Bislang existiert keine breit angelegte Studie oder Dokumentation der Ruheständlerarbeit in den evangelischen Landeskirchen und Pfarrvereinen Deutschlands. Seit einiger Zeit wird angesichts des drohenden Mangels von Pfarrer*innen versucht, die Ruheständler*innen zu motivieren, über das Pensionsalter hinaus weiterzuarbeiten. Gerade deshalb ist eine solche Studie ein dringendes Desiderat. Um einen ersten Überblick über das Thema zu erlangen, wurde Ende November 2019 eine Umfrage gestartet. Ernst Fellechner stellt deren Ergebnisse (Stand Anfang März 2020) vor. Es gibt viel Erfreuliches und Beispielhaftes, aber es besteht auch noch Optimierungsbedarf. Anregungen und Empfehlungen für konkrete Verbesserungen werden gegeben. Die Verantwortung für deren Umsetzung liegt indessen bei den jeweiligen Entscheidungsorganen der Landeskirchen und den Vorständen der Pfarrvereine.

 

Die aktuelle Ruhestandsarbeit in den evangelischen Landeskirchen

Ende November 2019 wurden alle evangelischen Landeskirchen per Post an Bischöfe oder Kirchenpräsidenten angeschrieben und um die Beantwortung der nachstehenden Fragen zur Ruheständlerarbeit gebeten. Bis Mitte März 2020 hatten 18 von insgesamt 20 Landeskirchen geantwortet. Das entspricht einer sehr guten Rücklaufquote von 90%. Die Ergebnisse bilden damit ein nahezu vollständiges Bild ab. Vielen Dank allen Bischöfen oder Kirchenpräsidenten oder deren Beauftragten, die diese (kleine) Mühe auf sich genommen haben, den Fragebogen auszufüllen.

Nicht geantwortet haben – aus welchen Gründen auch immer – die Evang. Landeskirche in Baden und die Evang. Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche). Der Leiter des Bischofsbüros der Evang. Landeskirche in Württemberg teilte uns am 12.12.2019 per Mail mit, es sei aus Krankheitsgründen „nicht möglich, Ihre wichtigen und umfangreichen Fragen inhaltlich angemessen zu beantworten.“

 

Auswertung der Antworten der einzelnen Landeskirchen

Frage 1: Gibt es eine Ruheständlerarbeit in Ihrer Landeskirche, ggf. einen Beauftragten?

¬ In fünf von 18 Landeskirchen, die geantwortet haben, gibt es einen Beauftragten: Bremen, Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Lippe, Schaumburg-Lippe und Westfalen. In Oldenburg ist das Bischofsbüro für die Ruhestandsarbeit zuständig.

¬ Keine Ruheständlerarbeit vonseiten der Landeskirche gibt es in Anhalt, Bayern, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), in Kurhessen-Waldeck (EKKW), im Rheinland und in Sachsen.

¬ Eine rudimentäre Ruhestandsarbeit, die im Wesentlichen aus Kontaktpflege besteht, wird aus Braunschweig, Norddeutschland und der Evang.-ref. Kirche rückgemeldet.

¬ In einigen Landeskirchen wird die Ruheständlerarbeit komplett vom jeweiligen Pfarrverein übernommen.

 

Frage 2: Wer trägt die Ruheständlerarbeit?

Die Art der Ruheständlerarbeit ist in den Landeskirchen sehr unterschiedlich strukturiert, je nach deren Größe, Aufbau und finanzieller Potenz und je nach den intendierten Zielen.

Landeskirche

¬ Die meisten Landeskirchen organisieren Ordinationsjubiläen oder jährlich einmalige Emerititreffen zentral oder in Kooperation mit dem jeweiligen Pfarrverein. Auch eine Geburtstags- oder Weihnachtspost (Ev.-ref. Kirche) wird versandt.

¬ Eine positive Ausnahme existiert in Hannover. Dort ist eine halbe Projektpfarrstelle für Ruhestandsfragen eingerichtet.

Propstei/Kirchenbezirk

¬ In der EKBO und in Mitteldeutschland (EKM) sind die Kirchenkreise Träger.

Ehrenamtlich durch Ruheständler selbst

¬ In Braunschweig, der EKHN und Lippe werden Begegnungstage oder Tagungen durch die Ruheständler*innen selbst organisiert, oftmals von den Pfarrvereinen und/oder der Landeskirche unterstützt.

¬ Eine Sonderstellung nimmt die „Evang. Zehntgemeinschaft Sachsen“ ein, da sie als eingetragener Verein agiert und sich im Wesentlichen um Vakanzvertretungen durch Ruheständler kümmert.

Der zuständige Pfarrverein

¬ In Bayern, in der EKHN (mit personeller und finanzieller Unterstützung durch die Landeskirche sowie durch die Ruheständler*innen selbst), der EKKW und der EKM tragen die jeweiligen Pfarrvereine die Ruheständlerarbeit in unterschiedlicher Intensität.

 

Frage 3: Welche Arbeitsfelder deckt die Ruheständlerarbeit für Pfarrer*innen in Ihrer Landeskirche ab?

Seelsorge

¬ Seelsorgerliche Angebote für Emeriti wurden ausdrücklich von den Landeskirchen in Mitteldeutschland, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Westfalen genannt.

¬ Zwar können wir uns nicht vorstellen, dass sich die anderen Landeskirchen auf die Bitte um Seelsorge vonseiten einzelner Ruheständler*innen verweigern, aber offensichtlich liegen keine festen Angebote vor.

Gesundheitsmanagement für Ruheständler

¬ Ein derartiges Augenmerk und entsprechende Vorkehrungen werden von keiner Landeskirche angegeben.1

Regelmäßige Treffen (z.B. Begegnungstage, Retraiten, ­Ordinationsjubiläen o.a.)

¬ Die Begehung von Ordinationsjubiläen wird ausdrücklich aus den Landeskirchen Braunschweig, der EKHN, der EKKW, Lippe, der EKM und Westfalen gemeldet.

¬ Möglicherweise sind diese von etlichen zu nennen vergessen worden, da sie dort selbstverständlich sind.

¬ Begegnungstage finden in Anhalt, in der EKBO, in Braunschweig, Bremen, Hannover, in der EKHN, in Lippe, in der EKM, in Oldenburg, in der Ev.-ref. Kirche, in Schaumburg-Lippe und Westfalen statt, teilweise auch in Regionalgruppen und/oder in Kooperation mit den betreffenden Pfarrvereinen.

¬ Mehrtägige Retraiten, Konvente, Fortbildungsprogramme oder Pastoralkollegs speziell für die Ruheständler*innen oder auch im Mix mit Aktiven bieten folgende Landeskirchen an: Hannover, EKHN, Lippe, EKM, Ev.-ref. Kirche, Rheinland und Westfalen.

Betriebsausflug

¬ Betriebsausflüge sind nur in Lippe und Schaumburg-Lippe üblich. Das dürfte mit der Übersichtlichkeit von kleinen Landeskirchen zusammenhängen.

Kulturelle, geistliche, unterhaltsame, lebens- und übergangsbegleitende Angebote

¬ Neben den in der Zusammenstellung der Antworten genannten Fortbildungsangeboten einiger Landeskirchen zur Vorbereitung auf den Ruhestand und zur Bilanzierung ist hier nur die die Einladung zur Adventsfeier in der EKBO zu vermelden.

Keinerlei Angebote

¬ Allein die Bayerische Landeskirche gibt keinerlei eigenständige Ruhestandsarbeit seitens der Landeskirche an.

 

Frage 4: Wird die Arbeit für Ruheständler*innen von der Landeskirche finanziell, personell und/oder ideell unterstützt?

Finanzielle/personelle Unterstützung

¬ Folgende Landeskirchen teilen eine finanzielle und/oder personelle Unterstützung der Ruheständlerarbeit mit: Braunschweig, Bremen, Hannover (50%-Projektpfarrstelle), EKHN, EKKW, EKM, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Westfalen.

¬ Die übrigen beteiligen sich offensichtlich nicht finanziell und/oder personell.

¬ Keine Angaben gibt es von Anhalt und Bayern.

Ideelle Unterstützung

¬ Die Evang. Landeskirche Lippe unterstützt die ehrenamtliche Ruhestandsarbeit ideell.

 

Frage 5: Gibt es preiswerte Wohnangebote für Pfarrruheständler*innen?

¬ Die EKHN und die EKM vermieten bzw. verkaufen nicht mehr benötigte Pfarrhäuser.

¬ Die Pfarrvereine der EKKW und der Hann. Landeskirche haben ein kleines Kontingent an Wohnungen, das sie an Ruhestandspfarrer*innen vermieten.

 

Frage 6: Besteht Interesse an einem Austausch über Informationen der Ruheständlerarbeit anderer Landeskirchen?

¬ Von zehn Landeskirchen wurde großes oder sehr großes Interesse am Informationsaustausch geäußert.

¬ Zwei Landeskirchen (EKBO und Braunschweig) verneinten dies.

¬ Keine Angaben zu dieser Frage machten sechs Landeskirchen.

 

Frage 7: Gibt es eine Kooperation Ihrer landeskirchlichen Ruheständlerarbeit mit dem Pfarrverein in Ihrer Landeskirche?

¬ In fünf Landeskirchen wird mit den Pfarrvereinen kooperiert.

¬ In vier Landeskirchen gab es keine solche Kooperation.

¬ Von neun Landeskirchen liegen keine Angaben vor.

 

Schlussfolgerungen und Empfehlungen an die Landeskirchen (in der Reihenfolge der Fragen)

Desiderat: Hauptberufliche Beauftragte und kooperative Strukturen

Weniger als 1/3 der Landeskirchen hat eine/n eigene/n „hauptberuflichen“ Ruhestands-beauftragte/n. Daher regen wir an, dass jede Landeskirche eine/n Ruhestandsbeauftragte/n benennen möge. Die Benennung sollte sowohl an alle Ruheständler*innen als auch an den jeweiligen Pfarrverein kommuniziert werden. Ein einmal jährlich stattfindendes Treffen zwischen diesen und den Pfarrvereinsvorständen oder deren Beauftragten ist wünschenswert. Es sollte der Information, Kommunikation, Verbesserung von Angeboten und der Qualitätssicherung dienen.

Die Mehrzahl der Landeskirchen trägt zentral oder regional (über Kirchenbezirke) die Ruhestandsarbeit. Ordinationsjubiläen und lockere Kontakte (sog. „weiche Formen“) dominieren. Die in der Hann. Landeskirche eingerichtete Projektstelle ist exzeptionell. Einige Landeskirchen kooperieren mehr oder weniger mit ihren zuständigen Pfarrvereinen. Das scheint uns sinnvoll und ausbauwürdig.

In mindestens zwei Landeskirchen wird die Ruheständlerarbeit vollständig ehrenamtlich und privat organisiert, in mehreren würde sie ohne ehrenamtliches Engagement der Emeriti zum Erliegen kommen. Hier müssen die Landeskirchen an das Ordinationsgelübde bzw. die Fürsorgepflicht als Dienstherren erinnert werden, die mit der Ruhestandsversetzung nicht aufhören und sich in der Pensionszahlung oder in der intensiven Werbung um „Weiterarbeit“ nicht erschöpfen dürfen.

Wünschenswert wäre hier ein Diskurs um sinnvolle Strukturen der Ruhestandsarbeit und deren rechtlichen Rahmen (u.a. Berufung oder Beauftragung von Ehrenamtlichen, Fahrtkosten, Aufwandspauschale, Versicherungsaspekte) – womöglich wegen der Synergieeffekte über Landeskirchengrenzen hinaus.

Von 14 Landeskirchen werden regelmäßige eintägige Treffen, Konvente, Begegnungs- oder Fortbildungstage für Pfarremeriti (meistens sind auch die Partner eingeladen) und/oder mehrtägige Treffen unterschiedlicher Bezeichnungen mit divergierender Zielsetzung, Frequenz und Thematik veranstaltet. Diese nahezu flächendeckenden Angebote, die auf die spezifischen Eigenheiten und Bedürfnisse in den einzelnen Kirchen zugeschnitten sind, werden sehr begrüßt und gut angenommen.

 

Blinder Fleck: Gesundheitsmanagement und Seelsorge

Allerdings sind zwei Punkte kritisch anzumerken: Ein Gesundheitsmanagement ist von keiner Landeskirche als notwendiges Desiderat erkannt!2 Dieser „Blindfleck“ harrt dringend der Beseitigung, gibt es doch auch flächendeckend z.B. Frauen- oder Inklusionsbeauftragte. Natürlich sollte nicht erst nach der Pensionierung auf die Gesundheit der Pfarrerinnen und Pfarrer geachtet werden, sondern schon im aktiven Dienst, um Burnouts, Depressionen und Resignation vorzubeugen.

Zum zweiten ist nur von vier Landeskirchen die Seelsorge als ausdrückliches Arbeitsfeld für Ruheständler genannt worden. Auch hier sollte über einen Vorhalt von Angeboten oder deren Erweiterung nachgedacht werden. Speziell auf den „Zusammenbruch der Sozialkontakte“ und die „Rollenveränderung durch die Ruhestandsversetzung“ wäre zu achten. Besondere Fortbildungen zur langfristigen innerlichen und äußerlichen Vorbereitung auf den Ruhestand können hier helfen. Eine „endgültige Entpflichtung“ in der letzten Lebensphase wäre auch hilfreich und entlastend. Hier ist noch Evaluation nötig, und die Entwicklung und Erprobung neuer Modelle oder Rituale ratsam.

 

Eine Frage der Wertschätzung

Die Hälfte von 18 sich an der Umfrage beteiligenden Landeskirchen unterstützt mehr oder weniger (z.T. in vorbildlicher Weise) die Ruhestandsarbeit durch finanzielles und/oder personelles Engagement. Sie haben damit die Wichtigkeit des Aufgabenfeldes, die v.a in (symbolischer) Würdigung und Anerkennung besteht, erkannt. Finanzielle Anreize müssen gar nicht groß sein, um einen Motivationsschub und Effekte durch eine Mischfinanzierung zu erreichen.

Die übrigen Kirchenleitungen, die keine Ruheständlerarbeit kennen oder sie allein den Emeriti und den Pfarrvereinen überlassen, sollten darüber nachdenken, was ihnen die Förderung und Begleitung ihrer pensionierten Pfarrerinnen und Pfarrer wert ist. Dies umso mehr, als sie diese zukünftig in zunehmendem Maße zur Aufrechterhaltung des Dienstes benötigen werden.

Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum v.a. in Ballungsgebieten wird wahrscheinlich selbst für Pfarrer*­innen im Ruhestand in Bälde brisanter werden. Grundsätzlich wird in den Entscheidungsgremien der einzelnen Landeskirchen geklärt werden müssen, ob beim Umgang mit überflüssig gewordenen kirchlichen Immobilien der wirtschaftliche – oder der soziale Aspekt im Vordergrund stehen soll.

Mehr als die Hälfte der Landeskirchen signalisiert ein Interesse am Informationsaustausch über die Ruheständlerarbeit. Wahrscheinlich dürfte das Motiv sein, von anderen Strukturen und Lösungen zu lernen, um die eigenen bereits vorhandenen Arbeitsfelder zu verstärken oder neue zu kreieren. Hier ist also bereits ein Bewusstsein für deren Notwendigkeit vorhanden. Warum knapp die Hälfte keine Angaben machen oder ein Interesse ausdrücklich verneinen, erschließt sich uns nicht. Spekulationen über deren Motive führen nicht weiter. Die Augen vor Notwendigkeiten oder Problemen zu verschließen, ist keine Lösung!

 

Zusammenarbeit mit den Pfarrvereinen? – Fehlanzeige!

Augenfällig ist, dass offenbar in den meisten Landeskirchen bei der Arbeit mit und für Emeriti nicht mit den jeweiligen Pfarrvereinen zusammengearbeitet wird. Das scheint uns ein verbesserungsbedürftiger Zustand zu sein. Pfarrvereine sind „Standesorganisationen und Interessenvertretungen“ der Pfarrerschaft auf freiwilliger Basis. Nicht alle Pfarrer*innen und Ruheständler gehören dem Pfarrverein in ihrer Landeskirche an. Daher erreichen deren Informationen, Aktivitäten und Angebote (etwa über die Publikationen der Pfarrvereine oder das „Deutsche Pfarrerblatt“) auch nicht alle Kolleg*innen, obwohl sie in der Regel auch für Nichtmitglieder offen sind. – Sowohl für die gesamte aktive wie emeritierte Pfarrerschaft ist die jeweilige Landeskirche Dienstgeber und verantwortlich. Daher darf sich eine Landeskirche nicht der Verantwortung für ihre Ruheständler*innen entziehen und die Arbeit für sie und mit ihnen allein den ehrenamtlichen Emeriti selbst oder den jeweiligen Pfarrvereinen überlassen.

Wichtig scheint uns, die positiven Aspekte einer Kooperation hervorzuheben: Sie hilft, kreative Ideen, personelle Kräfte und finanzielle Ressourcen zu bündeln. Am negativsten wäre ein Gegeneinander oder schweigendes Nebeneinander. Minimal sinnvoll dürfte eine von der einen zur anderen Seite gehende Information sein. Gegenseitige Kommunikation ist bereits positiv. Das Ideal ist die Kooperation miteinander. Ist ein Arbeitsfeld in beiderseitigem Interesse als notwendig erkannt, kann es eigentlich keine Ausrede mehr geben, als gemeinsame Lösungen und Projekte zu suchen und zu erproben und von den besten Beispielen aus anderen Regionen zu lernen. Letztendlich ist es eine Frage der „Unternehmenskultur“, ob und wie eine Kirche auch ihre pensionierten Mitarbeiter*innen würdigt und wertschätzt. Wertschätzung, Würdigung und Unterstützung erhöhen die Motivation, sich auch im Ruhestand zu engagieren!

 

Die aktuelle Ruhestandsarbeit in den evangelischen Pfarrvereinen

Ende November 2019 wurden alle Pfarrvereine per Mail über den Verbandvorsitzenden Pastor Andreas Kahnt angeschrieben und um die Beantwortung der nachstehenden Fragen zur Ruheständlerarbeit gebeten. Bis Mitte März 2020 hatten 17 von insgesamt 20 Pfarrvereinen geantwortet. Das entspricht einer enormen Rücklaufquote von 85%. N.B.: Der sächsische Pfarrverein antwortete erst nach Abschluss der Auswertung. Seine Antworten wurden nachträglich eingearbeitet! Damit haben bis 6.4.2020 18 von insgesamt 20 Pfarrvereinen geantwortet. Das entspricht jetzt einer großartigen Rücklaufquote von 90% – übrigens derselben, mit der die Landeskirchen geantwortet haben. Die Ergebnisse bilden damit ein nahezu vollständiges Bild ab. Vielen Dank allen Vorsitzenden oder Beauftragten, die diese (kleine) Mühe auf sich genommen haben, den Fragebogen auszufüllen.

Nicht geantwortet haben – aus welchen Gründen auch immer – die Pfarrvereine der EKBO und Mecklenburg. Wir sind uns nicht im Klaren, ob ein Pfarrverein in Schaumburg-Lippe noch existiert. Seit vielen Jahren war aus diesem Verein kein Delegierter mehr auf den Mitgliederversammlungen des Verbandes präsent.

 

Auswertung der Antworten der einzelnen Pfarrvereine

Frage 1: Gibt es eine/n Beauftragte/n für Ruheständler*innen im Vorstand Ihres Vereins?

¬ In neun von 18 Pfarrvereinen, die geantwortet haben, gibt es einen Beauftragten im Vorstand, und zwar in Baden, Bayern, Hannover, in der EKHN, der EKKW, der Pfalz, in Thüringen, Sachsen und Westfalen. Dieser ist in einigen Vereinen stimmberechtigt.

¬ In Vereinen ohne förmlichen Beauftragten ist der gesamte Vorstand ansprechbar.

¬ In Thüringen gibt es die Personalunion des Beauftragten sowohl für den Pfarrverein als auch für die Pfarrvertretung.

 

Frage 2: In welcher Form ist der Verein für Ruheständler*innen aktiv?

¬ Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt bei Beratung und Unterstützung, auch finanzieller Art, in Einzelfällen oder Notlagen.

¬ Viele Pfarrvereine bedenken die Emeriti anlässlich runder Geburtstage und Ordinationsjubiläen.

¬ Neun Pfarrvereine organisieren und/oder unterstützen finanziell diverse Ruheständlertagungen unterschiedlicher Thematik, Zielsetzungen, Dauer und Frequenz. In der Regel werden auch die Ruheständler zu den Pfarrtagen eingeladen.

¬ Wenige halten dem Verein gehörende Wohnungen oder Häuser für einen Ruhestandsalterssitz vor bzw. vermieten leerstehende Pfarrhäuser an Emeriti.

¬ Drei Vereine kennen keine „eigene“ Ruheständler­arbeit.

 

Frage 3: Sind Ihnen regionale Gruppen von Ruheständlerkonventen bekannt?

¬ In fünf Landeskirchen scheint es keine Ruheständlerkonvente o.ä. zu geben, allenfalls auf privater Basis oder als „Stammtische“.

¬ In sehr kleinen Landeskirchen gibt es ebenfalls keine Regionalgruppen, dafür aber einmal monatlich (Bremen) oder einmal jährlich (Anhalt) ein Ruheständlertreffen.

¬ In mehreren Landeskirchen (Bayern, Hannover, EKHN, EKKW, Thüringen, Westfalen) existieren an (relativ) zentralen Orten Regionalkonvente.

¬ Zahlenmäßig positive Ausnahmen werden aus Baden (15), Sachsen (16) und Württemberg (ca. 25 Regionalgruppen) gemeldet.

 

Frage 4: Unterstützt Ihr Pfarrverein ideell, personell und/oder finanziell diese ehrenamtliche Ruhestandsarbeit in Ihrer Landeskirche?

¬ Nur sechs (also ein Drittel aller) Pfarrvereine unterstützen die ehrenamtliche Ruhestandsarbeit ideell, personell und/oder finanziell.

¬ Mehrere kennen keine explizite Ruhestandsarbeit ihrer Landeskirche, sehen sie aber als Desiderat.

¬ Einige Pfarrvereine machen keine Angaben.

¬ Andere wiederum sehen die Ruhestandsarbeit offenbar als Aufgabe der Landeskirche an.

 

Frage 5: Ist Ihnen ein/e Ruhestandsbeauftragte/r für Pfarrer*innen Ihrer Landeskirche bekannt?

¬ Fünf Pfarrvereinen ist der Ruhestandsbeauftragte der jeweiligen Landeskirche bekannt.

¬ Den übrigen ist er entweder nicht bekannt, es gibt keinen Beauftragten oder die Frage blieb unbeantwortet.

 

Frage 6: Würden Sie es begrüßen, wenn nach Auswertung dieser Umfrage in allen Pfarrvereinen ein Austausch von uns initiiert wird?

¬ 16 Pfarrvereine begrüßen die Information über die Umfrageergebnisse zum Zweck des Austausches ausdrücklich.

¬ Der anhaltinische Verein fragt „Warum?“ und „Mit welchem Ziel?“

¬ Aus Baden kommt die gute Anregung, dass die Ergebnisse im Dachverband der Pfarrvereine Deutschlands beraten und gegebenenfalls Beschlüsse gefasst oder Empfehlungen gegeben werden sollen.

 

Schlussfolgerungen und Empfehlungen an die Pfarrvereine (in der Reihenfolge der Fragen)

Beauftragte für Ruhestandsarbeit

Nur die Hälfte aller Pfarrvereine hat einen eigenen Beauftragten für Ruhestandsarbeit berufen oder gewählt. Das entspricht immerhin einem größeren Anteil als in den Landeskirchen. Offenbar haben die Pfarrvereine die Notwendigkeit der besonderen Bedürfnisse und der Würdigung der Emeriti klarer im Blick als die Dienstgeber. Das entspricht ja auch den ureigensten Aufgaben einer Interessenvertretung. Wir regen daher eine direkte Beauftragung mit Stimmberechtigung in den Vorständen aller Pfarrvereine an.

Die besonderen Bedürfnisse der Pfarremeriti nach Kommunikation, Austausch, regelmäßiger Information über innerkirchliche Entwicklungen, Fort- und Weiterbildungen (sofern sie noch sehr aktiv in Vertretungsdiensten sind) bis hin zu seelsorgerlichen und lebensphasenorientierten Angeboten sollten näherhin eruiert und entsprechend ausgebaut werden. Eine Kooperation von und Teilnahmemöglichkeit an Kursen vorbildlicher pastoraler Studienzentren über Landeskirchengrenzen hinweg wäre anzuregen bzw. auszubauen.

Eine entsprechende flächendeckende Erhebung zur Anzahl der Emeritigruppen oder -kreise in den Landeskirchen gab und gibt es m.W. nicht. Daher sind die genannten Zahlen vage oder unbekannt. Einleuchtend scheint, dass solche Aktivitäten mit entsprechenden agilen Ruhestandspersönlichkeiten, die die Initiative ergreifen, stehen und fallen. Traditionelle Formen von längerfristigen, berufsspezifisch zusammengesetzten Gruppen scheinen „uninteressant“ zu werden. Die Gründe: altersbedingte Fluktuation, zunehmende Mobilität und divergierende Interessenlagen der geistig und körperlich vermehrt „junggebliebenen“ Ruhe­ständ­ler*­innen. – Trotzdem scheint es verheißungsvoll, „best-practice“-Beispiele von prosperierenden Gruppen vorzustellen und Versuche anzuregen, kleine Gruppen verjüngt wiederzubeleben oder solche neu zu gründen.

Solche „Zellen“ schenken die Möglichkeit der geistlichen Vergewisserung, spirituellen Stärkung, des sozialen Kontaktes und der gegenseitigen Hilfe. Sie beugen der Vereinzelung vor und halten geistig fit. Pfarrvereine und Landeskirchen sollten die Möglichkeiten der verstärkten Begleitung und Unterstützung solcher Emeritigruppen prüfen.

 

Nicht-optimale Unterstützung der Ruhestandsarbeit durch die meisten Pfarrvereine

Aus den Ergebnissen ist eine nicht-optimale Unterstützung der Ruhestandsarbeit durch die meisten Pfarrvereine ablesbar. Kein Wunder, wenn es keine solchen Aktivitäten gibt, die vielleicht vorhandenen nicht unterstützt und gefördert werden, wo keine Beauftragten, also keine „Interessenvertretung“ der Ruheständler in den Vorständen vorhanden sind. Hier scheint das Bewusstsein für folgendes Problem geschärft werden zu müssen: Wenn die Kirchenleitungen vermehrt die Emeriti zu Vertretungsdiensten, Vakanzeinsätzen oder Verlängerung des aktiven Dienstes über das Pensionsalter hinaus motivieren wollen, so müssen sie im Gegenzug auch für deren Qualifizierung (Weiterbildung, Supervision, Seelsorge, Gesundheitsmanagement usw.) Sorge tragen. Das inkludiert auch die ideelle, personelle und finanzielle Förderung ehrenamtlicher Initiativen der Ruhestandsarbeit durch die Pfarrvereine. Anreize seitens der Kirchenleitungen sollten die Vorstände erbitten oder einfordern.

Wo es eine/n Beauftragte/n für Ruheständler in den Landeskirchen gibt, ist er auch bei den Pfarrvereinen bekannt. Umgekehrt: Die Unkenntnis eines Beauftragten in den Landeskirchen durch die Pfarrvereine stimmt mit dem Fehlen bei der Kirchenleitung überein. Manchmal wird ein Bedauern darüber ausgedrückt, dass ein solcher Ansprechpartner fehlt. Das wird offenbar als Mangel wahrgenommen. Wer ergreift hier die Initiative, um diesen Mangel abzustellen?

Unsere Empfehlung: Die Pfarrvereinsvorstände mögen eine/n Beauftragte/n wählen, benennen oder berufen. Diese Personalie sollten sie der zuständigen Kirchenleitung mitteilen. Zugleich sollten sie nach einem/r solchen Beauftragten in der Landeskirche fragen bzw. deren Benennung anregen. Dadurch ist zu hoffen, dass das Anliegen „Umgang mit allen Ruhestandsfragen“ stärker ins Bewusstsein rückt und die gegenseitige Information, Kommunikation und Kooperation gestärkt wird.

 

Das weitere Vorgehen

Das weitere Verfahren und das Ziel dieser Umfrage haben wir bereits in der Vorbereitung des Unternehmens bedacht. Folgendes weitere Vorgehen war vorgesehen: Der „Initiativkreis Ruhestand für Pfarrerinnen und Pfarrer in der EKHN“ unter der Federführung von mir wird die Umfrageergebnisse zusammenstellen und vorläufig analysieren, interpretieren und Empfehlungen aussprechen. Alle Antworten sowie deren vorläufige Auswertung wurden ab Ende März 2020 sämtlichen Pfarrvereinen bekanntgeben, auch denen, die nicht geantwortet haben. Sodann sollen alle Vorstände über die Art und Weise der Ruheständlerarbeit im eigenen und in den anderen Pfarrvereinen beraten und ihre Schlüsse ziehen. Auf einer Mitgliederversammlung des Verbandes können die Ergebnisse vorgestellt und diskutiert und evtl. ein gemeinsames Vorgehen beraten werden.

In derselben Weise wurde mit den Antworten aus den Landeskirchen verfahren: Alle Landeskirchen erhielten ebenfalls Ende März 2020 die Antworten sämtlicher anderen zur Information und Beratung. Es ist zu hoffen, dass die Ergebnisse dieser Aktion auf einer Landeskirchenkonferenz zur Kenntnis genommen und daraus die notwendigen Schlüsse gezogen werden.

 

Anmerkungen

1 Dies ist merkwürdig: Gibt es doch in der Landeskirche der Pfalz eine dort initiierte Initiative „Pfarramt und Gesundheit“! (s. DPfBl 11/2019, 648f) – Allerdings hat die pfälzische Landeskirche den Fragebogen nicht beantwortet.

2 S. Anm. 1.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Ernst L. Fellechner, Jahrgang 1946, über 30 Jahre lang an der Saalkirche in Ingelheim/Rhein als Gemeindepfarrer tätig, seither im Ruhestand in Mainz, Rundfunkautor, Vertreter der Ruheständlerinnen und Ruheständler im Vorstand des Pfarrvereins der EKHN.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.