III. Weggemeinschaft

Stimme eines Rufers (:) in der Wüste: Bereitet den Weg des HERRN, macht seine Trampelpfade gerade. (Mk. 1,3)

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Diese Frage passt zu Mk. 1,3. Die Antwort lautet: Der eine Weg und die vielen Pfade. Aber der Reihe nach: Mk. kommt jetzt doch noch zum bereits angekündigten Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja (vgl. Mk. 1,2). Je nachdem, ob man die hebräische oder die griechische Version des Textes wählt, lautet es: Stimme eines Rufers: In der Wüste bereitet den Weg JHWHs, begradigt in der Wüste die Bahn unserem Gott. (Jes. 40,3 MT) Oder: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des HERRN, macht die Trampelpfade eures Gottes gerade. (Jes. 40,3 LXX)

Zunächst fällt auf, dass die Wüste als Ortsbestimmung unterschiedlich gebraucht wird, je nachdem, wo der Doppelpunkt gesetzt wird. Im griechischen Text erklingt die Stimme des Rufers in der Wüste. Mk. wird diese Ortsbestimmung dazu verwenden, um Johannes den Täufer als die von Jesaja prophezeite Stimme auszuweisen (vgl. Mk. 1,4). In der hebräischen Version sieht das anders aus. Da ruft die nicht näher verortete Stimme: „In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg.“ Hier ist der Kontext wichtig. In der hebräischen Bibel steht dieser Vers am Anfang der Schrift des sog. zweiten Jesaja, der dem im babylonischen Exil lebenden Volk Israel den Auszug in die Freiheit und die Heimkehr ins Land ihrer Vorfahren ankündigt. In Babylon wächst die Hoffnung, dass JHWH wie einst in Ägypten seinen Namen – ICH BIN DA – zum Programm werden lässt und sein Volk in einem zweiten Exodus nach Hause bringt. Der Weg, den Gott sich dazu durch die Wüste bahnen wird, ist daher weniger der Weg Gottes als vielmehr der Weg für sein Volk. Im Targum des Rabbi Jonathan, einer antiken aramäischen Übersetzung des Bibeltextes wird das überdeutlich: In der Wüste bereitet den Weg für das Volk JHWHs. Die „Wer bin ich?“-Frage wäre also schon geklärt: Der Weg für Gottes Volk oder – noch besser – der Weg Gottes mit seinem Volk.

Bleibt noch die Frage: „Wie viele?“ Hier könnte man es sich einfach machen, nach dem Motto „Ein Gott – ein Weg“. Aber ganz so einfach ist es nicht. In der griechischen Version des Jes.-Zitats ist der Weg zunächst ein Singular, die Trampelpfade stehen aber eindeutig im Plural. Nun sagt das Wörterbuch, dass der Ausdruck auch allgemein für „der Pfad“ stehen kann. Das erscheint mir aber zu einfach. Ich erinnere mich an eine Predigt von Jürgen Ebach, in der er Ex. 33,13 auslegt, wo es ebenfalls eine Ungereimtheit in der Frage gibt, ob „Weg“ im Singular oder im Plural steht. Dort ist es so, dass im hebräischen Text die Konsonanten des Wortes „Weg“ einen Singular bilden, die Vokale desselben Wortes aber einen Plural anzeigen. Hab ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden, so lass mich deine(n) Weg(e) wissen, damit ich dich erkenne und Gnade vor deinen Augen finde. (Ex. 33,13) Ebach führt dazu aus: „Die Ungereimtheit des hebräischen Wortlauts ist kaum eine Nachlässigkeit; sie zeigt gerade in der Unschärfe die größte Genauigkeit und sie legt eine Spur. Es gibt viele Wege Gottes und diese vielen, zuweilen einander durchkreuzenden Wege bilden einen Weg.“

Ebach schlägt deshalb vor, in der Übersetzung statt „Weg“ oder „Wege“ den Ausdruck „Wegführung“ zu verwenden. Ich möchte „Weggemeinschaft“ vorschlagen. Denn so möchte ich den Weg des HERRN und seine Trampelpfade in Mk. 1,3 deuten: Es geht hier um den Weg Gottes für und mit seinem Volk. Dieser Weg ist aber gerade nicht einlinig, sondern ein Weg der vielen Trampelpfade. Ein Weg besonders für die krummen Pfade, für die Umwege und für die Sackgassen. Denn es ist Jesus, dessen Weg sich da anbahnt. Der aber ist immer zuerst für diejenigen da, deren Lebenswege nicht gerade und eben verlaufen sind. Bei ihm und mit ihm ist kein Weg vergebens und keiner unumkehrbar falsch. Denn Jesus – das will Mk. uns mit dem Jes.-Zitat sagen – ist die Weggemeinschaft Gottes mit seinem Volk. Bei ihm fallen Weg und Ziel zusammen. Er ist der Immanuel, d.h. übersetzt: Gott mit uns (vgl. Jes. 7,14; Mt. 1,23): Stimme eines Rufer in der Wüste: Bereitet der Weggemeinschaft Gottes die Bahn: Immanuel – Gott mit uns!

 

Sascha Flüchter

(Fortsetzung folgt)

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Sascha Flüchter (Evang. Kirche im Rheinland) hat den Anfang des ältesten Evangeliums einer differenzierten Betrachtung unterzogen und präsentiert seine Überlegungen zu den ersten acht Versen des Markusevangeliums in einer kleinen Serie von acht Essays.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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