Das Verhältnis von Pfarrpersonen zu kirchenmusikalischen Fachkräften ist ein Testfeld kirchlicher Kommunikationskultur. Liturgien werden oft gemeinsam von Pfarrpersonen und kirchenmusikalisch Aktiven geplant und durchgeführt. Viele Gottesdienste leben stark von der Musik, die als Form der Kommunikation des Evangeliums hochgeschätzt und anerkannt ist. Dort, wo die Personen miteinander können und um ihre jeweiligen Kompetenzen wissen und diese respektieren, kann es traumhafte Zusammenarbeit geben. Doch es gibt auch andere Erfahrungen. Dem schwierigen beruflichen Verhältnis zwischen pastoralen Berufen und den musikalisch in der Kirche Tätigen widmet sich Peter Bubmann.*

 

Will man im Nachdenken über das Miteinander der Berufe und Dienste in der Kirche weiterkommen, gilt es, die (noch) bestehenden „Baustellen“ und „Fallgruben“ offen zu benennen und zu analysieren und also auch in die Abgründe scheiternder Zusammenarbeit zu blicken. Die Rede vom kirchenmusikalischen Beruf muss dabei berücksichtigen, dass „kirchenmusikalisches Handeln oft von dem Sachverhalt gekennzeichnet [ist], dass sich verschiedene Grade der fachlichen Spezialisierung mischen (umgangssprachlich: Profi- und Laientum bzw. amtlich legitimiertes und ehrenamtliches Wirken), dass sich Beruf und Berufung durchdringen, moralisch-theologische und fachliche Kompetenzen ineinanderwirken und dass handwerkliche und musikalisch-künstlerische Fähigkeiten zusammenwirken.“1

Gerade auf dem Feld der Kirchenmusik ist es unerlässlich, bei der Frage nach dem Miteinander der Berufsgruppen immer auch die Vielfalt der ehrenamtlichen und nebenberuflichen Tätigkeitsfelder und Rollen im Blick zu behalten, die das Feld ganz entscheidend mitbestimmen. Vier Grundprobleme sollen im Folgenden im Blick auf das Verhältnis der beiden Berufsgruppen in den Blick genommen werden.

 

Die Asymmetrie der Machtpositionen

„Das mittelalterliche Kantorenamt war nach kirchlichem Verständnis ein geistliches Amt gewesen.“2 Allerdings eben ein dem Bischofs-, Priester,- und Diakonenamt untergeordnetes Amt (davon abgesehen, dass es auch Priester-Kantoren gab). Die Reformation beendete diese Stellung innerhalb der Hierarchie der Weihestufen und machte den kirchenmusikalischen Dienst zu einem Beruf, der zwar auch noch zum geistlichen Stand gerechnet werden konnte, aber eben kein kirchliches Amt im engeren Sinn mehr war. Im 17. Jh. konnte das Lehrerkantorat noch als Durchgangsstation zum Pfarramt verstanden werden.3 Im 19. Jh. war dann das Volksschulwesen jedenfalls auf dem Land ganz offiziell dem Ortspfarrer unterstellt.

In der Regel standen dem Pfarrer ja keine hauptamtlichen Kirchenmusiker gegenüber, sondern Lehrer oder Schulkantoren, die neben der musikalischen Tätigkeit noch andere Aufgaben hatten, im römisch-katholischen Bereich bis heute ja auch in der Kombination mit dem Küsterdienst.

Diese Asymmetrie in der Art der Beruflichkeit ist heute nicht anders, weil nur ein kleiner Teil der Pfarrer*innen mit hauptamtlichen Kirchenmusiker*innen zusammenarbeiten kann. Stattdessen ist hier schon vom Beschäftigungsverhältnis her ein Gefälle zwischen hauptamtlich-verbeamteter Leitungskraft und angestellter nebenberuflicher oder ehrenamtlicher Kirchenmusiker*in die Regel (und wer auf zweiter oder dritter Stelle im Pfarramt endlich auf einen hauptamtlichen Kantor als Gegenüber trifft, muss dann das Miteinander auf Augenhöhe erst – und manchmal mühsam – lernen).

Nun lässt sich erleben, dass auch nebenberufliche Organist*innen mehr Ahnung von der Liturgie und ihrer Dramaturgie mitbringen können als manche Liturg*innen selbst. Die rechtlich subordinierte Stellung kann sich also überkreuzen mit der fachlichen Expertise. Zumindest unterschwellig ist das auch vielen Pfarrer*innen klar. Man könnte damit souverän umgehen und die Gaben in gegenseitigem Respekt würdigen. Oftmals aber wird das Ego narzisstisch geschützt, indem der ganze Bereich, für den die andere Begabung steht, abgewertet wird: das ist dann ja alles „nur“ Liturgie und Begleitmusik, und das Eigentliche sei die Predigt.

Aber auch umgekehrt gibt es solche Schutzreflexe: Religion sei, so könnten die praktisch-theologisch Gebildeten unter den Kirchenmusiker*innen argumentieren, doch heute primär ästhetisch formatiert, weshalb die Predigt als Relikt einer früheren Zeit doch eigentlich besser zugunsten musik-religiös inszenierter Erfahrungsräume zurücktreten solle.

Dass beide Positionen aus evangelischer Perspektive kaum haltbar sind, dürfte deutlich sein. Und dass solche Haltungen dem Miteinander abträglich sind, auch. Deutlich dokumentiert sich die Subordination der Kirchenmusiker*innen auch in den Rechtsverhältnissen der verschiedenen Berufsgruppen: beamtenrechtlich (Pfarrer*innen in der Regel), bei den Kirchen­musiker*­innen hingegen mit privatrechtlichem Arbeitsvertrag. Dadurch unterscheiden sich allerdings auch die Ansprüche an Loyalität und Lebensführung bei beiden Berufsgruppen, was von manchen Kirchenmusiker*innen im Blick auf Residenzpflicht oder ethische Anforderungen an die Lebensführung auch als entlastend erlebt werden kann.

Die Asymmetrie im Verhältnis der Berufsgruppen zeigt sich exemplarisch in der Frage der Repräsentanz in den Leitungsgremien der Kirche. Der Zugang zu den kirchlichen Leitungsgremien ist verschieden: Pfarrer*innen sind in der Regel automatisch Mitglied im Kirchenvorstand/Presbyterium, hauptamtliche Kirchenmusiker*innen etwa in der Evang.-luth. Kirche in Bayern nur auf Antrag beratend.

 

Theoretische bzw. praktische Vernunft vs. ästhetische Vernunft …

Fragt man nach der Tiefenlogik der Ausbildungssysteme und nach den häufigsten Formen der Motivationen, die entsprechenden Berufe zu ergreifen, ergeben sich deutliche Differenzen zwischen Theologen- und Kirchenmusik-Beruf:

Das Theologiestudium ist primär ein Sprachenstudium (nicht nur der alten biblischen Sprachen, sondern auch heutiger Verkündigungssprache und seelsorgerlichen Redens) und ein historisch orientiertes Studium. Hauptsächlich wird hier die hermeneutische Kompetenz ausgebildet (wenn es denn gelingt), also die Fähigkeit, im Wissen um die differenzierte, primär sprachlich verankerte Tradition des Christentums die Botschaft des Evangeliums heute zu formulieren. Theolog*innen können – wiederum: wenn es gut geht – besonders gut lesen, reden und schreiben. Im Predigerseminar kommen dann noch seelsorgerliche Kompetenzen dazu, das Zuhören, das Wahrnehmen, die Gesprächsführung. Dazu noch ein paar religionspädagogische Kompetenzen und ein bisschen Leitungs- und Verwaltungskompetenz.

Die realen Ausbildungsvollzüge wie die realen Motivationen sind meist durchdrungen von einem Primat der theoretischen, der kommunikativen oder ethischen theologischen Rationalität (in der Unterscheidung Immanuel Kants also der theoretischen und der praktischen Vernunft). Nur ganz selten spielt die ästhetische Vernunft eine Leitrolle, und das obwohl seit Friedrich Schleiermacher und in der Praktischen Theologie seit den 1990er Jahren eine „ästhetische Wende“ ausgerufen worden ist, die aber nach meinem Eindruck nur einen kleinen Teil der Pfarrer*innenschaft erreicht hat.

Der Kirchenmusikerberuf hingegen ist ein Beruf, der in der faktischen Ausbildung wie in der Berufsmotivation primär von der ästhetischen Vernunft zehrt: Also von den Fragen der Wahrnehmung, Gestaltung und Würdigung von ästhetischen Prozessen, die sich in der Regel an den Standards der akademischen Musikausbildung orientieren. Dieser primäre Zugang ist durch das jahrelange, dem Studium ja bereits vorausgehende Instrumentenüben oder die Mitwirkung in Chören eingespielt und zum grundlegenden Habitus geworden, sodass diejenigen Bestandteile des Studiums der Kirchenmusik, die primär zu den anderen Vernunftarten zählen (also z.B. theologische Seminare), eher in den Hintergrund der Ausbildung treten.

Bei der Gestaltung der Gottesdienste treffen nun diese eingeschliffenen Vorrangigkeiten des Vernunftgebrauchs bisweilen hart aufeinander. Während der/die Pfarrer*in den Gottesdienst von der verbalen Verkündigung her konzipiert, geistreich gemeinte thematische Bezüge zwischen Eröffnung, Tagesgebet, Lesungen, Predigt und Fürbittengebet herstellt und die Lieder dann auch unter thematischen Aspekten eingefügt wissen will (und stolz ist, wenn er/sie dafür die Liedkonkordanz gewälzt hat, aber nie auf die Idee käme, die Lieder zuhause auch einmal laut anzusingen), während also die Pfarrperson sich dem Ganzen primär kognitiv nähert, denken und spielen die Kirchenmusikpersonen (jedenfalls ein Teil von ihnen) primär von der ästhetischen Dramaturgie der Liturgie her, von Passungsfragen ritueller Vollzüge, von musikalisch induzierten religiösen Stimmungen und musikalischen Logiken.

 

und unterschiedliche Professionslogiken

Man kann das an zwei wichtigen Schwellenpunkten der Liturgie exemplarisch verdeutlichen: Viele Liturg*innen beginnen (liturgiewissenschaftlich gesehen falsch) den Gottesdienst mit der Formel „Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen …“. In Wahrheit hat er ja längst mit Glocken, Orgelvorspiel und ggf. Liedstrophe begonnen. Aber das zählt für viele Pfarrer*innen eben nicht zum Eigentlichen.

Beim Orgelnachspiel hingegen gibt es verschiedene Varianten: Da kann es sein, dass die Liturg*innen es schon gar nicht mehr zum Gottesdienst gehörend erleben und es einfach ignorieren (z.B. durch dienstliche Nachgespräche mit der Küsterin im Gottesdienstraum). Die Kirchenmusiker*innen sind hingegen – wie auch die Liturgiewissenschaftler – in zwei Lager gespalten: Die einen verstehen die Schlussmusik als reine Prozessionsmusik zum Auszug der Gemeinde und improvisieren dann gerne (hier setzt sich also die ästhetisch-dramaturgisch-liturgische Sicht durch). Die anderen lassen dem Bedürfnis nach konzertanter Musikdarbietung Raum und erwarten, dass die Gemeinde für fünf Minuten zum Konzertpublikum mutiert und sitzen bleibt (was sie in kulturprotestantisch formatierten Gemeinden ja auch tatsächlich gerne macht). Hier kulminiert dann das ästhetisch-künstlerische Selbstverständnis der Musizierenden hör- und sichtbar im Nachspiel. Die ästhetische Vernunft reklamiert außerhalb der Logik der Liturgie ihren eigenen Raum und formiert sich als Gegengewicht zur Predigt.

Die Frage, wieviel Zeit für die Vorbereitung welches Teils des Gottesdienstes aufgewendet wird, ist eine Prüffrage für beide kirchlichen Berufsgruppen. Wo in extremer Einseitigkeit der/die Pfarrer*in 98% der Zeit für die Predigt und der/die Organist*in 98% der Zeit für das Nachspiel aufwenden, sind Verständigungskonflikte vorprogrammiert bzw. ist klar, dass am Ende die Gemeinde die Verliererin im Kampf der einseitig missverstandenen Professionslogiken sein wird.

Fragt man nach den Anerkennungsprozessen für die jeweilige Profession, also danach, wodurch im jeweiligen Beruf Befriedigung und positive Rückmeldung erfahrbar wird, so lässt sich dies an einem Beispiel verdeutlichen: Am Ausgang nach dem Gottesdienst sagt die alte Dame zur Pfarrerin: „Schön war’s heute wieder“. Die Pfarrerin hört es zwar, kann mit dem Lob aber nicht wirklich viel anfangen. Hätte die Dame gesagt: „Ihren Gedanken vorhin in der Predigt, dass ich immer wieder auch im grauen November einen Anlass zum Danken für mein Leben finde, den nehme ich heute mit nach Hause, der baut mich auf“ – dann hätte sich die Pfarrerin wirklich gefreut. Anerkennung finden Pfarrer*innen insbesondere dann, wenn ihre Lebensdeutung trifft, wenn die Kasualansprache den richtigen Ton traf, oder wenn auf dem Feld der Gemeindeentwicklung ihre Anstrengungen sichtbar gelingen, d.h. wenn beispielsweise Leute zu Glaubenskursen kommen. Die Geltungsmaßstäbe sind solche von „Wahrheit“ und „Richtigkeit“: Gut ist das Wirken für die Pfarrerin, wenn sie Wahrheiten fürs eigene Leben vermitteln konnte und Hinweise auf das richtige Handeln und Leben zu geben imstande war. Ganz anders die Organistin: „Schön haben Sie heute gespielt“ – das ist ein ästhetisches Urteil, welches ins Schwarze des Selbstverständnisses trifft. Ästhetisches Gelingen, das ist doch das Ziel der eigenen Berufstätigkeit!

Ob Theolog*innen und Kirchenmusiker*innen gleichzeitig glücklich und zufrieden sein können, könnte daher als fraglich und vielleicht sogar als unwahrscheinlich gelten. Aber das Unwahrscheinliche im Windhauch des Heiligen Geistes möglich zu machen, wäre eben genau die Aufgabe der gemeinsamen Verantwortung für die Liturgie und im Gemeindeleben!

 

Die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen kulturellen Milieus

Ein Teil der Verständigungsprobleme zwischen Pfarrer*innen und Kirchenmusiker*innen liegt auch zunehmend in der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen kulturellen Szenen und Milieus. Häufig entstammen die Kirchenmusiker*innen einem hochkulturell geprägten bildungsbürgerlichen Milieu. Das hängt mit der Selektion durch das instrumentelle Können bei den Aufnahmeprüfungen der Hochschulen für Musik zusammen. Wer da aufgenommen werden möchte, muss bereits als Kind mit Instrumentalunterricht angefangen haben. Wer bereits als Kind Instrumentalunterricht genießt, verdankt dies meistens den kulturellen Interessen seiner Eltern – und wächst dann in einer sehr speziellen Jugendkultur auf, für die die Mitwirkung in der Kantorei, der Orgelunterricht, „Jugendsingwochen“ und „Jugend musiziert“ statt „DSDS“ Leitmarken sind.

Heutige Theologiestudierende (und auch schon die der 1990er und 2000er Jahre) hingegen entstammen nur mehr im Ausnahmefall dem Pfarrhaus oder dem Kantorenhaushalt. Ihre kulturellen Hintergründe sind sehr plural geworden. Da gibt es noch einige, die mit klassischer Kirchenmusik aufgewachsen sind und selbst schon die D- oder C-Prüfung haben. Eine größere Zahl aber ist durch die verbandliche Arbeit von CVJM, EC etc. geprägt und durch das dort übliche populäre Liedgut (was wenig mit den neuen geistlichen Liedern des Evangelischen Gesangbuchs und der landeskirchlichen Anhänge zu tun hat). Und ein dritter Teil ist völlig säkular und präferiert angesagteste Hip-Hop-Sänger oder Elektro-Pop. Nur ein kleinerer Teil der Theologiestudierenden bringt so etwas wie rituelle Kompetenz oder eine Sozialisation im traditionellen Gottesdienst mit.

Die Welt der liturgischen Musik wie auch die traditionelle Gottesdienstform bleibt daher einem Großteil des heutigen theologischen Nachwuchses völlig verschlossen und wirkt auf sie wie ein versunkenes museales Relikt aus unbekannten Vorzeiten. Im Predigerseminar (und teilweise auch schon während des Studiums) bemüht man sich dann um das Singenlernen dieser „sonderbaren“ Gesänge aus der Liturgie und alter Choräle und wird über die Notwendigkeit von Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei belehrt, lässt all das wie auch den Altargesang zum Abendmahl dann aber möglicherweise bei nächster Möglichkeit auch gerne wieder ­bleiben.

Die Begegnung mit für Liturgiegesang sensiblen Kirchenmusiker*innen oder mit den Fans der Orgelmusik wird so zum Bewährungsfeld eines Kulturkampfes verschiedener Milieus. Dieses Dilemma wird sich in den nächsten Jahren eher noch verstärken und ist außer durch intensivierte, am besten gemeinsame „interkulturelle“ Bildungsprozesse kaum auflösbar.

 

Probleme der (Über-)Spezialisierung in Spannung zum umfassenden Auftrag

Das Aufgabengebiet aller kirchlichen Berufsgruppen hat sich ausdifferenziert und erweitert. Für den Pfarrberuf ist das hinlänglich deutlich: pädagogische, seelsorgliche, liturgische, publizistische, verkündigende und verwaltende Aufgaben bilden ein komplexes Arbeitsfeld. Aber auch im kirchenmusikalischen Dienst wird die Ausdifferenzierung schon bei der Wahl des Studienganges offensichtlich: Neben dem klassischen Studium der Kirchenmusik an Musikhochschulen gibt es eigens einen Bachelor-Studiengang für populare Kirchenmusik, das heißt zur Ausbildung von Berufsmusikern „für den professionellen Einsatz in den Praxisfeldern kirchlicher Popularmusik.“4 Ob nun „klassisch“ oder „popular“ ausgebildet – in der Praxis sind schließlich, neben dem Orgelspiel bzw. der musikalischen Ausgestaltung von Gottesdiensten und der Kantoreiarbeit, die Arbeit mit Kindern, die Leitung von Instrumentalensembles und Posaunenchören, ggf. Bandarbeit, die Begleitung von Blockflötengruppen, das Anleiten von Ge­meinde­singen etc. notwendig.

Die Spannung zwischen der Zuständigkeit fürs Ganze des Berufsbereichs und den Schwerpunkten der eigenen Begabung (und Überzeugung) kann zu erheblichen Spannungen im Miteinander der Berufsgruppen führen, weil die Verantwortlichkeit für das Ganze der kirchlichen Arbeit sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann und zu starke Spezialisierungen auf Kritik stoßen ­können.

Hier sind derzeit beide Berufsgruppen herausgefordert, einerseits die Zuständigkeit für immer breiter werdende Arbeitsfelder wahrzunehmen und zugleich eigene Begabungen und Schwerpunkte zu entwickeln, aber so, dass nicht nur das eigene Hobby zum Berufsschwerpunkt wird. Ego-Virtuosen und überspezialisierte einseitige Begabungen gibt es natürlich in allen Berufsgruppen und sie sind überall in gleicher Weise eine Herausforderung für ein förderliches Zusammenwirken der Berufsgruppen. Die Entwicklung von Teamfähigkeit bereits in der Ausbildung zählt daher zu den wesentlichen Voraus­setzungen späterer guter Zusammenarbeit.

Eine wesentliche Voraussetzung von Teamfähigkeit ist dabei das wirkliche Interesse an den anderen Berufen und ein Basiswissen über den anderen Beruf. „Theologen haben meist keine Ahnung, welch ein großes Pensum an unterschiedlichsten Prüfungen eine Kirchen­musikerin im Verlauf ihrer acht bis zwölf Semester an der Hochschule zu absolvieren hat, von einer Kenntnis der einzelnen Fächer ganz zu schweigen.“5 Und andersherum gilt das analog. So herrschen bis hin in die ersten Berufsjahre Klischees vor: Die Theolog*innen halten die Kirchenmusiker*innen primär für Orgel-Instrumentalisten und Chorleiter, während die Kirchenmusiker*innen bedingt durch das fokussierte Aufeinandertreffen bei Kasualien und Gottesdiensten die Pfarrer*innen häufig auf ihre Prediger-Rolle engführen und gar nicht sehen, wie vielfältig der Dienst eines/r Pfarrers*in ist und welch unterschiedliche Kompetenzen dafür notwendig sind.

Übrigens haben Theolog*innen wie Kirchenmusiker*innen eine wichtige Aufgabe gemeinsam, die in den Überlegungen zu den Berufstheorien beider Berufe zu kurz kommt. Beide sind auf das Hören der Gemeinde angewiesen. Während immerhin in der Predigtlehre (etwa bei Rudolf Bohren) einiges zum Hören und zu den Hörenden zu lesen ist, fehlen ausgerechnet im Bereich der Kirchenmusik tiefergehende Überlegungen zum Hören der Gemeinde (während die fachmusikalische Gehörbildung natürlich in der Ausbildung präsent ist). Beide Berufsgruppen könnten sich doch zunächst als Förderer und Bildner besseren Hörens verstehen: einerseits des Hörens auf die Schrift und auf das lebendige aktuelle Zeugnis des Evangeliums, andererseits des Hörens auf Klänge und Töne als energetisch-affektive Träger des Evangeliums.

 

Im gemeinsamen Auftrag unterwegs

Voraussetzung für ein Konzept einer Gemeindepastoral im konstruktiven Zusammenspiel unterschiedlicher Berufsgruppen wäre, dass in vermutlich größeren als den bisherigen Parochialeinheiten Teams der verschiedenen Berufsgruppen kooperativ zusammenarbeiten. Es gibt ja jetzt bereits etliche Gemeinden, in denen mehrere Pfarrstellen mit gemeindepädagogischen Kräften, einer Kantor*innenstelle und Verwaltungskräften zusammengebunden sind und die Beteiligten im Team zusammenarbeiten.6 In einigen Landeskirchen wird die Arbeit in „multiprofessionellen Teams“ derzeit in Reformprozessen auch ausdrücklich als Ziel formuliert (so etwa in der ELKB, während in der EKiR dafür schon seit Jahren die rechtlichen Bedingungen geschaffen wurden).7 Die Verantwortung für das ganze kirchliche Leben und die fachliche Spezialisierung erfordern dafür zukünftig ein noch viel höheres Maß an kooperativer Teamfähigkeit, als sie bislang in den kirchlichen Berufen üblich ist. Diese Kompetenz rückt zu einer fundamentalen Basiskompetenz aller kirchlichen Berufe auf.

 

Das Kuratorium der Lebenskunst

Meine Vision lautet8: Alle kirchlichen Berufsgruppen fördern die christliche Lebenskunst – wenn darunter verstanden wird, die christliche Freiheit in der Nachfolge Christi erkennbar und verantwortlich zu gestalten. Christliche Lebenskunst ist symbolisch-spielerische Erschließung des Heiligen und weisheitlicher Lebensstil der Liebe im Alltag. Die haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Kirche sind Hirten und Hüterinnen solcher Lebenskunst, sozusagen das „Kuratorium“ christlicher Lebenskunst (von cura = Sorge). Sie sind Teil des einen und umfassenden pastoralen Dienstes, der Lebenskunst-Pastoral. Theolog*innen helfen durch ihr Reden, Schreiben und Zuhören zur Lebensdeutung aus dem Geist des Evangeliums und tragen (zusammen mit den gemeindlichen Gremien) die leitende Verantwortung für die Gemeindeentwicklung. Kirchenmusiker*innen stiften an zur ästhetisch-spirituellen und liturgischen Lebenskunst. Erzieher*innen und Religionspädagog*innen regen religiöse Selbstbildungsprozesse an, Diakon*innen organisieren die Hilfe für Bedürftige und Notleidende, gestalten soziale Bildungsprozesse und beteiligen sich an der Verwaltung, Verwaltungsangestellte sorgen für das Funktionieren der Organisation und Küsterinnen und Hausmeister kümmern sich um die Gebäude und Grundstücke. Im Gottesdienst wie im Gemeindeleben wirken sie alle mit ihren jeweiligen professionellen Kompetenzen als Fachleute zusammen, die zum Dienst der Kommunikation des Evangeliums berufen sind.

 

Anmerkungen

* Überarbeiteter Vortrag im Rahmen des Landeskonvents der Kirchenmusiker in der ELKB 2018 im Wildbad Rothenburg o.d.T. und zugleich ein Beitrag zum Prozess „Miteinander der Berufsgruppen“ in der ELKB. Vgl. zur Grundlegung: Bubmann, Peter, Der gemeinsame Dienst und die Vielfalt der Ämter. Am Beispiel des Verhältnisses von PfarrerInnen und KirchenmusikerInnen, in: DPfBl, 106 (2006), 59-62.

1 Körndle, Franz/Kremer, Joachim, „Kirchenmusiker“ – Vielfalt und Wandelbarkeit kirchenmusikalischen Handelns in 2000 Jahren, in: dies. (Hg.), Der Kirchenmusiker. Berufe – Institutionen – Wirkungsfelder, Laaber 2015, 11-38.

2 Körndle/Kremer, „Kirchenmusiker“, 2015, 27.

3 Belege bei Körndle/Kremer, „Kirchenmusiker“, 2015, 13.

4 Vgl. Evangelische Pop-Akademie, https://www.ev-pop.de/studium-ba/ (letzter Zugriff: 5.12.2018).

5 Arnold, Jochen, Mit Lust singen und sagen. Was verbindet und unterscheidet die Kompetenzen von Pfarrern und Kirchenmusikern?, in: MuK 76 (2006), 389-393.

6 Ähnlich berichtet für Bamberg: Kasper, Ingrid: Gelungene Kirchenmusik, in: MuK 88 (2018), 345.

7 Vgl. die hilfreiche Zusammenschau der aktuellen Debatten um multiprofessionelle Teams: Schendel, Gunther, Multiprofessionalität und mehr. Multiprofessionelle Teams in der evangelischen Kirche – Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven, SI kompakt Nr. 3/2020, Hannover 2020.

8 Vgl. Bubmann, Peter, Das Amt der Kirchenmusik im Kuratorium der Lebenskunst. Eine pastoraltheologische Zukunftsvision, in: Winfried Bönig u.a. (Hg.): Musik im Raum der Kirche. Fragen und Perspektiven. Ein ökumenisches Handbuch zur Kirchenmusik, Stuttgart u. Ostfildern 2007, 268-278; und: Bubmann, Peter, Zum Miteinander der Berufsgruppen. Empirische und konzeptionelle Anstöße, in: Angela Hager/Martin Tontsch (Hg.) (für die Evangelisch-lutherische Kirche in Bayern): Rothenburger Impulse. Wissenschaftliche Konsultation im Rahmen des Prozesses „Berufsbild: Pfarrerin, Pfarrer“ in Wildbad Rothenburg vom 30.6. bis 1.7.2015, Nürnberg 2015, 13-22 (auch online zugänglich: http://www.berufsbild-pfr.de/sites/www.berufsbild-pfr.de/files/files/Anlagen_Abschlussbericht/13.%20Rothenburger%20Impulse.pdf (letzter Zugriff: 04.12.2018)).

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Peter Bubmann, Jahrgang 1962, Professor für Prakt. Theologie am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU); Veröffentlichungen: s. www.peter-bubmann.de; zuletzt (zusammen mit Konrad Klek als Herausgeber) "Ich sing Dir mein Lied". Kirchliches Singen heute. Analysen und Perspektiven, Strube-Verlag, München 2018, sowie Peter Bubmann/Alexander Deeg (Hg.), Der Sonntagsgottesdienst. Ein Gang durch die Liturgie, V&R, Göttingen 2018.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
17.12.2020 Ein Kommentar von Michael Lochner Peter Bubmann hat die Lage zutreffend beschrieben. Gleichwohl wird sich die Kirche künftig viel mehr anstrengen müssen, musikalisch Hochbegabte zu gewinnen. Eine entscheidende Voraussetzung dafür wäre, dieses Konfliktfeld endlich zu beseitigen.
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