Im Dezember 1770, vor 250 Jahren, wurde das Musikgenie Ludwig van Beethoven in Bonn geboren. Sein kompositorisches Interesse galt – neben Klaviersonaten und kammermusikalischen Werken – vor allem der sinfonischen Musik für große Orchesterbesetzung. Für das Theater hat Beethoven indessen ebenso wenig produziert wie für die Kirche: eine Oper, ein Oratorium und zwei Messen. Dennoch war Beethoven ein religiös empfindsamer Mensch, wie Harald Pfeiffer zeigt.

 

Beethovens Werke – 772 an der Zahl – sind globales Kulturgut. Faszinierend seine Sonaten und Sinfonien. Sie sind Musik eines Innovationsgenies. „Freude schöner Götterfunken“, Schlusschor seiner 9. Sinfonie, ist seit 1985 offizielle Europa-Hymne. Allnächtlich im Deutschlandfunk zu hören.

Vieles aus der Klangwelt dieses Ausnahmekünstlers ist uns vertraut. Weniger bekannt dagegen ist eine ganz andere Seite an ihm. Nämlich: Wes Geistes Kind ist dieser „empfindsame Titan“, dieser „einsame Revolutionär“ – wie die Untertitel zweier neuer Beethoven-Biographien lauten? Wie hält er es mit dem Glauben? Hat er überhaupt einen?

 

Elf Jahre Organist in Bonn

Es ist wenig bekannt, dass er elf Jahre Organist am kurfürstlichen Hof in Bonn ist, seiner Geburtsstadt. Hier wie an weiteren Kirchen sitzt er täglich auf dem Orgelbock. Er hört Predigten von Pfarrern und Universitätsprofessoren. Wie etwa am Sonntag, den 18. Dezember 1789 die Predigt „Von der Gottheit Jesu“, gehalten von Theologieprofessor Thaddäus Dereser. Dereser ist die bekannteste Persönlichkeit an der theologischen Fakultät, Hauptvertreter der Aufklärung im katholischen Deutschland. Hoforganist Beethoven hört das Fazit seiner Adventspredigt: „Mit Herz und Mund wollen wir Jesus unseren Gott verehren, anbeten und unser Vertrauen auf ihn setzen; aber ebenso eifrig wollen wir seine erhabenen Tugendbeispiele nachahmen, besonders seine uneigennützige Menschenliebe.“1

Genau diese Gedanken vertont Beethoven 14 Jahre später in seinem einzigen Oratorium „Christus am Ölberge“ op. 85. Da heißt es in der Partie des Jesus: „Du sollst nicht Rache üben, ich lehrt’ euch bloß allein, die Menschen alle lieben, dem Feinde zu verzeihn!“ Getextet vom Wiener Opernlibrettisten Franz Xaver Huber.

 

Religiös geprägt?

Ob den jungen Beethoven auch nur ein Predigtgedanke des Bonner Theologieprofessors bewegt hat? Oder die Stelle der Jesus-Partie aus dem Oratorientext „Christus am Ölberge“? Hat ihm die Beschäftigung mit Bibeltexten irgendetwas bedeutet? Ihn gar religiös geprägt? Er ist ja katholisch getauft. Und durch seinen Orgeldienst wird er gezwungenermaßen zum Kirchgänger. Zwölf Jahre ist Ludwig alt, als er seine Organistenlaufbahn beginnt. Auf diesen Dienst bereitet ihn Hoforganist Christian Gottlob Neefe vor, sein Lehrer.

Der junge begabte Ludwig versieht vollen Orgeldienst: bei den täglichen Messen in der Hofkapelle um 9 und 11 Uhr, sonntags um 9 und 10 Uhr, beim Hochamt um 11 Uhr und bei der Vesper am Nachmittag. Ob bei dem umfangreichen Orgeldienst wohl irgendein christlicher Gedanke in seiner jungen Seele hängengeblieben ist? Hat er etwas Religiöses empfunden?

Beethoven, inzwischen zum zweiten Hoforganisten ernannt, spielt nicht nur in der Hofkapelle. Hinzu kommen auch die Remigiuskirche, seine Pfarr- und Taufkirche, dann die Franziskanerkirche, die damalige Minoritenkirche; hier spielte er häufig die Frühmesse um 6 Uhr. Weiter ist er an der Orgel in der Dietkirche in Bonn zu hören. Außerdem in der Abtei Siegburg. Hier existiert ein Orgelbuch mit der handschriftlichen Notiz: „Moderato, wird vor dem Alleluja gespielt von L. van Pethoven.“2

 

Lust am Improvisieren

Auch in Unkel (im Kreis Neuwied in Rheinland-Pfalz), in Kerpen und im Birgittenkloster Marienforst in Godesberg ist er auf der Orgel zu hören. Hier beeindruckt er einmal stark eine Putzkolonne, die die renovierte Klosterkirche wieder herrichtet. Die Arbeiter sind vom Orgelspiel derart begeistert, dass sie „lebhaft davon afficirt“ werden, ihre Putzeimer stehen lassen und „mit Staunen und sichtbarem Wohlgefallen“3 dem jungen Organisten lauschen. Seine Orgelkünste üben auf jeden große Wirkung aus.

Dass es ihm bei seinen Orgelauftritten in erster Linie auf die improvisatorisch-künstlerische Seite ankommt, auf seine Spielfreude, belegt folgende Begebenheit – oder ist es auch nur eine Anekdote? In der Karwoche begleitet Beethoven in der Hofkapelle den tonfesten Hoftenor Ferdinand Heller, und zwar auf dem Klavier, denn in der Woche vor Ostern herrscht Orgelverbot. Heller singt einen gregorianischen Choral. Es sind die „Lamentationes Jeremiae“, die Klagelieder Jeremias. Plötzlich kommt er total aus dem Konzept. Warum? Beethovens Klavierbegleitung nimmt improvisatorische Züge an, die den sonst tonsicheren Tenor völlig aus der Bahn werfen.

Gerät unter Beethovens Fingern kirchliche Musik bereits in das Fahrwasser der weltlichen Musik? Schätzt er hier die Tradition gering ein? Tatsächlich schwindet bald das Interesse am Gregorianischen Choral. Der weltliche Einschlag ist unverkennbar. Die Kunstmusik tritt stark in den Vordergrund. Das ist typisch für die geistige Bewegung der Aufklärung. Sie sorgt dafür, die kirchliche Tradition grundsätzlich in Frage zu stellen. Sie tritt an die Stelle des schwächelnden Christentums.

Vor allem die Musik bekommt künftig eine Sonderstellung. Man könnte fast sagen, die Musik nimmt fortan eine quasi geistliche Position ein. Kirche und Gottesdienst werden zum Vorbild für Musik und Konzert. „Denn ein Konzert“, so der Musikhistoriker Helmut Loos, „kann inszeniert werden wie ein Gottesdienst. Konzerthäuser, die damals neu errichtet werden, orientieren sich architektonisch an Tempeln und Kathedralen. Die Musiker hatten entsprechend gekleidet zu kommen. Das Publikum kam entsprechend gekleidet. Man verhielt sich wie in der Kirche, in einer frommen, stillen Andacht. Man kann das ganz handfest greifen: Das erste Gewandhaus in Leipzig z.B. hatte ein Gestühl wie eine protestantische Kirche.“4

Die Musik hat das Christentum zwar nicht abgelöst, aber sie tritt in Konkurrenz zur Religion. Die musikalische Kunst scheint zur Ersatzreligion geworden zu sein. Richard Wagner nannte Beethovens 9. Sinfonie „das menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft“.5

 

Was bedeutet Gott für Beethoven?

Im Schlusschor seiner 9. Sinfonie vertont Beethoven Schillers „Freude schöner Götterfunken“; da heißt es: „Und der Cherub steht vor Gott“. Was bedeutet eigentlich Gott für den Komponisten?

Die Worte „Gott“, „Gottheit“, der „Allerhöchste“, der „liebe Vater“ erscheinen sehr häufig in Beethovens Briefen. Sein Gottesbegriff hat vielfältige Aspekte. Manchmal spricht er sogar von „den Göttern“. Wir könnten sagen: Er hat so viele Götter, wie er Interessensgebiete hat. So findet er seinen Gott auf fünf Gebieten: 1. in der Kunst, 2. in der Natur, 3. in der fernöstlichen Weisheit, 4. in der Moral und 5. in der Bibel.

Da ist zunächst das Gebiet der Musik. Hier herrscht der Gott der Kunst.

 

1. Der Gott der Kunst

Die Kunst ist für Beethoven „höchste Trösterin …, das theuerste Geschenk des Himmels“.6 In einem Brief an Freundin Bettina Brentano notiert er im Sommer 1810: „Die Kunst! Wer versteht die, mit wem kann man sich bereden über diese große Göttin!“7 Und an Joseph von Varena in Graz schreibt er: „Ich danke dem, der mich instand gesetzt hat, hier und da mit meiner Kunst nützlich zu sein.“8 Beethoven kennt die Passagen im „Handbuch der christlichen Moral“ von seinem geschätzten Prof. Sailer: „Religion und Kunst sind miteinander verbunden, das innere Leben der Religion kann sich ohne den Dienst der heiligen Kunst nicht offenbaren … Die Kunst hat einen universalen, wahrhaft göttlichen Beruf: das Leben der Religion … und das Leben der Tugend … durch Hymnen, Gesänge, Lieder, Reden usw. hörbar zu machen. Das Göttliche bildet die Kunst außer sich nach.“9 Die Kunst ist für Beethoven ein „geheiligter Kultus, eine Art Gottesdienst“.10 Religion und Kunst bilden für ihn eine Einheit.

Als einmal der Wiener Violinist Ignaz A. Schuppanzigh sich über eine seiner Meinung nach unspielbare Passage beschwert, weist ihn Beethoven zurecht: „Als ich dieses Stück komponiert habe, war ich mir der Inspirierung vom allmächtigen Gott bewußt. Glauben Sie, daß ich an Ihre elende Geige denke, wenn er zu mir spricht?“11

Nur die Kunst macht Beethoven glücklich: „Ich bin wie allezeit ganz meinen Musen ergeben und finde nur darin das Glück meines Lebens.“12 Er sieht es als seine Aufgabe an, als Künstler durch seine gottgeschenkte Musik „die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht [zu] verbreiten“.13

 

2. Der Gott der Natur

Beethovens zweites Interessensgebiet ist seine Naturverehrung. Kaum ein Komponist ist derart naturverliebt wie er. Die freie Natur ist sein Labsal, sein Refugium, sein Tempel. Er genießt seine ausgedehnten Wanderungen in der Landschaft um Wien, seine stundenlangen Spaziergänge in langen Baumalleen. Im südlichen Wienerwald schätzt er besonders den berühmten Kurort Baden, auch die beliebte Sommerfrische Mödling. Hier erholt er sich vom Wiener Stadttreiben. „Wie froh bin ich“, schreibt er 1810 an Therese Malfatti, Tochter seines Wiener Arztes, „einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können! Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich. Geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht.“14

Auf dem Lande plagt ihn sein „unglückseliges Gehör“ nicht. So notiert er im Sommer 1815: „Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche …: Heilig, heilig! Im Walde Entzücken … Süße Stille des Waldes!“15

Wenn sich Beethoven in den Sommermonaten ganz aufs Land begibt, dann hat das einen existentiellen Grund: Er flieht vor der Welt, um sich zu sammeln. In der Stille liegt für ihn eine doppelte Kraft: Einmal für neue musikalisch-künstlerische Kreativität und zum andern, um Gotteserfahrung zu erleben. Das gelingt ihm nicht im lauten Wien mit seiner Viertelmillion Einwohner.

Literarische Einflüsse

Beethovens Naturverehrung ist stark beeinflusst von der Literatur. Aus ihr gewinnt er auch seinen Glauben. Es ist vor allem die Publikation von dem protestantischen Theologen Christoph Christian Sturm mit dem Titel „Betrachtungen im Reiche Gottes in der Natur“, erschienen 1811, eine Erbauungsschrift. Sie wird Beethovens Lieblingslektüre. In seiner zerfledderten Ausgabe der „Betrachtungen“ von Sturm hat er sich den folgenden Abschnitt dick angestrichen: „Keine Beschäftigung … ist mit so mannigfaltigen Vergnügungen verbunden, als die sorgfältige Betrachtung der Naturwerke … Hier werde ich Gott bewundern und … einen Vorgeschmack des Himmels finden.“16 Für Sturm ist Gott in der Schöpfung präsent. Ebenfalls erkennt Beethoven hier die Allgegenwart Gottes. Hier zeigt sich der Komponist als Pantheist, d.h. für ihn ist Gott Alles: Weltall, Gott und die Natur sind identisch. Sturms Bekenntnis zur Natur wird auch Beethovens Credo.

Als einmal der englische Harfenmacher J.A. Stumpff Beethoven besuchte, äußerte sich dieser: „Wenn ich am Abend den Himmel staunend betrachte …, dann schwingt sich mein Geist über die Gestirne hin zum Urquell, aus welchem alles Erschaffene strömt … Ja, von oben muß es kommen, das, was das Herz treffen soll …“17

Diese Worte Beethovens spiegeln Sturms Einfluss wieder, dass nämlich die Natur überall Gottes Werk ist. Solche Gedanken bestimmen sein religiöses Denken und Fühlen. Hier erfahren wir, was der Begriff „Gottheit“ für den Komponisten bedeutet: Es ist der „Urquell, aus welchem alles Erschaffene strömt … von oben.“

Der Theologe Christian Sturm kennt auch den Wortführer der katholischen Aufklärung, Johann Michael Sailer, später Bischof von Regensburg. Mit ihm steht Beethoven in Verbindung. Auch Sailer, der Theologe, sieht in der freien Natur Gottes Wirken. Beethoven verschlingt geradezu seine Passagen: „Wo regiert Gott? … Gott herrscht … in der ganz, großen, weiten Natur … Von diesem Reiche spricht Paulus, daß Gottes unsichtbares Wesen sich in der Schöpfung der Welt sichtbar gemacht hat, daß Gott einem jeden nahe ist, daß wir ihn finden, ja gleichsam berühren können …“18

So notiert Beethoven im September 1815 auf dem 500 Meter hohen Kahlenberge, einem Ausflugsziel im Wienerwald: „Allmächtiger im Walde! Ich bin selig, glücklich im Walde: jeder Baum spricht durch dich, o Gott! Welche Herrlichkeit! In einer solchen Waldgegend, in den Höhen ist Ruhe; Ruhe, ihm zu dienen.“19

Die Natur inspiriert Beethoven zu religiösen Erlebnissen. Und auch zum Komponieren. Seine 6. Sinfonie, die „Pastorale“, entspringt seiner Naturliebe. Die Satzbezeichnungen spiegeln seine Naturverbundenheit wieder, wie „Szene am Bach“ oder „Gewitter und Sturm“. Im 5. Satz versieht er den Hirtengesang mit der Bemerkung: „Wohltätige, mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühle nach dem Sturm.“ Dieser 5. Satz erscheint einem wie ein pastorales Gebet, ein „heiliger Dankgesang an die Gottheit“, in Form einer Hirtenweise. In seinen Skizzen über diesen Satz schreibt er: „Ausdruck des Dankes, Herr, wir danken dir.“

Wenn Beethoven „die Gottheit“ anruft, dann steht dahinter ein weltweites Gottesbild. Es entspringt einer Frömmigkeit, die Gottesglaube, Naturverehrung und aufklärerisches Gedankengut zu verbinden sucht. Seine Gottesvorstellung ist dreifach geprägt: pantheistisch, freigeistig, christlich.

 

3. Der Gott der fernöstlichen Weisheit

Beethoven zieht für seine Religiosität auch andere Quellen heran. Er legt sich – als drittes Interessensgebiet – quasi eine globale Sammlung verschiedener Glaubensrichtungen an. Neben dem griechischen Gedankengut begeistert er sich für Naturreligionen wie für fernöstliche Lehren. So beschäftigt er sich auch mit dem indischen Hinduismus. Aus dieser Volksreligion holt er sich seine spirituelle Orientierung.

Er liest den Rigveda, eine der heiligen hinduistischen Schriften. Diese Texte fesseln ihn so sehr, dass er für ihn wichtige Stellen in seinem Tagebuch notiert. Es sind vor allem Verse einer Hymne auf Parabrahma, die allerhöchste Gottheit der Brahmanen. Hier sucht er sich die literarischen Passagen aus, die er gerade für seine innere Verfassung braucht: „O! Leite meinen Geist, o hebe ihn aus der schweren Tiefe durch deine Kraft entzückt, damit er furchtlos streb aufwärts in feurigem Schwunge.“20 Hier findet seine gequälte Seele in seiner Ertaubung Trost und Frieden.

 

4. Der Gott der Moral

Ein zentrales Anliegen Beethovens ist die Moral, sein viertes Interessensgebiet. In seinem Heiligenstädter Testament 1802 notiert er: „Gottheit, du siehst herab auf mein Inneres … du weißt, dass Menschenliebe und Neigung zum Wohltun drin hausen.“ Und am Schluss schreibt er: „Empfehlt Euren Kindern Tugend: sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung. Sie war es, die mich selbst im Elend gehoben …“21 Zehn Jahre später trägt er in sein Tagebuch ein: „Tapfere und vortreffliche Leute führen zu edlen und rühmlichen Taten, feige und schlechte zu unnützen Geschäften.“22 Und in einem Brief an den Erzherzog schreibt er im Sommer 1821: „Gott, der … weiß, wie ich als Mensch überall meine Pflichten, die uns die Menschlichkeit, Gott und die Natur gebieten, auf das Heiligste erfülle.“23

Zwei Jahre später komponiert er den sechsstimmigen Kanon „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ nach Worten Goethes. Beethoven wählt ganz bewusst die Form des Kanons. Im Griechischen bedeutet Kanon „Maßstab, Richtschnur“. Für den Komponisten also ein willkommenes Ausdrucksmittel, um die von Goethe geforderte Moral musikalisch zu erhöhen. Warum aber schreibt er diesen Kanon gerade zu 6 Stimmen? Die Zahl 6 symbolisiert die sechs Werke der Barmherzigkeit (Mt. 25,35f). Die Werke der Barmherzigkeit fördern das Leben. Ein ähnliches Anliegen verfolgt auch Goethe, wenn er dazu aufruft, das Leben menschenwürdig zu gestalten, nämlich edel, hilfreich und gut zu sein. Könnte es sein, dass sich Moral und Religion in Beethovens sechsstimmigem Kanon wiederspiegeln? Immanuel Kants Motto ist ja sein Wahlspruch: „Das moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns.“

Alle Menschen werden Brüder“

Die Beethoven-Biografin Christine Eichel hat die 9. Sinfonie als Beethovens „Hochamt des Humanums“24 bezeichnet: „Alle Menschen werden Brüder“. Diesen Menschheitstraum liefert ihm Friedrich Schiller in seiner „Ode an die Freude“. Beethoven kleidet in seiner Neunten die menschlichen Ideale in Musik. Es ist die Sehnsucht nach einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen: frei, gleich, brüderlich. Der Komponist lässt gesellschaftliche Veränderungen geradezu herbeisingen. Damit preist er den Gott der Moral. Interessanterweise lässt der Komponist zwei Verse öfter wiederholen: „Alle Menschen werden Brüder“ und „Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen.“ Der Musikschriftsteller A.W. Ambros benennt hier Beethovens Absicht: „Alle Menschen Brüder und Gott im Himmel, der Vater aller – das ist der Gedanke, den er aussprechen wollte.“25

Einmal nennt Beethoven seine beiden geistigen Vorbilder. Er bekennt: „Sokrates und Jesus waren mir Muster.“26 Beide nennt er in einem Atemzug: Jesus, der Sohn Gottes, der die zentrale Botschaft der Nächstenliebe verkündet, und Sokrates, der griechische Philosoph, der nach Erkenntnis strebt und alles hinterfragt. An beiden schätzt Beethoven das Menschliche, und zweierlei fasziniert ihn: erstens Jesu Nächstenliebe sowie die gesunde Skepsis bei Sokrates, und zweitens sind beide ihm Vorbilder im Leiden: Sokrates und Jesus.

 

5. Der Gott der Bibel

Wenn Beethoven mit sich zufrieden ist, bedarf er des christlichen Gottes nicht. Dieser Gott kommt immer dann ins Spiel, wenn es ihm schlecht ergeht: wie in Augenblicken der Verzweiflung, Angst, Verlassenheit und Resignation. Wenn sein Leben außer Kontrolle gerät, appelliert er an den „göttlichen Freund“. So auch dann, wenn er das Bett hüten muss, „… hoffe, daß Gott mir wieder aufhelfen werde“. Manchmal spricht er von der „Fügung des Schicksals“, dem er sich ergibt – „und bitte Gott stets nur, er möge es in seinem göttlichen Ratschluß so lenken, daß ich vor Mangel geschützt werde“.27

Mit „Schicksal“ meint er eine Macht, die ihn plötzlich überfällt. Es ist für ihn das „Unglück“, der „Feind“. Er muss sich bei seiner Ertaubung entscheiden, sich dem Schicksal still zu ergeben oder ihm zu trotzen. „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen; ganz niederbeugen soll es mich nicht, es ist so schön das Leben.“28 Sein Kampf gegen das Schicksal hat die 5. Sinfonie entstehen lassen, die „Schicksalssinfonie“.

Religiosität und christlicher Gottesglaube – sein fünftes Interessensgebiet – ziehen sich wie ein roter Faden durch Beethovens Leben. Seine Briefe bezeugen das auf Schritt und Tritt, wenn er notiert: „Gott mit dir“, „hiermit Gott befohlen“. Beethoven selbst baut auf Gott, wenn er schreibt „Gott wird wohl meine Bitte erhören“. Er hat ein personales Gottesbild, er richtet seine Stoßgebete an ein Gegenüber: „O Gott, gib mir Kraft.“ Einmal bittet er die Ursulinerinnen in Graz, sie sollen „mich mit ihren Zöglingen in ihr frommes Gebet einschließen“.29

Beethoven hat viele Namen für Gott: „ewige Vorsicht“, „Güte ohne Grenzen“, „der Allerhöchste“, „Unaussprechlicher“, „du Hoffnung“, „der Himmel“, der „liebende Vater“, der „Unbekannte, Schöpfer und Sternenrichter“. So in seiner 9. Sinfonie.

Dass Beethoven aus dem Glauben an Gott heraus lebt und Zeugnis gibt, zeigen vor allem seine drei religiösen Werke: das Oratorium Christus am Ölberge (op. 85), die Messe C-Dur (op. 86) und die Missa solemnis (op. 123). Man sagt, dass Beethoven in der Ölbergszene seine eigene Situation, nämlich seinen unheilbaren Hörverlust, spirituell verarbeitet hat. Er identifiziert sich mit dem Leiden Jesu Christi.

 

Religiöse Gefühle erwecken“

Für sein „gelungenstes Werk“, die Missa solemnis, setzt sich Beethoven jahrelang mit seinem eigenen christlichen Glauben und den theologischen Aussagen des Messetextes auseinander. Es ist sein Ziel, bei den Singenden und den Zuhörern „religiöse Gefühle zu erwecken und dauernd zu machen“30. Die Missa soll zu Herzen gehen.

Beethoven, der der Amtskirche fernsteht, tut sich manchmal schwer, kirchliche Glaubensdogmen zu verkünden. Das zeigt z.B. seine Credo-Vertonung. Beim Bekenntnis des Glaubens an „die eine heilige, katholische und apostolische Kirche“ wird „das Stimmgewirr so komplex, dass man kein Wort mehr versteht“.31 Ist das Absicht? Zufall? Den Glauben an Christus, den er „Erlöser“ nennt, betont und bejaht er. Das berühmte Beethoven-Porträt von Joseph Stieler zeigt den Komponisten mit dem Credo aus der D-Dur-Missa. Es verleiht dem Bild etwas Bekenntnishaftes.

Sein Gottesglaube zeigt sich auch in den vertonten sechs Liedern von Christian Gellert (op. 48), darunter: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, von Männerchören begeistert gesungen. Seine in Musik gesetzten Texte sind persönliche Glaubensoffenbarungen. Dazu gehört auch der vierstimmige kanonartige Satz „Glaube und hoffe“ (WoO 174).

 

Bekenntnis zum christlichen Glauben

Beethoven bekennt sich klar und deutlich zu Gott als dem Schöpfer, zum Vertrauen auf Gott, zu seiner Macht, zu Jesus Christus, zur christlichen Nächstenliebe. In seinen Briefen und Aufzeichnungen ringt Beethoven mit Gott und der Religion, anbetend, bittend und zweifelnd. Zwei Tage vor seinem Tod empfängt er – auf Wunsch seiner Freunde – die Sterbesakramente. Er scheint damit einverstanden gewesen zu sein. Zum Pfarrer soll er gesagt haben: „Ich danke Ihnen, geistlicher Herr! Sie haben mir Trost gebracht!“32

Das Bestreben des Komponisten Ludwig van Beethoven ist es stets gewesen, „die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht [zu] verbreiten“. Das ist ihm gelungen. Ist es übertrieben, wenn wir im Jubiläumsjahr „Beethoven als Dolmetscher Gottes“33 feiern?

 

Anmerkungen

1 Predigt über die Gottheit Jesu. Von Dr. Thaddäus Dereser, Prof. der Theologie. Gehalten in der Hofkapelle zu Bonn, den 18. Dez. 1789.

2 J. Heer, Zur Kirchenmusik und ihrer Praxis während der Beethoven-Zeit in Bonn, in: Kirchenmusikal. Jahrbuch, 28. Jg. 1933, 130-142, hier 132.

3 Kölnische Zeitung 30. Aug. 1838, Brief F. Wurzer an C.M. Kalisch.

4 H. Loos, in: Deutschlandradio „Musik und Religion“: Heiliger Beethoven, vom 3.11.2017, von Chr. Röther (Internet).

5 R. Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, Leipzig 1858, 94.

6 W.J. Wasielewski, Ludwig van Beethoven, Berlin 1888, I, 254.

7 Brief an Bettina Brentano, Sommer 1810, in: A. W. Thayer, Beethovens Leben 3, Leipzig 1896, 227.

8 Brief an J. v. Varena in Graz, in: S. Brandenburg (Hrsg.), Beethoven, Briefe 2, Briefwechsel Gesamtausgabe, München 1996, 279.

9 J.M. Sailer, Handbuch der christlichen Moral, Wien 1818, 3. Bd., 78.

10 Ebd.

11 Nach J. Indorf, Beethovens Streichquartette. Kulturgeschichtliche Aspekte u. Werkinterpretation, Freiburg i.Br. 2004, 31.

12 Wie Anm. 6, 254.

13 Brief an Erzherzog Rudolph, Juli/Aug. 1821, in: S. Brandenburg (Hrsg.), Beethoven-Briefwechsel, Gesamtausgabe, Bd. 4, Nr. 1438, 446.

14 Brief an Th. Malfatti 1810, in: A. Leitzmann, Beethovens Briefe, Leipzig 1926, 43.

15 Beethoven Skizzenblatt 1815, in: J.B. Maria, Beethoven, München 1970, 279.

16 Chr. Sturm, Betrachtungen über die Werke Gottes in der Natur, Reutlingen 1811, Bd. II, 565.

17 A. Leitzmann (s. Anm. 14), 278f.

18 J.M. Sailer, Das Heiligthum der Menschheit, für gebildete u. innige Verehrer derselben, München 1810, 2. Sammlung, 16f.

19  L. Schiedermayr, Der junge Beethoven, Weimar o.J. [1939], 250.

20 S. Brandenburg/M. Solomon (Hrsg.), Beethovens Tagebuch, Bonn 1990, 71ff.

21 Heiligenstädter Testament, in: S. Brandenburg (Hrsg.), L. v. Beethoven – Briefwechsel Gesamtausgabe, Bd. 1, München 1996, 121-123.

22 Wie Anm. 20, 79.

23 Wie Anm. 6, 248.

24 Chr. Eichel, Beethoven, der empfindsame Titan. L. v. Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke, München 2019, 376.

25 D. Hildebrandt, Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines Welterfolgs, München/Wien 2005, 144.

26 K.-H. Köhler u.a. (Hrsg.), L. v. Beethoven, Konversationshefte, 6, Jan. 1829, Blatt 63, Leipzig 1968ff.

27 Wie Anm. 14, 236.

28 Wie Anm. 19, 237.

29 Wie Anm. 8, ebd.

30 Brief vom 16. Sept. 1824 an Streicher, in: L. Nohl, Briefe Beethovens, Stuttgart 1865, 272.

31 Jan Caeyers, Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, Sonderausgabe 2020, 625.

32 Wie Anm. 6, Bd. II, Leipzig 1895, 294.

33 Nikolaus de Palézieux, Sternstunden der Menschen. Von J. S. Bach bis John Cage, München 2007, 9.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Harald Pfeiffer, Theologiestudium in Göttingen und Heidelberg, Pfarrer in Walldorf und Heidelberg, Promotion in Musikwissenschaft (Universität Heidelberg), seit 2007 ehrenamtlicher Seelsorger in der SRH mit Hochschule in Heidelberg; musikgeschichtliche Veröffentlichungen, Konzerttätigkeit (Trompete).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.