben, ohne sichtbare Trauer über ihren Verlust. So hat es jedenfalls der Fernsehjournalist und engagierte Christ Peter Frey erlebt. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie wir als Kirchen theologisch mit der Heraus­forderung „Coronavirus“ umgegangen sind und umgehen.

 

Mutante der alten Theodizee-Problematik

Theologisch gesehen ist das Coronavirus eine aktuelle Mutante der alten Theodizee-Problematik, wie Gott und das Böse zusammenzudenken sind. In „Christ und Welt“, einer monatlichen Beilage in der Wochenzeitung „ZEIT“, wurde am 11. Februar 2021 ein in dieser Hinsicht bemerkenswertes Interview mit einer Pfarrerin veröffentlicht. Ich wurde auf dieses Interview aufmerksam, weil ein alter Schulfreund mir den entsprechenden Zeitungsausschnitt geschickt hatte. Die entsprechenden Passagen hatte er rot angestrichen und daneben die Frage geschrieben: „Wie siehst du das?“

Zunächst einmal ging es in diesem Interview ganz allgemein um die Arbeitssituation der Pfarrerin in Zeiten von Corona und um die Herausforderungen, die damit gegeben sind. Irgendwann stellte der Journalist dann die Frage, die sich für ihn aus all dem Gesagten wohl nahe legte: „Warum lässt Gott eine Pandemie zu?“ Daraufhin antwortete die Pfarrerin: „Gott hat sicherlich einen Plan. Ich wünschte mir aber manchmal, dass er oder sie häufiger eingreifen würde. Als mein Vater vor kurzem gestorben ist – Gott hätte ihn ja nicht an Krebs sterben lassen müssen ….“

Was die Pfarrerin sagte, hat mich ziemlich geschockt. Aber ich musste feststellen, dass ihre Äußerungen in unseren protestantischen Landeskirchen kein Einzelfall sind. Im Internet fand ich in vielen Andachten ähnliche theologische Aussagen.

 

Ungebrochener Theismus?

Was hinter diesen Äußerungen als Gottesverständnis durchscheint, ist ein ungebrochener Theismus. Gott ist nach dieser Anschauung ein überweltliches personales Wesen, das immer wieder in die Welt lenkend eingreift. Ungebrochen ist diese Vorstellung, wenn man sie nicht mehr als Bild versteht, das nur eine begrenzte Reichweite und Aussagekraft hat, sondern wenn man das Bild für die Sache selbst nimmt. Dieses Verständnis kommt im Interview mit der Pfarrerin, aber auch in den genannten Andachten unübersehbar zum Ausdruck.

Wenn ich daran denke, wie intensiv man in der theologischen Diskussion der letzten Jahrhunderte mit der vielfältigen Infragestellung dieser theistischen Sichtweise gerungen hat! Und welche theologischen Weiterentwicklungen es dadurch gegeben hat! Davon ist in diesen Äußerungen nichts mehr zu spüren. Sehr zum Schaden der theologischen Überzeugungskraft, wie ich meine. Ich kann kaum glauben, dass die Pfarrpersonen nicht merken, in welche Ausweglosigkeit sie sich mit ihrem Gottesverständnis hineinmanövrieren. Es läuft, wenn man diese theologische Position einnimmt, auf die unausweichliche Alternative hinaus: Entweder kann Gott nichts gegen das Coronavirus tun. Oder er (oder sie) will es nicht. Beides können wir doch nicht im Ernst behaupten wollen!

 

Kinderglaube, der nicht erwachsen werden will

Dass die Kirchen an Bedeutung immer mehr verlieren, ist eine bekannte Tatsache. Viele glauben: Das liegt daran, dass die Kirche sich schlecht vermarktet bzw. in ihren Formen veraltet ist. Ich bin der Meinung, dass unser größtes Problem die Inhalte sind, die wir in heutiger Zeit vertreten. Wir tun in der Kirche vielfach so, als könnten wir die vielfältigen Anfragen heutiger Menschen ignorieren und wieder zurückspringen in die Zeit vor der Aufklärung. Aber das funktioniert nicht!

Es ist dringend an der Zeit, dass wir uns kirchenintern darüber verständigen, was unsere zentralen theologischen Anschauungen in der heutigen Spätmoderne sind. Gerade in der Gottesfrage wird m.E. eine zukunftsfähige Kirche weiterkommen müssen. Die Zeiten eines ungebrochenen Theismus sind unwiderruflich vorbei!

Mit meinem alten Schulfreund, der mir das Interview geschickt hatte, unterhielt ich mich lange am Telefon. Es war ein sehr intensives und anregendes Gespräch, das wir miteinander führten. Es zeigte mir, dass mein Freund sehr wohl für die Gottesfrage offen ist, nur eben nicht in ihrer theistisch-ungebrochenen Form. Und seine Meinung zu der Äußerung der Pfarrerin im Interview? Da spricht er wohl für viele Menschen heutiger Zeit, auch für mich: „Das ist ein Kinderglaube, der nicht erwachsen werden will.“

 

Markus Beile

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

2 Kommentare zu diesem Artikel
17.04.2021 Ein Kommentar von Thomas Scheiner Cliffhanger Kollege Beile hat mit seinem „Zwischenruf“ im PfarrerInnen-Blatt 4/2021 einen wahren Cliffhanger generiert. Nach seiner Destruktion des - natürlich kindlichen und voraufklärerischen – Theismus, hatte ich mir schon Stift und Papier zurechtgelegt, um mir seine Thesen zu erwachsenem Glauben und richtiger Theologie aufzuschreiben. Damit ich sie memorieren und verinnerlichen kann. Leider bricht er aber hier ab, bleibt uns das positive Gegenbild schuldig – und lässt mich ratlos zurück. Dabei scheint er doch den Stein der – aufgeklärten – Weisen zu haben, den „erwachsenen“ Glauben, der uns so nottut. Und natürlich hat er auch die schlüssige Antwort darauf, wie Gott mit dieser Covid-Pandemie in Verbindung zu bringen ist. Und die alle, wirklich alle „vielfältigen Anfragen heutiger Menschen“ zufriedenstellen wird. Lassen Sie uns nicht allzu lang hängen, Kollege Beile.
22.04.2021 Ein Kommentar von Sven Wegner-Denk Nicht nur, dass uns Kollege Beile die Antworten und Erleuchtung vorenthält, die wir doch offenbar so dringend bräuchten. Er ist anscheinend auch nicht gewillt, in Erwägung zu ziehen, dass der Bedeutungsverlust der Kirche vielleicht umgekehrt daran liegen könnte, dass sie sich in Europa zu lange unhinterfragt dem Dikatat kirchenwesensfremder Denkmodelle unterworfen hat, wenn er meint, "dass Gott nichts gegen das Corona-Virus tun kann oder will" und dass man "beides doch nicht mit Ernst behaupten könne". Luther konnte das noch und die Bibel auch (vgl. z.B. Am. 3,8). Aber klar. Da sind wir ja auch vor der allmächtigen und unfehlbaren Aufklärung! Komisch, dass auch Bonhoeffer es noch konnte. Aber vielleicht war der ja auch nur einer der unverbesserlichen, unbelehrbaren Theisten! Wer sein eigenes Proprium und dessen Grundlagen (Schrift und Bekenntnisschriften) aufgibt und nur noch zum billigen Abklatsch des Humanismus, der Aufklärung, des Zeitgesites oder der nichtkirchlichen Wissenschaft wird, muss sich nicht wundern, wenn er an Bedeutung verliert. So einen Player braucht auch im Gesellschaftssystem tatsächlich keiner (mehr). Da kann er vermarkten wie er will. Ich rede hier nicht einem unreflektierten Evangelikalismus das Wort, denn der fällt oft auf der anderen Seite vom Pferd. Aber wenn Gott kein "überweltliches, personales Wesen" mehr ist, das "in die Welt eingreift", dann ist es auch nicht mehr nötig, uns "darüber zu verständigen, was unsere zentralen theologischen Anschauungen in der heutigen Spätmoderne sind". Dann bleibt nur die Frage, wie wir schnellstmöglich die "Philosophie- und Sozialfirma" (wobei sie Sozialfirma in vielen Fällen auch nur auf dem Papier ist) Kirche schließen und so sozialverträglich wie möglich abwickeln.
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