IV. „Du musst Dein Ändern leben!“

Johannes der Täufer war in der Wüste und verkündete eine Umkehrtaufe zur Vergebung der Sünden. (Mk. 1,4)

Ausgehend von dem Satz „Du musst dein Leben ändern!“ aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ (1908) verfasste Peter Sloterdijk 2009 einen großen Essay unter eben diesem Titel: „Du musst Dein Leben ändern!“ Es geht um eine grundlegend neue Anthropologie, die den Menschen als Übenden begreift. Dabei spielt die Religion eine entscheidende Rolle. Sie existiert für Sloterdijk allerdings nicht sui generis, sondern ist vielmehr Teil eines spirituellen Übungssystems, mit dem das menschliche Bedürfnis nach einer Unterscheidung von dem, was in der Welt ist, befriedigt wird. Statt einer „Rückkehr der Religion“ das Wort zu reden, wirbt Sloterdijk für eine Ausweitung der Übungszone des einzelnen wie der Gesellschaft. Nur durch Übungen erzeugt sich der Mensch, und es kommt zur Selbstbildung des Humanen. Entsprechend lautet der Untertitel seines Essays: „Über Anthropotechnik.“

Was hat das alles mit Johannes dem Täufer zu tun? Ich bin über seine „Umkehrtaufe“ darauf gekommen: Johannes der Täufer war in der Wüste und verkündete eine Umkehrtaufe zur Vergebung der Sünden (Mk. 1,4). Was es mit dieser „Umkehrtaufe“ genau auf sich hat, ist umstritten. Im Markus-Kommentar von Joachim Gnilka steht, dass sie traditionsgeschichtlich wohl dem Ritualbad der Gemeinschaft von Qumran am nächsten kommt. Deren Mitglieder praktizierten regelmäßig rituelle Reinigungsbäder in Mikwen, eigens dafür konstruierten Tauchbecken. Wie bei der Taufe des Johannes ginge es auch in Qumran um den Zusammenhang von Umkehr und Sündenvergebung. Entscheidend für die von Gott gewährte bzw. von Gott erwartete Sündenvergebung war dabei nicht der Reinigungsritus selber, sondern die Buße, d.h. die innere Umkehr des Menschen (vgl. 1QS 3,4-6). Anders als in Qumran war die Umkehrtaufe des Johannes aber ein einmaliger Akt. Wer sich von Johannes taufen ließ, brachte damit öffentlich seine Buß- und Umkehrbereitschaft zum Ausdruck. Er oder sie wollte sein bzw. ihr Leben grundlegend ändern. Doch wie macht man das?

Sloterdijk würde sagen: üben, üben, üben. Der schlechteste Rat ist das sicher nicht. Der beste aber auch nicht. Denn er verkennt, dass die Umkehr und die Vergebung der Sünden die Voraussetzung für ein neues, verändertes Leben sind. Mich in Reinigungsriten oder sonstigen Ritualen zu üben, bewirkt letztlich nichts, wenn nicht innere Umkehr und Gottes Vergebung eine Änderung bewirken. Erst, wenn das erfolgt ist, kann sinnvolles Üben einsetzen. Erst dann können wir nämlich üben, die Änderung, die geschehen ist, in unserem Leben wirksam werden zu lassen. Wir können anfangen unser Ändern zu leben. Von daher geht von der Umkehrtaufe des Johannes nicht die Botschaft aus: „Du musst dein Leben ändern!“, sondern vielmehr: „Du musst dein Ändern leben!“

Sascha Flüchter

(Fortsetzung folgt)

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Sascha Flüchter (Evang. Kirche im Rheinland) hat den Anfang des ältesten Evangeliums einer differenzierten Betrachtung unterzogen und präsentiert seine Überlegungen zu den ersten acht Versen des Markusevangeliums in einer kleinen Serie von acht Essays.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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