Mitten im sinn- und kulturzerstörenden Ersten Weltkrieg macht eine Kunstrichtung auf sich aufmerksam, die mittels konsequenter Sinnentleerung der Sprache und der Kultur auf die Irrationalismen ihrer Zeit reagiert: „Dada“. Volker Schoßwald greift die Dada-Bewegung auf, um sie zunächst als theologisches Interpretament zu verwenden und sie anschließend heuristisch auf politische, gesellschaftliche und kirchliche Phänomene unserer Zeit zu beziehen.

 

1. Da! Da!

War sie nicht irre, diese Präsidentenwahl in den USA? „Wahl“ oder „Wahn“? Das Irrste: Der verrückte Präsident waren viele. Ist das eine physikalische oder eine psychiatrische Aussage? Den europäischen Reportern fiel es schwer, Trumps Darstellung zu kolportieren. Die einzig zutreffende Beschreibung wäre „dada“ gewesen. Die multipel unterbelichteten USA sind ein Machtfaktor. Gilt „dada“ für den ganzen Globus? Beschreibt „dada“ den Zustandes der real existierenden Menschheit? ­Diesem Gedanken einschließlich des Bezuges zum Schöpfer, zum Erlöser und zum Tröster möchte ich nachgehen.

 

2. Gott ist das Wort

„Dada“ – eine leicht verrückte Kunstrichtung Anfang des 20. Jh. „Dada“ war Anschauung und Kommentar zum Weltgeschehen zugleich. Was um uns herum geschieht, ist dada. Taugt „Dada“ als hermeneutischer Schlüssel für ein zeitgemäßes Verstehen unserer Welt? Nach einem Blick in die Nachrichten diverser Medien inkl. „Fakes“ im Internet klingt es plausibel: „Alles dada!“ Was haben Menschen aus diesem Planeten, aus dem gemeinsamen Leben, aus der Ökonomie, aus der Lebensgestaltung gemacht?! Der Mensch als Krone der Schöpfung?

Als Gott am Abend des sechsten Tages heimkam und sein neuestes Werk der Gattin präsentierte, rollte diese mit den Augen: „Dada?“

„Gott wurde Mensch“ behauptet die weihnachtliche Christenheit. Inkarnation? Schaut zur Krippe: „Gott ist da.“ „Da?!“ Angesichts der Entwicklung seiner Geschöpfe schaute Gottvater vor 2000 Jahren entsetzt seinen Sohn an: „Da! Da musst du hin!“

Inzwischen schaut man auf das gesellschaftliche Geschehen rund um das Corona-Virus. Unsere hochtechnisierte Medizin decouvriert sich als wirkungslos, die politischen Akteure als Dilettanten. Der bayerische Ministerpräsident arbeitet effektiv mit dem Thema „Angst“1, beschneidet Grundrechte und starrt hilflos auf die „Kollateralschäden“. Als ich positiv auf Corona getestet wurde, durfte ich meinen Sohn (9) nicht testen lassen, weil er ein Kind war. Er sollte einfach zwei Wochen nach dem Ende meiner Symptome für zwei Wochen in Quarantäne. Dada! Währenddessen musste dann ein Elternteil von der Arbeit wegbleiben. Also machte ich Home-Office-Beerdigungen. Dada.

„Dada“ entstand im sinnzerstörenden Ersten Weltkrieg. 1916 trafen sich junge Künstler im Cabaret Voltaire in Zürich. Diese Immigranten aus verschiedenen Regionen Europas, Hugo Ball aus München und Tristan Tzara aus Rumänien, wollten nichts mehr aus einer Welt gelten lassen, die jegliche Werte pervertiert: Bomben, Panzer, Flugzeuge und Giftgas. Ihre Darbietungen betitelten sie als „Dada, was „Schaukelpferd“ in kindlicher Sprache bezeichnete: „Schau mal, wie widersinnig das ist! Und so etwas machen intelligente Menschen oder ein guter Gott?“2

„Gott ist dada“ ist eine christologische Aussage. Für Christen wurde die Vokabel „Gott“ durch Jesus von Nazareth interpretiert. Auch ohne Jesus ist „Gott“ „dada“. Nur wenige Wörter sind so antigonal besetzt wie „Gott“3. Wie oft forderte „Gott“ böse Handlungen?! Schon AT und NT sind ergiebig. Hören wir unseren dichtenden Kollegen Kurt Marti4:

und ALSO wurde das wort GOTT
zum letzten der wörter
zum ausgebeutetsten aller begriffe
zur geräumten metapher –
zum proleten der sprache“

 

3. Religion und Erfahrung

Selbst5 theologische Fachleute beuten das Wort „Gott“ aus. Einem barthianischen Verdikt zufolge darf Theologie nicht erfahrungsbezogen sein. Dahinter steckten schlechte Erfahrungen mit dem Kulturprotestantismus, der abstruse Ergebnisse einschließlich des vom „Gott des Vaterlandes“ gewollten Ersten Weltkrieges produzierte. Aber mit dem Verbot, Erfahrung und Rede von Gott zusammenzubringen, schüttete man das Glaubenskind mit dem Barth aus.

Wenn von Gott nicht im Zusammenhang mit Erfahrung geredet werden darf, wie dann? Es geht nicht anders. Religion beruht auf Erfahrungen. Freilich sind unsere schriftlichen Quellen Dokumente interpretierter Erfahrung! Religion, die keiner Erfahrung entspricht, ist Fiktion. Das gilt für „Schöpfung“ im Sinne von: „Gott hat die Welt gemacht“, oder: „die Gebote stammen von Gott“, aber nicht für Äußerungen darüber, welche Erfahrungen jemand mit und in der Schöpfung machte oder wie tiefgehend er die Bedeutung der Gebote erfährt.

Engen wir „Erfahrung und Gott“ auf existentielle Erfahrungen ein. Erfahrungen gelten. Wenn einem verboten wird, darüber zu reden, lacht man den Theoretiker nur aus. Da können Hörsäle oder Pfarrkonferenzen vor Gelächter erbeben. Manche reden, als ob es einen lebendigen Gott nicht gäbe, sondern präsentieren eine Konstruktion, in der Gott nicht souverän agieren kann. Selbst Atheisten reden von Gott so, als kennten sie ihn. Aber sie opponieren gegen Götterbilder und interpretieren in das Wort „Gott“ hinein, was diesen anschließend vernichtet.6

Aber! Barth argumentierte auf einem nicht wegzudiskutierenden Hintergrund: Von einem im Gefühl erfahrenen Gott konnte alles behauptet werden. Gott konnte einen Kriegseinsatz verpflichtend machen. Das behaupteten Theologen, die das, was sie behaupteten, für natürlich hielten. In den 1930ern proklamierte man einen deutschen Gott, einen deutschen Messias und einen germanischen Jesus. Auch nach dem glorreichen Untergang des Antichristen aus Österreich behaupteten tapfere „natürliche Theologen“ (P. Althaus), Gott sei durch die Geschichte als ihr Ursprung erkennbar. Mag sein, aber mit dieser göttlichen Fratze, die sich da zeigt, möchte ich nichts zu tun haben – und Jesus auch nicht, der im KZ geendet wäre.7 Die Theodizeefrage lässt stottern: „Dada!“

Über den deutschen Messias der „tausend Jahre“ (1933-1945) will ich nicht diskutieren. Messianische Zuschreibungen funktionierten schon zu Jesu Zeiten. Die Deutschen Christen waren in nuce Satanisten. Gottes Staatsanwalt verführte auch den bayerischen Landesbischof. Meiser versagte als Hiob und setzte sein bischöfliches Glaubensversagen nach dem Krieg fort. Auch für die zu ihm passende Landeskirche war die Kirche stets wichtiger als Jesus.8 Dada!

 

4. Der Sohn

Diskutieren wir über Jesus statt über Gott. Da verfügen wir über eine stabile Quellenlage. Jesus und die synoptischen Evangelien fungieren quasi als Schutzschild Gottes9. Doch selbst diese historische Gestalt wird durch ihre Interpreten immer wieder verzeichnet. In „Die Geschichte der Leben Jesu Forschung“10 stellte Albert Schweitzer das erkenntnisleitende Interesse in Zusammenhang mit der dadurch geprägten Interpretation. Für Schweitzer verstand sich Jesus als Prophet der Endzeit. Zu Schweitzers epochalem Werk gehören die Erfahrungen, die er selbst mit Jesus gemachte hatte und aufgrund derer er sein Leben in den Dienst der Nächstenliebe stellte. Aus den verschiedenen christologischen Ansätzen nehmen wir: Jesus ist der Interpret „Gottes“ oder das Interpretament Gottes.

Jesus als Interpret „Gottes“ ist tiefer gehängt als die Behauptung der weltweiten Christenheit, in Jesus wäre Gott persönlich präsent. Aber so ist es eben: Nicht das Wort „Gott“ interpretiert, wie Jesus war, sondern „Jesus“ interpretiert, wie „Gott“ ist. Keiner muss glauben, dass Gott sich in Jesus gezeigt hat, aber als Christ setzt du Gott und Jesus in eins. Das grenzt die Diskussionsgrundlagen ein.

Wo finden wir Jesus? Unseren Weihnachtsvorstellungen zufolge lag Jesus in der Krippe bei Maria, Joseph, Ochs, Esel, drei Königen, Hirten – und drüber flog der Komet … Wir wissen Bescheid. Oder flogen die Hirten, hüteten die Könige den Kometen und strahlten Ochs und Esel als glückliche Eltern?11

Jesu Krippe steht im oberbayerischen Stall. Gott stottert entsetzt: Da! Da! Er zeigt. Nicht die Traditionen zeigen uns, wo Jesus ist. Dazu bedarf es des Fingerzeigs Gottes. Aber wenn Gott ruft „Da! Da!“ schaut niemand hin.

In der Adventszeit zeigt sich auf dem Balkon der Nürnberger Frauenkirche eine hübsche junge Frau, verkleidet als Engel, die 2019 mit Jesus wenigstens der Shit-Storm verband. AfD-Anhänger wollten die Tradition wahren, nach der das Christkind eine deutsche Jungfrau ist. Martin Luther führte das „Christkind“ zur weihnachtlichen Bescherung ein, als das männliche Baby ­Jesus. Jesus, eine deutsche Jungfrau? Da da da fehlen mir die Worte.12

„Dada“: 1916 ertrugen die jungen Künstler weder den Wahnsinn des Krieges noch die verlogenen Worte, die Ehre, das Vaterland und den Heldentod. Sie wollten nicht dagegen argumentieren, denn widersinnige „Argumente für Deppen“13 findet jeder, wenn er es will. Die Künstler wählten mit „dada“ ein unverständliches Wort aus der Kindersprache, mit dem sich Kinder verständlich machen. Ein Kleinkind argumentiert nicht. Du musst den Sinn dessen, was es will, erfassen.

Was hat „dada“ mit Weihnachten zu tun? Meine ich das Kind in der Krippe, das „dada“ krähte? Oder sagt Gott in Jesus „dada“ zu dieser Welt, weil ihm die vernünftigen Worte ausgehen? Die Urchristenheit bezeichnete Jesus als den Logos tou Theou, das „Wort Gottes“. Heute zeigt sich: Das Wort Gottes ist „dada“. „Am Anfang war dada, und dada war bei Gott und Gott war dada und dada wurde Mensch.“ (Joh. 1,1f)14

„Dada“ und Weihnachten? Hugo Ball und seine Mitchaoten organisierten 1916 ein akustisches „Krippenspiel“: „fff“ (Wind), „hmmmmmmmm“ (Ton der heiligen Nacht), „He hollah“ (Hirten), „Ia, ia, ia“ (Esel), „Muh, muh“ (Ochse), „bäh bäh“ (Schaf), „ramba ramba m-bara m-bara …“ (Josef und Maria) und so weiter …15 Das Schauspiel ließ offen, ob die Akteure die Geburt des Gottessohnes oder die kirchliche/gesellschaftlich Rezeption persiflierten. Vielleicht deckte sich dies.

Da liebt Gottes Sohn in der Krippe? Das ist doch dada! Gott kann nicht Mensch sein … Schauen wir überhaupt zum richtigen Kind? Ist über den zahllosen Krippen zur Weihnachtszeit Gottes deutender Finger zu erkennen. Ach, wer achtet an Weihnachten auf Gott als Vater Jesu?! Die Urchristen entmannten Josef und sexualisierten „Gott“.16

Da liegt das himmlische Kind in der Krippe? Gottes Sohn in der Kinderkrippe? Ein Witz: Die atheistische DDR schätzte den Begriff „Krippe“ so hoch, dass sie eigene Einrichtungen danach benannte. Westliche sozial unionisierte Christen verteufelten nach der Wiedervereinigung die „Krippe“: da da da da …

In Bayern sollen in öffentlichen Räumen Kruzifixe aufgehängt werden. Was sagt Gott zu dem, was bei uns in öffentlichen Räumen geschieht? Genau! So wurde Jesus gekreuzigt. Oder stottert Gott nur „dada“? Parallel zum Aufhängen der Kreuze stehen für den christlichen Religionsunterricht in vielen Schulen keine Räume zu Verfügung. Kein Raum für Jesus außer am Kreuz? Vor allem ist Raum für ein Kreuz auf dem Wahlzettel. Dada.

 

5. Der Schöpfer

Gott schaute auf die Schöpfung und es war alles gut. Zeit verstrich. Gott schaute wieder auf die Schöpfung und konnte nicht fassen, was seine Menschen gemacht hatten: „Dada“, stotterte er.

Bereits der Beginn der Bibel ist für einen logisch denkenden Menschen eine Zumutung: Gott erschafft die Welt. Das könnte man unter Uminterpretation der Zeitangaben sogar mit der Big-Bang-Theory verbinden. Immerhin ist „bara“ ein von menschlichem „Schöpfen“ unterschiedenes Wort. Aber am Ende der „Schöpfungstage“ war alles gut bis sehr gut. So zensierte Gott sein eigenes Werk.

Im 3. Kapitel geschieht der Sündenfall. Wir brauchen sie nicht biblizistisch aufzugreifen, keine Äpfel aus dem Sack des Weihnachtsmannes eisegesieren, keine Schlange zur Gestaltung der Weltgeschichte. Es reicht bereits die stringente Interpretation, dass die Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, sondern durch Jahrtausende böse agieren und Gott nicht Rede und Antwort stehen können.17 Diese Realität widerlegt das „und siehe, alles war sehr gut“. Der Fehler liegt im System: Gott machte alles gut mit der Soll-Bruchstelle „Sünde“. Dada.

Soll-Bruchstelle? Selbsternannte Verteidiger Gottes18 interpretieren ein höheres Gut in diesen Widerspruch und berufen sich auf die menschliche Freiheit, als deren Kontrast das Marionettendasein droht. Ich erlebte Menschen, die sich nachhaltig um ein anständiges Leben bemühten, nie als Marionetten. Im Gegenteil: Sie konnten Rede und Antwort stehen und Fehlverhalten eingestehen.

Gott machte alles sehr gut, und wir reihen Kriege aneinander? Gott machte alles sehr gut, und es mündet in den Neoliberalismus? Gott machte alles sehr gut und die Menschen stimmen für Putin, Erdogan und Trump? Dada. Auf dieser Folie wird sogar Angela zum Engel, die seinerzeit gegen den Bundeskanzler für den Irakkrieg schwärmend auf Präsident Bush flog.

 

6. Der Heilige Geist

Charismatiker aller Couleur kennen das Phänomen. Der Geist Gottes packt eine Anwesende und sie spricht in einer himmlischen Sprache: Glossolalie. Für unvoreingenommene Ohren klingt es wie eine Kunstform. Gehörte Dada-Papa Hugo Ball zu den Glossolalisten?

bfirr bfirr
ongog

rorr sss
dumpa
feif dirri
chu gaba
raur
ss

So deklamierte ein charismatischer Hugo Ball 1917 im Züricher Cabaret Voltaire. Unbeleckte Hörer dieser glossolalistischen Szene könnten denken: Der spinnt. Gaga ist dada.

Schon der Apostel Paulus forderte angesichts der geistgewirkten Sprache, sie müsse kompetent in verständliche Worte übersetzt werden.19 Kenner wissen: Das führte beim drogenbewirkten Orakel von Delphi dazu, dass professionelle Interpreten ihre Interessen in die Auslegung einbrachten. Die doppeldeutig prognostizierte Schlacht von Salamis ging verloren, das professionelle Auslegen blieb. Der Heilige Geist kann sich so wenig dagegen wehren wie Apoll in Delphi.

Die Dadaisten erhoben die Glossolalie 1916 zur Kunstform: Ihre unübersetzbaren Lautgedichte verdeutlichten, dass die vernünftige Sprache pervertiert wurde, keine Verlässlichkeit mehr bot durch die politischen, philosophischen und journalistischen Irreführung in den Weltkrieg hinein.20 Das Rationale war obsolet.

Welchen Sinn macht Glossolalie? Warum sollte sich der Heilige Geist unverständlich äußern? Das wäre dada. Jesus sprach verständlich. Zur Vertiefung wählte er prägnante Ausdrucksformen: Gleichnisse. Den narrativen Wanderprediger verstand man besser als den dozierenden Rabbi. Bei den Gleichnissen „vom Verlorenen“ verband Jesus die Pointe der drei verschiedene Geschichten durch eine parallele Aktionsreihe: verlieren – finden – sich freuen. Gott stellte er durch eine Hausfrau, einen Hirten und einen Vater dar. Es ging nicht um eine Beschreibung Gottes, sondern seines Handelns. Er? Oder auch sie. Jesus schenkt Gott eine weibliche Repräsentantin und zwei männliche Vertreter. Dem entnehme ich, dass Jesus „Gott“ nicht mit menschlichen Kategorien wie Mann oder Frau definiert, sondern sich auf sein erfahrbares Handeln konzentriert.

Zungenreden demonstriert die Sinnlosigkeit göttlicher Äußerungen. Ist dies das Interesse der Geist-Laller? Nein! Ihre Show ist Show! Das hat der Heilige Geist nicht verdient. Aber er wehrt sich ja nicht. Selber schuld! Dada.

 

7. … und die Kirche?

„Dada und Kirche“ klingt nach Nestbeschmutzung: Kirche ist dada. Doch bei vielen kontroversen Themen stößt nachhaltige Zustimmung auf ebenso heftigen Widerspruch. Das ist ein Kennzeichen der EKD. Dada? Nein, es demonstriert die Hilflosigkeit demokratischer Strukturen ohne eine substantielle Basis. Wichtig für das Überleben der Kirche sind die zentripetalen Kräfte. Sie müssen das allzumenschliche Auseinanderdriften ausgleichen. Gerade in „Glaubens“-Dingen im weitesten Sinne tendieren Abgrenzungen zu Trennungen. Das mag im Extremfall passen, aber oft genug relativiert ein reflektierter Glauben die menschlichen Einsichten, die wir haben und die von anderen nicht geteilt werden. Das ist nicht dada, sondern passt zu Jesu Offenheit seinen Mitmenschen gegenüber, etwa der syrophönizischen Frau, auf die er mit: „Da da da hast du Recht!“ reagierte.

Wenn Menschen vom Christentum plappern, es aber vom konkreten Christus, Jesus aus Nazareth trennen: „Dada“. Alles weitere Reden wird zum Unsinn. Als die AfD 2018 blökte, sie wäre die einzige echte Hüterin des christlichen Weihnachtsfestes, provozierte sie „dada“. Wer Jesus an der Grenze zurückschicken würde, braucht kein christliches Weihnachtsfest, ihm reicht die Wintersonnwendfeier. Natürlich beschränkte sich dieses Dada-Christentum nicht auf AfD und Anhänger.

Die EKDada kanonisierte, im Konfliktfall zwischen Pfarrer*innen und Gemeinden dürfe keine Schuld festgestellt werden und sie müssten sich eben trennen21. Damit öffnete der kirchliche Gesetzgeber der Niedertracht Tor und Tür, einseitig für mobbende Gemeindeglieder. Die EKDada konstatiert: Schuld darf nicht benannt werden. Das Kirchenrecht untersagt festzustellen, ob es Schuld gibt! Hier erwies sich die Synode nicht als friedenstiftend, sondern als konfliktscheu und verantwortungslos, zahnlos wie Multimeinungs-EKD-Denkschriften. Angesichts konkreter Personen ist der Verzicht auf Benennung von Verschulden einfach feige. Da macht unsere Kirchenleitung gemeinsame Sache mit den/dem Bösen.22

Es ist leichter, den Klimawandel zu beklagen und das Ertrinken von Flüchtlingen im Meer als in eine konkrete interne Konfliktsituation zu gehen und dort den Ursachen und Urhebern nachzuspüren.23 Dazu müsste eine „interne Abteilung“ die Ehrenamtlichen im Blick haben. Die Kirche mit ihrer Gesamtstruktur ist lau. Nicht mal dada, schon „Pfui“, zum Ausspucken, in Jesu Diktion.

 

8. Alles dada?

„DADA“ ist eine Reaktion. „DADA“ ist spontan: Aha.

„DADA“ als Interpretament für die Welt, die wir erleben?

Aus europäischer Sicht ist Donald Trump die DADA-Reaktion der US-Bevölkerung, meist weiß, männlich, frustriert,24 aber auf alle Fälle irrational. Vor diesen Politiker, der alle Konventionen mit Füßen tritt, stellten sich die Profis des formalisierten politischen Umgangs und demonstrierten etwa beim Impeachmentverfahren durch ihre parteiische Rückgratlosigkeit: „Es geht uns um Macht und sonst nichts. Wenn Donald Trump unsere Macht garantiert, dann ist uns alles andere egal.“ Vor und nach der Wahl. Dada!

Seine Wähler profitieren nur emotional, weil er ihre Wut verkörpert. Ansonsten profitieren die, denen es nur um Macht und wirtschaftlichen Erfolg geht. Wenn dieser Ex-US-Präsident behauptet, die Schwerkraft gibt es nicht und nichts fällt zu Boden, wenn man es loslässt, dann hat er Recht. Er („ER“? Die US-Fundamentalisten tragen ihn!) hat Recht und nicht die erfahrbare Wirklichkeit. Dada.25 Bei Galileo Galilei weigerten sich die Vertreter der römischen Kirche, durchs Fernrohr zu schauen, denn nichts, was sie sehen würden, könnte wahrer sein als die kirchliche Lehre und Aristoteles. Dada.

 

9. Der Dada-Prozess

Dada kann jederzeit leben, wenn der Kontext es fordert und Menschen verunsichernde Ausdrucksformen brauchen. Dada ist nicht gut und nicht böse, kann aber das eine oder andere auch sein. Wie die Berliner Dadaisten ihrem Kollegen Kurt Schwitters vorwarfen, er sei nicht politisch, er müsse Position beziehen.26 Aber für ihn war Dadaismus Kunst. Freilich: Kunst ist Betrachtung der Welt mit besonderem Blick. Wenn der realistische Maler Wilhelm Leibl propagierte „Gut sehen ist alles!“27, meinte er mehr als einen Blick für die Perspektive. Er meinte das genaue Hinsehen. Jedoch: Wer genau hinsieht, muss nicht zu realistischen Bildern kommen. Das merken alle, die auf den großen Prediger aus Nazareth achten, der mit Metaphern jonglierte und Dinge so präzise auf den Punkt brachte, dass es 20 Jahrhunderte lang wirkte.

„Dada ist eine Reaktion auf den allgegenwärtigen irrationalen, sich rational gebärdenden Faschismus“,28 schrieb ich 2020, bis ich realisierte: Dada kann auch faschistisch sein. Es überschneidet sich am Stichwort „Irra­tionalität“.

Könnte „DADA“ ein Interpretament für die Welt sein, die wir erleben? Wenn Jesus sagte, dass man nur mit den Augen eines Kindes das Reich Gottes sehen kann, dann meinte er das unvoreingenommene Anschauen (theorein) der Welt, das zu einem neugierigen und erstaunten „dada“ führt. „Dada“ bedeutet für einen Erwachsenen: „Schau nur hin! Was soll denn das?“

Wenn Pfarrer ihre Predigten ein Jahr lang mit „dada“ statt mit „Amen“ beschließen würden, hieße es nicht bekräftigend: „So sei es“, sondern: „Was ist denn da los?!“29 Jesus ist nicht Gottes großes Amen auf diese Welt, sondern die Frage: „Was ist denn da los?“ Was ist wohl los, wenn der Sohn Gottes in die Welt kommt, predigt, heilt und streitet und dann gekreuzigt wird, unter dem Hohngelächter des Plebs und dem überheblichen Lächeln der großen Priester? Dada: Gott kommt und die Seinen nehmen ihn nicht auf. Grünewald lässt Johannes mit übergroßem Finger auf Jesu Wunden am Kreuz deuten. Fehlt nur noch die Sprechblase: „Dada“?

„Dada“ passt zu „Jesu Beschneidungsfest“, zum Volksjubel am „Palmsonntag“, zum Gründonnerstag mit den schlafenden Getreuen, an Karfreitag zu fast jeder Szene des Mannes mit der „Corona“ und an Ostern klänge „dada“ nur noch erstaunt. Bei der Himmelfahrt ertönte „dada“ überrascht und enttäuscht, an Pfingsten träfen sich „dada“ und „Glossolalie“. Alfred Loisy (1857-1940) formulierte klassisch: „Jesus hat das Reich Gottes verkündet; gekommen ist die Kirche.“ So kann sich „dada is die Kirch“ durch das ganze Kirchenjahr ziehen. Wenn die Welt untergeht, singen die Engel statt Halleluja „Dada DuJa“.

 

10. Fazidada

„Taugt ‚dada‘ als hermeneutischer Schlüssel für ein zeitgemäßes Verstehen unserer Welt?“ Wenn du nur noch jaulen kannst wie ein Hund, dem ein Elefant auf den Schwanz tritt, weil alle so hirnrissig agieren und reden, die Politiker, die Wirtschaftsbosse, die Gewerkschaft, die marginale Landeskirche, die einsichtslosen Wähler, dein verbohrter Querdenker-Nachbar, seine Katze, seine Maus am Computer, festgewachsen an der Hand seines bescheuerten Bankert, dann hilft nur: Dada, die Großpackung aus der APO-Theke. Anders als die dadaesken Apokryphen mit Kindheitsevangelien reagieren wir auf unseren Alltag: dada. „Dada“ könnte befreien, wenn wir dadaistisch werden wie die Kinder, mit denen und von denen Jesus sprach. „Dada“ könnte befreien, wenn wir immer wieder auf Kirche und Welt und Gottphantasien deuten wie auf den nackten Herrscher in Andersens „des Kaisers neue Kleider“: Dada. Im Märchen führt es zur Erkenntnis.

 

Anmerkungen

1 Traditionell bei der CSU.

2 Hugo Ball produzierte ein dadaistisches Krippenspiel, bei dem alle Tiere ertönen.

3 Etymologisch aus „gut“.

4 Aus: „die passion des wortes GOTT“ (Kurt Marti: „Abendland“, 1980).

5 Oder „gerade“?

6 Banal: die Kombination der durch keine Erfahrung gedeckten angeblichen „Allmacht“ Gottes mit der Theodizeefrage.

7 De facto landete er am Kreuz.

8 Kenner erinnern sich an die Dokumente von Karl Steinbauer.

9 Einen historisch-kritischen Zugang setze ich voraus.

10 1906/1913.

11 Vgl. Gieschen/Meier, Der Fall „Christkind“.

12 Als ich in einem Nürnberger Leserbrief unbefangen erklärte, das Christkind sei männlich (Männer könnten sich bewerben), sprach mir ein Gemeindeglied auf den Anrufbeantworter, wenn ich sie beerdigte, würde sie mich aus dem Grab heraus anspucken … Ich provozierte diese Situation nicht …

13 „Argumente für Deppen“ abgekürzt?

14 Dr. Faust: „‚Am Anfang war das Wort‘? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. Am Anfang war … die Tat!“

15 Hugo Ball et al., in H. Korte (Hg.), „Dada zum Vergnügen“ (Reclam), 89ff.

16 Im Nordportalbogen der Würzburger Marienkirche befruchtet Gott Maria mit einem babyreifen Kindlein durchs Ohr.

17 Wir bräuchten ekklesiologisch eine „Theologie der Antwort“.

18 Von diesem gemeinerweise mit prekären Verstandesmitteln ausgestattet.

19 Der semi-realistische Apostel kannte die Gefahr der religiösen Selbstdarstellung.

20 Ich verwende diese Methode im Unterricht. Wenn zu viel Unsinn geschieht, beginne ich, sinnlos zu reden. Das provoziert Unverständnis. Dann checken die ersten: Dem Lehrer ist es zu blöd. Also kommt er uns wie blöd …

21 Also muss die Gemeinde vom Pfarrer wegziehen. Nein! Weil das nicht funktioniert, muss immer (!) der Pfarrer wegziehen. Eine geile Lösung, die die Heuchler in der Kirche gefunden haben!

22 Jüngstes Beispiel ist der Kollege Dreher in Nürnberg, der in einem Leserbrief im bayerischen Pfarrerblatt als Reaktion auf „Du sollst nicht ertrinken lassen“ schrieb, er würde Menschen in Seenot an Bord nehmen, hielte aber die EKD-Rettungsaktion für ungeeignet. Der kirchenkritische Journalist der Nürnberger Nachrichten zitierte seinen Dekan, die Kirche sei selbstverständlich für die Rettung von Mittelmeerflüchtlingen, und er würde, wenn der KV ihn dazu auffordere, dienstrechtliche Schritte in München anleiern. Das kommunizierte er über die Zeitung! Ein öffentlicher Aufruf! Also musste der Kollege gehen – obwohl keiner der Beteiligten des Leserbrief-Ostrazismus je einen Flüchtling aus dem Mittelmeer gerettet hat. Dada! Wer Flüchtlinge retten will, sollte nicht Pfarrer ersäufen!

23 Prägnant S. Köglmeier, „Luxusgehälter der Pfarrer endlich kürzen!“ (Bayerisches) Korrespondenzblatt 10/2019. Anschließend W. Geyer, „Einfach eintreten!“, und K.-F. Wackerbarth, „Eine geht noch…“. Ihnen gebührt das Prädikat: „Kirche als ‚dada‘ decouvriert“.

24 Satiriker sprechen von der „Angst vorm langen schwarzen Schwanz“.

25 Vgl. B. Henderson, „Flying Spaghetti Monster“, und V. Schoßwald, „Wir waren doch auf dem Mond“.

26 Auf die Diffamierung seines Ex-Freundes Huelsenbecks, Schwitters sei der „Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution“ reagierte der Künstler mit der Verhohnepiepelung „Hülsendada“. Diese Formulierung ist zumindest dadaistischer als die von Huelsenbeck. Zum Thema „Dada“ siehe auch „The Beatles go Dada“ und „Alles dada?!“

27 Nach diesem Diktum des Künstlers wurde die Leibl-Ausstellung in der Albertina in Wien (Mai 2020) benannt. Sie fiel Corona zum Opfer.

28 V. Schoßwald, „Alles Dada“.

29 Siehe Albert Schweitzers Interpretation von Jesu Selbstverständnis.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Volker Schoßwald, Jahrgang 1955, Theologiestudium in Erlangen und Tübingen, anschließend Vikariat und Pfarramt in Würzburg, Nürnberg und Schwabach, derzeit Pfarrer in Nürnberg-Gostenhof und Nürnberg-Großreuth; Veröffentlichungen: Biographische Skizzen zu Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King sowie Anschauliches zum Leben nach dem Tod: "Lucy, der Himmel und ich".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

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