VI. Weniger als 100 Dinge

Johannes war bekleidet mit Kamelhaar und einem ­ledernen Gürtel um seine Taille und aß Heuschrecken und ­wilden Honig. (Mk. 1,6)

Dieser Vers bietet so viele Anknüpfungspunkte, dass ich mich nicht entscheiden kann. Über Johannes’ Kleidung könnte ich mich auslassen, diskutieren, ob das Gewand aus Kamelhaar das Erkennungszeichen der Propheten ist (vgl. Sach. 13,4) oder vielleicht sogar der berühmte Mantel des Elia (2. Kön. 2,14). Auch die Heuschrecken sind interessant. Nicht nur wie sie zubereitet wurden (nämlich im Salzwasser gekocht und auf Kohlen geröstet), sondern vor allem, welche Rolle sie bei der Apokalypse spielen (vgl. Offb. 9,1-12). Am interessantesten aber ist der Honig. Er kommt an vielen Stellen vor – auch jenseits der stereotypischen Formulierung vom „Land, in dem Milch und Honig fließen“ (z.B. Ex. 3,8) – und es sind einige rätselhafte Geschichten dabei (s. Ri. 14 oder 1. Sam. 14). Was also tun?

Ich habe mich entschieden, die Details nicht genauer in Augenschein zu nehmen. Nachdenken möchte ich bei Mk. 1,6 über Johannes’ Wüsten-Existenz im Ganzen. Denn Johannes hat mich an Sebastian Küpers erinnert. Der bloggte am 31. Mai 2013: „Ich besitze jetzt weniger als 100 Dinge. Kleidung, Bücher, iPad, ein Fahrrad, ein Longboard, WC-Artikel und ein paar persönliche Dinge, die mit besonderen Erinnerungen verbunden sind, sind die einzigen Dinge, die nach radikalem Schnitt übriggeblieben sind. Alles andere ist weg. Keine Möbel, überhaupt keine Dinge, die ich in den vergangenen zwölf Monaten nicht getragen oder benutzt habe. Ein Rucksack, ein Trolley und ein Karton ist alles, was ich brauche, um alle Dinge zu transportieren, die ich besitze.“

Ein faszinierender Gedanke: Nur noch 100 Dinge. Das ist ein Prozent von den 10.000 Dingen, die ein durchschnittlicher Deutscher besitzt. Nur noch die Dinge behalten, dich ich tatsächlich brauche. Ich stelle mir vor, wie ich das von den Gegenständen auch auf anderes übertrage: Termine im Kalender, Aufgaben in der To-do-Liste, Kontakte im Verzeichnis und Verpflichtungen im Hinterkopf. Wenn etwas Neues dazu kommt, muss etwas Altes weg. Bleiben darf nur, was wirklich gebraucht wird. Insgesamt darf die Zahl 100 nicht überschritten werden.

Johannes ist sogar noch radikaler. Weniger als 100 Dinge heißt bei ihm: ein Mantel, ein Gürtel und etwas zu essen: Heuschrecken und wilder Honig. Das passt zu seiner Botschaft. Johannes macht Ernst mit der Umkehr. Er lebt sein Ändern. Er besitzt nur das, was er tatsächlich braucht, und isst, was sich in der Wüste findet. Dass da ausgerechnet Honig dabei ist, verwundert nur auf den ersten Blick: Wer umkehrt, den sättigt Gott mit Honig, den er notfalls in der Wüste aus einem Felsen quellen lässt. (Ps. 81,17)

 

Sascha Flüchter

 

(Fortsetzung folgt)

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Sascha Flüchter (Evang. Kirche im Rheinland) hat den Anfang des ältesten Evangeliums einer differenzierten Betrachtung unterzogen und präsentiert seine Überlegungen zu den ersten acht Versen des Markusevangeliums in ­einer kleinen Serie von acht Essays.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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