Das Ende des Wachstums ist längst in Sicht, die Grenzen sind erreicht. Die Politik scheint es aber bislang noch nicht begriffen zu haben – und wenn begriffen, dann noch lange nicht umgesetzt. Eberhard Pausch analysiert den Begriff des Wachstums in seinen unterschiedlichen Facetten und plädiert für eine Postwachstumsorientierung in Wirtschaft, Konsum und Ressourcenverbrauch.*

 

In Abwandlung eines einst weltberühmten Satzes kann man heute vielleicht sagen: Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Wachstumsideologien. Kapitalismus und Kommunismus, Autokratie und Demokratie, Totalitarismus und Liberalismus, sie alle basierten und basieren teilweise heute noch auf der Vorstellung, es könne auf dieser Welt ein unbegrenztes Wachstum geben. Dem ist entgegenzuhalten: Das Ende des Wachstums ist längst in Sicht. Der Club of Rome (bzw. in seinem Auftrag der Wissenschaftler Dennis Meadows1) hat es bereits 1972/73 vorhergesagt und viele andere realistische Studien bis hin zu „Wir sind dran“2 haben es ebenfalls prognostiziert. Aber die Politik hat es noch längst nicht begriffen – und, falls begriffen, so doch noch lange nicht umgesetzt.

Wie sieht es hiermit in der evangelischen Kirche und Theologie aus? Kirchlicherseits gibt es zur in Rede stehenden Thematik sehr anregende Texte, die durchaus auch auf praktisches Handeln abzielen.3 Wie aber kommen Begriffe wie „Wachstum“, „Postwachstum“4 und „Grenzen des Wachstums“ in der evangelischen Theologie vor? Es ist jedenfalls erstaunlich, dass sich etwa in den drei wichtigsten evangelischen Nachschlagewerken der Gegenwart zu „Wachstum“ kein Stichwort findet. Man schaue in das EKL (3. Aufl., 1986-1997), in die RGG (4. Aufl., 1998-2007) und in die TRE (1977-2004). Ich beginne meine Argumentation daher mit einer basalen Begriffsbestimmung.

 

1. Der Begriff „Wachstum“

„Wachstum“ grenzt sich im allgemeinen Sprachgebrauch von zwei anderen Begriffen ab: vom „Gleichbleiben“ und vom „Abnehmen“ oder „Negativwachstum“. Die naheliegendste Konnotation beim Wachstumsbegriff ist die quantitative. Demnach bedeutet „Wachsen/Wachs­tum“ etwas wird mehr, und dieses Mehr lässt sich messen bzw. berechnen. Wachstum kann sich allerdings mindestens auch in drei anderen Dimensionen ereignen, nämlich in lokaler, temporaler oder qualitativer Hinsicht. Entsprechend ergibt sich folgendes Schema:

Von den vier Grundbegriffen (Quantität, Raum, Zeit, Qualität) aus lassen sich auch abgeleitete Kategorien bilden, etwa Geschwindigkeit und Beschleunigung. Beide Kategorien spielen in unserer Gesellschaft und dort speziell im Wirtschaftssystem eine große Rolle, denn deren interne Logik scheint zu lauten: „Bigger, better, faster, more.5 Beschränkt man sich auf die genannten vier Grundbegriffe, so zeigt sich rasch, dass diese nicht auf gleicher Ebene stehen. Das hat folgende Gründe:

a) In der Terminologie Immanuel Kants sind Raum und Zeit als Formen der Anschauung Gegenstand der „transzendentalen Ästhetik“. Dagegen sind Quantität und Qualität im strengen Sinne Kategorien, die Gegenstand der „transzendentalen Logik“ sind.

b) Auch Raum und Zeit lassen sich quantitativ messen und berechnen.

c) Gleichwohl scheinen im Blick auf Quantifizierbarkeit und qualitativen Charakter Raum und Zeit gleichsam „zwischen“ den beiden Kategorien zu liegen.

Der Physiker Harald Lesch hat daher die Hypothese formuliert, die Zeit stehe der Kategorie der „Qualität“ näher als der „Quantität“, der Raum dagegen weise eher einen quantitativen Charakter auf. Lesch argumentiert des Näheren wie folgt: „Beim Raum ist alles Quantität. Raum kann verpachtet, verschenkt oder verkauft werden, dafür gibt es Makler. Für Zeit jedoch nicht. […] Ich würde es so ausdrücken: Der Raum ist eine quantitative Dimension, die Zeit eine qualitative. Obwohl … Auch die Zeit kann natürlich gezählt und somit gemessen werden, als Uhrzeit. Und das haben wir ja in der Physik auch immer gemacht.“6

Im Anschluss an Leschs Gedanken7 würde ich vermuten, dass sich der quantitative Anteil der Dimensionen in der Reihenfolge „Quantität – Raum – Zeit – Qualität“ zunehmend verflüchtigt, ohne je ganz zu verschwinden. Denn auch im Hinblick auf Qualität kann der Aspekt der Quantität gelegentlich eine Rolle spielen. Er gibt bloß nicht den Ausschlag! Umgekehrt würde ich nicht ausschließen, dass auch im Hinblick auf Quantität der Aspekt der Qualität eine Rolle spielt. Aber wiederum gilt: Er steht nicht im Vordergrund. Wenn somit von Quantität und Qualität die Rede ist, handelt es sich dabei (im Sinne von Friedrich Schleiermacher) nicht um einen absoluten, sondern um einen relativen Gegensatz.

Sodann: Die Rede von „Nachhaltigkeit“ im Blick auf das Wachstum koppelt vorwiegend zeitliche und qualitative Aspekte des Wachstums miteinander. Die Rede von „Dauerhaftigkeit“ betont dabei die temporalen Aspekte. Fatal wäre deshalb eine „Unfähigkeit zu dauern“. Es ist daher m.E. sinnvoll, dem rein quantitativen Wachstum ein nachhaltiges Wachstum gegenüberzustellen. Ein bloß qualitatives Wachstum würde den zeitlichen Aspekt nicht (automatisch) beinhalten: Denn ein Gegenstand von höchster Qualität kann zugleich extrem kurzlebig sein. Umgekehrt muss ein langlebiges Phänomen oder ein langlebiger Gegenstand keineswegs von hoher Qualität sein. Man kann das an der „Entsorgungsproblematik“ im Blick auf Müll überhaupt und Atommüll insbesondere illustrieren.

Sollte man also grundsätzlich von nachhaltigem Wachstum sprechen? Und wie verhält sich dazu die Rede von „Postwachstum“?

 

2. Eine Zwischenüberlegung zur Begriffsproblematik

In Begriffen werden Gedanken gebündelt. Darin liegt ihre Stärke. Allerdings sind Begriffe oft vage, mehrdeutig und mit Verkürzungen verbunden. Das macht sie missverständlich und erklärungsbedürftig. Der Begriff „Postwachstum“ etwa könnte suggerieren, dass alle Arten von Wachstum der Vergangenheit angehören sollten. Das ist aber nicht gemeint. Abgelehnt wird nicht das Wachstum als solches, sondern das Wirtschaftswachstum, und noch genauer gesagt auch nicht dieses als solches, sondern der Wachstumsimperativ, die Wachstumsideologie, das Wachstumsdogma. Also das Wirtschaftswachstum „um jeden Preis“ und (nahezu) ohne jede Rücksichtnahme.

Auch der möglicherweise besser geeignete Begriff „Nachhaltigkeit“ hat seine Tücken. Er ist bekanntlich seit dem 17./18. Jh. in Gebrauch und stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Verwendet wird er aber nicht nur in der Ökonomie und der Ökologie, sondern auch – beispielsweise – in der Militärstrategie. Es gibt dort die Rede von einer „nachhaltigen Schwächung“ oder „nachhaltigen Zerstörung“. Das zeigt, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ immer auch über denjenigen Kontext zu definieren ist, in dem er verwendet wird.

Daraus folgt zunächst: „Nachhaltigkeit“ ist der Begriff mit dem weiteren semantischen Spektrum, „Postwachstum“ ist der fokussiertere und kritischer akzentuierte Begriff. Verwendbar sind sicherlich beide, aber auch jeweils explikationsbedürftig.

 

3. Warum es sinnvoll sein könnte, von „Postwachstum“ zu sprechen

Wenn in der heutigen Diskussion von „Postwachstum“ die Rede ist, dann ist damit in aller Regel eine massive Kritik am „Wachstumsdogma“ bzw. an der „Wachstumsideologie“ im Feld der Ökonomie gemeint. Postwachstumsdenken bestreitet energisch den Leitsatz der Ökonomie des Milton Friedman: „The social responsibility of business is to increase its profits“8 und sieht in einer solchen Aussage geradezu die Verweigerung eines verantwortlichen, verantwortbaren Handelns.

Das heißt: Die Rede von „Postwachstum“ umfasst eine grundlegende Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung sowie ein normatives Konzept für die Gestaltung künftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Kritisiert wird in den Postwachstumsdiskursen das hemmungs- und rücksichtslose Fixiertsein auf Wirtschaftswachstum. Stattdessen wird plädiert für freiwilligen Verzicht (Askese), notwendige Regulierung durch Gesetze und Verordnungen, eine „Ökonomie des Genug“ statt einer „Ökonomie des Immer-mehr“. Dabei ist den Postwachstumsdenkern bewusst, dass sowohl in kapitalistischen wie in kommunistischen Gesellschaftssystemen ein Wachstumsdogma bzw. eine Wachstumsideologie herrscht(e). Deswegen kann die Lösung des Problems nicht darin bestehen, das eine Gesellschaftssystem einfach durch das andere zu ersetzen. Sehr wohl aber muss das jetzige Gesellschaftssystem erheblich verändert, also mindestens reformiert, ggf. auch transformiert oder sogar revolutioniert werden.9 Das ist aus mindestens drei Gründen zwingend notwendig:

Erstens: In einer Welt endlicher Ressourcen ist prinzipiell kein unendliches Wachstum möglich. Jedes Wachstum hat notwendig Grenzen. Das würde selbst für die in Science-Fiction-Szenarien für möglich gehaltenen „Dyson-Sphären“10 gelten (vernünftiges Argument, gleichsam a priori gültig).

Zweitens: Unbegrenztes Wirtschaftswachstum zerstört die natürlichen und die menschlichen Lebensgrundlagen und kann nicht ökologisch nachhaltig gestaltet werden. Das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte (ökologisches Argument, aus der Empirie)11.

Drittens: Das Wachstum der einen (nämlich der reichen) Länder war und ist in aller Regel nur möglich auf der Grundlage der Ausbeutung der anderen. Dies geschah historisch durch Eroberungskriege, durch Sklavenhandel, durch Kolonialismus.12 Auch heute erfolgt das Wachstum zugunsten der Reichen und Privilegierten nahezu stets auf Kosten und zu Lasten der Armen und sozial Schwachen. Die große Mehrzahl der armen Menschen aber lebt in der südlichen Erdhalbkugel – und viele davon in unserem Nachbarkontinent Afrika13 (ethisches Argument, aus der Perspektive der Einen Welt)14.

 

4. Was heißt also „Postwachstum“ – und was nicht?

Die Rede von „Postwachstum“ bezieht sich grundsätzlich auf das Wirtschaftswachstum15 und daher zunächst einmal nicht auf natürliche Vorgänge aller Art. Sie impliziert daher keineswegs, dass von nun an nichts mehr wachsen dürfe oder sogar alles schrumpfen müsste. Auch nicht, dass Wachstum als solches moralisch verwerflich wäre. Dass es im Kosmos oder in der Biosphäre Wachstum gibt und geben muss, ist vielmehr unbestritten. Ebenso, dass die Entwicklungen in dieser Welt aufmerksam beobachtet und auch empirisch, statistisch und insofern quantitativ wahrgenommen werden müssen. Auch wird nicht grundsätzlich alles Wachstum abgelehnt, das Menschen herbeiführen. Nachhaltiges Wachstum wird in der Postwachstumsdebatte keineswegs verneint oder ausgeschlossen.

„Postwachstum“ meint aber: Kein Wachstum um jeden Preis! Kein Wachstumsdogma! Kein Wachstumsimperativ! Kein Wachstum aus Gier! Kein Wachstum mit gefährlichen oder unüberschaubaren Folgen und Risiken für die Biosphäre oder die Gattung Mensch.16 Daraus ergeben sich u.a. folgende Forderungen, über die heute strittig diskutiert wird:

¬ weitgehender individueller Verzicht auf Luxusgüter
¬ weitgehender individueller Verzicht auf Reisen mit dem Flugzeug und Fahrten mit dem PKW (insbesondere mit SUVs)
¬ weitgehender individueller Verzicht auf Fleischkonsum
¬ politisch forcierter weiterer Ausbau erneuerbarer Energien und drastischer Abbau fossiler Energien
¬ die zunächst nationale, später dann globale Einführung einer mehr als nur spürbaren CO2-Steuer17
¬ stärkere Regionalisierung statt Globalisierung von Produktion, Allokation und Verbrauch von Bedarfsgütern, vor allem Lebensmitteln
¬ das Verbot oder die erhebliche Verteuerung von Flugreisen innerhalb Deutschlands
¬ ein politisch garantiertes bedingungsloses Grundeinkommen, von dem jeder Mensch leben kann18
¬ ein darüber liegender garantierter Mindestlohn und ein definiertes Maximaleinkommen, das weit unterhalb der astronomischen Gehälter von Fußballspielern (wie Neymar: 222 Mio. Euro), aber auch der heutigen durchschnittlichen Managergehälter liegen sollte
¬ Verkürzung der (Lebens-) Arbeitszeit in allen Bereichen, in denen dies möglich ist
¬ Nutzung aller gesetzlich denkbaren Möglichkeiten zur Schaffung und Bereitstellung von Wohnraum, vor allem in den großen Städten
¬ […]

 

5. Beispiele für aktuelle Postwachstums- bzw. Nachhaltigkeitsdebatten

Klima

Einer der profiliertesten deutschen Ökonomen der Gegenwart, Hans-Werner Sinn (geb. 1948), bezeichnet den Klimawandel als die gegenwärtig größte Herausforderung für die Menschheit und plädiert für die engagierte Suche nach globalen Lösungen für diese Problematik. Sinn sieht dafür umfangreiche Solaranlagen in der Wüste Sahara, aber auch Bemühungen um die Kernfusion (anstelle von Kernspaltung) als Erfolg versprechende Ansatzpunkte.19 Dass er dabei vorrangig seine Hoffnung auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ und somit auf Wirtschaftswachstum setzt20, ist cantus firmus seines Denkens. Die Pläne zu einem weitreichenden „Green Deal“, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 vorstellte, haben die zweifellos gute Absicht, den Kontinent Europa bis zum Jahr 2050 „klimaneutral“ zu machen. Die Umsetzung dieser Absicht beruht Frau von der Leyen zufolge auf der Prämisse, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum „versöhnen“ zu können.21 Was aber, wenn Wirtschaftswachstum und Klimaschutz einander ausschließen?22

Im Kontext der Postwachstums- oder Nachhaltigkeitsdiskussion sind folgende (realisierbare) Schritte für den Klimaschutz nötig:
a. Energiesparen, Verzicht auf energetischen Luxus („Askese“)
b. Ausstieg aus der Kohlekraft und Verzicht auf fossile Brennstoffe
c. Ausbau der Solarenergie
d. Ausbau der Windenergie
e. Verstärkte Nutzung der Wasserkraftressourcen
f. Erschließung von Potenzialen der Erdwärme

Gemeindewachstum/missionarisches Handeln

Seit dem im Jahr 2006 veröffentlichten Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit“ wurde heftig über die Frage diskutiert, wie man „Wachstum“ in der gegenwärtigen Situation der „späten Volkskirche“ (Kristian Fechtner) zu verstehen habe und welche Rolle dabei „missionarisches Handeln“ spielen könne. Das Impulspapier enthielt zahlreiche, bis in das Jahr 2030 reichende und m.E. realistische Prognosen, aber auch sehr wichtige Handlungsorientierungen auf dem Weg der Kirche in die Zukunft. Bedeutsam sind u.a. die vier kybernetischen Prinzipien: (a) geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität, (b) Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit, (c) Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an überholten Strukturen, (d) Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit.

Widerstände entzündeten sich aber an quantitativen Vorgaben wie: Es komme darauf an, die „Taufquote“ zu erhöhen, die Zahl der evangelischen Schulen zu steigern und die Zahl der Mitglieder, die sich an der Mitfinanzierung kirchlicher Kosten beteiligten, zu verdoppeln (allerdings stieß auch die Forderung nach Verringerung der Anzahl der Landeskirchen auf Widerstand). Das den Text prägende Motto des „Wachsens gegen den Trend“ war sicherlich als ermutigende Formel gedacht. Aber im Blick auf die alltäglich erfahrbare Wirklichkeit der evangelischen Kirche in unserem Land erwies es sich doch vielfach als demotivierend. Vor allem aber war dieses Motto einseitig auf quantitatives Wachstum fokussiert.

Ist es aber wirklich der primäre Sinn von „Mission“, durch Taufen oder (Wieder-) Eintritte möglichst viele Mitglieder für die Kirche zu gewinnen oder ein möglichst hohes Kirchensteuereinkommen zu generieren? Ist nicht der wesentliche Sinn von „Mission“ vielmehr ein temporal-qualitativer, immaterieller, nämlich: durch Bildung und Herzensbildung Menschen dafür zu öffnen, sich von Gott dem Heiligen Geist inspirieren zu lassen und Jesus von Nazareth auf dem Weg von Glaube, Liebe und Hoffnung nachzufolgen?23

Digitalisierung

Im Kontext dieser Diskussion hat der Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, geb. 1960, einen wichtigen Impulstext vorgelegt.24 Dieser hat eine Reihe von Vorzügen: Er ist knapp, übersichtlich gegliedert, theologisch tragfähig begründet und in einer sehr gut verständlichen Sprache formuliert. Jung macht deutlich, dass er schon seiner Biographie nach kein „Technik-Freak“ ist, dass er aber in der gegenwärtigen Situation die Chancen der Kirche nutzen wolle, die Kommunikation des Evangeliums auf digitalem Wege zu befördern. Jung sieht sich als „Pragmatiker“ und somit weder als „Apokalyptiker“ noch als „Euphoriker“ im Blick auf die neuen und sog. „sozialen Medien“ wie etwa „Facebook“. Er sieht sehr realistisch die Gefahren solcher Medien („Fake News“, „Hate Speech“, „Shit Storms“, „Bots“, „Trolle“). Er nimmt aber auch Chancen wahr, die durch Angebote wie „Siri“, „Alexa“ und „Cortana“ eröffnet werden. Die Herausforderung der Gegenwart bestehe, so Jung, darin, im Digitalzeitalter Mensch zu bleiben – so ja auch der Titel seines Buches. In alledem kann ich ihm nur zustimmen.

An einem Punkt melde ich Widerspruch an. Jung schildert „Industrie und Arbeit 4.0“25 als Überschrift für die Veränderungen, die sich aufgrund der Digitalisierung in der industriellen Produktion ergeben. Er sieht „Industrie 4.0“ als ein „auf Wachstum ausgerichtetes Projekt“ und notiert dazu: „Nicht nur die Quantität des Wachstums ist entscheidend, sondern auch die Qualität.“26 Dem möchte ich aus der Perspektive der Postwachstums- bzw. Nachhaltigkeitsdiskussion entgegenhalten: Nein, entscheidend ist vor allem die Qualität, und diese in Verbindung mit einer temporalen Dimension!

Konkret könnte das u.a. bedeuten, die Kurzlebigkeit, „Flüchtigkeit“ und Unübersichtlichkeit der heute üblichen elektronischen Kommunikation zu hinterfragen und bei der Suche nach der Wahrheit in dieser wirren Welt Begegnungen und Diskurse von Mensch zu Mensch zu pflegen und wieder verstärkt die klassischen, in mancher Hinsicht solideren Medien wie Bücher und Zeitschriften zu konsultieren.

Wünschenswertes Wachstum

Was darf, was sollte, was muss wachsen, damit die „Unfähigkeit zu dauern“ überwunden werden kann? Die grundsätzliche Antwort lautet: Jedenfalls nicht die Wirtschaft als solche, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Und überhaupt: Nicht die pure Quantität sollte wachsen, sondern die Qualität in Verbindung mit der Temporalität. Je dauerhafter und qualitätvoller, desto besser!

¬ Wachsen sollte daher die Bereitschaft, zu sparen und zu verzichten, wenn und weil es der Natur und unseren Mitmenschen zugutekommt (christlich gesprochen: Askese).
¬ Wachsen sollte die Bereitschaft, mit anderen Menschen zu teilen, also den anderen vom eigenen Reichtum und Überfluss abzugeben (christlich gesprochen: Barmherzigkeit).
¬ Wachsen sollte das Streben nach Frieden, Gerechtigkeit, Humanität, Solidarität (christlich gesprochen: das Ethos).
¬ Wachsen sollten Bildung allgemein und Herzensbildung im Besonderen (christlich gesprochen: der „innere Mensch“).
¬ Wachsen sollte der Glaube als existenzbestimmendes Vertrauen zu Gott, der uns geschaffen hat. Sodann auch die Hoffnung als Zuversicht, dass es eine gute Zukunft für uns Menschen geben kann, weil Gott es so will und wir dazu beitragen. Schließlich die Nächstenliebe als kreative Hinwendung zu unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen (1. Thess. 1,3; 5,8; 1. Kor. 13). Also die drei Haltungen oder Dimensionen, die – nicht nur Paulus zufolge – Christsein wesentlich ausmachen.

Auch die Art des wünschenswerten Wachstums lässt sich genauer beschreiben: Das wünschenswerte Wachstum sollte nämlich ein dauerhaftes bzw. nachhaltiges Wachstum sein, also Aspekte der Zeitlichkeit und der Qualität miteinander verbinden.

 

6. Plädoyer

Auch und gerade in einem Postwachstumskontext dürfen und sollen daher Glaube, Hoffnung und Liebe als Dimensionen christlicher Existenz wachsen. Und in ihnen und aus ihnen mögen „gute Werke“ folgen. Im Sinne Martin Luthers: keine heilsnotwendigen Werke, sondern aus dem Glauben folgende Taten der Liebe.

Solche „guten Werke“ werden wir brauchen, denn wir müssen einiges verändern in unserer Welt. An unserem Lebensstil und an unserer Politik. Wir müssen die „Unfähigkeit zu dauern“ überwinden und die letztlich auf die Steigerung von Profit abzielende Wachstumsideologie aus unserem Denken und Handeln verabschieden. Wir können nicht Gott und gleichzeitig dem Mammon dienen (Lk. 16,13b, par. Mt. 6,24b). Deshalb zum Schluss in Abwandlung eines wiederum weltberühmten Satzes der Aufruf: Anhänger der Postwachstumsbewegung aller Länder, vereinigt euch! 

 

Anmerkungen

* Mit seiner Titelwahl bezieht sich der Autor auf die Zeitdiagnose von Alexander Mitscherlich (1908-1982). Er sprach in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts von der „Unfähigkeit zu trauern“, die Deutschland nach dem Holocaust präge und lähme. Diese Unfähigkeit war überwindbar. Das sollte, so ist meine Hoffnung, auch für die „Unfähigkeit zu dauern“ bzw. Unfähigkeit zur Nachhaltigkeit gelten. Als der Aufsatz entstand (zu Jahresbeginn 2020), lag die Corona-Krise noch weit vor uns allen und war nicht vorhersehbar. Pausch ist fest davon überzeugt, dass diese Krise sowohl in mittel- wie in langfristiger Perspektive die Überlegungen seines Textes stützt. Denn das zeitweise auf ein Minimum heruntergefahrene Alltags- und Berufsleben zeigt, dass es zu manchen Zeiten durchaus ohne Wirtschaftswachstum geht und manchmal gehen muss – wenn denn die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Informationen, Medikamenten gesichert werden kann. Ohne Luxus leben ist möglich.

1 Dennis Meadows/Donella Meadows/Erich Zahn/Peter Milling: Die Grenzen des Wachstums: Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Reinbek bei Hamburg 1973.

2 Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman: Wir sind dran: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen – Club of Rome: Der große Bericht, München 2019.

3 Abgesehen von einigen beachtlichen Beschlüssen der EKD-Synode oder einiger landeskirchlicher Synoden sei hier als aktuelles Beispiel genannt: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“: Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen. Ein Impulspapier der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. EKD-Texte 130, Hannover 2018.

4 Zum Begriffsfeld insgesamt vgl. Matthias Schmelzer/Andrea Vetter: Degrowth/Postwachstum zur Einführung, Hamburg 2019.

5 Die Kombination dieser vier Worte bildet den zweifellos ironisch gemeinten Titel einer im Jahr 1993 außerordentlich erfolgreichen Musik-CD der alternativen US-amerikanischen Rockband „4 Non Blondes“.

6 Harald Lesch: Was hat das Universum mit mir zu tun? Nachrichten vom Rande der erkennbaren Welt, München 2019, 147.

7 Ich danke meinem Sohn Ansgar Pausch, der mich darauf aufmerksam machte, dass Lesch hier aus physikalischer Sicht ungenau formuliert. Das macht Leschs Argument indes nicht wertlos, denn er hat darin Recht, dass die quantitative Dimensionalität des Raumes uns sehr viel „anschaulicher“ vor Augen steht als die der Zeit. Im Sinne eines relativen Gegensatzes zwischen Quantität und Qualität, bei dem der Raum der Quantität nähersteht als die Zeit, scheint mir das Modell jedenfalls haltbar.

8 Zitiert nach: Edzard Reuter: Stunde der Heuchler, Frankfurt/M. 5. Aufl. 2017, 80.

9 Gesellschaften können sich entweder rückwärts entwickeln (Reaktion), gleichbleiben wollen (Konservativismus) oder aber bewusst nach vorne schreiten und sich zum Besseren hin verändern wollen. Letzteres kann geschehen durch punktuelle, behutsame Veränderungen (Reform/en), durch grundsätzliche, deutliche Veränderungen (Transformation/en) oder durch grundsätzliche Veränderungen hin zu etwas völlig Neuem und Anderen (Revolution/en). Vgl. dazu Eberhard Martin Pausch: „Ceterum censeo“ – Denkanstöße für Theologie und Kirche, Berlin 2018, 82-85.

10 Dyson-Sphären, benannt nach dem amerikanischen Mathematiker und Physiker Freeman Dyson (1923-2020), sind der Idee nach technische Konstruktionen, mit denen eine hoch entwickelte kosmische Zivilisation die Energie einer Sonne absorbieren oder umlenken könnte, um sie in vollem Umfang für den eigenen Energiebedarf zu nutzen.

11 Das ist das für die große Mehrheit aller Wissenschaftler weltweit gültige Resultat der Debatte um die „Grenzen des Wachstums“, zuletzt umfassend dokumentiert in: Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman: Wir sind dran (a.a.O.).

12 Zum fatalen Erbe des westlichen Kolonialismus vgl. Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, Berlin 4. Aufl. 2017, 40-83.

13 Felwine Sarr ist auch vor diesem Hintergrund ein Befürworter des „Postwachstumsdiskurses“. Er empfindet die Wachstumsideologie, aber selbst den Ansatz der „Sustainable Development Goals“ als höchst problematisch und für die Zukunft des Kontinents Afrika geradezu kontra-produktiv. Vgl. Felwine Sarr: Afrotopia, Berlin 2019, 13ff.17ff.21-28 (u.ö.).

14 Karl Marx hat im ersten Band des „Kapital“ den Weg von der „ursprünglichen Akkumulation“ durch Sklaverei und Kolonialismus zur inneren Akkumulations-Logik des kapitalistischen Wirtschaftssystems nachgezeichnet. Man muss nicht den marxistischen Therapievorschlägen folgen, um die Analyse und Diagnose weitgehend überzeugend zu finden, die Marx zu seiner Zeit vorlegte.

15 Ich folge damit der Definition von Matthias Schmelzer und Andrea Vetter in: Degrowth/Postwachstum zur Einführung, a.a.O., 12ff.42ff (u.ö.).

16 Hans Jonas argumentierte an diesem Punkt mit der „Heuristik der Furcht“, vgl. ders.: Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/M. 3. Aufl. 1993, 63ff.392f. Das heißt: Bei allen technologischen Entwicklungen sollte im Zweifelsfalle der schlechteren Prognose der Vorrang vor der besseren gegeben werden.

17 Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman: Wir sind dran, a.a.O., 52.57.230.258.

18 Vgl. Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman: Wir sind dran, a.a.O., 303f.

19 Hans-Werner Sinn: Auf der Suche nach der Wahrheit, Freiburg i.Br. 2. Aufl. 2018, 317-343.

20 Ebd., 217-229.

21 Vgl. die Darstellung dieses politischen Vorhabens in der FAZ vom 12.12.2019 (Nr. 289), 1f.8.15.17.

22 Vgl. Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung, Berlin 2020, 74-96.

23 Vgl. Eberhard Martin Pausch: Jesus, Hauptdarsteller Gottes? Inszenierung als Schlüssel für einen vernunftgemäßen Glauben, Berlin 2019, 39-49 (u.ö.).

24 Volker Jung: Digital Mensch bleiben, München 2018.

25 Jung, a.a.O., 75-83.

26 Jung, a.a.O., 81.

 

Über die Autorin / den Autor:

Studienleiter Dr. Eberhard Martin Pausch, Jahrgang 1961, 1993 Promotion an der Universität Marburg, 1992-2000 Gemeindepfarrer in Frankfurt/M., 2000-2012 Oberkirchenrat im Amt der EKD in Hannover, anschließend Theol. Referent in der Kirchenleitung der EKHN in Darmstadt, seit 2016 Studienleiter der Evang. Akademie Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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