Vor Jahren sagte eine Gottesdienstbesucherin nach einer Predigt unter der Kirchentür zu mir sehr pathetisch: „Bravo, Ihre Predigt war kein bisschen langweilig.“ Da hatte sie mich an diesem Morgen auf dem falschen Fuß erwischt. Ich antwortete, zugegeben etwas humorlos: „Ist das wichtig, dass eine Predigt nicht langweilig ist?“ Sie entgegnete: „Natürlich!“ Ich entgegnete: „Könnte es nicht wichtiger sein, ob eine Predigt wahr ist oder nicht?“ Hier wurden wir unterbrochen. Aber das Gespräch ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

 

Langweiliger Gottesdienst

„Langeweile ist das unwohle, unangenehme Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgerufen wird“, heißt es auf wikipedia. Bei der repräsentativen Studie „Konfirmandenarbeit in Deutschland“ (2009) kam heraus, dass Konfirmanden auf die Frage, wie sie den „Gottesdienst“ fänden, am häufigsten „langweilig“ notiert haben. Nun könnte man denken, dass man sich mit dem Gottesdienst erst anfreunden muss. Dem widerspricht die Studie, denn am Ende des Konfirmandenjahres wurde die Zuschreibung „langweilig“ von den Jugendlichen zum Gottesdienst noch häufiger genannt. Langeweile wird vom modernen Menschen (nicht nur den Konfirmanden) als unangenehm empfunden.

 

Die Kategorie der Langeweile als Kriterium der Predigtkritik

Wie kommt man aber überhaupt auf die Frage, ob ein Gottesdienst langweilig sein könnte? In der Bibel ist nirgends von Langeweile die Rede. Auch den Reformatoren war die Langeweile fremd. Sie machten die Klöster als Orte der Melancholie und Ruhe dicht und predigten das Ideal der Arbeit. So wetterte etwa der Reformator Michael Stifel 1522 deftig gegen einen Franziskanermönch: „Glaubst du, mein lieber Barfüßer, dieweil du doch willst der allerärmste sein, dass dein Vater, der liebe Franziskus, hat wollen aufsetzen ein solch volles und faules Leben, als ihrs jetzt führt?“

Wer von morgens bis spät am Abend arbeitet, dem ist Langeweile fremd. Langeweile ist ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft bzw. ein Gemütszustand von Menschen aus der Oberschicht.

 

Unterhaltung auch in der Kirche

Im Dorf gab es früher drei öffentliche Gebäude: das Rathaus, die Kirche und das Gasthaus. Letzteres war für den Leib und die Unterhaltung zuständig. Im 19. Jh. entstand als Reaktion auf die Industrialisierung die Gemeindebewegung, die die Kirche radikal veränderte. Menschen vom Land strömten damals in großer Zahl in die Städte, um in den Fabriken zu arbeiten. In den riesigen Stadtgemeinden fanden sie jedoch keinen sozialen Anschluss. Eine massive Entkirchlichung war die Folge. Der Gottesdienstbesuch lag in den großen Städten in evangelischen Gemeinden etwa bei 1,5%.1

Auf diese Situation wie auf das soziale Elend reagierten zunächst kirchlich-diakonische Vereine. Es war der lutherische Pfarrer Emil Sulze (1832-1914), der das Idealbild der „überschaubaren“ oder „lebendigen Gemeinde“ in der anonymen Großstadt entwickelte. Jedes Kirchenmitglied sollte den anderen Gemeindegliedern in Liebe und Fürsorge zugetan sein. Um dieses Ziel zu erreichen, kam Sulze auf die Idee „geselliger Abende“. Nun sollten Kirchengemeinde auch Freizeitangebote anbieten. In großer Zahl wurden Gemeindehäuser gebaut. Sie boten als „Horte christlicher Liebe“ Raum zu christlicher Gemeinschaftsbildung und aktivem Engagement. „Diese neue Gemeinschaftsorientierung der Kirchengemeinden fand ihren sichtbarsten Ausdruck in der Institution des ‚Gemeindehauses.‘“2 Aber Sulzes Modell wurde schon bald kritisiert. So schrieb Walter Bülck 1926: „Kaffee- und Teegesellschaften, Deklamationen und Gesangsvorträge, Lichtbildervorträge, turnerische Darbietungen, Reigen, Theateraufführungen, und wer weiß, was alles, zu veranstalten, dazu ist die Kirchengemeinde nicht da.“3

 

Tanzverbot, Bibliothek und Bar

Gemeindehäuser waren von Beginn an Orte der Kultur und Bildung. Bis heute gibt es noch zahlreiche Bibliotheken in Gemeindehäusern. Es mag erstaunen, dass es in vielen Gemeindehäusern in Württemberg, das stark vom Pietismus wie der Erweckungsbewegung geprägt ist, nur eine Teeküche gibt. Ganz bewusst wurde beim Gemeindehausbau auf eine gut ausgestattete Küche verzichtet. So sollte verhindert werden, dass Feste und Hochzeiten gefeiert werden konnten. Lediglich Tee und evtl. Kaffee sowie Hefezopf sollten beim Studium der Bibel gereicht werden. In manchen württembergischen Gemeindehäusern ist das Tanzen gänzlich untersagt.4

Anders hingegen ist das Gemeindehaus in der Südkirche in Esslingen von 1926 konzipiert. Dieser expressionistische Modellbau mit integriertem Gemeindehaus wurde vom Architekten Martin Elsaesser im Dialog mit Pfarrer Otto Riethmüller entwickelt. Im Erdgeschoss findet sich eine feine Kleinkunstbühne mit dunkelrotem Theatervorhang, in der Kirche zwei Emporen, die die Aufführung von Riethmüllers imposanten Singspielen ermöglichten. Ein ganz anderes Konzept wurde in vielen katholischen Gemeindehäusern realisiert, in denen es neben der Kegelbahn selbstverständlich auch eine Bar gibt.5

 

Neues Selbstverständnis

Mit dem Aufkommen der Gemeindehäuser veränderte sich das Verständnis der Kirchenmitgliedschaft wie der Pfarrberuf grundlegend. Aktive Beteiligung an den vereinsähnlichen Aktivitäten der Kirchengemeinde wurde nun zum Gradmesser für wahre kirchliche Mitgliedschaft. Die Idee einer regen „Kerngemeinde“, die jedoch immer eine Minderheit blieb, war geboren. Der großen Masse der Kirchenmitglieder ist das Gemeindehaus nur durch den Konfirmandenunterricht bekannt. Sie sind freundlich distanziert und nutzen vor allem die Kasualien und die kulturellen Angebote der Kirchengemeinde.

 

Kirchliche Unterhaltungskultur

War der Pfarrer bisher nur auf der Kanzel und in der Schule tätig gewesen, so musste er nun auch Sozialarbeiter, Filmvorführer, Schauspieler, Hausmanager und Unterhalter sein. Am schönsten ist es natürlich, wenn die ganze Pfarrfamilie das Gemeindehaus mit Leben füllt. Die Pfarrfrau kann sich im Frauenkreis, in der Kinderbibelwoche sowie in der Kinderkirche einbringen; die Pfarrerskinder leiten Jungscharen und Jugendgruppen und tragen Einladungen aus.

War das Fass erst einmal geöffnet, entwich der neue Geist der Unterhaltungs- und Spaßkultur. Zerstreuung durch Unterhaltung und die Qual der Langeweile sind nämlich zwei Seiten derselben Medaille. Ob das Haus voll ist oder nicht, wurde nun zu einem Qualitätsmerkmal der Gemeinde wie auch des Pfarrers.

Walter Bülck kritisierte diese Veränderung des Pfarrerbildes, denn er sah die Gefahr, dass das Leben einer Kirchengemeinde nach der Zahl seiner Veranstaltungen beurteilt werde und sich die Aufgaben des Geistlichen immer stärker der Unterhaltung und Geselligkeit annäherten, so dass er zum „Manager eines großen Fürsorge-, Bildungs-, und Vergnügungsvereins, der einen beträchtlichen Teil seiner Zeit Vorstandssitzungen und Proben widmen muß“6 werde.

 

Auch Gemeindehäuser kommen in die Jahre

Viele Gemeindehäuser haben einen ganz eigenen Geruch. Meist ist es eine Mischung aus Putzmitteln, Holz, Büchern und alten Stoffen. Bisweilen hat ein Gemeindemitglied vor Jahren eine Pflanze für das Gemeindehaus „gespendet“, die in der eigenen Wohnung zu groß geworden war. Nun wuchert der unförmige Gummibaum im großen Saal. Alle paar Wochen kommt die Spenderin und kontrolliert, ob das Gewächs von der Hausmeisterin richtig gepflegt wird. Keinesfalls darf der handgewebte Teppich, den die Frauengruppe in den Pfingstferien 1997 hergestellt hat, im Clubraum abgehängt werden.

Aber jede Zeit hat ihre Ästhetik. Gerade hier ist offensichtlich, wie Gebäude, in denen Menschen zusammenkommen, der fortwährenden Weiterentwicklung bedürfen. Das Prinzip des „semper reformanda“ ist hier greifbar und nicht ohne Konflikte umzusetzen. Jede Gruppe im Gemeindehaus klagt ihr Recht auf Heimat ein. Dies kann aber nur ein begrenztes Recht sein, weil in diesem Haus auch andere mit gutem Recht ihr Heimatrecht einklagen.

Und wenn die Kirche nun schon im Bereich der Unterhaltung tätig war, wird folgerichtig auch der Gottesdienst in einer Mediengesellschaft auf seinen Unterhaltungswert hin beurteilt. Nun darf die Predigt wie der Gottesdienst alles – nur nicht langweilen.

 

Lob der Langeweile

Die Tragödie der Wohlstandsgesellschaft besteht darin, dass viele mit der freien Zeit, die sie sich immer gewünscht haben, nichts anzufangen wissen. Und jede Form von Unterhaltung bietet Ablenkung durch Abwechslung. Man könnte sagen, dass Unterhaltung eine Auszeit darstellt, in der ich vor mir selbst fliehen kann. Könnte es sein, dass der reizarme Gottesdienst in einer Zeit, in der wir uns zu Tode amüsieren, zutiefst heilsam ist? Könnte es sein, dass im geduldigen Aushalten der Langeweile große Kraft und Energie steckt? Johann Wolfgang von Goethe begrüßte die Langeweile als „Mutter der Musen“, der man Zeit geben muss, damit sie einen küsst. Vielleicht kommen den Menschen die besten Einfälle beim Lungern auf dem Sofa, beim Aus-dem-Fenster-Gucken oder auch im Gottesdienst?

Peter Schaal-Ahlers

 

Anmerkungen

1 Pohl-Patalong, Uta, Die Zukunft der städtischen Gemeinde. Perspektiven für die Kirche. Vortrag im Rahmen der Tagung „Zwischen Babylon und Jerusalem. Die Kirche als Faktor der Stadtentwicklung“ (11.9.2015, Hamburg): Die Gemeinden wurden riesig, hier in Hamburg umfassten sie bis zu 70.000 Gemeindeglieder. Der Gottesdienstbesuch sank stark ab, in den Großstädten bis auf 1,5% der Gemeindemitglieder (allerdings sah es gerade in Norddeutschland auf dem Land nicht anders aus: Eine Erhebung von 1863 in Preetz kommt zu einem Gottesdienstbesuch von 2,0% der evangelischen Kirchenmitglieder).

2 Roosen, Rudolf, Die Kirchengemeinde – Sozialsystem im Wandel. Analysen und Anregungen für die Reform der evangelischen Gemeindearbeit, Berlin/New York, 1997, 84.

3 Bülck, Walter, Die evangelische Gemeinde. Ihr Wesen und ihre Organisation, Tübingen 1926, 36.

4 Vgl. Hausordnung des Gemeindehauses der Kirchengemeinde Hessigheim: https://kirche-in-hessigheim.de/kirchengemeinde/gemeindehaus/.

5 Vgl. Homepage der Katholischen Seelsorgeeinheit Hechingen St. Luzius, https://sse-luzius.de: „Am Lumpenmontag 04.03 gibt es dieses Jahr eine Premiere im Gemeindehaus! Wir, die Ministranten, laden alle Lumpen (und natürlich auch alle anderen) recht herzlich in den Partykeller des katholischen Gemeindehauses ein. Wir eröffnen dieses Jahr erstmals die ‚Lumpentankstelle‘! Für gesellige Stimmung und ausreichend Getränke ist gesorgt. Eine Glückselige Fasnet und bis am Lumpenmontag! Eure Ministranten“.

6 Bülck, a.a.O.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Peter Schaal-Ahlers, nach Studium und Vikariat Pfarrer für City-Kirchen- und Öffentlichkeitsarbeit im Evang. Kirchenbezirk Esslingen (Württ.), seit 2016 Gemeindepfarrer in Ulm.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
17.12.2020 Ein Kommentar von Ellisabeth Elsner Herrlich erfrischend! Habe mehrmals laut gelacht, da so treffend beschrieben. Vieles kann ich bestätigen. Ich selber bin als Kind jeden Sonntag von 14 - 15 Uhr in die Hahn'sche Stunde mitgenommen worden, ab meinem 5. Lebensjahr. Habe das mitgemacht, bis ich ca. 16 war. DAS war die große Schule der Langeweile!! Dagegen war der Gottesdienst in der Kirche ( in den 60-er Jahren) fetzig!
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