Ludwig van Beethoven war katholisch getauft. Doch das kirchliche Leben mit seinen Traditionen spielte für ihn nur eine geringe Rolle. Umso mehr prägten ihn die Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution; er war fasziniert von den Ideen Kants und Schillers. In diesen Horizont zeichnet Wolfgang Pfüller die Religiosität Beethovens ein.

 

Beethoven stammte bekanntlich aus Bonn, also aus dem Rheinland, war mithin selbstverständlich katholisch. Aber nicht nur das: Er begann seine berufliche Laufbahn als Organist am Hofe des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln; er komponierte zwei Messen; er sorgte für eine gut katholische Erziehung seines Neffen und Ziehsohnes Karl.

Freilich wird man Beethovens Religiosität kaum als traditionell katholisch bezeichnen können. Das kirchliche Leben mit seinen Traditionen spielte für ihn nur eine geringe Rolle, und noch weniger dürften ihn die kirchlichen Dogmen berührt haben. Umso mehr prägten ihn bereits in seiner Bonner Zeit die Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution, war er fasziniert vor allem von den Ideen Kants und Schillers. Bemerkenswert ist zudem, dass sich Beethoven in seinen späteren Jahren zunehmend für fernöstliches, hinduistisches Gedankengut aufgeschlossen zeigte. Dies wiederum korrespondiert mit gewissen Zügen von Naturfrömmigkeit, die bei Beethoven sehr stark ausgeprägt sind.

Damit sind die beiden Schwerpunkte von Beethovens Religiosität angesprochen, die auch in den in der Überschrift angeführten Formulierungen benannt werden. Zum einen ist diese Religiosität zutiefst in der Bewunderung für die von Gott geschaffene Natur verwurzelt. Zum anderen orientiert sie sich am Ideal der Humanität, wie es in der Aufklärung entwickelt wurde und sich nicht zuletzt in heldenhaften Charakteren verkörpert. Ich will Beethovens Religiosität anhand von drei Stichworten erläutern sowie abschließend in einem kurzen Fazit ihre Aktualität wenigstens andeuten. In diesem Fazit komme ich dann auch auf die auf Kant Bezug nehmenden Formulierungen der Überschrift zu sprechen.

 

1  Die Natur als „Tempel, Labsal, Refuguim“

Beethovens Schulbildung muss man wohl als eher mangelhaft einstufen. Demzufolge fiel ihm etwa das Rechnen zeitlebens schwer, und seine Rechtschreibung und mehr noch seine Handschrift waren geradezu berüchtigt. Jedoch war Beethoven ein eifriger Leser und hat sich auf diese Weise – nicht zuletzt auch aufgrund etlicher Exzerpte – ein beträchtliches Maß an literarischer bzw. geistiger Bildung angeeignet (vgl. dazu: „Beethoven liest“). Einen entscheidenden Anteil seiner Bildung bezog Beethoven allerdings aus der unmittelbaren Anschauung der Natur. Diese inspirierte ihn nicht nur, was kompositorische Ideen anging, sondern auch in Bezug auf seine Religiosität. Einige seiner Äußerungen mögen dies belegen.

Auf einem seiner stundenlangen Spaziergänge äußert er – wie Johann Andreas Stumpff (1769-1846) in seinen Erinnerungen an Beethoven vom September/Oktober 1824 notiert: „Ich muß mich in der unverdorbenen Natur wieder erholen und mein Gemüth wieder rein waschen.“ „Wollen Sie heute mit mir gehen, meine unwandelbaren Freunde zu besuchen – die grünen Gebüsche und die hoch strebenden Bäume, die grünen Hecken und die Schlupfwinkel von Bächen rauschend?“ „Dort ist kein Brodneid und Betrug.“ Und indem sich Beethoven auf eine Rasenbank setzt: Hier „sitze ich oft Stunden lang und meine Sinne schwelgen in dem Anblick der empfangenden und gebärenden Kinder der Natur“. „Wenn ich am Abend den Himmel staunend betrachte und das Heer der ewig in seinen Gränzen sich schwingenden Licht-Körper […], dann schwingt sich mein Geist über diese so viel Millionen Meilen entfernten Gestirne hin, zur Urquelle aus welcher alles Geschaffene entströmt und aus welcher ewig neue Schöpfungen entströmen werden.“ (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, 975f)

Beethovens Wanderungen und ausgedehnte Spaziergänge sind legendär. Wie kein anderer Komponist vor ihm verließ er beinahe täglich für etliche Stunden seine Wohnung, um sich in der Natur zu ergehen und dem „Teufels-Menschen-Zeug“ zu entgehen. „Die Natur ist sein Tempel, sein Labsal, sein Refugium.“ (Eichel, 340) In diesem Sinne notiert er in sein Skizzenbuch 1815 bei einem Gang auf dem Kahlenberg: „Ich bin selig, glücklich im Wald – jeder Baum spricht durch dich. O Gott, welche Herrlichkeit, in einer solchen Waldgegend, in den Höhen ist Ruhe – Ruhe ihm zu dienen“ (zit. bei Klemm/Zoll, 125; vgl. Geck, 77). Und hier ordnet sich etwa auch Beethovens 6. Sinfonie, die sog. Pastorale, ein: „Das Auftreten identifizierbarer Naturlaute dient dem Zweck, die Hörer in die Natur zu geleiten und zugleich zu motivieren, zur Verehrung Gottes in der Natur fortzuschreiten“ (Geck, 108).

Schließlich darf nicht vergessen werden, dass Beethoven bereits als Kind und junger Mann in Bonn vom Dachboden aus sehr eingehend den Sternenhimmel betrachtet haben soll. Dazu passen nicht nur mehrere Exzerpte aus Immanuel Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (vgl. Hinrichsen, 191). Dazu passt vor allem seine Vertonung von sechs Gedichten aus Christian Fürchtegott Gellerts (1715-1769) Geistlichen Oden und Liedern, und hier wiederum vor allem anderen in strahlendem C-Dur („Majestätisch und erhaben“) die Nr. 4: Die Ehre Gottes aus der Natur. Die bekannten Eingangsworte lauten: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, ihr Schall pflanzt seinen Namen fort; ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere, vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!“

 

2  Aufklärung – „Humanisierung des Menschengeschlechts“

Besonders in seiner Geburtsstadt Bonn wurde Beethoven durch einige wesentliche Gedanken der Aufklärung spürbar und nachhaltig geprägt. „Herrschte in Kurköln und damit auch in der Haupt- und Residenzstadt in den 1770er Jahren noch eine Atmosphäre des aufgeklärten Absolutismus, so wurden nach dem Amtsantritt von Kurfürst Max Franz (1784–W.P.) die Gedanken der Aufklärung in der Politik, im Bildungsbereich, im kirchlichen Leben und in der Kultur endgültig das Maß der Dinge“ (Schloßmacher, 35). Man schwärmte geradezu für die Philosophie Kants und mehr noch für die darauf Bezug nehmenden Werke sowie die Ästhetik Schillers. Infolge dessen wollte man freilich nicht nur das Licht der Vernunft in obskures menschliches Denken hineintragen1, wollte man nicht nur den Schöpfer in den bewundernswerten, zweckmäßigen Werken der Natur erkennen, sondern man wollte nicht zuletzt die moralische Besserung, die Humanisierung des „Menschengeschlechts“ befördern.

Es ist in dem Zusammenhang bemerkenswert, dass Beethoven als Nr. 2 seiner Gellert-Lieder die erste Strophe des Liedes vertonte, das nicht nur wie andere Lieder Gellerts auch seinerzeit Eingang in die evangelischen Gesangbücher gefunden hat, sondern auch heute noch im Evangelischen Gesangbuch zu finden ist (EG 412): „So jemand spricht ‚Ich liebe Gott‘, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.“

Brüderlichkeit“ – ein Leitwort der Französischen Revolution

„Brüderlichkeit“ nahm Beethoven nicht nur als Leitwort der Französischen Revolution auf, er akzentuierte es auch in seiner Textauswahl aus Schillers Ode an die Freude in der 9. Sinfonie. Hier ist es dann die geradezu überwältigende göttliche Freude, die alle Menschen zu Brüdern werden lässt, die sie als Freunde oder auch als Mann und „holdes Weib“ zueinander führt, miteinander verbindet in einem Bund, der als erfülltes menschliches Leben das erstrebenswerte Ziel menschlichen Lebens überhaupt darstellt.

Auch wenn Beethoven vor allem aufgrund seiner zunehmenden Taubheit vielen nicht selten als Misanthrop erschien, war er dies doch keineswegs. Beinahe rührend beschwört er in seinem sog. Heiligenstädter Testament vom Oktober 1802: „O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet“ (zit. bei Klemm/Zoll, 82f; vgl. auch Geck, 167f). Oder wenig früher in einem Brief vom 16.11.1801 an seinen Freund Franz Gerhard Wegeler in Bonn: Wie „ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich floh die Menschen, mußte Misanthrop scheinen und bin’s doch so wenig.“ Wäre er von diesem Übel frei, das ihn übrigens bereits mehrere Jahre plagt: „O die Welt wollte ich umspannen“ (Wegeler/Ries, 39f).

Dass Beethoven nicht nur aufgrund seiner zunehmenden Taubheit und verschiedener anderer gesundheitlicher Beschwerden unter starken Stimmungsschwankungen litt, bleibe hier dahingestellt. Jedenfalls war es sein stetiges Bemühen, sich selbst und andere moralisch zu bessern. Das belegen nicht nur seine so ziemlich erfolglosen, weil zu ehrgeizigen Erziehungsversuche an seinem Neffen Karl. Das belegt nicht nur seine auffallende sittliche Strenge gegenüber seinen beiden jüngeren Brüdern (einschließlich deren späteren Ehefrauen), für die er bereits als junger Mann nach dem frühen Tod seiner Mutter und dem Versagen des dem Alkohol verfallenen Vaters erzieherische Verantwortung übernehmen musste. Das belegt vor allem sein hoher Anspruch, den er an seine Musik stellte. Beethoven wollte mit seiner Musik keineswegs bloß zur Erbauung oder gar zur Unterhaltung beitragen, wiewohl es natürlich auch solche Kompositionen von ihm gibt. Ihm ging es vor allem darum, die Menschen auf dem überaus beschwerlichen Weg zu ihrer moralischen Vervollkommnung, zu ihrer Humanisierung, voran zu bringen. Beethoven verstand seine Musik als Sendung, sein dementsprechendes Bewusstsein betrachtete er als Adel des Geistes, der ihn ohne Weiteres über den Adel seiner Zeit erhob – ganz zu schweigen von den sog. Geldmenschen, den „Philistern“.

„Kein Komponist redet und agiert so ersichtlich im Zeichen künstlerischer Freiheit wie Beethoven. Es geht freilich nicht nur um die Freiheit von, sondern auch um die Freiheit zu etwas – nämlich zu großen Ideen, welche den Menschen und die Menschheit weiterbringen. Auch die Musik wird nun als Sendung verstanden“ (Geck, 324). Bezeichnend sind an dieser Stelle auch einige kritische Bemerkungen Beethovens zu Mozart, den er im Übrigen außerordentlich schätzte. Während Beethoven in seiner einzigen Oper Fidelio das Ideal unverfälschter, treuer Gattenliebe propagierte, meinte er, dass er Opern wie Don Juan oder Figaro nicht komponieren könne, da ihm solche Stoffe zu leichtfertig seien (Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, 683f). Oder noch deutlicher: Während er Mozarts Zauberflöte als dessen größtes Werk schätzte, hielt er Don Juan für frivol. So „sollte die heilige Kunst nie zur Folie eines so scandalösen Sujets sich entwürdigen lassen“ (ebd., 897).

Die rechte Musik ist im Menschen drin“

Abschließend sei noch auf den kaum zu überschätzenden Einfluss zweier damaliger Theologen auf Beethoven hingewiesen, nämlich Christoph Christian Sturm (1740-1786) und Johann Michael Sailer (1751-1832). Es waren dabei freilich nicht theologische, vielmehr Erbauungsbücher, die Beethoven ausgiebig genutzt hat bzw. die ihn inspiriert haben. Sturms Betrachtungen der Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres, zuerst 1772 erschienen und dann in vielen Auflagen, scheint Beethoven zumindest vorübergehend geradezu als Andachtsbuch gedient zu haben. Jedenfalls finden sich in Beethovens Exemplar dieses erbaulichen Kalenders „so viele Anzeichnungen, Unterstreichungen, Einknickungen usw. von der Hand Beethovens, dass man denken könnte, der Komponist habe ihn zeitweilig täglich zurate gezogen. Dem entspricht Anton Schindlers Erinnerung, Beethoven habe Sturms Buch bei seinen Landaufenthalten den örtlichen Geistlichen – freilich vergeblich – zur Lektüre und sogar zum Vortrag von der Kanzel empfohlen“ (Geck, 147).

Dabei geht es Beethoven offensichtlich um zwei Hauptgedanken: zum einen um die Haltung der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer der Wunder der Natur, zum anderen aber um die Frage nach dem richtigen Handeln im menschlichen Zusammenleben. „Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer der Wunder der Natur als Aufgabe des Menschen durchzieht wie ein roter Faden Sturms Betrachtungen, und immer wieder hat Beethoven Stellen bezeichnet, die das thematisieren. Doch die Anstreichungen weisen noch auf ein Weiteres hin: auf einen Leser, der danach sucht, richtig zu handeln“ (Beethoven liest, 136f).

Aus Sailers Schriften wiederum hat sich Beethoven vor allem reichlich für seine Sammlung von Sinnsprüchen bedient. Hier nur zwei Beispiele aus Sailers Buch Goldkörner der Weisheit und Tugend. Zur Unterhaltung für edle Seelen, von dem Beethoven nachweislich die Auflage von 1819 besaß: „Sieh immer auf das, was die fortgehende Wollust zurück läßt, und nie auf das, was die kommende verheißt. Sie verheißt Paradies, und gibt Hölle.“ „Die rechte Musik ist im Menschen drin. Wo Einklang des Herzens mit dem heiligen Gesetze, da die rechte Harmonie zwischen Gott und dem Menschen, da die schönste Musik“ (zit. bei Geck, 149).

Hier wie bei Sturm zeigt sich eine aufgeklärte Frömmigkeit, die den Menschen am Leitfaden der göttlichen Schöpfung, besonders ihrer weisen Einrichtung, zum rechten Handeln und somit, was Beethoven natürlich vor allem interessiert, zu einer Gott und den Menschen gemäßen Musik führen will. Weder bei Sturm noch bei Sailer fand Beethoven demnach eine traditionelle „Dogmengläubigkeit, sondern eine geradezu aufgeklärte Theologie der religiösen Erfahrung“ (Geck, 163)2.

 

3  Helden als Verkörperung der Humanität

Meist werden die Jahre 1800-1810 als „heroische Epoche“ in Beethovens Schaffen bezeichnet, die besonders geprägt ist von seiner 3. wie von seiner 5. Sinfonie („Eroica“ und „Schicksalssinfonie“). Wie auch immer: Heldenhafte Charaktere waren für Beethoven nicht nur in dieser Periode, sondern weit darüber hinaus von immenser Bedeutung. Denn sie waren für ihn jeweils Verkörperungen der Humanität. Dabei waren in seiner „heroischen Epoche“ wohl vor allem der antike Prometheus sowie der Zeitgenosse Napoleon maßgebend. Dass Beethoven diesem zunächst die Eroica widmen wollte, ist bekannt – wie auch, dass er diese Widmung (wutentbrannt?) tilgte, da Napoleon s.E. die Ideale der Französischen Revolution bzw. der Republik verraten hatte, indem er sich selbst zum Kaiser ernannte. Davon unberührt bleibt die Bewunderung Beethovens für Napoleon, die nicht zuletzt darauf beruht, „dass dieser sich nicht infolge erblicher Privilegien, sondern aufgrund seiner strategischen Fähigkeiten zum Herrscher Europas hat aufschwingen können und sich dabei für grundlegende gesellschaftliche Umwälzungen eingesetzt hat“ (Geck, 14).

In diesem Zusammenhang ist dann auch die antike Gestalt des Prometheus zu sehen. Dass die Eroica in sehr enger Beziehung zu Beethovens Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus steht, ist vielfach festgestellt worden und in der Tat kaum zu übersehen. Wie aktuell Napoleon, so ist in der Vergangenheit der antike Prometheus für Beethoven „ein Held, der keine Gefahren, selbst den Tod nicht scheut, um seine Mission als Heilsbringer zu erfüllen“. „Es geht um Ausnahmefiguren, die die Welt verändern. Und genau das nimmt Beethoven für sich in Anspruch, bis hin zur Läuterung der Menschheit qua Bildung, wie es Prometheus zugeschrieben wird“ (Eichel, 135).

Freilich, je länger desto mehr traten anders geartete Sinnbilder der Humanität für Beethoven in den Vordergrund, bedingt sicher durch eigene leidvolle Erfahrungen mit zunehmender Taubheit sowie anderen empfindlichen gesundheitlichen Beschwerden, aber auch mit Enttäuschungen in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen. Infolgedessen konnte dann eher der homerische Odysseus zur Leitfigur werden. Dieser wird „gleichsam zum Schlüssel seiner Identitätsfindung“. Da Beethoven nach menschlicher Selbstvollendung und künstlerischer Größe strebte, konnte „der göttliche Dulder Odysseus“, „der einem übermenschlichen Maß an Schicksalsschlägen standhielt“, für ihn zu einem „Lebensmuster“ werden. Dementsprechend las er die Odyssee nicht zuletzt „als Erbauungsbuch“. „Suchte er bei Homer Orientierung und Trost, fand er vor allem in der Odyssee die Bestätigung: Standhaft sein wird belohnt. Wie Odysseus würde auch ihm der allmächtige Gott helfen und die Kunst würde ihm Kraft zum Leben geben.“ Und dies gerade, wenn sich Beethoven wie einst Odysseus zuzeiten „für einen der unglücklichsten Menschen“ hielt (Beethoven liest, 245-47).

In diesen Zusammenhang scheint mir schließlich auch Christus zu gehören. Bereits in seinem Oratorium Christus am Ölberge von 1803/1804 sieht Beethoven Christus weniger als Sohn Gottes als vielmehr als leidenden, kämpfenden, sich Gott ergebenden Gerechten. Für ihn „empfand er Sympathie, weil dieser Christus um seines Auftrags willen gelitten hatte, und nicht, weil er der Sohn Gottes war“ (Caeyers 404). Sicher kann man behaupten, dass Beethoven in seiner Missa solemnis über diese Art von Verehrung hinausgeht. „In der Musik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gab es nur wenige Messkompositionen, in denen der Glaube an Christus im Vergleich zu anderen Glaubensaspekten so stark betont wird“ (Caeyers, 624). Gleichwohl wird man diesen Glauben auch hier nicht traditionell dogmatisch verstehen dürfen. Denn vor allem in Anbetracht von Beethovens im Vorigen charakterisierter Religiosität wird man auch hier am ehesten von einer Verehrung für den heldenhaft leidenden Gerechten sprechen müssen.

 

4  Schluss

„Der bestirnte Himmel über uns, und das Sittengesetz in uns, Kant!!!“ Diese Eintragung findet sich in Beethovens „Tagebuch“ (1812-1818). Nun wird man nicht annehmen dürfen, dass Beethoven Kants Kritik der praktischen Vernunft gelesen hat, zumal er ja sehr frei und jedenfalls nicht genau zitiert. Wie auch immer: Jedenfalls sind mit dieser prägnanten Formulierung die beiden Leitlinien von Beethovens Religiosität ziemlich genau bezeichnet. Auf der einen Seite erbaut sich Beethoven an der Schönheit, Unverdorbenheit und Zweckmäßigkeit der Natur in ihren reichen irdischen und himmlischen Erscheinungen. Auf der anderen Seite steht für ihn die Reinheit des Sittengesetzes, strebt er nach Vervollkommnung seiner selbst wie anderer – wobei er sich nicht zuletzt am Vorbild heldenhafter Charaktere orientiert –, will er mit seiner Musik die Humanität befördern.

Sicher werden wir Beethovens Naturverehrung mit ihrem Schluss auf den erhabenen Schöpfer „überm Sternenzelt“ heute vor allem kritisch betrachten müssen, auch wenn gerade künstlerisch veranlagte Persönlichkeiten bis heute oft von der Schönheit der Natur derart fasziniert sein mögen, dass sie von daher auf einen großartigen Schöpfergott zu schließen geneigt sind. Demgegenüber erscheint uns die Natur als allzu ambivalent: Zweckmäßiges stößt sich hart mit Zweckwidrigem, faszinierend Schönes mit abstoßend Hässlichem, Herrliches und Großartiges mit Entsetzlichem und Katastrophalem (vgl. Pfüller 2019, 119-148 und 149-183).

Umso mehr sind Beethovens Streben nach Humanität sowie seine Orientierung an entsprechenden Vorbildern beachtenswert. Dass er bei Letzteren nicht zwischen fiktiven und historischen Figuren unterscheidet, kann jetzt dahingestellt bleiben. Ebenso, dass sein Maßstab für ihre Wichtigkeit rein subjektiv ist. Zu würdigen ist an dieser Stelle allein, dass Beethoven die göttliche Wirklichkeit nicht nur in der Natur, sondern auch in herausragenden Persönlichkeiten der menschlichen Geschichte findet, und dass Christus für ihn dabei zweifellos an einer der vordersten Positionen zu stehen kommt (vgl. Pfüller, 2016).

 

Literatur

Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen in Tagebüchern, Briefen, Gedichten und Erinnerungen, hrsg. von K.M. Kopitz u.a., 2 Bände, München 2009

Beethoven liest, hrsg. von B.R. Appel und J. Ronge, Bonn 2016

Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2020

Eichel, Christine: Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke, München 2019

Geck, Martin: Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum, München 22020 (2017)

Henke, Matthias: Beethoven. Akkord der Welt. Biographie, München 2020

Hinrichsen, Hans-Joachim: Ludwig van Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel/Berlin 2019

Klemm, Hans Georg/Zoll, Yvonne: 66x Beethoven. Ludwig von A bis Z, Darmstadt 2020

Pfüller, Wolfgang: Sieger und Verlierer. Mohammed und Jesus: Ein Kritischer Vergleich, Nordhausen 22016

Ders.: Von der Fragwürdigkeit des Schöpfungsgedankens; Theodizee und Willensfreiheit, in: ders., GOTT WEITER DENKEN. Stationen interreligiöser Theologie, Nordhausen 2019, 119-148; 149-183

Schloßmacher, Norbert: Beethovens frühe Prägung – Die Residenzstadt Bonn, in: Beethoven. Welt. Bürger. Musik, hrsg. von Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn, und Beethoven-Haus Bonn, Köln 2019, 23-35

Wegeler, Franz Gerhard/Ries, Ferdinand: Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven (mit einem Vorwort von Michael Ladenburger und einen Nachtrag von F. Wegeler), Bonn 2012 (1838 und 1845 = Nachtrag)

 

Anmerkungen

1 Erwähnen möchte ich an dieser Stelle den nicht geringen Einfluss Christian Gottlob Neefes als Mentor Beethovens. Neefe, 1748 in Chemnitz geboren, hat Beethoven nicht nur die enorme Bedeutung Carl Philipp Emanuel Bachs nahe gebracht; er hat ihn nicht nur als Illuminat beeinflusst; er hat ihm vor allem aufklärerische Ideale vermittelt. „Seinem Schüler Beethoven lebt er das aufklärerische Bildungsideal vor; indem er sich umfassender Lektüre befleißigt und die politischen und ästhetischen Debatten verfolgt.“ „Für Beethoven ist es geradezu ein Erweckungserlebnis. Angeregt durch Neefe liest er Kant, Herder, Goethe, Schiller“ (Eichel, 89).

2 Erwähnenswert ist hier, dass sich aus solcher aufgeklärten Frömmigkeit natürlich Spannungen zum katholischen Messtext ergeben, besonders zum zweiten Artikel des Credo. Dabei mag es von Interesse sein, dass zu Beethovens 1807 vollendeter C-Dur Messe ein deutscher Text verfertigt wurde, der seine lebhafte Zustimmung gefunden haben soll. Wenngleich Anton Schindler alles andere als ein Muster von Zuverlässigkeit ist, wird man seiner Überlieferung hier wohl im Wesentlichen glauben dürfen. Als Beethoven danach „zum Credo kam, fing er laut an zu weinen, und sagte: so habe ich gedacht und gefühlt, wie diese Worte es bezeichnen, als ich dieses Werk schrieb!“ – Übrigens wollte Beethoven auch seine 1822 vollendete Missa solemnis mit einem entsprechenden deutschen Text versehen lassen. Allein, sein Wunsch blieb unerfüllt, da der darum ersuchte Musikdirektor Benedict Scholz 1824 vorzeitig verstarb. Dessen deutscher Text zur C-Dur Messe lässt aber eine deutliche Tendenz erkennen, nämlich die der Anbetung und Verehrung des großen, gütigen Gottes, der als „lieber Vater“ „überm Sternenzelt“ zu finden ist (vgl. Henke, 259-261).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. theol. habil. Wolfgang Pfüller, Jahrgang 1951, 1986-2001 Dozent mit Schwerpunkt Syst. Theologie in Eisenach, 2001-2003 Schulpfarrer ebenda, 2003-2012 Gemeindepfarrer ebenda, 2012-2015 Ruhephase Altersteilzeit, ab 2015 Pfarrer i.R.; Buchveröffentlichung (u.a.): Ein Gott - eine Religion - eine Menschheit. Visionen und Illusionen einer modernen Weltreligion, Nordhausen 2017.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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