Die klassischen Gottesbeweise spielen in der heutigen Philosophie keine herausgehobene Rolle mehr. Klaus Nagorni hält sie dennoch in praktisch-theologischer Hinsicht für bestens geeignet, um ins Gespräch mit säkularen Zeitgenossen über die Gottesfrage zu kommen.*

 

Wäre das nicht großartig, wenn es endlich gelingen würde, die Frage, ob es Gott gibt, ein für alle Mal zu klären? Wäre es nicht überaus wünschenswert, wenn sich der Beweis führen ließe, dass es Gott gibt? Oder auch der Gegenbeweis: dass es ihn nicht gibt? Würde dann nicht endlich Frieden einkehren in der Welt und zwischen den Religionen?

Ach, wenn es nur so einfach wäre mit dem Beweisen Gottes! In Wahrheit ist es doch eher so: wir wissen nicht einmal, was wir mit dem Wort „Gott“ eigentlich meinen? Worüber rede ich denn, wenn ich „Gott“ sage? Über „jenes höhere Wesen, welches wir verehren“, wie es in einer Geschichte von Heinrich Böll ironisch heißt? Über den großen Aufpasser im Himmel, der darüber wacht, dass keiner vom geraden Weg der Moral abkommt? Über den Richter, der am Ende der Zeiten, dafür sorgen wird, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden? Über den lieben Gott? Den barmherzigen Vater? Den unbekannten Gott? Oder wie es – ein wenig abstrakter – Paul Tillich formuliert hat: über „das, was mich unbedingt angeht“?

 

Für Transzendentes gibt es keine Messgeräte

Das Abenteuer, nach Gott zu fragen und Gott zu suchen, ist so einfach nicht zu bestehen. Es erfordert, wie jedes Abenteuer, den Einsatz der Vernunft und eine gute intellektuelle Ausrüstung. Einer, der in jüngster Zeit versucht, mit dem ihm gegeben naturwissenschaftlichen Instrumentarium dieses Abenteuer zu bestehen, war der im März 2018 verstorbene englische Physiker Stephen Hawking.

Hawking galt als der Superstar der Physik. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er bekannt durch seine Bücher, die auch von einem nicht fachwissenschaftlichen Publikum verstanden wurden. „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wurde ein weltweiter Bestseller. Interessant für das Thema Gottesbeweise ist Hawking darum, weil er glaubte, mit der modernen Physik die Frage beantworten zu können, ob Gott existiert oder nicht. Sein Ergebnis war, dass physikalisch gesehen die Welt in sich geschlossen ist und keines Schöpfers bedarf. Die Welt sei entstanden, weil es Gravitation gibt. Sie ist durch Naturgesetze bestimmt, die so etwas wie Transzendenz nicht vorsehen.

Für Christen und andere Gläubige ist das eine existentielle Frage: Kann man die Existenz Gottes wissenschaftlich beweisen oder auch widerlegen? Wie verhalten sich Wissenschaft und Glaube zueinander? Die schwarzen Löcher und die Weltraumstrahlung, die Hakwing untersucht hat, sind Bestandteil dieser Welt. Sie können mit physikalischen Messgeräten erfasst werden. Physik erbringt also ihre Leistung in der empirischen Immanenz dieser Welt – wobei alles Transzendente methodisch ausgeblendet ist.

Die Gottesfrage aber ist notwendig mit der Vorstellung von Transzendenz verbunden. Darüber können Wissenschaftler, die in der Immanenz der Welt arbeiten, keine Aussagen machen. Denn für Transzendentes gibt es keine Messgeräte.

Vielleicht kann das ein einfaches Beispiel verdeutlichen. Da steht eine Kiste mit saftigen Birnen, die mich anlachen und herrlich duften. Und daneben einen Karton mit Glühbirnen, mit deren Licht ich alle Räume meiner Wohnung erleuchten könnte. Beide Arten von Birnen erfüllen ihren Zweck. Aber beide auf grundsätzlich andere Weise. Verwechselte ich nun die Birnen mit den Glühbirnen, gäbe es böse Überraschungen. Die saftige Birne lässt sich in keine Fassung einschrauben und gibt schon gar kein Licht. Und wenn ich in eine Glühbirne hineinbeißen würde, bekäme mir das nicht gut. Beides halten wir darum mit guten Gründen auseinander.

Der Denkfehler von Stephen Hawking liegt – vereinfacht gesagt – darin, dass er meint, Gesetze, die für Glühbirnen gelten, auf die Birnen als Obst übertragen zu können. Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand, da es sich um verschiedene Wirklichkeitsbereiche handelt. Weil es zu den methodischen Grundvoraussetzung der Physik gehört, Aussagen über Transzendenz auszuschließen, kann auf dieser Grundlage nichts zur Gottesfrage gesagt werden.

Das veranschaulicht das Gleichnis vom Netz und den Fischen: Ein Fischwissenschaftler wollte das Leben im Ozean erforschen. Er warf sein Netz ins Wasser und fing Fische. Die gefangenen Fische waren alle mindestens 5 cm groß. Sooft der Wissenschaftler den Fang wiederholte, es war immer dasselbe Ergebnis. Da sagte der Fischwissenschaftler: „Es gibt keine Fische, die 3 oder 4 Zentimeter groß sind.“ Da sagte jemand zu ihm: „Natürlich gibt es Fische, die kleiner sind als 5 cm. Nur schlüpfen sie dir durch die Maschen deines Netzes. Dein Netz ist zu grobmaschig, um sie zu fangen.“

Es hängt also an unseren Methoden, an der Größe der Maschen unserer Netze, was wir finden. Was durch sie hindurchschlüpft, kann darum trotzdem vorhanden sein. Behauptet eine empirische Wissenschaft wie die Physik, sie könne die Existenz Gottes widerlegen, so ist das vermessen. Sie kann lediglich „beweisen“, dass mit ihren Netzen, sprich mit physikalischen Methoden, Gott nicht zu erfassen ist.

 

Vernunft und Glaube schließen sich nicht aus

Während Hawking versucht hat, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen und den Kosmos als ein aus sich selbst heraus erklärbares System darzustellen, gehen die klassischen Gottesbeweise den umgekehrten Weg. Sie versuchen an Hand der Erfahrungen, die Menschen in ihrem Alltag und ihrem Denken machen, darzustellen, dass es einen letzten Grund für diese Erfahrungen geben muss. Dass das menschliche Denken über sich selbst hinausweist auf eine höhere und höchste Wirklichkeit. Gottesbeweise erheben den Anspruch, dass Vernunft und Glaube sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern das Eine in das Andere überführt werden kann.

Historisch gesehen gibt es bereits in der Antike zahlreiche Vorformen dessen, was man später Gottesbeweise genannt hat. Man kann auch die Argumentation des Paulus dazu rechnen, der auf dem Areopag in Athen den Athener Bürgern seine Gotteserkenntnis plausibel zu machen versuchte. In seiner berühmten Areopagrede, die in der Apg. überliefert ist, sagte er: „Fürwahr, Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (17,27f). Damit knüpft Paulus an die Gottessuche der wissbegierigen Athener an. Und verknüpft ihre Erfahrungen mit seiner eigenen Verkündigung: der Botschaft von einem den Athenern bislang unbekannten Gott.

Im Mittelalter haben sich bestimmte Haupttypen der Gottesbeweise herausgebildet. Mehrheitlich sind sie mit dem Namen des großen mittelalterlichen Gelehrten Thomas von Aquin (1225-1275) verbunden. Einer trägt den Namen Anselms von Canterbury (1033-1109). Und einer geht auf Immanuel Kant (1724-1803) zurück, der sich in die Denkarbeit seiner Vorgänger einmischte und die Argumente der vorausgegangenen Gottesbeweise allesamt zurückwies.

 

Von nichts kommt nichts“

Der kosmologische Gottesbeweis ist zweifellos der bekannteste. Er beruht auf einer Alltagserfahrung, wie sie sich in dem Satz ausspricht: „Von nichts kommt nichts“. Alles, was ist oder geschieht, hat eine Ursache. Was irgendwie in Bewegung ist, benötigt eine bewegende Ursache. Auch meine eigene Existenz hängt von einer Ursache ab, welche selbst eine Ursache besitzen muss, welche wiederum verursacht wurde, und so weiter.

Diese Kette von Ursache und Wirkung, von Beweger und Bewegtem, kann aber nicht unendlich sein. Denn eine unendliche Kette würde die Frage nach ihrer eigenen Ursache aufwerfen, sodass die Kette von Ursache und Wirkung von Neuem begänne. Daher muss es eine erste Ursache geben, die selbst keine Ursache besitzt. Einen unbewegten Erstbeweger, eine notwendige Existenz, die keiner anderen Existenz bedarf. Damit stehe ich vor dem Dasein Gottes. Er steht an der Spitze aller Ursachen. Er ist der Urgrund von allem, was ist.

 

Alles in bester Ordnung“

Für den teleologischen Gottesbeweis ließe sich das Motto „Alles in bester Ordnung“ formulieren. Es gibt eine funktionierende Ordnung in der Natur, die dafür sorgt, dass das Leben sich immer weiter entwickelt. Alles steht in einem zielgerichteten Zusammenhang. Vom kleinsten Insekt bis zum größten Wetterphänomen ist alles miteinander vernetzt. Alles ist offensichtlich sinnvoll auf ein Ziel hin ausgerichtet. Diese Ordnung kann aber nur einer ordnenden Kraft oder einem ordnenden Geist entstammen. Diese die Welt durchwirkende Macht ist Gott.

Mit diesem Beweis ist ersichtlich ein optimistisches Weltgefühl verbunden ist. Er spielte darum in Zeiten der Aufklärung eine bedeutende Rolle. Mit dem Zusammenbruch des optimistischen Weltgefühls durch das Erdbeben von Lissabon 1755 und der aufkommenden Frage der Theodizee kam dieses Denken allerdings in die Krise.

 

Gott existiert, weil man ihn denken kann“

Der ontologische Gottesbeweis ist der intellektuell anspruchsvollste Gottesbeweis. Er versucht, Gott nicht aus der Erfahrungswelt, sondern aus dem Denken zu beweisen. Und stützt sich dabei auf die philosophische Lehre vom Sein, die Ontologie. Er behauptet: „Gott existiert, weil man ihn denken kann“.

Die klassische Form stammt von Anselm von Canterbury, einem Bischof und Philosophen des Mittelalters. Er war davon überzeugt, dass sich die Existenz und die Eigenschaften Gottes nicht nur in den heiligen Schriften offenbaren, sondern sich auch durch die Vernunft beweisen lassen. Anselm geht es um einen Glauben, der versteht, was er glaubt. Der Glaube sucht den Intellekt, ist einer seiner berühmten Sätze: „fides quaerens intellectum“.

Nach Anselm ist Gott definiert „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“. Diese Definition ist gedanklich aber nur dann widerspruchsfrei nachzuvollziehen, wenn Gott wirklich existiert. Denn angenommen, Gott wäre nur gedacht und existierte nicht, dann ließe sich etwas denken, was vollkommener ist als Gott, nämlich der gedachte Gott, der darüber hinaus tatsächlich existiert. Da etwas tatsächlich Existierendes vollkommener ist als etwas, das nur gedacht ist, folgt daraus: Gott muss tatsächlich existieren.

 

Göttliches ist überall“

Der Beweis e consensu gentium gehört zu den ältesten Gottesbeweisen und findet sich bereits in der Antike. Er geht von der Beobachtung aus, dass alle Völker ein Numinosum verehren. Das Motto lautet darum: „Göttliches ist überall“. Aus dieser Beobachtung wird mittels des Wahrscheinlichkeitsbeweises geschlossen, dass eine Vorstellung, die alle Völker unabhängig voneinander aufweisen, wahr sein müsse.

Der Aufklärer Immanuel Kant hat die Gottesbeweise einer fundamentalen Kritik unterzogen. Für ihn gehören alle der Erfahrungswelt an. Sie schließen von Gegenständen in der Erfahrungswelt auf andere Gegenstände in der Erfahrungswelt. Gott aber ist kein Gegenstand, der sich durch Rückschlüsse aus der Erfahrungswelt beweisen ließe. Oder wie es später Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.1

 

Ein Gott „für den praktischen Gebrauch unserer Vernunft“

Allerdings hat Kant seinen eigenen Beweis aufgestellt, den moralischen Gottesbeweis. Er geht dabei von einer Paradoxie aus: Einerseits sollen wir gut handeln – gemäß des kategorischen Imperativs bzw. der „goldenen Regel“. Andererseits ist die Wirklichkeit, in der wir moralisch handeln sollen, nicht so eingerichtet, dass dieses Handeln Erfolg brächte. Die Welt, wie sie ist, steht nicht in Einklang mit dem, was die Moral verlangt. Sonst würde es guten Leuten gut und schlechten schlecht gehen. Soll also das sittliche Handeln nicht in der Luft hängen, dann muss es eine Instanz geben, die den in jeder moralischen Handlung vorausgesetzten guten Endzweck garantiert: das ist Gott.

Für Kant beansprucht dieser Beweis keine theoretische Wahrheit wie alle anderen Beweise, sondern gilt „bloß für den praktischen Gebrauch unserer Vernunft“.

 

Es bringt einen größeren Nutzen, an Gott zu glauben

Schließlich kann man unter den Gottesbeweisen noch die „Pascalsche Wette“ aufführen. Es handelt sich um eine Argumentation, die kein Gottesbeweis im eigentlichen Sinne ist, aber durchaus dort verortet werden kann. Pascal operiert mit den Argumenten einer Kosten-Nutzen-Analyse. Mit der Vernunft, sagt er, kann man weder die Existenz Gottes noch seine Nichtexistenz beweisen. Was man aber sagen kann: Es bringt einen größeren Nutzen, an Gott zu glauben, als nicht an ihn zu glauben. Denn falls sich für einen gläubigen Menschen herausstellt, dass Gott nicht existiert, ist nichts verloren. Falls sich aber ergibt, dass er doch existiert, ist alles gewonnen: ein tugendsames Leben und zudem eine Belohnung nach dem Tod.

In dieser Argumentation findet sich eine Überlegung, wie sie auch heute verbreitet ist. Wenn die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, objektiv nicht zu entscheiden ist, so kann man doch fragen, was hat man persönlich davon, an Gott zu glauben. Auch ein Atheist wird zugeben, dass er nichts zu verlieren hat, wenn er an Gott glaubt. Im positiven Fall wäre sein Gewinn unermesslich.

 

Ein Zwischenresümee

Resümierend lässt sich festhalten:

1. Alle Gottesbeweise laufen innerhalb der für uns wahrnehmbaren und erfahrbaren Wirklichkeit auf eine letzte Wirklichkeit hinaus. Da gibt es eine erste Ursache, die alles begründet. Oder ein letztes Ziel, auf das alles zusteuert. Das bedeutet aber zugleich, dass der Beweis niemals über sich selbst hinaus gelangt. Er bleibt gefangen in einem Zirkelschluss, weil er voraus-setzt, was er anschließend beweisen will. Die Wirklichkeit des christlichen Gottesglaubens bleibt diesem methodischen Vorgehen verschlossen. Denn der biblische Glaube ist Offenbarungsglaube. Offenbarung aber bedeutet gerade umgekehrt: Gott zeigt sich, wie er von sich aus ist, und nicht wie er sich mit Mitteln menschlicher Erkenntnis entdecken und beweisen lässt. Denken wir an die Gotteserfahrung des Hiob, dessen ganzes Gottes- und Weltbild im Laufe seines Lebens zusammenbricht. Bis er schließlich versteht, dass der lebendige Gott etwas anderes ist als das, was er sich unter ihm vorgestellt hatte. „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen“, sagt Hiob am Schluss seiner Auseinandersetzung mit Gott (Hi. 42,5).

2. Für alle Gottesbeweise gilt, dass die uns zugängliche empirische und zweckmäßig geordnete Welt das gesicherte Fundament ist, von dem der Beweis ausgeht. Sicher ist der menschliche Verstand und sind die Mittel, derer er sich bedient. Ungesichert und darum des Beweises bedürftig ist Gott. Die Welt, wie ich sie erlebe, ist der Ausgangspunkt des Gottesbeweises. Darum ist es zwangsläufig so, dass auch „Gott“ – als Ergebnis meines Nachdenkens – Teil meiner Welt ist. Dieser Gott aber bleibt ein Konstrukt meiner Überlegungen. Der Gott der Bibel ist ein völlig Anderer.

Der lebendige Gott trägt sein Leben und das Gesetz seines Handelns in sich selbst. „Ich werde sein, der ich sein werde,“ sagt er Mose am brennenden Dornbusch (Ex. 3,14). Er ist Gott, der unermesslich, nicht ausrechenbar und darum durch keinen Beweis zu beweisen ist.

3. Im letzten Grund beweisen die Gottesbeweise nicht eigentlich „Gott“. Sie stehen für eine menschlichen Sehnsucht: es möge einen letzten Garanten geben für unsere Welt, eine letzte Verlässlichkeit, mit der zu rechnen ist. Allerdings hatte schon Kant gezeigt, dass der Wunsch, etwas möge sein, nicht bedeutet, dass es auch tatsächlich vorhanden ist.

 

Anknüpfungspunkte für das Gespräch mit säkularen Zeitgenossen

Wenn die Gottesbeweise auch keine Beweise im wissenschaftlichen Sinn sind, so begegnen uns in ihnen doch ernstzunehmende theologische Fragen. Sie bieten Anknüpfungspunkte, um mit säkularen Zeitgenossen in ein Gespräch über die Gottesfrage zu kommen.

So stellt der kosmologische Beweis die keineswegs triviale Frage nach dem Ursprung des Universums, nach dem Grund dieser Welt und ihrem Zusammenhang. In der Sprache des Philosophen Martin Heideggers: „Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts?“ So kann man aber nur fragen, wenn man bereits eine Ahnung davon hat, dass die Welt irgendwie begründet ist, dass die Wirklichkeit einen Grund haben muss. Daran knüpft der kosmologische Gottesbeweis an, indem er behauptet: dieser tiefste Grund ist Gott – als Garant dafür, dass der Kosmos begründet und nicht reiner Zufall ist.

Die Antwort des jüdisch-christlichen Glaubens auf diesen Gedankengang ist das Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer. Gott hat diese Welt geschaffen, und er ist als Schöpfer in ihr gegenwärtig. Dieser Schöpfergott ist etwas anders als ein Garant für Bestehendes. Der Schöpfer erschafft und trägt diese Welt in dynamischer Zusammenarbeit mit dem Menschen. Und er führt sie einst zur Vollendung.

Der teleologische Beweis gründet in der Beobachtung, dass die vorfindliche Welt – trotz aller möglichen Gegenrede – zweckmäßig und sinnvoll geordnet ist. Auch wenn sich die Zweckmäßigkeit der Welt nicht zwingend erweisen lässt, so machen wir doch immer wieder Erfahrungen, dass es Dinge und Ereignisse gibt, die uns in Staunen versetzen und das Gefühl von etwas Großem und Erhabenem vermitteln: der weite Sternenhimmel des Nachts, die Geburt eines Kindes, die feinen Strukturen in der Natur.

In der christlichen Theologie ist dieser Gedanke aufgenommen in der Botschaft von Gottes Vorsehung. Die Schöpfung folgt einem göttlichen Plan, in dem der Mensch seine Aufgabe und Verantwortung hat.

Der moralische Gottesbeweis ist aus der Überlegung geboren: wenn es Gott nicht gäbe, bräche die Welt auseinander. Sollen und Sein würden nicht zueinander finden. Es gäbe keinen Grund, moralisch zu handeln, wenn Moral lediglich eine Projektion und keine eigene, in sich gültige Größe wäre.

Christliche Verkündigung setzt der These von der moralischen Weltordnung die Botschaft vom Reich Gottes entgegen. Der Mensch ist zum Mitarbeiter am Reich Gottes berufen, aber er trägt nicht die ganze Last des Moralischen. Denn die Gerechtigkeit Gottes ist etwas anderes als menschliche Moral.

Der ontologische Gottesbeweis besteht darauf, dass Denken und Sein nicht auseinanderfallen. Unser Denken und intellektuelles Bemühen bliebe reine Spielerei, wenn es nicht seine Entsprechung in der Realität hätte.

Die Antwort der christlichen Verkündigung auf diesen Gedanken ist die Botschaft von Jesus Christus als der Wahrheit der Welt und unseres Lebens. Mit ihm ist eine Wahrheit ins Leben getreten, die unsere Wahrheiten nicht bestätigt, sondern aufweist, dass wir in der Unwahrheit leben, in der Gefangenschaft unserer eigenen Projektionen und darum erlösungsbedürftige Wesen sind.

 

Nicht der Mensch berührt Gott, sondern Gott berührt den Menschen

Resümierend ließe sich also mit dem Theologen Otto Weber sagen, dass die Gottesbeweise sich verstehen lassen als „in Verkehrung geratene theologische Sätze“.2 In ihnen ist die Botschaft von Gott verborgen, der die Welt erschaffen hat, sie erhält und ihr seine Gebote gegeben hat. Und von der in Christus erschienen Wahrheit, die unsere Verkehrtheit aufdeckt und zurechtbringt. So verstanden haben die Gottesbeweise ihren theologischen Sinn darin, dass sie zwar nicht als Beweise im logischen Sinn zu verstehen sind. Aber doch als Aussagen, die hinführen können auf das Wort des lebendigen Gottes, in dem Gott sich selber mitteilt und erschließt. Oder wie im berühmten Bild Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ anschaulich dargestellt: nicht der Mensch berührt Gott, sondern Gott berührt den Menschen und „beweist“ sich ihm.

Nicht also der Mensch findet Gott. Sondern Gott findet den Menschen. Das ist der Sinn dessen, was Offenbarung heißt. Der Mensch kann Gott nur so erkennen, wie Gott sich ihm gezeigt hat, im Wort und im Geist. Der Theologe Ingolf Dalferth sagt es so: „Die zentrale Pointe des von den Christen verkündeten Evangeliums war von Anfang an, dass Gott von sich aus zu den Menschen in ihrer Gottferne und Gottlosigkeit kommt. Gott setzt den Anfang, nicht die Menschen, die Gott suchen (oder nicht suchen), und nur weil Gott den Anfang setzt, indem er seine schöpferische Gegenwart erschließt und kommuniziert, können Menschen Gott finden und ihr Leben an seiner Gegenwart orientieren.“3

Gottesbeweise führen an die äußerste Grenze des Denkens. Sie führen aber nicht über diese Grenze hinaus. Sie bleiben unserer endlichen Begriffswelt verhaftet, weil sie Gott in den Kategorien menschlichen Denkens und menschlicher Vorstellung denken. Dennoch, man kann und darf sie als eine Möglichkeit der Selbstvergewisserungen des Glaubens verstehen. Eines Glaubens, der nicht über dieser Welt und ihren Gegenständen steht. Sondern der in dieser Welt Spuren und Anhaltspunkte findet für das Dasein des lebendigen Gottes.

 

Gott ist tot?“

Es gibt ein berühmtes Graffiti: Jemand hat an eine Wand geschrieben „Gott ist tot“, unterzeichnet mit „Nietzsche“. Jemand anderes hat dann unter diesen Satz notiert „Nietzsche ist tot“, unterzeichnet „Gott“. Welcher der beiden Sätze lässt sich nun beweisen? Sicher nur die Aussage, dass Nietzsche tot ist. Menschen waren dabei, als er starb. Ein Arzt hat den Totenschein ausgestellt. Freunde und Verwandte haben ihn auf seinem letzten Weg zum Grab begleitet. Der Satz „Gott ist tot“ hingegen lässt sich nicht beweisen. Sowenig wie sich der Satz „Gott existiert“ beweisen lässt. Denn „Gott“ ist kein Gegenstand unseres empirischen Wissens. Trotzdem glauben nicht wenige Menschen, dass der erste Satz richtig ist. Wie aber können sie das wissen? Es ist ein klassischer, wenn auch häufiger Fehlschluss zu meinen, eine solche Behauptung ließe sich mit naturwissenschaftlichen Methoden verifizieren.

 

Der „existentielle Gottesbeweis“

Welchem der beiden Sätze ich zustimme, hängt letztlich von keinem wissenschaftlichen Verfahren ab. Es hat zu tun mit meinen eigenen Denk- und persönlichen Lebenserfahrungen. Welches sind die biographischen Marken und Zäsuren, die es für mich plausibel machen, an Gott zu glauben? Oder eben auch nicht? Was habe ich an Gutem oder Schlechtem, Erhebendem oder Abgründigem erlebt, das mich veranlasst, über meinen Erfahrungshorizont hinaus auf eine Transzendenz zu vertrauen? Denn letztlich baut niemand sein Leben auf das, was im naturwissenschaftlichen Sinn exakt beweisbar ist. Fundamentale Überzeugungen wie der Glaube gründen darin, was sich als vertrauenswürdig erwiesen hat. Das kann die Beziehung zu den Eltern sein, zu den Kindern und Enkeln, zu Freunden und Freundinnen. Das können Erlebnisse sein, bei denen ich den Eindruck hatte: Hier bin ich geführt, begleitet und beschirmt worden. Oder es ist die kaum in Worte zu fassende Freude über die Schönheit in der Natur, die mich berührt.

Solche Erfahrungen, so elementar sie sind, bilden keine Beweise im wissenschaftlichen Sinn. Sie basieren auf persönlichen Widerfahrnissen, die nicht verallgemeinerbar sind. Und doch bilden sie das Fundament einer persönlichen Selbstvergewisserung. Man könnte sie als „existentielle Gottesbeweise“ bezeichnen.

Der existentielle „Gottesbeweis“ besteht aus Gründen, die meine Lebens- und Glaubenserfahrung liefert und die mir persönlich plausibel machen, „dass es Gott gibt“. Es geht dabei um die Erfahrung einer Wahrheit, die mich über die Grenzen und Horizonte meines eigenen Lebens hinausführt und doch mitten im Leben trifft.

Jeder Mensch hat solche persönlichen Gründe dafür, an Gott zu glauben oder es nicht zu tun. Man kann nach dem Muster argumentieren: Wenn Gott so viel Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit, Leid und Krankheit zulässt, dann kann es ihn nicht geben. Aber genauso gut lässt sich auch umgekehrt sagen: Wenn Gott so viel Menschliches, Erstaunliches und Schönes in dieser Welt zulässt, dann will ich mich ihm gerne anvertrauen. Letztendlich geht es um Erfahrungen im Leben, die Gott zwar nicht beweisen, aber den eigenen Gottesglauben auf ein festes Fundament stellen.

Gottesbeweise sind somit der Versuch, Gewissheit zu bekommen – nicht nur im Glauben, sondern auch im Denken, nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstand. Zu welchem Ergebnis ich in dieser Sache komme, hängt ganz davon ab, wie ich meine eigenen Lebenserfahrungen verstehe. Und ob ich offen dafür bin, über die Begrenztheit meines Horizontes hinauszuschauen. Denn so wenig man beweisen kann, dass es Gott gibt – so wenig kann man das Gegenteil beweisen. Allenfalls gelangt man mit seinen Überlegungen in einen Raum, der sich als Vorhof des Glaubens beschreiben ließe. Er liegt in dem Staunen darüber, dass diese wunderbare und zugleich abgründige Welt überhaupt existiert. Und ich als Mensch mittendrin. Für den gläubigen Menschen ist das kein Zufall, sondern ein Anhaltspunkt und Grund zu glauben.

 

Gott – eine lebendige Realität

Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück auf das Bild von den Fischen im Meer, diesmal mit einem anderen Gleichnis: In einer alten Klosterhandschrift ist überliefert, dass die Fische des Flusses so zueinander sprachen: „Man behauptet, dass unser Leben vom Wasser abhängt. Aber wir haben noch niemals Wasser gesehen. Wir wissen nicht, was Wasser ist.“ Da sagten einige die klüger waren als die anderen: „Wir haben gehört, dass im Meer ein gelehrter Fisch lebt, der alle Dinge kennt. Wir wollen zu ihm gehen und ihn bitten, uns das Wasser zu zeigen.“ So machten sich einige auf und kamen auch endlich an das Meer und fragten den Fisch. Als er sie angehört hatte, sagte er: „O ihr dummen Fische! Im Wasser lebt ihr und bewegt ihr euch. Aus dem Wasser seid ihr gekommen, zum Wasser kehrt ihr wieder zurück. Ihr lebt im Wasser, aber ihr wisst es nicht. Alles was euch umgibt, ist Wasser.“

Gott ist in diesem Gleichnis die Voraussetzung und das Medium für alles Lebendige. Um ihn zu erkennen, müssten die Fische also nicht fragen wie nach einem x-beliebigen Gegenstand, sondern nach den Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Gegenstände gibt – nach dem Grund ihres eigenen Lebens. Doch dafür sind sie blind. „Wir haben noch niemals Wasser gesehen“, sagen sie.

Eine Geschichte, die Martin Buber aus dem ostjüdischen Judentum überliefert, hat eine ähnliche Pointe: Ein Mann fragte einen Rabbi: „Ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt“. Und der Rabbi antwortete: „Und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott nicht wohnt“.

Die Weisheit beider Geschichten weiß: Gott ist nicht zu beweisen mit den Mitteln menschlicher Erkenntnis. Aber es kann geschehen, dass Gott selbst sich als lebendige Realität erweist. Und mir die Welt plötzlich transparent wird auf das in ihr verborgene göttliche Geheimnis hin: auf das Wunder des Daseins. Die „Gottesbeweise“ können dafür die Augen öffnen und die Sinne schärfen. So verstanden erbringen sie auch heute noch den „Beweis“, dass Glaube und Denken einander nicht ausschließen, sondern einander bereichern und befruchten können.

 

Anmerkungen

* Gekürzte Fassung eines Vortrages vor der „Akademie der älteren Generation“ am 9. November 2020 in der Kath. Akademie Freiburg.

1 Dietrich Bonhoeffer, Akt und Sein, Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, München 1956, 94 (= DBW 2, 112).

2 Otto Weber, Grundlagen der Dogmatik, Bd. I, Neukirchen 1964, 251.

3 Ingolf U. Dalferth, Wirkendes Wort, Leipzig 2018, 66.

 

Über die Autorin / den Autor:

Akademiedirektor i.R. Klaus Nagorni, Jahrgang 1948, Studium der Theologie und der Erziehungswissenschaften in Bethel, Marburg und Heidelberg, Studentenpfarrer in Freiburg, Auslands- und Tourismusseelsorger in Palma de Mallorca, bis 2014 Leiter der Evang. Akademie Baden in Bad Herrenalb; Autor und Sprecher beim "Wort zum Tag" (SWR 2) und Autor zahlreicher Bücher und Veröffentlichungen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
19.02.2021 Ein Kommentar von Eberhard Hadem Sehr geehrter Herr Nagorni, danke für diesen interessanten Artikel. Zu Ihrer 'Gott ist tot'-Anekdote würde ich gerne zwei Anekdoten hinzufügen. 1982 stand an der Hauswand der Theologischen Fakultät in der Kochstraße 6 in Erlangen eben jener Satz von Nietzsche als Graffiti - aber mit einem Zusatz: "Gott ist tot - und ihr seid alle arbeitslos!" Professoren und Studenten haben sich damals gemeinsam dafür ausgesprochen, das Graffiti nicht zu entfernen, sondern es als ständige kritische Infragestellung an der Wand zu belassen. Begründung: Wenn das stimmt, dass Gott tot ist, dann seid ihr in der Theologischen Fakultät tatsächlich arbeitslos - so grundsätzlich und existentiell hat das Graffiti die Infragestellung zu Ende gedacht. Damit sollte sich jede Studentin und jeder Student auseinandersetzen. In einer Erlanger Kneipe fand ich einige Woche später an einer Klowand eben jenen Nietzschesatz geschrieben: "Gott ist tot. Nietzsche." Darunter hatte jemand den von Ihnen zitierten Satz geschrieben: "Nietzsche ist tot. Gott." Getoppt wurde beides aber von dem Satz: "Tote reden nicht. Django." Und da war sie wieder, die besondere Herausforderung für Christen, die als Osterprotestleute nicht an den Tod, sondern an den lebendigen Gott glauben. Der Klowand ging es natürlich wie der Hauswand in der Kochstraße auch: Die Verwaltungsbürokratie hat leider wie immer keine Rücksichten auf apologetische Herausforderungen noch auf Fragen der Kunst genommen, sondern entschieden, das Graffiti zu entfernen. Sehr schade.
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