I. Wie sieht die evangelische Kirche der Zukunft aus?
Wesensbestimmung als Wesensgestaltung

Selten hat eine Schrift über die Entwicklung der Kirche so große Aufmerksamkeit erfahren, die ihren Ausdruck nicht nur in Interesse, sondern auch einer Reihe bemerkenswerter schriftlichen Kritiken findet. Auch wenn es naheliegen mag: Es ist in diesem Herbst ausnahmsweise einmal nicht vom EKD-Papier „Kirche auf gutem Grund“ die Rede, sondern von der Schrift „Wesen des Christentums“ Adolf von Harnacks. Ihre Veröffentlichung verdankt diese gewissermaßen dem Zufall: Hätte ein junger Student im Wintersemester 1899/1900 nicht eifrig Harnacks Worte stenografisch mitgeschrieben, wären Harnacks Gedanken wohl nie publiziert worden. Dabei hatte das Vorhaben seiner Vorlesungen gewaltige Dimensionen: Nicht weniger als das Wesen des Christentums selbst will er durch die gewählte nüchtern historische Methode herausarbeiten – eine Aufgabe, die kaum kleiner ist, als jene der EKD, eine Zukunftsvision für die Kirche zu entwickeln. Durch eine kritische Sichtung der komplexen Geschichte des Christentums will Adolf von Harnack zu einfachen Glaubensauffassungen gelangen und unterscheidet dabei den Kern, das Wesen des Christentums, von jenen Schalen, die sich im Laufe der Geschichte und in den Konfessionsfamilien gebildet haben.

Ein faszinierendes Vorhaben: herauszuarbeiten, was uns als Christinnen und Christen trägt und leitet, und von dem zu unterscheiden, was als Schale auf der einen Seite den Kern verdeckt, ihn aber gleichsam auch schützt und in der jeweiligen Gegenwart verständlich und erlebbar macht. Kann ein solches Vorhaben gelingen?

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten und die vielleicht bedeutendste stammt von Ernst Troeltsch. Er zeigt sich Harnacks Unternehmen gegenüber lobend und dennoch markiert er mit Blick auf die Aufgabenstellung ein grundsätzliches methodisches Problem. Wesensbestimmung ist nach Troeltsch auch Wesensgestaltung. Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung werden auch von der persönlichen Sichtweise des Verfassers abhängen, von seiner eigenen Glaubenshaltung und ob er „das Christentum für eine noch unerschöpfte und in die Zukunft weiterwirkende, ja unvergängliche religiöse Kraft hält oder für eine vorübergehende und bereits im Beginn der Auflösung begriffene Formation des religiösen Lebens“1.

Kurzgefasst: Es schwingt trotz methodischer Führung in einem solchen Unterfangen stets auch Subjektivismus mit. So verwundert es dann auch nicht, dass das EKD-Papier ebenfalls eine ganz eigene Sichtweise zu ihrer Fragestellung präsentiert. Aber was leistet das EKD-Papier für die Kirche der Zukunft mit Blick auf die sich selbst gestellte Aufgabe?

 

II. Die Kritik an „Kirche auf gutem Grund“ und die Reaktion der EKD

Während Harnacks Schrift unverändert in immer wieder neuen Auflagen bis 1925 allein in deutscher Sprache siebzigtausendmal gedruckt erschien, ist die Halbwertzeit des von der EKD vorgelegten Leitsatzpapiers in der im Juni vorgestellten Fassung sehr begrenzt gewesen. Nach nur wenigen Monaten sah sich die EKD gezwungen, eine von Grund auf überarbeitete Neufassung von „Kirche auf gutem Grund“ zu veröffentlichen. Denn trotz der Corona-Pandemie und ihrer verheerenden Folgen, auch für alle Bereiche kirchlicher Lebensäußerung, wurde das EKD-Papier breit aufgegriffen. Es fand sich wenig euphorisches Lob, dafür aber viel pointierte Kritik. Gerade letztere war unüberhörbar und wurde auch medial breit rezipiert. Und sie war wichtig, um auf markante Schwächen des Papiers aufmerksam zu machen. Denn die Autorinnen und Autoren der Kritiken brachten Bestimmungen konstitutiver Elemente eines christlichen Glaubens in evangelischer Gestalt und einer darauf erwachsenen Kirche ein. Den höchst unterschiedlichen Kritiken war doch meistens dieses gemeinsam: Es fehlte im EKD-Papier eine theologisch begründete Position, worauf sich diese Kirche eigentlich gründet und was sie erst zur Kirche macht.

Das EKD-Papier zeigte in vielen Punkten Schwächen, in der Ekklesiologie aber am deutlichsten. Fast hatte man – um Harnacks Bild aufzugreifen – das Gefühl, es wurde nur noch eine möglichst schöne Schale gestaltet, aber der Kern nicht mehr bestimmt. Wesensgestaltung ohne Wesensbestimmung aber ist nicht möglich und eine Kirche der Zukunft kann nur bauen, wer um den Grund weiß, auf dem sie gegründet ist. Eine Christologie, die nur noch bloße Jesulogie ist und in Jesus Christus statt des Urbildes wahren Menschseins nur noch ein ethisches Vorbild für das eigene Handeln erblickt, muss zwangsläufig in einen NGO-Gedanken münden. Sie verkennt dabei das Eigentümliche der Kirche, indem sie diese nur als soziale Bewegung auffasst.

So bleibt das Papier auf viele Fragen Anworten schuldig: Wie kann eine an der Schrift orientierte Anthropologie aussehen und was leistet diese für die schwierige Frage nach dem Verhältnis von Individualität und Gemeinschaft in der (Post-)Moderne? Wenn der gelebte Glaube wie im EKD-Papier vor allem ethisch beurteilt wird, säkularisiert sich die evangelische Kirche dann nicht in gefährlicher Weise selbst? Und welchen Stellenwert müssten dagegen so zentrale Inhalte wie die der reformatorischen Rechtfertigungslehre für die gegenwärtige Gestalt von Kirche haben?

Die Kritiker des Papiers – unter ihnen so namhafte Personen wie etwa Ulrich Körtner, Peter Scherle, Isolde Karle, Gerhard Wegner oder Rainer Anselm – leisten etwas, das das EKD-Papier allein nicht schaffen kann: den Diskurs über wichtige Fragestellungen zur Bestimmung und Gestalt von Kirche. Denn auch vieles weitere blieb im EKD-Papier offen oder zumindest unklar: das Verständnis von Gemeinde und Amt bzw. kirchlichen Schlüsselberufe, die Bedeutung der Ortsgemeinde bzw. Parochie, Mission und gerade auch Seelsorge, die nicht nur enggeführt als Spezialseelsorge in den Blick genommen werden will. Wo fanden sich wirkliche Visionen für die Kirche der Zukunft, konkrete Ideen, die Ausstrahlungskraft haben?

Irritation löste auch Abschätzigkeit traditioneller und etablierter gegenüber alternativen Formen aus, wie auch eine genuin unreformatorische Haltung in Blick auf Hierarchie, Zentralisierung, Sprache und nicht zuletzt Gesprächskultur. Vielleicht waren es gerade die zahlreichen Direktiven, die nicht auf Dialog angelegt waren2, die den Widerspruch so vielgestaltig geradezu herbeibeschworen. Umso mehr erstaunte dann die Veröffentlichung des EKD-Papiers „Kirche auf gutem Grund“ in einer, nun auf zwölf Leitsätze angewachsenen Neubearbeitung.

 

III. Alles neu!? Was leistet die Bearbeitung der Leitsätze?

Die Bearbeitung der Leitsätze ist überraschend umfassend ausgefallen. Auf den ersten Blick scheint es, als hielte man hier ein vollkommen neues Dokument in der Hand.

Leitsätze, die zur Diskussion anregen sollen, müssen auch so gestaltet sein – so hätte die Kritik am ersten Entwurf lauten können. Fast verwundert es, dass sich überhaupt eine Debatte entfachte an diesem Papier, allein aufgrund seiner sperrigen Formulierungen, die reich an Floskeln, aber arm an Aussagekraft schienen. Auch stellte sich die Frage, für wen diese Leitsätze nun eigentlich geschrieben worden sind. Nicht nur kamen bzw. kommen sie noch immer von einem kleinen Kreis, „Z-Team“ genannt, der die Interessen der EKD postuliert; sie waren auch keinesfalls für das breite Publikum verfasst. Letzteres ist nun anders. Kaum ein Satzbaustein ist auf dem anderen geblieben, die verständlichere, lebendigere Sprache wird der Relevanz, die das Papier für sich beansprucht, nun deutlich gerechter.

Das „Wir“ rückt prominent in den Vordergrund. Schon im Vorwort wird die Verwendung des „Wir“ als Einladung benannt. Es bietet Identifikationspotential für die Leserinnen und Leser: „Wir leben, was wir glauben.“ „Wir bezeugen Gott in der Welt.“ Mit starken Wir-Botschaften beginnen die Leitsätze, hier am Beispiel zu Frömmigkeit und zu Mission. Nicht alle Sätze sind nun auch höchst innovativ, nicht alle Leserinnen und Leser werden in jedes „Wir“ einstimmen, werden allem zustimmen können und wollen. Trotzdem, die neue Formulierung belebt die Leitsätze durch eine persönliche und eine aktive Nuance. Statt reichlich ökonomisch und wenig inspiriert und inspirierend mit „Zukünftig werden […] gefördert“ zu beginnen, wird nun Neugier geweckt, weiterzulesen.

Nicht nur das „Wir“, auch der „gute Grund“, auf dem „die Kirche“ stehen soll, wird deutlicher. Christusbindung, Geistverheißung und Liebesgebot sollen Grundlage aller Entscheidungen und Entwicklungen sein. Die vorher ins Nachwort verbannten, biblisch begründeten strategischen Herausforderungen treten nach vorne. Damit nehmen die Verfasserinnen und Verfasser selbst ernst, was sie im Folgenden predigen: Gehör verschafft man sich durch Begründung. Und so lese ich durchaus bereitwilliger, wenn ich schon vorher weiß, wieso, weshalb und warum diese Leitsätze so entstanden sind.

Die Leitsätze bleiben ein Konsenspapier. Auch, wenn das Ziel, verbindliche Verabredungen „auf verschiedenen Ebenen“ zu bewirken, nun vorweg klar benannt ist, bleibt doch die Frage, wie dies von einem solchen Papier der höchsten Ebene geleistet werden kann und soll. Vieles bleibt unbestimmt und offen.

Theologische Begriffe wie Frömmigkeit werden zwar durch die nun prägnant einleitenden Wir-Sätze deutlicher gefüllt und bestimmt. Die Benennung der Kernthemen des Glaubens, die in der Frömmigkeit gelebt werden, fehlt jedoch weiterhin.

Die unverzichtbare Kernaufgabe der Seelsorge hingegen hat das „Z-Team“ als weiteren Leitsatz ergänzt. Auch insgesamt ist die Struktur in überzeugenderer Gewichtung verändert worden. Die Abwertung der Parochialgemeinden wurde verbunden mit dem Eingeständnis der Relevanz persönlicher Beziehungen auf allen Ebenen. So wird zwar die gewünschte Form der Zukunft wieder vielfältiger und damit unbestimmter, was in diesem Fall jedoch kein Manko darstellt.

Unzufriedenstellend vage bleibt das Verständnis von Kirche an sich. Was oder vielmehr wer ist eigentlich diese „Kirche“, von der „wir“ da reden? Ganz selbstverständlich wird davon geschrieben, was „die Kirche“ zu tun hat. Aber nicht, wer konkret als diese Kirche handelt und wer demnach konkret diese Leitsätze umsetzen soll. Die Formulierung, dass sie, die evangelische Kirche, „von Anregungen durch das ‚Priestertum aller Getauften‘“3 lebt, wurde entschärft. Im Abschnitt zur Zugehörigkeit wurde dafür deutlicher formuliert, dass Kirche eben die „Gemeinschaft aller Getauften“ ist. Wenn damit ernst gemacht wird, muss diese Gemeinschaft auch in Leitsätzen für die Zukunft mehr Raum finden und beteiligt werden. Wenn allein die Diskussion von Wenigen in Zeitungen und Internetforen die Leitsätze so weit vorangebracht hat – wie viel hätte vermutlich erst eine breit angelegte und gut kommunizierte Kommentierung, eine Verlegung der Diskussion an die Basis austragen können? Wenn Kirche die Gemeinschaft aller Getauften ist, dann muss diese dringend gehört werden.

Was ebenfalls fehlt, ist die letzte Entschlossenheit im Gottvertrauen. Im Vorwort wird dieses jetzt zwar deutlich betont und vorangestellt. In den Leitsätzen selbst stellt sich dann aber weiterhin die von Scherle bereits aufgeworfene Frage, ob wir „nicht mehr an eine göttliche Heimsuchung“ glauben oder „uns dafür einfach die Worte“ fehlen.4 Gerade die Kontextualisierung des gewählten Bibelhalbverses legt dabei eigentlich schon die Grundlage par excellence: „hinaus in die Weite“ (2. Sam. 22,20) tritt David, der hier seine Errettung durch Gott dankend besingt, nicht selbst, sondern er wird von Gott dorthin geführt. Das heißt nicht, dass „Kirche“ sich zurücklehnen soll. Selbstverständlich muss sie auch selbst aktiv sein. Dies muss jedoch zum einen nicht zwingend zu immer neuen Aktivitäten führen. Zwar wird im neuen Entwurf auch das Bestehende stärker gewürdigt. Doch dass Kirche eben auch Heimat bieten kann, nicht nur den Hochverbundenen, und dass damit auch Stabilität und Beständigkeit einhergeht, das bleibt unterbestimmt. Zum anderen wird weiterhin nicht deutlich, wie konkret „Kirche“, wie konkret „wir“ gedenken, aktiv zu werden. Hier bleiben Leerstellen, Konkretionen werden höchstens mit Selbstverständlichkeiten gefüllt.

Dabei scheint es doch, gerade angesichts der benannten Glaubenskrise, vor allem relevant, das Glaubensleben zu stärken. Wie könnte das gelingen? Wie kann Glaube wieder plausibel und relevant gemacht werden? Wie kann heute gezeigt werden, dass gerade der christliche Glaube Halt und Orientierung bieten kann? Die Sehnsucht danach ist da. Wichtiger, als alternative, niederschwelligere Mitgliedschaften auszuarbeiten, scheint es, dieser Sehnsucht Heimat zu geben und die Attraktivität der Zugehörigkeit damit gar nicht erst in Frage zu stellen.

 

IV. Die Diskussion um das EKD-Papier als Lernweg

Kritik üben lässt sich leicht5. Und schließlich ist Kritik „konsequent reformatorisch“6. Fast schon vorbildlich ist es, wie das Z-Team der EKD mit dieser Kritik umgegangen ist. Allein hieran lässt sich ein Verständnis von Protestantismus heute ablesen: Protestantismus funktioniert nicht von oben nach unten. Erneuerung wird sich nicht dadurch einstellen, dass „die EKD“, „die Kirche“ diese von oben diktiert, verbunden mit der Ankündigung, inwieweit diese Erneuerung mit der Verteilung von Geld verbunden ist. Zwar ist auch diese Form der Organisation von Kirche wichtig, zwar wird sie auch inhaltlich dabei immer wieder Richtigkeiten aussprechen. Doch tatsächliche Erneuerung kann nur dort entstehen, wo der Protestantismus lebt: dort, wo Menschen zusammenkommen, wo sie zusammen ihren Glauben leben und aus ihm heraus handeln. Das muss nicht mehr zwangsläufig die Gemeinde vor der Haustür sein. Wichtig bleibt, dass es auf persönliche Beziehung ankommt, analog und digital.

Protestantische Kirche ist nicht nur aufgeschlossene, sondern auch mutige Kirche. Mut kann auch meinen, etwas zu wagen und damit zu scheitern. Schließlich ist das Christentum selbst entstanden aus einer Geschichte, die nach weltlichen Maßstäben erst einmal als gescheiterte Geschichte gewertet werden kann. Dieser Mut darf allerdings nicht der Mut der Verzweiflung sein, um zu retten, was noch zu retten ist. Vielmehr muss es der Mut aus dem Gottvertrauen sein, dass es eben nicht wir sind, die „hinaus ins Weite“ (2. Sam. 22,20) treten, sondern dass es Gott ist, der damals David und heute uns in diese Weite führt. Deswegen müssen wir uns in der Weite nicht verloren, sondern können uns dort gerade richtig fühlen und selbstbewusst auftreten, predigen und handeln.

Sandra Golenia / Andreas Bartholl

 

Anmerkungen

1 Ernst Troeltsch, Gesammelte Schriften, Bd. II, Tübingen 1913, 424.

2 Man denke hier allein an die Formulierung „Es gilt Beharrungskräfte einzuhegen“ („Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ vom 3.6.2020, Z. 470).

3 „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ vom 3.6.2020, Z. 93f.

4 Peter Scherle, „Ins Weite oder ins Leere?“, https://zeitzeichen.net/node/8477.

5 „Gegen eine übelwollende und tendenziöse Auslegung aber ist jede Verbesserung machtlos“ (Harnack, Vorwort zum 45. bis 50. Tausend „Das Wesen des Christentums“, Berlin 1903).

6 Reiner Anselm, Die elf Leitsätze „Kirche auf gutem Grund“ negieren die evangelische Mentalität, https://www.sonntagsblatt.de/artikel/reiner-anselm-leits%C3%A4tze-kritik-kirche-auf-gutem-grund-ekd-theologie.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vikarin Sandra Golenia, Jahrgang 1990, Studium der Evang. Theologie in Berlin (2011-2015), Dublin (2015) und Göttingen (2016-2019), seit 2019 Vikarin in Hannover-Badenstedt und Vorsitzende der Interessenvertretung der Loccumer ­Vikar*innen.

 

Vikar Andreas Bartholl, Jahrgang 1986, zunächst Studium der Landschafts- und Freiraumplanung in Hannover (2005-2010), danach Wiss. Mitarbeiter der Leibniz-Universität Hannover, Studium der Evang. Theologie in Göttingen (2013-2019), seit 2019 Vikar in Einbeck.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

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