Vor 50 Jahren, am 25. September 1970, starb der in Osnabrück geborene Schriftsteller Erich Maria Remarque. Bekannt geworden ist er insbesondere durch sein Buch „Im Westen nichts Neues“. Ulrich Tietze würdigt den politisch unbequemen Literaten, der mit seiner Kritik an Krieg und Nationalismus nichts an Aktualität verloren hat.

 

Ein Werk und die Folgen

Sein bekanntestes Buch ist vom Titel her geradezu sprichwörtlich geworden: „Im Westen nichts Neues“. Anlässlich der Inszenierung des Remarque-Romans „Die Nacht von Lissabon“ sagte die Regisseurin: „‚Im Westen nichts Neues‘ ist neben der Bibel das am meisten verkaufte Buch der Welt.“ Dabei muss deutlich gesagt werden: dieses Werk, das Remarques Leben komplett veränderte, ist nicht unproblematisch. Es ist – wie der Autor mit Recht in der Vorbemerkung schreibt – keine Anklage gegen den Krieg; und doch hätte es, damals schon und heute noch viel mehr, eine sein müssen, um Wirkung im pazifistischen Sinne zu erzielen. Diese Wirkung wäre nötiger gewesen, als der Autor es einschätzte – und erst nach 1945 erkannte er, jedoch viel mehr und viel genauer als die Mehrheit der Deutschen, wie sehr die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zwangsläufig in die des Zweiten Weltkriegs einmünden musste, weil Ursachenforschung unterblieb.

Es wäre gut gewesen, Remarque hätte sich mit dem nahezu beispiellosen Erfolg seines Romans über den Krieg in die Reihe der Kämpfenden eingereiht, die alles dafür tun wollten, dass sich so etwas nie wiederholt. Er tat es nicht. Remarque hatte trotz dieser Einschränkung den Mut, unbequeme Themen nicht nur anzusprechen, sondern ihnen sehr breiten Raum zu geben. Dies hat dem Schriftsteller Kritik eingebracht, die über jedes erlaubte Maß hinausging.

 

Eine Generation, vom Krieg zerstört“

Wenn Remarques Werk zum Thema wird, so geht es fast immer auch um „Im Westen nichts Neues“. Das hat sein Recht. Dennoch soll hier nicht zuletzt auf Arbeiten dieses Schriftstellers hingewiesen werden, die auch das Thema „Krieg“ behandeln, aber bei weitem weniger bekannt sind – oder völlig unbekannt. Eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel „Der Feind“ beschreibt durchweg Kriegserlebnisse; dabei beinhaltet die Titelerzählung eine Beschreibung des Ungehorsams der Soldaten, die sich mit dem Feind verbünden, bis ein Major weiteren Kontakt verbietet und wieder schießen lässt. Hier finden sich Sätze, die deutlich machen, wie sehr Krieg zu jeder Zeit zu bekämpfen ist. Der Erzähler sagt über die feindlichen Franzosen: „Mich hatte schockiert, dass sie Menschen waren wie wir selbst. Aber die Tatsache war – weiß Gott, merkwürdig genug –, dass ich einfach noch nie darüber nachgedacht hatte.“2 Die Verbrüderung geht gut, bis der Major sie unterbindet und selbst einen Franzosen erschießt. Der Gehorsam geht über die Menschlichkeit. Der Erzähler sagt am Ende seines Berichts: „Ich sah viele Männer sterben; ich selbst habe mehr als einen getötet; ich wurde hart und gefühllos.“3 Insofern lässt sich über Remarque wie über jeden Menschen der damaligen Zeit mit einem hohen Maße an Recht sagen, was Werner Schneyder als besseres Ende von Kästners „Fabian“ benannte: „Er fiel am Anblick des Krieges.“4 Der Erste Weltkrieg zerbrach nicht alle Menschlichkeit, aber so viel davon, dass Karl Kraus treffend formulierte, es seien „Die letzten Tage der Menschheit“ gewesen.

Und auch mit Blick auf „Im Westen nichts Neues“ gab es (außerhalb der scharfen Ablehnung von nationalistischer und faschistischer Seite; da war nichts anderes zu erwarten) Reaktionen, die erschrecken mussten. Im Jahre 1929 schildert Erich Kästner folgendes Erlebnis: „Ich habe einmal während einer Eisenbahnfahrt einen Zugpassagier stundenlang beobachtet, der Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ las. Dieser Mann führte sich auf, als läse er ein Wilhelm-Busch-Album! Er lachte laut, er schlug sich tatsächlich vor Lesevergnügen auf die Schenkel! Ihn interessierten überhaupt nur die humoristischen Partien des Buches. … in fünfzig Jahren wird man gar nicht mehr wissen, dass Krieg war, und die Neugier, Romantik genannt, ist dann wieder einmal soweit. Wir werden daran schuld sein.“5

 

Weimarer Republik: zum Scheitern verurteilt

Gehorsam, jahrhundertelang als (christliche!) Tugend gelobt und gefördert, wird von Remarque in Frage gestellt. Erst kürzlich erschien ein theologisches Buch, das endlich die gleiche Position einnimmt: der ehemalige Superintendent Herbert Koch hat mit seinem Werk „Was Christen nicht glauben“7 auch den Gehorsam mit Recht entschieden in Frage gestellt.

Es ist wohl kaum möglich, die fatale Bedeutung der Forderung nach Untertanengeist für die von ihm betroffenen, geprägten und verletzten Generationen zu überschätzen. Remarque ist eines der unzähligen Beispiele dafür. Dass dieser Schriftsteller durch alles Erlebte und Erlittene hindurch seinen Humor nicht verlor, bleibt bemerkenswert – wenn auch die materiellen Sicherheiten dazu beigetragen haben werden und die Tatsache, dass Remarque nicht den Nazis zum Opfer fiel (er emigrierte frühzeitig, wurde dafür jedoch hart angegriffen). Hin und wieder finden sich Beispiele eines eher schwarzen Humors im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Krieg in den Jahren der Weimarer Republik. Eines von nicht wenigen möglichen Beispielen ist ein reales Geschehen Anfang 1933, als Glosse an die „Weltbühne“ gesandt: „Die Samenvertriebsgesellschaft Germania, Elberfeld, schickte am 31. Januar 1917 eine Postkarte an die ‚Firma Eisengrube Güte Gottes …‘ Die Karte kam zurück mit dem Vermerk des Postboten: ‚Güte Gottes besteht seit Kriegsausbruch nicht mehr.‘“8 Die Autorinnen und Autoren der „Weltbühne“ waren fast ohne Ausnahme kirchenkritisch oder lehnten Kirche ab, weil sie politisch durchweg als reaktionär erlebt wurde. Die erwähnte Glosse zeigt jedoch: Die ernsthafte Frage nach Gott wurde dort eher gesehen als bei vielen Kirchenvertretern!

Wenn jedoch in diesem Aufsatz Remarques literarisches Schaffen nicht nur untersucht, sondern auch gewürdigt werden soll, so kann schon in diesen ersten Zeilen nicht ungesagt bleiben: Dieser Schriftsteller ist, neben allem anderen, ein Beispiel für die Existenz der Zensur in unserem Land nach 1945. Und damit ist nicht etwa die Zensur der Besatzungsmächte gemeint – die es gab und die deutliche Spuren hinterließ –, sondern diejenige, die weithin aus einem undifferenzierten, manchmal geradezu blindwütigen Antikommunismus heraus Schatten warf. Der Umgang mit Remarques Werk nach dem Zweiten Weltkrieg ist eines der bedrückenden Beispiele dafür, dass hierzulande der Hitler-Faschismus am liebsten schon 1945 verdrängt worden wäre – und es nicht selten wurde.

In den Weimarer Jahren und in der NS-Zeit stand Kirche fast ausschließlich auf der Seite der Mächtigen, stand rechts bis rechtsaußen, trauerte dem Kaiser nach, lehnte die Demokratie ab, wurde von deren Feinden vereinnahmt und instrumentalisiert. Eines von vielen möglichen Beispielen: Der rechtsnationale Verleger Alfred Hugenberg, ein Totengräber der ersten deutschen Demokratie, forderte gegen Ende der Weimarer Republik (im Oktober 1932): „Unsere deutsche Erziehung muss wieder gesunden. Christentum und Staat müssen sich bei dieser Aufgabe die Hand reichen. Ich erinnere erneut an das Bibelwort, dass wir über dem Kampf um diese Welt unsere Seele nicht verlieren dürfen. Das alles ist Sozialpolitik.“9 Hugenberg sah ausschließlich den – damals real völlig bedeutungslosen – „Marxismus“ als Gefahr für Deutschland. Die Nazis waren dagegen die Retter des Vaterlandes! Und die vom Verleger geforderte „Gesundung“ der Erziehung hatte Ziele wie Untertanengeist, Militarisierung, Unterstützung auch rechtsextremer Wirtschaftsleute. Für das alles wollte Hugenberg die Kirche mit ins Boot holen!

 

Ich habe oft gezweifelt. Wie könnte ich sonst glauben?“

Es lohnt sich – nicht erst aus heutiger Perspektive, also in einer Zeit, die für die großen Kirchen einen extremen Verlust ihrer Bedeutung mit sich bringt –, die Frage nach Remarque und dem Christentum zu stellen und einige (längst nicht alle möglichen) Antworten darauf zu geben. Remarque, katholisch getauft, verließ „seine“ Kirche relativ früh, nämlich am 1.2.1927. Insofern ist es nicht authentisch, sondern künstlerische Gestaltung, wenn er die Hauptfigur seines nachgelassenen Romans „Schatten im Paradies“ sagen lässt: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, als sie das Konkordat mit Hitler unterzeichnete. Es war zu viel für meine unsterbliche Seele.“10 Bis heute ist dieses Konkordat übrigens nicht aufgehoben!

Immer wieder finden sich bei Remarque Gedanken zum Glauben. Hier können sie nur stichwortartig dokumentiert werden. Aber die Geschichte dieser „Verbindung“ ist noch nicht geschrieben, und für Kirche heute bleibt sie nachdenkenswert: „Er ging in die Kirche zurück und betete … Er wusste nicht genau zu wem – er selbst war protestantisch, sein Vater war Jude, und er kniete in einer katholischen Kirche –, aber er fand, dass in Zeiten wie diesen wahrscheinlich auch im Himmel ein ziemliches Durcheinander sein musste, und er nahm an, dass sein Gebet schon den richtigen Weg finden würde.“11

Im „Schwarzen Obelisken“ sagt Isabelle, die geistig Behinderte und dabei so sehr Weitsichtige über Jesus: „Er ist der Gefährlichste von allen – er ist der Gütigste.“12 Diese Aussage ist von mancher Christologie des 20. Jh. nicht weit entfernt, und sie ist nahe am NT! Isabelle ist es übrigens auch, die formuliert: „Falsch und Richtig weiß nur Gott. Wenn er aber Gott ist, gibt es kein Falsch und Richtig. Alles ist Gott. Falsch wäre es nur, wenn es außer ihm wäre. Wenn aber etwas außer oder gegen ihn sein könnte, wäre er nur ein beschränkter Gott. Und ein beschränkter Gott ist kein Gott.“13Schwer zu begreifen (aber von der Biographie Remarques her wohl erklärbar): Gott als zwar gütig, aber in einem völlig schiefen Bild: „Das ist ein alter Soldat“14

Und noch ein Zitat aus dem „Schwarzen Obelisken“, das für mich Remarques bestes ist (in der Literaturkritik kam es überwiegend schlecht weg): „Gott war immer der Duzbruder aller Kaiser, Generäle und Politiker. Dabei sollten wir uns fürchten, seinen Namen zu nennen.“15 Welcher Theologe denkt hier nicht an die weise Haltung des Judentums, den Namen Gottes möglichst zu vermeiden?

Manchmal geht es auch in Richtung „Kampf mit Gott“ – mit den Mitteln des Schriftstellers. Im ursprünglich für „Drei Kameraden“ geplanten Anfangskapitel, das später ersatzlos gestrichen wurde – Thema: Tod –, nennt er Gott den „Hysteriker da oben …, diesen knöchernen Sadisten, der uns die ganze Welt schenkt und sie uns langsam, Stück um Stück, wieder abnimmt.“16 Man muss dem nicht zustimmen, weder innerhalb der Kirchen noch außerhalb. Dass aber der hier geäußerte Gedanke spätestens nach der aktuellen Krise sein Recht hat, sollte nicht bestritten sein. Vielleicht ist der Rückgriff auf Literatur, gerade ausgesprochen kritische, ein guter Weg für uns in den Kirchen, um neue Sprache auch für den Glauben und seine Inhalte zu finden.

Tatsächlich dann im Roman ursprünglich enthalten: „Mit geblendeten Augen starrte ich in den Him­mel, diesen grauen, endlosen Himmel eines irren Gottes, der das Leben und das Sterben erfunden hatte, um sich zu unterhalten.“17

 

Kontroversen um Remarque nach 1945

Remarque blieb ein bekannter Autor. In der DDR wurde er durchaus geschätzt, aber in einem Punkt kritisch gesehen: Er sei zu individualistisch und habe die Rolle der Konzerne und des Kapitalismus allgemein mit Blick auf den Hitler-Faschismus zu wenig oder gar nicht ge­sehen.18

Die Angriffe auf Remarque in der Bundesrepublik nach 1945 gingen über jedes letzten Endes erlaubte Maß hinaus. Er hatte den Mut besessen, extrem unbequeme Themen in seinen Romanen zu behandeln: in „Der Funke Leben“ die ungeheuerlichen Verbrechen in den KZs (wobei hier kein Vernichtungslager beschrieben wird!), in „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ die Verbrechen der Wehrmacht.

In diesem Buch, damals heftig angegriffen und abgelehnt, kommt der Religionslehrer Pohlmann vor, den Remarque in der Verfilmung selbst spielte (seine einzige Mitwirkung in einem Film). Dieser höchst sympathisch gezeichnete Mann, später von den Nazis abgeholt und sicher ermordet, glaubt und zweifelt zugleich. Im Gespräch mit der Hauptfigur des Romans, dem im Urlaub befindlichen Soldaten Ernst Graeber, spricht dieser Lehrer von den Ausflüchten aller gegenüber den Verbrechen und der Diktatur. Auch die Kirche bietet nur Ausflüchte. „Aber die Kirche hat Glück. Dort steht dem ‚Liebe deinen Nächsten‘ und dem ‚Du sollst nicht töten‘ das andere Wort gegenüber: ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.‘ Damit kann ein Seelenklempner schon eine Menge anfangen.“19

Was von Deutschen – und eben nicht, wie es vor wenigen Jahren noch gern hieß, „im deutschen Namen“ – in der NS-Diktatur und im Weltkrieg an Barbarei zu verantworten war, ist in der Weltgeschichte letzten Endes unvergleichlich. Ein anderer Schriftsteller, der humanistisch orientierte und zweifellos keiner linken Weltanschauung „verdächtige“ Walter Bauer, hat nach 1945 Deutschland verlassen und ging nach Kanada – weil er hierzulande keine auch nur annähernde Aufarbeitung des Faschismus sah. In seiner späten Erzählung „Die Stimme. Geschichte einer Liebe“ heißt es: „Wenn ein Deutscher sagte, dass er ein Deutscher sei, öffnete sich etwas Dunkles. … ‚Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?‘ Wie mich das traf. Auch das glich einem Pfeil.“20

Die Nerven lagen blank in der Nachkriegszeit. Nach wie vor bemerkenswert: schon 1946 lautete das Motto: „Verdrängung“ – siehe etwa die Korrespondenz zwischen Luise Rinser und Hermann Hesse: Er schreibt in seinem „Brief an eine junge Deutsche“, wie sehr ihn das Selbstmitleid der Deutschen und das Sich-Vorbeistehlen an jeder Verantwortung anekle. Sie antwortet: „Es ist alles wahr, was Sie schreiben. Keiner will es gewesen sein, jeder will entnazifiziert werden.“21

Und wenige Jahre später schon erscheinen Remarques Romane über KZ und Wehrmachtverbrechen. Ein Beispiel von vielen möglichen, wie harsch die Reaktionen ausfielen: „Wir haben nicht auf Herrn Remarque gewartet! Wer es nicht erlebte, sollte besser darüber schweigen.“22 Remarque wird als „Emigrant in sicherem Port, lässiger Globetrotter und Freund berühmter Damen“ beschimpft, der in „penetrantem Broadway-Deutsch“23 einen KZ-Roman geschrieben habe, ohne im KZ gesessen zu haben. Dass der zitierte „Kritiker“ Remarques keine Aufklärung über Ursachen und Auswirkungen des Hitler-Faschismus und seiner Verbrechen will, sondern ausschließlich eine Rückkehr zum christlichen Glauben, ist spätestens nach einer kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirchen im NS-Staat unbegreiflich.

Die Hannoversche Landeskirche, u.a. ihr damaliger Bischof Hanns Lilje, verweigerte nach 1945 jede deutliche Kritik an der Wehrmacht.24 Und in der heutigen Zeit, in der kein vernünftiger Mensch das Wiedererstarken faschistischer Strömungen in unserem Land bestreiten kann – obwohl es immer wieder geschieht –, sollte auch daran erinnert werden, welche Hassausbrüche es nicht nur von Rechtsextremisten, sondern auch z.B. von der CDU/CSU gegen die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ gab. Der CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger verstieg sich zu der Äußerung, diese Ausstellung wolle „Deutschland ins Mark treffen“, sei Ausdruck von „Selbsthass“ und verwirre die Generation der Söhne und Enkel.25 Dies geschah 1997 – Jahrzehnte nach Kriegsende.

Es muss mit aller Klarheit gesagt werden: Remarques Bücher nach 1945 unterlagen in mehrfacher Hinsicht der Zensur. Die entsprechenden Belege in der Originalfassung von „Zeit zu leben …“ sind geradezu zahllos – und kein Ruhmesblatt für den Umgang mit Kritik nach 1945 in unserem Land.

 

Remarque – ein unverzichtbarer Autor für unsere Zeit

1962, als in Deutschland die Nazis und Kriegsverbrecher immer noch verschont blieben und unbehelligt leben durften, führte Heinz Liepmann, selbst zu den „verbrannten Schriftstellern“ gehörend, Autor des herausragenden Romans „Das Vaterland“, ein Interview mit Remarque. Der Befragte sagte u.a.: „Gerade weil ich dieses Land … liebe, muss ich aussprechen, dass man die schlimme Zeit nicht liquidieren kann, indem man die Verbrecher schont und ihre Verbrechen bagatellisiert.“27 Genau dies geschah weithin.

Bemerkenswert bleibt, dass Remarque mehr als viele andere konkrete Vorschläge für einen Neuanfang machte, und zwar bereits 1944. Hier sollen einige genannt werden28: umfangreiche und breit angelegte Dokumentationen über die NS-Zeit von 1933 bis 1939 und während des Krieges; „der Nazismus wäre in Deutschland nie erfolgreich gewesen ohne die typischen nationalen und militaristischen Zirkel.“29 Es muss freilich betont werden: Die Amerikaner haben sehr schnell genau diese Zirkel in ihre Politik einbezogen und somit Verbrechern und Massenmördern ein Forum geboten, trotz der so nötigen Nürnberger Prozesse.

Remarque war unter den Nazis ausgebürgert worden und sollte – ernsthaft! – einen Antrag auf Wiedereinbürgerung stellen. Es ehrt ihn, dass er es nicht tat. Aber gerade seine klare Bereitschaft, unbequeme Themen anzupacken, macht ihn unentbehrlich. Remarques Werk könnte ein bedeutsames Gegengewicht darstellen zu all den hasserfüllten Parolen von rechts, die unser Land schon wieder verseuchen.

 

Anmerkungen

1 Jürgen Lux: Mensch sein – menschlich bleiben. Lieder, Epigramme, Aphorismen, Gedanken. Hannover 2018, 35.

2 E.M. Remarque, Der Feind. Sämtliche Erzählungen zum Ersten Weltkrieg. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas F. Schneider. Köln 2014, 23.

3 A.a.O., 30.

4 Werner Schneyder, Erich Kästner. Ein brauchbarer Autor. München 1982, 64.

5 Zit. n. Andreas Drouve, Erich Kästner. Moralist mit doppeltem Boden. Marburg 1999, 89, Anm. 25.

6 Walter Bauer, Die notwendige Reise. Berlin 1932 (zit. n. der Rezension von Annette Kolb, Weltbühne Nummer 6, 7. Februar 1933, 226). – Bemerkenswert: diese Ausgabe erschien nach der „Machtergreifung“ Hitlers! Es war sicher mutig, aber eben auch zuerst noch möglich, sehr kritische Beiträge zu veröffentlichen. Wenige Wochen später gab es die „Weltbühne“ nicht mehr.

7 Herbert Koch, Was Christen nicht glauben. Von A bis Z. Stuttgart 2019.

8 Weltbühne Nr. 1, 3. Januar 1933, 38.

9 Zit. n. Hermann Budzislawski, Hugenberg, in: Weltbühne Nr. 8, 21. Februar 1933, 293.

10 E.M. Remarque, Schatten im Paradies. Roman. Stuttgart 1971, 337. Dieses nachgelassene Werk wurde nicht von Remarque veröffentlicht, sondern erschien nach seinem Tod. Er hat das Manuskript nicht für die Veröffentlichung freigegeben, sie geschah auf Initiative seiner Frau Paulette hin. Auch der Titel fand nicht sein Einverständnis.

11 E.M. Remarque, Liebe deinen Nächsten. Roman. München 1953, 285.

12 E.M. Remarque, Der schwarze Obelisk. Köln 1956, 218.

13 A.a.O., 217.

14 A.a.O., 542.

15 A.a.O., 200.

16 E.M. Remarque, Drei Kameraden. Köln 2019, 3. Aufl. (das später herausgenommene Kapitel im Anhang, 556-567, Zitat: 566).

17 A.a.O., 520.

18 Beispiele für diese Kritik finden sich viele in der Biographie Remarques von Wilhelm von Sternburg, Als wäre alles das letzte Mal. Erich Maria Remarque. Eine Biographie. Köln 2000. Dass der Kapitalismus, wenn es ihm geboten erscheint, zum Faschismus greift, haben zahllose Beispiele im 20. Jh. gezeigt – insofern ist diese Kritik aus der DDR durchaus verständlich. Unbestreitbar ist freilich, dass der Kommunismus auch unzählige Formen von Unterdrückung praktiziert hat.

19 E.M. Remarque, Zeit zu leben und Zeit zu sterben (Originalfassung). Köln 2018, 234.

20 Walter Bauer, Die Stimme. Geschichte einer Liebe. Düsseldorf 2014, 40f. Unbestreitbar: die Geschichte der Menschheit ist von Verbrechen der Mächtigen durchzogen. Aber die NS-Verbrechen sind letzten Endes etwas anderes als die Verbrechen Francos, Mussolinis, Stalins und in Kambodscha, Chile oder Argentinien.

21 Vaterland, Muttersprache. Deutsche Schriftsteller und ihr Staat von 1945 bis heute. Ein Nachlesebuch für die Oberstufe, zusammengestellt von Klaus Wagenbach, Winfried Stephan und Michael Krüger. Berlin 1979, 51-54.

22 Hans Zehrer am 19.10.1952, zit. n. Heinrich Grosse/Hans Otte/Joachim Perels, Neubeginn nach der NS-Herrschaft? Die hannoversche Landeskirche nach 1945. Hannover 2002, 179 (Anm. 40).

23 A.a.O., 180.

24 Siehe die Ausführungen in Grosse/Otte/Perels, Neubeginn (a.a.O.), 187ff.

25 Grosse/Otte/Perels, a.a.O. 187. Es darf daran erinnert werden: Frau Steinbach und Herr Gauland, um nur zwei Namen zu nennen, traten von der CDU zur AfD über. Der Rechtsextremismus hat hierzulande eine so lange und so umfassende Vorgeschichte, dass dies hier nur knapp angedeutet werden kann.

26 Jürgen Lux, a.a.O., 54 (Ansprache eines Soldaten an die Kriegstreiber).

27 Heinz Liepmann, Remarque und die Deutschen. Ein Gespräch mit Erich Maria Remarque (1962), in: Erich Maria Remarque. Ein militanter Pazifist. Texte und Interviews 1929-1966, hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Thomas Schneider. Köln 1994, 110-117 (hier: 115).

28 Praktische Erziehungsarbeit in Deutschland nach dem Krieg (1944), in: Ein militanter Pazifist, a.a.O., 66-83.

29 A.a.O., 71. Um den Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu sprengen, sei uneingeschränkt auf die gesamten Überlegungen Remarques hingewiesen, die wegweisend hätten sein können, wäre nicht schon frühzeitig jede Form von Verdrängung der Verbrechen erkennbar gewesen. Dass heute wieder Nazis in Scharen auftreten und eine Neonazi-Partei im Bundestag sitzt, war für Remarque außerhalb aller Möglichkeiten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Ulrich Tietze, 2002-2013 Gefängnispfarrer an der JVA Hannover, seit 2013 Krankenhausseelsorger; Veröffentlichungen: "Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug" (Hrsg.) (2011), "Stille - Weite - Wüste" (2013), Liederdichter von über 200 veröffentlichten Kirchenliedern, Autor eines Theaterstücks über den Tod ("Der ungebetene Gast"), zuletzt: Herausgabe eines Liederbuches für Trauernde.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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