Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat wohl kein Ereignis die evangelischen Kirchen in Deutschland umfassender beschäftigt und für ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung eine höhere Rolle gespielt als die gegenwärtige Corona-Pandemie. Aktuelle Studien und Lageberichte helfen, einen ersten analytischen Blick auf die Entwicklungen seit Anfang März 2020 zu gewinnen. Johannes Wischmeyer gibt einen Überblick.

Kirchliche Institutionen und ebenso Kirchenmitglieder haben auf vielen Ebenen deutlich wahrnehmbar auf die aktuelle Krisensituation reagiert. Im vergleichenden (Rück-)Blick lassen sich bereits bestimmte Trends erkennen. Es lohnt sich, sie aufmerksam wahrzunehmen. In vielen Bereichen wirkte die Krise wie ein Katalysator: Die sozial, emotional und organisationstechnisch herausfordernde Situation setzte alle gesellschaftlichen Systeme von der Familie über die Kommune bis zu den großen überregionalen Institutionen unter Druck. Was dort an Resilienz und Innovationspotential angelegt war, ließ manche Systeme in positiver Verfassung, unter Umständen sogar gestärkt, aus der Krise hervorgehen. Anderswo haben bereits langfristig angelegte strukturelle Defizite, Kommunikationsstörungen und aktuelle Friktionen zu Enttäuschung und Frustration geführt, weil vertraute Muster sich als brüchig erwiesen haben und erwartete Unterstützung ausblieb.

Diese Beobachtung gilt auch, auf allen Ebenen, für die Kirchen und ihre Institutionen. Selbstkritische Evaluation hilft, die wahrgenommenen Dynamiken einzuordnen. Bewertungen – was wurde als positiv, was als negativ erlebt? – sollten dabei sensibel registriert, aber nicht vorschnell übernommen werden. Kirchliches Handeln wurde während der Corona-Krise in den Sozialen Medien von einer Echtzeit-Dauerreflexion begleitet, die zuvor wohl noch niemals diese Größenordnung erreicht hat. Die Verfügbarkeit jeder beliebigen Meinung zu jedem Themenfeld macht es umso wichtiger, nüchtern und möglichst unvoreingenommen das begrenzte empirische Wissen zu präsentieren, das zur aktuellen Lage der evangelischen Kirche unter dem Eindruck der Pandemie verfügbar ist.

 

1. Vermeidung theologischer Krisendeutung – Verkündigungsmuster im kirchlichen Mainstream

Seit Beginn der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das öffentliche Leben in Deutschland stand der seelsorgerliche Zuspruch im Zentrum der öffentlichen Kommunikation kirchlicher Repräsentanten auf allen Ebenen. Die Versuche religiöser Sinngebung konzentrierten sich überwiegend auf das glaubende Subjekt mit seiner Erfahrung von Vereinsamung und Verlust der Handlungsmacht. Der Versuch, das Erlebte systematisch im Rahmen der dogmatischen Glaubensgrundsätze zu erklären, wurde demgegenüber deutlich seltener unternommen.1

Kulturprotestantische Belanglosigkeiten“?

Insbesondere aus dem lutherisch-konservativen Lager gab es daraufhin Vorwürfe, der offizielle Protestantismus ziehe sich auf „kulturprotestantische Belanglosigkeiten“ zurück, wenn lediglich der gemeinwohldienliche Verzicht auf alle Gemeinschaftsaktivitäten als kirchlicher Solidaritätsbeitrag in der Krise hervorgehoben würde.2 Mit dem Traditionsbestand lutherischer Theologie wäre die Pandemie als „Widerfahrnis“ der Ambivalenz des Gotteshandelns zu deuten, die subjektive Erfahrung des nicht ethisch qualifizierten Übels als Moment der „Anfechtung“.3 Die dialektischen Interpretationsmuster, mit denen lutherische Theologen in der Vergangenheit den alten Deutungskonflikt zwischen Allmacht und Güte Gottes eingehegt hatten, haben jedoch offenbar an Überzeugungskraft verloren. Stattdessen haben leitende evangelische Kirchenvertreter erklärt, die Pandemie sei dezidiert nicht als „Strafe Gottes“ zu betrachten.4 In Aufnahme der christozentrischen Theologie Karl Barths wird Gottes Rolle hier vielmehr als die eines der Menschheit in Schwachheit verbundenen liebenden Begleiters gesehen.5

Vertrauen versus Panik

Der Tenor der Verkündigung im evangelischen Mainstream zielte dementsprechend darauf, individuelle Ambiguitätstoleranz einzuüben, ein eher abstraktes Gemeinschafts- und Solidaritätsideal wachzuhalten, nicht aber, auf der kognitiven Ebene zur religiösen Kontingenzbewältigung beizutragen.6 Erste nicht repräsentative Untersuchungen der in der landeskirchlichen Onlineverkündigung verwendeten Predigtsprache weisen darauf hin, dass sich die Verkündigungssemantik im Verlauf der zehn Wochen des Lockdown deutlich beruhigte. Wortfelder wie „Panik“ und „Furcht“ traten in den Hintergrund. Insgesamt war in einem untersuchten Corpus von 450 Online-Video-Predigten die „Vertrauen“-Semantik doppelt so häufig vertreten wie die Semantik der „Krise“ – ein genaues Gegenbild zur Häufigkeit, mit der diese Begriffe in den Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verwendet wurden.7

Im evangelikalen Spektrum wurde der apokalyptische Deutungsansatz unbefangener gehandhabt. Eine extreme Deutung, die die Pandemie in den Ablauf der Endzeitereignisse einzuordnen versucht, wurde aber ganz überwiegend, auch von mehreren Freikirchen, zurückgewiesen. Es mag sein, dass das verantwortungsvolle Auftreten in dieser Frage auch auf die Erfahrung zurückzuführen ist, dass sich evangelikal-charismatische Gebetstreffen und Gottesdienste als „Super-Spreading“-Ereignisse erwiesen haben.8

 

2. Institutionelle Selbstthematisierung und Innovation – Religiöse Praxis und begleitende Diskurse während der Krise

Im Zuge der behördlichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens erfuhren die Kirchen eine beispiellose Aussetzung ihrer gruppenbezogenen Aktivitäten. Obgleich der gesamte, überaus weite Kreis sozialer Zusammenkünfte betroffen war und teilweise nach wie vor ist, stand zunächst vor allem der erzwungene Verzicht auf den in gemeinsamer physischer Präsenz gefeierten Gottesdienst im Blickpunkt. Aufbauend auf der – lokal und regional sehr unterschiedlich hohen – digitalen Kompetenz, die kirchliche Institutionen in den vergangenen zwei Dekaden erworben haben, kam es unter dem Eindruck der Krise auf dem Feld der Verkündigung zu einem regelrechten „Digitalisierungsschub“, also zu einem Engagement in Sachen digitaler Verkündigungsangebote, das nach Selbsteinschätzung der Anbieter über die Krisendauer hinausreichen soll.9

Digitalisierungsschub

Die hier aktiv gewordenen Kirchengemeinden konnten die Teilnehmerzahl bei digitalen Gottesdiensten gegenüber dem klassischen Sonntagsgottesdienst im Durchschnitt um mehr als das Dreifache steigern. Der Trend geht klar von textgebundenen Inhalten zu audiovisuellen Formaten auf einer Vielzahl sozialer Plattformen, vor allem auf Youtube. Zwar kam der Anstoß zu diesen Angeboten mehrheitlich von der zuständigen Pfarrerin oder dem Pfarrer, die eher zeit- als kostenintensive Umsetzung wurde jedoch beinahe immer als Teamwork gemeinsam mit Ehrenamtlichen realisiert. Hier ergeben sich Anknüpfungsmöglichkeiten gegenüber einer Generation, die ihre Bereitschaft zu ehrenamtlicher Tätigkeit mit der Forderung nach einer partizipatorischen Ausgestaltung sowie zeitlich und inhaltlich selektivem Engagement verknüpft.10

In der Kar- und Osterzeit erfuhren auch die klassischen bundesweiten und überregionalen Fernsehgottesdienste im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen und Radio viel höheren Zuspruch als sonst. Neue Akzente gab es aber vor allem durch die plötzliche Vielfalt lokaler Angebote, von einer Flexibilisierung der Liturgien über interaktive Experimente bis zu digitalen Formen des Abendmahls, die in der Karwoche 2020 zwar nicht mehrheitlich, jedoch zum ersten Mal in Deutschland in einer nennenswerten Anzahl landeskirchlicher Gemeinden in die Praxis umgesetzt wurden.

Pfarrer als Liturgen werden sich künftig vom Anliegen herausgefordert sehen, vermehrt hybride Gottesdienstformate anzubieten. Gleichzeitig wächst bei ihnen das Bewusstsein, dass digitale Gottesdienstangebote das Feld der Verkündigung deutlich marktförmiger gestalten und zum Vergleichen der individuellen liturgisch-theologischen Performanz einladen.11 Insgesamt haben nur 21,1% der Evangelischen den Gottesdienstbesuch in der Kar- und Osterzeit vermisst.12 Es bleibt zu klären, inwieweit die digitalen Verkündigungsangebote diesem Bedürfnis zumindest teilweise entgegenkamen und ob sie auch über die Gruppe der kirchlich Verbundenen hinaus eine nennenswerte Rezeption erfuhren.13

Kampagnenfähigkeit

Auch in den Bereich der nichtdigitalen Verkündigung investierten Amtsträger viel Kreativität. Symbolische Gemeinschaftsaktionen wie etwa die Initiative zum „Balkonsingen“ konnten in den Wochen des Lockdown eine gewisse Breitenwirksamkeit entfalten. Sie dokumentieren Möglichkeiten und Grenzen der Kampagnenfähigkeit einer Kirche, die darauf zielt, in Zukunft weniger als Organisation und vermehrt als soziale Bewegung wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig wurde der institutionelle Charakter der Kirche in der Krise deutlich bestärkt: Die enge Abstimmung mit den staatlichen Behörden und die akribische Umsetzung der Regelungen auf allen Ebenen führten dazu, dass ein Großteil der kirchlichen Amtsträger der Krise professionell, d.h. vor allem im Medium der Planung und Kontrolle begegneten.

Für genuin religiöse Reaktionsmuster über den Bereich der öffentlichen Verkündigung hinaus fehlten häufig Aufmerksamkeit und Anreize. Das steht im Einklang mit Ergebnissen, die zeigen, dass die Bevölkerung angesichts der Krise den religiösen Ressourcen mehrheitlich keine hohe Bedeutung beimisst. Auch nur 30,7% der befragten Evangelischen sahen in der Osterzeit 2020 den eigenen Glauben oder die eigene Spiritualität als Hilfe in der aktuellen Situation. Der Wert ist zwar leicht höher als derjenige der befragten Katholiken, er unterscheidet sich aber nur unwesentlich vom Bevölkerungsquerschnitt (26,9%).14 Diese Werte sind unter dem aktuellen Eindruck der Lockerungen weiter zurückgegangen, und zwar in einem deutlich stärkeren Maße als im Bevölkerungsquerschnitt.15Eine aktuelle Analyse aus Österreich – aufgrund der Konfessionsstruktur nur eingeschränkt vergleichbar – zeigt einen geradezu dramatischen Rückgang der allgemeinen Religiosität in der dortigen Bevölkerung: Unter dem aktuellen Eindruck der Pandemie halten dort 68% Religion und Kirche für nicht wichtig; 41% geben an, „nie“ zu beten.16

Emotionale Rahmenbedingungen

Bisher hat die Krise in Deutschland nicht zu einer dauerhaften Veränderung der allgemeinen emotionalen Rahmenbedingungen geführt, auf die im Medium der Religion deutlicher zu reagieren wäre. Bereits im Verlauf des Lockdown ist das Angstempfinden in der Bevölkerung wieder deutlich zurückgegangen; die entsprechenden Indikatoren folgen weiter einem Ab­wärts­trend.17 Gut zwei Dritteln der Bevölkerung fehlte während des Lockdown die familiäre Nähe, besonders während der Osterfeiertage. Unter den befragten Evangelischen war dieser Anteil nochmals um 8% höher.18 Nach dem gegenwärtigen Stand handelt es sich dabei aber um episodische Trübungen. Daten aus Österreich zeigen, dass religiöse Menschen die Krisensituation insgesamt aktiver, problemorientierter und gemeinschaftsorientierter bewältigen als nichtreligiöse. Was die verschiedenen Generationen dennoch durch die Pandemie langfristig an Traumatisierungen, sozialen Ängsten und Kontrollverlust erfahren werden, bleibt eine Herausforderung für die künftige seelsorgerliche Wahrnehmung.19

Pfarrberufliches Anforderungsprofil

Durch die starke Einschränkung ihres sozialen Bewegungsfelds fühlten hauptamtliche Kirchenvertreter ihr berufliches Selbstverständnis abrupt infrage gestellt. Personen in kirchlichen Leitungsfunktionen sind durchaus in Krisenreaktionen eingeübt, hatten bisher jedoch offenbar sehr wenig Erfahrung damit gesammelt, wie diese Reaktionen unter der Bedingung physischer Abwesenheit und persönlicher Distanz zu leisten sind. Häufig halten Befragte als Lernerfahrung fest, dass die Krise Tendenzen und Effekte verstärkt hat, die bereits zuvor virulent waren. Das betrifft z.B. die lokal sehr unterschiedlich ausgeprägte soziale Stabilität der Kirchengemeinden.

Die Kirchengemeinde als Institution stellt gleichzeitig ein Ensemble von Personbeziehungen dar. In Krisenzeiten steigen die Erwartungen von Mitgliedern und Sympathisanten an kraftvolles und transparentes Leitungshandeln. Auf der Basis interner Auswertungsgespräche lässt sich folgern, dass bis zu 30% des verantwortlichen Pfarrpersonals sich von der Krise überfordert fühlten und zu keiner Reaktion in der Lage waren.

Die beruflich Mitarbeitenden empfanden es zwar überwiegend als entlastend, dass sich kirchliche Arbeitgeber in der Krise als institutionell stabil erwiesen haben. Nicht nur vereinzelte Fälle von Kurzarbeit auch im kirchlichen Bereich haben aber Zukunftsängste der kirchlichen Angestellten als ein neues Thema auf die Agenda gebracht.20

Systemrelevanz“ von Kirche

Die krisenhafte Selbstwahrnehmung der Kirche als Institution wurde bald zum Thema eines engmaschigen publizistischen und medialen Diskurses. Immer noch wird auf vielen Themenfeldern die Rolle verhandelt, die die Kirchen in der Krise einnehmen sollten. Dabei sind die Argumentationsmuster überwiegend identisch, gleich ob eher die evangelische oder die katholische Kirche im Blick ist. Die Selbstthematisierung erhielt zumindest vorübergehend einen Fokus in der Frage nach der „Systemrelevanz“ von Kirche. Sie wurde überwiegend im Sinne einer pragmatischen Selbstbescheidung und der Konzentration auf die unmittelbar angewiesenen Aufgaben beantwortet. Vorsichtig lässt sich folgern, dass die jüngere und auch die mittlere, allmählich in den Leitungsämtern angelangte Generation die Grenzen der institutionellen Wirksamkeit der kirchlichen Institutionen für die Gesamtgesellschaft wahrnehmen.21

Nur auf einem Feld wird im kirchlichen Mainstream ein deutliches Unbehagen an den politisch durchgesetzten und von den Kirchenverwaltungen meist rasch exekutierten Einschränkungen laut: Dass auch die kirchliche Seelsorge durch die Kontakt- und Zugangsbeschränkungen auf vielen Feldern zum Erliegen kam, wurde oft als ungerechtfertigt empfunden. Das spricht für die inzwischen hochgradig professionalisierte Eigenwahrnehmung dieses kirchlichen Handlungsfelds, aus dem heraus schnell Strategien zum Umgang mit der Lockdown-Situation entwickelt wurden.22

In der Sicht der engagierten Mitglieder wird die Frage nach der Systemrelevanz von Kirche indessen überwiegend positiv beantwortet: Zwei Drittel der Personen, die eine hohe Verbundenheit mit der Kirche aufweisen, nahmen den kirchlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Krisenbewältigung positiv wahr.23 Die Logik funktioniert womöglich deutlicher in umgekehrter Richtung: Längst haben Planungen begonnen, die unter dem kirchlich bewährten Motto „Krise als Chance“ die aktuellen Erfahrungen für Strukturreformen, organisatorische Flexibilisierung, neue thematische Prioritäten und den Rückgewinn spontaner Handlungsmöglichkeiten in einer bürokratisierten Kirche nutzen möchten.24

Noch fehlen Analysen zu diakonischen Initiativen der Kirchengemeinden. Obgleich diese diakonisches Handeln häufig zu ihren zentralen Funktionen zählen, ist hier wohl nicht mit einem ähnlichen Anstieg von Kreativität und Aufmerksamkeit zu rechnen wie im Verkündigungsbereich – die professionellen diakonischen Träger arbeiteten im Hintergrund geräuschlos und professionell weiter, so dass hier ein zusätzlicher Bedarf in engen Grenzen blieb.25

 

3. Ausblick: „Neue Normalität“ als Herausforderung

Für die Kirchen ergibt sich eine doppelte Herausforderung: Es gilt, unter teilweise bleibend veränderten oder prekären Bedingungen so viel Normalität wie möglich herzustellen. Gleichzeitig sollte von Anfang an ehrlich ausgesprochen werden, dass es sich stets um eine „neue Normalität“ handeln wird. Das gilt nicht nur mit Blick auf die Möglichkeit, dass sich die aktuelle Ansteckungssituation wieder verschärft. Die Rahmenbedingungen haben sich infolge der Krise bereits grundsätzlich verändert, was gestaltende Eingriffe in zentrale kirchliche Handlungsfelder verlangt – möglichst ohne Zeitverzug. Drei Aspekte stehen hier im Vordergrund: 1. neu geweckte Erwartungen durch den Digitalisierungsschub, ebenso die Erfahrung der Unterbrechung von Routinen und kreativer Spielräume während des Lockdown; 2. zumindest mittelfristig andauernde Restriktionen durch Abstandsregelungen und Hygienevorschriften sowie 3. eine rascher als erwartet negative Einnahmenentwicklung mit entsprechendem Druck auf die Haushalte.

Jede kirchliche Institution wird die notwendigen Entscheidungen an den eigenen Erfahrungen ausrichten und dabei auch auf Übereinstimmung mit den längerfristig laufenden Reformprozessen achten. In vielem gleichen sich aber Herausforderungen deutschlandweit. Die empirische Sicht legt einige allgemeine Prioritäten nahe, die trotz wiederkehrender Alltagszwänge und sich abzeichnender finanzieller Schwierigkeiten obenauf bleiben sollten:

1. Die Präsenz im digitalen Raum sollte nicht wieder zur Disposition gestellt werden. Zwar ist noch nicht erwiesen, dass davon eine große Ausstrahlung auf Kirchenferne ausgeht. Klar ist aber, dass die Hochverbundenen quer durch alle Generationen den digitalen Raum immer intensiver nutzen und dass hier neue Formen der Integration und Identifikation mit gelebtem Glauben möglich werden, die hohen Wert an sich haben und unverzichtbare Kontaktflächen bieten. Kirchengemeinden sind technisch oft überraschend gut ausgestattet. Was gewährleistet werden muss, sind zeitliche Freiräume für die Mitarbeitenden. Investitionen in digitale Anwendungen für Gemeinden und in Plattformen, die für kollaborative Events der Digitalen Kirche nutzbar sind, lohnen sich.

2. Es bestehen konkrete Erwartungen, was die Flexibilisierung von Liturgie und Gottesdienstordnungen betrifft. Der Verlusterfahrung, dass der gemeinsame Gemeindegesang im Gottesdienst prekär geworden ist, muss mit neuen Formen begegnet werden. Das stellt eine Herausforderung an die Weiterbildung aller an der musikalischen Verkündigung Beteiligten dar.

3. Der Pfarrerschaft hat die Krise vor Augen geführt, wie wenig erstrebenswert die Aufgabenüberlastung und die inhaltliche Verzettelung ihres Berufsalltags sind. Ein höheres Maß an kreativem Freiraum sollte in der Amtsstruktur verankert werden. Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen jetzt außerdem besonders viel Zeit für Seelsorge und Beziehungspflege, auch um in der Krise abgerissene Verbindungen zu erneuern. Es werden neue Modelle für eine Sitzungskultur benötigt, die weniger zeitintensiv ist und digitale Kollaborationsmöglichkeiten nutzt.

4. Offen und ohne theologische Scheuklappen sollte diskutiert werden, warum die Gesellschaft in einer schweren Krise insgesamt so wenig Zuflucht und Ermutigung in der Botschaft des Evangeliums findet. Dabei sollte die innere Pluralität, die evangelische Kirche und Frömmigkeit traditionell prägen, als Gewinn aufgefasst werden. Es sollte auch die in der aktuellen Krise bewiesene Leistung des kirchlich verbundenen evangelikalen Spektrums gewürdigt werden, gegenüber extremen Deutungen die theologisch notwendigen roten Linien zu ziehen.

Welche Herausforderungen die (Post-)Corona-Situation für Kirche und Religion mit sich bringt, bleibt auf unabsehbare Zeit eine offene Fragestellung. Zahlreiche weitere Studien und Analysen sind angekündigt. Aus Sicht der EKD liegt es derzeit nahe, vor allem drei Themenfelder in dieser Hinsicht näher zu beleuchten: a. Eine umfassende theologische Diskussion zum Thema „Digitales Abendmahl“, unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher und medientheoretischer Perspektiven, sollte zügig beginnen. b. Mit Blick auf die kirchentheoretische und kybernetische Diskussion erscheint es sinnvoll, der Frage nachzugehen, wie sich unterschiedliche Leitungsstile in der Krise bewährt haben. c. Schließlich sollte das Zusammenspiel von Kirche und Diakonie in der Krise evaluiert werden, um daraus für künftige Notsituationen zu lernen.

Ebenso bedeutsam wie die Frage, wo und wie die Kirchen reagiert haben, bleibt bei alldem die komplementäre Wahrnehmung: Wo blieben (erwartete oder erwartbare) Reaktionen aus? Was können Kirchen in der aktuellen gesellschaftlichen Situation nicht (mehr) leisten? Es geht nicht darum, die Krise positiv zu instrumentalisieren. Aber eine realistische Beantwortung dieser Frage kann dabei helfen, die Selbstwahrnehmung neu zu justieren und dadurch freie Kapazitäten für die tatsächlichen Herausforderungen des Tages zu gewinnen.

 

Anmerkungen

1 Mareile Lasogga, Verkündigung in der Corona-Krise (unveröff.).

2 Hartmut Löwe, Das Schweigen der Bischöfe, FAZ vom 16.05.2020 (online: https://www.faz.net/aktuell/politik/warum-schweigen-die-evangelischen-bischoefe-zu-corona-16771983.html).

3 Mareile Lasogga, Theologische Überlegungen zur Corona-Krise (unveröff.).

4 Reinhard Bingener, Welchen Anteil hat Gott am Übel in der Welt?, in: FAZ vom 11.06.2020.

5 Günter Thomas, Gott ist zielstrebig. Theologie im Schatten der Corona-Krise: https://zeitzeichen.net/node/8206.

6 Lasogga, Verkündigung.

7 Thomas Renkert, Projekt #coronatextmining (Twitter; ein Forschungsvorhaben ist in Vorbereitung).

8 Vgl. näher: Johannes Wischmeyer, Umgang der Religionen mit der Corona-Krise: Evangelische Kirchen und ihr Umfeld: https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/schwerpunkte/epidemien/04_thema_verschwoerung.html.

9 Daniel Hörsch, Digitale Verkündigungsformate während der Corona-Krise. Eine Ad-hoc-Studie im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (2020) (Download: https://www.mi-di.de/materialien/digitale-verkuendigungsformate-waehrend-der-corona-krise).

10 Juliane Fischer/Yvonne Renner, Glauben heute leben – und was dabei „gemeinsam“ bedeutet. Analyse des Kirchenbildes im Hackathon #glaubengemeinsam (unveröff.).

11 https://gottdigital.de/wp-content/uploads/2020/05/GOTTDIGITAL_Pr%C3%A4sentation_Was-nun-Kirche_ErgebnisseUmfrage.pdf.

12 Signifikant höher lag der Wert bei Katholiken (29%); der Durchschnittswert in der Gesamtbevölkerung betrug 20,4%: COSMO (https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/archiv/07-02/cosmo-analysis.html).

13 Aktuell läuft folgende nutzerorientierte Studie mehrerer Landeskirchen: Rezipiententypologie evangelischer Online-Gottesdienstbesucherinnen und -besucher während und nach der Corona-Krise (online: https://forms.office.com/Pages/ResponsePage.aspx?id=b35kt979q0yh1pZ8WIypmkvgGu2HLTVOjoN_64ZOIAFUNkVHVVZRRERUOUVBNlYwTkJYNjhPNTk2OC4u). – Die COSMO-Langzeitstudie (s.u.) sieht derzeit kaum Hinweise, dass durch kirchliche Aktivitäten Personen erreicht wurden, die bisher Kirche und Religion fernstanden (https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/cosmo-analysis.html#14_religiosität).

14 Sozialwissenschaftliches Institut der EKD (SI-EKD), COSMO-Befragungsergebnisse zu Ostern: https://www.siekd.de/beitrag-der-kirche-in-corona-zeiten-cosmo-befragungsergebnisse-zu-ostern/.

15 Vergleich der Werte vom 14.04. und vom 23.06.2020: https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/cosmo-analysis.html#14_religiosität.

16 https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog-53-religiositaet-in-zeiten-der-corona-krise.

17 https://www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/Corona_Studie/Schwerpunktbericht_Angstempfinden_Mannheimer_Corona_Studie.pdf.

18 SI-EKD, COSMO-Befragungsergebnisse.

19 Erste Ergebnisse lässt die bisher unveröffentlichte Erhebung des European Research Institute for Chaplains in Healthcare erwarten.

20 EKBO, Deutung der Corona-Krise (unveröff.).

21 EKD, Resonanzanalyse für das Zukunftsforum (unveröff.).

22 Bianca van der Heyden/Harald Karutz, Kirchliches Engagement in Zeiten von COVID-19. Überlegungen aus Sicht der Psychosozialen Notfallversorgung (unveröff.).

23 65,3% der Hochverbundenen insgesamt und 68,5% der evangelischen Hochverbundenen: Beitrag der Kirche in Corona-Zeiten – COSMO. Diese Zustimmung hat sich aktuell erhalten, der Wert unter den evangelischen Hochverbundenen ist sogar leicht gestiegen, während er bei katholischen leicht gefallen ist (s. Anm.14).

24 Etwa die prozess- und innovationsorientierte Auswertung der EKBO: EKBO, Deutung.

25 Aufschlüsse und Handlungsempfehlungen auf diesem Feld soll ein von der Diakonie Deutschland und MiDi gemeinsam geplanter iterativer und prospektiver Innovationsprozess geben: Die Bedeutung der Sinnfrage in der Corona-Krise: Neue Aufgaben für Kirche und Diakonie (unveröff.).

Über die Autorin / den Autor:

OKR Dr. Johannes Wischmeyer, Pfarrer der Württ. Landeskirche, seit Februar 2020 im Kirchenamt der EKD zuständig für empirische Studien und Zukunftsplanung/Reformthemen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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